Anton Kalen - Der Anfang vom Ende

  • -Anton Kalen-

    Der Anfang vom Ende




    Kapitel I

    Kapitel II

    Kapitel III

    Kapitel IV

    Kapitel V

    Kapitel VI

    Epilog


    Kommentare sehr gerne hier!


    Der Kurzroman als pdf zum Download:

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    Da Schriftdeutsch nicht meine Muttersprache ist, ist Korrekturlesen für mich recht Aufwendig. Da es sich hier um ein nicht-kommerzielles Projekt handelt, habe ich demnach darauf verzichtet. Ich entschuldige mich schon jetzt für allfällige Fehler. Falls mir zufällig mal was auffällt, werde ich das natürlich nach und nach korrigieren. Allenfalls durch euch gemeldete Fehler werden ASAP korrigiert.


    An dieser Stelle einen ganz herzlichen Dank an Mondschatten für das absolut spitze Lektorat für die ersten beiden Kapitel! Mit ihrer Hilfe konnten sowohl Grammatik- als auch Form-Fehler ausgemerzt werden, was die Story, qualitativ doch massiv verbessert hat!


    Diese Fanfic wird in unregelmässigen Abständen neue Kapitel erhalten. Ein Release-Datum für Kapitel XY gibt es nicht nicht (und wird es nicht geben - it's done when it's done).

    Gerne nehme ich auch kritische Kommentare entgegen oder lasse mich auf Diskussionen über das Setting, die Charaktere, ihre Denkweise etc. ein; beziehungsweise würde mich das sogar freuen und motivieren, dranzubleiben :)


    Ich schreibe die Story in Word und verwende Taschenbuchformat; sprich mit einem Einzug bei jeder neuen Zeile. Da das hier im Forum nicht Umsetzbar scheint, habe ich alle Einzüge durch Zeilenabstände ersetzt. Ich hoffe, es ist so leserlich genug!

  • I


    »Anton, spürst Du das?«


    Eine sanfte Stimme erfüllte den Geist des Inquisitors, der gerade die Missionsparameter im Einsatzraum der Gebirgsvagabund überprüfte.
    »Diese Leere… Eine so unendliche, verzerrende Leere… Passt da unten auf Dich auf!«


    Echte Besorgnis schwang mit Ashenyas Stimme mit. Doch auch Anton spürte, dass diesmal etwas anders war. Er selbst spürte diese Leere, die seine Gefährtin verunsicherte. Es schien, als ob der ganze Planet in einem tiefen, dunklen Abgrund lag; als ob etwas alle Schatten im Warp, ja sogar den Warpraum selbst, verschlang. Die Warpsignatur all der vielen Seelen auf Ysraal VI, die man eigentlich hätte spüren sollen, war einfach nicht da. Dies würde wahrlich kein Routineeinsatz werden.


    »Ja. Ich spüre es auch«, antwortete Anton telepathisch. »Doch was auch immer der Grund für diese Leere ist… Es ist meine Pflicht, die Vorkommnisse auf dieser Welt zu untersuchen. Es ist meine Bestimmung, das Imperium vor allen Gefahren zu schützen, mögen sie noch so unbegreiflich sein.«


    »Anton. Ich habe Angst«, erwiderte Ashenya, wenig überzeugt, dass seine Bestimmung Anton unsterblich machen würde. »Ich habe so schreckliche Angst. Diese Leere ist bösartig. Schlimmer als die vielen Schrecken, gegen die wir bisher angekämpft haben.«


    Der Inquisitor konnte die Quarr’va verstehen, doch blieb ihm keine Wahl. Der Ordo Xenos verlangte eine Untersuchung, und wenn so eine der unzähligen Gefahren für das Imperium abgewendet werden konnte, so gab es nichts Notwendigeres, als dieser Anomalie nachzugehen. Ruhig blickte er über die flackernden Monitore, die Daten über die Welt unter ihnen anzeigten.


    Ysraal VI war eine unbedeutende Welt im Ricknah-Sektor, auf der es neben der Hauptmakropole mehrere kleinere Städte gab, in denen die Bevölkerung bisher ein relativ ruhiges, gutes Leben hatte führen können. Wochen zuvor jedoch war die Welt von massiven Unruhen erschüttert worden, in deren Folge sich grössere Teile der Bevölkerung gegen das Imperium gewandt hatten. Der darauffolgende Krieg hatte die von der Hauptstadt nord-östlich gelegenen Provinzen verheert. Erst durch den Einsatz des Astartes-Ordens der Red Wolves, hatte das Imperium die Oberhand gewinnen können und die Häretiker, die von Chaos Space Marines angeführt wurden, wurden in den Dschungel zurückdrängt. Während Truppen des 101. Armageddon und der Red Wolves im unzugänglichen Urwald Jagt auf die übriggebliebenen Ketzer machten, tauchte wie aus dem Nichts eine neue Bedrohung auf: Fremdartige Maschinenwesen griffen ohne Vorwarnung die vom Krieg gezeichneten Siedlungen der Ysraaler an und vernichteten alle, die sich ihnen in den Weg stellte. Eine gewaltige Gegenoffensive der Imperialen Armee und des Adeptus Astartes konnte den Vormarsch dieser unheimlichen Bedrohung zwar stoppen, musste dabei aber schwere Verluste hinnehmen.


    Anton war nun als Gesandter des Ordo Xenos damit beauftragt, die Gefahr, die von diesen Alien-Maschinen ausging, abzuwenden. Während Space Marines und Imperiale Armee in den peripheren Gebieten die Stellung gegen immer neue Angriffe des neuen Feindes hielten, musste Anton sich einen Überblick über die Situation schaffen und dann entscheiden, wie das Imperium vorgehen sollte. Er würde in der Hauptstadt landen und sich mit den militärischen Befehlshabern kurzschliessen, um eine Idee zu bekommen, wie die Lage stand. Dann musste er sich zwangsläufig zur Front begeben, um den Feind zu identifizieren und herauszufinden, wie man ihn vernichten konnte. Sein Team würde auf der Gebirgsvagabund bleiben. Anton wollte es nicht unnötigen Gefahren aussetzten.


    Nachdem der Inquisitor sein Vorgehen festgelegt hatte, bat er den Astropathen seines Schiffes, die Führungskräfte der imperialen Truppen von seiner Anwesenheit in Kenntnis zu setzten, und begab sich dann zum Schiffshangar, wo der ein Aquila Lander zum Einsatz bereit stand. Sobald Anton an Bord des Transporters befand, lösten eine Unzahl von Servitoren die unzähligen, dicken Kabel, die im Hangar das Schiff mir Energie versorgten, sowie den mächtigen Schlauch, über den der Transporter mit Promethium betankt worden war. Mit einem ohrenbetäubenden Rauschen starteten die Triebwerke des Aquilas, während sich die Hangartüren langsam öffneten. Der Pilot steuerte das Landungsschiff mit routinierter Gelassenheit aus dem Rumpf des Kobra-Klasse-Zerstörers und nahm sogleich Kurs auf die Hauptmakropole. Schon nach kurzer Zeit durchstiess der Transporter die Atmosphäre, wobei Anton heftig durchgeschüttelt wurde. Er würde sich nie daran gewöhnen.


    Obwohl er keine Probleme damit hatte, zwischen den Sternen hin und her zu reisen, war ihm dieser eine Moment, wenn das Schiff in die Atmosphäre eindrang, immer unangenehm. Lieber setzte er sich bei Warpreisen der Gnade des Imperators aus, als sich, wie jetzt, den Gesetzen der Physik unterzuordnen.


    Der Inquisitor spürte die aufkommende Übelkeit. Wahrhaftig – er hasste das. Nach einer gefühlten Ewigkeit verringerten sich die Vibrationen langsam, bis das Schiff schliesslich den Wiedereintritt erfolgreich beendet hatte. Unter ihnen eröffnete sich Outrus, der grösste und einzig besiedelte Kontinent von Ysraal VI. Dunkles, sattes Grün überzog grossflächig die äquatoriale Zone, scharf begrenzt durch mächtige Gebirgsketten, die wie ein Haifischgebiss in den Himmel ragten. Mit unendlichen Gletschern übersäht, mussten die weissen Gipfel nahezu zehntausend Meter hoch sein. Auf der anderen Seite des Gebirges fiel das Gelände steil ab. Eine vertrocknete, erodierte Felslandschaft nahm dessen Platz ein. Polwärts flachte die Topographie weiter ab und die zerklüfteten Plateaus verwandelten sich in weite Steppen, die hin und wieder durch riesige Seen geteilt wurden. Auf einer gigantischen Halbinsel lag sodann die Hauptmakropole, das eigentliche Ziel Antons.


    Als der Pilot den Sturzflug beendete und eine flache Flugbahn hin zur Makropole ansteuerte, knarzte das Schiff fürchterlich. Verschiedene Verbindungselemente quietschen unheimlich unter den unglaublichen Kräften, die auf die Aussenhülle des Aquila einwirkten. Anton beobachtete, wie sich einige Kabel- und Schlauchverbindungen aus den ungezählten Schaltelementen lösten, worauf wahlweise irgendwelche Gase mit hohem Druck austraten, oder die Leitungen sich mit kleinen Blitzen an den umliegenden Armaturen entluden.


    Wissend um das hohe Alter des Aquila und der Sorgfalt, die die Tech-Priester bei der Pflege der gesegneten Maschine aufwendeten, war Anton jedoch kaum beunruhigt. Es war völlig normal, dass sich nach ein paar tausend Jahre irgendwelche Kabelverbindungen lösten. Das passierte bei jedem Wiedereintritt. Der Inquisitor fragte sich, ob es wohl jedes Mal wieder andere Verbindungen waren, oder einfach immer die gleichen Schwachstellen nachgaben. Unabhängig davon wusste er aber mit Sicherheit, dass das Schiff nach jeder Landung wieder hergerichtet wird, um unbeschadet weitere Einsätze durchzuführen.


    Endlich erreichte sein Shuttle den Fuss der Makropole - ein gigantischer Moloch aus Stahl und Beton mit kilometerweitem Durchmesser. Sein Pilot, der zwischenzeitlich per Funk mit der Fliegerleitzentrale Kontakt aufgenommen hatte, bekam just in diesem Moment die Landeerlaubnis und -koordinaten. Beim Anflug auf das Landepad blickte Anton durch die Beobachtungskuppel über die Stadt. Verglichen mit anderen Makropolen, wie zum Bespiel Necromunda, war diese hier fast schon winzig klein. Entsprechend schienen aber die Lebensbedingungen deutlich freundlicher zu sein. Durch die geringere Bevölkerung hatte es zwischen den Gebäuden immer wieder kleine Plätze, teils einfache, leere Plätze, die aber etwas Luft zum Atmen – und Sonnenlicht – spendeten, teils Plätze mit grünen Parkanlagen, die einen wahrlich angenehmen Eindruck machten. Die Luftqualität musste hervorragend sein. Der dicke, toxische Smog lichtete sich bereits nach schätzungsweise nicht einmal einem Kilometer Höhe.


    Da sie schon fast an ihrem Ziel angekommen waren, heulten die Bremstriebwerke auf. Die leichten Vibrationen, die durch den Bremsvorgang erzeugt wurden, erinnerten Anton unangenehm an den Wiedereintritt. Das gleichmässige Zischen irgendwelcher gebrochenen Gasleitungen lenkte seine Aufmerksam aber erfolgreich auf das scheinbar unlogische, verwirrende Chaos aus Rohren, Kabeln und Schläuchen, dass das Innere des Aquilas zierte. Mit einem dumpfen Schlag setzte das Schiff sanft auf dem Landepad auf – der Pilot hatte sich selbst übertroffen und den Transporter mit grösster Präzision gelandet. Er hatte den Schub so angepasst, dass das Schiff exakt in dem Moment zum Stillstand kam, als es auf der Plattform aufsetzte. Die Triebwerke schalteten in den Leerlauf und die Schiffssysteme fuhren hinunter. Nach einem kurzen Moment der Ruhe begann die Türhydraulik zu beben, als die Transportluke sich öffnete. Zusammen mit den ausgetretenen Gasen, die sich flimmernd an der frischen Luft verflüchtigen, trat Anton nach draussen. Der Himmel über der Makropole war vollkommen wolkenlos. Die Sonne stand in steilem Winkel am Himmel, ohne dass die Temperatur jedoch unangenehm heiss gewesen wäre.


    Der Inquisitor blickte um sich. Mehrere Reclaimatoren und Servitoren schwärmten um sein Schiff herum aus, um es für den Rückflug vorzubereiten. Am unteren Ende der Rampe zur Plattform stand eine kleine Abteilung Imperialer Soldaten – wahrscheinlich sein Begrüssungskomitee. Die Nachricht seines Astropathen schien rechtzeitig eingetroffen zu sein.


    »Gut gemacht, Soldat«, wandte sich Anton an seinen Piloten, der das Schiff hinter ihm verliess, während er selbst noch den Landeplatz inspizierte. »Erneute Einsatzbereitschaft in drei Stunden. Nehmen sie sich einen Moment frei.«


    Der Soldat salutierte stumm und drückte einem der Tech-Priester noch irgendwelche technischen Dokumente in die Hand, ehe er die Plattform verliess. Der Inquisitor tat es ihm gleich, und Schritt den Imperialen Gardisten entgegen, die sofort stramm-standen und äusserst zackig salutierten. Sie trugen standardisierte cadianische Armaplastrüstungen in dunklem Grau und eine perfekt gebügelte, hellblaue Uniform. Anton war sich sicher, dass es sich um Mitglieder einer Gardeabteilung handeln musste. Der Gouverneur Ysraal VIs musste eine hohe Meinung von der Inquisition haben – oder aber er versuchte, seine Gunst mit Gefälligkeiten zu gewinnen. Als Anton die Formation erreichte, trat ein junger Leutnant hervor. Trotz der Anomalie im Warp, die noch immer gut spürbar war, fühlte er, als der Offizier direkt vor ihn trat, dessen Geist. Wenigstens musste er nicht vollkommen auf seine psionische Gaben verzichten.


    »Willkommen in der Hauptstadtmakropole, Inquisitor«, begrüsste ihn der Soldat. »Leutnant Nemiroff der 6. Makropolgarde meldet sich zu Euren Diensten.«


    Anton konnte auch ohne seine psionische Fähigkeiten erkennen, dass Leutnant Nemiroff äusserst nervös war. Er spürte aber auch, dass dieser ihm ehrlichen Respekt entgegen brachte. Anton nahm an, dass Nemiroff erst vor kurzem zum Offizier befördert worden war und daher versuchte, seinen Dienst so pflichtbewusst wie nur möglich zu leisten. Ausserdem war er offiziell als Agent des Ordo Xenos angekündet worden – er war in dieser Funktion praktisch Stellvertreter des Imperators höchst selbst und hatte mehr Befugnisse als alle anderen Imperialen Führungspersonen hier auf Ysraal VI. Wahrscheinlich war er sogar der höchste Beamte, den dieser Leutnant in seinem ganzen Leben je getroffen hatte. Anton konnte seine Nervosität durchaus nachvollziehen – auf jeden Fall in Anbetracht der Imperialen Propaganda, die wohl auch hier äusserst effizient war.


    Um Grunde genommen war Anton nicht viel mehr wert als dieser Soldat. Er war, wie Nemiroff – oder auch all die anderen Soldaten – nur ein Diener des Imperiums, der seine Bestimmung erfüllte. Natürlich verstand der Inquisitor auch, wieso es die imperiale Propaganda brauchte und wieso es in diesem Spiel gewisse Regeln gab, die unumgänglich zu befolgen waren. Daher lag es nicht an ihm, über Sinn oder Unsinn der imperialen Hierarchie zu bestimmen. Anton richtete sich an Nemiroff und nickte ihm wohlwollend zu. Dann schlug er das Zeichen des Aquila – den Imperialen Gruss – worauf die Soldaten sofort und in vollkommener Synchronisation eine bequemere Haltung einnahmen und natürlich auch einnehmen durften.


    »Leutnant Nemiroff. Im Namen Terras bedanke ich mich für die Gastfreundschaft Ysraal VIs. Ich bitte Sie, mich unverzüglich zur Kommandozentrale der planetaren Streitkräfte zu bringen.«


    Anton durfte keine Zeit verlieren. Auch wenn die Front momentan stabil schien, war nicht klar, wie lange sie stabil bleiben würde. Da es sich bei den Angreifern um eine scheinbar unbekannte Xenos-Spezies handelte, musste mit allem gerechnet werden. Nemiroff, der inzwischen deutlich ruhiger wirkte, nickte zackig und wies seine Abteilung an, den Inquisitor zur Kommandozentrale zu bringen. Von den blutjungen Garde-Soldaten abgeschirmt – Anton war sich sicher, dass wohl keiner davon je im Kriegseinsatz stand – folgte er Nemiroff, der die Gruppe anführte. Die Strassen und Gassen der Makropole, teils unter freiem, Himmel, teils in langen, von künstlichem Licht erhellten Korridoren, waren in tadellosem Zustand. Anton war positiv überrascht; normalerwiese – gerade im Bereich der Landungspads – waren die Strassen mit verdreckten Arbeitern, Bettlern und zwielichtigen Händlern übersäht. Stinkende Abgase und offene Mülldeponien gehörten zu jeder Makropole, so wie der Bolter zu einem Astartes-Krieger gehörte. Ysraal VI schien aber eine Ausnahme zu sein. Während sie immer tiefer in das Innere der Makropole vordrangen, überlegte sich Anton, was wohl die Ursache für diese Unterschiede sein konnte. Hier schienen die meisten zivilen Abläufe hervorragend zu funktionieren. Die äusserst geringe Militärpräsenz auf den Strassen der Makropole liess den Inquisitor darauf schliessen, dass selbst die Sicherheit ohne Problem gewährleistet werden konnte.


    Vermutlich, so dachte Anton, lag es unter anderem auch daran, das Ysraal VI bis vor kurzem vom Krieg verschont geblieben war. Krieg verändert nicht nur die Soldaten, die in ihm kämpfen. Er verändert auch eine Gesellschaft nachhaltig. Als Inquisitor war er schon auf vielen kriegsgebeutelten Welten gewesen und hatte schon viele Menschen gesehen, die an den Schrecken des Krieges zerbrochen sind. Hier spürte man die Auswirkungen des Krieges nicht im Geringsten – noch. In den äusseren Provinzen, wo die Aufstände gegen das Imperium ihren Anfang genommen hatten, sah die Situation wahrscheinlich deutlich anders aus. Und würden die Xenos die Front durchbrechen, so würde der Krieg auch die Makropole verschlingen.


    Es war wirklich eine Schande. Es schien, als ob sich wirklich nichts und niemand dem Krieg entziehen konnte.


    Endlich gab Nemiroff das Kommando zum Halt. Sie befanden sich vor einem Transporthub, in dem unzählige Waren- und Personenlifte zu den verschiedenen Ebenen der Makropole führten. Der Leutnant führte sie zu einem militärisch abgesicherten Bereich und meldete den Inquisitor beim Kontrollpunkt an. Gemäss den gängigen Sicherheitsprotokollen musste sich Anton identifizieren, um abschliessend Zugang zu allen Bereichen der Stadt zu erhalten. Der Inquisitor schob seine Inquisitions-Rosette in den Mund des Servitors, der offenbar in die Wand eingearbeitet wurde und durch unzählige Schläuche und Kabel mit den Kontrollsystemen verbunden war. Es dauerte einen kurzen Moment, bis die implantierten Systeme des Servitors alle Daten auslesen konnte. Ein schweres, metallischen Atmen zeugte von der ungewohnt hohen Leistung, die der Prozess dem Servitor abverlangte. Endlich bestätigte die mechanische Stimme die Echtheit der Rosette.


    »Inquisitor – Anton Kalen – Identität – bestätigt – Willkommen – in der – Hauptstadt – Makropole«, schepperte es den aus Lautsprechern, die in den Augenhöhlen montiert wurden, da wohl die Stimmbänder für Sensoren und Lesegeräte entfernt wurden.


    »Ihr Servitor benötigt eine Rechen-Optimierung«, wandte sich Anton an den Wachoffizier des Kontrollpunktes. Es war offensichtlich, dass ihn das Auslesen der Inquisitions-Rosette an seine Grenzen gebracht hatte. »Ich werde veranlassen, dass sich ein Tech-Priester darum kümmert.«


    Mit einem dankenden Nicken und einem respektvollen Salut gab der Offizier den Weg frei. Nemiroff übernahm wieder die Führung und brachte den Inquisitor vor einen weiteren Kontrollpunkt.


    »Hier trennen sich unsere Wege«, sagte Nemiroff fast schon enttäuscht. »Dieser Bereich ist nur für Stabsmitglieder freigegeben. Es war mir eine Ehre, Euch zu dienen!«


    Anton schlug das Zeichen des Aquilas, um den Leutnant zu entlassen, der Anton sogleich bei einem gelangweilt aussehenden Major anmeldete. Sobald dieser realisierte, dass der Inquisitor angekommen war, richtete er etwas panisch die Uniform und kam Anton entgegen.


    »Major Lemberg, Stabsabteilung«, nuschelte der Offizier etwas überrumpelt, während er etwas gequält salutierte. »Transportlift 96-2 führt Euch direkt zur Kommandozentrale. Äähm… Eine Ehre. Also, eine Ehre Euch dienlich zu sein!«


    Anton grinste innerlich. Ein typisches Beispiel für einen Berufsoffizier, der zu langweiliger Schreibtischtätigkeit abkommandiert worden war. Gelangweilt und unterfordert verloren sie schnell Disziplin und Pflichtbewusstsein. Ohne Uniform wären sie wohl nicht von einfachen Bürokraten zu unterscheiden. Dennoch war Anton sehr wohl bewusst, dass niemand eine Militärkarriere einschlug, um eine solche Aufgabe zu übernehmen. Die Rekrutierungskampagnen verschwiegen sehr gerne, dass ein nicht unwesentlicher Teil des Militärs in Logistik und Administration tätig war. Manche möchten sich bei der Armee melden, um heldenhaft im Dienste des Imperiums gegen die Feinde der Menschheit zu kämpfen, ja, sogar freiwillig darum bitten, direkt an der Front stationiert zu werden. Doch die Imperiale Armee musste zuallererst ihre eigenen Bedürfnisse erfüllen. So gab es wohl Millionen tapferer Idealisten, alle bereit, den Heldentod zu sterben, die durch reines Pech dazu ausgewählt wurden, eine solch ermüdende, undankbare Arbeit zu verrichten. Und – da nur der Tod vom Dienst befreite – würden diese Männer und Frauen bis an ihr Lebensende dazu verdammt sein, nie endende Routinearbeiten durchzuführen. Dass Disziplin und Pflichtbewusstsein in dieser Situation mit der Zeit nachliess, sah Anton als gegeben. Es war schlicht menschlich. Natürlich entsprang Ketzerei aus Müssiggang; aber nach Antons Ansichten waren diese – natürlich unleugbaren – Fälle nur besonders gefährliche Ausnahmen.


    Der Inquisitor entliess den Major, der sich daraufhin so schnell wie möglich in sein Büro zurückzog – und begab sich zum besagten Transportlift. Sobald er eingetreten war, aktivierte ein Servitor die Liftsteuerung. Mit unglaublichem Krächzten und Quietschen begann die Kabine, zur Spitze der Makropole aufzusteigen. Anton war kurz davor, die Geduld zu verlieren, als der Lift endlich am Zielpunkt angekommen war. Um sich während der endlosen Fahrt wenigstens etwas abzulenken, versuchte der Inquisitor, die Gesichtsmimik des Servitors, der den Lift bediente, zu studieren – musste aber feststellen, dass dieser keinerlei Mimik besass und nur geistlos vor sich hinstarrte. So blieb ihm nichts anderes übrig, als für die Dauer der Fahrt einfach die kalten, stählernen Kabinenwände anzustarren. Das Öffnen der schweren Lifttüren war wortwörtlich ein befreiender Moment.


    Anton trat vor und befand sich direkt in der Kommandozentrale der PVS. Im Gegensatz zur Makropolenstadt, fühlte er hier definitiv den Schauer des Krieges. Die Zentrale war zwiebelförmig aufgebaut. Der äusserste Ring beinhaltete Beobachtungsposten, von denen man auf eine Seite Kilometer weit über das Umland der Hauptstadtmakropole, bis an die gewaltigen Bergketten, die das Trockenland und den tropischen Dschungel voneinander trennten, blicken konnte. An der anderen Seite bot sich ein ehrfürchtiger Ausblick über die Süd-West-Seite Makropole. Zwischen den einzelnen Beobachtungsstellen lagen verwaiste Abschussvorrichtungen für Radarsuchkopfraketen. Mit einer dicken Schicht aus vertrocknetem Schmierfett überzogen und vollkommen in einen Staubmantel gehüllt, war offensichtlich, dass diese Raketenstellungen – wenn überhaupt – schon Jahrzehnte nicht mehr im Einsatz waren.
    Da das wenige Licht, dass durch die Beobachtungsposten von draussen nach innen drang, von den dunklen Wänden aus grobem Panzerstahl fast vollständig verschluckt wurde, hing eine Vielzahl kleiner Glühbirnen von der Decke. Sie spendeten jedoch nur flackerndes Rotlicht, was Anton sofort an die Verteidigungsstellungen des 19. Krieg-Infanterieregiments erinnerte, dass er während der Thule-Offensive vor fünf Jahren begleitet hatte. Solch bescheidene Zustände hätte er hier auf Ysraal VI jedoch nicht erwartet.


    Obwohl der Inquisitor gerne die Aussicht über die Makropole genossen hätte und sich eine kleine Pause in einem der Beobachtungsstände hätte gönnen können, war ihm bewusst, dass er im schlimmsten Fall gegen die Zeit spielte. Er musste auf ein solches Kleinod verzichten. Er hatte die Verantwortung über Milliarden Bürger des Imperiums und würde diese Verantwortung verdammt ernst nehmen. Dafür wurde er ausgebildet, dafür diente er der Inquisition. Etwas über die Umstände seines Besuches enttäuscht, schritt er weiter und begab sich in den zweiten Ring der Zwiebel. Dieser war wie die Aussenwand nochmals von dicken Panzerplatten umgeben. Offiziere, Servitoren und hohe Beamte wuselten gestresst herum und bearbeiteten an einer nie enden wollender Zahl kleiner, enger Arbeitsplätze, verschiedenste Formulare und Dokumente. Hier war die Logistikzentrale dieser Welt – der vielleicht wichtigste Teil der planetaren Streitkräfte. Typisch für das Imperium, liefen alle Anfragen und Bewilligungen nur über eine einzige Stelle. So musste jeder Befehl, jede Bestellung und ganz allgemein jedes Stück Papier, das die Armee betraf, diese endlosen, in Rotlicht getauchten Büros passieren. Servitoren mit integrierten Nadeldruckern spien nahezu durchgehend neue Dokumente aus, die von einer bemerkenswerten Vielfalt an mechanisch-organischen Wesen zu ihrem jeweiligen Zielort gebracht wurden. Das Ziel des Inquisitors war jedoch der innerste Kern der Zwiebel: Der Sitz des planetaren Oberkommandos.


    Von den dauergestressten, hektischen Schreibtischarbeiter weitgehend ignoriert, begab sich Anton näher zum Kern der Zentrale. Vor der Durchgangstür zum innersten Teil stand dann auch der definitive Beweis, dass der Krieg auch auf Ysraal VI mit voller Härte wütete: zwei Marines des Adeptus Astartes hielten Wache - zwei Meter grosse Hünen, genetisch verbesserte Elitekrieger des Imperators. Die Engel des Todes, Beschützer der Menschheit. In ihren mächtigen Servorüstungen waren sie wahre Kolosse. Als sich der Inquisitor ihnen näherte, zogen sie sofort ihre Bolter straff an die Brust und nahmen Haltung an.


    »Der Imperator beschützt!«


    Die Begrüssung des Space Marines donnerte mit der für Astartes-Servorüstungen typischen Verzerrung. Anton quittierte den Gruss mit dem Zeichen des Aquila und betrat den zentralen Kommandoraum. Flackernde Röhrenbildschirme bedeckten die Wände und zeigten allerlei offenbar wichtige Daten. Zahlreiche, äusserst beschäftigte Stabsoffiziere taten ihren Dienst und koordinierten über antiquierte Rechner, die wohl aus längst vergangenen Zeiten stammten, die Verteidigungsbemühungen auf Ysraal. Hinter einer angedeuteten Raumteilung erkannte der Inquisitor einen einzelnen Astropathen, der einen äusserst kränklichen Eindruck machte. Dennoch stellte dieser eine schnelle und effektive Kommunikation sicher. Dem Inquisitor war bewusst, dass dessen Anwesenheit ein deutliches Indiz dafür war, dass der Kommandostab durchaus effizient arbeitete. In der Mitte der Kommandozentrale befand sich ein gigantischer Tisch mit einer Holo-Projektion der Planetenoberfläche. Am hinteren Ende des Tisches erblickte Anton eine kleine Gruppe Offiziere, die sich aufmerksam um drei offenbar wichtige Individuen scharrte – und mit genau diesen Personen, musste der Inquisitor dringen sprechen.


    Als sich Anton der Menschentraube näherte, zogen sich bis auf die drei Kommandeure alle anderen Offiziere zurück. Da er unschwer als Inquisitor zu erkennen war – sowohl Umhang als auch Uniformrock waren mit Symbolen des Ordo Xenos verziert – war diese Reaktion nachvollziehbar. Übernahm ein Inquisitor die Befehlsgewalt, waren die unmittelbaren Folgen dessen oft Exekutionsbefehle. Doch Anton war weder hier, um die Militärführung zu säubern, noch um das Oberkommando zu übernehmen. Natürlich war es eine Tragödie, dass die feindseligen Xenos nicht schon lange besiegt waren. Doch gegen eine vollkommen unbekannte Spezies, die laut Berichten über enorm fortschrittliche Technologie verfügte… Mehr als die Stellung zu halten, konnte und wollte er nicht erwarten. Viel mehr war er hier, um mehr über diese Bedrohung herauszufinden. Ob Alien, Dämon oder Maschine, alles hatte einen Schwachpunkt. Würde er diesen Schwachpunkt finden, würde der Zorn des Imperators mit gnadenloser Härte zuschlagen und alle, die sich der Glorie des Imperiums widersetzten, zerschmettern.


    Einer der drei Gestalten schritt ihm direkt entgegen. Der Astartes trug eine meisterhaft gefertigte, rote Servorüstung mit schwarzen Mark-VI-Schulterpanzern. Ein schlichter, brauner Umhang kontrastierte mit prunkvollen Ehrenabzeichen aus Juwelen, Gold und Platin, und verlieh dem Marine trotz all der Schmuckstücke eine durchaus demütige Aura. Ein einzelner Platin-Dienstbolzen an der Stirn zeugten von wohl mindestens einem Jahrzehnt als Captain seiner Kompanie.


    »Captain Hamad, 3. Kompanie der Red Wolves, Befehlshaber der Einsatzgruppe Kasbah.«


    »Anton Kalen, Inquisitor des Ordo Xenos«, stellte sich Anton vor. Er wusste, dass viele Astartes gegenüber der Inquisition mehr als nur misstrauisch waren und war gespannt, wie der Captain auf das Offensichtliche reagieren würde.


    »Es ist mir eine Ehre, Inquisitor. Die Red Wolves stehen Euch zur Verfügung«, entgegnete der Marine, der, zu Antons Verwunderung, seine Autorität ohne Zögern zu akzeptieren schien.


    »Wer hat hier das Kommando?«, fragte der Inquisitor und nickte zu den beiden anderen Personen, die sich noch immer im Hintergrund hielten. »Ich brauche einen ausführlichen Lagebericht!«


    »Natales Chimed, Vertreter des Adeptus Mechanicus auf Ysraal VI.«


    Der Space Marine deutete auf eine der Gestalten, die sich ehrfürchtig verbeugte. »Und der planetare Gouverneur Admund Nekosson Tibirs, Herr über Ysraal VI und Oberbefehlshaber der PVS…«


    Hamad unterbrach seine Vorstellung für einen Sekundenbruchteil und fuhr dann mit gedämpfter, fast flüsternder Stimme fort, so dass nur Anton ihn hören konnte:


    »Unfähiger Bürokrat – Vorsicht.«


    Der Inquisitor nickte wissend. Leider war es eine Tatsache, dass viel zu viele imperiale Gouverneure ihren Rang und ihre Titel nicht aufgrund guter Leistung verliehen bekommen hatten. Es war fast schon eine Krankheit des imperialen Verwaltungsapparates. Immer und immer wieder traf Anton auf Wichtigtuer oder auch gefährlich einfältige Personen, die diesen verantwortungsvollen Posten innehatten. Obwohl er, im Gegensatz zu vielen anderen Inquisitoren, eine Exekution nur als allerletztes Mittel einsetzte, hatte er das Imperium sicherlich schon von einem Dutzend Gouverneure befreit.


    Anton trat vor den Tech-Priester und den Gouverneur und schlug das Zeichen des Aquilas. Mit einem extrem blechernen, aber sehr melodiösem Singsang begrüsste ihn der Tech-Priester, in dem er irgendeine kaum verständliche Lobpreisung an den Imperator von sich gab. Der Gouverneur, ein etwas untersetzer, aufgedunsener Mann, blickte ihn mit einer Mischung zwischen Verachtung und Furcht an.


    »Admund Nekosson Tibris – im Namen des heiligen Gottimperators Gouverneur dieser Welt sowie Oberbefehlshaber aller Imperialen Streitkräfte auf Ysraal VI«, begann der Gouverneur mit arrogant gehobenem Kinn zu reden, mehr Wert darauf legend, seine Autorität zu beweisen, als sich vorzustellen.
    Anton wusste zu gut, wie er mit einer solchen Person umzugehen hatte.


    »Inquisitor Anton Kalen, Ordo Xenos«, sagte Anton und holte zum Gegenschlag aus. »Gesandt nach Ysraal VI im Namen des Ordens der Heiligen Inquisition zu Terra. Ich bin der Wille des Imperators. Ich vollstrecke sein Urteil. Der hiesigen Xeno-Bedrohung muss Einhalt geboten werden. Jeder imperialer Bürger auf Ysraal VI hat meinen Anweisungen bedingungslos zu folgen. Zuzüglich verlange ich, dass der Orden der Red Wolves meinen Willen mit allen zur Verfügung stehenden Mitteln durchsetz. Ich nehme an, ich habe Eure hundertprozentige Unterstützung, Gouverneur?«


    Während Captain Hamad mit einem kaum merklichen Grinsen sofort dem Inquisitor gehorsam zusicherte, veränderte sich die Haltung Tibirs‘. Selbst ohne psionische Kräfte erkannte Anton, wie die Verachtung der Wut wich und sich schliesslich in purem Entsetzen löste. Gouverneur Tibris war es sich gewohnt, seinem Rang entsprechend vor niemandem Rechenschaft ablegen zu müssen. Obwohl er durchaus wusste, dass die Inquisition existierte, hatte er jedoch nie mit dieser zu tun gehabt. Er war der Meinung, er stünde als planetarer Gouverneur an der Spitze der imperialen Hierarchie. Nach der Ansage Kalens wurde ihm bewusst, dass er sich gewaltig geirrt hatte. Wenn selbst ein Captain der Space Marines – und wie sich in den vergangenen Tagen herausgestellt hatte, ein besonders störriger Captain der Space Marines – sich ohne den kleinsten Widerstand unterordnete, dann sollte er dem wohl gleichtun. Die zuvor widerspenstige Haltung wich einer schleimigen Unterwürfigkeit, die eines Politikers durchaus würdig war.


    »Natürlich, Herr Inquisitor, aber natürlich«, begann Tibris mit plötzlich ungeahnt weicher und freundlicher Stimme zu sprechen. »Sagt nur, was Ihr braucht. Ich - ich werde es besorgen!«


    Anton hatte für den Gouverneur jedoch keine Verwendung mehr.


    »Tretet zurück! Captain Hamad, ich wünsche einen umfangreichen Lagebericht.«


    Gouverneur Admund trat mit dem Gesicht eines enttäuschten Kindes zurück und machte dem Space Marine Platz.


    »Das Helm-Gebirge schirmt die Hauptstadtmakropole nach Nord-Osten hin zum äquatorialen Dschungel ab«, begann Hamad seine Ausführungen. »Von dort schlugen uns erste Angriffswellen der Xenos entgegen. Kurz darauf rückte ein grösserer Verband des Gegners von der Südseite des Gebirges an und umgingen so die Verteidigungsstellungen bei Haq’Yahel.«


    »Und diesen Angriff habt Ihr mit einer Gegenoffensive zurückgeschlagen?«, fragte Anton nach, obwohl er die Berichte dazu schon gelesen hatte.
    »Es war ein harter Kampf«, antwortete Hamad. »Als sich die Schlacht zu unseren Gunsten wendete, verschwanden die Xenos einfach. Sie scheinen über Teleportations-Technologie zu verfügen; selbst die von uns vernichteten Xeno-Konstrukte verschwanden, ohne eine Spur zu hinterlassen.«


    »Und die momentane Lage?«


    »Wir können die Front halten, verloren aber die Kontrolle über die strategischen Passstrassen. Die Truppen bei Haq’Yahel, jenseits des Helm, sind eingekesselt.«


    »Die Kampfkraft der Xenos?«


    »Unbekannt. Sie greifen in steten Wellen an, egal, wie viele Verluste wir ihnen zufügen. Angst oder Furcht scheinen sie nicht zu kennen. Tech-Priester Chimed hat ihre Einsatzmittel so gut es geht analysiert.«


    Hamad beendete seine kurze Zusammenfassung und wies auf den Tech-Priester, der zu Anton hervortrat.


    »Die Technologie ist äusserst interessant«, begann Chimed mit seinem melodischen Singsang.


    »Wir glaube, die Angreifer sind vollständig künstliche Konstrukte. Technohäresie… Vielleicht sogar Abscheuliche Intelligenz. Vollständige Vernichtung leider notwendig. Die Wirkung ihrer Waffen entspricht keinem dem Imperium bekannten Waffensystem. Es scheint, als dass sich bei einem Treffer die Materie zersetzt – sehr gefährlich. Selbst Servorüstungen bietet keinen effektiven Schutz…«


    Anton verstand. Es war eine Schande, solch mächtige Technologie zu zerstören. Aber würde es sich sogar um A.I. handeln – der Imperator behüte – wäre es viel zu gefährlich, diese zu untersuchen. Darüber hinaus bestünde dann auch die Gefahr, dass die Technologie in falsche Hände geriet – was sehr schnell, sehr schlimme Folgen haben konnte. Ausserdem hatte Chimed bei der Vermutung auf Technohäresie mit Sicherheit bereits das Adeptus Mechanicum verständigt. Anton vermutete, dass wohl bereits Kampfverbände des Mechanicum unterwegs waren, um dessen Interessen zu wahren. Diese ‚Untersuchung‘ entwickelte sich ziemlich schnell zu einem Kampfeinsatz. Doch um erfolgreich gegen den Feind vorgehen zu können, musste Anton mit eigenen Augen sehen, wer oder was sich dem Imperium entgegenstellte.


    »Captain Hamad.«


    Anton wandte sich an den Space Marine. »Ich breche in den Kessel von Haq’Yahel auf. Ich muss mir vor Ort ein Bild von unseren Gegnern machen.«
    »Inquisitor«, antwortete der Captain, »Haq’Yahel ist nahezu überrannt…«


    Anton unterbrach den Space Marine. »Wir holen unsere Männer da raus. Captain, Ihr bleibt hier und koordiniert weiter die Verteidigung der Hauptstadtmakropole. Gouverneur Tibris – unterstützt die Red Wolves mit allem, was in Eurer Macht steht. Das Adeptus Astartes wird wohl oder übel die Hauptlast der Kämpfe tragen müssen.«


    Captain Hamad nickte zustimmend. »Ich werde euch einige Thunderhawks zur Verfügung stellen, um die Evakuation zu unterstützen. Ich kann aber keine weiteren Truppen entbehren. Ihr seid weitgehend auf euch alleine gestellt.«


    »Das wird reichen. Die Verteidigung der Makropole hat erste Priorität – und ich bin mir sicher, ihr werdet eure Pflicht mit Würde und Ehre erfüllen«, erwiderte der Inquisitor, wissend, dass er mit der Evakuation ein grosses Risiko einging. Um den Feind mit eigenen Augen zu sehen, hätte er auch zur Helm-Front aufbrechen können – Die Soldaten jedoch, die eingekesselt von feindlichen Xenos die Stellungen hielten, verfügten womöglich über weitaus mehr Kenntnissen über die Fähigkeiten und das Wesen ihrer Feinde. Ausserdem hatte sich Anton dem Schutz des Imperiums verschrieben. Würde er nicht zumindest versuchen, einige dieser Soldaten das Leben zu retten, hätte er seine Pflicht vernachlässigt.

  • II


    Die Einsatzvorbereitungen waren schnell abgeschlossen. Anton orderte von der Gebirgsvagabund eine Walküre an, um ihn ins Einsatzgebiet zu fliegen, während der Aquila-Lander als Reserve in der Hauptstadtmakropole bleiben sollte. Zwei Thunderhawks der Red Wolves begleiteten seinen schwarz lackierten VTOL-Flieger. Anton war erstaunt, wie schnell die Space Marines seinen Wünschen entsprachen und mit welcher Hingabe sie sich der Inquisition unterordneten. In der Vergangenheit hatte Anton nur zu oft feststellen müssen, dass die Sturheit einiger Astartes-Krieger eine grössere Herausforderung war, als die Vernichtung seiner Feinde.


    Ein prüfender Blick auf die Navigationskarte sagte ihm, dass sie nun bereits die Hauptverteidigungslinie überflogen hatten und sich dem Kessel von Haq’Yahel näherten. Anton war zuversichtlich, dass er mit einer kurzen, präzise durchgeführten Landeoperation eine kleine LZ sichern konnte. Von dort aus würden er dann die überlebenden Truppen kontaktieren und mithilfe der Thunderhawks evakuieren. Ein Zusammentreffen mit den Xenos-Konstrukten hielt er dabei für äusserst wahrscheinlich, wodurch er das Ziel, aus erster Hand Informationen über den Feind zu beschaffen, auch im Rahmen der Evakuierung erreichen konnte.


    Während Anton im Geiste die einzelnen Schritte der Operation rekapitulierte, riss der Pilot den Flieger plötzlich scharf nach oben und ging auf Maximalschub. Der Inquisitor stiess einen Fluch aus und nahm das Komm-System, um mit dem Piloten Kontakt aufzunehmen.


    »Verdammt, Statusbericht!«, spie Anton mit bebender Stimme in das Funkgerät. Bevor er jedoch eine Antwort bekam, wurde die Walküre mit unglaublicher Kraft durchgeschüttelt und setzte abrupt zum Sturzflug an.


    Anton wusste sofort, dass sie getroffen worden waren und abstürzten. Nach einer gefühlten Ewigkeit knackte es in der Sprechfunkanlage, als sich der Pilot endlich zurückmeldete.


    »Herr, wir sind getroffen«, die Stimme des Piloten war erstaunlich ruhig, »feindliche Abwehrstellungen haben uns überrascht… erschienen plötzlich aus dem Nichts… Das linke Triebwerk ist hinüber und die Tragfläche bricht wohl nächstens auseinander… Notlandung einzige Option.«


    »Roger. Notlandung einleiten«, bestätigte Anton, der wusste, dass nun nicht die Zeit war, sich um Details zu kümmern – auch wenn er liebend gerne gewusst hätte, was sie da genau angegriffen hatte. Er wandte sich an den Gardistentrupp, den er als Rückendeckung von seinem Schiff geordert hatte. Die Männer und Frauen sassen stoisch auf ihren Sitzplätzen, die Sicherheitsgurte fest gespannt. Inquisitionsgardisten, allesamt tapfere, erfahrene Krieger. Auch wenn man es ihnen nicht anmerkte, wusste Anton, dass sie Angst hatten.


    »Soldaten des Imperators«, begann Anton, »wir sind angeschossen und werden mitten im Feindgebiet landen müssen. Macht euch bereit, den Transporter nach der Landung unverzüglich abzusichern. Wenn es der Imperator so will, sind die Thunderhawks der Red Wolves noch in der Luft und werden uns Unterstützung geben. Sobald die Absturzstelle gesichert ist, werde ich das weitere Vorgehen koordinieren. Der Imperator sei mit euch.«


    »Der Imperator beschützt!«, antworteten die Soldaten synchron, jedoch mit eingedrillter Monotonie, die wenig überzeugte. Dennoch waren sie alle Veteranen verschiedener Konflikte und wahrscheinlich nicht das erste Mal in einer solchen Situation. Sie würden ihre Aufgabe erfüllen – sollte der Flieger die Landung überhaupt überstehen.


    Der Inquisitor schloss die Augen und konzentrierte sich auf den Warp. Obwohl diese unheilvolle Leere, die er bereits im Orbit über Ysraal VI spürte, noch immer wie ein finsterer Götze in den Schatten des Warps lauerte, spürte er auch die Seelen seiner Männer. Kleine Flämmchen voller Furcht, aber auch voller Hoffnung, Wünschen und Heldenmut. In der unfassbaren Leere, die stetig zu wachsen schien, tanzten diese kleinen Flammen freudig umher. In unzähligen Farben um die Wette glitzernd, beruhigten diese Flämmchen Anton; gaben ihm Ruhe. Es war seine Art der Meditation, wenn er mit seinem Geist vollständig den Schleier durchbrach, und in das Meer der vielen funkelnden Farben menschlicher Seelen eintauchte. Sanfte Stimmen flüsterten wie die nächtliche Meeresbiese, während die Gedanken seiner Mitstreiter traumhafte Bilder formten. Erinnerungen und Träume vermengten sich in einer chaotisch verworrenen Collage.


    Die Bruchlandung der Walküre beendete das Spektakel aber unsanft. Anton riss die Augen auf, als der Transportflieger mit immer noch gewaltiger Geschwindigkeit auf dem Boden auftraf. Der Schlag presste ihn mit unglaublichen Kräften in die Sicherheitsgurte, so dass Anton dankbar war, eine massive Plattenrüstung zu tragen. Ohne diese hätten die Gurtriemen sich wohl direkt in sein Fleisch geschnitten.


    Nachdem die Walküre einige dutzend Meter gerade aus geschlittert war, stellte sich der Flieger quer und überschlug sich mehrmals. Durch die gewaltigen Kräfte, die beim Aufprall wirkten, verlor Anton das Bewusstsein. Noch bevor die Walküre zum Stillstand kam, verwandelte sich alles um ihn herum in schwarzes Nichts.


    Anton vernahm ein dumpfes Gemurmel. Sekunde für Sekunde wurde es lauter und klarer. Endlich nahm sein Verstand die Umgebung wieder wahr. Er öffnete die Augen.


    Er befand sich noch immer auf seinem Sitz, angeschnallt im inneren der Walküre. Doch schien ihm grell das Sonnenlicht ins Gesicht. Das ganze Transportmodul schien vom Rest des Fliegers abgerissen worden zu sein und lag geborsten im unwegsamen Dschungelgelände. Anton roch verschmorten Kunststoff. Schwarzer Rauch stieg aus dem Wrack auf, glücklicherweise schien aber noch kein Feuer ausgebrochen zu sein. Der Inquisitor blinzelte ein paar Mal, während seine Wahrnehmung sich langsam wieder normalisierte. Erst jetzt merkte er, dass der Sergeant seines Gardistentrupps gleich vor ihm stand und versuchte, mit ihm zu sprechen.


    »Sir! Dem Imperator sei Dank«, die Erleichterung des Soldaten war echt, als er bemerkte, dass Anton zu sich kam. »Sir, Sir! Es hat uns voll erwischt. Die Walküre ist hinüber. Wir haben Maxwell und Anderson verloren… Von der Crew hat nur der Pilot überlebt, dieser ist aber schwer Verwundet und wird es wohl nicht schaffen. Henryk und Adams sind ebenso verwundet, aber stabil.«


    Antons Schädel fühlte sich wie ein orkischer Notstromgenerator an. Er brauchte einen Moment, um die Informationen des Sergeant zu verarbeiten.


    »Verflucht…«, wisperte er mehr zu sich selbst, und versuchte, den Sicherheitsgurt aus der verbeulten Halterung zu lösen, was zu seinem Erstaunen problemlos funktionierte.


    »Also noch sechs Mann einsatzbereit«, sagte Anton nun direkt an den Unteroffizier gerichtet. »Wie ist die Lage? Feindkontakt? Ich brauche sofort eine Komm-Verbindung!«


    Der Sergeant brüllte den Namen des Funkers, der sich unverzüglich ins Wrack zum Inquisitor begab. In der Zwischenzeit klärte er Anton über die Lage auf.


    »Bisher kein Feindkontakt. Die Thunderhawks sind noch in der Luft, können aber nur kurze Bodenangriffe fliegen, da das Abwehrfeuer zu stark ist.«


    Anton dachte nach. Es wäre töricht, die Thunderhawks mit einem Landmanöver zu gefährden. Die Astartes-Transportmaschinen konnten hoch genug fliegen, um außer Reichweite der Xenosbatterien zu sein, konnten in niedriger Höhe wohl aber kaum lange dem Abwehrfeuer standhalten. So oder so – Ysraal VI war eine Imperiale Welt. Wie kam es, dass so plötzlich eine Xenos-Spezies solch mächtige Verteidigungsanlagen faktisch aus dem Nichts erschaffen konnte? Anton hatte die taktischen Übersichtskarten des Einsatzgebietes genau studiert und er war sich mit Bestimmtheit sicher, dass es nirgends in der gesamten Region verdächtige Strukturen gegeben hatte.


    Als der Funker bei ihm eintraf, befahl er diesem, eine Verbindung zu einem der Thunderhawks herzustellen. Das Signal war zwar enorm schwach und voller Rauschen, aber wenigstens konnten sie ihre Verbündeten erreichen. Anton sah nur einen Möglichkeit: Sie mussten zu Fuss den Kessel erreichen, gedeckt durch die sporadischen Sturzflugangriffe der Thunderhawks. Von dort aus musste er entweder eine sichere LZ finden, die Abwehrstellungen der Xenos zerstören, oder aber auf dem Landweg zur Hauptverteidigungslinie des Imperiums durchbrechen.


    Nach dem die Space Marines über das weitere Vorgehen informiert waren, gaben sie die beste Route von der Absturzstelle in den Kessel durch und begaben sich in Kampfbereitschaft, um im Notfall mit schnellen Sturmangriffen gegen die Feinde des Inquisitors vorzugehen. Außerdem versicherten sie Anton, dass sie das Oberkommando in der Hauptstadtmakropole über die Situation auf dem Laufenden halten und nach Möglichkeit weitere Unterstützung ordern würden.


    Anton verließ daraufhin das Wrack und begutachtete die Umgebung. Das zertrümmerte Transportmodul hatte sich bei der Bruchlandung etwa einen Meter tief in die dunkle, feuchte Erde eingegraben. Der Rest der Walküre war vollständig auseinandergebrochen. Anton erkannte das Cockpit, das etwa fünfundzwanzig Meter weiter nördlich an einer Felsengruppe zum Stillstand gekommen war. Der Rest des Fliegers schien überall verteilt, Triebwerke und Flügel konnte der Inquisitor nicht entdecken – sie mussten irgendwo weiter zurück im Dschungel liegengeblieben sein. Am Wrack des Transportmoduls waren zwei Leichen angelehnt. Anhand der schwarz-roten Uniform erkannte Anton, dass es sich um die beiden gefallenen Inquisitionsgardisten handeln musste. Einem der beiden ragte ein riesiger Metallsplitter aus der Stirn – er starb wohl, als das Schiff beim Aufprall auseinander brach. Der andere Soldat erlag wohl inneren Verletzungen.


    Etwas weiter davon entfernt sah Anton die drei Verletzen. Die beiden Soldaten hatten bösartig aussehende Platzwunden, wirkten aber durchaus nicht gefährlich Verletzt. Während der eine – mit äußerst zornigem Gesichtsausdruck – an einem Loh-Stäbchen zog, starrte der andere abwesend vor sich hin. Der Piloten wiederum, den seine Männer aus dem Wrack gerettet hatten, bot ein grausiger Anblick. Sein rechter Arm und beide Beine waren völlig zerquetschst und kaum noch mehr als eine fleischigen Masse. Aus seinem Mundwinkel tropfte langsam, aber stetig, Blut. Die Gardisten hatten seine zerstörten Glieder behelfsmäßig mit Verbandsmaterial umwickelt, dass jedoch bereits vollkommen mit seinem Blut vollgesogen war. In diesem Zustand würde er wohl kaum mehr zehn Minuten überleben.


    Haq’Yahel lag nur knapp zwei Dutzend Kilometer westlich der Absturzstelle und sollte innerhalb weniger Stunden erreichbar sein. Doch das Dschungelgelände würde den Marsch äußerst strapaziös machen. Während die beiden verletzten Gardisten immerhin selbstständig gehen konnten, war der Pilot definitiv nicht reisefähig.


    Es gab nur eine Möglichkeit. Anton gefiel diese nicht, aber sie mussten so schnell wie möglich aufbrechen. Er schritt zu den Verletzten hinüber und nickte den beiden Gardisten kurz zu. Dann ging er neben dem Piloten in die Hocke und schaute dem Mann in die Augen. Er erkannte schreckliche Furcht. Furcht und Enttäuschung. Er sah unzählige Träume und Hoffnungen, die zerschmettert dalagen. Der Schwerverletzte erwiderte Antons Blick. Wohl wissend, dass er nicht mehr lange Leben würde, schloss er die Augen und murmelte kaum hörbar ein Gebet an den Imperator. Zeitgleich nahm Anton seine Boltpistole und erlöste ihn von seinem Leid.


    Nun war alles Nötige getan, um die Reise durch den Urwald anzutreten. Anton hoffte, dass sie den Kessel ohne Zwischenfall erreichen konnten. Er selbst verfügte zwar über mächtige Waffen und eine hervorragende Ausbildung, mit aber nur sechs voll einsatzfähigen Gardisten wollte er definitiv in keinen Hinterhalt der Xenos geraten.


    ***


    »Wir werden alle sterben… Verdammt!« Der Soldat blicke zu seinen Kameraden, den Kopf mutlos gesenkt. Sie saßen zu fünft in dem modrigen Schützenloch, irgendwo außerhalb Haq’Yahels, bereit, einen weiteren Angriff abzuwehren. Sie alle waren Männer der PVS-Streitkräfte und hatten zuvor anderthalb Monate gegen aufständische Kultisten gekämpft, als vor ungefähr zwölf Tagen ein unbekannter Feind angegriffen hatte. Die metallenen Konstrukte rückten völlig überraschend aus dem dichten Dschungel Ysraal VIs vor und massakrierten alle, die sich in ihren Weg stellten. Doch irgendwie gelang es der PVS, Haq’Yahel zu halten. Obwohl sie inzwischen sogar von den Nachschubsrouten abgeschnitten waren, hielten sie die Stadt noch immer gegen immer neue Angriffe der Xenos. Sie hielten stand. Irgendwie.


    Als die Angriffe begannen, waren sie noch zwölf Mann gewesen – zusammengewürfelt aus Infanteriezügen verschiedener Kompanien, die aufgelöst worden waren, als sie während des Kultisten-Aufstands schwere Verluste erlitten hatten.


    In der Zwischenzeit starb jeden Tag ein weiterer der Soldaten, die tapfer ihre Pflicht erfüllten. Der gemeinsame Überlebenskampf schmiedete sie zusammen; aus Soldaten wurden Freunde, aus Freunden wurden Brüder. Doch gerade auch deswegen, war jeder Verlust eine Tragödie. Und jeder von ihnen wusste, dass sich links und rechts von ihnen noch unzählige weitere schlammige, stinkende Schützenlöcher befanden, in denen andere Brüder miteinander ums nackte Überleben kämpften. Die Moral war tief, doch dachte niemand daran, aufzugeben. Ihre Feinde, was auch immer sie waren, töteten ohne jegliche Skrupel. Es gab schlichtweg keine andere Option, als zu kämpfen. Außerdem wurden die eingeschlossenen Truppen von einer echten Heldin des Imperators geführt: Lord-Kommissar Catherine Kimura. Vielleicht war es zu verwegen, auf Rettung zu hoffen – doch zumindest würde sie dafür sorgen, dass jeder Einzelne von ihnen einen heldenhaften Märtyrertod sterben durfte. Mehr konnten sie nicht verlangen, und auch wenn die wenigsten bereit waren, zu sterben, gab es den Soldaten dennoch Trost, dass sie wussten, dass sie im Namen des Imperators starben.


    »Zuerst werden wir leben – leben und kämpfen«, antwortete einer der anderen Soldaten mit aufmunternder Mine und legte seinem Vorredner die Hand auf die Schulter. »Wir schaffen das. Zusammen.«


    Hektor drückte sein Lohstäbchen im feuchten Erdreich aus und sah zu seinen beiden Kameraden hinüber. Er spürte eine ungesunde Mischung aus Neid, Trauer und Verabscheuung. Natürlich würden sie alle sterben. Die anderen Soldaten standen sich nahe – zu nahe. Natürlich konnten sie sich gegenseitig Mut zusprechen. Doch am Ende war das alles egal. Sie waren bereits tot – sie wussten es nur nicht. Er dagegen war schon Tage zuvor gestorben.


    Er war er Teil eines Säuberungskommandos gewesen, dass gegen letzte Kultisten-Aufständische vorgegangen war, und sie aus ihren Dschungelverstecken getrieben hatte. Er hatte sich nicht viel dabei gedacht. Er war Soldat und hatte seine Befehle. Seit der Rekrutierung hatte er nie das Gefühl gehabt, der Dienst bei der PVS sei gefährlich. Er verdiente genug Geld, um für seine Familie zu sorgen; das musste reichen. Natürlich wusste er von den unzähligen Verlusten in der Anfangsphase der Aufstände, doch hatte er Glück und war dazumal im Garnisonsdienst eingeteilt gewesen. Als er in eines der Säuberungskommandos eingeteilt wurde, war Merohavim bereits wieder unter der Kontrolle des Imperiums, und die wenigen übriggebliebenen Aufständischen leisteten kaum mehr wiederstand. So machte es ihm nichts aus, ein paar Wochen weg vom Kasernenleben zu kommen – dann kam jedoch der Tag, an dem er alles verlor. Als seine Kampfgruppe nach einem mehrtägigen Einsatz zurück nach Haq’Yahel kam, fanden sie die Stadt im Belagerungszustand. Nur Stunden zuvor war der Angriff einer unidentifizierten Xenos-Spezies abgewehrt worden. Die Garnisonstruppen waren in höchster Alarmbereitschaft. Es gab viele Tote unter den Verteidigern. Einige der Xenos hatten außerdem in die äußeren Stadtbezirke eindringen können, bevor sie durch die imperialen Truppen zurückgedrängt werden konnten. Dort soll es zu einem gewaltigen Massaker an der Zivilbevölkerung gekommen sein.


    Hektor erinnerte sich an jede Minute dieses verhängnisvollen Tages. Sobald seine Kampfgruppe über die Situation aufgeklärt worden war, war er losgestürmt. Er sprintete zu Fuß durch die halbe Stadt, vorbei an rauchenden Panzerwracks und zerstörten Gebäuden, bis er endlich bei seinem Zuhause ankam. Von außen schien es unversehrt. Doch was er im Inneren fand, zerschmetterte seine Seele und zertrümmerte sein Herz. Er fand sie im Wohnzimmer. Seine Frau, gleich neben ihrer sechsjährigen Tochter. Sie lagen nur leblos da, mit grotesk verkrümmten Gliedern. Die Augen weit aufgerissen, mit einem Ausdruck so absoluten Horrors, dass es keine Worte gab, die ihn hätte beschreiben können. Ihre Haut war fein säuberlich abgezogen. Zwei blutige Klumpen aus Muskeln und Fleisch. Sein ganzes Leben, alles, was ihm wichtig war, lag wie Vieh geschlachtet auf dem alten Teppich, den er von seinen Großeltern zur Hochzeit geschenkt bekommen hatte.


    Im ersten Moment fühlte er nichts. Die Wirklichkeit hörte einen Moment auf zu existieren, bis sie ihn mit unvergleichlicher Härte einholte. Verzweiflung übermannte ihn, als er gebrochen in sich zusammensackte. Über eine Stunde lag er gebrochen einfach nur da. Schliesslich fanden ihn zwei seiner Kameraden, die sich sorgen gemacht hatten und gekommen waren, um nach ihm zu suchen. Sie brachten Hektor zur Kaserne und verbrannten die geschändeten Leiber seiner Liebsten. Beide waren nur zwei Tage später bei einem erneuten Angriff getötet worden.


    Hektor blickte zu den vier anderen Soldaten im Schützenloch. Wahrlich. Sie würden alle sterben. Doch er, er war bereits tot. Hektor wandte seinen Blick ab und zündete sich ein neues Loh-Stäbchen an.


    Die vier Soldaten achteten nicht auf Hektor. Sie wussten, dass es sinnlos war, sich mit ihm zu unterhalten. Auch wenn die Lage schlimm war, sie versuchten sich gegenseitig so gut zu stützen, wie es möglich war. Hektor dagegen saß den ganzen Tag nur rauchend da. Ein paar Mal versuchten sie, ihn aufzumuntern, doch Hektor starrte nur leer vor sich hin und sagte, es sei sinnlos – sie seien sowieso alle dem Tode geweiht. Dennoch waren sie alle ein Stück weit froh, dass er bei ihnen war. Es hatte sich gezeigt, dass er ein hervorragender Soldat war. Sobald sich die Xenos näherten, erwachte etwas in Hektor. Heldenmut. Todessehnsucht. Beides war sehr nahe beieinander, doch der Kampfgeist dieses gebrochenen Soldaten inspirierte die Männer im Schützenloch genauso, wie seine leeren Augen in ruhigeren Stunden deprimierten. Im Kampf zeigte er auf jeden Fall die Tapferkeit eines Imperial Fist und die Wildheit eines Space Wolves.


    »Mikeal. Kennst Du eigentlich schon den Witz mit der Alienbraut?«, richtete sich einer der vier an seinen Kameraden.


    »Ne. Erzähl mal!«, antwortete Mikael. Obwohl er den Witz natürlich kannte, wusste er, dass es wirklich ein sehr guter Witz war. Sowieso, viel mehr als derbe Soldatenwitze, war ihnen auch nicht mehr geblieben.


    »Also, es war so«, begann sein Freund. »Da gab es diese Alienbraut; so ein heißes…«


    Ein grüner Lichtblitz unterbrach den Witzbold, der freudig erregt aufgestanden war, um für einen Lacher zu sorgen. Die Energieladung traf den Soldaten genau in den Kopf. In Sekundenbruchteilen zersetzten sich zuerst die Haut, dann das Fleisch und die Muskel, dann der Schädel und das Hirn. Sofort brach der kopflose Körper zusammen und blieb genau in der Mitte des Schützenlochs liegen. Das Blut stieß noch ein paar Mal pulsierend aus dem Hals, ehe das Herz endgültig realisierte, dass der Körper tot war.


    Hektor richtete sich sofort auf, als er sah, wie sein Mitstreiter von der Xenos-Waffe getroffen zusammensank. Es war wieder soweit. Es begann von neuem. Während seine Kameraden brüllten, fluchten und weinten, hatte er bereits sein Lasergewehr im Anschlag und richtete es auf das bedrohliche Dickicht, das nur wenige Meter vor ihrer Stellung begann. Weitere Energieladungen zuckten in ihre Richtung, verfehlten aber sowohl Hektor, als auch die anderen Soldaten, die sich langsam sammelten und neben Hektor in Position gingen. Für die Soldaten verging eine Ewigkeit; in Wirklichkeit jedoch nur einige Sekunden, bis das erste der metallenen Skelett-Konstrukte aus dem Dickicht trat. Sofort feuerten die Soldaten auf den Xeno. Glücklicherweise bewegten sich diese Kreaturen unsagbar langsam, und so gelang es ihnen, den anrückenden Feind zu vernichten, ehe er ihre Stellung erreichte. Trotzdem steckte der zähe Körper mehrere dutzend Lasersalven ein, bevor er zusammenbrach. Als das erste Metallskelett zu Boden sank, stiegen vier weitere aus dem Dschungel. Das sich die getöteten Feinde einfach dematerialisierten, wunderte die Soldaten bereits nicht mehr, und so verloren sie keinen Moment und richteten ihre Waffen auf die nächste der angreifenden Kreaturen.


    Inzwischen verschmolz das Klicken der Lasergewehre – die Posten links und rechts von ihnen feuerten ebenso unablässig ihre Lasersalven gegen den Feind – in eine melodiöse Sinfonie, die nur gelegentlich durch das brachiale Explodieren einer Mörsergranate unterbrochen wurde. Es war ein ganz normaler Tag – zumindest an der vergangenen Woche gemessen. Kameraden starben, Xeno-Konstrukte lösten sich in Luft auf und verschwanden. Irgendwann würden die Metallskelette aufhören, aus dem Dschungel zu kommen, und die übriggebliebenen Soldaten durften einige Stunde der Ruhe geniessen.


    Doch nicht dieses Mal. Bisher waren alle Xeno-Konstrukte identisch gewesen – schwerfällige, skelettartige Maschinen, die langsam auf ihre Stellungen vorrückten, völlig unbeeindruckt vom Abwehrfeuer der Imperialen Truppen. Die Verluste unter den PVS-Soldaten waren enorm, doch war es noch keinem der Metallkrieger gelungen, die Stellungen zu durchbrechen. Spätestens ein paar Fuß vor den Schützenstellungen wurde das massierte Laserfeuer so heftig, dass es kein Durchkommen gab. Die Lage schien sich nun aber grundlegend zu ändern.


    Aus dem Dickicht des Dschungels erschien eine neue Art von Feind. Die Finger der alptraumhaften Maschinen waren extrem verlängert und formten furchteinflößende, rasiermesserscharfe Klingen. Mit gebücktem, schlurfendem Gang bewegten sie sich den Soldaten entgegen. Ihre Gestalten waren mit blutigen Fetzen bedeckt und als die Kreaturen sich den Verteidigern näherten, mussten diese mit entsetzten feststellen, dass es sich dabei um frische menschliche Häute handelte. Leere Gesichter starrten ihnen entgegen und das Wetzten der Klingenhänden machte offensichtlich, was das Ziel dieser durch und durch schrecklichen Wesen war. Hektor roch nahezu die unermessliche Angst seiner Kameraden. Plötzlich wurde ihm bewusst, dass sich dieser neue Feind, der sich in die Häute der gemordeten kleidete, für den Tod seiner Familie verantwortlich sein musste. Er würde keinen Zentimeter weichen. Er würde Rache nehmen, hier und jetzt.


    Die Alpträume näherten sich der Stellung immer weiter. Die Verteidigungslinie stand kurz vor dem Zusammenbruch; auch wenn Hektor und seine Kameraden die Stellung noch hielten, sahen sie, wie die Soldaten in den anderen Schützenlöchern die Flucht ergriffen. Der grausige Anblick der grotesken Schrecken, die wie finstere Todesengel über sie herzufallen drohten, war für viele nicht mehr zu ertragen. Etwa ein halbes Dutzend der Kreaturen steuerte direkt auf Hektors Stellung zu. Dann war es soweit. Zwar konnte die Soldaten drei der Schrecken mit gezieltem Dauerfeuer niederschießen - jetzt trennten sie aber nur noch ein paar Schritte von den Xeno-Konstrukten.


    Überraschend, mit ungeheuerlicher Geschwindigkeit, stürmte der Alptraum in das Schützenloch. Mikael hatte keine Chance. In Bruchteilen einer Sekunde trennte der Angreifer beide Arme des Soldaten mit seinen Klingen ab, bevor er dessen Brustkorb durchbohrte. Mikaels toter Körper sank zu Boden, als die anderen beiden Alpträume in die Stellung eindrangen. Die zum Tode verdammten Soldaten sahen, wie eine der Kreaturen genau zu dem Zeitpunkt, als sie über die Brustwehr stieg, von einer schweren Maschinenkanone zerfetzt wurde. Die Waffenteams, die von weiter hinten Unterstützungsfeuer gaben, versuchten verzweifelt, den gegnerischen Durchbruch zu verhindern. Trotzdem war der Kampf offensichtlich verloren. Einer der beiden Soldaten, die neben Hektor noch lebten, warf sein Lasergewehr auf den schlammigen Boden und versuchte verzweifelt, aus der Schützenstellung zu klettern. Bevor er jedoch die Flucht ergreifen konnte, traf ihn ein grüner, zuckender Energieblitz, der ein großes, dampfendes Loch in seinen Oberkörper riss. Kraftlos fiel der Körper zurück in das Schützenloch.


    Der letzte Soldat, der neben Hektor noch übrig war, blickte ihm direkt in die Augen. Hektor erkannte die Bereitschaft, das ultimative Opfer zu bringen. Der kalte, wissende Blick, ohne Furcht oder Angst, sagte ihm genug. Er wusste, was zu tun war. Sein Gesicht mit den Armen schützend, sprang er von den Kreaturen weg und landete unsanft im Dreck. Hinter sich hörte er den ohrenbetäubenden Knall der Fragmentgranate, bevor sich unzählige Metallsplitter schmerzhaft in seinen Rücken bohrten. Eine Mischung aus Erdreich und Leichenteile prasselte auf Hektor nieder, als er nur einen Augenblick nach der Explosion aufstand, um weiterzukämpfen. Sein ganzer Rücken brannte, doch ignorierte er den Schmerz. Sein Kamerad hat sein eigenes Leben geopfert, um Hektor zu ermöglichen, Rache zu nehmen. Dort, wo zuvor eine der alptraumhaften Kreaturen stand, war nur noch der zerfetzte Leichnam seines Kampfgenossen zu sehen. Das Xeno-Konstrukt selbst war verschwunden – der Beweis, dass das Opfer nicht um sonst gewesen war. Hektor fand sich nun Auge in Auge mit dem letzten Alptraum, der sich noch innerhalb des Schützenlochs befand. Von außerhalb der Stellung hörte er noch immer das Abwehrfeuer der imperialen Truppen – auch wenn viele der Soldaten geflohen waren, schien der Kessel noch nicht zu fallen. Der schiere Wille zu überleben – vielleicht auch der unerschütterliche Kampfgeist ihrer Kommandantin, hielt die Männer im Gefecht. Für Hektor spielte in dem Moment das alles keine Rolle mehr. Er fokussierte sich auf die Kreatur vor ihm und konzentrierte all die heftigen Gefühle, die seine Seele in Flammen auflodern ließen. Endloser Hass trieb ihn an. Er wollte Rache. Rache für seine Frau, die er wahrhaftig geliebt hatte. Rache für seine noch so unschuldige Tochter, die nie auch nur etwas Böses getan hatte. Und Rache für seine Kameraden, die ihr Leben für den Imperator hergeben mussten; denn auf viele von ihnen warteten Freunde und Verwandte, die schrecklich trauern würden, wenn sie die Todesnachricht erreichte.


    Hektor wollte Blut sehen – oder was auch immer durch die Schläuche und Kabel dieser widerwärtigen Aliens gepumpt wurde. Die Wut in seiner Seele explodierte. Das letzte, an was er sich bewusst erinnerte, war, dass er direkt auf den Alptraum zustürmte. Danach erinnerte er sich nur noch an verschwommene Bilder – unzählige Schädel, die den ganzen Boden bedeckten, durchzogen mit Flüssen aus Blut. Bronzene Maschinen stampften über die endlosen Schädelfelder, auf denen sich tausende Wesen gegenseitig schlachteten, als ob alle Existenz nur durch ewiges Gemetzel definiert wäre. Es war ein Fiebertraum des Hasses und des Krieges. Hektor wusste nicht, wie lange er in Trance war. Er wusste nicht, wieviel Zeit vergangen war, doch als er wieder zu sich kam, stand er noch immer in dem Schützenloch. Die Verteidiger der PVS feuerten noch immer ununterbrochen. Der Alptraum, auf den er sich gestürzt hatte, war verschwunden. Sein ganzer Körper war jedoch mit tiefen Schnittwunden übersäht, aus denen reichlich Blut zu Boden floss. Sowohl seelisch als auch körperlich erschöpft liess sich Hektor zu Boden fallen. Er wusste nicht, was genau geschehen war, doch hatte er den Alptraum offenbar vernichtet. Oder zumindest hatte das, was für einen kurzen Moment in ihn gefahren ist, den Alptraum vernichtet. Nun aber fühlte er sich schwach. All der Hass, all die Rachsucht und die Kampfeswut waren vollständig erloschen. Eine grosse Leere machte sich in seinem Geist breit. Als ob ein Teil seiner Seele in den Schädel-Einöde seiner Visionen geblieben wäre, fühlte er keine der heftigen Emotionen, die nur einen Moment vorher seinen Verstand dominierten. Fast schon enttäuscht übermannte ihn nun die Trauer. Seine Familie war ausgelöscht. Seine Kameraden getötet. Sein Leben hatte jeglichen Sinn verloren. Hektor nahm aus dem Päckchen, das er in der Beintasche aufbewahrte, ein Loh-Stäbchen und rauchte die Zigarette mir leerem Blick.


    Ohne dass es ihn gekümmert hätte, hörte er das grollen von Triebwerken, als über ihm zwei Thunderhawks im Sturzflug aus dem Himmel stießen, und den Dschungel unweit der Verteidigungslinie mit massivem Unterstützungsfeuer eindeckten. Die Astartes-Schiffe wiederholten das Sturzkampfbombardement einmal, während sich das Abwehrfeuer der PVS-Truppen langsam legte.


    Es war kein ganz normaler Tag an der Front… Aber, wie es schien, hatten sie dennoch einen Sieg errungen. Doch zu welchen Preis?


    Anton sah in der Ferne, wie die Thunderhawks der Red Wolves zum Angriff übergingen. Die gegnerischen Luft-Abwehrstellungen waren noch immer ein Problem, doch war hier ihre Zahl doch etwas geringer. Nahunterstützung, solange sie rasch und gezielt durchgeführt wurde, konnte gefahrenlos gegeben werden. Natürlich durften sich die Thunderhawks nicht zu lange in der Schussreichweite der Xeno-Abwehrlaser aufhalten, doch die Space Marine-Piloten waren besser, als es je ein normaler Pilot hätte sein können.


    Nur etwa eine halbe Stunde zuvor hatte Anton über Funk einen umfangreichen Lagebericht der Besatzung der Thunderhawks erhalten. Seine kleine Einsatztruppe hatte es wirklich bis zum Kessel von Haq’Yahel geschafft – und das ohne Verluste oder Feindkontakt. Die Verteidiger im Kessel waren jedoch von einer grossen Anzahl Xeno-Krieger angegriffen worden und konnten nur mit Mühe die Stellung halten. Der Inquisitor hoffte, dass die Luftunterstützung ihnen zumindest etwas mehr Zeit verschaffen konnte. Dennoch, auch wenn Thunderhawks enorm wertvolle, hochwertige Maschinen waren, der Treibstoff würde nicht ewig reichen. Anton musste dringend den kommandierenden Offizier des Kessels sprechen und eine Evakuation planen.


    Inzwischen war das Inquisitor am äußersten Rand Haq’Yahels angekommen. Soldaten in der Uniform der PVS patrouillierten auf den Zugangsstraßen und Anton erkannte sowohl schwere Waffenteams, als auch Scharfschützen in den grauen Häuserblocks, die leblos in den ebenso grauen Himmel ragten. Er wies den Funker seines Trupps an, auf allen Nahbereichsfrequenzen seine Identifizierung zu senden. Es wäre äußerst ärgerlich, würden die verteidigenden Truppen plötzlich das Feuer auf seine Männer eröffnen.


    »Hier Soldat Marith. Einsatzgruppe Kalen – Ordo Xenos. Bitten um Kontakt!«, wiederholte der Funker auf jedem Kanal, wobei er jeweils gute dreißig Sekunden wartete, bevor er zum nächsten Kanal wechselte. Nachdem der Funker bereits ein Dutzend Kanäle erfolglos durchgearbeitet hatte, kam endlich die erhoffte Antwort.


    »Soldat Henrics, verstanden. 1. Armee ad hoc. Haq’Yahel-Kessel. Was zur Hölle macht ihr da draußen?«


    »Verstanden. Inquisitor Kalen fordert Kontaktaufnahme zu Kommandeur. Wir rücken von 82-5-92 / 99-0-12 an. Verbündete Truppen, wiederhole: Verbündete Truppen.«


    »Verstanden. Verbündete Truppen rücken vor von 82-5-92 / 99-0-12. Gebe so weiter. Bitte haltet die Stellung, bis ich bestätige.«


    »Verstanden, warte auf Bestätigung!«


    Ungefähr zwanzig Minuten später bestätigte Henrics, dass die verteidigenden Einheiten informiert waren und den Inquisitor in Empfang nehmen würden.


    Kalen, der direkt mitgehört hatte, gab seinen Männer Befehl, vorzurücken. Die Inquisitionsgardisten verließen das Dschungel-Dickicht und begaben sich direkt auf die Zugangsstraße, die von Nord-Westen in die Stadt führte.


    Ein Soldatentrupp der Verteidiger empfing sie. Die Begrüßung war sehr herzlich ohne jede Form – doch Anton wusste, dass sich die eingekesselten Soldaten in einer außergewöhnlichen Lage befanden. Es war nur logisch, dass militärisches Formell im Angesicht des nahezu sicheren Todes an Bedeutung verlor. Es hätte weder Sinn noch Nutzen, auf korrekte Formführung zu pochen.


    Die verteidigenden Soldaten machten einen erschöpften, ja, fast verwahrlosten Eindruck. Sowohl Uniformen als auch Waffen waren schmutzig und ganz offensichtlich stark abgenutzt. Doch die Gesichter der Soldaten sagten weitaus mehr aus: Die allgegenwärtigen leeren Blicke und gespieltes Lächeln zeugten von der fürchterlichen Härte, mit der jeder im Kessel konfrontiert wurde. Anton fragte sich, was mit der Zivilbevölkerung passiert war. Obwohl innerhalb der Stadt nur wenige Gebäude beschädigt waren, schienen die meisten Straßenzüge wie ausgestorben. Der Inquisitor hoffte, dass es nicht mehr viele Zivilisten in Haq’Yahel gab. Denn bei einer Evakuation – nur mit den ihm verfügbaren Mitteln - konnte nur eine geringe Zahl an Leben gerettet werden. Und so sehr es ihn schmerzte, musste er dem kämpfenden Teil der Eingekesselten Vorrang geben. Würde der Feind weiter vorstoßen, würde jeder Soldat an der Front gebraucht. Zivile Opfer waren tragisch, aber oft unausweichlich.


    Antons Trupp passierte immer wieder ausgebrannte Panzer, die links und rechts der Straße lagen und darauf warteten, repariert zu werden. Die meisten der Panzer hatten die Farben und Symbole des 101. Armageddon. Die Elitetruppen von Armageddon waren auf schnelle Vorstöße spezialisiert und in einer Kesselschlacht wie dieser völlig fehl am Platz. Obwohl viele Fahrzeuge des 101. am Straßenrand verrotteten, fiel Anton auf, dass es scheinbar nirgends Soldaten des Regiments hatte. Alle Kombattanten, die er sah, trugen den schlichten Dschungel-Tarnanzug der PVS.


    Nach etwa einer halben Stunde erreichten Anton und seine Männer das Hauptquartier. Es befand sich im Mittelpunkt der Stadt und war provisorisch befestigt. Ein dicker Wall aus Schutt und Schrott umgab das Betongebäude, das allem Anschein nach früher als Bürokomplex gedient hatte.


    Eine eigentlich äußerst strenge Waffenkontrolle umging Anton mit der Inquisitions-Rosette, die er eigentlich nur ungern für solche Zwecke missbrauchte. Doch die Zeit war knapp! Er durfte sich nicht aufhalten lassen!


    Nach etlichen – seiner Meinung nach übertriebenen – Sicherheitsvorkehrungen, wurde er endlich in die Kommandozentrale eingelassen.


    Vor einer Vielzahl an Holo-Screens stand eine Person, die allem Anschein nach das sagen hatte. Als Anton die Kommandozentrale betrat, drehte sich der Kommandeur zackig zu ihm um und begann sofort, den Neuankömmling zu mustern.


    Der Inquisitor prüfte den Kommandeur ebenso. Er erblickte einen zierlichen, aber dennoch äußerst kräftigen Körper in der Uniform eines Lord-Kommissars. Die langen, schwarzen Haare fielen in perfekter Ordnung auf die Schultern. Sie standen in einem harten Kontrast zu der extrem hellen, fast schon weißen Haut, die absolut frei von jeglicher Unreinheit war. Gefühllose, kaltherzige, grüne Augen funkelten ihn an, als sich die Lippen des Lord-Kommissars zu bewegen begannen. Ohne jegliche Gefühlsregung, aber mit umso erdrückenderer Autorität, sprach sie Anton an, während sie ihm direkt in die Augen schaute.


    »Anton. Was suchst Du… hier?«


    Trotz der absoluten Kälte, mit dem der Lord-Kommissar sprach, spürte Anton, dass in ihrer Stimme sowohl Überraschung als auch Freude mitschwang.


    »Eine Freude, Dich zu sehen, Cathrine!«, antwortete der Inquisitor und ging dem Lord-Kommissar entgegen.



  • Mondschatten

    Hat das Label [Inquisition] hinzugefügt
  • Mondschatten

    Hat den Titel des Themas von „Anton Kalen - Der Anfang vom Ende [Inquisition]“ zu „Anton Kalen - Der Anfang vom Ende“ geändert.
  • III


    Ein metallischer Geruch lag in der abgestanden, dicken Luft, die sich immer weiter zu erhitzen schien. Das blasse Rot der wenigen Leuchtkörper, die in der Kommandozentrale der Hauptstadtmakropole für das dämmerige Licht sorgten, verlieh der Szene eine durch und durch unheilvolle Stimmung.


    Natales Chimed, höchster Tech-Priester auf Ysraal VI, hatte sich mit seinem Electro-Graft an den Hauptrechner des Armee-Hauptquartiers angeschlossen und fütterte die altehrwürdige Maschine mit einer unglaublichen Datenmenge. Seine eigenen Schaltkreise liefen bereits über der maximal zulässigen Temperatur und schienen beinahe zu glühen. Ein disharmonisches Surren, Knacken und Brummen drang aus dem kaum mehr menschlichen Körper des Techpriester, während er versuchte, die Berechnungen so exakt wie nur möglich auszuführen.


    Chimed hatte Anton genau beobachtet. Die planetaren Sensoreinheiten hatten den Abschuss der Walküre nahezu in Echtzeit übermittelt. Das plötzliche Auftauchen der Xenos-Verteidigungslaser war Chimed ein Rätsel, denn vorherige Scans hatten keinerlei Strukturen nicht-imperialen Ursprungs gezeigt - bis eben zu dem Zeitpunkt, als der Inquisitor kurz vor Haq’Yahel unter Beschuss geraten war.


    Als der Tech-Priester beginnen wollte, die gerade empfangenen Daten auszuwerten, war er unverhofft von einem Lexmechanic kontaktiert worden. Dieser stellte sich als Argomeus Skrin vor, der in Abwesenheit von Inquisitor Kalen dessen Schiff, die Gebirgsvagabund, kommandierte. Die Auger-Anlage des Cobra-Klasse-Zerstörers hatte den Flug und Absturz des Inquisitors genauso exakt aufgezeichnet, wie die Anlagen auf Ysraal VI.


    Argomeus schien ernsthaft besorgt um seinen Vorgesetzten und kümmerte sich um sofortigen Datenaustausch mit Chimed und dem Hauptquartier der Hauptstadtmakropole. Da sich die Gebirgsvagabund aber außerhalb der Reichweite ihrer Noosphäre befand, mussten alle Daten mit den primitiven Vox-Castern der PVS übermittelt werden, was zu einem nicht zu unterschätzendem Datenverlust geführt hatte. Und genau diesen Datenverlust, musste Chimed nun unter enormer körperlicher Anstrengung ausgleichen, in dem er vorwährend die fehlenden Werte durch zufällige Variablen ersetzte, bis eine sinnvolle Kombination entstand.


    Plötzlich hielt Chimed inne. Er hatte genug Daten zusammen, um die Situation zu erfassen. Die kombinierten Daten der Gebirgsvagabund und den Sensoreinheiten Ysraal VIs wiesen auf eine einzige Möglichkeit hin: Dass die Xenos-Geschütze tief unter der Planetenkruste verborgen waren und mit ungeheuerlicher Energiemenge wie Vulkane aus dieser hervorbrachen. Bevor Antons Walküre abgeschossen worden war, hatte es keine Veränderungen in Luftdruck, Temperatur oder Atmosphärenzusammensetzung gegeben, die auf ein Eindringen der Xenos von außerhalb hingwiesen hätten. Die Vitalzeichen der Astropathen waren durchgehend stabil gewesen, was grössere Veränderungen des Warps ebenso ausschloss. Die einzige Auffälligkeiten waren starke seismische Aktivitäten, die erstmals während den Anti-Imperialen Aufständen und seither in unregelmäßigen Abständen überall entlang des Helm-Gebriges gemessen worden waren. Der Tech-Priester realisierte die Bedeutung seiner Entdeckung. Unverzüglich liess er Argomeus sowohl per Vox-Caster, als auch per Astropath kontaktieren. Die Nachricht musste unbedingt ihr Ziel erreichen – so schnell wie möglich. Ihr Inhalt war simpel und für einen Tech-Priester unmissverständlich:


    Bedrohung unterhalb Planetenkruste. Sofortiger Lehmann-Scan benötigt. Auger-Anlage auf Maximalleistung. Ritual des Maschinen-Märtyrers durchführen.


    ***


    Nachdem Cathrine, Anton noch in der Kommandozentrale einen Lagebericht gegeben hatte, hatten sich beide in einen Besprechungsraum zurückgezogen, um das weitere Vorgehen zu planen – und um sich privat zu Unterhalten.


    Während Anton auf einem einfachen Metallhocker Platz genommen hatte, stand der Lord-Kommissar am anderen Ende des Raumes, die Hände hinter dem Rücken, mit der einen Hand das Handgelenk der anderen umschlossen.


    Wie schon dutzendmal seit ihrem Zusammentreffen, wanderte Antons Blick prüfend über die Frau, die er nun schon so viele Jahre nicht mehr gesehen hatte. Obwohl der Rang eines Lord-Kommissars des Departmento Munitorum unweigerlich mit unglaublichen Qualen und Erfahrungen der allerschlimmsten Sorte verbunden war, strahlte Cathrine eine derart energetische Jugendlichkeit und Eleganz aus, dass sie fast wie eine Lebende Heilige wirkte.


    Anton erinnerte sich noch gut an ihre gemeinsame Zeit als Kommissars-Kadetten. Cathrine und er waren ein ungleiches, aber äusserst effizientes Team. Während Anton als unbequemer Rebell durch Innovation und alternative Vorgehensweise ihren Kampfwert maximierte, war es Cathrine, die als überall beliebte Vorzeige-Kadettin sich vor Anton stellte und seine unorthodoxe Methoden durch präzise Kenntnisse der Dienstvorschriften und Reglemente vor den engstirnigen Ausbildern in Schutz nahm. In den Momenten, in denen die wachsamen Augen der Offiziere nicht auf ihnen ruhten, waren sie jedoch ein noch viel besseres Team. Schon nach kurzer Zeit kamen sich die Kadetten näher, Cathrine bewunderte Antons eigenwillige Herangehensweise, Anton bewunderte Cathrines elegante Unerbittlichkeit. Der Sex war leidenschaftlich und wild. Sie ergänzten sich in jeder Hinsicht perfekt, bis Anton den Imperator selbst in Frage stellte und verhaftet wurde. Cathrine konnte nicht das Geringste unternehmen, um die Inquisition daran zu hindern, Anton abzuführen. Ein letztes Mal schauten sie sich in die Augen, bevor sie für immer getrennt wurde. Bis heute.


    Anton war klar, dass Cathrine ihn die ganze Zeit für tot gehalten hatte. Eigentlich hätte er ja durchaus auch tot sein müssen, doch der Wille des Imperators hatte sein Leben verschont. Dennoch hatte sich viel verändert. Anton war ebenso klar, dass Cathrine inzwischen eine andere Frau war. Sie teilten vielleicht die gleichen Erinnerungen, doch der gnadenlose Krieg gegen die Feinde des Imperiums hatten ihre beiden Herzen versteinern lassen. Weder als Inquisitor, noch als Lord-Kommissar konnte man sich den Luxus von Gefühlen leisten.


    Obwohl sein Verstand mit fast schon fanatischem Eifer diesen Gedanken wiederholte, war da dennoch eine kleine, tänzelnde Flamme, die seine Seele erwärmte. Selbst für Anton selbst kaum spürbar, fragte sich der Inquisitor, ob es nicht seine Pflicht wäre, diese Flamme zu ersticken. Doch etwas hinderte ihn daran. Er fragte sich, ob in Cathrine wohl auch eine solche Flamme züngelte, verzichtete aber darauf, mit seinen psionischen Fähigkeiten in ihren Geist zu schauen. Es hätte sich falsch angefühlt, ohne Erlaubnis ihre Seele zu durchstöbern. Außerdem war es nahezu unmöglich, die Gedanken eines Lord-Kommissars zu lesen, da sie durch die unverwüstliche Treue zum Imperator und der absoluten Loyalität zum Imperium einen schier undurchdringlichen Schutzschild besaßen.


    »Ich will mich entschuldigen«, begann Anton mit ruhiger aber durchdringender Stimme. »Als Akolyth eines Inquisitors hatte ich weder die Möglichkeit, noch die Erlaubnis, mit Dir, Kontakt herzustellen. Ich…«


    Catherine unterbrach Anton mit einem Handwink.


    »Anton. Es ist eine Ewigkeit vergangen. Es ist keine Entschuldigung nötig. Der Imperator nimmt, was er braucht. Dich brauchte er als Agent des Imperiums, mich als Garant für die Disziplin der Armee. Es gibt nichts zu bedauern.«


    Anton war nicht sonderlich überrascht und hatte mit einer solchen Reaktion gerechnet. Er sprach schiesslich mit einem Lord-Kommissar. Doch inwiefern diese Worte dem entsprach, was Cathrine wirklich dachte, war er sich nicht sicher. Hörte er eine gewisse Wehmut in Cathrines Stimme?


    »Trotzdem offeriere ich Dir einen Drink, sobald wir zurück in der Hauptstadtmakropole sind«, entgegnete Anton und wechselte das Thema, ehe Cathrine seinen Vorschlag ausschlagen konnte. »Wir können diese Xenos nicht hier besiegen – nicht mit den wenigen Männern, die noch übrig sind. Ich bin hier, um Informationen über den Feind zu sammeln. Sobald ich diese habe, evakuieren wir Haq’Yahel.«


    »Evakuieren? Ich habe Dir vorhin die Lage zusammengefasst. Wir haben zwei Mal versucht, durchzubrechen. Das 101. Armageddon hat schwerste Verluste erlitten. Die einzigen kampfbereiten Truppen sind PVS-Soldaten.«


    Anton lächelte Schwach.


    »Ich bin Inquisitor des Ordo Xenos. Ich verfüge über Möglichkeiten, die die Deinen weit übersteigen. Mein Vorschlag wäre, die nördliche, südliche und östliche Frontlinie mit einem orbitalen Bombardement durch die Kreuzer der Red Wolves, für kurze Zeit zu sperren. Das sollte uns die Möglichkeit geben, mit einem schnellen Vorstoß nach Westen durchzubrechen. Mit etwas Glück, erreichen wir die Verteidigungslinie beim Helm-Gebirge, bevor die Xenos ein koordinierter Gegenangriff durchführen können.«


    Cathrine nickte. »Dann werde ich die Stellung halten und den Feind aufhalten, damit Du genügend Zeit gewinnst, das Unterfangen erfolgreich durchzuführen.«


    »Nein«, widersprach Anton kopfschüttelnd. »Du bist zu Wertvoll, um hier den Märtyrertot zu sterben. Es ist nicht so, dass das Imperium über eine unendliche Menge Lord-Kommissare verfügt. Auch wenn es mich schmerzt: Der Vorstoß muss schnell und koordiniert durchgeführt werden. Schwer Verletzte und Zivilisten würden uns aufhalten. Es ist deren Aufgabe, uns Rückendeckung zu geben.«


    Der Lord-Kommissar verstand. Antons Argumentation war nachvollziehbar. Da die Zeit drängte, besprachen sie rasch die notwendigen Details. Nach dem die Planung abgeschlossen war, machte sich Cathrine daran, die entsprechenden Befehle zu erteilen. Anton dagegen verließ den Kommandoposten, um im Lazarett mit Überlebenden des Kampfes gegen die Xeno-Konstrukte zu sprechen. Der Inquisitor was sich sicher, dass die Soldaten, die direkt an der Front gegen den Feind gekämpft haben, viel zu erzählen hatten.

    ***

    Das Lazarett war in einem noch intakten Gebäude untergebracht und nur wenige Gehminuten vom Kommandoposten entfernt. In der vergangenen Stunde, hatte Anton viel über die feindlichen Konstrukte erfahren. Beispielsweise, welche verschiedene Einheitentypen die Xenos einsetzten. Oder aber die Tatsache, dass die Konstrukte ohne jegliche Furcht und unbeeindruckt von Abwehrfeuer vorrückten. Letzteres verunsicherte Anton, denn wenn der Feind trotz dem Orbitalschlag angreifen würde, wäre die Evakuierung zum Scheitern verurteilt. Andererseits war sich Anton sicher, dass kein Kommandeur seine Truppen durch ein orbitales Bombardement bewegen würde. Auf jeden Fall kein Kommandant außer Kubrik Chenkov, doch konnte Anton ausschließen, dass es sich bei seinen Gegnern um Valhallaner handelte. Selbst Tyraniden schreckten davor zurück, ohne triftigen Grund die zu erwartenden hohen Verluste einfach hinzunehmen.


    In der Zwischenzeit hatte der Inquisitor jedoch sein Augenmerk auf etwas anderes gerichtet. Er spürte eine Anomalie im Warp. Inmitten der Seelen der Soldaten – mal aufgrund tiefster Frömmigkeit hell Leuchtend, mal als verblasster grauer Schimmer, gezeichnet durch die schrecklichen Erlebnisse – entdeckte er etwas, was er vorher noch nie gesehen hatte. Es war die Seele eines Soldaten, doch anders als die Seele eines normalen Sterblichen, war sie mit einem ekelerregenden Geschwür überzogen. Anton erkannte sofort, dass dies das Werk Nurgles war, des Herrn der Seuche, Chaosgott der Hoffnungslosigkeit und des Zerfalls. Doch es war nicht die Seele selbst, die befallen war. Glücklicherweise, denn dies hätte eine sofortige Exekution nötig gemacht. Das verdorbene Geschwür schien die Seele wie eine Rüstung abzuschirmen. So, als ob die finstere Gottheit versuchte, etwas anderes daran zu hindern, diese glücklose Seele für sich zu beanspruchen. Der Inquisitor wusste aufgrund seiner Erfahrung, dass es sich mit Sicherheit um keine Art von Besessenheit handelte. Oder falls doch, so wäre es eine Besessenheit, die weder er selbst je gesehen hätte, noch eine, von der Aufzeichnungen in den geheimen Archiven der Inquisition existiert hätte.


    Auch wenn er nicht dem Ordo Malleus – den Dämonenjägern – angehörte, wollte er diese äußerst bizarre Einflussnahme des Chaos unbedingt näher untersuchen. Anton hatte jedoch weder die Zeit dafür, noch war dies der richtige Ort, um dieser Abartigkeit des Warp auf den Grund zu gehen. Er musste den Soldaten unbedingt auf sein Schiff bringen, um eine spätere Untersuchung dieser Angelegenheit einzuleiten.


    Anton holte seinen Geist zurück in die Real-Welt und Schritt auf den Verdammten zu, der wohl unfreiwillig den Schutz Nurgles genoss. Hätte sich der Soldat bewusst dafür entschieden, Nurgle zu folgen, wäre unweigerlich seine Seele selbst von der schrecklichen Pestilenz infiziert gewesen.


    »Name und Rang, Soldat.«


    Anton fixierte seine Augen auf die eingefallene, blasse Gestalt, die vor ihm auf einem Feldbett saß und abwesend an einem Loh-Stäbchen zog. Der Soldat richtete sich gleichgültig auf und nahm schwerfällig Stellung an. Sein Oberkörper war mit unzähligen tiefen Schnittwunden übersäht, die amateurhaft zusammengenäht waren. Mit unbeeindruckter, teilnahmsloser Stimme, machte der Soldat Meldung.


    »Hektor Fähnrich. Soldat der PVS.«


    Anton nahm sich ein paar Sekunden Zeit, bevor er weiter sprach.


    »Im Namen der Heiligen Inquisition zu Terra requiriere ich dein Leben. Du bist somit ab sofort meinem Befehl unterstellt.«


    Diese Ansage liess Hektor aufhorchen. Fassungslos starrte er Anton an.


    »Wa… was?«


    Anton wusste, dass er die Wahrheit vorerst für sich behalten musste. Daher nahm er den ersten Gedanken, den ihm in den Sinn kam, als Vorwand.


    »Ich benötige Ersatz für die Gefallenen aus meiner Einsatzgruppe. Ich entbinde dich von jeglichen Verpflichtungen gegenüber der PVS und stelle euch direkt unter mein Kommando.«


    Hektor zuckte mit den Schultern.


    »Na dann. Sagt mir, wo ich gegen diese verdammten Skelette kämpfen soll, und ich werde so viele von Ihnen töten, wie ich kann.«


    ***

    Die Vorbereitungen für den geplanten Durchbruch waren voll im Gange. Soldaten liefen geschäftig durch die trostlosen Überreste Haq’Yahels und errichteten Verteidigungsstellungen oder verteilten Nachschubgüter an die verschiedenen Einheiten. Beim Kommandoposten versammelten sich die wenigen mobilen Einheiten, welche den Vorstoß nach Westen wagen würden.


    Anton zählte etwa ein Dutzend Panzer, darunter hauptsächlich Chimären, aber auch Greifen und einige Trojan-Panzer. Eine Hydra bildete den Abschluss der Kolonne. Zwei der Fahrzeuge konnte Anton dem 101. Armageddon zuordnen. Eine Handvoll Stahllegionäre – wohl die letzten Überlebenden der hier eingesetzten Kompanien – teilten sich auf die Fahrzeuge auf, während die restliche Besatzung und Mannschaft aus PVS-Soldaten verschiedener aufgeriebener Einheiten zusammengesetzt wurde.


    Zusammen mit den sechs Inquisitions-Gardisten, Hektor, vier Stahllegionär und drei abgekämpften PVS-Soldaten, bemannte Anton das Führungsfahrzeug. Cathrine würde mit der Hydra mitfahren, um zu verhindern, dass ihnen der Feind in den Rücken fallen würde. Und um sicherzustellen, dass sich kein wankelmütiger Soldat nach Haq’Yahel zurückziehen würde, sollte die Spitze der Kolonne auf starken Widerstand stoßen.


    Jedem Panzer war noch ein Soldaten-Trupp zugeteilt, der auf der Hülle aufgesessen mitfahren würde. Ohne schützende Panzerplatten waren diese Soldaten zwar ein einfaches Ziel und viele von ihnen würden umkommen, sollten es zu Feindkontakt kommen. Dennoch war es besser, als im Kessel zurückzubleiben – dem sicheren Tod entgegen. Insgesamt verfügte Anton über zweihundert Mann, um sich nach Westen freizukämpfen. Zu seinem Bedauern mussten aber weit über fünfhundert Verwundete und Zivilisten zurückbleiben. Den Zurückbleibenden wurden sämtliche schwere Waffen sowie Vorräte für mehrere Tage überlassen. Mit etwas Glück konnten sich einige von ihnen soweit einigeln, bis die vereinten Truppen der PVS, der Imperialen Armee und der Space Marines, Haq’Yahel zurückerobern konnte. Den schwer Verwundeten im Lazarett wurden Granaten und Laserpistolen ausgegeben, damit sie eine letzte Gelegenheit bekamen, dem Imperator zu dienen. Einige von ihnen entschieden sich jedoch, sich selbst zu töten. Eigentlich ein großes Vergehen, denn jeder Bürger des Imperiums war auf ewig dem Imperator verpflichtet, und nur der Imperator alleine entschied, wann diese Pflicht erfüllt war. Angesichts der aussichtslosen Situation und dem riesigen Mangel an Kommissaren, musste sowohl Anton als auch Cathrine einsehen, dass es fast unmöglich war, dem entgegenzuwirken.


    Die Vorbereitungen für den Rückzug benötigen mehrere Stunden. Als alles für den Abmarsch bereit war, nahm Anton mit dem Hauptquartier in der Hauptstadtmakropole Kontakt auf. Aufgrund der grossen Entfernung und der leidigen Kommunikationsmittel, über die sie im Kessel verfügten, konnten nur die nötigsten Informationen weitergegeben werden. Die Thunderhawks der Red Wolves, die als Relais-Station hätten dienen können, waren nicht mehr verfügbar, das sie zum auftanken und aufmunitionieren zur Hauptstadtmakropole zurückgekehrt waren. Anton war jedoch beruhigt, dass sie seine Panzerkolonne dafür zu einem späteren Zeitpunkt aus der Luft decken konnten.


    Die Sonne stand kurz über dem Horizont und tauchten Haq’Yahel in idyllisches Orange, als die Schlachtkreuzer der Red Wolves mit dem Bombardement begannen. Mit markerschütterndem Donner stießen hunderte glühende Laserlanzen vom Durchmesser eines ganzen Häuserblocks auf die Planetenoberfläche nieder. Wo sie auf den Boden trafen, rissen sie das Erdreich auf und ließen metertiefe Krater zurück. Die Laserlanzen schmolzen selbst massiven Fels in Sekundenbruchteilen. Pflanzen verkohlten und zerfielen zu Asche, so schnell, dass nicht einmal mehr Flammen sichtbar wurden.


    Anton spürte, wie die Umgebungstemperatur schlagartig auf ein unerträgliches Niveau anstieg. Selbst die Luft schien zu glühen. Dann gab er den Befehl, nach Westen vorzustoßen. Die Panzer starteten die Motoren und fuhren an. Die Szene bot einen unwirklichen Anblick; die Stadt war wortwörtlich von den zuckenden Energieentladungen umhüllt, die Antons Kolonne wie einen höllischen Vorhang gegen die Xenos abschirmte, und so den Rückzug ermöglichten. Die Mischung aus gleißendem Licht und grau-schwarzen Nebelschwaden aus Staub und Asche, die rhythmische Melodie des Trommelfeuers und der Geruch nach verbranntem Holz und glühendem Stahl, erinnerten den Inquisitor entfernt an den Warpraum. Es war gefährlich, aber faszinierend. Das unwirkliche Spektakel überforderte die menschlichen Sinne, war aber dennoch Real. Während Anton fasziniert dem alles vernichtenden Bombardement zuschaute, gewann die Chimäre, auf der sich er und sein Gefolge befanden, an Geschwindigkeit. Mit schliesslich über fünfzig Kilometer pro Stunde donnerte der Panzer über die fast zwanzig Meter breite Straße, die direkt nach Westen führte.


    Haq’Yahel war vielleicht keine besonders wichtige Stadt, befand sich aber direkt an der Hauptverkehrsachse, die die Hauptstadtmakropole mit dem östlichen Dschungel verband. Ein Großteil des Weges nach Westen, konnten sie auf der mächtigen Schnellstraße zurücklegen, die sich erst im Helm-Gebirge verengte, wo sie in großer Höhe über einen Gebirgspass führte. Mit etwas Glück waren sie schnell genug, dass sie diesen ersten Abschnitt ohne Feindkontakt hinter sich bringen konnten. Was sie allerding im Gebirge erwartete, konnte Anton nur vermuten. Die Hauptfrontlinie – wo sie mit der Hauptstreitmacht der Imperialen Truppen zusammenstoßen würden – verlief am westlichen Fuße des Helm-Gebirges. Spätestens auf der letzten Etappe, mussten sie also mit schwerstem Widerstand rechnen.


    Ohne Zwischenfall, würden sie die ganze Strecke in etwa zwanzig Stunden zurückgelegt haben. Anton hoffte das Beste, denn würde der Ausfall scheitern, waren die zurückgelassenen in Haq’Yahel um sonst gestorben.


    Der Inquisitor blickte aus der geöffneten Dachluke über die folgenden Fahrzeuge. Die aufgesessenen Soldaten wirkten zwar erschöpft, doch erkannte Anton auch eine grosse Erleichterung. Er selbst fühlte sich jedoch zunehmend unbehaglich. Mit jeder Minute, die sie sich dem Helm-Gebirge näherten, spürte er, wie die unglaubliche Leere, die den Warpraum zu verzerren schien, grösser wurde.


    Fast jede Lebensform hatte im Warp ein Abbild des eigenen Seins, und dieses Abbild war das, was die Menschen als Seele bezeichneten. Der Warp war eine vollkommen andere Dimension, denn die bekannten Naturgesetzte hatten im Warp keinerlei Bedeutung. Während der Warp die meisten Menschen nur unterbewusst beeinflussen konnten, gab es einige, die die Fähigkeit hatten, in den Warp zu blicken. Ein noch geringerer Anteil derer, konnte sogar den Warp aktiv verändern. Diese Personen nannte man Psioniker. Ein ausgebildeter Psioniker konnte aktiv den Schleier zwischen Real- und Warpdimension zerreißen, und die unglaublichen Kräfte des Warps für sich nutzen.


    Anton war äußerst sensibel und konnte mit Leichtigkeit in den Warp blicken. Er hatte es bislang aber noch nicht geschafft, den Warp direkt für sich zu nutzen. Er verfügte über die Fähigkeit, mit anderen Wesen über den Warpraum zu kommunizieren, konnte aber anders als die „echten“ Psioniker, nicht die Kräfte des Warps verwenden, um den Realraum zu beeinflussen.


    Der Warp barg aber auch eine schreckliche Gefahr: Diese surreale Dimension wurde von extrem mächtigen Wesen bevölkert – den Dämonen. Diese boshaften Bestien nährten sich an den Seelen der Lebenden und versuchen ihrerseits, die Grenze zum Realraum zu durchdringen. Die Invasionen, die einem solchen Durchbruch folgten, waren apokalyptische Ereignisse, die ganze Sternensysteme vollständig vernichten konnten.


    Anton bedauerte, dass nicht die Zeit blieb, dies unheimliche Leere genauer zu studieren. Wer auch immer diese Xenos waren, oder was auch immer sie vorhatten: Irgendetwas auf diesem Planeten vernichtete den Warp sprichwörtlich. Absolute schwärze überlagerte das Chaos des Warp, so dass es kaum mehr möglich war, die Seelen der Menschen zu lesen. Ein Gerät oder eine Waffe, die den Warp verschlang, wäre womöglich entscheidend, um den Krieg zwischen den Dimensionen zu Gunsten der Menschheit zu entscheiden.


    Der Mond stand schon hoch am Himmel, als die Temperatur deutlich zu sinken begann. Erstaunlicherweise hatten sie es ohne Zwischenfall bis zum Helm-Gebirge geschafft. Nach einer unbequemen, stundenlangen Fahrt in dem völlig überfüllten Schützenpanzer, empfand Anton die kühle, reine Luft als äußerst angenehm. In hunderten Kilometer Entfernung, glühten noch immer die Überreste Haq’Yahels. Anton wusste nicht, wie die Lage im Kessel aussah, doch war anzunehmen, dass die Xenos nach dem Ende des Bombardements die Stellungen der Verteidiger überrannt hatten.


    Die unheilvolle Leere, die Anton schon beim Eintreffen auf Ysraal VI spürte, hat sich weiter ausgebreitet. Eigentlich hätte der Inquisitor gerne etwas mit Hektor gesprochen, um die Ursache für den völlig untypischen Zustand seiner Seele zu ergründen. Doch einerseits war Hektor alles andere als gesprächig, andererseits bereitete Anton die verzerrende Leere schon seit Stunden starke Schmerzen. Als Psioniker reagierte er viel sensibler auf Veränderungen im Warp. Die absolute Nicht-Existenz des Warps, konnte sogar zu seinem Tod führen.


    Auch die allgemeine Stimmung war äußerst schlecht. Die Abwesenheit des Warps führte bei Nicht-Psionikern zu Unbehagen, Abneigung und Angst. Dieser düstere Schatten, der den Warp verzerrte, war inzwischen so allumfassend, dass auch die gewöhnlichen Soldaten davon beeinträchtigt wurden.


    Anton dachte an Cathrine und daran, was sie vor all den Jahren verband. Er fragte sich, wie sich diese Leere auf den Lord-Kommissar auswirken mochte, fand aber keine Antwort. Seine Gedanken flogen weiter und verweilten schliesslich bei Ashenya. Ashenya war die letzte eines alten Xenos-Volkes. Anton hatte sie vor Jahren gerettet, als ihr Volk von Chaos Space Marines vernichtet wurde. Zu ihrer beider Schutz, hatte er mit Hilfe seiner Position als Inquisitor, Ashenya als Mutanten registrieren lassen. Der Kontakt zu Xenos war innerhalb des Imperiums grundsätzlich verboten und wurde hart bestraft.


    Wie Anton selbst, war Ashenya eine schwache Psionikerin. Sie würde dieses quälende Nichts genauso spüren, wie Anton es spürte. Sie würde verstehen, wie schwer Anton unter dieser Leere zu leiden hatte.


    Schon stundenlang fuhren sie nun durch die karge Gebirgslandschaft, während die vorher angenehm kühle Temperatur einer beißenden Kälte wich. Anton konnte sich kaum mehr konzentrieren. Er unterdrückte die pochenden Schmerzen so gut es ging, war jedoch äußerst reizbar und unruhig. Den übrigen Soldaten schien es ähnlich zu gehen: Sie blafften sich wegen jeder Kleinigkeit an und redeten kaum mehr ein Wort. Ohne die Offiziere, die mit brutaler Autorität die Ordnung aufrecht hielten, hätten sich die Männer wahrscheinlich bereits gegeneinander gewendet. Cathrine dagegen, schien jedoch völlig unbeeindruckt. Inzwischen bewegte sich ihr Panzer neben der Kolonne vor uns zurück, um Präsenz zu zeigen. Nur wenige Minuten zuvor, hatte der Lord-Kommissar einen Sergeant exekutiert, der offen den Plan, zur Helm-Front durchzubrechen, kritisierte. Es war bereits die dritte Exekution in dieser Nacht.


    Mit einem lauten Knall wurden die Männer und Frauen der gemarterten Panzerkolonne jedoch aufgeschreckt. Ein grün leuchtender Lichtstrahl fraß sich durch den Panzer auf zweiter Position. Es folgte eine Dreier-Salve, die das Fahrzeug förmlich zerriss. Eine gewaltige Explosion zerriss den Panzer, ehe auch nur ein Soldat hätte aus- oder absteigen können. Es gab keine Überlebende.


    Trotz der unglaublichen Anspannung, die die Imperialen Truppen heimsuchte, reagierten die Panzerfahrer blitzschnell und verließen die Formation. Offiziere brüllten Befehle und die Infanteristen sprangen links und rechts neben den Panzern in Deckung. Anton beobachtete Hektor, der als Erster vor der Heckluke stand, bereit, in den Kampf zu ziehen. Im gleichen Moment, als das Zischen der Energieladung zu hören war – noch bevor der Panzer überhaupt getroffen wurde – war der gezeichnete Soldat bereits aufgesprungen. Sein Lasergewehr hielt er schon seit der Abfahrt in Haq’Yahel ununterbrochen in seinen Händen.


    Anton zog sein Schwert und aktivierte die Energiezufuhr. Mit einem knistern, zuckten unendlich viele, kleine Energieblitze über die Klinge, bis sich ein stabiles, summendes Energiefeld gebildet hatte. Der Inquisitor trat gleich neben Hektor, als die schwere Heckluke hinuntersauste und den Blick auf eine karge, in Dunkelheit gehüllte Felsenlandschaft freigab. Ohne zu zögern, stürmte Hektor aus dem Panzer, dicht gefolgt von Anton. Nun war es endlich soweit. Anton würde den Feind aus nächster Nähe sehen.


    Fast zeitgleich schalteten die Panzerfahrzeuge ihre Suchscheinwerfer ein und erhellten das Kampfgebiet in gleißendes, weißes Licht. Anton sah, dass dich der Feind von der gegenüberliegenden Straßenseite näherte. Metallene Skelete marschierten langsam und entschlossen auf ihre Position zu. Bolterfeuer, Laserstrahlen und Granaten schlugen in den Reihen der Xenos-Konstrukte ein, doch setzten diese ihren Vormarsch unweigerlich fort.


    Aus ihren Waffen verschossen sie grüne Energieblitze, die alles, was sie berührten, einfach desintegrierte. Der Kampf war dennoch ausgeglichen, das felsige Terrain bot gute Deckung und durch koordiniertes Feuer konnten immer wieder einige der Konstrukte ausgeschaltet werden. Die Angreifer schienen keinerlei Selbsterhaltungstrieb zu besitzen und ignorierten das gegnerische Feuer vollständig, wodurch die Imperialen Truppen immer wieder direkte Treffer landen konnten. Anton beobachtete, dass die metallenen Körper sich bei schweren Schäden sofort wegteleportierten. Die Technologie dieser Xenos war atemberaubend – weit fortgeschrittener als alles, was er bisher gesehen hatte. Ja, selbst die Technologie der Eldar schien im Vergleich hierzu rückständig.


    Von weiter hinten zuckten Antons Kolonne immer wieder Energieblitze entgegen, die weit grösser waren, als die Entladungen, die die Waffensysteme der Metallskelette erzeugten. Es musste sich um schwere Waffen handeln, die gezielt auf die Panzer schossen. Wie durch ein Wunder war der Führungspanzer noch unversehrt, aber neben dem folgenden Fahrzeug, waren inzwischen bereits zwei weitere Panzer ausgeschaltet. Gerade als Anton entsprechende Befehle geben wollte, drehte sich die Hydra dem Fein entgegen und beschleunigte auf Höchstgeschwindigkeit. Die Luken der Hydra waren alle samt geschlossen doch Anton wusste, das Cathrin das Kommando über den Panzer übernommen hatte. Zu seinem Erstaunen, wichen die Xenos-Maschinen zur Seite aus, als der Panzer auf sie zuraste. Irgendeine Art Überlebenswillen war offenbar vorhanden. Die Hydra fuhr einige Dutzend Meter direkt durch die feindlichen Linien, während die vier Maschinenkanonen bei voller Fahrt auf den Ursprung des Panzer-Abwehr-Beschusses feuerte. Anton sah in einer etwa einhundert Meter entfernten Mulde die Geschosse in eine Art Antigrav-Plattform einschlagen. Funken sprühten, als die Projektile auf die metallenen Schwebefahrzeuge trafen. Kurz darauf zündete die Sprengladung der Explosivwaffen und rissen Löcher in die Außen-Hülle der Waffenplattformen. Während Cathrines Panzer in Rekordzeit gewendet hatte und sich wieder in eine etwas besser geschützte Position zurückzog, versagten die Antigrav-Antriebe der getroffenen Konstrukte, die funkensprühend zu Boden stürzten.


    Inzwischen waren die ersten Skelette bis auf wenige Meter an sie herangekommen. Anton sprach ein kurzes Gebet zum Imperator und stürmte los.


    Die knisternde Energieklinge schnitt sauber durch den metallenen Körper des Konstruktes, welches den Angriff offenbar überhaupt nicht erwartet hatte. Nur schwerfällig begannen die nahestehenden Skelettkrieger, ihre Waffen auf Anton auszurichten. Der Inquisitor kannte nun einen elementaren Schwachpunkt dieser Xenos-Maschinen: Auch ihre gepanzerten Metallkörper schützen sie nicht vor Energiewaffen – und ihre Reaktionszeit war extrem lang. Anton durchtrennte die Oberkörper zwei weiterer Konstrukte, bevor der Feind schliesslich begann, auf ihn zu schießen. Mit einer eleganten Rolle wich er dem ersten Energieblitz aus. Ein zweiter Blitz traf auf seinen mit einer dünnen Schicht Auramit überzogenen Kampfschild. Dort, wo der Schild getroffen wurde, erkannte Anton einen kreisrunden Einschuss. Das Auramit hatte die destruktive Energie der Xenowaffe zwar vollständig absorbiert, wurde während dieses Prozesses jedoch selbst zersetzt. Immerhin wusste Anton nun, dass seine Rüstung ihm Schutz bot – zumindest solange, als dass er nicht zweimal an der gleichen Stelle getroffen wurde. Um weiterem Beschuss vorerst zu entgehen, ging Anton hinter einem grossen Felsbrocken in Deckung. Hinter sich sah er, wie Hektor mit einem Granatwerfer auf den Feind schoss. Er musste diesen von einem toten Soldaten genommen haben. Obwohl Hektors Gesicht keinerlei Gefühlsregungen zeigte, brannte in seinen Augen ein vom Hass genährtes Feuer. Ohne sich großartig um die eigene Deckung zu scheren, feuerte er Granate nach Granate auf den vorrückenden Feind. Anton stellte fest, dass Hektor sich im Moment nicht mehr groß von diesen Xenos-Wesen unterschied.


    Plötzlich und unverhofft spürte Anton einen schmerzhaften Stich, der durch seinen Kopf zuckte. Das unbehagliche Gefühl, die Leere im Warpraum, nahm noch grössere Ausmaße an. Gleichzeitig tauchten weitere Skelett-Wesen aus der Dunkelheit auf, doch unterschieden sie sich von allen Konstrukten, die er bisher sah, oder ihm beschrieben wurden. Sofort war dem Inquisitor klar, dass es sich bei den neuen Angreifer wohl um die Quelle des unheimlichen Schattens im Warp handeln musste. Mit jedem Schritt, der sich die Neuankömmlinge näherten, verstärkten sich Antons mentale Schmerzen. Mit mächtigen, sensenartigen Waffen ausgerüstet, waren diese neuen Gegner etwas grösser als die altbekannten Skelettkrieger. Im Gegensatz zum schlurfenden, gebückten Gang der Krieger, gingen sie mit Ehrfurcht gebietender Haltung. Schultern, Brust und Kopf waren aus einer glänzenden, reinweißen Legierung, die einen starken Kontrast zu dem abgenützten Metall der Skelettkrieger bildeten. Auf der Stirn der neuen Einheiten, prangerte ein Juwel, das in unergründlichen Farbtönen glitzerte.


    Diese Wesen mussten eine Art Elitetruppe sein – vielleicht handelte es sich sogar um die Herren dieser anderen Skelettkrieger.


    Unter Schmerzen blickte Anton in den Warp. Er erschrak: Diese Wesen waren wahrhaftig Ursache des Schattens. Sie hatten keine Seele. Nicht nur dass, nein, sie hatten nicht nur keine Seele, sondern sie waren auch Ursprung eines Feldes, dass den Warp vollkommen negierte. Der Inquisitor kannte dieses Phänomen – es gab Menschen, die mit dem Pariah-Gen geboren wurden. Im Gegensatz zu fast allen anderen Lebewesen, hatte ein Pariah keinerlei Abbild im Warp und wirkte dadurch als eine Art Anti-Psioniker. Diese Wesen schienen über die exakt genau gleiche Eigenschaft zu verfügen, mit dem Unterschied, dass der Effekt deutlich stärker ausfiel. Es waren offenbar speziell gezüchtete Waffen, um gegen die Mächte des Warp anzutreten.


    Anton wusste nicht, ob er im Kampf gegen eine solche Killermaschine bestehen konnte. Viel mehr beunruhigte ihn aber die Tatsache, dass diese Leere, die Ysraal VI umgab, bis in den Orbit spürbar war. Anton konnte sich dies nur damit erklären, dass sich abertausende dieser seelenlosen Wesen auf Ysraal VI befinden mussten – eine alles andere als rosige Aussicht.


    Rings um ihn herum vielen immer mehr Soldaten den Feuersalven der Xenos zum Opfer. Seine Truppe erlitt schwere Verluste. Die einzige Chance bestand darin, den Feind so schwer zu treffen, dass er sich neu formieren musste. Nur dann konnte Anton seine Männer neu formieren, weiter vorrücken und hoffen, schnell genug auf verbündete Armeeeinheiten zu treffen.


    Der Inquisitor blicke zu den Soldaten, die einige Meter hinter sich in Deckung befanden. Durch den schweren Beschuss niedergehalten, schien ein Gegenangriff beinahe unmöglich. Anton wusste, dass er derjenige war, der den Gegenschlag anführen musste. Sein Geist erzitterte beim Gedanken, sich diesen seelenlosen Wesen auch nur zu nähern. Doch er war ein Inquisitor des Ordens der Heiligen Inquisition zu Terra. Er war der Wille des Gottimperators; seine geheimste und mächtigste Waffe gegen die unbeschreiblichen Übel der bösartigen Xenosvölker. Anton war sich bewusst, dass diese Aliens mit ihrer unglaublich fortschrittlichen Technologie und der Macht, den Warp zu verschlingen, eine Bedrohung darstellten, welche das Imperium noch nie gesehen hatte. Das Schicksal der Menschheit lag in diesem Moment womöglich alleine auf seinen Schultern. Er durfte der Angst keinen Platz machen. Der Imperator zählte auf ihn. Die Menschheit zählte auf ihn.


    Anton verließ seine Deckung und trat mit erhobenem Haupt den Xenos entgegen. Dann richtete er sein Schwert direkt auf die anrückenden Alien-Konstrukte und richtete sich an die verzweifelten Soldaten.


    »Männer und Frauen, Soldaten des Imperiums!«, brüllte Anton mit mächtiger Stimme. »Unser Opfer dient dem Imperator! Der Erste der stirbt, soll als Erster an seiner Tafel speisen! Zum Angriff! Sieg oder Tod!«


    Dann rannte direkt auf die Gruppe der seelenlosen Krieger zu.

  • IV


    Unzählige grüne Energieblitze zuckten Anton entgegen, und prasselten gegen seinen mächtigen Schild, den er schützen vor sich hielt. Der Inquisitor war sich bewusst, dass jeder Treffer einen Teil der Auramit-Beschichtung des Schildes zerstörte. Es war nur eine Frage der Zeit, bis sich eine der tödlichen Entladungen schliesslich auch durch sein Fleisch fressen würde.


    Der Ansturm dauerte nur Sekunden, doch für Anton fühlte es sich wie eine Ewigkeit an. Die schier unerträgliche Qualihrer Nicht-Präsenz im Warp und der nicht enden wollende Beschuss versetzten ihn in einen fast schon tranceartigen Zustand. Er konnte kaum mehr klar denken, hatte jedoch sein Ziel deutlich vor Augen: Diese Wesen mussten so schnell wie möglich vernichtet werden. Als er den Feind endlich erreicht hatte, warf er sich mit schier unmenschlicher Zielstrebigkeit gegen die Reihen der Xenos. Mit einem wuchtigen Schlag schmetterte er den Schild gegen den ersten Seelenlosen, den er erreichte. Das Konstrukt verlor den Halt und schlug hart auf den felsigen Boden auf. Lautlos und mit völlig ausdruckslosem Gesicht.


    Anton erschrak ob der unerträglichen Kälte dieser Wesen. Selbst die bestialischen Tyraniden oder die schrecklichen Dämonen des Warps konnten Schmerzen empfinden. Selbst die bösartigsten Feinde des Imperiums schrien auf, fügte man ihnen Schaden zu. Diese Wesen aber waren anders als alles, was der Inquisitor bisher gesehen hatte. Und beim Imperator – er hatte schon so einiges gesehen.


    Als er wieder den übrigen Feinden entgegenblickte, glotzen die metallenen Totenschädel noch immer auf eine widerwärtige Art und Weise einfach nur ins Leere, ganz so, als ob sie weder ihre Umgebung, noch ihre Feinde wahrnahmen. Doch die grausame Präzision, mit der sie Salve um Salve der todbringenden Energieentladungen gegen die Imperialen Truppen schleuderten, zeugten davon, dass sie durchaus über eine hervorragende Wahrnehmung verfügen mussten. Anton konnte sich die unheimliche Teilnahmslosigkeit nur damit erklären, dass die Wesen schlicht und einfach kein Interesse an ihren Feinden hatten – ein Gedanke, den Anton noch viel mehr beunruhigte. Diese Xenos kämpften nicht für Territorium, Reichtum oder eine höhere Sache. Sie kämpften einzig und allein um des Todes willen. Ein Schaudern überfiel Anton. Dieser Feind war ein Albtraum, den sich selbst die abgebrühtesten Inquisitoren des Ordo Xenos niemals hätten vorstellen können.


    Bevor sich der Seelenlose wieder vom Boden erheben konnte, stieß Anton die knisternde Klinge seines Energieschwertes in den metallischen Körper und riss sie ruckartig kopfwärts, so dass der gesamte Torso des Konstrukts aufriss. Die Klinge durchtrennte das fremdartige Maschinenwesen mit Leichtigkeit und hinterließ einen tiefen, dampfenden Schnitt. Unzählige Kabel und unbeschreibliche Maschinenteile zierten das Innere des zerstörten Körpers.


    Die übrigen der Seelenlosen drehten sich – mit noch immer völlig ausdruckslosen Totengesichtern – nach Anton um. Ihre Schusswaffen, die langen, zweihändig geführten Stäben glichen, hatten die Kreaturen nun wie eine Hellebarde angehoben. Erst jetzt erkannte er, dass sie an der vorderen Seite eine lange Klinge hatten. Nur einen Augenblick später ließen die Seelenlosen ihre Waffen auf ihn niedersausen. Im letzten Moment gelang es ihm, den unverhofft schnellen Schlägen der Xenos auszuweichen. Durch das knappe Ausweichmanöver in einer völlig misslichen Position, blieb ihm nun nichts anderes übrig, als die nächste Attacke mit dem Schild zu blocken, ehe er selbst würde zurückschlagen können. Mit unglaublicher Geschicklichkeit griffen die Seelenlosen erneut an, schneller als Anton gehofft hatte. Der Inquisitor erwartete einen heftigen Schlag und bereitete sich vor, auf jedem Fall das Gleichgewicht zu behalten. Doch als die Klinge den Schild berührte, blieb der Stoss vollständig aus. Anton stellte mit Entsetzen fest, dass die Waffe des Xenos-Krieger ohne jeglichen Widerstand durch das Auramit-Schild schnitt und fast Antons Arm abgetrennt hätte, wäre er nicht schlagartig zur Seite ausgewichen.


    Anton fluchte. Auramit war das beste und teuerste Material im ganzen Imperium und widerstand bisher jeder bekannten Waffe. Er konnte es kaum fassen, was gerade passiert war. Sein Schild und seine Rüstung waren im Nahkampf nutzlos – eine äußerst schockierende Tatsache, die Anton beinahe überforderte. Doch er war ein Inquisitor und hatte daher die wohl beste Ausbildung und Konditionierung, die es im ganzen Imperium gab. Fast schon automatisch liess er sich zurückfallen, um Distanz zu den Seelenlosen zu schaffen. In diesem Moment bewegte sich eines der Wesen an seine Flanke. Die Bewegungen waren flüssig und elegant – ja, fast schon perfekt. Die Geschicklichkeit, die diese Konstrukte im Nahkampf zeigten, passten so gar nicht zu der schwerfälligen Erscheinung der massiven Metallskelette. Auch stand sie im totalen Widerspruch zu den Aussagen der Verteidiger von Haq’Yahel, die den Xenos eine äußerst träge Natur attestierten.


    Anton konnte nicht mehr rechtzeitig reagieren. Der Seelenlose hatte sich innerhalb von Sekunden so positioniert, dass er dem Schlag unmöglich ausweichen konnte.


    ‚Beim Imperator!‘, zuckte durch Antons Gedanken, als das Konstrukt zum mit Sicherheit tödlichen Schlag ausholte. Im letzten Moment vernahm Anton das penetrante Zischen einer Sprenggranate. Das Geschoss flog direkt auf den Kopf des Seelenlosen zu schlug mit einem metallischen Schlag auf, während es Zeitgleich mit einer rot-orangen Explosion seine vernichtende Aufgabe erfüllte. Wie in Zeitlupe schien sich der Feuerball in Antons Richtung auszubereiten, ehe er realisierte, dass er sich mitten im Sprengradius befand. Er konnte sich eben noch abwenden, bevor er die sengende Hitze und den brutalen Schlag der Explosion spürte. Seine Rüstung erwies sich glücklicherweise als widerstandsfähig genug, um dem Granateneinschlag standzuhalten. Die Druckwelle schleuderte ihn jedoch trotzdem fast zu Boden und mir mit großer Agilität konnte er das Gleichgewicht halten. Als er sich wieder seinem Widersacher zuwendete, sah er diesen mit völlig zerfetztem Oberkörper am Boden liegen. Sein Gehör war für den Moment einem besorgniserregenden Pfeifen gewichen und seine Muskeln schmerzten von der Wucht der Explosion, doch er war am Leben.


    Anton blickte in die Richtung, aus der die Granate abgefeuert wurde und sah Hektor, der ihm nur schnell zunickte, eher er wieder anlegte und den nächsten Xenos mit einer Sprenggranate zerfetzte. Anton wusste, dass er dem Soldaten sein Leben verdankte. Neben der Anomalie seiner Seele ein weiterer Grund, den Mann nah bei sich zu halten.


    Die Situation auf dem Schlachtfeld war unübersichtlich und definitiv nicht zu ihren Gunsten. Der Sturmangriff Antons hatte zwar den Kampfgeist der Männer gestärkt, die ihr Feuer bündelten und so relativ effektiv Feind nach Feind ausschalteten. Dennoch waren sie heillos unterlegen und hatten kaum nützliche Deckung, weswegen die Verluste mit jeder Sekunde anstiegen. Erst jetzt erkannte Anton auch, dass sich die vernichteten Gegner sprichwörtlich in Luft auflösten. Die Metallskelette, die vollständig vernichtet waren, wurden nur kurz nach ihrer Zerstörung in ein grünes Energiefeld getaucht und verschwanden. Anton machte sich aber kaum mehr Gedanken dazu. Diese Wesen waren, anders als alle Xenos, die das Imperium bisher bedroht hatten. Und auch wenn er diese Spezies liebend gerne näher untersucht hätte, war er sich im Klaren, dass das der falsche Zeitpunkt war – dass dieser Feind wirklich zu gefährlich war, als dass man ihn hätte studieren sollen.


    Die Niederlage schien sicher. Lange würde der Konvoi nicht mehr durchhalten können. Anton suchte das Schlachtfeld nach Cathrine ab. Sie mussten hier weg, oder sie würden alle sterben. Er entdeckte den Lord-Kommissar in einer kleinen Senke gleich neben der Hydra. Sie schien das Feuer der verbliebenden Panzer zu koordinieren und war wahrscheinlich damit beschäftigt, die Imperialen Truppen davon abzuhalten, in Panik davonzurennen.


    Anton schloss zu Hektor auf, der mit einem breiten Grinsen auf dem Gesicht, Granate um Granate verschoss.


    »Hektor«, brüllte der Inquisitor, gegen den Lärm der Schlacht an, »Wir brechen durch. Ich brauche Dich. Folg mir!«


    Der Soldat schoss eine weitere Granate ab, ehe er sich zu Anton umdrehte. Der brennende Hass schien ihn förmlich zu verschlingen.


    »Mir Scheissegal«, bläffte er der Inquisitor an. »Aber hier wird’s langsam ungemütlich. Ich bleibe hinter Dir.«


    Anton nickte und bewegte sich in Cathrines Richtung. Hektor folgte in geringem Abstand, feuerte aber ununterbrochen mit seinem Granatwerfer weiter. Anton wunderte sich, von wo Hektor so viel Munition herhatte, kam aber zum Schluss, dass der Soldat sich wohl einfach bei den Gefallenen bedient hatte. Verluste gab es genug.


    Der Inquisitor hatte sein Schwert weggesteckt und seine Boltpistole gezogen. Erneut im Nahkampf gegen diese seelenlosen Krieger zu kämpfen, die trotz seiner hervorragenden Ausbildung weit überlegen waren, wollte Anton möglichst vermeiden. Während Hektor, einfach willkürlich auf den nächstbesten Feind schoss, feuerte Anton mit seiner Boltpistole gezielt so, dass er die eigenen Truppen am besten unterstützen konnte, gab einem bereits schwer beschädigten Skelettkrieger den Rest, oder Soldaten Deckungsfeuer, die etwas Luft zum Atmen benötigten.


    Wenig später erreichten sie Cathrine. Anton nicht unähnlich, gab sie mit einer nicht standarisierten Boltpistole mit schlankem Gehäuse gezieltes Unterstützungsfeuer für die Imperialen Truppen, koordinierte aber gleichzeitig die Einheiten in ihrer Nähe, um dem Feind so viel Widerstand wie nur möglich zu bieten.


    »Cathrine«, brüllte Anton durch den Lärm der Schlacht. »Deine Einschätzung?«


    Die Lord-Kommissarin antwortete umgehend. Ihre Stimme hatte eine solche Bestimmtheit und Ruhe, dass man hätte meinen können, sie stünden kurz vor dem Sieg. Sie formulierte die Sätze aber so nüchtern und knapp, dass dadurch jeglicher Elan verloren ging.


    »Mindestens Verluste von fünfzig Prozent. Auflöse-Erscheinungen bei der Besatzung des dritten und vierten Fahrzeuges beobachten. Ich muss aber hierbleiben und den hinteren Teil des Konvois koordinieren, sonst werden wir überrannt. Maximal die Hälfte der Panzer ist noch fahrtüchtig. Wir können die Stellung wohl keine zehn Minuten mehr halten.«


    »Verdammt«, erwiderte Anton. »Ich sehe die Lage genauso. Es fällt mir schwer, dies zu befehlen, aber wir müssen hier weg.«


    Anton sprach es nicht direkt aus, doch wussten sowohl er als auch Cathrine, dass ein Rückzug in dieser Situation nicht geordnet durchführbar war. Ein Großteil der Soldaten würde zurückbleiben oder sich über das Helm-Gebirge zerstreuen. Für die meisten wohl ein Todesurteil. Cathrine nickte stumm. Es widersprach zwar völlig ihrer Konditionierung und Überzeugung, sich zurückzuziehen, aber Anton hatte als Inquisitor die Befehlsgewalt, wodurch sie ebenso dazu verpflichtet war, seinen Anweisungen zu folgen. Außerdem war sie sich bewusst, dass ein Heldentod auf dieser Passstraße keinerlei Sinn und Zweck gehabt hätte. Sie konnte dem Imperium besser dienen, kämpfte sie anderswo weiter.


    »Los, aufsitzen!« befahl Anton mit erhobener Stimme. Die wenig verbliebenen Soldaten, die die Umgebung der Hydra sicherten, zogen sich etwas verwundert zurück und kletterten unter dem ohrenbetäubenden Lärm der Hydra-Vierlings-Maschinenkanone auf das Panzer-Fahrzeug. Bevor sich der Inquisitor selbst auf das Fahrzeug schwang, gab er mit dem Vox-Caster, den Cathrine bei sich hatte, den Rückzug bekannt.


    »Hier spricht Inquisitor Anton Kalen vom Ordo Xenos. Ich befehlige denn sofortigen Rückzug. Versucht nach Westen durchzukommen. Der Imperator möge über euch wachen.«


    Dann begab er sich auf den Panzer. Cathrine hatte bereits das Kommando über die Besatzung übernommen und alles vorbereitet, um mit maximaler Geschwindigkeit nach Westen zu fliehen. Anton blickte zuerst zu Hektor, der mit einem wirren Lächeln auf dem Fahrzeug stand und noch immer Granaten gegen den Feind schoss. Dann überflogen seine Augen die wenigen Soldaten, die es auf die Hydra geschafft hatten: Drei PVS-Männer, einer davon mit einer grässlichen Armverletzung. Am Oberarm klaffte ein kreisrundes Loch. Das Fleisch hatte sich sprichwörtlich aufgelöst und gab den Blick auf einen geschwärzten Oberarmknochen frei, auf dem ein ebenso kreisrunder Ausschnitt sichtbar war. Die Energiewaffen der Xenos schnitten absolut exakt durch jegliches Material hindurch, was Anton etwas an die urtümlichen Stanzmaschinen der Fabrikwelten erinnerte.


    Der Inquisitor legte sanft seine Hand auf den Helm des Verwundeten und versicherte ihm den Dank des Imperators. Er blickte in den Warp und sah, wie das Licht der Seele dieses armen Mannes etwas heller erschien.


    Anton war sich Bewusst, dass die einfachen Soldaten der Imperialen Armee oder der PVS entbehrlich waren und er hatte bereits auch genug von ihnen in den sicheren Tod geschickt. Er versuchte trotzdem immer, sie so weit wie möglich als Menschen mit Gefühlen, Gedanken, Träumen und Wünschen zu betrachten. Er wurde als Agent des Imperators oft als ikonischer Held angesehen, der gekommen war, um die Feinde der Menschheit zu vernichten. Daher fühlte er sich verantwortlich, den Soldaten Mut zu geben und dieser Rolle gerecht zu werden, auch wenn er wusste, dass ein Inquisitor für gewöhnlich alles andere als heldenhaft war.


    Hinter ihnen brach dagegen das Chaos aus. Die wenigen fahrtüchtigen Panzer rollten unkoordiniert und schwerfällig an, während die Besatzungen der zerstörten Fahrzeuge niedergemetzelt wurden. Die seelenlosen Krieger kannten kein Pardon und schlachteten sie wie Tiere – ohne auch nur die geringste Regung in den schrecklichen Totengesichtern. Anton erschauderte bei dem Gedanken, einem solchen Wesen gegenübergestanden zu haben. Das ehemalige Führungsfahrzeug des Konvois schloss zu ihnen auf. Einige der Inquisitionsgardisten, mit denen er nach Haq’Yahel gekommen war, gaben mit unerschütterlicher Mine vom Panzerdach den nachfolgenden Truppen Deckungsfeuer.


    Dann jedoch erschien an einem weiter hinten liegenden Steilhang plötzlich ein pyramidenförmiges, schwebendes Etwas. Auf der Spitze der riesigen Pyramide flimmerte ein gigantischer, grüner Kristall, um den unheilvoll bedrohliche Energieblitze tanzten. Das fremdartige Gerät befand sich noch mehrere hundert Meter entfernt, näherte sich jedoch mit unwirklich hoher Geschwindigkeit. Anton blickte betroffen und fasziniert auf das schwebende Ding. Es erhob sich weit über das Schlachtfeld und demonstrierte auf kalte, drohende Weise die Überlegenheit dieser Xenos. Es war ein Symbol der Macht und – wie Anton vermutete – wahrscheinlich eine noch schrecklichere Waffe als die, die er bisher kennenlernen durfte. Der Inquisitor sollte Recht behalten. Als sich der Monolith weiter angenähert hatte, nahm die Intensität der kränklich grünen Energieblitze zu, die immer schneller und unkontrollierter um den gewaltigen Kristall zuckten. Mit einem ohrenbetäubenden Knall entlud sich schliesslich die vernichtende Kraft dieser mächtigen Kriegswaffe. Ein Lichtblitz, der ohne weiteres den Umfang eines erwachsenen Menschen hatte, schmetterte gegen die Chimäre der Inquisitionsgardisten, welche die Hydra noch immer mit ein, zwei Dutzend Metern Abstand folgte. Anton musste die Augen abwenden. Die Entladung erzeugte ein gleißendes Licht, das dem atomaren Feuerball einer Nuklearwaffe nicht unähnlich war. Seine Ohren schmerzten, während er für eine gefühlte Ewigkeit nur noch ein Pfeifen hörte. Trotzdem spürte er keine Druckwelle, was ihn zwar irritierte, wofür er aber durchaus auch dankbar war. Die unheilige Energie, die diese Xenos nützten, schien auf einer gänzlich unbekannten Technik zu basieren, die außerhalb der bekannten Physik funktionierte.


    Als der Inquisitor die Augen wieder öffnete, suchte er sofort nach der getroffenen Chimäre. Er fand schliesslich die Stelle, an der sich der Panzer zuletzt befunden hatte und erschrak. Die Entladung hatte einen tiefen Krater in den Fels gebrannt, während von dem Fahrzeug nicht mehr übrig war, als einige glimmende Schlackenreste. Er sah keine Leichenteile oder sonstige Überreste. Die Crew und die Inquisitionsgardisten, die Anton so treu gedient hatten, waren innerhalb von Sekunden schlicht verdampft.


    Anton erschauderte. Er hatte diesem Feind nichts entgegenzusetzen. Der Tod schien ihm auf dieser verfluchten Welt so dicht zu folgen, dass er immer wieder seinen finsteren Hauch im Nacken spürte. Die Hoffnung drohte, ihn zu verlassen, doch der Glaube an den Imperator und seine Pflicht gegenüber den Bewohner Ysraal VI, die er zu beschützen sich geschworen hatte, behielten ihn auf Kurs.


    Als ob der Imperator selbst seine schützende Hand über die Hydra gelegt hatte, beendeten die Xenos unverhofft und scheinbar ohne Grund die Verfolgung. Die Soldaten neben Anton, noch geschockt von dem vernichtenden Angriff auf die Chimäre, schlugen allesamt das Zeichen des Aquilas. Sie richteten Gebete an den Imperator und dankten ihrem Herrn für die Rettung. Nur Hektor stand unbeeindruckt da, den Granatwerfer noch immer im Anschlag. Sein Gesicht zeigte keinerlei Gefühlsregung und erst recht keinen religiösen Eifer.


    Auch Anton glaube nicht an eine göttliche Intervention. So wie er seinen Feind anhand des bisherigen Vorgehens einschätzen konnte, war es eher so, dass weder die Hydra, noch Cathrine oder Anton als echte Bedrohung angesehen wurde. Die kaltblütige, berechnende Effizienz, mit der diese ungeheuerlichen Konstrukte systematisch ihre Feinde schlachteten, liess Anton darauf schließen, dass die Xenos eine simple Abwägung getroffen hatten: Entweder die Hydra verfolgen und riskieren, dass die grössere Zahl der zurückgebliebenen Soldaten entkommen könnte, oder Anton ziehen lassen und die Zurückgelassenen erbarmungslos einkreisen, so dass keiner von ihnen auch nur die Chance hatte, zu entkommen.


    Die Xenos entschieden sich offenbar, dass es lohnender war, sich der grösseren Gruppe der Zurückgelassenen anzunehmen. Auch wenn es Anton schmerzte, dass eine Vielzahl von Soldaten, ihr Leben nun gegen sein Leben Eintauschen mussten, wusste er, dass dies eine äusserst glückliche Wendung war – zumindest aus der Sicht des Imperiums, in dem das Leben eines einfachen Soldaten von keinerlei Wert war.


    Mit dem Bewusstsein, dass Cathrine, die fünf Besatzungsmitglieder der Hydra, die drei PVS-Soldaten sowie Hektor und er selbst, die einzigen Überlebenden des Kessels von Haq’Yahel waren, schloss Anton erschöpft die Augen, während der Panzer in die finstere Nacht hineinfuhr.


    Der Inquisitor erwachte schon kurze Zeit später, als die Hydra abrupt zum Stehen kam. Anton blickte sich um. Das schwache Mondlicht, das die allgegenwärtige Dunkelheit kaum zu durchdringen vermochte, liess erkennen, dass der Panzer in einer kleinen Senke am Rande einer schroff aufsteigenden Felswand angehalten hatte. Die Wand hatte einen leichten Überhang, so dass die erschöpften Überlebenden zumindest etwas vor dem beginnenden Schneefall geschützt waren.


    Anton richtete sich auf und merkte erst jetzt, dass sein ganzer Körper schmerzte. Das Dach der Hydra war alles andere als ein bequemer Schlafplatz und der eisige Wind, der über diesen Pass pfiff, trug nicht besonders zu einem guten Schlaf bei. Trotzdem sprang er recht elegant von ihrem Fahrzeug herunter und war froh, ein paar Schritte gehen zu können. Just in diesem Moment öffnete Cathrine die Luke des Geschützturmes und zwängte sich nach draußen. Auch wenn der Lord-Kommissar ebenfalls alles andere als erholt aussah – Anton fragte sich, wie sie neben der normalen Crew überhaupt noch im inneren des Panzers Platz hatte – wirkte es für den Inquisitor so, als ob sie vom Fahrzeug einfach hinunterschwebte. Ihre Eleganz war wahrhaftig unvergleichlich.
    »Rasten?«, fragte Anton knapp, noch immer völlig erschöpft von den Ereignissen der letzten Stunden.


    »Wir haben kaum eine andere Möglichkeit«, erwiderte Cathrine mit emotionsloser Stimme. »Die Crew ist erschöpft. Wir kommen nicht weit, wenn wir in dem Zustand weitergehen. Und außerdem…«


    Anton beendete den Satz, als ihm sofort klar wurde, was der Lord-Kommissar sagen wollte.


    »…ist diese psionische Leere hier kaum mehr spürbar.«


    Der Inquisitor hatte es erst gar nicht gemerkt, doch schien hier, mitten auf der Passhöhe, das unheimliche Nichts, das den Warpraum verschlang, nur in weiter Ferne spürbar. Erleichtert atmete er aus und bemerkte, dass es Cathrine ähnlich gehen musste. Sie verbarg zwar ihre Emotionen perfekt unter einer gefühlslosen Maske aus Eis, doch entging Anton nicht das schwache Lächeln, das sich fast nicht erkennbar an den Mundwinkeln abzeichnete.
    Cathrine nickte zustimmend, als Anton fertig gesprochen hatte. Wieder mit ihrem gewohnten, kalten Tonfall, wandte sie sich erneut an den Inquisitor.


    »Wir brauchen Wachposten. Die Sonne wird in etwa sechs Stunden aufgehen. Jeweils zwei Mann übernehmen die Sicherung für eine Stunde, während die anderen sich ausruhen.«


    Anton stimmte zu.


    »Dann übernehme ich zwei Schichten, damit niemand allein auf Wache ist. Bei Sonnenaufgang brechen wir auf und kommen hoffentlich ohne weiteren Zwischenfall zur Hauptstadtmakropole.«


    Nachdem der Rest der lädierten Truppe über die Lage und das weitere Vorgehen instruiert wurde, begannen die Soldaten, ein improvisiertes Nachtlager zu errichten. Ein Tarnnetz, dass seitlich an der Hydra befestigt war, wurde vom Turm des Panzers an den Felsüberhang gespannt und diente als einfacher Schutz vor dem stärker werdenden Schneefall. Erschöpft lösten die Soldaten ein leeres Treibstoff-Reservefass vom Heck der Hydra und warfen etwas vertrocknetes Holz hinein, das sie in der nahen Umgebung gefunden hatte. Ein Crewmitglied brachte einen Stapel Betriebshandbücher und etwas überschüssiges Verbandmaterial. Beides warf es ebenso in das Treibstofffass, ehe es mit einem Schwefelholz ein kleines Feuer entfachte.
    Das primitive Lager verdeutlichte, wie abgekämpft die Einheit war. Trotzdem hob sich die Stimmung durch die Rast spürbar. Die Männer lagen in verschmutzten Armeemäntel eingewickelt um die Feuerstelle und hielten sich in dem kalten Wetter so warm wie möglich. Einige plauderten mit gesenkter Stimme, andere assen von den Standard-Armeerationen, die sie vor dem Abmarsch aus Haq’Yahel eingepackt hatten. Trotz der äußerst trostlosen Atmosphäre, herrschte aber das erste Mal seit langem Ruhe – die Soldaten fühlten sich in Sicherheit. Der Funker der Hydra bot einige grobkörnige, äußerst schmackhaft aussehende Würste in der Runde an und verkündete stolz, dass sie aus der Wursterei seines Vaters in Haq’Yahel stammten. Als ihm im selben Moment bewusstwurde, dass die Stadt – und somit auch seine Familie – nicht mehr existierte, verstummte er plötzlich, während sich eine bedrückte Stille breit machte.


    Anton stand an die Hydra angelehnt und hielt zusammen mit Hektor Wache, der teilnahmslos auf dem Dach des Panzers saß und in die Dunkelheit starrte. Die Rast dauerte bereits vier Stunden, doch hatte der Inquisitor – obwohl er völlig erschöpft war – bisher kein Auge zugemacht. Er hatte aber bereits beschlossen, sich nach dem Ende dieser Wache hinzulegen. Nachdem Hektor und er nun schon mindestens eine halbe Stunde nur still nebeneinander wachten, ergriff der gezeichnete Soldat völlig unerwartet das Wort.


    »Interessiert es den Imperator, dass wir hier alle sterben?«, sagte er mit ruhiger Stimme, während er noch immer in die dunkle Nacht hinausstarrte.
    Anton wusste, dass die meisten Inquisitoren eine solche Frage als Verrat gedeutet hätten. Doch er war sich der Situation, in der sie sich befanden, völlig bewusst. Er fühlte sich selbst von allem Glück verlassen, doch wusste er, dass die Menschen auch den Willen besaßen, sich jedem Schrecken entgegenzustellen. Der Imperator war ein Instrument, diesen Willen zu kanalisieren. Auch wenn es schon ketzerisch war, den Imperator so zu nennen, glaubte Anton, dass dies in der realen Welt durchaus zutreffend war. In der Dimension des Warps dagegen, war der Imperator natürlich wahrhaftig ein Gott, ein gigantisches Leuchtfeuer der Macht, das die Menschen anleitete. Doch wie sollte ein Mann wie Hektor, der in der Realität alles verloren hatte und nicht über die Kraft verfügte, in den Warp zu sehen, nicht am Imperator zweifeln?


    »Der Imperator beschützt«, entgegnete Anton. »Aber er beschützt die gesamte Menschheit. Manchmal heisst das, dass Individuen oder auch eine ganze Welt allein bestehen müssen. Der Imperator kämpft gegen Schrecken, gegen die selbst diese albtraumhaften Xenos harmlos wirken. Und trotzdem unterstützt er uns: Durch seine Grösse sind die Navigatoren fähig, zwischen den Sternen zu reisen. Durch sein Erbarmen können Psioniker im Dienste der Menschheit stehen. Durch seinen Willen stellen sich die Krieger des Adeptus Astartes gegen unsere Feinde. Der Imperator ist unser Vater, der uns gibt, was wir brauchen… Aber dennoch, oft müssen wir den Kampf ums Überleben allein führen. Interessiertes den Imperator, ob wir hier sterben? Nein. Weder, dein noch mein Leben ist von Bedeutung. Aber der Imperator will, dass jeder und jede sich den Feinden der Menschheit widersetzt. Wir sind daher verpflichtet – ob unser persönliches Schicksal den Imperator interessiert oder nicht – dass wir unseren Teil zur Verteidigung der Menschheit beitragen.«


    »Und wenn wir einfach aufgeben? Wenn wir keine Kraft mehr haben, diesen Kampf für die Menschheit zu führen? Könnten wir nicht einfach alle Hoffnung aufgeben und einfach das Schicksal akzeptieren, dass uns erwartet?«


    Anton bemerkte sofort, dass er mit dem Feuer spielte, wenn er Hektor weiter gewähren liess. Ein Blick in den Warp genügte, um seine Bedenken zu festigen. Der verrottete Belag, der sich wie ein Schimmelpilz um Hektors Seele gelegt hatte, pulsierte heftig und leuchtete mit glanzlosem, kränklichem Licht. Doch Anton erkannte ebenso, dass die Essenz der Seele noch immer rein war. Er hatte schon viele verlorene Seelen gesehen. Sie waren eins mit dem Schrecken, der sie heimsuchte, eine einzige unwirkliche Masse aus Geist und Chaos. Hektors Seele war aber anders. Noch immer lag der Schrecken des Seuchenvaters wie eine Hülle um den Geist des Soldaten, ohne aber dass die fauligen Adern diesen durchdringen würden.


    Anton wollte mehr darüber herausfinden, wie es sein konnte, dass sich dieser Mann sich scheinbar völlig unbewusst der Verderbnis des Chaos entzog. Im besten Fall könnte er dadurch sogar eine Methode finden, den Geist eines Menschen gegen das Chaos abzuschirmen. Bereit, seine Pistole jederzeit ziehen zu können, liess sich Anton weiter auf das ketzerische Gespräch ein.


    »Ohne Hoffnung hat unsere Existenz keinen Sinn«, antwortete Anton, während er gleichzeitig die Seele im Warp genauestens beobachtete. »Wenn unser Leben jeden universellen Wert verliert, wieso sollten wir dann überhaupt existieren? Wieso gäbe es überhaupt Menschen, wenn wir keine zwingend zu erfüllende Aufgabe hätten?«


    »Ihr seid Klug, Inquisitor«, erwiderte Hektor, während er endlich seine Augen von der Leere abwandte und den Kopf zu Anton wendete. »Wäre dem so, wären wir nur eine Laune der Natur. Und was würde uns dann noch von den Xenos oder einfachen Tieren unterscheiden?«


    Die pulsierende Energie der Fäulnis um Hektors Seele schwächelte. Anton hatte also Recht: Hektor war noch nicht vom Chaos korrumpiert. Wenn ein einzelner Gedanke reichte, um den Seuchenvater zurückzudrängen, hatte der Chaosgott noch keinerlei Einfluss auf Hektors Geist.


    »Richtig. Und da wir offensichtlich keine geistlosen Tiere sind, haben wir eine höhere Bestimmung. Wir müssen kämpfen, selbst wenn der Plan des Imperators in unseren Augen zu oft unklar ist. Selbst wenn wir den Plan des Imperators nicht sehen – nicht verstehen – müssen wir einen Zweck erfüllen und weiterkämpfen. Selbst wenn dieser Zweck nur von selbstsüchtiger Natur sein sollte. Wenn du denkst, der Imperator hat dich verlassen – dann kämpfe für die Menschheit. Kämpfe für dein eigenes Überleben. Auch wenn es vielleicht paradox erscheint, dienst du damit genauso dem Plan des Imperators.


    Hüte dich nur davor, aufzugeben. Dann wirst du zu einer leidlichen Laune der Natur ohne Relevanz für den Imperator und ohne Zweck für die Menschheit. Ein Verräter, der seine eigene Menschlichkeit verneint.«


    Als Anton fertig gesprochen hatte, runzelte Hektor nachdenklich die Stirn. Nach dem er einen Moment still nachdachte, wandte er sich erneut an den unorthodoxen Inquisitor: »Ich bin ehrlich von Eurer Geistesschärfe beeindruckt. Lasst mich über Eure Worte nachdenken und erlaubt mir, vorerst an Eurer Seite zu bleiben.«


    Anton schmunzelte innerlich. Als ob er je zugelassen hätte, dass sich ein Mann, dessen Seele eine solche Anomalie war, jemals wieder frei bewegt hätte.


    Nach einer Weile war die Wachschicht der beiden vorbei. Cathrine und einer der PVS-Soldaten lösten sie ab. Während Hektor sich außerhalb des flackernden Lichts der behelfsmäßigen Feuerstelle an das Fahrgestell der Hydra setzte und sich das gefühlt tausendste Loh-Stäbchen anzündete, lehnte sich Anton nicht unweit ihrer einzigen Wärmequelle an die Felswand. Dankbar, dass die schwere Kampfrüstung ein effektives Polster gegen die kalte, harte Felswand war, schloss er die Augen und schlief völlig erschöpft sofort ein.

  • V


    Anton erwachte, als die letzte Wache ihre Schicht beendet hatte und mit dem Kolben ihres Lasergewehrs auf die Panzerung der Hydra schlug, um die Männer zu wecken. Der Inquisitor konnte nicht behaupten, er hätte gut geschlafen, dennoch war er für jede Minute der Ruhepause dankbar.


    Noch immer etwas benommen, blickte er sich um. Die Soldaten hatten sich fest in ihre Mäntel gewickelt und lagen nah beisammen um das Treibstofffass, das ihnen als Feuerstellte diente. Die Sonne tränkte den Himmel, wie eine Erinnerung an die gefallenen Kameraden, in blutrotes Morgenrot. Die mächtigen Berge sorgten dafür, dass die ganze Passstraße dennoch im Schatten lag. Die Temperatur war wohl im Minusbereich, denn Frostkristalle glitzerten auf der Hydra. Über Nacht war nicht ganz kniehoher Schnee gefallen, was die Weiterreise sicher weiter verlangsamen würde.


    Während Anton die Umgebung langsam mit seinen schläfrigen Augen abtastete, bemerkte er, dass sich an seiner linken Schulter etwas bewegte. Erst da realisierte er, dass Cathrine an seiner Seite angelehnt geschlafen hatte. Sie war nah – so nah, dass sich eine wohlige Wärme in ihm ausbreitete. Doch befanden sie sich mitten in einem Kriegsgebiet und ihre gemeinsame Zeit war längst Geschichte. Beide hatten ihre Pflicht, die keine Gefühlsduselei erlaubte.


    Cathrine bewegte sich erneut und öffnete schliesslich die Augen. Sofort hob sie den Kopf und schaute Anton genau in das Gesicht.


    Der Inquisitor blickte direkt in ihre grünen Augen und erkannte ein lebendiges Funkeln, von dem er nicht sagen konnte, ob es verurteilend oder fordernd war. Das Gesicht dagegen wirkte durch die Anstrengungen der vergangenen Tage erschöpft und etwas eingefallen.


    Ohne etwas zu sagen, wandte Cathrine ihr Blick ab und inspizierte die Umgebung, während sie sich langsam erhob. Sie trat stumm in die Mitte des improvisierten Lagers, ehe sie mit einer Stimme, die der eines Lord-Kommissars würdig war, den Befehl gab, zusammenzupacken und Marschbereitschaft herzustellen. Dann ging sie zu Anton zurück.


    Mit gedämpfter Stimme wandte sie sich ungewöhnlich vertraut an ihn: »Lass uns reden, wenn diese Scheisse hinter uns liegt.«


    ***


    Schon kurz nach der Weiterfahrt führte die Passstrasse abwärts. Nach einigen Stunden mit voller Fahrt gegen Westen, veränderte sich dann auch die Umgebung deutlich und der schroffe, kalte Stein wich vertrocknetem Buschland. Endlich hatten sie das Helm-Gebirge überquert und kamen immer näher an die Linien der verbündeten Truppen. Die abscheulichen Xenos schienen wie vom Erdboden verschluckt. Doch die unheimliche Leere im Warp zeugte davon, dass die schrecklichen Wesen, welche Tod und Vernichtung über Ysraal VI brachten, noch immer hier waren.


    Während Anton über die sich veränderte Landschaft blickte, erschien Cathrine in der Dachluke des Hydra-Geschützturmes.


    »Anton«, sagte sie mit aufgesetzt ruhiger Stimme, in der der Inquisitor deutliche Erregtheit heraushörte. »Wir haben Kontakt zum Hauptquartier der Hauptstadtmakropole. Captain Hamad verlangt nach Dir.«


    Sofort richtete Anton sich auf. »Die Hydra soll anhalten. Bringt die Mannschaft nach draußen – ich muss sofort mit dem Captain sprechen.«


    Cathrine tat, wie ihr geheißen, und liess die Hydra unverzüglich stoppen. Während die Besatzung mit misstrauischer Mine den Panzer verließ, zog Anton seine schwere Plattenrüstung ab, um sich nach drinnen begeben zu können. Kurz darauf hatte er das Gefährt für sich – er musste Dinge besprechen, die nicht für die Ohren der einfachen Soldaten geeignet waren. Der eingebaute Vox-Caster war von schlechter Qualität und nur über kurze Strecken einsetzbar, was aber bedeutete, dass sich die Linie ihrer Verbündeten ganz in der Nähe befinden musste. Mit einer Relaisstation war es möglich, das Oberkommando in der Hauptstadt zu erreichen. Captain Hamad hatte Anton angewiesen, auf eine spezielle, überwachte Frequenz zu wechseln, um ungestört reden zu können.


    »Inquisitor«, dröhnte es mit starkem Rauschen aus dem schrottreifen Vox-Caster. »Wir befinden uns in schweren Gefechten gegen die Xenos. Können Front nicht mehr lange halten. Rückzug auf dem Landweg ausgeschlossen, einige Kilometer westlich von Eurer Position befindet sich eine gewaltige Armee des Feindes. Ich schicke einen Thunderhawk zur Extraktion. Sobald Ihr in Sicherheit seid, reden wir erneut.«


    Anton bestätigte. Die Lage musste äußerst ernst sein, wenn selbst Krieger des Adeptus Astartes zurückgedrängt wurden. Nachdem er sich kurz bei dem Captain bedankte und ihre genaue Position mitgeteilt hatte, verließ Anton den Panzer und instruierte seine Männer. Sie waren sichtlich erfreut über die Aussicht, endlich aus dem Feindgebiet weg zu kommen. Die verzweifelte Lage an der Front verschwieg Anton, denn es hätte ihre Moral vollständig gebrochen, ohne dass es irgendeinen Nutzen gehabt hätte.


    Nach etwa zwölf Minuten, die sich jedoch wie eine Ewigkeit angefühlt hatten, landete ein im Rot der Red Wolves lackierter Thunderhawk mit krachendem Donnern unweit der Hydra. Ein Trupp Space Marines sicherte sofort die Landezone. Anton erkannte an ihren weißen Helmen, dass es sich um Veteranen handelte. Er fühlte sich geehrt, dass Captain Hamad diese mächtigen Elitekrieger sandte, um ihn sicher zum Hauptquartier zurück zu bringen.


    Unter Anweisung von Cathrine hatten die überlebenden Soldaten eine improvisierte Sprengladung an der Hydra befestigt, die gezündet wurde, als sich alle an Bord des Thunderhawks begeben hatten. Während die Triebwerke des Transportfliegers mit ohrenbetäubendem Lärm starteten, wurde der Flugabwehr-Panzer am Boden von einem Feuerball verschluckt, während die Panzerhülle in sich zusammenviel und verglühte.


    Anton sah fast reumütig auf das ausbrennende Panzerwrack. Die letzten Tage waren intensiver als alles, was er bisher erlebt hatte. Ein Schwall der Erleichterung durchfuhr ihn, als er realisierte, dass sie es geschafft hatten. Er musste sich beherrschen, um nicht einfach erschöpft zusammenzubrechen. Sein Körper und sein Geist hatten Tagelang im Ausnahmezustand gearbeitet und funktioniert – was irgendwann Tribut fordern würde. Doch noch konnte er sich nicht ausruhen.


    Etwas benommen Schritt er in Richtung des Cockpits. Seine Mission war noch lange nicht beendet, er musste unverzüglich wieder mit dem Captain Kontakt aufnehmen.


    Während er durch den Laderaum des Thunderhawks schritt, beobachtete er einen Apothecarius der Astartes-Krieger, der sich mit grossem Eifer um die gemarterten Soldaten kümmerte. Einige der Männer waren bereits an Infusionspumpen angeschlossen, die ihre Körper mit Nährstofflösungen und Stimulanzen versorgte.


    Cathrine, die – wie Anton erst jetzt bemerkte – ihren Blick auf ihm fixiert hatte, war am Oberarm verbunden. Sie war also seit dem Kampf auf dem Gebirgspass verwundet, hatte die Verletzung aber versteckt.


    Anton verstand, dass sie als Lord-Kommissar keine Schwäche zeigen durfte. Dennoch schüttelte er innerlich den Kopf, dass sie sich nicht früher hatte behandeln lassen.


    Nachdem der Inquisitor die stählerne Leiter hinaufgeklettert war, die ihn zum Platz des Waffenschützen und Navigators brachte, sprach ihn letzterer direkt an und schlug dabei das Zeichen des Aquilas.


    »Inquisitor«, hallte es blechern aus dem Helmvisier des Space Marines. »Ich habe Befehl, euch unverzüglich mit dem Oberkommando zu verbinden. Ich wollte Euch gerade holen lassen.«


    Anton erwiderte das Zeichen des Aquilas und nickte dankbar. Ohne weitere Worte zu verlieren, setzte er sich auf den Stuhl des Navigators, der dem Inquisitor mit einer Handbewegung die Einwilligung dafür gab. Der Sitz war für einen Menschen deutlich überdimensioniert. Selbst mit seiner Auramit-Rüstung hätte Anton bequem Platz gehabt. Diese hatte er aber nicht wieder angezogen und im Laderaum zurückgelassen.


    Normalerweise waren die Servorüstungen der Space Marines direkt mit ihren Fahrzeugen verbunden, weshalb sich Anton erst wunderte, dass auf dem Kontrollpult eine Sprechgarnitur lag. Er brauchte einige Sekunden, um zu begreifen, dass der Navigator sie extra den Inquisitor angeschlossen hatte. Die Red Wolves waren wirklich überaus zuvorkommend. Anton war unendlich dankbar, dass gerade dieser Orden zur Unterstützung auf Ysraal VI gelandet war. Eine solch respektvolle und fruchtbare Zusammenarbeit mit den Imperialen Behörden und der Imperialen Armee war höchst selten. Die meisten Space Marine-Orden kämpften autonom und operierten nur bei absoluter Notwendigkeit zusammen mit anderen Einheiten.


    Sobald Anton die Sprechgarnitur angelegt hatte, meldete sich auch schon Captain Hamad.


    »Gut dass Ihr in Sicherheit seid, Inquisitor.«


    »Das verdanke ich nur Euch, Captain«, erwiderte Anton. »Ich brauche einen vollständigen Lagebericht.«


    »Die Xenos haben einen Grossangriff an der Hauptfront gestartet. Wir konnten die Stellung nicht halten und befinden uns auf dem Rückzug. Ich befinde mich in der Hauptstadtmakropole und versuche, eine neue Verteidigungslinie aufzubauen, doch die Verluste sind hoch – gerade unter den Verbänden der PVS und der 101. Stahllegion. Das ist aber unser kleinstes Problem – wir haben immer noch Reservetruppen unseres Ordens, die inzwischen auf dem Weg zur Planetenoberfläche sind. Viel wichtiger ist, was Techpriester Chimed festgestellt hatte. Er ist bereits zugeschaltet und wird Euch entsprechend aufklären.«


    Nur Sekunden nachdem der Captain fertig gesprochen hatte, hörte Anton den mechanischen Singsang des Techpriesters.


    »Ich habe die Xenos-Aktivitäten weiter verfolgt. Lexmechanic Skrin hat die Auger-Anlage Eures Schiffes mit den Anlagen auf Ysraal VI synchronisiert und einen Orbital-Tiefenscan des Planeten durchgeführt.«


    Natales Chimed legte eine kurze Pause ein.


    »Der gesamte Planet ist von Xenos-Konstrukten durchdrungen. Die Xenos haben technische Systeme innerhalb der ganzen Planetenkruste.«


    Anton wurde schlecht. Kalter Schweiss rann über seine Stirn. Er hatte so etwas Ähnliches bereits Vermutet, als er die Xenos-Elite-Krieger als Quelle der Leere im Warpraum identifizierte, doch die Bestätigung seiner Vermutung bedeutete, dass der schlimmste Fall eingetreten ist. Das Imperium hatte diese Welt besiedelt, ohne zu wissen, dass es die Heimatwelt einer überaus mächtigen Alienrasse war. Wieso diese schrecklichen Xenos gerade jetzt an die Oberfläche kamen, um ihre Welt zurückzufordern, konnte Anton nicht erklären. Doch die Tatsache, dass die ganze Landmasse Ysraal VIs von diesen Wesen besiedelt war, und die Tatsache, dass diese seelenlosen Krieger so zahlreich waren, dass sie eine solch unüberwindbare Sphäre der Leere erschufen, zeigten ihm, dass Ysraal VI verloren war. Als Inquisitor wusste er, zu was die gigantische Kriegsmaschinerie des Imperium fähig war. Dennoch – diese Welt war nicht zu halten.


    Anton musste sich zusammenreissen, um ruhig zu bleiben. Er danke innerlich der Konditionierung, die er als Inquisitor genossen hatte, denn ein gewöhnlicher Mensch wäre ob der verheerenden Wahrheit wohl zusammengebrochen.


    Mit versucht gefasster Stimme gab er den Befehl, vor dem er sich jedes Mal aufs Neue fürchtete. Doch er sah keinen anderen Ausweg.


    »Captain Hamad. Exterminatus-Protokoll einleiten. Inquisitor Anton Kalen. Ordo Xenos. Identifikationsnummer Alpha-Epsilon-Zweiundreissig strich Epsilon-Drei. Bitte bestätigen.«


    Nach einem Moment der Stille vernahm Anton die ruhige Stimme des Space Marine Captains.


    »Captain Hamad. 3. Kompanie der Red Wolves. Adeptus Astartes. Bestätige Durchführung des Exterminatus-Protokolls durch Inquisitor Anton Kalen, Ordo Xenos, Alpha-Epsilon-Zweiundreissig strich Epsilon-Drei.«


    Anton nickte Stumm und schluckte einmal, ehe er sich erneut an den Captain wandte.


    »Captain«, sagte er etwas gefasster. »Evakuiert die Hauptstadtmakropole. Rettet so viele Menschen wie möglich. Bereitet den Exterminatus-Schlags vor, führt ihn aber erst auf meinen ausdrücklichen Befehl aus. Noch haben wir etwas Zeit.«


    »Verstanden«, bestätigte der Space Marine. »Es wird ohnehin einige Zeit benötigen, bis die Zyklonentorpedos einsatzbereit sind. Captain Hamad, Ende.«


    Anton sank im Sessel zusammen. Diese Xenos waren zu gefährlich, als dass man sie hätte am Leben lassen können. Und sie waren zu mächtig, um auf einen Sieg hier auf Ysraal VI zu hoffen. Vielleicht hätte Jahrzehnte später eine Kreuzzugsflotte den Planeten säubern können, doch wäre es absurd gewesen, zu hoffen, dass sie solange die Stellung hätten halten können. Anton wusste, dass es keinen anderen Weg gab. Er ging gedanklich alle möglichen Szenarien noch einmal durch, um sicher zu gehen, dass er richtig gehandelt hatte. Denn er wusste, dass mit den Schiffen, die zur Verfügung standen, nur ein Bruchteil der Bevölkerung gerettet werden konnte, eher die Welt für immer vernichtet wurde. Ganz zu schweigen von den kämpfenden Truppen an der Frontlinie. Sie zu retten, dürfte nahezu unmöglich sein.


    Anton hatte das Zeitgefühl verloren. Wahrscheinlich waren nur Minuten vergangen, seit er mit Hamad gesprochen hatte. Ihm kam es aber wie eine Ewigkeit vor. Endlich erhob er sich und gab den Sitz wieder frei. Dann wankte er zurück in den Laderaum und lehnte sich erschöpft an die kühle Innenwand des Thunderhawks.


    ***


    Als das Alarmsignal, das die Ladung ankündigte, erklang, hatte sich Anton bereits wieder etwas gesammelt. Der Thunderhawk setzte auf einem militärischen Landungspad auf, das sich unweit der Kommandozentrale befand. Schwere Abwehrgeschütze suchten mit langsamm Rotieren den Himmel ab, während sich der Zugang, durch den der Transportflieger gekommen war, mit schwerfälligen, kuppelförmigen Panzertüren wieder verschloss.
    Gleich nach dem Aufsetzten wurden die überlebenden Soldaten von einer Bodencrew weggebracht. Anton verhinderte jedoch, dass Hektor bei den übrigen Männern blieb. Als Inquisitor brauchte er dazu glücklicherweise keine Gründe zu nennen – es wäre wohl nicht besonders gut angekommen, wenn er verkündet hätte, dass er den Einfluss des Chaos auf Hektors Seele studieren wollte.


    Ein geschniegelter Garde-Offizier nahm sich Antons, Cathrines und Hektors an. Während der Inquisitor darauf bestand, sofort zur Kommandozentrale gebracht zu werden, erlaubte sich Cathrine, sich zurückzuziehen. Auch Anton stand die Erschöpfung ins Gesicht geschrieben, doch hatte er keine Zeit, sich auszuruhen. Der Offizier befahl einem der Gardisten, die ihn begleitet hatten, Cathrine zu den Offizierswohnungen zu bringen. Unterkunft 33, Block F. Offenbar hatte jemand bereits veranlasst, dass der Lord-Kommissar sein eigenes Zimmer bekam. Dann bat er Anton, ihm zu folgen. Hektor folgte dem Inquisitor etwas ratlos nach.


    Auf dem Weg zur Kommandozentrale musterte Anton die Umgebung. Der Militärkomplex, in dem sie gelandet waren, schien randvoll mit PVS- und Gardesolsoldaten. Im tanzenden Licht roter Drehleuchten marschierten sie manchmal truppweise, manchmal kompanieweise durch die weiten Korridore der Anlage. Das dumpfe Grollen von Alarmsirenen drang durch die Stahlwände und schuf eine apokalyptische Atmosphäre, die durch unzählige Lautsprecherdurchsagen – Anweisungen und Befehle für die Truppen – weiter genährt wurde. Captain Hamad hatte volle Arbeit geleistet und alles mobilisiert, was es in der Hauptstadtmakropole an Truppen gab.


    Nach etwa einer Viertelstunde waren sie in der Kommandozentrale angekommen. Der Space Marine-Captain kam sofort auf den Inquisitor zu und nahm ihn zur Seite, wo sie sich im Flüsterton unterhielten. Hektor bezog Stellung vor der Zugangstüre der Kommandozentrale und zündete sich das dritte Loh-Stäbchen seit der Landung an.


    Anton wollte verhindern, dass Hektor in irgendeine Ad-hoc-Einheit gesteckt wurde und wollte ihn daher in seiner Nähe wissen. Dennoch musste der Exterminatus-Befehl unbedingt geheim gehalten werden, um keine Massenpanik aus zu lösen, weshalb er den Soldaten nicht über das weitere Vorgehen einweihen konnte. Anton konnte einzig alleine auf die Space Marines zählen, denn ihre absolute Konditionierung verhinderte selbst im Angesicht der sicheren Vernichtung jegliche Furcht.


    »Wie steht es mit der Evakuierung?«, erkundigte sich Anton bei Captain Hamad.


    »Mässig. Offiziell wird die Bevölkerung nur temporär in den Orbit verschifft, bis die Xenos-Bedrohung aufgehalten ist. Das nimmt der Sache… etwas an Dringlichkeit. Ausserdem verfügen wir über viel zu wenige Schiffe.«


    »Und der Feind?«


    »Rückt nur sehr langsam vor. Solange sich die Situation nicht grundlegend verändert, treffen die ersten Xenos in etwa drei Tagen hier ein.«


    »Wenigstens haben wir dadurch etwas Zeit.«


    Anton war vorsichtig optimistisch. Drei Tage waren immerhin genug Zeit, um einige der Wohnsektoren zu Evakuieren.


    »Ich will, dass einige Transportschiffe zurückgehalten werden«, fuhr Anton nach einer kurzen Pause fort. »Die Kampfstärke der Red Wolves und des 101. Armageddon muss so gut wie möglich erhalten bleiben. Ich will, dass deren Extraktion unter allen Umständen rechtzeitig gelingt.«


    »Ich bin geehrt, dass ihr unserem Orden eine solche Wertschätzung gegenüberbringt«, erwiderte Hamad ehrlich überrascht. »Der Adeptus Astartes – die Red Wolves – sind bereit, sich jederzeit für das Imperium zu opfern, Inquisitor. Wenn Ihr im Namen des Imperators unser Opfer fordert, würden wir keinen Moment zögern. Doch bin ich gleicher Meinung wie Ihr… Das Überleben meiner Brüder rettet mehr Menschenleben, als wenn wir den Angriff auf die Hauptstadtmakropole länger als absolut nötig herauszögern. Inquisitor, mein Orden legt Wert auf absolutes Vertrauen gegenüber den legitimen Vertretern des Imperators. Ihr ehrt uns, in dem Ihr so handelt, wie wir es von Euch erwarteten.«


    Der Captain verneigte sich schwach, um seinen Respekt auszudrücken. Anton wusste, was eine solche Geste von einem Captain des Adeptus Astartes bedeutete. Es war eine unglaubliche Ehrerbietung, die der Captain ihm zollte.


    »Im Grunde genommen ist das die einzige rationale Entscheidung«, erwiderte Anton bescheiden, während er selbst eine höfliche Verneigung andeutete. »Doch mir ist bewusst, dass viele Würdenträger leider nicht im absoluten Interesse des Imperators handeln. Es ehrt mich, Euch hier zu haben. Euer Orden verdient wahrlich die unerschöpfliche Grösse des Imperators.«


    Anton machte eine kurze Pause, ehe er weiter sprach.


    »Nun brauche ich aber dennoch etwas ruhe. Ich nehme an, für mich ist eine Unterkunft organisiert?«


    Captain Hamad begann zu grinsen.


    »Na, das wiederum geht auf Kosten des Gouverneurs. Er hat für den Lord-Kommissar und Euch jeweils eine Wohneinheit in Block F zur Verfügung gestellt.«


    »Wenigstens für etwas ist er zu gebrauchen«, bemerkte Anton zynisch, bevor er wieder ernst wurde. »Lasst den Gouverneur wissen, dass ich eine dritte Unterkunft anfordere. Der Soldat da vorne«, Anton zeigte auf Hektor, »ist von besonderem Interesse für die Inquisition. Ich will ihn in meiner Nähe wissen.«


    Captain Hamad nickte, ohne Fragen zu stellen. Anton erlaubte sich dann, sich zu entfernen.


    »Ich ziehe mich zurück. Ich erwarte Euch morgen früh wieder hier in der Kommandozentrale, um die Lage zu besprechen.«


    Captain Hamad stiess ein kurzes, aber herzliches Lachen aus.


    »Ich habe nicht vor, die Kommandozentrale zu verlassen, Inquisitor. Vergesst nicht, ich bin ein Space Marine – ich bin von der Notwendigkeit der Erholung und Zerstreuung vollständig befreit. Diese Umständlichkeiten sind mir zuwider!«


    Anton wusste nicht, ob er laut lachen, oder Hamad einem Verhör unterziehen sollte. Der Astartes hat gerade einen – zugegebener Masse etwas trockenen – Spruch geklopft. Dass der über zwei Meter grosse Elitekrieger ihm dann auch noch Zuzwinkerte, irritierte ihn nur noch mehr. Schlussendlich entschied Anton sich, seine Reaktion auf ein schwaches Lächeln zu beschränken. Dann verabschiedete er sich mit dem Zeichen des Aquila von dem Captain, der den Gruss erwiderte. Mit müden Schritt verliess der Inquisitor die Kommandozentrale.


    »Komm«, richtete er sich an Hektor. »Wir haben uns eine Pause verdient.«


    Der Soldat zuckte teilnahmslos mit den Schultern. Dann gingen beide in die Richtung, aus der sie gekommen waren.


    ***


    Anton sass an dem stählernen Schreibtisch in der Offiziersunterkunft, die der Gouverneur freundlicherweise zur Verfügung gestellt hatte. Sie bestand aus einem Arbeits- und einem Schlafzimmer. Ein kleiner Baderaum, der mit eigener Toilette und Dusche ausgestattet war, befand sich im hinteren Bereich.

    Im Schein einer elektrischen Lampe, die hin und wieder leicht flackerte, verfasste der Inquisitor einen Bericht über die Geschehnisse. Auf mehreren Pergamentseiten hatte er festgehalten, was bisher passiert war. Der Text war bewusst sachlich und weitgehend frei von persönlichen Ansichten verfasst. Dieser Teil war für das Archiv der Inquisition auf Terra. Die Xenos-Spezies bezeichnete Anton zusammenfassend als Seelenlose, auch wenn er hoffte, dass die Menschheit nie wieder mit diesen stummen Tötungsmaschinen konfrontiert werden würde.


    Anton griff nach dem Glas Raenka, dass er sich zuvor eingeschenkt hatte. In der Flasche, die gleich daneben stand, fehlte bereits ein guter Viertel. Er nahm einen guten Schluck und behielt den teuren Brandwein für einen Moment im Mund, um den exquisiten Geschmack möglichst lange zu geniessen. Dann wendete er sich wieder seinen Notizen zu.


    Während Anton den offiziellen Teil des Berichts zwar pflichtbewusst und eifrig verfasst hatte, schrieb er nun den „inoffiziellen“ Teil mit weit grösserer Leidenschaft. Er notierte seine Theorien und mögliche Zusammenhänge, um die Geschehnisse in ein grosses Ganzes einzuordnen. Ein nicht unwesentlicher Teil würde er der Anomalie um Hektors Seele widmen. Am naheliegendsten schien ihm, dass Nurgle – der Seuchenvater – einerseits versuchte, die Seele zu korrumpieren, eine andere Entität, die ebenso um seine Seele buhlte, andererseits dies aber verhinderte. Ein faktischer Status Quo zwischen zwei Wesen des Immateriums, die beide gleich stark waren und jeweils verhinderte, dass das Andere die Oberhand gewinnen konnte. Möglicherweise würde das bedeuten, dass man Besessenheit mit Besessenheit bekämpfen könnte… Ein zutiefst ketzerisches Konzept, das aber dennoch den Kampf gegen die Schrecken des Warps erleichtern könnte. Die Seelenlosen auf Ysraal VI konnten sogar dazu dienen, diese Theorie zu bestätigen. Wenn Hektor einem dieser Elitekrieger gegenüberstehen würde, würde der Xenos die Energie des Warps, die sich um Hektors Seele wandte, negieren. Sollte Anton Recht haben, musste die Anomalie in dieser Situation komplett verschwinden.


    Während Anton gedankenversunken auf das Pergament vor ihm kritzelte, unterbrach das blecherne Scheppern der Klingel seine Studien. Offenbar hatte er Besuch. Sich beinahe sicher, um wen es sich handelte, schob er seine Notizen lediglich nachlässig zur Seite. Dann begab er sich zum Eingang der Unterkunft und öffnete die Sicherheitstür mit dem dazugehörigen, absurd überdimensionierten Schalthebel. Mit einem lauten Summen wurde die schwere Hydraulik aktiv und schob die Türe beiseite.


    Der Inquisitor hatte richtig vermutet. Gleich vor dem Eingang stand Cathrine. Sie hatte ihre Uniform durch einen grau-schwarzen Militär-Overall ersetzt, der keinerlei Einheitenmarkierungen oder Abzeichnen hatte. Ihre schwarzen Haare waren noch etwas feucht. Offenbar hatte sie sich gerade frisch gemacht. Ihre Augen hatte sie dezent mit schwarzer Schminke umrandet, was einerseits das Grün wunderbar betonte, sie durch den Kontrast zu ihrer hellen Haut andererseits aber äusserst blass aussehen liess.


    »Komm herein«, begrüsste Anton sie, selbst nur mit einer bequemen Hose aus elastischen Synthetik-Stoff und einem feinen Unterhemd bekleidet, was ungewollt die private Natur des Treffens unterstrich.


    Cathrine bedankte sich und betrat die Unterkunft, während sich hinter ihr die schwere Türe wieder schloss. Sie liess ihr Blick durch den Raum gleiten: Auf dem Schreibtisch lagen einige Pergamentblätter, Feder und Tinte sowie eine Flasche mit einem Glas. Auf der gegenüberliegenden Seite war auf einem kleinen Tisch eine aufgerissene Standardration der Imperialen Armee, die nur halb aufgegessen war. Eine grosse Reisekiste mit dem eingravierten Zeichen der Inquisition stand neben der Türe zum Schlafzimmer. Antons Rüstung und Waffen lagen unordentlich verteilt auf der Kiste und um die Kiste herum.


    »Achte auf deine Ausrüstung!«


    Cathrine hatte einen gespielt vorwurfsvollen Ton aufgesetzt, als sie den weit verbreiteten Spruch rezitierte.


    Mit einem müden Lächeln erwiderte Anton: »Hatte besseres zu tun… Lass uns hinsetzen.«


    Der Inquisitor schob den Stuhl vom Schreibtisch zum designierten Esstisch und bot Cathrine an, sich zu setzten. Dann holte er den Raenka und sein Glas. In einer Kommode neben dem Tisch, fand er ein weiteres Glas und stellte es vor Cathrine hin.


    »Wie geht es dir?«, fragte Anton mit ernsthaft besorgter Stimme an seine ehemalige Flamme, nachdem er ihr gegenüber Platz genommen und begonnen hatte, beide Gläser mit dem hervorragenden Weinbrand zu füllen.


    »Diese Frage hat keine Bedeutung«, antwortete Cathrine scharf. »Ich bin Lord-Kommissar der Imperialen Armee. Mein persönliches Wohlergehen sollte nicht von Belang sein. Trotzdem Danke, dass du fragst. Nun, ehrlich gesagt kann ich es kaum erwarten, wieder in einem „echten“ Krieg zu sein. Ich habe das Gefühl, hier nichts bewirken zu können, ausser die Verluste zu minimieren. Strategisch ist diese Operation ein purer Alptraum…«


    Anton musste kurz Schlucken, bevor er ihr Antworten konnte.


    »Ich habe bereits eine folgenschwere Entscheidung getroffen, Cathrine«


    Der Lord-Kommissar verstand sofort. Sie wusste, wie Anton war, zumindest vor all den Jahren. Nach den Tagen, die sie auf Ysraal VI zusammen im Einsatz standen, hatte sich überzeugen können, dass sich Anton nicht viel verändert hatte. Es war ein leichtes, eins und eins zusammenzuzählen. Anton würde einen Exterminatus durchführen.


    »Wann?«, fragte Cathrine äusserst gefasst.


    »Ich habe Captain Hamad angewiesen, zuerst so viele zu evakuieren, wie möglich. Wir werden wohl noch einige Tage hier bleiben, ehe die Welt vernichtet wird.«


    »Wer weiss sonst noch davon?«


    »Nur du. Würde öffentlich bekannt, dass ich einen Exterminatus angeordnet habe, würde die ganze Welt in Panik verfallen. Die Evakuierung findet unter dem Vorwand statt, die Bevölkerung temporär in Sicherheit zu bringen. Aber die verfügbaren Schiffe haben nicht ansatzweise genug Kapazität, um auch nur einen Bruchteil der Zivilbevölkerung zu retten. Milliarden werden sterben…«


    Anton sank etwas auf seinem Stuhl zusammen und nahm einen Schluck Raenka. Cathrine schien die Entwicklung kalt zu lassen. Dennoch schien ihre Stimme weicher, als sie antwortete.


    »Du hast richtig gehandelt. Ich habe unzählige Welten sterben sehen – das ist der Preis, den die Menschheit für ihr Überleben zahlen muss. Ich habe schon auf Welten gekämpft, die Jahrelang in der Hand unserer Feinde waren… Glaube mir, es ist besser für diese Menschen, zusammen mit Ysraal VI zu sterben, als in die Hände von Xenos zu fallen.«


    Anton unterbrach sie mit einer ungewollt schroffen Handbewegung.


    »Danke für deine Worte. Aber ich bin Inquisitor des Ordo Xenos. Ysraal VI ist nicht die erste Welt, derer Vernichtung ich befehlen musste. Ich weiss, dass ich richtig handle, ich weiss, dass es die einzige vernünftige Option ist. Doch all das Leid, dass ich dadurch erschaffe, schmerzt. Auch wenn ich dadurch noch grösseres Leid verhindere. Das ist das Los eines Inquisitors – wir opfern unseren Seelenfrieden, in dem wir absolut ungeheuerliches tun. Aber irgendjemand muss es tun…«


    Cathrine leerte ihr Glas und schaute Anton mit ihren durchdringenden Augen an.


    »Ich verstehe, was du meinst. Wir sind gar nicht so verschieden, du und ich. Seit meinem Dienst im Officio Prefectus habe ich Millionen von Soldaten in den sicheren Tod geschickt. Doch das ist eine Notwendigkeit, wenn das Imperium gegen seine Feinde obsiegen soll. Es ist der Wille des Imperators. Es dient dem Erhalt der menschlichen Spezies.«


    Ein schwaches Lächeln huschte über Cathrines Gesicht.


    »Es verwundert mich schon fast, dass ein Inquisitor solche Skrupel hat.«


    Der Lord-Kommissar legte eine kurze Pause ein.


    »Ich bin dir aber dankbar, dass du offen mit mir redest. Dennoch bin ich wegen etwas anderem gekommen.«


    Anton wusste, worauf Cathrine hinaus wollte. Und im Grunde genommen, wollte er das Gespräch, das sich wohl aufzwingen würde, gar nicht führen. So oder so würde das Ergebnis schmerzlich sein. Trotz allem wusste Anton nicht, wie Cathrine zu dieser Sache stand und entschied sich daher, ihr der Anfang zu überlassen. Er wartete einen Moment, bis sie von selbst fortfuhr.


    »Anton, was ist mit uns? Mit dem, was wir geteilt haben?«


    Cathrine nahm einen weiteren Schluck aus ihrem Glas, das sie sich inzwischen wieder gefüllt hatte.


    »Ich… Es ist so lange her. Ich dachte, du wärst tot und ich hatte damit abgeschlossen. Dann tauchst du hier wieder auf… Erst war ich nur überrascht. Aber als wir zusammen gekämpft haben, als ich gesehen habe, dass du noch immer Energie wie damals hast…«


    Anton wusste genau, von was Cathrine redete. Für ihn war es genauso.


    »Cathrine. Ich weiss, was du…«


    Cathrine unterbrach Anton, in dem sie sich erhob und zu ihm hinüberging.


    »Du trübst mein Urteilsvermögen!« In Cathrines Tonfall schwang Zorn und Verzweiflung mit. »Ich bin ein Lord-Kommissar, ich habe die Pflicht, dem Imperator zu dienen! Ich darf keine Schwäche zeigen, keine Schwäche haben! Doch du… Es schmerzt mich, wenn ich dich sehe und genau weiss, dass es niemals wieder so sein kann, wie damals! Ich… Ich zweifle alles an, was bisher passiert ist, ob es richtig war, den Weg zu wählen, den ich gewählt habe!«
    Anton erhob sich ebenfalls. Sie standen sich nun ganz nah gegenüber. Ihre schönen Augen bohrten sich in Antons Seele.


    »Ich habe ebenso Verpflichtungen! Ich bin ein Inquisitor… Dafür musste ich alles aufgeben, doch es ist ein Segen, dass wir noch immer so empfinden können wie damals! Cathrine, diese Gefühle, dieses Feuer, das in uns lodert, das ist keine Schwäche. Wir…«


    Cathrine liess ihn nicht ausreden. Eine einzelne Träne lief über ihre Wange herab, doch war es offensichtlich, dass sie ihre Gefühle extrem zurückhalten musste. Harsch fiel sie Anton ins Wort.


    »Es ist eine Schwäche! Wie soll ich ohne Furcht gegen die unzähligen Feinde des Imperiums bestehen, wenn ich etwas zu verlieren habe, das mir noch mehrt bedeutet als das Imperium? Wie kannst du als Inquisitor so etwas sagen… Für dich gilt das gleiche! Wieso bist du immer so… irrational! Du hast dich kein bisschen geändert… Du lebst in einer anderen Welt… Ich… wir… Diese Welt gibt es nicht mehr! Wir müssen unsere Pflicht erfüllen – wir beide! Wir dürfen nicht zulassen, dass etwas zwischen uns ist, dass dem im Weg steht!«


    Anton packte Cathrine an den Schultern.


    »Was willst Du dann, Cathrine?«


    Antons stimme bebte. »Es ist bereits etwas zwischen uns!«


    Cathrine konnte die Tränen nicht mehr länger zurückhalten, die ihr nun stetig über die Wangen liefen.


    »Wir müssen das zerstören, was zwischen uns ist! Ich kann nicht so dem Imperator dienen, wie es meine Pflicht von mir verlangt, wenn ich dich liebe!«
    Cathrine legte ihre Arme um Anton und zog ihn ganz nah zu sich.


    »Ich will noch einmal fühlen, was wir damals gefühlt hatten. Dann werden wir uns für immer verabschieden.«


    Dann küsste sie Anton mit dem Feuer der Verzweiflung, innig und zutiefst tragisch zugleich.

  • VI


    Anton erwachte. Er hatte nicht allzu lange geschlafen, doch zum ersten Mal seit langem, war es ein zufriedener, ruhiger Schlaf gewesen. Er ertastete Cathrine, die noch schlafend neben ihm lag. Zärtlich streichelte er ihren Arm. Ihre nackte Haut fühlte sich unglaublich zart und weich an – bis auf die unzähligen Narben aus hunderten geschlagener Schlachten, die von Cathrines schwerer Bürde als Lord-Kommissar zu erzählen schienen.


    Cathrine wand sich um und öffnete schliesslich ihre durchdringenden, grünen Augen. Sie schaute Anton direkt ins Gesicht, während sie seine Hand zur Seite schob.


    »Es endet. Hier und jetzt.«, sagte Cathrine leise mit unerschütterlicher Mine.


    Antons Herz zog sich schmerzen zusammen. Er war sich zwar sicher, so etwas wie Bedauern aus Cathrines Stimme herausgehört zu haben, aber andererseits wusste er auch, dass ihre Entscheidung wohl fest stand.


    »Bist du dir sicher?«, begann Anton. »Willst du…«


    Cathrine unterbrach ihn schroff und verliess das Bett, das sie sich geteilt hatten.


    »Unsere Gefühle sind wider das Imperium«, begann Cathrine mit einem belehrenden, leicht erregten Tonfall. »Ich habe dir gestern alles gesagt, was ich zu sagen hatte. Mach es uns nicht schwerer, als es ohnehin ist…«


    Antons Augen wanderten wie von selbst über Cathrines nackten, perfekt geformten Körper. Sie war definitiv äusserst attraktiv, gerade auch, weil sie dazu eine unnachgiebige Entschlossenheit ausstrahlte. Aber Anton empfand trotz ihrer Schönheit beinahe nichts mehr. Ihre schroffe und abweisende Art hatte bereits begonnen, seine Gefühle zu vergiften.


    »Was nun?«, warf Anton ein, während er sich ebenfalls erhob und nach seinen Hosen griff. »Was hast du jetzt vor, Cathrine?«


    »Was ich dir gesagt habe. Ich gehe. Ich kann nicht leugnen, was ich empfinde, aber das muss nun ein Ende haben. Das nächste Mal, wenn wir uns sehen, bist du ein Inquisitor und ich ein Lord-Kommissar.«


    Anton seufzte resigniert.


    »Du wirst mir fehlen.«


    Cathrine senkte den Blick und machte sich daran, ihren Overall überzustreifen.


    »Ich weiss Anton. Ich weiss.«


    Ohne Anton noch einmal anzuschauen, wandte sie ihm den Rücken zu uns begab sich zur Türe. Das zischen der Hydraulik zerschmetterte Antons Herz. Nun war sie weg. Für immer aus seinem Leben entschwunden.


    Tiefe Traurigkeit überkam ihn, als er daran dachte, dass nun alles vorbei war. Sie hatten sich noch ein letztes Mal geliebt und sich der Leidenschaft hingegeben. Ein letztes Mal, bevor Cathrine sich entschieden hatte, Anton für immer zu verlassen. Anton hatte gehofft, dass sie sich nochmal anders entscheiden würde. Doch trotz der innigen Liebe, die sich beide noch einmal geschenkt hatten, blieb sie ihrem Wort treu und war gegangen. Anton wusste, dass es Cathrine wohl alles andere als leicht gefallen war, ihn zurückzulassen. Sie fühlte sich gezwungen, sich zwischen ihrer Pflicht gegenüber dem Imperator und Anton zu entscheiden. Und sie hatte sich entschieden. Anton wünschte, es wäre anders gekommen, musste aber einsehen, dass Cathrine wahrscheinlich recht hatte. Und er konnte – musste – ihre Entscheidung akzeptieren.


    Es war vielleicht knapp eine halbe Stunde vergangen, seit Cathrine Anton verlassen hatte. Anton hatte sich angezogen und dann ein Glas Raenka hinuntergeschüttet, als die schrille Alarmsirene die unangenehme Stille auf brutale Art und Weise zerriss.


    Was war geschehen? Was hatte der ausgelöste Alarm zu bedeuten? Anton war sich sicher, dass es kein gutes Zeichen war und zwängte sich in seine Auramit-Rüstung. Er aktivierte ihren Energiekern und zog seinen Waffengurt an. Kurz prüfte er, ob alles richtig sass, bevor ein heftiges Schlagen an seiner Türe Besuch ankündigte. Überzeugt, dass die Xenos kaum anklopfen würden, ging er direkt zur Türe und öffnete das schwere Schott. Ein hünenhafter Astartes-Krieger in voller Kampfmontur blickte ihn durch das grün leuchtende Visier des Servohelmes an. Gleich daneben stand Hektor, uniformiert und mit dem Granatwerfer im Anschlag. Er schien den Korridor nach hinten abzusichern.


    »Inquisitor Kalen«, schnaubte der Space Marine. »Wir müssen sofort zur Kommandozentrale. Befehl des Captains. Diese dreckigen Xenos sind mitten in der Hauptstadtmakropole.«


    Anton reagierte sofort. Er nickte nur kurz und schritt aus seiner Unterkunft in den trostlosen Korridor des Wohnsektors.


    Er durfte nun keine Sekunde zögern. Wenn die Xenos bereits in der Stadt waren, konnte es jeden Moment zu spät sein, um es überhaupt noch heraus zu schaffen. Doch zuerst musste ein anderes Problem gelöst werden. In seiner Unterkunft befanden sich alle Aufzeichnungen der Vorkommnisse auf Ysraal VI, ebenso einige Schriften und Forschungsobjekte zweifelhafter Herkunft. Würde er sie hier zurücklassen und alles verlieren, wäre seine Arbeit umsonst gewesen. Alle Opfer wären für nichts gestorben. Würde er sie hierlassen und sie würden durch Zufall in die Hände irgendeines unwissenden Bürger des Imperiums fallen, wäre das ebenso sein Todesurteil.


    Anton war schnell bewusst, dass es nur eine einzige Lösung gab.


    »Space Marine!« Anton wandte sich an den Elitekrieger. »In dieser Unterkunft befinden sich wichtige Besitztümer der Inquisition. Ich ordere, dass diese unverzüglich gesichert und zu einem Schiff gebracht werden, das zur Gebirgsvagabund aufbricht.«


    Der Astartes-Krieger bestätigte und nahm sogleich über die im Helm integrierte Kommunikationssysteme, Kontakt zu seinem Vorgesetzten auf. Anton hatte bereits vermutet, dass der Red Wolve keine Fragen stellen würde. Die Astartes-Krieger hatten auf Ysraal VI schon mehrfach bewiesen, dass sie der Inquisition und somit auch ihm volles Vertrauen und grösste Loyalität entgegenbrachte. Währenddessen erkundigte sich Anton bei Hektor über Cathrine. Hektor bestätigte ihm, dass sie bereits nach dem Lord-Kommissar gesucht hatten, die entsprechende Unterkunft aber leer war. Anton entwich ein kurzer Fluch. Es beunruhigte ihn, nicht zu wissen, wo Cathrine war. Doch wenn die Seelenlosen sich bereits innerhalb der Makropole befanden, musste er auf seine Pflicht fokussiert bleiben.


    Der Space Marine bestand darauf, sofort loszugehen. Die Dreiergruppe machte sich auf den Weg zur Kommandozentrale. Der Astartes-Krieger und Hektor gingen voraus und sicherten das Gebiet vorbildlich. Aus irgendeinem Grund perfekt abgestimmt, kam es Anton vor, als würden seine beiden Gefährten einen gut geplanten Tanz ausführen. Nur mit kurzen, zackigen Gesten kommunizierend, sicherte Hektor jeweils die linke Seite, während der Astartes die rechte Seite absicherte. Die Korridore des Wohntrakts schienen vollkommen leer. Die langen, in rotes Licht getauchte Flure und das Dröhnen der Sirenen schufen eine zutiefst apokalyptische, bedrohliche Atmosphäre, die Anton beinahe erwarten liess, dass sie jederzeit auf den Feind treffen mussten. Wortlos und unter enormer Anspannung rückte die Dreiergruppe in Richtung der Kommandozentrale vor. Nach etwa fünfzehn Minuten trafen sie auf einen Trupp Space Marines, der ihnen direkt entgegenkam. Der Sergeant des Trupps versicherte, dass der restliche Weg zur Kommandozentrale frei von Feinden war und bestätigte, dass er mit seinen Brüdern auf dem Weg war, Antons Habe zu sichern.


    Anton stellte zufrieden fest, dass seine Einschätzung richtig war. Die Space Marines nahmen sich seiner heiklen Besitztümer mit treuem Pflichtbewusstsein an, ohne sich um allfällige Details zu kümmern.


    Mit deutlich schnellerem Tempo und ohne Feindkontakt kamen die Drei dann schliesslich kurze Zeit später beim Transporthub an, wo sich der Lift befand, der sie direkt zur Kommandozentrale bringen würde. Hier waren die Spuren des Xeno-Angriffes offensichtlich. Anton liess seinen Blick über die weitläufige Halle gleiten, in der eine Unmenge an Plattformen zu den verschiedenen Transportliften oder Landestellen für Kleinstfrachter führte. Eine Vielzahl an Soldaten der PVS und mehrere Trupps der Red Wolves hatten Stellung hinter improvisierten Barrikaden aus Trümmern und allerlei Gegenstände bezogen. Auf den höher gelegenen Plattformen hatten sich Devastoren und schwere Waffenteams positioniert.


    Offenbar hatten die Verteidiger erst vor kurzem einen schweren Angriff abgewehrt. Es waren wie zu erwarten zwar keine zerstörten Xenos-Konstrukte zu sehen, die ganze Halle war aber durch einen heftigen Schusswechsel gezeichnet. Grosse Einschusslöcher von Bolterfeuer wechselten sich mit von Plasma- und Laserwaffen eingeschmolzenen Kuhlen ab. Die Stellungen der Verteidiger waren durch die mysteriösen Waffen der Xenos sprichwörtlich durchsiebt. Die schnell errichteten Deckungen boten kaum Schutz vor den mächtigen Energieentladungen, die sich kreisrund durch alles hindurchfrassen, dass sie berührten.


    Anton zählte mehrere dutzend Tote, darunter die allermeisten Soldaten der PVS, aber auch eine Handvoll Space Marines der Red Wolves. Neben dem Kontrollposten, der den Zugang zur Kommandozentrale sicherte, erkannte er den geschundenen Leib von Major Lemberg, dessen Körper durch eine Vielzahl tiefe Schnitte grotesk entstellt war. Offenbar hatte eine der Xenoskreaturen versucht, ihm die Haut abzuziehen, wurde aber dabei unterbrochen. Das Gesicht hing bis zur Brust herab und gab den Blick auf erschrockene Augäpfel und einen von rotem Fleisch und Muskeln besetzten Schädel frei. Anton dachte einen Moment an den Major zurück, mit dem er bei seiner Ankunft einen kurzen Moment zu tun hatte. Er schien gelangweilt und auf seinem Posten unterfordert – nun war er wenigstens von diesem mühseligen Dienst befreit. Der Inquisitor versuchte, den grausamen Tod des Offiziers als Erlösung zu sehen. Angesichts des schrecklichen Zustandes der toten Körpers und dem panikerfüllten Blick, mit dem der gehäutete Schädel ins Nirgendwo starrte, schauderte es ihn dennoch.


    »Verdammte Xenos!«, fluchte Hektor beim Anblick des Verstümmelten.


    »Die Feinde des Imperators werden büssen«, pflichtete der Space Marine, der sie begleitete, ihm bei. »Meine Brüder und ich werden alle diese Missgeburten ausrotten. Vernichtet die Xenos – wie es der Imperator verlangt.«


    Anton war sich Bewusst, dass der Space Marine in dieser Situation absolut recht hatte. Dennoch frustrierte ihn dieses einseitige Denken, das stellvertretend für das ganze Imperium war. Natürlich mussten diese Xenos vernichtet werden. Aber es gab auch andere Aliens, die es verdient hatten, zu überleben. Anton dachte an Ashenya, die er auf der Gebirgsvagabund zurückgelassen hatte. So wie sich die Lage entwickelt hatte, war er froh, dass er auf ihre Anwesenheit verzichtete. Nicht nur wegen den Red Wolves, sondern auch wegen Cathrine. Er fragte sich, wo der Lord-Kommissar sich wohl befand – ob sie noch am Leben war. Inbrünstig hoffte er, dass Captain Hamad die Situation diesbezüglich soweit unter Kontrolle hatte und Cathrine in Sicherheit gebracht werden konnte.


    Der Space Marine liess seine beiden Schützlinge schliesslich zurück und begab sich zu einem Sergeant, um die Erfüllung des Auftrags zu bestätigen. Anton und Hektor betraten den Lift, der sie zur Kommandozentrale bringen würde.


    Nachdem sie sich erst einen Moment angeschwiegen hatten, ergriff Hektor äusserst erregt Wort.


    »Ich will, dass diese Wesen verrecken! Allesamt!«


    Anton erkannte den lodernden Hass in Hektors Augen und blickte in den Warp. Nurgle schien im Kampf um Hektors Seele zurückgedrängt worden zu sein. Der schleimige, grün-gelbe Mantel, der die Seele umhüllte, war nur noch dünn und liess ein verzehrendes Feuer durchblicken, das in gleissendem Rot loderte. Mit einem Schlag war sich Anton sicher, was Hektor anging. Er kannte dieses lodernde Feuer; das Feuer des Khorne, des Chaosgottes des Hasses und des Blutvergiessens.


    Sowohl Nurgle als auch Khorne kämpfen darum, von Hektor besitzt zu ergreifen. Unauffällig machte sich Anton bereit, seine Waffe zu ziehen. Er spielte ein gefährliches Spiel, doch gerade jetzt, als er seine Theorie bestätigt sah, wollte er sehen, wie der Einfluss der Seelenlose sich auf Hektors Seele auswirken würde. Er musste bis dahin unbedingt die Balance halten.


    »Wir werden sie besiegen, Hektor«, sagte Anton mit ruhiger Stimme, um den Zorn des Soldaten zu zügeln. »Der Imperator lässt nicht zu, dass diese Wesen existieren. Ganz Ysraal wird gesäubert – dass gelobe ich dir.«


    »Und wie zum Teufel soll das gehen? Ich habe gesehen, zu was diese Aliens fähig sind! Wir können ihnen kaum etwas entgegensetzten… Aber ich will Rache! Sie haben mir alles genommen, was von Wert war!«


    Anton verstand seinen Zorn. Noch in Haq’Yahel hatte ein Soldat ihm, Hektors Geschichte erzählt.


    »Du wirst deine Rache bekommen, Hektor. Ich habe die Vernichtung dieser Welt angeordnet – du bist einer der Ersten, der nun davon erfährt. Wir werden retten, wen wir können, doch diese Xenos werden restlos ausgelöscht.«


    Hektor senkte den Blick. Das lodernde Feuer um seine Seele beruhigte sich, während der abscheuliche Schleim sich wieder verdickte.


    »Vernichten?«, fragte Hektor ruhig, aber sichtbar schockiert. »Ysraal VI… Meine Heimat? Nun… Inquisitor… Das ist wohl der einzige Weg, meine Rache zu bekommen... Ich wusste nicht, dass dieser Weg existiert. Nun… Ich danke dir… glaube ich.«


    Hektor verstummte und zog ein Loh-Stäbchen aus seiner Uniform, dass er trotz Verbot im Lift anzündete.


    Anton wusste, dass diese Wende für Hektor wohl überraschend gekommen war. Aber er sah keinen anderen Weg. Hektors Zorn war so gross, dass er nur durch Rache gestillt werden konnte. Die Aussicht, dass er bald sterben könnte, ohne seine Rache zu bekommen, hätte den Einfluss Khornes nur noch verstärkt. Und ohne das Wissen um den geplanten Exterminatus, war ein unrühmlicher Tod in den Strassen der Hauptstadtmakropole der einzige realistische Ausgang. Dass sich Hektors Zorn aber weiter verstärkte, war etwas, das Anton in Anbetracht seines instabilen Zustands, unbedingt verhindern wollte.


    Nachdem der Lift an seinem Ziel angekommen war, begaben sich Anton und Hektor direkt in das Innere der Kommandozentrale. Captain Hamad hatte offenbar denselben Schluss wie Anton gezogen: Die Offiziere waren bereits dabei, die Zentrale zu Räumen.


    Anton erkannte den Captain im Zentrum des Hauptquartiers. Neben ihm stand Techpriester Chimed, der scheinbar eine uralte Maschine in Betrieb nahm. Der Inquisitor war sich sicher, dass der stählerne, mit Kabeln übersäte Apparat zuvor nicht in der Kommandozentrale stand.
    Captain Hamad schritt auf Anton zu, sobald er diesen erkannte.


    »Vor etwa einer Stunde haben die Xenos direkt die Makropole angegriffen«, begann Hamad sofort. »Unsere Verteidigungslinien sind noch intakt – der Feind hat sich einfach mitten in der Stadt materialisiert. Zu den Sektoren Alpha und Beta ist jegliche Kommunikation abgerissen. Ich habe eine umgehende Not-Evakuierung eingeleitet.«


    Anton schätze die stoische Ruhe, die Hamad angesichts der Situation bewahrte.


    »Und die Truppen an der Front?«, fragte der Inquisitor nach.


    »Wir sind gerade in diesem Moment dabei, so viele davon wie möglich zu evakuieren. Bei Landebucht 32-A stehen Transportschiffe für den Führungsstab der PVS und uns selbst bereit.«


    »Und Cathrine? Der Lord-Kommissar?«


    »Sie hat sich über das Vox-System gemeldet. Ihr ist zu verdanken, das 32-A gesichert ist. Sie befand sich zum Zeitpunkt des Angriffs direkt bei der Landebucht und hat sofort die Verteidigung organisiert.«


    Anton amtete auf. Cathrine war also in Sicherheit… Zumindest so sicher, wie man in einer Makropole sein konnte, die gerade von Xenos überrannt wurde.
    Eben als Anton weitere Details erfragen wollte, begann einer der grossen Monitore in der Zentrale zu flackern. Auf dem Bildschirm erschien das Bild des Gouverneurs. Captain Hamad begab sich sofort zum Bildschirm hinüber, ohne auf Anton zu achten. Der Inquisitor folgte ihm nach.


    »Gouverneur Tibris, wie ist die Lage?«, wollte Hamad wissen.


    »Captain«, der Gouverneur war sichtlich nervös, hatte aber eine fast schon unheimliche Entschlossenheit in seinen Augen. »Der Palast ist vollständig eingeschlossen. Meine Garde-Einheiten können nicht mehr lange durchalten.«


    »Ich schicke Euch einen Thunderhawk, um euch rauszuholen«, bot Hamad an.


    Admund Tibris seufzte. Dann richtete er sich an Anton. Offenbar hatte der Gouverneur ebenfalls eine visuelle Verbindung in die Kommandozentrale.


    »Inquisitor. Captain Hamad hat mich über Euer Vorhaben informiert, als der Angriff auf die Makropole begann. Ich… ich will das nicht. Das alles ist ein schrecklicher Alptraum. Ich weiss, Ihr haltet nicht viel von mir. Leugnet das nicht. Aber ich bin der Gouverneur von Ysraal VI, im Namen des Imperators. Ich werde nicht zusehen, wie meine Welt einfach vernichtet wird! Ich habe eine Entscheidung getroffen, Inquisitor. Rettet euch und vernichtet diese Xenos. Der Palast ist vollständig abgeschnitten. Eine Extraktion ist viel zu gefährlich. Ich werde mit dem Rest meiner Garde einen Gegenangriff starten – vielleicht schafft das euch genug Zeit, um zu 32-A durchzukommen.«


    Anton verneigte sich mit ehrlichem Respekt.


    »Ihr ehrt den Imperator, Gouverneur. Wir alle werden Euer Opfer in Ehre halten.«


    »Erzählt allen«, schluchzte der Gouverneur, dem nun Tränen über das Gesicht liegen, »dass Admund Nekosson Tibris, Gouverneur von Ysraal VI, seine Pflicht als Diener des heiligen Imperators vorbildlich erfüllt hat.«


    Anton verbeugte sich erneut. Ihm war die Tragweite von Tibris‘ Entscheidung bewusst. Eine begrenzte Gegenoffensive konnte wirklich dazu führen, dass sie ohne grössere Verluste bis zur Landebucht durchbrechen konnten.


    »Gouverneur, ich werde Euren Namen in den Hallen der Inquisition festhalten. Noch in Jahrtausenden werdet Ihr als rechtschaffender Sohn des Imperators in Erinnerung bleiben.«


    »Danke«, erwiderte der Gouverneur. »Tibris, Ende.«


    Dann kappte er die Verbindung. Hamad drehte sich zu Anton und schaute ihm direkt ins Gesicht.


    »Er mag ein Narr sein, aber nur wenige Narren werden im Angesicht des Todes zu Helden.«


    Anton war tief berührt, dass der Gouverneur, trotz aller Inkompetenz, gerade jetzt womöglich ihr Leben retten würde. Bevor der Inquisitor antworten konnte, trat Techpriester Chimed an sie heran.


    »Der Gouverneur hat eine rationale Entscheidung getroffen«, schepperte die blecherne Stimme des Techpriesters. »Genauso wie ich. Capatain Hamad, ich bin bereit.«


    Dann wand er sich an Anton.


    »Ich kann nicht zulassen, dass die unzähligen Maschinengeister dieser Gerätschaften in die Hände der Xenos geraten. Ich kann nicht zulassen, dass sie langsam durch den Exterminatus auseinandergerissen werden. Ich habe eine grosse Sprengladung vorbereitet. Die Detonation wird die gesamte Kommandozentrale vernichten. Ich werde sie persönlich zünden. Ich bin entbehrlich. Mein Speicher wurde bereits von Ihrem Lexmechanic kopiert.«


    Anton wusste, dass er den Techpriester nicht umstimmen konnte. Seine Entscheidung basierte auf einer Berechnung, die Chimed sicherlich mehr als einmal durchgeführt hatte. Wenn es sein Wunsch war, zusammen mit den Maschinengeistern der Kommandozentrale vernichtet zu werden, würde Anton diesen respektieren.


    Als alles gesagt war, gab Captain Hamad den Befehl, abzurücken. Die übrigen Stabsoffiziere, Hamad, Anton und Hektor verliessen die Zentrale. Nun war alles entschieden.


    Im Transporthub hatte sich eine ansehnliche Streitmacht versammelt. Neben wohl rund einhundert PVS Soldaten bildete fast eine halbe Kompanie Space Marines eine gewaltige Macht, die es ohne weiteres mit einer grossen Horde dieser Xenos aufnehmen konnte. Anton überliess dem Captain der Red Wolves die Führung, da dieser per Vox-Signal direkt mit seinen Brüdern verbunden war und ohnehin über grössere Kampferfahrung verfügte. Mit den Red Wolves als Speerspitze rückte die kleine, aber enorm schlagkräftige Einheit ab. Kurz darauf erschütterte eine gewaltige Explosion den Himmel über der Stadt, als die Kommandozentrale von einem riesigen Plasmafeuer verzehrt wurde. Chimed hatte seinen letzten Schachzug gespielt. Anton bedauerte seinen Tod, verstand aber ungefähr, wieso der Techpriester so gehandelt hatte. Zwar hätte wohl nichts den Exterminatus überstanden, aber als Techpriester musste Chimed sichergehen, dass die Maschinengeister nicht von den Xenos befleckt wurden. Es war also nachvollziehbar, wieso er die Zerstörung der Zentrale lieber selbst überwachte.


    Das gesicherte Landepad befand sich einige Kilometer entfernt im äusseren Ring der Makropole. Anton wurde klar, dass die Zerstörung, die er bei der Kommandozentrale gesehen hatte, nichts war im Vergleich zu der Zerstörung, die in den Aussenbezirken vorherrschte. Aufgrund der grösse des Truppenkontingents waren sie gezwungen, sich über die Hauptstrassen der gigantischen Stadt fortzubewegen, weswegen das Ausmass der Verheerung voll zur Geltung kam.


    Die Strassen waren übersät mit geschlachteten Zivilisten. Die Allermeisten waren durch die Energiewaffen der Xenos getötet, durchbohrt von unzähligen Entladungen, die sich ohne Widerstand durch die Körper gefressen hatten. Unvergleichlich schrecklicher waren aber die gehäuteten Körper, die blutigen Säcken aus Fleisch und Muskeln ähnelten. Anders als die Opfer von Chaosanhänger, waren die entstellten Leichen nicht zur Abschreckung auf gehangen und präsentiert. Sie waren einfach in ihrem eigenen Blut liegen gelassen, dort, wo die boshaften Konstrukte sie ermordet hatten. Die Achtlosigkeit und Gleichgültigkeit, die die Xenos den geschlachteten Menschen entgegenbrachte, war grenzenlos und verstörte Anton mehr, als es die systematische Grausamkeit der Ketzer es tat.


    Ein warmer, stickiger Luftzug zog durch die verlassenen Strassenschluchten. Viele der Gebäude brannten durch direkte Treffer riesiger Geschützwaffen, so dass eine unheilvolle Mischung aus Asche und Rauch den Nachthimmel noch schwärzer Aussehen liess. Schwelende Hitze sorgte dafür, dass die wenigen Sterne, die noch erkennbar waren, zu flimmern schienen. Dennoch war es viel zu still. Nicht eine einzige Seele schien überlebt zu haben – die gigantische Millionenstadt schien vollständig ausgestorben. Doch auch vom Feind fehlte jede Spur.


    Die Nerven aller waren zum Zerreissen gespannt. Der Kriegszug passierte mehrere überrannte Verteidigungspositionen und ausgebrannte Panzerfahrzeuge der PVS und des Adeptus Arbites. Nach einem fast zweistündigen Marsch durch die Ruinen der Hauptstadtmakropole kamen sie endlich in die nähere Umgebung ihres Ziels. Die Xenos hatten sich noch immer nicht blicken lassen, aber Anton spürte, wie die Leere im Waprraum sich gnadenlos über die Stadt ausbreitete. Der Feind konnte nicht mehr weit entfernt sein.


    Die angespannte Stille wurde urplötzlich durch das Aufheulen einer Alarmsirene durchbrochen. Von nicht unweit donnerten Geschütze und Bolter, während das Zischen von Energiewaffen unverwechselbar zu dem Einsatzgruppe hinüber klang. Anton dachte an Cathrine und hoffte, dass sie noch am Leben war. Er beschleunigte den Schritt und schloss zur Spitze der Formation auf, wo Hamad seine Brüder ebenso zu einem schnelleren Tempo antrieb.


    Wenige hundert Meter entfernt erschien das riesige Zugangstor zur Landebucht, nachdem sie auf eine Querstrasse eingebogen waren. Das Tor stand offen und war unbewacht, doch dahinter tobte die Hölle. Offenbar griffen die Xenos von einem angrenzenden Bezirk aus die Landebucht seitlich an und stiessen in die Flank der Verteidiger. PVS-Soldaten suchten verzweifelt Deckung, während die surrenden Energieentladungen der Xenos in einer unglaublichen Anzahl gegen die Stellungen des Imperiums zuckten. Etwas weiter dahinter erkannte Anton eine Formation des 101. Armageddon. Die kampferprobten Soldaten des Regiments waren straff organisiert und leisteten im Gegensatz zu den Milizionären der PVS effektiven Widerstand. Mehrere mechanisierte Infanteriezüge hatten ihre Chimären wie einen Bunkerwall um die Landebucht positioniert, wo die wahrscheinlich letzten Transportschiffe auf die Red Wolves und Anton warteten. Eine Gruppe von Leman Russ Kampfpanzer feuerte mit gnadenloser Präzision ihre schwere Kampfgeschütze ab und fegten mit jeden Schuss dutzende der Xenos hinfort. Doch die Skelett-Konstrukte marschierten unaufhaltsam gegen die imperialen Linien, Verluste kalt ignorierend. Wo ganze Truppen ausgelöscht wurden, nahm einfach ein neuer Trupp deren Plätze ein. Die Aliens waren nicht nur technisch weit überlegen, sondern auch schonungslos in der Überzahl.


    »Auf sie, Wölfe!«, brüllte Hamad, als der Feind nur noch wenige Dutzend Meter entfernt war. Er zog eine kurze, stählerne Klinge und stürmte direkt auf die nächsten Feinde zu. Mit dem Bolter in der anderen Hand feuerte er währenddessen immer wieder kurze Feuerstösse in die Legionen der Skelettkrieger, die wie ein metallener Schatten langsam die Landebucht fluteten. Der Captain bewegte sich mit enormer Geschwindigkeit und wich äusserst geschickt einigen der vernichtenden Energieblitze aus, die ihm entgegengefeuert wurden. Dann stand er endlich einem der Xenos-Krieger gegenüber. Seine Klinge schnellte dreimal hervor und durchtrennte mit höchster Präzision einige der wenigen freiliegenden Kabel am Halsbereich des Konstrukts. Mit einer Boltersalve aus nächster Nähe, die er dem Wesen direkt ins leblose Gesicht feuerte, riss der grimmige Schädel schliesslich ab und viel nach hinten weg. Noch während der Maschinen-Krieger zusammensank, dematerialisierte er sich in grünes, züngelndes Licht gehüllt. Hamad hatte aber keine Zeit, die merkwürdige Technologie, die das möglich machte, zu hinterfragen. Ohne zu zögern wandte er sich dem nächsten Xenos-Konstrukt zu und ging zum Angriff über.


    Anton war gleich hinter Hamad und folgte ihm nach, als die Red Wolves einen Keil in die Flanke der Xenos trieben. Seinen Schild – der noch immer die Spuren der letzten Schlacht trug – in der einen, die knisternde Energieklinge in der anderen Hand, vernichtete er die metallenen Wesen mit ruhigen, beständigen Hieben. Seine Klinge durchtrennte die Metallkörper der Xenos problemlos, ohne dass sie auch nur eine kleine Chance hatten, den Angriff abzuwehren.


    Langsam arbeiteten sie sich zu den verbündeten Reihen durch. Dennoch strömten immer weitere Metallskelette gegen die Stellungen der Verteidiger. Aus grosser Distanz schossen mächtige grüne Energieblitze gegen die Panzer des 101., abgefeuert von seltsamen schwebenden Plattformen, die Anton schon im Helm-Gebirge gesehen hatte. Nun erkannte er die fremdartigen Konstrukte aber deutlicher. Es handelte sich um eine Art Fahrzeuge, die schwebenden Skarabäen glichen, auf denen humanoide, skelettartige Körper montiert waren, so dass sie den Zentauren aus der alten terranischen Mythologie glichen. Anstelle eines Armes hatten sie aber ein riesiges Energiegeschütze, welches die todbringenden Ladungen abfeuerten. Einer der Leman Russ Panzer wurde direkt unter dem Geschützturm getroffen und wurde durch die Wucht des Einschlags wort-wörtlich vollständig auseinandergerissen. Die übrigen Panzer erwiderten das Feuer auf die grotesken Zentaur-Käfer und vernichteten sie mit einem einzigen, verheerenden Treffer. Innerhalb kürzester Zeit waren aber neue der schwebende Konstrukte angerückt und nahmen die Panzer erneut unter Beschuss. Anton wusste, dass die Schlacht nicht mehr lange dauern würde, würde es so weitergehen.


    »Captain Hamad!«, brüllte Anton durch den Lärm des Kampfes. »Bringt eure Männer zu den Schiffen. Wir müssen so schnell wie möglich weg von hier! Ich suche den Lord-Kommissar!«


    Hamad nickte und gab sogleich Befehl an die Red Wolves. Die Krieger des Adeptus Astartes, die eine Schneise durch die angreifenden Xenos geschlagen hatten, änderten sofort ihre Angriffsrichtung und attackierten nun die Feinde, die sich zwischen ihnen und der Stellungen der Verteidiger eingekesselt hatten. Die nachrückenden PVS-Soldaten nahmen eine defensive Position ein und decken den Rücken der Space Marine. Sie würden der nächsten Angriffswelle nichts entgegenzusetzten haben, aber immerhin gelang es den Imperialen Kräften so, den drohenden Zusammenbruch der Verteidigungsstellungen zu verhindern und etwas Luft zwischen den Evakuierungsschiffen und dem Feind zu schaffen.


    Nachdem die Red Wolves unzählige weitere Xenos niedergemacht hatten – erstaunlicherweise mit nur geringsten Verlusten – erreichten sie endlich die Reihen ihrer Verbündeten. Anton trat hervor und wandte sich sofort an den nächsten Offizier, den er erblicken konnte.


    »Leutnant, wo ist der Lord-Kommissar?«


    Der Leutant nahm kurz Haltung an.


    »Sir. Beim Kommandoposten«, erklang die schroffe Stimme, durch die geschlossene Gasmaske gedämpft und etwas blechern. Dann deutete er auf eines die wartenden Schiffe, die zur Evakuierung bereit standen. »Gleich neben dem sechsten Frachtschiff da drüben. Sir.«


    Die Stahllegionäre von Armageddon trugen die Masken jederzeit, unabhängig, ob die Luft vergiftet war oder nicht – eine Tradition, die auf die stark verschmutze Atmosphäre ihrer Heimatwelt zurückging.


    Anton bedankte sich bei dem Soldaten und machte sich auf den Weg in die Richtung, die er angegeben hatte. Wie er feststellen musste, war der Kommandoposten lediglich ein ausgebrannter Repressor, in dem die Stahllegionäre eine kleine Funkstation eingerichtet hatten. Eine gewaltige Last fiel Anton vom Herzen, als er sah, dass Cathrine am Leben und unverletzt war. Sie war über die Vox-Anlage gebeugt und gab mit unvorstellbarem Tempo befehle an die verschiedensten Sektionen des 101., während ein Adjutant auf einer aufgehängten Übersichtskarte versuchte, die aktuelle Lage festzuhalten.


    »Cathrine, wir ziehen uns zurück…«


    Anton erschrak, als er merkte, mit was für einer sanften Stimme er gesprochen hatte.


    Cathrine sah ihm mit einem scharfen, kaltschnäuzigen Blick an. Dann wandte sie sich wieder dem Vox-Caster zu und gab den Befehl, an Bord der Schiffe zu gehen. Sobald alle Sektionen des Regiments den Befehl bestätigt hatten, schritt sie zu Anton.


    »Gehen wir«, sagte sie mit versteinerter Miene und trat aus dem Fahrzeugwrack heraus. Anton folgte ihr nach. Der Repressor lag auf einer Rampe, die direkt zu den Zugangsbrücken zu den angelegten Raumschiffen führte und daher den Blick über das ganze Dock freigab. Die Schlacht tobte mit unvergleichlicher Härte.


    Anton sah, dass die Red Wolves bereits bei einem der Transportschiffe angekommen waren. Anstatt sich einfach zurück zu ziehen, hatten sie einen Verteidigungsring um den Zugang zum Schiff gebildet und gaben den fliehenden Soldaten der PVS Deckungsfeuer. Die vordersten Reihen – die Männer, die mit ihnen von der Kommandozentrale gekommen waren – war bereits völlig überrannt. Wahrscheinlich hatte kein einziger von ihnen überlebt. Der Rest der Truppen befand sich eher auf einer panischen Flucht, als auf einem geordneten Rückzug. Die Milizsoldaten rannten völlig führungslos zu den riesigen Transportfrachtern. Sporadisch hielten einige von ihnen kurz an, um eine Lasersalve gegen den nachrückenden Feind zu feuern, und rannten dann weiter. Die Soldaten des 101. Armageddon verhielten sich, wie zu erwarten, deutlich disziplinierter. Einzelne Infanteriezüge zogen sich zurück, während andere Deckungsfeuer gaben. Sobald der letzte Zug wieder an der ersten Position stand, gingen die Soldaten in Stellung und gaben Deckungsfeuer für den Zug, der nun an der letzten Position war.


    Plötzlich stellte Anton fest, dass sich in den Reihen des Gegners etwas veränderte. Aus dem nebenanliegenden Dock, von wo die unzähligen Xeno-Konstrukte herausströmten, trat eine Hundertschaft der seelenlosen Elite-Krieger. Anton erschauderte. Inmitten der Krieger stand ein weiteres Metallskelett, dass die anderen mindestens um zwei Köpfe überragte. Anders als die Konstrukte, war sein Körper aus einem glänzenden, silbrigen Material. In den tiefen, leeren Augenhöhlen brannte ein boshaftes, grünes Feuer. Die Flammen aus purer Energie lodernden gierig - hungrig nach Tod und Verderben. Sein verrottetes Gewand flatterte in einem unnatürlichen Wind, der entgegen jeglicher irdischen Physik zu existieren schien.


    Anton wusste, dass dies der Anführer dieser Armee sein musste. Ehe er einen weiteren Gedanken fassen konnte, hob die unheimliche Kreatur ihre Hand. Gleissende Energieblitze umspielten jede Bewegung, während sich ein finsterer Nebel über dem unheilvollen General und seinen Elite-Krieger bildete, der sich wie ein schwarzes Leichentuch über sie legte. Der Dunst löste sich sogleich wieder auf – sowohl der Anführer als auch die Seelenlose waren verschwunden. Doch die bedrückende Leere im Warp raste bedrohlich schnell auf Anton zu. Heftige Schmerzen durchzuckten seinen Geist, als er realisiere, was geschah.


    »Schnell! Weg! Sofort!«, brüllte er panisch und rannte so schnell er konnte dem nächsten Schiff entgegen. Doch seine Warnung kam zu spät. Überall um sie herum bildete sich der gleiche schwarze Nebel, den Anton zuvor beobachtet hatte. Die Schwaden waren dick und zäh, so dass sie eher an schwarzen Schleim erinnerten. Die Schmerzen in Antons Kopf steigerten sich ins Unerträgliche. Der Adjutant und einige andere Soldaten zogen ihre Waffen und richteten sich selbst hin. Die Schmerzen waren zu gross. Anton wusste, dass nur die aller Stärksten solche Qualen ertragen konnten, nur solche, die seelisch absolut gefestigt oder einfach völlig wahnsinnig waren.


    Dann kam es so, wie Anton es erwartet hatte. Aus dem schleimigen Nebel schritten die Seelenlosen. Die leblosen Gesichter stumm nach vorne gerichtet, bereit, die Soldaten des Imperators zu ernten.


    Der Inquisitor rannte los. Cathrine war dicht hinter ihm. Der Kampf im Helm-Gebirge war ihr noch gut in Erinnerung, weshalb sie genauso wie Anton wusste, dass sie keine Chance hatten. Der einzige Weg, zu überleben, war so schnell wie möglich das Schiff zu erreichen, dass sie wegbringen würde. Um sie herum begann ein wahres Massaker. Die Stahllegionäre versuchten, die Xenos zu bekämpfen, hatten aber keine Chance. Mit ihren sensenartigen Klingen schlachteten die Seelenlosen gnadenlos alles, was in ihre Nähe kam. Glücklicherweise schienen sie kein besonderes Interesse an Cathrine oder Anton zu haben. Wie bereits im Helm-Gebirge, genügte es den leblosen Schrecken, die einfachen Soldaten niederzumähen, welche verzweifelt versuchten, Widerstand zu leisten.


    Unverhofft trat einer der Seelenlose vor Anton.


    »Cathrine«, rief er ihr knapp zu. »Lauf. Ich übernehme das.«


    Ohne auf eine Antwort zu warten, stürzte er nach vorne und versuchte mit einem tiefen Schlag den Oberkörper des Xenos zu durchtrennen. Der Seelenlose reagierte blitzschnell und wich nach hinten aus. Dann bewegte er den leblosen Schädel und glotzte Anton mit seinen leeren Augenhöhlen direkt an. Anton musste seine ganze Willenskraft aufwenden, um nicht verzweifelt zusammenzubrechen. Er spürte, wie die Leere an seiner Seele zerrte. Nur Sekunden darauf folgte der Angriff seines Gegners. Mit einer blitzschnellen, präzisen Bewegung sauste die Sense auf Anton hernieder, der keine andere Möglichkeit hatte, als den Schlag mit seiner Klinge zu parieren. Als das Energieschwert mit der grün knisternden Klinge des Seelenlosen zusammentraf, bildete sich in Sekundenbruchteile eine Sphäre aus gleissendem Licht. Beide Energieströme hatten sich auf unerklärliche Weise verbunden und zu eine instabile Reaktion geführt. Einen Augenblick später detonierte die Sphäre mit einer donnernden Explosion, die Anton zu Boden schleuderte. Der Inquisitor brauchte einen Moment, um wieder zu sich zu kommen. Sein Kopf schmerzte höllisch und er spürte, wie mehrere Metallsplitter sich in seine Wange gebohrt hatten. Sein Energieschwert war sprichwörtlich verdampft. Ohne Waffen und auf dem Rücken liegend, schob er sich erst etwas nach hinten, um Abstand zu gewinnen. Dann erkannte er den Seelenlosen, der mit schnellem Schritt auf ihn zukam. Der Xenos hatte keine Waffe, offenbar erging es ihm ähnlich wie Anton. Der Oberkörper des Elite-Kriegers war zwar von der Energieentladung vollkommen geschwärzt, aber im Gegensatz zu Anton war sein Feind noch auf den Füssen.


    Als das mörderische Konstrukt vor ihm stand, konnte Anton sich nicht mehr wehren. Das skelettartige Wesen packte ihm am Hals und zog ihn trotz der überschweren Rüstung, die der Inquisitor trug, problemlos hoch. Das Totengesicht starrte den Inquisitor mit den kalten, leeren Augenhöhle an, während Anton spürte wie sich der Griff um seinen Hals zusammenzog. Er konnte nicht mehr atmen. Seine Sicht verschwamm langsam. Ihm war klar, dass er nur noch wenige Sekunden hatte, bevor er das Bewusstsein verlieren würde. Dann löste sich der Griff.


    Hektor hatte wie ein wild gewordenes Tier den Xenos angesprungen. Den Granatwerfer hielt er mit beiden Händen fest und schlug wie mit einem Vorschlagshammer auf das Konstrukt ein, das Anton sofort losliess, um sich dem neuen Feind zuzuwenden. Anton rang nach Luft. Sein Geist hatte bereits begonnen, aus der Realdimension abzudriften, so dass der Inquisitor eine wirre Mischung aus Warpraum und Realität wahrnahm. Er blickte auf Hektor und erschrak. Der schleimige Schild des Seuchenvaters war verschwunden. Doch die Flammen des Hasses und des Zorns loderten mit unheiliger Intensität und drohten, Hektors Seele vollständig zu verschlingen. Als sich Anton nur einen kurzen Moment später wieder etwas gesammelt hatte, realisierte er, dass Hektors Augen rot glühten. Kleine Flammen züngelten aus ihnen hervor, während der Soldat mit einem bestialischen Grinsen auf den Seelenlosen einhieb. Das Feuer des Blutgottes brannte dem Mann, der sich völlig seiner Rache hingab. Doch Anton merkte, dass dieses Feuer mit rasender Geschwindigkeit schwächer wurde. Glücklicherweise war die schmerzhafte Leere omnipräsent. Die Seelenlosen verzerrten die Warpessenz des Khorne, die der Chaosgott aufgewendet hatte, um Hektor zu sich zu holen. Bald würde der dunkle Einfluss des Chaos vollständig getilgt sein und Hektor zusammenbrechen. Ein Mensch überstand nur selten eine Besessenheit. Anton hoffte, dass Hektor es schaffen würde, sich zu erholen. Er hatte ihm immerhin das Leben gerettet.
    Der Inquisitor musste jetzt handeln. Er schuldete Hektor mehr, als er je würde zurückzahlen können. Ohne abzuwarten, bis Hektors dämonische Stärke vollständig verblasste und der Seelenlose ihn mit Leichtigkeit in Stücke riss, zog Anton seine letzte Trumpfkarte.


    Die Pistole war in einer versteckten Büchse aufbewahrt, die direkt in der massgefertigten Servorüstung eingearbeitet war. Anton wusste, dass er möglicherweise sogar sein eigenes Todesurteil unterzeichnete, würde er diese Waffe benutzen, doch er fühlte sich Hektor verpflichtet.


    Er zog die schlanke Pistole, deren tulpenförmiger Lauf mit exotischen Energietransmittern besetzt war und richtete sie auf den Seelenlosen. Die Waffe glänzte in den zuckenden Lichtern der tobenden Schlacht. Das tiefschwarze Gehäuse war aus einem Material, dass dem Imperium völlig unbekannt war. Geschmeidig und unverwüstlich war es das Ergebnis jahrtausendlanger Perfektionierung der Metallurgie. Anton zielte ruhig und fokussiert. Er wusste, dass er genau treffen musste, um nicht auch Hektor zu töten. Dann betätigte er den geschwungenen, rasiermesserscharfe Abzug, der sich sogleich in die ledernde Innenseite seiner Handschuhe schnitt.


    Die Transmitter zuckten und dunkelviolette Entladungen tänzelten um die Tulpe, als die Waffe einen vernichtenden Energiestoss abfeuerte. Der Strahl bestand aus völliger Dunkelheit. Das Schwarz der Energieladung verschlang jegliches Licht, während sie sich auf ihr Ziel zubewegte. Als ob die Waffe die Regeln der Physik missachten würde, wirkte der Energiestrahl wie ein schleppendes, zähes etwas, dass sich kaum vorwärtsbewegte, obwohl er mit der Geschwindigkeit eines Blitzschlages durch die Luft zuckte.


    Anton hatte gut gezielt. Der Strahl traf den Seelenlosen direkt an der Hüfte. Sowie die Energieladung auf das Konstrukt auftraf, bildete sich eine Kugel aus absolutem, verschlingendem Nichts. Der schwarze Ball, einer grausamen, verkommenen Sonne gleich, leuchtete in gleissendem Unlicht, dass das Dock für einige Millisekunden hell erleuchtete. Der Seelenlose begann wortwörtlich zu kochen, als sein metallener Körper sich verflüssigte, und verdampfte anschliessend vollständig.


    Hektor, der von der Energieentladung zu Boden geschleudert wurde, lag einige Meter entfern regungslos auf dem Beton. Anton halfterte die Schattenpistole, die er einst einem Eldar abgenommen hatte, und sprang zu seinem Gefährten. Er packte Hektor unter den Armen und zog ihn so schnell es ging über die Zugangsbrücke zum Transportschiff. Glücklicherweise schienen die anderen Seelenlosen sie trotz der mächtigen Xeno-Waffe, die Anton abgefeuert hatte, nicht wirklich zu beachten. Sie waren viel zu sehr darauf fokussiert, die braven Soldaten der Imperialen Streitkräfte abzuschlachten und kümmerten sich nicht im Geringsten um Anton und seine panische Flucht. Endlich erreichte Hektor die Laderampe des Frachtschiffes, auf der einige Imperiale Soldaten die Stellung hielten und ihren fliehenden Kameraden Feuerunterstützung gaben.


    Der Inquisitor zog Hektor in das Innere des Schiffes. Cathrine hatte es schon vor ihnen geschafft und war bereits dabei, den Abflug zu befehlen. Sie brüllte in den Vox-Caster, dass das Frachtschiff sofort abheben sollte. Endlich dröhnten die hochfahrenden Triebwerke und mit einem starken Beben erhob sich das schwere Schiff aus der Verankerung. Anton erkannte aus der noch immer offenen Laderampe, dass Captain Hamas und seine Red Wolves es ebenfalls geschafft hatten und bereits kurz vor ihnen gestartet waren. Mehrere der anderen Transporter legten ebenso ab, während es eine Handvoll jedoch nicht geschafft hatte. Entweder waren sie durch den Beschuss der Xenos vernichtet worden oder die Xenos konnten in die Schiffe eindringen, ehe ein Start möglich war.


    Als sich die Laderampe langsam schloss, durchfuhr Anton ein gewaltiger Schmerz. Die silberne Totenmaske des gegnerischen Anführers starrte Anton von weit weg an. Das mächtige Konstrukt stand inmitten der Elite-Krieger und hatte sich genau dem Schiff, auf dem sich Anton befand, zugewandt. Anton spürte es deutlich und war sich sicher, dass der Xeno ihn aktiv wahrgenommen hatte. Nicht als einfaches Opferlamm, sondern als Inquisitor. Ein Schaudern lief ihm den Rücken hinunter. Dann schloss die Luke sich vollständig, während der Frachter immer schneller beschleunigte und alsbald die Atmosphäre durchdrang, um die wenigen Überlebenden in die Sicherheit der mächtigen Schiffe der Imperialen Navy und den Space Marines zu bringen.

  • Epilog


    Anton war froh, als er endlich wieder auf der Gebirgsvagabund angekommen war. Die Transporter, mit denen sie von Ysraal VI geflohen waren, wurden dem Flottenverband angegliedert, mit dem das 101. Armageddon ursprünglich in dieses Sternensystem gekommen war. Die Flüchtlinge sollten als neue Rekruten in das Regiment der Stahllegionäre eingegliedert werden, um die Verluste zumindest teilweise auszugleichen. Cathrine musste ihrer Pflicht als Lord-Kommissar nachkommen und blieb dementsprechend bei dem 101.. Anton hatte gehofft, sich noch einmal von ihr verabschieden zu können, doch blieb Cathrine hart und weigerte sich, Anton privat zu treffen. Sie bestand auf einen dienstlichen Umgang. Anton wusste nicht, ob sie wirklich mit Herz und Seele hinter dieser Entscheidung stand, oder ob sich Cathrine nur hinter einer harten Fassade versteckte. Auf jeden Fall hatte er keine Chance mehr, ihre harte Schale zu durchbrechen und musste die Situation so annehmen, wie sie war.


    Hektor hatte gerade noch überlebt. Mit nur noch schwachen Vitalzeichen hatte Anton ihn den Apothecarii der Red Wolves überlassen, die den Soldaten soweit stabilisieren konnten, dass sein Überleben gesichert war. Captain Hamad hatte Anton versichert, dass Hektor bei der nächsten Gelegenheit auf die Gebirgsvagabund verlegt werden würde. Von seinem „Anfall“ hatte glücklicherweise niemand etwas mitbekommen und Anton würde sich hüten, den Vorfall jemals je zu erwähnen.


    Erschöpft und körperlich wie seelisch völlig ausgelaugt, verliess Anton die Brücke seines Schiffs. Er hatte Captain Hamad soeben die Genehmigung für die Durchführung des Exterminatus gegeben. In wenigen Minuten würden Zyklon-Torpedos die Kontinentalplatten durchbrechen und in verschiedenen Tiefen detonieren, so dass der ganze Planet sich innerhalb kurzer Zeit in eine gigantische Stein- und Staubwolke verwandeln würde. Die mysteriösen Xenos würden ausnahmslos vernichtet werden.


    Der Inquisitor schwankte einem Betrunkenen ähnlich durch die Korridore zu den Kajüten. Sein Kopf schmerzte, während die Leere noch immer Spürbar war. Der Stress und der enorme Druck, den Anton ertragen musste, marterten seinen Geist, während die Entscheidung, die er getroffen hatte, genauso wie der Verlust von Cathrine schwer auf seiner Seele lastete. Schliesslich kam er an seinem Ziel an.


    »Komm herein, Anton«, erklang die sanfte Stimme Ashenyas in seinem Kopf, als er vor der Türe zu ihrer Kabine angekommen war.


    Er betrat das schlichte, funktionale Zimmer. Ashenya sass locker auf ihrem Bett. Antons Blick schweifte über das Alien, das ihn nun schon jahrelang begleitet hatte, nachdem er es bei einem Angriff der Chaos Space Marines gerettet hatte. Ashenyas humanoider Körper glich dem eines Menschen, schien aber kein Gramm Fett zu besitzen. Während die fünffingerige Hände durchaus als menschlich bezeichnet werden konnte, hatte sie reptiloide Beine mit drei klauenartigen Zähen. Ihr Kopf glich dem eines Drachens, einer alten mystischen Kreatur aus der Frühgeschichte Terras. Die Haut war geschuppt und hatte eine türkise Färbung, die zur Körpermitte hin heller wurde. Genau wie Anton war Ashenya eine Psionikerin – äusserst feinfühlig, wenn aber auch eher schwach. Obwohl sie inzwischen Hoch- und Niedergotisch gelernt hatte, hatte sie mit dem Sprechen grosse Mühe, weswegen sie und Anton sich per Telepathie verständigten.


    »Es ist wieder soweit?«, fragte Ashenya den Inquisitor, als sie seine bedrückte, niedergeschlagene Mine erkannte.


    Anton antwortete ihr im Geist.


    »Ich konnte die Welt nicht retten. In wenigen Minuten wird der Planet für immer zerstört werden…«


    »Anton… ich vertraue Dir, dass du das richtige machst… aber ich habe Angst… Diese Schreie… Es ist jedes Mal schrecklich.«


    Antons setzten sich neben seine Weggefährtin.


    »Ich weiss. Darum bin ich hier – um Dich zu beschützen.«


    Nach dem Verlust Cathrines wollte Anton dafür sorgen, dass er zumindest für Ashenya da sein konnte. Er nahm das Alien in den Arm, das den Kopf auf seine Schulter legte. Dann konzentrierte er alle seine psionische Kraft, um Ashenyas Seele im Warp zu umschliessen. Zumindest dieses Mal sollte sie dem Schrecken, der sie beide erwarten würde, entgehen können. Auch wenn das hiess, dass Anton all den Schmerz ohne jeglichen Schutz spüren würde.
    Als die Zyklonen-Torpedos detonierten und Ysraal VI auseinanderbrachen, wurden auf einen Schlag Milliarden von Menschenleben vernichtet, die bis dahin noch auf der Oberfläche überlebt hatten. Ihre Angst, ihre Verzweiflung und all ihr Schmerz wurden durch den Warpraum geschleudert, als ihre Körper vernichtet wurden. Normalerweise hätte Anton seine Fähigkeiten dazu verwendet, seinen eigenen Geist abzuschirmen. Aber Ashenya, die die feinfühligere Psionikerin war, litt ungleich stärker unter der Vernichtung einer besiedelten Welt. Anton hatte sich entschieden, Ashenya zusätzlich mit seinen eigenen Fähigkeiten vor dem Totenlied von Ysraal VI zu schützen, auch wenn das bedeutete, dass er das schreckliche Leid all der unschuldigen Zurückgebliebenen mit voller Härte erleben musste.


    Die Todesschreie der ganzen Bevölkerung von Ysraal hallten in Antons Geist wieder und immer wieder. Wie eine unaufhaltsame Welle des Leids durchströmte die Essenz all der verlorenen Seelen den Warpraum. Hoffnungsloses Schluchzen und entsetzliches Schreien durchdrangen Antons Geist zugleich und mit einer unglaublichen Stärke. Anton krümmte sich und drückte Ashenya fest an sich. All das Leid war kaum zu ertragen. Er akzeptierte den Schmerz. Schliesslich war es seine Entscheidung, die zu diesem Leuchtfeuer der Verzweiflung geführt hatte. Er war derjenige, der die Konsequenzen seiner Entscheidung tragen musste. Ashenya, vor dem unglaublichen psionischen Schmerz eines Exterminatus zu schützen, war das mindeste, das er tun konnte.


    ***


    Leutnant Nemiroff schritt mit energischem Gang den Korridor des Kriegsschiffes hinunter. Er hatte nur knapp überlebt, war einer der Letzten, die es in das Evakuierungsschiff geschafft hatten. Er konnte nicht fassen, was in den letzten Tagen passiert war. Seit der Inquisitor aufgetaucht war, war es diesen Xenos nicht nur gelungen, die Streitkräfte des Imperiums zu überwinden, nein, auch wurde Ysraal VI vollständig vernichtet. Mit Ysraal VI wurde auch die Zukunft des Leutnants zerstört: Seine Heimat existierte nicht mehr und sein prestigereicher Posten in einer Gardeeinheit wurde durch den brutalen Dienst in einem fremden Regiment ersetzt, das an irgendeiner Front ausbluten würde. Er war enttäuscht, frustriert und zornig.


    Schliesslich erreichte er sein Ziel. Er stand vor dem Büro des Flottenkommissars der 53. Einsatzflotille, die für den Transport seines neuen Regiments zuständig war. Er klopfte an und wurde sogleich hereingebeten.


    Nemiroff nahm straff Haltung an und salutierte. Der Kommissar nahm den Gruss entgegen und wies den Leutnant an, bequem zu stehen.


    »Sie wollen also eine Meldung machen?«, zischte der Kommissar scharf. Es war äusserst unüblich, dass ein Mitglied der Armee sich einem Kommissar der Flotte anvertraute. Aber Nemiroff hatte die Gerüchte über den Lord-Kommissar des 101. gehört und wollte sicher gehen, dass entsprechend den Vorschriften gehandelt wurde.


    »Sir. Ich melde folgenden Vorfall. Ich habe während der Evakuierung von Ysraal VI beobachtet, wie Inquisitor Kalen eine nicht autorisierte Waffe eingesetzt hatte. Sir, ich bin mehrfach an der Garde-Militärakademie von Ysraal VI als Jahrgangsbester ausgezeichnet worden, ich kenne sämtliche Waffensysteme, die von den Soldaten und Agenten des Imperiums eingesetzt werden. Diese Waffe war etwas völlig anderes. Ich melde den vermeintlichen Einsatz von Xenostechnologie durch Inquisitor Kalen. Sir.«


    Der Flottenkommissar hob die Augenbraue.


    »Einsatz von Xenotechnologie. Sie wissen, was das bedeutet? Das wäre Hochverrat! Wollen Sie wirklich, dass ich diese Meldung entsprechend weiterleite?!«

    Nemiroff war sich sicher.


    »Sir. Ich bin mir absolut sicher. Wenn die höchsten Beamten des Imperiums im Bunde mit widerwertigen Xenos stehen, ist es meine Pflicht als Soldat und Offizier, mein möglichstes dazu Beizutragen, dass solcher Blasphemie wider den Imperator die Stirn geboten wird!«