[40K, Aeldari, Drukhari] Ad bestias

  • Kapitel I



    Der scharfe Blick des Weltenwanderers durchmaß das Rund der Versammlungshalle. Die IstuKarun hatten sich eingefunden, Ausgestoßene, die, der Pfade überdrüssig, ihr Weltenschiff verlassen hatten. Ob auch nur einer von ihnen sich hatte träumen lassen, was sie da draußen, in der vermeintlichen Freiheit des weiten Sternenmeeres, wirklich erwartete? Immerhin, bisher hatten sie überlebt, und sie waren hierhergekommen. Das machte sie zu den besten unter ihresgleichen. Wenn Zar Asuryan rief, kehrten seine Ranger zurück.


    Mehrere hundert saßen auf den aufsteigenden Stufenrängen der Halle. Manche plauderten oder begrüßten lang nicht mehr gesehen Gefährten. Sicherlich prahlten auch einige mit ihren Abenteuern. Aber keine noch so fantasievoll ausgeschmückte Geschichte konnte heranreichen an die Fährnisse, die einen Wanderer tatsächlich auf dem Pfad des Ausgestoßenen erwarteten.


    Firondhir und Illurayon hatten wahrscheinlich schon mehr erlebt als all die jungen Aeldari hier zusammen. Aber die Reise, die ihnen jetzt bevorstand, sollte alles Bisherige in den Schatten stellen. Mehr allerdings wusste Firondhir auch nicht. AreIdain Eathalvaën hatte nichts mehr als vage Andeutungen gemacht, als er sie zu sich gebeten hatte. Die Zukunft des Weltenschiffes Zar Asuryan würde eine neue Wendung nehmen, zum Guten oder zum Schlechten. Das hinge nun von ihnen ab.


    Aber war es nicht immer so, wenn die Runenpropheten die Ranger heimriefen und den Kriegsrat sich versammeln ließen? Allerdings, Autarchen und Exarchen waren hier und heute nicht anwesend. Und auch von der anhaltenden Spannung, die das Bewusstsein eines Weltenschiffes durchströmte, wenn der Avatar Kaela Mensha Khaines seine Kräfte sammelte, war nichts zu spüren. Krieg stand nicht bevor. Nicht für die Bewohner des Weltenschiffes, nicht für die Aspektkrieger der Schreine der Asurya. Eine Aufgabe für die Ranger lag an. Heimliche Suche, stille Jagd.


    Illurayon war der Vorausschauendere von ihnen beiden, und mehr als das. Seit sie sich kannten, hatte er stets so etwas wie die Führungsrolle übernommen. Und wohl deshalb war er es nun auch, den Eathalvaën zu einem vertraulichen Gespräch zu sich gebeten hatte. Aber sein Weggefährte hatte ihm noch nie etwas verheimlicht. Deshalb machte sich Firondhir darüber keine großen Sorgen.



    Eathalvaën wandelte über die verschlungenen Wege des weitläufigen Parks unter der Kuppel der Seher. Der regelmäßige Lichtwechsel in den Biodomen des Weltenschiffes hatte grade die Hälfte der Dunkelphase überschritten. Auf einem Planten hätte man die Zeit wohl Mitternacht genannt. Das Fehlen des Tageslichts erlaubte den Blick auf die Sterne, deren weiß glänzende Lichtspitzen die hauchdünne, klare Kristallhaut der Kuppel durchdrangen. In der tiefblauen Dämmerung hatten zahlreiche Nachtblumen ihre großen, goldenen und purpurroten Kelche geöffnet und verströmten einen schweren, angenehmen Duft. Nächtliche Falter, samtviolett und groß wie Singvögel, gaukelten von einer Blüte zur anderen. Heimchen zirpten leise ihr Nachtkonzert. Irgendwo hinter diesem Gemälde der Sinne war für den empfindsamen Geist ein sphärischer Klang zu vernehmen, eine lautlose, auf und abschwellende Melodie wie das Rauschen des Meeres, ein Meer aus Sternen, das die weit verstreuten Inseln des Lebens der Aeldari trennte und zugleich miteinander verband. Nächte in den Gärten eines Weltenschiffes hatten ihre ganz eigene Magie.


    Neben dem Runenpropheten schritt schweigend eine selbst für einen Aeldari hochgewachsene Gestalt in einem langen, schwarzen Mantel. So bedacht und kontrolliert waren seine Bewegungen, dass man ihn in der Dunkelheit erst auf den zweiten Blick wahrnahm.


    „Hörst du das Meeresrauschen?“ fragte Eathalvaën.


    „Es sind nur die sanften Wellen, die unsere Küsten umspielen“, antwortete der Weltenwanderer. „Die wilde See liegt woanders, und mögen sich ihre Wellen nie an unseren Mauern brechen. Ich habe mich schon lange nicht mehr dort hinausbegeben.“


    „Das Sternenmeer wird diesmal nicht euer Weg und euer Ziel sein, Illurayon.“


    „Ihr wisst Eathalvaën, welchen Weg auch immer einzuschlagen Ihr mich bittet, ich werde ihn beschreiten.“


    „Diesmal wage ich nicht, dich zu bitten. Auch Firondhir nicht. Keinen von euch. Ich werden euch eröffnen, was die Runen mir eröffnet haben, und dann mag jeder selbst entscheiden, ob er bereit ist, an jenen Ort zu gehen, den kein Wesen betritt, ohne von seinen Bewohnern dorthin gezerrt worden zu sein.“


    Illurayon schwieg kurz. Diese rätselhafte Art zu sprechen zeichnete Runenpropheten mitunter aus, mochte es nun sein, dass sie selbst den Runen keine klareren Begriffe hatten entlocken können, sei es, weil sie das, was sie gesehen hatten, nicht auszusprechen wagten. Doch Illurayon kannte den Ersten Runenpropheten von Zar Asuryan schon sein halbes Leben lange. Eathalvaën sprach offen, offener als es dem Rat der Propheten zuweilen recht war. Wenn er solche Formulierungen gebrauchte, dann nicht, weil er das fürchtete, was er nicht beim Namen nennen wollte. Er fürchtete um den, zu dem er sprach. Eine leichte Beklemmung beschlich den Weltenwanderer, denn er wusste die dunkle Rede wohl zu deuten.


    „Eathalvaën, sprecht nicht in Rätseln zu mir, zumal ich einen Teil ohnehin schon erraten habe.“


    Der Runenprophet lächelte.


    „Deiner Gabe entzieht sich wenig, Illurayon. Deswegen fällt es mir umso schwerer, dich auszusenden, denn sie ist der vornehmliche Grund, dass du der Einzige bist, der diese Mission zum Erfolg führen kann.“


    „Was ich weiß und was ich kann, habt Ihr mich gelehrt. ArdIdainn, Ihr sendet uns in die Dunkle Stadt, nach Commorragh.“


    Der Runenprophet hielt in seinen Schritten inne, wandte sich dem Weltenwanderer zu und sah ihn an. Illurayon schrak zurück vor dem Blick in seinen grüngrauen Augen. Zehntausend Jahre, die man Eathalvaën sonst nicht ansah, lagen auf seinem Gesicht. Aus dem Blick allein, ohne dass Eathalvaën ein Wort hätte sprechen müssen, wusste Illurayon, was ihm auf der Seele lastete: ‚Du wirst nicht zurückkehren.‘


    Sein Inneres schnürte sich zusammen. Das Leben eines Weltenwanderers war niemals sicher. Er hatte sich dafür entschieden, in dem Augenblick, da er den Pfad der Aeldari verlassen hatte. Aber der Tod war ein Risiko, das man mit Geschick und Vorsicht meiden konnte. Und Firondhir und er, sie waren sehr gut darin – bisher.


    Eathalvaën richtete seinen Blick zu den Sternen auf. Wie oft in den letzten Jahrhunderten hatte er schon dem Jungen König diese Botschaft überbracht. Selten, im Vergleich zu anderen Weltenschiffen, und doch viel zu oft. Doch Illurayon war kein Exarch, der dafür lebte, sich selbst im Dienst seines Gottes aufzugeben. Er hatte sich für die Freiheit des Sternenmeeres entschieden. Nur wenige Schritte davon entfernt, sich in der ewigen Verdammnis zu verlieren, hatte Eathalvaën sich seiner angenommen. Auf dem Pfad des Sehers hatte auch er ihn nicht halten können, doch hatte er ihn gelehrt, seine Begabung unter Kontrolle zu halten.


    Wofür?


    „Ihr sagtet, Ihr würdet mich nicht bitten“, hörte er den Weltenwanderer sagen. Seine Stimme, wie vom anderen Ende des Universums hinüberdringend, war gefasst, doch ließ die Furcht in ihr sich nicht verbergen. „Aber es muss einen Grund geben, warum Ihr grade an mich herangetreten seid.“


    Eathalvaën sah ihn wieder an.


    „Ohne dich wird die Reise fehlgehen. Keine Vision, die ich je hatte, war klarer, gleich welche Pfade der Zukunft ich verfolgt habe.“


    Illurayon holte tief Luft.


    „Ihr wollt mich nicht bitten. Aber eine Wahl bleibt mir trotzdem nicht.“


    „Du kannst fortgehen“, entgegnete der Runenprophet.


    „Und nie mehr zurückkehren. Weil es nichts zum Zurückkehren geben wird. Eine Ewigkeit durch die Sterne zu wandern ohne eine Heimat, um beizeiten Ruhe zu finden. AreIdain, ich weiß, dass Euch nichts mehr bedeutet als das Weiterbestehen Zar Asuryans.“


    Eathalvaën sah einen Sekundenbruchteil zur Seite. „In einem irrst du.“


    Eine Weile gingen die beiden schweigend weiter, bis schließlich die gewaltige Kuppel der Halle der Seher sich bläulich schimmernd gegen den Sternenhimmel erhob.


    Bevor sie eintraten, blieb Eathalvaën noch einmal stehen.


    „Du fürchtest dich, Illurayon. Vor der Entscheidung, und vor den Folgen, die sie nach sich ziehen wird, gleich wofür du dich entschließt.“


    „Es existiert wirklich keine Möglichkeit, die Dinge in eine andere Richtung zu lenken?“


    Eathalvaën lachte leise.


    „Ich gebe zu, auch ich bin nicht allwissend und unfehlbar. Und zeigt sich auch nur die kleinste Hoffnung, so ergreife sie und halte sie fest. Vielleicht findest du einen Weg, den ich übersehen habe. Doch bitte ich dich: Wenn du die Tore der großen Halle durchschreitest, habe deine Entscheidung getroffen.“

  • Mondschatten

    Hat den Titel des Themas von „[40K] Ad Bestias“ zu „[40K] Ad bestias“ geändert.
  • Firondhir sah auf. Ein hoher, schmaler Bogen ausgefüllt mit weißem Licht tat sich auf, als die ornamentverzierten Türflügel der Großen Halle sich langsam auseinanderschoben. Zwei dunkle Figuren lösten sich aus der Helligkeit. Illurayon trat ein, gefolgt vom Ersten Runenpropheten Zar Asuryans. Ein seltsames Gefühl beschlich ihn beim Anblick seines Freundes, er konnte es nicht genau einordnen. Irgendetwas Bedrückendes war an ihm, an seiner Bewegung, auch wenn sein Gesicht so ruhig und gefasst wie immer war. Kaum bemerkte er, wie es um ihn her mit jedem Augenblick ruhiger wurde und sich immer mehr Augenpaare erwartungsvoll auf die Eintretenden richteten.


    Lautlos huschte Illurayon durch das dämmrige Dunkel zu den Rängen und setzte sich neben Firondhir. Der sah ihn erwartungsvoll an, doch Illurayon bedeutete ihm, nicht zu sprechen und wies in Richtung des Runenpropheten.


    Eathalvaën schritt durch den Saal, groß und aufrecht. Seine feingliedrige linke Hand umschloss seinen Runenstab, ruhend, kraftvoll trotz seines hohen Alters, eher als hielte er eine Waffe denn eine Stütze. Er blieb in dem goldenen Lichtstrahl in der Mitte der Halle stehen. Der mitternachtsblaue Sehermantel fiel in schweren, samtenen Falten von seinen Schultern bis auf den Mosaikboden. Silberne Runen glänzten auf dem morgenhimmelblauen Kragen. Das silbergrau durchzogene Haar teilweise zu einem Knoten aufgesteckt, teilweise lang und offen über den Rücken fallend, die feinen, ebenmäßigen Gesichtszügen voll ruhigem Erst, ließ er seinen Blick durch die Runde schweifen.


    „IstuKarun“, hob er an zu sprechen. Seine helle Stimme, wenngleich nicht übermäßig laut, erfüllte die gesamte Halle. „Angereist, heimgekehrt, dem Ruf gefolgt aus den entferntesten Winkeln der Galaxie. Nicht ohne Grund habe ich euch herkommen lassen.“


    Er konnte die ungeteilte Aufmerksamkeit aller seiner Zuhörer spüren: Neugier, Abenteuerlust, Aufregung, auch Sorge und Unsicherheit bei einigen, alle nur erdenklichen Farben von Gefühlen der Erwartung. Doch ein dunkler Flecken unheilvoller Gewissheit trübte das Bild wie die Leere eines schwarzen Sterns. Einen kurzen Moment schwieg er und versuchte, seinen Geist vor diesen Empfindungen zu verschließen, bevor er weitersprechen konnte.


    „Schon oft habt ihr euren Teil dazu beigetragen, Bedrohungen von Zar Asuryan abzuhalten. Wie oft habt ihr euch wohl wissend in größte Gefahren begeben, um ein dunkles Schicksal von Zar Asuryans abzuwenden?“


    Auch wenn Eathalvaën es im Halbdunkel der Halle kaum sehen konnte, so spürte er doch: Kein Gesicht, dass nicht von tiefstem Ernst, keine Seele, die nicht von höchster Entschlossenheit erfüllt war.


    „Nichts Geringeres trage ich in dieser Stunde an euch heran. Doch kann und will ich keinen von euch zu diesem Auftrag verpflichten.“


    Erstauntes Schweigen breitete sich aus. Für gewöhnlich bestimmten die Runenpropheten jene, die auf eine Mission ausgesandt wurden, bereits vorher. Auf geheimnisvolle Weise wusste sie, wen es brauchte, damit das Unternehmen erfolgreich verlief. Fragend blickte Firondhir Illurayon an. Doch sein Freund hatte nur die Augen niedergeschlagen und starrte ins Dunkel.


    „Nichts Geringeres“, fuhr der Runenprophet fort, „sondern sehr viel mehr. Die entferntesten Orte und dunkelsten Winkel der Galaxis habt ihr aufgesucht. Chem-Pan-Sey und Orkead, illMureead und Necrontyr habt ihr getrotzt. Doch diesmal führt der Weg dorthin, wo der Ort und seine Bewohner gleichermaßen und auf vielfältigste Weise gefährlich sind. Nicht hinaus in die Weiten der Galaxis führt er, sondern tief in die verschlungenen Labyrinthe des SercamBelach.“


    Ein Gemurmel ging durch die Ränge. Die ersten der Ranger und Weltenwanderer begannen zu verstehen, wovon der Runenprophet sprach.


    Eathalvaën nickte langsam, während er wiederholt seinen Blick durch die Runde streifen ließ. „Die Dunkel Stadt soll euer Ziel sein. Und wir alle wissen, dass jene, die dort leben, obwohl von unserem Volk, uns fremder nicht sein könnten. Was sie einem Lebewesen gleich welcher Art anzutun vermögen, ist für uns nicht vorstellbar. Und gleichwohl ich von jedem von euch weiß, dass er bereit wäre, selbst die schwersten Prüfungen auf sich zu nehmen, so weiß ich doch ebenso, dass dies nicht die wahre Gefahr der Dunklen Stadt ist. Schlimmer als der Tod ist die ewige Verdammnis, die unseren Seelen dort droht, und der die Schwäche unserer Natur sich nur allzu gerne hingibt. Wir wissen, wer sich dort verliert, findet niemals den Weg zurück.“


    Der Saal war stumm geworden. Bedrückendes Schweigen erfüllte die Kuppel. Das Dämmerdunkel zog sich zu schwarzer, schwerer Finsternis zusammen.


    „Daher kann und werden ich niemanden von euch dazu bestimmen, diese Reise zu unternehmen. Die Runen haben die Entscheidung getroffen: Fünf IstuKarun gehen aus freiem Willen in die Dunkle Stadt. Keiner mehr. Keiner weniger."


    Eine lange Pause trat ein, als jeder erwartete, dass der andere etwas sagte, dass einer den anderen Anfang machte.


    "Mir ist es bereits bestimmt zu gehen", erklang eine Stimme aus dem Dunklen. Einer der Weltenwanderer hatte sich erhoben und schaute in die Runde.


    Firondhir erschrak und schaute zu Illurayon auf. Langsam schritt sein Freund die Stufen hinunter und stellte sich neben den Runenpropheten in den Lichtkegel. „Wer geht mit mir?“ wandte er sich an die Anwesenden.


    Ehe er noch wusste, wie ihm geschah, war Firondhir aufgesprungen. Einen langen Augenblick stand er auf den Stufen, unschlüssig, was er eigentlich hatte tun wollen. Dann wurde ihm bewusst, dass er, dass etwas in ihm damit eine Entscheidung getroffen hatte, die er nicht mehr zurücknehmen konnte. Nicht vor Illurayon, nicht vor dem AreIdain und nicht vor den versammelten Rangern. Mit schweren Schritten stieg auch er hinunter und stellte sich neben seinen Freund. Der Anfang war getan. Wenige Augenblicke später erhob sich der nächste Ranger, dann noch einer, zwei weitere.


    Irgendwo in den hinteren Rängen stand ein junger Mann mit schmalem, blassen Gesicht und fast durchsichtigen Augen auf und schickte sich an, die Stufen hinunterzusteigen. Sein Sitznachbar packte ihn am Arm.


    „Ydrir, was machst du? Das ist keine Aufgabe für uns!“ flüsterte er energisch.


    Der angesprochen drehte sich zu ihm um und sah ihn an, als würde er durch ihn hindurch blicken.


    „Ich muss mitgehen“, sagte er mit einem Tonfall, als wäre dies das selbstverständlichste der Welt.


    „Rede keinen Unsinn. Das ist eine Aufgabe für Sternenschreiter, die weitaus mehr Erfahrung haben als wird.“


    „Dann bleib, ich gehe“, antwortete Ydrir, machte sich los und stieg die Stufen hinunter.


    „Als ob ich dich allein lassen würde“, fauchte der andere und folgte ihm.


    Am Ende standen ein gutes Dutzend Männer und Frauen im Rund der Halle.


    „Ich danke euch allen“, sprach Eathalvaën in die Runde. „Niemand derer, die nun nicht hier stehen, muss beschämt sein. Nur wer ein Wagnis einzugehen bereit ist, kann auf Erfolg hoffen. Wer es nicht ist, dient dem Unternehmen umso mehr, wenn er sich nicht beteiligt.“


    Dann wandte er sich an die Freiwilligen. „Fünf, nicht mehr, nicht weniger. Über zwei hat das Schicksal bereits entschieden.“ Er sah Illurayon und Firondhir an. Firondhir vernahm die Worte mit Unbehagen. „Über die drei weiteren wird nun das Los der Runen entscheiden müssen.“


    Er öffneten einen weißen Lederbeutel an seinem Gürtel und griff hinein. Als er die Hand öffnete, stiegen daraus drei filigran verzweigte Phantomkristall-Runen wie Leuchtkäfer empor. Goldgelbes Licht verströmend, zogen sie ihre Kreise über der Gruppe, und hielten schließlich eine nach der anderen schwebend über einem Ranger an.


    „Die Wahl ist getroffen.“


    „Nein!“ fiel ihm einer der Ranger ins Wort. Überraschtes, teils empörtes Gemurmel breitet sich in der Halle aus.


    Eathalvaën bliebt ruhig und sah den Sprecher an.


    Es war ein junger Mann mit dunkelbraunen Haaren, die er zu einem Zopf hochgebunden hatte. Dicht neben ihm stand ein zweiter, etwas schmaler und feingliedriger von Gestalt, doch mit gleichen Gesichtszügen und Haartracht. Über ihm schwebte eine der Runen.


    „Nenne deinen Namen“, verlangte Eathalvaën.


    „Ydril“, antwortete der Ranger. „Und dies ist mein Bruder Ydrir. Er wird die Reise antreten, doch nicht ohne mich.“


    Der andere schaute zu betreten zu Boden.


    „Ydril, deine Sorge um deinen Bruder ehrt dich. Doch die Runen haben die Wahl getroffen“, entgegnete der Runenprophet.


    „Ich trete freiwillig zurück“, ließ sich eine andere Stimme vernehmen. Sie gehörte zu einer schwarzhaarigen Frau, aus deren grauen Augen die Erfahrung vieler Jahre auf dem Pfad des Ausgestoßenen sprach. Die Rune über ihr glitt auf ihre Handfläche und folgte der Bewegung, als sie die geöffnete Hand Ydril entgegenstreckte. „Zwillinge zu trennen ist ein schlechtes Vorzeichen. Mein Tatendrang soll nicht der Grund sein, dass diese Mission fehlschlägt.“ Ydril nahm die Runen entgegen.


    Eathalvaën schien für einige Augenblicke weit entfernt zu sein. Dann nickte er. „So sein es denn. Möge deine Zurückhaltung nicht das herbeiführen, was du zu vermeiden versuchst.“


    „Ich danke dir“, sagte Ydril an die Frau gewandt.


    Der fünfte Ranger, der bisher am Boden gehockt hatte, erhob sich nun, so rasch, dass die schwebende Rune sich beinahe in seinen offenen blonden Locken verfing. „Hervorragend. Dann kann der Spaß ja beginnen.“

  • Mondschatten

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  • Kapitel II


    Unter der Klippe breitete sich eine weite, aber nicht sehr tiefe Schlucht aus, durch die ein kleiner Fluss gemächlich mäandern seine blauen Schleifen legt, gesäumt von tropischen Gehölzen, Palmen, Orchideenbäumen, Riesenfarnen. Sie wechselten sich ab mit Schilf- und Grasflecken, in denen mit Lotos bedeckte Teiche glitzerten. Hin und wieder beschleunigte das Wasser, wenn es silbern glitzernd über einige Steine sprang. Die gegenüberliegende Wand aus rot schimmerndem Felsgestein war ebenso stufig und zerklüftete wie die diesseitige. Die Felsvorsprünge quollen über vor Büschen, Farnen und Ranken, hängende Gärten, von der Natur angelegt. Wasserfälle ergossen sich in langen Kaskaden in das Tal. Darüber erhoben sich die Kronen majestätischer Baumriesen in den blauen Himmel. Nur nach Westen hin öffnete sich die Schlucht und gab den Blick auf weißen Sand frei, wo der Fluss in eine türkis schimmernde Meeresbucht mündete. Den Duft der blühenden Bäume, das Rauschen des Wassers, die Stimmen einer Vielzahl exotischer Tiere und Vögel trug ein warmer Wind auf die Klippe hinauf.


    Mit einer gleichgültigen Handbewegung löste Quisar seinen Peiniger von Hals der Kreatur zu seinen Füßen. Humanoid, irgendwie. Zumindest hatte sie zwei Arme und zwei Beine und einen einzelnen Kopf, wenngleich der eher einer Amphibie ähnelte. Was auch immer es war, zu einer guten Jagdbeute hatte es nicht getaugt. Zu wenig wehrhaft, nicht schnell genug, um wegzulaufen, nicht einmal eine dekorative Trophäe gab das hässliche Ding ab. Dabei hatten der lange Stab und der Schuck aus Steinen und Federn, den das Wesen trug, auf so etwas wie einen Stammesführer hingedeutet. Sei’s drum. Seine Kabaliten hatten sicherlich einige Exemplare einsammeln können. Für das Vorprogramm in der Arena sollten sie genügen. Heute hatte er selbst zwar wenig Vergnügen an der Jagd gehabt, seine Tiere würden sie aber haben.


    Quisar befestigte seine Peitsche am Gürtel der Rüstung und machte sich an den Abstieg. Leichtfüßig sprang er von einem Vorsprung zum nächsten. Der Fels schien ihm den Gefallen zu tun, eine Art natürlich Treppe hinunter in die Schlucht zu bilden. Nur hin und wieder musste er sich unter dicken Wurzeln hindurchbücken, die aus der Wand ragten, oder allzu dicht überhängendes Gewächs zur Seite biegen. Selbst der Dschungel machte es ihm zu einfach. Was mochten die Asuryani und die Sieri nur an diesen verweichlichten Welten finden.


    Am Grund angekommen, folgte er dem Pfad zwischen mannshohen Farnen, Drachenbäume und Einblattpflanzen zurück zur Landezone, wo seine Truppe schon dabei sein mussten, die Beute dieses Jagdzuges zu verladen. Eher beiläufig bemerkte er eine leichte Bewegung im Unterholz, ein kurzes Wippen einiger Farnwedel. Er hielt inne und lauschte. Zu hören war nichts außer der Lautkulisse des Dschungels aus Insekten, Vögeln und dem Wind in den Blättern. Was die Bewegung verursacht hatte, war entweder ebenfalls stehen geblieben, hatte ihn vielleicht bemerkt und lauerte, oder konnte sich so lautlos bewegen, dass selbst sein sensibles, geübtes Gehör es nicht mehr wahrzunehmen vermocht. Was auch immer, es war es wert, dem nachzugehen. Quisar wandte sich vom Weg ab und verschwand zwischen den riesigen Blättern. Wenig Augenblicke später war er genauso spurlos verschwunden wie das, was er zu verfolgen gedachte.


    Im Dickicht wurde die Luft schwüler. Der Boden war dick und weich bedeckt mit abgefallenen Blättern. Quisar setzte einen Fuß vor den anderen, glitt geschmeidig zwischen brettartigen Baumstämmen, armdicken Luftwurzeln und Vorhängen aus Kletterpflanzen hindurch, ohne ein Blatt zu regen. Er hielt er inne, schloss die Augen und lauschte. Der leise, anhaltende Chor aus Vogelstimmen und Insektensummen umgab ihn und verschmolz zu einem monotonen Rauschen. Da! Ein Laut zerriss den Einklang. Ein leises Schnarren, kaum lauter als die Umgebung, aber für das feine Gehör des Jägers doch genau zu unterscheiden. Quisar wandte sich der Richtung des Lautes zu und setzte seinen Weg fort. Nur wenige Schritte weiter wand sich eine gewaltige, moosüberzogene Baumwurzel quer über den Pfad. Er trat näher und untersuchte die glatte, graubraune Rinde. Kratzspuren waren in das Holz geritzt.


    ‚Vier Klauen an den Vorderbeinen, vier an den Hinterbeinen.‘ Quisar strich mit seinen langen, schlanken Fingern über die Spuren. ‚Schmal, nicht tief. Zehenspitzengänger, mittelgroß, leidlich guter Kletterer. Katzenähnlich vermutlich.‘


    Ein leichtes Gefühl der Enttäuschung macht sich breit. Ein gewöhnliches Raubtier. Davon hatte er schon hunderte, wenn nicht tausende erlegt. Ein schlichter Zeitvertreib. Er war schon dabei sich umzudrehen, um den Weg wieder zurück zu gehen, als sein Blick noch einmal auf die Wurzel fiel. Halb unter einem Stück abstehender Rinde steckte etwas fest. Er zog es heraus.


    ‚Eine Feder?‘ Tief dunkelblau, rund und hornig wie eine Drachenschuppe. Welcher Vierbeiner hatte ein solch seltsames Federkleid?


    Nun war seine Neugierde doch wieder geweckt. Mit einem eleganten Satz zog er sich die Wurzel hinauf und verharrte. Direkt unter ihm war ein Hohlraum, gut unter breiten Blättern verborgen. Offenbar hatte das Tier hier sein Lager. Noch schien es ihn nicht bemerkt…


    Mit einem schrillen Schrei stürzte sich die Kreatur auf ihn herab. Sie musste in einem gegenüberliegenden Baum gesessen haben. Quisar wich aus und stürzte rücklings von der Wurzel, rollte sich jedoch elegant ab und verharrte, ein Knie am Boden. Er richtete seinen Blick nach oben. Über ihm auf der Wurzel kauerte angriffsbereit das Tier. Es hatte einen vogelähnlichen Schnabel und stechend gelbe Augen. Den Kopf und den Hals bedeckten dunkelblaue, überlappende Schuppen, kaum als Federn zu erkennen. Der Körper glich der einer schlanken, hochbeinigen Katze und war mit einem silbergrau schimmernden glatten Fell bedeckt. Die Kreatur stellte die Halsfedern auf und fauchte drohend.


    ‚Keine Zähne, aber Klauen. Die Federschuppen schützen Kopf, Hals und Brust.‘ Quisar lächelte. Langsam richtete er sich auf, die Kreatur fest ins Auge gefasste, und löste den Peiniger von seinem Gürtel. Das Wesen schien unsicher, wie es sein Gegenüber einschätzen sollte. Es wiederholte seine Drohung, kam aber nicht näher. Mit lockeren Handbewegungen ließ Quisar die Peitsche vor sich durch die Luft gleiten. Die Kreatur hielt inne, immer noch unschlüssig, dann, schneller als ein gewöhnliches Auge hätte folgen können, setzte es über den Drukhari hinweg. Doch Quisars Reflexe waren die eines Drukhari. Er holte aus und der Peiniger streifte das Tier am Hinterlauf. Es schrie auf und erklomm mit Mühe den tiefhängenden Ast eines nahen Baumes, das gelähmte Bein hinter sich herziehend.


    ‚Es greift nicht an, es flieht nicht. Warum?‘ Quisar kam ein Gedanke. Das Tier nicht aus den Augen lassend, näherte er sich rückwärtsgehend der Baumwurzel. Die Kreatur bemerkte seine Bewegung und stieß erneut eine Warnung aus. Klang diesmal eine Spur von Verzweiflung in dem Schrei mit? Quisar glaubte es zu spüren und es erfüllte ihn mit boshafter Freude. Das Tier wurde immer unruhiger, wippte auf dem Ast, wagte aber mit dem gelähmten Bein keinen weiteren Sprung. Ein, zwei Schritte noch, und Quisar war wieder bei der Wurzel angekommen. Noch einmal fixiert er das Tier, wie es in völliger Hilfslosigkeit ihm nur noch hinterherschreien konnte. Er wandte sich um, hatte mit einem Satz die Wurzel erklommen und war mit dem nächsten auf der anderen Seite hinuntergesprungen.


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  • Unter der Wurzel fand er den Hohlraum, eine ausgegrabene Mulde, auspolstert mit trockenen Blättern und Palmwedeln. Er begann das Pflanzenmaterial zur Seite zu schieben. Etwas glattes, rundes begann zum Vorschein zu kommen.


    Dann war das Tier wieder da. Kreischend setzte es von der Wurzel herab, knickte auf dem verletzten Bein ein, sprang dennoch herum und näherte sich humpelnd. Quisar drehte sich langsam um. Seine Position war ungünstig, unter der Wurzel war nicht genug Bewegungsfreiheit, um den Peiniger effektiv einzusetzen. Er hakte die Peitsche am Gürtel ein und griff langsam nach seinem langen Jagdmesser.


    „Du wirst keinen Sprung wagen“, sagte er an das Tier gewandt. „Wir wissen beide, warum.“


    Die Kreatur wippte vor ihm auf und ab, als hätte es seine Worte verstanden. Unversehens schnellte der Drukhari nach vorne, das Messer vor sich. Das Tier versuchte auszuweichen, strauchelte jedoch mit seinem verwundeten Bein. Doch sofort war es wieder in sicherem Stand und ging zum Angriff über. Quisar wich zurück und schwang das Messer nach dem Tier. Beim Ausweichen strauchelte es erneut. Zwei, drei Mal wiederholte er das Spiel, dann wollte er es darauf ankommen lassen. Das Tier setze zum Sprung an. Quisar warf sich ihm entgegen. Die beiden prallten aufeinander und landeten auf der dichten Laubdecke des Waldbodens. Das Tier war oben auf. Es gelang ihm, den Drukhari mit den Vorderpfoten in den Boden zu drücken. Quisar lag halb auf der Seite. Das Messer war ihm aus der Hand geglitten und lag unter ihm. Er spürte das Gewicht des Tieres auf seine Brust. Dann schnellte der spitze Hakenschnabel nach vorne in Richtung seines Kopfes. Er hob den linken Arm und fing den Angriff ab. Der schwarzglänzende Panzer seiner Unterarmschiene knackte unter dem Biss, hielt aber stand.


    „Da musst du schon mehr aufbringen“, höhnte er.


    Als hätte es seine Worte verstanden, begann es, ihn mit den Vorderpfoten zu bearbeiten. Quisar warf den Kopf zur Seite, um nicht eine unerwünschte Narbe im Gesicht davonzutragen. Die Klauen schrammten über die schwarzen Lamellen seines Brustpanzers. Das Adrenalin in seinem Blut versetze ihn in ein Hochgefühl.


    „So, genug davon.“


    Mit einiger Anstrengung drückte er den Kopf seines Gegners zurück. Gleichzeitig versetze er ihm einen Tritt gegen die Hinterbeine. Sofort knickte es zur Seite weg und zog Quisar mit sich, so dass er über ihm war. Bevor es wieder aufstehen konnte, war der Drukhari auf den Beinen und hatte den Peiniger in der Hand. Die schimmernde Peitsche sauste nieder und schlang sich um den gefiederten Hals. Das Tier kreischte ohrenbetäubend. Die Giftinjektion ließen es sein Rückgrat fast bis zum Brechen krümmen, alle vier Läufe krampften sich in unnatürlichen Winkel an den Körper. Quisar löste die Waffe. Die Beute war bewegungsunfähig, kreischte aber immer noch. Selbst bei einer nicht intelligenten Kreatur konnte Quisar den Schmerz und die Verzweifelung in den Lauten spüren. Es war geradezu berauschend. In gewisser Weise hatten diese wilden Kreaturen eine viel reinere, ursprünglichere Essenz als jedes denkende Lebewesen. Nur ein wahrer Nachkomme Kurnous wusste das zu schätzen.


    Er betrachtete das Tier noch einige Zeit, dann ging er ein paar Schritte, hob ohne Hast sein Messer auf und kehrte zu seiner Beute zurück. Inzwischen gab das Geschöpf nur noch ein wimmerndes Schnarren von sich. Er kniete nieder. Unbehelligt von den erstarrten Tatzen setzte er das Messer an, machte einen Schnitt entlang der Innenseite des rechten Vorderbeines und zog vorsichtig die Haut ab. Das Tier schrie aus vollem Hals, jedes Mal, wenn er das Prozedere an den anderen Gliedmaßen und am Schwanz wiederholte. Erst nach dem Schnitt, mit dem er das Fell entlang des Rumpfes zu lösen begann, verstummte es. Der gefiederte Kopf fiel leblos zur Seite. Mit leichter Enttäuschung erhob Quisar sich. Nun ärgerte es ihn, sich von Sirqa kein Stimulanzmittel hatte geben zu lassen. Vielleicht hätte es damit noch etwas länger durchgehalten.


    Die gespenstische Stille wurde jäh unterbrochen von einem lauten Kreischen. Quisar drehte sich um. Es war nicht eine Stimme, es waren mehrere. In der nächsten Sekunde brachen vier weitere der Vogelkatzen aus dem Unterholz hervor, eines deutlich größer als das tote Tier, mit flammend roten Halsfedern und tiefschwarzem Fell, die anderen etwas kleiner, jedes die Federn und das Fell in einer anderen Farbe.


    „Rudeljäger also. Interessant.“ Er ging langsam rückwärts, bis er mit dem Rücken an die Wurzel stieß. Die Tiere zögerten nicht und gingen sofort auf den Drukhari los.


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  • Fast geräuschlos ging ein Hagelschauer von kristallenen Splittergeschossen auf die Angreifer nieder. Noch im Sprung bohrten sie sich in den schwarzen Pelz des größten Tieres und ließen es mit einem dumpfen Aufschlag zu Boden fallen. Die drei anderen wurden mitten im Lauf getroffen, strauchelten, stolperten übereinander und blieben reglos liegen. Als der Beschuss abebbte, näherte sich Quisar den Körpern und stieß dem schwarzroten den Fuß in die Seite. Es rührte sich nicht mehr. Das Gift der Kristallgeschosse hatte fast augenblicklich gewirkt.


    „Das Fell ist ruiniert“, sagte er. „Aber macht nichts“, fuhr er sich umwendend fort, „das silberne gefällt mir ohnehin besser.“


    Zehn seiner Kabaliten traten aus dem Dickicht hervor, jeder mit einem goldverzierten Splitterkatapult bewaffnet. Der Sybarith reichte Quisar seinen blauvioletten Seidenumhang. Während er sich das Kleidungsstück anlegte, bahnte sich eine schlanke, hochgewachsene Frau ihren Weg durch das Unterholz, energisch die Blätter zur Seite schiebend. Ihr Haar, ebenso weißblond wie Quisars, hing als ein langer Zopf bis zum Boden, gehalten von einer goldenen Spange in Gestalt eines Schlangenkopfes. Sie hatte einige Mühe, sich damit nicht in den tiefhängenden Zweigen zu verfangen. Dennoch waren ihre Schritte elegant, fast schwebend, umspielt von einem Rock in der gleichen Farbe wie Quisars Mantel. Als sie vor ihm Stand, war es Quisar, als würde er in einen Spiegel sehen, der ihm sein eigenes Gesicht als weibliches zeigte: fein geschnitten, hohe Wangenknochen, elfenbeinblass, dunkelviolette Augen.


    Sie schaute kurz an ihm vorbei und lächelte kühl.


    „Du hattest deine Freude, wie ich sehe.“ Mit langen Fingern zupfte sie Laub aus seinen Haaren. Sein Haarknoten hatte sich zum Teil aufgelöst.


    „Leider mangelte es mir an Mitteln, sie zu verlängern“, entgegnete er.


    Sie wandte sich um, während sie auf die toten Tiere zuschritt. „Du wolltest nichts haben.“ Sie ging in die Hocke und untersuchte den halb gehäuteten Kadaver, zupfte eine der Federschuppen heraus und füllte Proben der Körperflüssigkeiten in gläserne Röhrchen ab. „Bedauerlich. Mich hätte interessiert, wie meine Kreationen bei solchen Lebewesen wirken.“


    „Ich hoffe, du kannst über die Missachtung deiner Künste hinwegsehen, liebste Schwester,“ entgegnete Quisar.


    Den Sarkasmus in seiner Stimme wohl zur Kenntnis nehmend, antwortete sie: „Nachsicht liegt nicht in meiner Natur.“


    „In meiner genauso wenig.“ Er folgte ihr zu dem halb gehäuteten Exemplar, nahm das Messer wieder auf und beendete die Arbeit. Auf einen Wink kam der Sybarith heran und nahm das abgezogene Fell entgegen. Dann stieß er das Messer in den Kadaver und öffnete den Rumpf. „Das ist ein Weibchen“, stellte er fest.


    „Was wolltest du damit überhaupt?“ fragte Sirqa, während sie mit ihren eigenen, feinen Skalpell Stücke aus den Organen herausschnitt und in weitere Röhrchen verstaute. „Besonders spektakuläre Trophäe sind sie nicht.“


    „Sie wissen sich wehren, besonders als Rudel. Und schau hier.“


    Er glitt in die Höhle unter der Wurzel und legte frei, was er entdeckte hatte. Sechs große, bunt gesprenkelte Eier kamen unter dem Laub zum Vorschein.


    „Als hätten Kurnous Jagdfalken und Hunde sich in einem Geschöpf von großer Wildheit und Schnelligkeit vereint. Die passenden Begleiter für den Erben von DorchaKerun.“


    „Den designierten Erben, solange wir dafür Sorge tragen, dass das so bleibt.“ Ihr Blick fiel auf die tiefen Scharten in seiner Rüstung. „Und solange du nicht für ein paar Schoßtiere deine makellose Haut riskierst.“


    Eine kurze Anwallung von Zorn kochte in Quisar hoch. Doch letztendlich war Sirqa das einzige lebende Wesen, dass so mit ihm reden und danach noch hoffen durfte, weiterhin lebend zu sein. Er reichte ihr eines der Eier. Sie strich mit den Fingern über die glatte Oberfläche und zog verschlungene Linien in das Blut des Muttertieres, dass ihm von Quisars Händen anhaftete.


    „Und wer soll sich darum kümmern?“ fragte sie.


    „Da habe ich schon jemanden im Auge“, antwortete er.


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  • Kapitel III


    Das Amphitheater des Hauses DorchaKerun war klein, vor allem im Vergleich zu den großen Arenen der namenhaften Hagashîn-Kulte. Klein, aber sehr exklusiv. Eine eigene Arena zu unterhalten, war für eine Kabale ohnehin unüblich, aber DorchaKerun war ein altes Adelshaus, und wenn das im heutigen Commorragh auch nicht mehr viel Bedeutung hatte, so legte der Hohe Herr doch großen Wert auf standesgemäße Unterhaltung. Seine Gäste sollten sich nicht mit dem einfachen Pöbel in den großen Vergnügungstempeln gemein machen. Komfortable Logen waren in die Fassade eines Nebenturms des Palastes eingearbeitet. Sie blickten hinunter auf den halbmondförmigen Kampfplatz, dessen Kulisse die terrassenförmig ansteigenden Anlagen des fürstlichen Gartens bildeten, alles überspannt von einer transparenten Kuppel, die das trübe Zweilicht Commorraghs in eine anhaltende, blaue Abenddämmerung verwandelte.


    Nur eine Handvoll der Logen war besetzt. Quisar hatte eine Auswahl seiner Günstlinge und Verbündeten eingeladen, zumeist Individuen, deren Anwesenheit sein Vater wenig schätze: Anführer von Hellionbanden und Reavergangs, fremdartige Söldner, die Solarite einer Harpyienrotte.


    Unvermittelt wurde der Kampfplatz in ein grünliches Licht getaucht, das Licht des Jägermondes, des Wappens des Hauses DorchaKerun. Alle Gespräche, die unter den Gästen bis eben noch geführt wurden, verstummten. Eine runde Öffnung im Boden zog sich auseinander und eine Hebebühne beförderte eine massive Gestalt nach oben. Erst als sie völlig im grünen Licht stand, war sie zu erkennen. Ein Chem-Pan-Sey von gewaltiger Größe und Statur. Runde, metallische Implantate glänzten gleichmäßig über den nackten Körper verteilt. Die helle Haut war mit Schmutz und getrocknetem Blut, schwarz im grünen Licht, verdreckt, die langen, gelblichen Haare verfilzt. Im halb geöffneten Mund waren kurze Reißzähne zu erkennen. Ein schimmerndes Stasisfeld hielt die Kreatur fest.


    Ausrufe des Entzückens waren aus den Logen zu hören. Losseainn waren die mächtigsten Krieger, die dieses primitive Volk aufzubieten hatte. Die Gäste konnten sich auf einen brutalen Kampf freuen. Zufrieden lehnte Quisar sich in seinem Sessel zurück.


    Das Stasisfeld wurde deaktiviert. Der Krieger schlug die Augen auf, die Iris stechend gelb, und sah sich kurz um. Er gab ein dunkles Knurren von sich, dann drehte er sich um und rannte auf die zum Garten offene Rückseite des Kampfplatzes zu. In Sekundenschnelle wuchs eine verschlungene Dornenhecke aus schwarzem Metall etliche Meter empor und schloss die Fläche ein. Der Krieger bremste ab, kam aber nicht mehr rechtzeitig zum Stehen und prallte mit der Seite in die Hecke, die Arme schützen vor das Gesicht gehoben. Er trat zurück, sah die metallene Wand hinauf und brüllte lauthals. Blutfäden rannen aus den Einstichen an seinem Rücken. Dann drehte er sich zu den Logen um.


    „Du siehst, hier gibt es keinen Ausweg“, hallte Quisars Stimme süffisant über den Platz. „Wir würden eine offene Szene bevorzugen, also sei so gütig, und versuche das nicht noch einmal.“ Das Publikum belohnte seine Rede mit höhnischem Gelächter wohl wissend, dass die geistlose Kreatur kein Wort verstanden haben konnte.


    Der Krieger stand unschlüssig da. Hinter ihm zog die Dornenhecke sich in den Boden zurück und gab wieder den Blick auf die mit exotischer Vegetation bepflanzte Terrassen frei. Dann öffnete sich in der Fassade unterhalb der Logen ein Tor. Rötlicher Lichtschein fiel auf den Platz. Ein Schatten zeichnete sich darin ab, dann zwei, dann weitere. Als sie in die Arena getreten waren, konnte auch die Zuschauer sie erkennen: Eine schlanke, muskulöse Frau, barfuß, in einem dunklen, enganliegenden Anzug, der viel Blick auf ihre elfenbeinfarbene Haut zuließ, nur der linke Arme und das linke Beim mit leichten, lamellenartigen Panzerplatten bedeckt. Ihr Gesicht war verborgen unter einer kunstvoll gearbeiteten, vogelähnlichen Maske aus blauen, schuppenförmigen Federn, unter der lange, vielfach verflochtene Haare hervorwallten. In der rechten Hand hielt sie einen Speer. Sie wurde begleitet von sechs vierbeinigen Tieren mit Köpfen wie Raubvögel, schuppengefiederten Hälse, jedes in einer anderen Farbe, und unterschiedlichen Fellmustern. Ein Raunen ging durch die Zuschauer. Weibliche Bestienmeister waren ein ungewohnter Anblick, noch ungewohnter als der Gegner, der ihr bei diesem Schauspiel gegenüberstand.


    Sie blieb stehen, die Tiere mit ihr. Das Licht wechselte. Grüne und weiße Lichtflecken begannen über den Kampfplatz zu tanzen, als bräche Sonnenlicht sich seinen Weg durch dichtes, windbewegte Blätterdach. Wann immer die weißen Flecken sie streiften, waren die Farben der Tiere zu erkenne. Rot und Gelb, Blau, Grün, Orange und Purpur waren ihre Halsfedern, die Felle in allen Schattierungen von Cremeweiß bis blauschwarz, gefleckt, gestreift oder einfarbig. Die Haare ihrer Herrin leuchteten dunkelviolett. Die Bestienmeisterin aktivierte ihren Speer und richtete die von Blitzen umhüllte Spitze auf den Krieger. Die Tiere folgten dem Befehl und griffen an.


    Der Hüne stemmte die Füße in den Boden und hob die Armee zur Abwehr. Ohne Rüstung und Waffen, die seinesgleichen im Kampf zu tragen pflegte, hatte er den anstürmenden Jagdfalken nur seine Muskelkraft entgegenzusetzen, die allerdings erheblich war. Den ersten Ansturm schlug er leicht zurück. Die Tiere landeten fauchend in Sand, rappelten sich aber sofort wieder auf und begannen knurrend ihre Beute zu umkreisen. Der Chem-Pan-Sey antwortet in der gleichen Sprache. Die Bestienmeisterin hielt sich im Hintergrund und beobachtete ihren Gegner genau.


    ‚Er wartet ab, er geht kein unnötiges Risiko ein.‘ Sie konzentrierte sich auf seine Bewegungen, auf seinen Gesichtsausdruck, wartete auf ein Anzeichen, wartet, dass ihre Intuition…


    „Arith, Tonesh, aA‘ann aDarhathin“, rief sie laut.


    Die beiden größten Tiere, das eine mit blauem Hals und schwarzem Fell, dass andere sandfarben mit roten Federn, lösten sich aus dem Rudel, sprangen zwischen die Beine des Kämpfers und attackierten seine Fersen mit ihren spitzen Schnäbeln, eben in dem Moment, als er vorstürmen wollte. Noch in der begonnenen Bewegung versuchte er die Richtung zu ändern und den beiden auszuweichen, verlor dabei jedoch das Gleichgewicht und musste sich auf einem Knie abfangen. Die vier anderen Falkenhunde ergriffen die Gelegenheit, sprangen dem Riesen in den Rücken und schlugen ihre Schnäbel und Klauen in sein Fleisch. Brüllend bäumte er sich auf, griff hinter sich, bekam zwei der Tiere zu fassen, riss sie los und schleuderte sie von sich. Der Rote und der Blaue nutzen den Moment und warfen sich gegen die entblößte Brust des Gegners.


    Ein wohl choreografierter Reigen begann. Immer zwei der Jagfalken griffen an und zwangen ihren Gegner bei der Abwehr eine andere Stelle seines Körpers den Schnäbeln und Klauen ihrer Artgenossen Preis zu geben. Mit der Zeit hing seine Haut an Beinen, Armen, Brust und Rücken mehr und mehr in blutigen Fetzen. Darunter kam schwarzes Gewebe zum Vorschein. Doch der Krieger hielt immer noch stand.


    Die Bestienmeisterin schritt um den Kampf herum, behielt Tiere und Beute im Auge. In ihrem Rücken, hoch oben in den Logen, johlten die Zuschauer vor Begeisterung bei jedem Stück Fleisch, dass die Falkenhunde dem Riesen vom Leib rissen. Doch sie nahm es nur am Rande wahr. So sehr konzentrierte sich auf die Tiere, dass sie deren Wahrnehmungen und Erregung bei der Jagd förmlich spüren konnte. Durch ihre Augen und Ohren nahm sie die subtilsten Reaktionen der Beute wahr, konnte ihre Bewegungen fast vorausahnen und leitete die Tiere zielgenau an die Schwachstellen des Kriegers. Gerade eben schickte er sich an, sein Gewicht auf das linke Bein zu verlagern, während am rechten bereits Fasern des Wadenmuskels herabhingen. Ein Gedanke reichte schon, und im nächsten Moment schossen der grüne und der gelbe Falke heran und prallten mit voller Wucht gegen das linke Bein. Der Chem-Pan-Sey wurde niedergeworfen und landete auf dem Rücken. Die Bestienmeisterin lächelte unter ihre Maske und gab den Tieren das Zeichen, es zu beenden. In Sekundenschnelle hatte das Rudel sich gesammelt.


    Doch dem Krieger war nicht entgangen, was sich abspielte, und er war noch lange nicht am Ende seiner Kräfte. Mit Händen und Füße wehrte er die Raubtiere ab, wälzte sich herum und war wieder auf den Füßen. Ohne sich weiter um die Tiere zu kümmern, stürzte er brüllend und mit gefletschten Zähnen auf die Drukhari zu, bereit, sie in Stücke zu reißen.


    Oben in der Fürstenloge betrachtete Quisar die Szene mit leichter Irritation. Er winkte den Zeremonienmeister des Theaters heran.


    „Gehört das zum Programm?“ fragte er.


    „Nein Herr, nicht dass ich wüste.“


    „Gut.“



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  • Überrascht sah die Bestienmeisterin die gewaltige Kreatur auf sich zu stürmen. Der Riese überragte sie um mehr als die Hälfte ihrer eigenen Körpergröße. Eine direkte Konfrontation würde sie nicht überleben. Sie sprang elegant zur Seite und schwang ihre Speer nach vorne. Doch der Krieger war trotz seiner Verletzungen beweglicher als seine massige Gestalt es vermuten ließ, wich dem Stich aus und setzte ihr nach. Sie versuchte, den Kontakt zu den Tieren wieder herzustellen. Die Falkenhunde waren immer noch im Jagdrausch, ohne ihre Führung aber nicht koordiniert genug, um die Beute wieder in Schach zu halten.


    Der Hüne trieb sie weiter, wich ihren Gegenangriffen aus und versuchte, sie zu fassen zu bekommen. Ohne es zu merken, näherte sie sich immer weiter dem Rande des Kampfplatzes. Im letzten Moment hielt die Bestienmeisterin inne, ehe die hervorschnellenden Dornenranken sie aufgespießt hätten. Laute der Verzückung hallten aus den Logen herab.


    Sie saß in der Falle. Die Falkenhunde jagte auf ihren Angreifer zu, würden ihn aber nicht mehr rechtzeitig erreichen, um ihn von ihre abzubringen. Seine gewaltige Pranke legte sich mit stahlhartem Griff um ihren Hals und hob sie an, um sie in die Dornen zu drücken. Ihre Kehle war zusammengepresst, sie bekam keine Luft mehr, spürte, wie sich das Blut in den Halsschlagadern staute, wie ihr zunehmend schwarz vor Augen wurde. Der Speer entglitt ihren Händen.


    Eine verzweifelte Eingebung kam in ihren Sinn. Es funktionierte bei Tieren, dann muss es auch bei dieser Bestie funktionieren. Untergrößter Anstrengung packte sie das Handgelenkt, so dick, dass sie es mit beiden Händen kaum umfassen konnte, und konzentrierte sich mit allem, was ihr schwindendes Bewusstsein noch zuließ, konzentrierte sich auf die Muskeln und Sehnen, die sie unter der Haut spürte. Ihre Hände wurden steif und kalt. Die Kälte begann die Arme hochzukriechen, aber sie ließ nicht nach. Der eiserne Griff lockerte sich. In ihrer Brust begann sich etwas zu verkrampfen, als wehrte es sich dagegen, aus ihr herausgerissen werden. Schmerz fuhr in ihren Kopf, als hätte jemand ein Messer in ihre Schläfe gerammt und wollte mit ihm jede Nervenfaser ihres Gesichts herausreißen. Dann gab die Faust sie frei. Sie fiel zu Boden und Rang nach Luft. Der Riese taumelte zurück und sah sie fassungslos aus seinen gelben Augen an.


    „Xenos-Hexe,“ fauchte er und stürzte sich erneut auf sie. Doch die Bestienmeisterin ergriff ihrem Speer und schwang ihn nach oben. Knirschend drang die Waffe in den knöchernen Brustkorb des Kriegers ein. Sein Körper zuckte und krampfte unter den Energieblitzen. Mit einem lauten Schrei stieß sie noch einmal nach. Der Chem-Pan-Sey brach zusammen und blieb reglos liegen. Beifall grenzenloser Begeisterung überflutete den Kampfplatz.


    Die Bestienmeisterin ging in die Knie und atmete tief ein und aus. Die Schmerzen in Kopf und Brust ließen langsam nach, die Wärme kehrte in ihre Arme und Hände zurück. Mühevoll zwang sie sich aufzustehen, ein Fuß, dann der andere, gestützt auf den Speer. Auch als Siegerin durfte sie keine Schwäche zeigen. Als sie aufrecht Stand, trat sie zu dem gefallenen Krieger herüber, schnitt mit der Klinge das Symbol des Verdunkelten Mondes in einen übriggebliebenen Hautfleck auf seiner Brust und hob dann die Waffe zum Gruß in Richtung der Fürstenloge, während die Jagdfalken sich um sie gesellten. Jetzt erst jetzt nahm sie den Applaus wahr, der ihr entgegenbrandete, doch war sie zu erschöpft, um darüber irgendeine Freude zu empfinden. Sie verneigte sich noch einmal kurz und schritt dann, umringt von dem Rudel, zurück zum Ausgang.


    Im rötlich beleuchteten Vorbereitungssaal im Untergeschoss des Theaters ließ sie sich auf eine marmorne Bank fallen und nahm ihre Maske ab. Die purpurroten Haare hingen ihr wirr in die Stirn. Sie schlug die Hände vors Gesicht und holte tief Luft.


    Was war da eben passiert?


    Zu einfachen Tieren konnte sie schon immer eine Verbindung herstellen. Sie war stolz auf dieses Talent, auch wenn sie sich nicht erklären konnte, wie sie es fertigbrachte. Die meisten Bestienmeister der Hagashîn-Kulte hielten ihre Zöglinge mit Gewalt und Pheromonen unter Kontrolle. Sie hatte das nicht nötig, sie war besser. Aber nie hätte sie gedacht, dass das auch bei halbintelligenten Kreaturen wie einem Chem-Pan-Sey möglich war. Sie hatte die Kontrolle über seine Hand übernommen. Es war beängstigend. Die Schmerzen, das, was sie ausgelöst hatte, was auch immer das war, hätten sie töten können, das hatte sie mit jeder Faser ihres Körpers und ihres Geistes gespürt. Und auch jetzt, nachdem sie abgeklungen waren, hinterließen sie eine Art Echo, eine unerklärliche, tiefsitzende Furcht.


    „Anathuriel, ich will dich beglückwünschen. Die Vorstellung war einfach mitreißend. Meine Gäste waren begeistert.“


    Sie schaute auf. Quisar stand vor ihr, in seiner schwarzglänzenden Prunkrüstung, den blauviolett schimmernden Mantel mit dem silbergrauen Pelzbesatz über den Schultern.


    „Ich danke Euch für das Lob, Sire“, entgegnete sie.


    „Warum so förmlich?“ er trat näher und streckte seine Hand aus. Anathuriel nahm sie und erhob sich von der Bank. Er strich ihr die wirren Haare aus dem Gesicht.


    „Du bist wahrlich eine Bestienmeisterin, wenn du sogar die Losseainn der Chem-Pan-Sey deinem Willen unterwerfen kannst. Jeder fragt sich, woher diese Begabung kommt. Niemand anderem hätte ich meine Felchu besser anvertrauen können. Du hast sie perfekt ausgebildet.“


    Anathuriel zog es vor, die Frage zu überhören und entgegnete: „Es sind hervorragende Tiere, Sire. Sie werden Euch gute Dienste leisten.“


    „Davon bin ich überzeugt. Deine Vorstellung heute hat mich auf eine gute Idee gebracht. Eine Arena ist eine kurzweilige Unterhaltung, eine Große Jagd ein einmaliges Erlebnis. Dieser Chem-Pan-Sey hat sich als robuster herausgestellt, als wir angenommen hatten. Ich will, dass du die Meute dafür trainierst. Einmal habe sie schon Blut gekosten, sie sollen es wieder bekommen.“


    „Es wird mir eine Freude sein, mein Herr“, antwortete sie.


    „Das wird es“, stimmte Quisar ihr zu, wandte sich um und ging.


    Am Treppenaufgang wartete Sirqa auf ihn.


    „Sie ist unter deiner Würde“, bemerkte sie, während sie wieder zu den Logen hinaufstiegen.


    „Jede ist das, liebste Schwester“, entgegnete er. Er hielt inne, nahm ihr Gesicht in seine Hände und küsste sie. „Jede, außer dir.“


    Anathuriel war schon wieder in Gedanken versunken. Sie hatte den Chem-Pan-Sey also nicht getötet. Zumindest nicht so weit, als dass die Heamonculi ihn nicht wiederherstellen konnten. Wie hatte er sie genannt? „Xenos-Hexe.“ Was mochte das bedeuten?



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  • Kapitel IV



    Vier schattenhafte Gestalten kauerten auf einem Dachvorsprung eines der hunderten, monströsen Wohntürme am Rand des inneren Kerns von Commorragh. Wer nicht darauf achtete, hätte sie für irgendeine Art Zierfiguren am Bauwerk halten können. Unter ihnen breitete sich eine jener freitragenden Plattformen aus, in der mehrere Brücken und Stege zusammenliefen, die die einzelnen Türme miteinander verbanden wie im Astwerk von Bäumen aufgespannte Netze von Riesenspinne.


    Gegenüber ihrem Standort erhob sich die Palastfestung von DorchaKerun, der Kabale des Verdunkelten Mondes, gegen das trübe Zwielicht der Schwarzen Sonnen. Der gewaltige Hauptturm glich einem versteinerten Schachtelhalm aus dunkelgrünem, von schwarzen Adern durchzogenen Marmor, der seine Ringe aus erstarrten, fadenähnlichen Blättern in regelmäßigen Abständen vom Stängel fortstreckte. Die Spitze krönte eine zapfenartige, mattgoldene Kuppel. Eine Anzahl von kleineren Nebengebäuden ragten wie Seitentriebe aus dem massiven Sockel, der sich irgendwo im Dunst der Straßenschluchten tief unter ihnen, verlor.


    Margil kam von seinem Erkundungsgang zurück. Er schlug die schwarze Kapuze zurück und strich sich die blonden Haare aus dem Gesicht.


    „Auf der Rückseite sind die umliegenden Gebäude näher, aber keines so nah, dass man von dort hinüberkönnte. Verbindungen gibt es nur zwischen dem Hauptturm und den Nebentürmen, Fenster gibt erst in einer Höhe, die wir von hier aus nicht erreichen können. Das Tor ist der einzige Eingang. So kommen wir da nicht rein.“


    „Und du bist wirklich sicher, dass das der richtige Ort ist?“ wollte Ydril von Illurayon wissen.


    „Ja“, antwortet der. „Der Turm des Grünen Mondes. Keine andere Kabale in Commorragh führt das Symbol Kurnous‘ als Banner.“


    „Und weiter unten?“ wandte Firondhir sich an Margil.


    Der zuckte die Schultern. „Du kannst ja auf den Grund steigen. Wenn du nur halb so viele Geschichten wie ich gehört hast über das, was sich dort rumtreibt, würdest du die Frage nicht stellen.“


    Firondhir reagierte leicht gereizt. „Was du nur gehört hast, habe ich möglicherweise schon gesehen.“


    „Wir werden es uns ansehen“, entschied Illurayon. „Mit Glück müssen wir überhaupt nicht bis nach ganz unten. Aber seid vorsichtig. Margil hat nicht ganz unrecht. Der Schatten, unser Verbündeter in der äußeren Welt, kann hier unser tödlicher Feind werden.“


    Sie machten sich an den Abstieg. Die mit Zierbögen, Erkern und überhängenden Dächern überladene Fassade des Gebäudes machte es ihnen leicht. Nach kurzer Zeit hatte sie eine Brücke erreicht, die auf die Plattform hinunterführte. Auf den Stegen herrschte reger Verkehr. Niederes Fußvolk der Kabalen ging seinen Geschäften nach, Drukhari in dornenstarrenden Rüstungen oder wallenden Gewändern, fremdweltliche Söldner mit schuppen- oder fellbedeckten, tierähnlichen Gesichtern, vereinzelt sogar Incubi in ihren imposanten Plattenharnischen und hohen, gehörnten Helmen. Wo immer sie auftauchten, hielten die übrigen Passanten respektvoll abstand. Die fünf Ranger zogen ihre Kapuzen über und mischten sich in die Menge.


    Der Platz reicht nicht bis an die Mauern des Festungsturmes heran. Eine weite Kluft trennte den Platz von dem Gebäude. Eine Brücke breit wie eine Prachtstraße, gesäumt von Standbildern in Kampf- und Siegesposen, führte auf das Tor zu. Am Geländer der Plattform einige Dutzend Schritte vom Zugang entfernt trafen die Ranger wieder zusammen und betrachteten die Szenerie.


    Die gewaltigen Ausmaße des Palastes wurden erst hier, auf Höhe des Haupttores, wirklich deutlich. Er hatte den Umfang einer kleinen Stadt, umgeben von mehreren, die vorderen jeweils überragenden Mauerringen, die aus abertausenden sechseckigen Stelen aus stahlgrauem, metallisch schimmerndem Gestein zusammengesetzt schienen. Mehrere Dutzend Kabalenkrieger in schwarz glänzenden Rüstungen, golden ornamentiert, mit Helmbüschen wie aus dünnem Kupferdraht und himmelblauen Seidenschärpen patrouillierten auf dem Übergang. In den Händen hielten sie schwarz und golden polierte Splittergewehre.


    Das Tor hatte eine leicht elliptische, spitz zulaufende Form, eine Höhe von mehreren Stockwerken, und war von einem Rahmen aus nach außen gebogenen Dornen aus glänzend schwarzem Metall eingefasst. In die kupferglänzenden Torflügel waren verschlungene Muster aus Tieren und Drukhari eingearbeitet, die sich in grauenvolle Kämpfe umeinanderwanden. Über allem thronte ein verzerrtes Abbild Kurnous‘, mit wildem Haar, geweihtragend, in einen Harnisch aus blutigen Häuten und Knochen gehüllt, die Mondsichel als Bogen in den Händen willkürlich auf alles zielend, was sich unter seinen Füßen regte. Je länger man hinsah, je mehr Details man entdeckte, um so grässlicher wurden die Szenen.


    „Eine klare Ansage“, stellte Margil fest.


    Ydril lehnte sich derweil über das Geländer. „Schaut“, rief er.


    Etliche Meter unter ihnen, aber noch deutlich oberhalb des grünlichen Dunstes, ragte eine lange Bogenbrücke durch die Leere und mündete auf einem Balkon vor einer hohen, doppelflügeligen Tür im Sockel der Palastfestung. Wachen waren keine zu sehen.


    „Lasst uns das anschauen“, sagte Illurayon.




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