Ex tenebris [Aeldari/Drukhari, Novelle, Fortsetzung]

  • Auf der schmalen Brücke herrschte heilloses Chaos. Hunderte Geschöpfe, Aeldari, Chem-Pan-Sey, Tau und zahllose andere namenlose Spezies, hasteten in blanker Panik durcheinander, stießen sich gegenseitig nieder und trampelten übereinander hinweg. Über und unter ihnen, um sie kreisten schwarzflügeligen Harpyien in bronzen glänzenden Rüstungen. Immer wieder stießen die fliegenden Drukhari auf die Sklaven herab, griffen einzelne Unglückliche heraus und erhoben sich mit ihnen in die Lüfte.


    Die fünf IstuKarun waren gefangen inmitten der kopflosen Menge. Dann packte eine der Harpyien Ydrir mit ihren dünnen Klauenhänden am Arm und versuchte, ihn aus der Menge zu ziehen. Margil kam ihn zu Hilfe und hielt ihn fest. Ydril schrie entsetzt auf, zog seine Shurikenpistole aus dem Halfter und feuerte auf das Unwesen. Die Klingenscheiben prallten an der bronzenen Rüstung ab oder blieben in den Platten stecken. Angsterfüllt drängte er sich durch die Massen, Sklaven zur Seite stoßend, und umklammerte die Beine seines Bruders. Die Harpyie starrte mit bösartig gelbgrün leuchtenden Augen auf die beiden Asuryani herab und gab ein drohendes Kreischen von sich.


    Während Ydril mit der Harpyie um ihre Beute rang, zog Margil zog ein kurzes Wurfmesser unter seinem Mantel hervor und rammte es der Kreatur zwischen die Panzerplatten am Oberschenkel. Sie stieß einen Schrei wie ein Raubvogel aus, ließ von ihrem Fang ab und schwang sich in die Höhe. Die drei Ranger fielen zu Boden.


    Ydril rutschte über die Kante der Brücke und hielt sich an einem der rippenförmigen Bögen der unteren Tragekonstruktion fest. Unter ihm gähnte eine bodenlose Tiefe aus waberndem, giftgrünem Nebel. Er richtete seinen Blick nach oben. Über ihm schwebte die Harpyie und stieß auf ihn nieder.


    Doch sie kam nicht weit. Ohne Vorwarnung fuhr eine gleißende Klinge durch ihren linken Flügel und trennte ihn sauber am Mittelgelenk ab. Vor Wut und Schmerz schreiend stürzte sie ab und verschwand im grünen Dunst. Heulend sauste ein Antigravgleiter über die Brücke hinweg. Der Hellion darauf johlte, schwang triumphieren seine Gleve und hielt seine schwarz gefiederte Trophäe in die Höhe.


    Ydril schlang die Arme um den Träger und versuchte, die Beine hinaufzuschwingen, um besser Halt zu haben. Doch der erste Versuch misslang. Er wandte den Kopf und sah sich um. Der Luftraum um die Brücke herum war zu einem Schlachtfeld geworden. Mehrere Dutzend Hellions raste auf ihren mit bunten Mustern verzierten Antigravgleitern in halsbrecherischen Manövern umher und lieferten sich wilde Verfolgungsjagden mit den Harpyien. Diese verteidigten sich mit ihren Splitterkarabinern, deren Geschosshagel ihre Gegner von ihren Boards fegten. Die Hellions hingegen ließen ihre Gleven willkürlich auf jedes Ziel niedersausen, das in ihre Reichweite kam, seien es Harpyien oder die Sklaven auf der Brücke. Immer wieder stützten einzelne von ihnen über die Brüstung, in der Panik heruntergekriegt oder von den fliegenden Drukhari mitgerissen.


    Verzweifelt versuchte Ydril, einen Blick auf seinen Bruder oder einen der anderen zu erhaschen, doch aus seiner Position war das unmöglich. Dann entdeckte er Margil, wie er einige Dutzend Schritte entfernt von der Brücke in das Tragegerüst glitt und Ydrir mit sich zog. Dem Weltenwanderer gelang es, Ydrir bis zum Mittelstrang unterhalb der Brücke zu hieven, an dem die Stützrippen wie an einer Wirbelsäule aufgereiht waren. Ydril konnte nicht erkennen, ob sein Bruder sich noch bewegte, doch durch das Tosen und Kreischen des Kampfes über ihm hörte er, wie Margil ihn ansprach: „Blieb hier und lass nicht los.“.


    Dann machte der Weltenwanderer sich daran, ihm zu Hilfe zu kommen. Von einer Rippe zur nächsten arbeitete er sich vor, während Ydril sich weiter mühte, die Beine hochzuschwingen, um auch mit den Füßen Halt zu finden. Nur noch eine Armlänge, dann würde Margil ihn erreicht haben.


    Ein schneidender Schmerz fuhr durch Ydrils Rücken. Von irgendwo her war ein Hellion herangesaust, jagte mit fast senkrecht gekipptem Board über sie hinweg und hieb dabei seine Gleve auf ihn ein. Überrascht stieß er einen dumpfen Schrei aus. Seine Arme verloren ihre Kraft, er löste sich von dem Bogen und fiel hinten über. Von seinem schwarzen Rangermantel umweht, tauchte in den grünen Nebel ein. Noch während er fiel, zerstreute sich der Schmerz der tödlichen Wunde. Sein Bewusstsein tauchte in eine schützende Hülle aus orangerotem Licht ein, die jede Wahrnehmung der wirklichen Welt von ihm abschirmte. Dann empfand er nur noch Stille.


  • Mit untergeschlagenen Beinen saß Ànathuriel im Gras und lauschte auf das sanfte Wispern der Blätter im leichten Wind. Die Haltung war immer noch ungewohnt. Inzwischen dauerte es zwar schon länger, doch irgendwann in den nächsten Minuten würde das Brennen und Kribbeln der eingeklemmten Nervenbahnen einsetzen. Aber das war Teil der Übung. Und nichts im Vergleich zu den reißenden Schmerzen im Kopf und der Brust, die der unkontrollierte Gebrauch ihrer Psikräfte verursachte.


    In der linken Hand auf ihrem Schoß lag ein hühnereigroßer, ovaler Edelstein, orangerot und matt schimmern. Sie spürte sein Gewicht auf ihrer Handfläche. Behutsam legte sie die recht Hand darauf und umschloss den Stein. Sie konzentrierte sich auf seine glattpolierte Oberfläche, von der eine ungewöhnliche Wärme ausging. Der Druck in den Beinen war da, doch sie ließ ihn geschehen. Die Laute des Gartens verschwanden aus ihrem Bewusstsein, bis sie selbst vor ihrem inneren Auge das Bild des Edelsteins erschien.


    Ein leises, sanftes Lachen durchbrach die Ruhe. Ànathuriel sah auf. Ihr gegenüber saß Eathalvaën, der Erste Runenprophet von ZarAsuryan. Seine Augen waren geschlossen, seine Gesichtszüge völlig entspannt. Die Hände lagen ineinander verschränkt auf den Falten seine mitternachtsblauen Gewandet, der himmelblaue Sehermantel ihm herum ausgebreitet. Nichts deutete darauf hin, dass er irgendeinen Laut von sich gegeben hätte. Ànathuriel wurde bewusst, dass sie ihn nur in ihren Gedanken vernommen hatte.


    „Verzeih mir, ich habe dich abgelenkt“ hörte sie seine Stimme in ihrem Geist.


    „Nein, AreIdainn. Ich habe mich ablenken lassen“, entgegnete sie auf die gleiche Weise.


    „Suche die Fehler anderer nicht bei dir selbst. Ich sollte inzwischen alt genug sein, mich nicht von Gefühlen aus der Ruhe bringen zu lassen.“


    Das Bild des Edelsteins schwebte zwischen ihnen.


    „Du hast einen außergewöhnlichen Fokus für deinen Kräfte gewählt.“


    Ànathuriel spürte die Wehmut, die in den Worten mitschwang. Illurayons Seelenstein. Ein leerer Seelenstein. Die Seele von Eathalvaëns ehemaligem Schüler war für immer verloren. Aber er hatte sie hierhergeführt.


    „Du fragst dich, warum ich lache“, fasste der Runenprophet ihre Gedanken in Worte. „Von allen möglichen Pfaden des Schicksals ist es euch gelungen, den bestmöglichen zu beschreiten. Alles, was euch widerfahren ist, selbst das Schreckliche und Schmerzliche, hat zum Gutem geführt. Ist das kein Grund zur Freude?“


    Ànathuriel war sich nicht sicher, ob sie diese Haltung teilen konnte.


    Der Runenprophet spürte ihren Zweifel.


    „Nun gut, lass uns fortfahren“, sagte er.


    Ànathuriel schloss die Augen und konzentrierte sich auf den Seelenstein. Alle Gedanken verließen ihren Geist. Auch wenn sie es nicht sehen konnte, nahm sie wahr, wie Eathalvaën Phantomkristallrunen aus dem Beutel an seinem Gürtel nahm. Als leuchtende Sterne stiegen sie eine nach anderen auf und blieben zwischen ihnen stehen. Dann begannen sie, sich in Bewegung zu setzen, umeinander zu kreisen und Gruppen zu bilden. Ànathuriel kannte noch nicht alle ihre Bedeutungen, doch eine, die ihre sehr vertraut war, was sie sah, erregte ihre Aufmerksamkeit: die Rune des Wanderers zwischen den Sternen. Sie richtete ihre ganze Konzentration darauf.


    Ein Gefühl der Einsamkeit überkam sie, vom Verlorensein in der Dunkelheit. Etwas fehlte, das nicht hätte getrennt sein dürfen. Sie suchte nach dem Ursprung. Er war ihr vertraut und unbekannt zugleich. Er lag in der Vergangenheit. Und in der Zukunft. Sie konnte sich noch kein klares Bild machen, aber in einem war sie sich sicher: Es war ein Hilferuf. Ànathuriel strengte ihren Geist an, diesen Strang des Schicksals weiter zu verfolgen. Eine leichte Anspannung breitete sich in ihren Schläfen aus. Der Seelenstein kribbelte in ihren Händen. Sie spürte, dass der Runenprophet sie genau beobachtete. Aber sie musste selbst darauf achten, dass sie nicht zu weit ging.


    Das Bild blieb dunkel und diffus. Nur in über einem erlangte sie Gewissheit: Wo dieser Pfad seinen Anfang nahm. Und dann kam die Kälte, unnatürliche, tödliche Kälte, die nicht nur den Körper, sondern auch die Seele gefrieren ließ. Wo sie sich ausbreitete, war nur Dunkelheit, die jedes Licht verschlang.


    Ànathuriel sprang auf und schwankte einen Moment mit steifen Knien.


    „AreIdainn“, sagte sie laut und verneigte sich kurz. „Ich fürchte, diese Reise ist noch nicht zu Ende.“


  • Firondhir taxierte seinen Gegner und hielt das lange Feldmesser abwehrend vor sich. Mit selbst für einen Aeldari erstaunlicher Geschwindigkeit hieb sein Gegenüber mit seinem gebogenen Kurzschwert auf ihn ein, vollführte Angriffe aus verschiedenen Richtungen und Winkeln. Seine in einen ultramarinblauen, mit Rüstungsplatten verstärkten Kampfanzug gekleidete Gestalt, verschwamm beinahe vor seinen Augen.


    Die Ausweichbewegungen des Weltenwanderers dagegen wirkten dagegen geradezu schwerfällig. Die raschen Schläge zu parieren, gar einen Gegenangriff auszuführen, daran war nicht zu denken. Doch schon nach wenigen Augenblicken ließ sein Gegner von ihm ab und sprang einige Schritte zurück, so dass er außerhalb seiner unmittelbaren Reichweite war.


    „Für den Anfang nicht schlecht“, sagte Margil und strich sich eine seiner schulterlangen, blonden Locken aus dem Gesicht. „Zumindest ausreichend, um nicht sofort umgebracht zu werden. Aber damit kannst du dich nicht begnügen, wenn du dich zukünftig noch einmal mit Drukhari-Prinzen anlegen willst.“ Er hob sein Schwert in Abwehrhaltung und sah seinen Freund herausfordernd an.


    Firondhir folgte der Aufforderung und richtete das Messer auf Margil aus. Mit kurzen Schritten, immer wieder innehaltend, näherte er sich seinem Gegner. Der direkte Angriff war nicht die Kampfweise der Ranger. Ihre Waffe war das Jagdgewehr, verborgen im Schatten. Ihre Mäntel, die die Farbe jeder Umgebung annehmen konnten, machten sie unsichtbar. Selbst wenn ein Gegner seine Position ausmachte, verhielt ein IstuKarun sich ruhig und konnte sicher sein, nicht entdeckt zu werden. Firondhir hatte sich bisher stets auf diese Fertigkeiten verlassen können. Im Nahkampf hatte er wenig Übung, und vor nicht allzu langer Zeit wäre ihm das beinahe zum Verhängnis geworden.


    Margil wartete. Seine Ausbildung als Aspektkrieger im Schrein der Rächer Asuryans hatte ihn gelehrt, sich bis zum rechten Moment zu gedulden. Und der folgte im nächsten Augenblick, als Firondhir vorsprang, einen Angriff auf seine Brust vortäuschte und dann einen Stich gegen seine rechte Flanke zu setzen versuchte. Margil drehte sich zur Seite, wehrte das Messer ab und führte mit der Bewegung, mit der er sein Schwert zurück vor seinen Körper holte, einen angedeuteten Schnitt gegen Firondhirs Bauch aus.


    Der Weltenwanderer hielt inne und ließ die Arme hängen. „Das hat doch keinen Sinn. Deine Reichweite ist viel größer.“


    „Meine Ritualklinge ist nicht viel länger als dein Messer“, gab Margil zurück. „Wie groß ist erst die Reichweite eines tatsächlichen Schwerts.“


    Firondhir trat einen Schritt zurück und atmete tief durch. Dann, ohne Vorwarnung, warf er sich Margil entgegen. Der trat zurück und ließ seinen Angreifer ins Leere laufen, nur um dann wieder vorzuspringen. Weniger als eine Armelänge war er von Firondhir entfernt, als er ihn mit seiner Klinge berührte.


    „Du hast diesen Angriff erwartet“, sagte Firondhir.


    „Natürlich habe ich das“, entgegnete der blonde Weltenwanderer.


    „Du denkst wie ein EsikCaman, Margil“, mischte sich eine dritte Stimme ein. „Aber dein Freund ist ein IstuKarun.“


    Ein Rind aus einzelnen, elliptische Steinblöcke umgab den ovalen, weiß gepflasterte Platz inmitten des Gartenhofs des Aspektschreins. Ihre Oberflächen wiesen jeweils eine flache Wölbung auf. Doch hatte am Kopfende des Platzes, vor dem Hauptgebäude des Schreins der Sonnengarde, eine die Frau in dunkelblauer Rüstung auf einem Der Steine platz genommen und sie schweigend beobachtend. Nun erhob sie sich in einer einzigen Bewegung aus dem Schneidersitz und schritt zu den beiden Weltenwanderern hinüber. Die weiße, mit gelben Streifen verzierte und der Rune der Rächer Asuryans bestickte Schärpe wallte um ihre Beine. Zahlreiche perlmuttschimmernde Edelsteine zierten ihren Anzug. Ihren hohen, silbernen Helm mit weiß-gelbem Helmbusch und tiefschwarzem Visier ließ sie auf der Veranda zurück. Die rotblonden Haare hatte sie am Hinterkopf zu einem strengen Knoten gebunden. Mit ernstem Blick sah sie von einem zum anderen.


    „Ein IstuKarun, der sich im Nahkampf überraschen lässt, hat einen Fehler gemacht. Ein IstuKarun, der einen Gegner direkt angreift, hat das Wesen seines Pfades nicht verstanden.“


    Firondhir senkte den Blick. Einmal hatte er sich hinreißen lassen, in Wut und Verzweiflung. Und wäre Margil nicht gewesen, hätte er teuer für diesen Fehler bezahlt.


    „Ein IstuKarun agiert im Verborgenen“, fuhr die Exarchin fort. „Und so verborgen muss er sich verteidigen. Offenbare dem Gegner nicht deine Wehrhaftigkeit, denn dann wird er entsprechend agieren.“


    „Mit Wehrhaftigkeit ist es bei mir nicht weit her“, räumte Firondhir ein.


    Die Exarchin schritt um ihn herum. „Du unterschätzt deine Fertigkeiten, IstuKarun. Du bist schnell und gewandt. Und du hast Kraft. Das hast du deinem Freund voraus.“


    Sie wies mit der rechten Hand auf Margil und bedeutete ihm, Firondhir gegenüberzutreten und sich angriffsbereit zu machen. Er folgte der Aufforderung.


    „Du kannst seine Schläge nicht abwehren, du kannst seine Abwehr nicht durchdringen“, raunte sie dem Weltenwanderer zu. „Weiche aus, und versuche dabei, ihm näher zu kommen. Erst wenn du nahe genug bist, ziehe deine Waffe.“


    Die Exarchin trat zurück und senkte die Hand. Margil hob sein Kurzschwert und tat einen Schritt auf Firondhir zu. Der Weltenwanderer wich zurück. Margil wiederholte das Manöver. Dann, unvermittelt, sprang er auf Firondhir zu und führte einige schnelle Streiche aus. Firondhir glitt zur Seite und tauchte unter dem Schlag hinweg. Margil wirbelte herum, um ihm zu folgen, doch Firondhir war schon wieder einen Schritt weiter. Margil wich zurück, um seinem Gegner keine Möglichkeit zu geben, ihm zu nahe zu kommen. Firondhir unterließ es, ihm nachzusetzen. Margil erkannte eine Chance, stürmte wieder vor und ließ sein Schwert von oben auf seinen Gegner hinunterfahren. Firondhir warf sich zu Boden, so dass Margils erster Schlag ins Leere ging. Doch sofort setzte der zum zweiten an. Firondhir hatte die Zeit genutzt und sich so aufgerichtet, dass er Margils Schwertarm zu fassen bekam und ihn festhielt. Das genügte, um Margil aus dem Schwung zu bringen. Schon Augenblicke später konnte er sich wieder losmachen, doch hatte Firondhir die Zeit genutzt und sein Messer gezogen. Mit der flachen Seite seiner Klinge schlug er Margil gegen die Rippen.


    Der Kampf war entschieden. Gemäß den Ritualen des Schreins der Sonnengarde streckte Margil Firondhir den Griff seines Schwerts entgegen, verneigte sich und schob die Klinge dann in die Scheide an seinem Oberschenkel. Firondhir steckte das Feldmesser weg und hob seinen Mantel auf.


    „Ich sehe, du hast verstanden“, sagte die Exarchin.


    Schritte und das Rauschen weiter Gewänder erklang im Hof. Firondhir wandte sich um. „Dainnar!“ rief er aus.


    Ànathuriel hatte das Oval betreten, gekleidet in das lange Gewand eines Sehers, aus türkisen schimmernder Seide, gehalten von einer breiten, purpurnen Schärpe um die schlanke Taille, den Saum mit silbernen Runen bestickt. Auf der Brust schimmerte ihr Seelenstein von tiefstem Mitternachtsblau. Die leuchtend kastanienbraunen Haare reichten ihr schon wieder bis zu den Schultern. Nur die äußersten Spitzen zeigten noch das Purpurrot, das sie früher getragen hatte. Sonst wies nicht mehr auf die einstige Bestienmeisterin aus Commorragh hin.


    Sie lächelte ihren Freunden zu. Die Exarchin des Schreins der Sonnengarde verneigte sich kurz. Ànathuriel erwiderte die Geste. Firondhir drehte sich wieder zu Margil um – und fand die Schneide seines Kurzschwertes einen Fingerbreit von seiner Kehle entfernt.


    „Was soll das?“ keuchte er. „Du hast den Kampf beendet.“


    „Denkst du, ein wirklicher Gegner schert sich um Rituale? Er wird jede Gelegenheit nutzen, die du ihm bietest.“


    Die Exarchin nickte. Margil steckte das Schwert weg. „Genug Lektionen für heute“, sagte sie. „Dainnar, ich verabschiede mich.“ Sie dreht sich um und verschwand im Inneren des Schreins.


    Ànathuriel hielt sich nicht mit langen Vorreden auf. „Wisst ihr, wo Ydrir ist?“


    Die beiden Weltenwanderer sahen sich an. Sie hatten ihren jungen Gefährten schon eine ganze Weile nicht mehr gesehen.


    „Ist etwas nicht in Ordnung?“ fragte Firondhir.


    „Das erzähle ich euch auf dem Weg. Kommt!“


  • Ydrir lehnte am Geländer einer niedrigen Brücke, die sich über einen breiten Kanal spannte, einer jener Vielzahl von Wasserläufen, die die Biodome des Weltenschiffs durchzogen und für ein angenehmes Klima unter den Kristallkuppeln sorgten. Das türkisblau schimmernde Wasser zog gemächlich dahin, ohne Eile, ohne Widerstände. An den Ufern erhoben sich die Wohntürme wie mächtige Bäume, die ihre verästelten Wurzeln ins Wasser tauchten und mit ihren weit verzweigten Kronen die Kuppel trugen. Schwärme bunt schimmernder Fische mit langen, wehenden Flossen ließen sich durch die sanfte Strömung treiben. Zwischen den langen, dunkelgrünen Blättern der Uferpflanzten tanzten rot und blau schimmernde Libellen.


    Gedankenverloren beobachtete der jungen Aeldari das kräuselnde Wasser. Irgendwo führte es hin, vereinigte sich mit anderen Wasserläufen und ergoss sich in eines der großen Reservoire in den Tiefen des Weltenschiffes. Die Fische aber folgten ihm nicht. Sie schwammen ein Stück mit, hielten dann inne und kehrten wieder zurück zu ihrem angestammten Platz zwischen den Steinen am Grund.


    „Ydrir!“ erklang eine Stimme. Im ersten Moment schien sie ihm aus weiter Ferne zu kommen. „Ydrir, bleib da stehen!“


    Verwundert sah er auf. Einige Schritte entfernt standen die beiden Weltenwanderer in ihren schwarzen Mänteln. Zwischen ihnen leuchtete Ànathuriels türkisenes Sehergewand beinahe in der gleichen Farbe wie das Wasser.


    „Bleib stehen“, wiederholte Firondhir und kam auf ihn zu.


    „Was denkst du, wo ich hingehen sollte?“ entgegnete Ydrir erstaunt.


    Firondhir hielt verdutzt inne. In diesem Moment war er sich selbst nicht mehr sicher, woran er gedacht hatte. Es war albern, er machte sich zu viele Sorgen um den Jungen.


    „Ànathuriel, du hast es auch gehört?“ fragte Ydrir unvermittelt. „Den Ruf aus dem Wasser.“ Sein Gesicht hatte wieder jenen entrückten Ausdruck, bei dem er mit glasigen Augen durch sie hindurchzusehen schien. „Deswegen seid ihr doch hier.“


    Die Weltenwanderer wechselten hilflose Blicke. Die Weise, wie Ànathuriel sich mit dem ebenfalls seherisch begabten Jungen verstand, war ihnen nicht zugänglich. Die Seherin trat an seine Seite.


    „Aber nicht dieses Wasser“, fuhr er fort und blickte wieder hinunter. „Jener Fluss fließt an einem anderen Ort.“ Dann sah er wieder auf und die beiden Weltenwanderer an. „Ich bin bereit. Wir können aufbrechen.“


    „Aufbrechen? Wohin?“ fraget Margil verständnislos.


    „Nach Commorragh“, erwiderte der Junge, als wäre dies das selbstverständlichste der Welt.


    Margil und Firondhir verschlug es einen Moment die Sprache. Vor wenigen Wochen erst waren sie aus der Dunklen Stadt der Drukhari zurückgekehrt. Jeder von ihnen hatte tiefe Verwundungen und bittere Verluste erlitten, Ydrir vielleicht am schwersten. Und noch dazu hatten sie den Zorn eines Drukhari-Prinzen auf sich gezogen, der, sollte er ihrer habhaft werden, keine Gnade würde walten lassen.


    „Das kann nicht dein Ernst sein“, entfuhr es Margil.


    „Dainnar, hast du ihnen nicht gesagt, was du gesehen hast?“ fragte Ydrir zweifelnd.


    „Was ich gesehen habe, ergab kein klares Bild“, antwortete sie ruhig. „Du warst am Anfang – und am Ende. Worum es geht, wusste ich nicht. Aber nun fügt es sich zusammen.“ Dann wandte sie sich den beiden Weltenwanderern zu. „Damals musstet ihr Ydril zurücklassen. Jetzt hat er nach seinem Bruder gerufen. Unsere Reise ist erst beendet, wenn er auch wieder zuhause ist.“


    Margil und Firondhir sahen erst Ydrir, dann einander an. Margil zuckte mit den Schultern. Es war seine Natur, die Dinge so zu nehmen, wie sie kamen, und das bestmögliche herauszuholen. Firondhir scheute keine Gefahren, doch er war nicht einer jener waghalsigen Ausgestoßenen, die sie willentlich suchten.


    „So wird es geschehen, Dainnar“, stimmte er zu. „Wir werden gehen. Aber du wirst nicht mitkommen, Ydrir“, fügte er bestimmt hinzu.


    „Das hat schon einmal jemand versucht, mir auszureden“, entgegnete Ydrir gelassen.


    „Und du weißt, wie es für ihn ausgegangen ist“, konterte Margil.


    Betroffen sank Ydrir in sich zusammen. Ànathuriel legte ihm tröstend ihre Hand auf die Schulter und warf dem blonden Weltenwanderer einen missbilligenden Blick zu. Nicht nur sie selbst, auch Margil verdankte es auch dem Jungen, dass sie den Drukhari lebend entkommen waren. Und nach allem, was Firondhir ihr erzählt hatte, war es Ydrils Entscheidung entgegen der Weissagung der Runen gewesen, seinen Bruder nicht alleine gehen zu lassen. Ydrir vor dem zu bewahren, was ihm letztendlich widerfahren sollte, dazu hatte er nicht mehr die Möglichkeit gehabt.


    „Dies wird die letzte Reise des verlassenen Zwillings im Mantel der Ranger sein“, ließ sich nun eine andere Stimme vernehmen, leise, doch durchdringend, ernst und wohlwollen zugleich. Der Erste Runenprophet von ZarAsuryan trat von der Brüstung zurück. Wie es ihm gelungen war, die ganze Zeit, in der sie miteinander gesprochen hatten, hinter der schmalen Gestalt des Jungen verborgen zu bleiben, blieb sein Geheimnis.


    Die Weltenwanderer verneigten sich überrascht. „AreIdainn“, sagte Firondhir, „Eure Worte klingen wenig zuversichtlich.“


    Eathalvaën lächelte. „Ànathuriel hat Ydrir bereits den Mantel abgenommen. Den Pfad des Ausgestoßen hat er hinter sich gelassen, seinen neuen wird er noch finden.“ Er holte einen sorgfältig zusammengefalteten Ballen blauschwarzen Stoffes unter seiner Robe hervor und reicht ihn dem Jungen. „Einmal wirst du ihn noch tragen, dann nicht mehr.“


    Ydrir nahm den Mantel entgegen und nickte ehrerbietig.


    „Ich lasse euch nun allein", sagte der Runenprophet. „Ihr habt Wichtiges zu planen.“


  • Firondhir und Ànathuriel spazierten den Damm längs des Kanals entlang. Der Lichtzyklus des Weltenschiffs näherte sich der Dunkelphase und tauchte die Kuppel in ein blauviolettes Dämmerlicht. Die Schilfblätter am Ufer wiegten sich leicht in der warmen Luft. Nächtliche Insekten tanzten über dem ruhig dahinziehenden Wasser.


    Rund um die Stämme der Phantomkristallbäumen flammten die Lichter der Wohnbereiche auf. Hoch über dem Boden spannten sich Plattforme zwischen den untersten Ästen. Dort leuchteten Reihen einzelner, Gebäude: Läden, Werkstätten, Schulen, Orte, an denen die Aeldari den Tätigkeiten ihrer Pfade nachgingen und die Früchte ihre Arbeit der Allgemeinheit zur Verfügung stellten. Jeder Baum war wie eine eigene, kleine Stadt. Die ausladendsten Äste berührten einander und verbanden die Türme wie geschwungene Brücken.


    Eine ganze Weile schwiegen sie, obwohl Ànathuriel genau spürte, dass Firondhir etwas auf dem Herzen lag.


    „Àniel“, begann er schließlich, sprach aber nicht weiter.


    „Du bist ruhelos“, ergriff sie das Wort. „Man muss kein Seher sein, um das zu erkennen. Dich hält es nicht lange an einem Ort.“


    „Ich war schon zu lange auf dem Pfad des Ausgestoßenen. Ich hatte den festen Entschluss gefasst, aber er lässt mich nicht los. Ganz gleich, was ich tue, meine Gedanken sind nie ganz bei der Sache. Das war schon früher so. Deshalb habe ich mich nie auf einem Pfad halten können.“


    Sie ergriff seine Hand. „Ganz gleich, was du tust? Den Eindruck hatte ich bisher nicht.“


    Der Weltenwanderer lächelte. „Es ist so, wie du einmal gesagt hast: Wenn ich bei dir bin, ist kein Platz für irgendetwas anderes.“


    „Aber das ist nicht von Dauer, das sehe ich.“


    Firondhir schlug die Augen nieder. Ànathuriel blieb stehen, legte ihre Arme um seine Schultern und küsste ihn.


    „Ich bin hier, wann immer dein Weg dich zurückführt.“


    Er atmete auf. „Wenn du mich gebeten hättest, zu bleiben, ich hätte nicht gewusst, wie ich das hätte ausschlagen sollen.“


    Sie lachte. „Ich würde sogar mitgehen. Wir alle verdanken Ydrir mehr, als wir je wieder gut machen können.“


    Mit einem Mal wurde der Weltenwanderer ernst. Er fasste sie an den Schultern. „Denke nicht einmal daran! Dafür habe ich dich nicht aus der Dunklen Stadt herausgeholt.“


    Sie machte sich los. „Du hast mich herausgeholt?“ gab sie energisch zurück. „Ohne Ydrir und Margil, vor allem ohne Ydrir, wären weder du noch ich hier.“


    Firondhir trat einen Schritt zurück. Natürlich hatte sie recht. Doch sie wieder an diesem grauenvollen Ort zu wissen, wo ihre Gabe erneut zu einer Gefahr werden würde, dieser Gedanke war ihm unerträglich. Er nahm eine Haltung ein, die Zustimmung, Beschwichtigung und Entschuldigung ausdrückte. Ànathuriel fiel es immer noch schwer, die subtile Körpersprache der Asuryani zu deuten. Aber sie spürte seine Absicht. Sanft legte sie ihre rechte Hand auf seine Wange.


    „Ich habe mein halbes Leben in Commorragh verbracht. Nach Ynnealidh, in die unteren Stadtbezirke wagt sich niemand. Dort leben Geschöpfe, die selbst von den Kabalen gefürchtet werden. Ihr werdet alle Kunst der der IstuKarun brauchen, um eure Suche zu vollenden und sicher heimzukehren. Und diese Fähigkeiten habe ich nicht. Ich wäre euch keine Hilfe.“


    „Kehren wir denn sicher heim?“


    Ànathuriel schwieg einen Moment. Sie hatte nicht viel gesehen, und was sie erfahren hatte, hatte sie ihren Freunden schon mitgeteilt. Alles, was noch blieb, war eine Ahnung, die sie nicht in Bilder oder Worte fassen konnte. Schließlich sagte sie: „Wenn du wüsstest, dass einem deiner Freunde etwas schreckliches widerfahren wird, würdest du versuchen, es abzuwenden?“


    Firondhir stutzte. „Selbstverständlich.“


    „Auch gegen seinen Willen?“


    Er schüttelte verständnislos den Kopf. „Du sprichts schon genauso in Rätseln wie die Runenpropheten.“


    „Weil ich auch nicht mehr weiß“, gab sie zurück. „Du kannst dir nicht vorstellen, wie es sich anfühlt, alle möglichen Stränge des Schicksals auf einmal zu sehen, und das auch nur für die, die einem am nächsten stehen und nur für die kommenden Stunden. Es überwältigt dich. Damals hatte ich einen Geist, der mich geleitet hat, auch wenn ich es nicht wusste. Jetzt muss ich den Pfad allein finden. Ich weiß schon, wo er hinführt. Eathalvaën meint, das hätte ich anderen voraus. Aber es birgt auch die Gefahr, dass ich mich zu schnell vorwage. Und was dann passiert, auch das haben wir schon erfahren.“


    Firondhir nahm sie in die Arme. Schaudernd dachte er zurück an die Nacht in Ànathuriels Wohnung in der Kabalenfestung, als selbst er hatte spüren können, wie Sie, die Dürstet nach ihrer Seele gegriffen hatte. Und der Kampf auf dem Hügel, als sie zwei Dutzend Kabalenkrieger mit ihrem Geist niedergesteckt hatte. Wie sie wie erstarrt niedergesunken war und erst Ydrir es gelungen war, sie zurückzuholen. Auch der Pfad des Sehers war gefährlich, vielleicht der gefährlichste von allen. Aber hier war sie sicher, unter der Anleitung des Ersten Runenpropheten und dem Schutzschirm der Unendlichkeitsmatrix des Weltenschiffes.


    Ànathuriel spürte seine Besorgnis. „Mach dir keine Sorgen um mich“, sagte sie beruhigend. „Ich kann auf mich aufpassen. Vergiss nicht, ich war eine Drukhari.“


    Firondhir musste lachen. „Du warst, zum Glück.“


    „Aber ich habe nicht vergessen, was es ausmacht, eine zu sein“, entgegnete sie. Dann fuhr sie fort: „Mehr kann ich dir nicht sagen. Mehr wollte Eathalvaën mir nicht sagen, auch wenn ich sicher bin, dass er mehr gesehen hat als ich. Aber er hat seine Gründe, und das wohl zurecht.“ Wieder lachte sie. „Illurayon hat mir anscheinend ein großes Zutrauen in den AreIdainn mitgegeben.“


    Firondhir küsste sie auf die Wange. „In deiner Gegenwart erscheinen selbst die schweren Dinge leicht.“


    Ànathuriel lächelte gedankenvoll, während sie Hand in Hand weiter spazierten. Noch vor Monaten, in Commorragh, hätte es sie nicht im Geringsten gekümmert, ob sie jemand anderem etwas bedeutete. Genauso wenig, wie ihr niemand anderes etwas bedeutet hatte. Ein Drukhari lebte allein für sich selbst und verschwendete keinen Gedanken an andere. Der Eigennutz, das uneingeschränkte Vergnügen stand ihm über allem. Dann war sie auf Firondhir, auf Margil und auf Ydrir getroffen, und auf Illurayon. Wahrscheinlich hatte seine Anwesenheit während der ganzen Zeit überhaupt erst ihren Geist dafür geöffnet, über die Selbstsucht ihres Volkes hinaussehen zu können. Nie hätte sie geglaubt, nie hätte sie erfahren, wie viel mehr die Verbundenheit mit anderen ihr gebracht hatte. Und was sie dafür bis zur Selbstaufgabe zu tun bereit gewesen war.


    „Eins musst du unbedingt beherzigen“, ergriff sie wieder das Wort. „Vertrau auf Ydrirs Entscheidung, egal wie sehr sie dir widerstrebt.“


    „Was soll das bedeuten?“ fragte er.


    „Das ist das Einzige, was ich mit Sicherheit weiß“, antwortete sie. „Im entscheidenden Moment wird er die richtige Entscheidung treffen. Lass dich nicht davon abbringen.“


    „Ich verspreche es.“


    Sie waren am oberen Ende des Kanals angekommen. Das Wasser ergoss sich in mehreren Kaskaden aus einer niedrigen Öffnung in der Seite der Kuppel. Die Lichter in den Wohnbäumen ließen den Sprühnebel wie einen Sternenregen funkeln. Ein breiter, gewundener Steg führte hinauf zu einer hohen, mit Runen und Ornamenten geschmückten Toröffnung.


    Firondhir blieb stehen, küsste Ànathuriel auf die Stirn und wollte sich abwenden.


    „Wo willst du hin?“ fragte sie.


    „Zum Hafen, in das Haus der Wanderer“, antwortete er. „Margil und Ydrir werden mich dort erwarten.“


    „Die können auch weiter warten“, entgegnete sie. „Komm mit mir.“


    Firondhir sah sie erstaunt an. „In die Häuser der Seher? Das scheint mir unangemessen.“


    Sie legte die Arme um seine Schultern. „Und du denkst, eine ehemalige Drukhari kümmert, was angemessen ist?“


  • Längs des Rückens des Weltenschiffes ragten die silbernen Türme des Außenhafens von ZarAsuryan in das Sternenmeer hinaus. Jede Turmspitze war ein Ankerplatz für eines der zahlreichen Schiffe, die das Weltenschiff umkreisten. Einzelne hatten angelegt und ruhten mit zusammengefalteten Sonnensegeln an den Molen.


    Weiter unten, am Fuß der Türme, reihten sich die verschiedene Häuser der Händler-, Schiffsbauer- und Sterneschifferpfade aneinander. Etwas abseits fand sich hier auch das Haus der Wanderer. Ranger und Weltenwanderer waren auf ZarAsuryan willkommener als auf manchen anderen Weltenschiffen. Trotzdem zogen viele, vor allem jene, die nicht von ZarAsuryan stammten, es vor, unter sich zu bleiben.


    Margil und Ydrir betraten die Außenterrasse. Sie hatte ihre Ausrüstung schon bereit gemacht. Ydrir trug den schwarzen Mantel der IstuKarun, als wäre er ihm zu klein geworden. Auf das Jagdgewehr jedoch hatte er verzichtet. Lediglich eine Shurikenpistole steckte in dem verschlossenen Holster an seiner Hüfte. Auch Margil hatte sich eine neue Waffe besorgt. Firondhir hatte ihn darum gebeten, sein altes Gewehr behalten zu dürfen, nachdem es ihm auf ihrem letzten Abenteuer gut Dienste geleitet hatte.


    Der Hafenbereich lagen nicht unter einer festen Kuppel wie die Biodome weiter unten. Stattdessen schirmte ein silbriges Energiefeld die Häuser von der Leere des Weltraums ab, die das Weltenschiff umgab. Das langsam anschwellende Tageslicht wurde blassrosa zurückgeworfen wie die Morgensonne auf einer Wasserfläche.


    Firondhir, ebenfalls in Mantel und Reiseanzug, saß auf dem Geländer der Terrasse. Das zusammengeschobene Gewehr hatte er in seinem Futteral zu seinen Füßen abgelegt und spielte auf seiner silbernen Flöte. Neben ihm stand Ànathuriel und beobachtete die ohne Hast dahinziehenden Schiffe. Margil und Ydrir wechselten bedeutungsvolle Blicke.


    „Ist das ein angemessener Ort für eine Dainnar, um sich hier aufzuhalten?“ fragte Margil. Firondhir unterbrach das Flötenspiel. Ànathuriel drehte sich um und sah den blonden Weltenwandere belustigt an. „Jetzt fängt er auch noch damit an“, sagte sie an Firondhir gewandt. Der lächelte, glitt von dem Geländer und hob sein Gewehr auf.


    „Bist du überhaupt ausgeschlafen genug, um aufzubrechen?“ wollte Margil wissen.


    „Immerhin waren wir eher hier als ihr beide“, gab Firondhir zurück. Margil lachte. Ohne ein weiteres Wort setzten die vier sich in Bewegung und steuerten den Fähranleger an. Ein Landungsschiff wartete bereist. Der blaue Rumpf ähnelte einem Raubvogel mit nach vorne gerichteten Schwingen, auf den Flügeln und dem doppelten Heckleitwerk leuchteten die große goldene und die drei silbernen Sonnen, das Zeichen von ZarAsuryan.


    Bevor die drei die Fähre bestiegen, umarmte Ànathuriel einen nach dem anderen. Dabei nahm sie Firondhirs rechte Hand und legte etwas hinein. Als sie ihre Hand zurückzog, erkannte er, dass es eine Haarsträhne war, leuchtende kastanienbraun, nur die äußersten Spitzen purpurrot, eingefasst in eine türkisenen Kristallperle. „Als Glücksbringer“, flüsterte sie ihm zu.


    Als das Schiff abgelegt und den silbernen Schleier durchquert hatte, wandte Ànathuriel sich ab und eilte in Richtung der Kuppel der Seher davon. Sie hatte noch etwas vorzubereiten.


  • Die Möglichkeiten, heimlich nach Commorragh zu gelangen, waren begrenzt. Die Kabalenfürsten bewachten das Kommen und Gehen durch die Netzportale akribisch und eifersüchtig. Auch wenn es Firondhir missfiel, hatte Margil es für sicherer gehalten, diesmal heimlich an Bord eines Korsarenschiffes zu reisen. Wie er den Ersten Maat dazu gebracht hatte, sie hinter dem Rücken seines Kapitäns einzuschleusen, blieb sein Geheimnis.


    Nun standen die drei erneut an jener Stelle, an der ihr letztes Abenteuer seinen Anfang genommen hatte: die Brücke aus schwarzem Metall, die die Untergeschosse der Kabalenfestung von DorchaKerun mit dem benachbarten Turm verband. Mit ihrem Tragwerk aus gebogenen Rippen glich sie dem auf den Rücken gedrehten Skelett einer riesigen Schlange, das sich, ohne Kopf oder Schwanz, von einem Bauwerk zum anderen wand. Die Konstruktion schwankte kaum merklich an ihren langen Metallkabeln, mit der sie an der darüberliegenden Plattform befestigt war.


    Firondhir stand zwischen den spitz aufragenden Enden der Rippen, die eine Art Geländer längs der Lauffläche bildeten, und sah hinunter. Ein leichter, warmer Windzug trug einen fauligen Gestank aus der Tiefe hinauf. Giftgrüner Nebel waberte schon wenige Längen unter seinen Füßen. Es war unmöglich zu erkennen, wie tief es hinunterging, geschweige denn, was am Grund lang.


    Allzulange konnten sie sich hier allerdings nicht aufhalten. Die Brücke wurde benutzt. Sie führte die Sklaven, die für die Kabalen von DorchaKerun bestimmt waren, zu einem schmucklosen Tor im Sockel des Festungsturmes. Die Unglücklichen, die dort hindurchgeführt wurden, kamen selten wieder daraus hervor. In einem waghalsigen Unternehmen hatten die Ranger sich beim letzten Mal auf diesem Weg in die Festung eingeschlichen. Alles, was danach passiert war, das Gute wie das Schlimme, alles, was sie gewonnen und verloren hatten, war durch diesen Weg vorherbestimmt gewesen. Davon war Firondhir inzwischen überzeugt, und er hatte es angenommen.


    Er dreht sich zu seinen Gefährten um. Ydrir stand einige Schritte hinter ihm. Er hatte den Kopf leicht gesenkt und die Augen geschlossen, als würde er über etwas nachsinnen oder auf etwas lauschen. Auf eine seltsame Art bewahrte er völlige Ruhe, selbst an diesem verfluchten Ort. Bisher hatte der Jungen weder ihm noch Margil erzählt, was er damals von den Ereignissen auf der Brücke mitbekommen hatte. Nicht einmal Ànathuriel hatte er sich anvertraut, die für ihn wie eine Schwester geworden war, vielleicht auch etwas mehr. Der Gedanke rief einen Anflug von Eifersucht in dem Weltenwanderer hervor, doch er schob ihn als grundlos beiseite. Hier ging es um wichtigeres. Firondhir war sich sicher, dass Ydrir mit seiner seherischen Begabung inzwischen alles erfahren hatte, auf die eine oder andere Weise.


    „Um dort hinunterzukommen, braucht man Falkenflügel“, kommentierte Margil.


    „Sag nicht, du warst auch noch ein MaerNovas?“, entgegnete Firondhir ungläubig.


    „Nein“, antwortete Margil. „Ich habe Flugangst.“


    Firondhir schüttelte belustigt den Kopf. Er löste einen messingfarben glänzenden Metallkegel von seinem Gürtel und befestigte ein dünnes, silbernes Seil daran. Dann kniete er am Brückengeländer nieder und ließ es hinab. Das Lot taucht in den grünen Nebel in und war nach wenigen Augenblicken nicht mehr zu sehen. Immer weiter und weiter spulte das Seil sich ab, bis es an sein Ende gelangt war. Firondhir bewegte es leicht hin und her. Das Seil war lang genug, um die höchsten Bäume in den Wäldern der Exoditenwelten zu erklimmen, doch schien es nach wie vor in der leeren Luft zu hängen. Es wieder einzuholen, dauerte etliche Minuten.


    Inzwischen war Margil die Brücke von einem Ende zum anderen abgelaufen. „Die Mauer des gegenüberliegenden Turms eignen sich nicht zum Klettern“ berichtete er. „Die Oberfläche ist wie die Rinde von Schuppenbäumen. Die Spitzen würden uns aufspießen.“


    Firondhir seufzte. Er hatte nicht vorgehabt, der Turm von DorchaKerun noch einmal so nahe zu kommen. Aber wie es aussah, mussten sie ihren Weg hinunter über die übereinandergeschichteten Granitsäulen der Turmfundamentes nehmen.


  • Der Abstieg zog sich endlos und monoton dahin. Wie viele Male sie schon ihre Seile gelöst und neu gesichert hatten – sie hatten aufgehört zu zählen. Anfangs waren sie noch in andauernder Wachsamkeit gewesen, um nicht von Hellions oder Harpyien überrascht zu werden. Doch die geflügelten Kreaturen hielten sich in den Höhen rund um die Turmspitzen auf, in die Tiefen der Häuserschluchten zog es sie nicht. Und auch die wilden Banden auf ihren Flugboards hatten hier offenbar nicht ihr Jagdrevier. Wie auch, der grüne Dunst machte es fast unmöglich, mehr als eine Armlänge weit zu sehen. Je tiefer sie kamen, um sich dichter schien er zu werden, und umso stärker wurde der Gestank, bis er den Aeldari den Atem raubte und sie zwang, ihre Helme zu schließen.


    Schließlich, ob nach Stunden oder sogar Tagen vermochten sie nicht zu sagen, lichtete sich der Dunst und die drei Ranger stellten zu ihrem Erstaunen fest, dass sie sich nur noch wenige Längen über dem Grund befanden. Unter ihnen zog sich ein grün schimmernder Fluss träge zwischen grauenvioletten Ufern entlang. Ab und an stiegen Blasen an seine Oberfläche, platzten auf und entließen Schwaden weißgrünen Dunstes, der aufstieg und die Nebelwolken nährte. Die Fundamente der Kabalentürme, hier unten massiv wie ganze Städte, formten eine Schlucht so tief, dass auch ohne die Dunstdecke das trübe Licht der Ilmaea nicht bis hier herunter dringen würde. Doch die unbestimmbare Flüssigkeit des Stromes strahlte selbst ein diffuses grünes Leuchten aus, das die öde Landschaft zu einem Zerrbild aus Licht und Schatten machte.


    Kurze Zeit später hatte die Ranger den Grund erreicht. Von den einzelnen, aufsteigenden Nebelschwaden abgesehen war die Luft klar, doch der Gestank, der von dem Fluss ausging, durchdrang sogar die Luftfilter der Helme, so dass sie nicht wagten, sie wieder zu öffnen. Sie lauschten, aber es war kein Laut zu hören – nichts, was auf die Anwesenheit von irgendetwas Lebendem hindeutete. Nicht einmal das Strömen des Flusses gab ein Geräusch von sich.


    Margil ließ seine Zieloptik vor das recht Auge fahren und suchte die Ufer ab. Der Boden schien bedeckt von Staub in Steinsplittern. Einzelne größere Bruchstücke ragten hier und dort hervor. Um was genau es sich handelte, woher sie ihren Ursprung hatten, darüber mochten die Aeldari nicht genauer nachdenken.


    In einiger Entfernung entdeckte Margil eine Gestalt am Boden liegen, ein regloser, schwarzer Körper, wie es schien. Er bedeutete seinen Gefährten, an Ort und Stelle zu bleiben, und tastete sich Schritten für Schritt vorwärts. Instinktiv reichte seine rechte Hand zu seiner Ritualklinge der Rächer Asuryans, die er in einer Scheide am Oberschenke trug. Firondhir blieb bei Ydrir zurück. Versichernd legte er dem Jungen die Hand auf die Schulter. Dann löst er das Futteral vom Rücken, nahm das zusammengeschobene Jagdgewehr heraus und machte die Waffe mit wenigen Griffen schussbereit. Er ging in den knienden Anschlag. Durch das Zielfernrohr sucht er nach Margil, um seinen Gefährten gegen mögliche Angreifer abzusichern.


    Margil erreichte sein Ziel. Sein erster Verdacht bestätigte sich. Es war der Körper eine toten Aeldari. Doch es war nicht der, den sie suchten. Der verkrümmte Leichnam eines Kabalenkriegers lag im Staub. Die geborstenen Platten der schwarzen Rüstung schimmerten im spärlichen Licht in Orange und Dunkelgrün wie die Deckflügel eines zertreten Käfers. Der Unterleib war aufgebrochen, das Fleisch faulig und schwarz. Teile der Innereien fehlten.


    Der Anblick rief bei Margil wenig Regung hervor. Als IstuKarun auf dem Pfad der Ausgestoßenen hatte er Schlimmeres gesehen, als Aspektkrieger in den Schreinen des Skorpions schlimmeres angerichtet. Aber ein anderer Gedanke beunruhigte ihn. Irgendetwas musste hier sein, dass den Toten so verstümmelt hatte. Und vor dem nahmen sie sich besser in Acht, was immer es sein mochte. Er versuchte, mit seiner Zieloptik die Schatten zu durchdringen, wechselte mittels Gedankenimpulse die Einstellung auf verschiedene Lichtwellenlängen. Doch er konnte nichts entdecken. Ohne die Umgebung aus den Augen zu lassen, richtete er seinen Geist auf Firondhir aus und teilte ihm, verstärkt durch die psionischen Kommunikationsschaltkreise in seinem Helm, seine Beobachtungen mit.


    Firondhir antwortete knapp. Auch er hatte bisher nichts entdecken können. Er schulterte das Gewehr und schritt zu Margil hinüber. Ydrir folgte ihm.


    Firondhir beugte sich nieder und untersuchte den toten Kabalenkrieger.


    „DorchaKerun“, sagte Margil.


    Firondhir nickte. Dann fiel sein Blick auf einen metallenen Gegenstand neben dem Körper. Es war ein Dreieck aus bronzenen Stäben, gerade so große wie seine Handfläche. Er hob das vermeintliche Schmuckstück auf und betrachtete es genauer. Schwache psionische Energie schien durch die Streben zu fließen. Er steckte den Gegenstand in eine seiner Taschen.


    Der Anblick des toten Drukhari jagte Ydrir einen Schauer über den Rücken.


    „Ob er bei dem Überfall der Hellions hier heruntergestürzt ist?“ fragte er.


    Margil schüttelte den Kopf. „Von diesem Kampf müssten mehr Überreste hier sein. Hier unten bleibt nichts so lange liegen.“


    Gerade formte sich eine Vorstellung in seinem Geist, was mit dem Körper seines Bruders geschehen sein mochte, als ein eisiger Schauer Ydrir erzittern lies, als wäre ein kalter Windstoß direkt durch ihn hindurch gefahren. Er zitterte heftig und zog den Mantel um sich. Firondhir fasste ihn am Arm.


    „Ydrir, was ist los?“ fragte er besorgt. Doch schon im nächsten Augenblick fühlt auch er eine beißende Kälte.


    Ein heiseres Lachen, eher einem Keuchen gleich, durchdrang die dämmrige Stille. „Was ihr sucht, ist nicht mehr hier", sagte eine tiefe, schneidende Stimme.


    Die drei sahen sich um. Der Ursprung der Stimme war nicht auszumachen, bis sich, vielleicht zwei Dutzend Schritte entfernt, eine gebeugte Gestalt im Schatten einer Wand abzeichnete, als wäre sie dort eben erste in die Wirklichkeit getreten. Die drei Aeldari rückten näher zusammen. Die reine Präsenz der Gestalt flößte jedem einzelnen eine unbestimmbare Furcht ein. Ydrir jedoch wirkte beinahe wie gelähmt. Firondhir nahm seinen Zustand wahr und stellte sich schützend vor den Jungen.


    „Wer bist du?“ fragte Margil.


    Die Gestalt trat noch einen Schritt weiter vor. Mit angewinkelten Knien und gekrümmten Rücken hockte sie am Boden. Ihr Körper war in einen groben Mantel aus roher Haut gehüllt, die im grünen Leuchten des Flusses leichenhaft schimmerte. Die Kapuze war weit über den Kopf gezogen. In der Schwärze darunter war kein Gesicht auszumachen, nur einige Strähnen langer, grauweißer Haare fielen darunter hervor und hinab auf seine hängenden Schultern. Die Gestalt hatte ihre Arme auf den Knien abgelegt. Die Hände und bloßen Füße, die aus dem Kleid herausragten, waren dürr und knochig, die Nägel lang wie Krallen und die Haut schien kohlschwarz.


    Die Gestalt kicherte wieder. „Du darfst mich Nurakh nennen, IstuKarun.“


    „Und was willst du von uns?“


    „Du stellst die falsche Frage, IstuKarun. Was wollt ihr von mir?“


    Die drei sahen einander verwirrt an. „Wir wollen nichts von dir, alter Mann“, erwiderte Margil.


    „Oh doch“, zischte der Fremde. „Ihr seid auf der Suche nach eurem Freund. Und ihr wollte sicher nach Hause zurückkehren. Ohne mein Einverständnis wird euch nichts davon gelingen.“


    „Wie willst du uns daran hindern?“ fragte Margil forsch. Firondhir bedeutete ihm, sich zurückzuhalten. Für gewöhnlich ließ er sich von dem scheinbar Unerklärlichen nicht schrecken. Aber an diesem Fremden war etwas unnatürliches, nicht greifbares. Wozu er fähig sein, wie er reagieren mochte, ließ sich nicht ermessen.


    Der Fremde antwortete nicht, sondern lachte nur heiser.


    „Was kannst du uns sagen?“ fragte Firondhir mit Ruhe.


    „Was bist du bereit, zu zahlen?“, entgegnete Nurakh, trat einen Schritt näher und richtete sich kaum merklich auf.


    „Wir haben nichts von Wert“, räumte Firondhir ein. Auch wenn er keine Augen sehen konnte, spürte er, wie der kalte Blick des Fremden sich auf ihn richtete. Ihm war, als würde eine Klinge aus Eis sein Herz durchbohren. Er rang nach Luft.


    „Du hast etwas von großem Wert“, sagte Nurakh. Er streckte seine knochige Hand aus. Sein ausgestreckter Finger deutete auf die kastanienbraune Haarlocke, die Firondhir unter seinem Mantel am Gürtel trug.


    Firondhir erschrakt. Eine düstere Ahnung beschlich ihn. Es war nur ein Schmuckstück mit romantischem, keinem realen Wert, nicht einmalig und ohne irgendeine Fähigkeit - zumindest keine, die Ànathuriel ihm mitgeteilt hätte. Dennoch sagte eine innere Stimme ihm, dass es Unheil bedeuten würde, wenn er dem Fremden die Haarlocke überließ.


    „Also doch von großem Wert. Sonst würdest du es mir ohne weiteres geben.“


    „Ich sehe immer noch nicht, warum wir dir überhaupt etwas geben sollten“, mischte Margil sich ein. „Wie du sagtest, wir sind IstuKarun. Wir finden unseren Weg.“


    Firondhir wollte etwas einwerfen, um die Situation nicht weiter eskalieren zu lassen. Doch Nurakh lenkte selbst ein.


    „Nun gut, IstuKarun, wie ihr wollt“ sagte er eisig. „Ihr findet euren Freund dort.“ Seine Hand wies auf das Fundament der Kabalenfestung. „Folgt einfach dem Fluss. Aber ich habe euch gewarnt. Am Ende wird der Preis höher sein.“


    Die drei Ranger schauten in die angezeigte Richtung. Die grüne Flüssigkeit verschwand in einem weiten Spalt zwischen den Granitsäulen. Als sie sich wieder dem seltsamen Alten zuwandten, war er fort. Sie sahen sich aufmerksam um, doch von ihm war keine Spur mehr zu finden, als hätte er sich in den Schatten aufgelöst, aus denen er herausgetreten war. Langsam verzog sich auch die Kälte aus ihren Gliedern. Firondhir wandte sich Ydrir zu. Auch ohne das kreidebleiche Gesicht unter dem Helm zu sehen, spürte er, dass die Begegnung den Jungen schwer mitgenommen hatte. Nur langsam löst er sich aus seiner Erstarrung. Er legte ihm die Hände auf die Schultern.


    „Geht es die besser?“ fragte er. Ydrir nickte schwach.


    „Was hältst du davon?“ wollte Margil von Firondhir wissen.


    Der Schüttelte mit dem Kopf. „Ich weiß nur eins: Wir sollten nichts und niemandem hier unten trauen. Aber der Fluss fließt in diese Richtung. Was immer in seine Strömung gelangt, wird dorthin fortgetragen. Also folgen wir ihm.“ Er zögerte einen Moment. „Bist du einverstanden, Ydrir?“


    „Das war kein Wesen von dieser Welt“, sagte Ydrir und schüttelte sich.


    „Du meinst es war eine Kreatur des Sha’eil?“ fragte Margil. „Hier?“


    „Nein, kein Dämon. Aber auch kein Drukhari. Irgendetwas dazwischen. Firondhir hat recht, wir dürfen ihm nicht trauen. Ich wünschte, sie hätten nicht bemerkt, dass wir hier sind.“


    „Sie? Denkst du, es sind mehr als dieser eine?“


    Ydrir nickte.


    „Dann sollten wir dafür sorgen, dass wir vor ihnen verborgen bleiben“, sagte Firondhir. „Lasst und gehen.“


    Die Ranger näherten sich dem Spalt. Schon bevor sie die Wand erreicht hatten, begannen die sechseckeigen Granitsäulen wie versteinerte Schachtelhalme aus dem Ufer aufzuragen, erst vereinzelt, dann immer dichter und höher, bis schließlich kein Durchkommen mehr möglich war. Den Asuryani bleib nichts anderes übrig, als durch das grüne Wasser zu waten. Schließlich zwängte der Fluss sich träge wallend durch die Öffnung und war schon wenige Schritte dahinter, trotz seines eigenen schwachen Leuchtens nicht mehr zu sehen. Firondhir blieb einen Moment stehen und sah seine Gefährten an. Margil und Ydrir bedeuteten Zustimmung. Dann tauchten die drei in die Finsternis ein.


  • Hinter dem Durchgang schien der Gang wieder etwas breiter zu werden. Zumindest waren im schwachen Licht keine Wände zu erkennen. Margil, der vorweg ging, streckte prüfend eine Hand aus. Etwas mehr als eine Armlänge entfernt berührten seine Fingerspitzen den Fels. Das Wasser – oder was immer es war – war nicht mehr als knietief und schien außer dem Gestank keine weiteren Auswirkungen zu haben. Außerdem waren die Anzüge der Ranger gegen äußere Einflüsse abgeschlossen. Daher entschlossen die drei sich, zunächst keinen Weg an Land zu suchen.


    So folgten sie dem Flusslauf wahrscheinlich schon mehrerer Stunden. Der Tunnel hatte wenig Gefälle, wand sich aber in zahlreichen Kurven und Schleifen zwischen dicken Bündeln von Granitsäulen hin und her, sodass die tatsächliche Distanz, die sie zum Eingang gewonnen hatten, weitaus geringer sein mochte. Rasch verloren sie jedes Zeitgefühl und Margil war der Einzige von ihnen, der überhaupt noch eine Vorstellung von ihrer Richtung hatte. Insgesamt, so versicherter er, bewegten sie sich auf das zu, was das Zentrum des Sockels unterhalb der Kabalenfestung sein musste.


    Zu Anfang hatte Firondhir noch mit höchster Aufmerksamkeit versucht, die Umgebung wahrzunehmen. Von ihrer Bekanntschaft vor dem Tor oder möglichen seiner Artgenossen wollte er hier nicht überrascht werden. Doch in der tiefen Finsternis des Tunnels regte sich kein Anzeichen von Leben. Inzwischen war auch das Leuchten des Flusses so weit geschwunden, dass selbst die Nachsichteinstellung der Helmoptik nicht mehr als grünliche Schemen hervorbrachte. Das leise Plätschern, dass ihre Schritte im Wasser verursachten, klang dumpf und trug kaum weiter als bis zu seinen eigenen Ohren. Ihm war, als hätte die Dunkelheit ihn verschluckt und alle seine Sinne von der Außenwelt abgeschnitten. Mehr und mehr formte sich ein Gedanke in seinem Geist. Ob Ydrir so empfunden haben mochte, als der Ath-NaranKuras…


    Unvermittelt stieß er mit Margil zusammen. Er war stehen geblieben. Im schwachen, grünen Dämmerlicht konnte er seine Umrisse erkennen. Er hatte den Kopf gesenkt, als würde er nach unten schauen.


    Was ist los?‘ fragte er ihn in Gedanken.


    Firondhir fühlte mehr, als dass er sah, wie Margil nach unten auf das Wasser wies. Dann zuckte er zusammen, als hätte ihn etwas gebissen. Als nächstes hörte er, wie Ydrir einen Laut der Überraschung von sich gab und wandte sich um.


    Um die Füße des Jungen wanden sich ein halbes Dutzend armlanger, wurmartiger Kreaturen. Ihre farblosen Körper leuchteten und flackerten in violetten Blitzen. Mit langen, stumpfen Schnauzen und kurzen, stummelartigen Vorderbeinen klammerten sie sich an seine Beine.


    Ydrir versuchte die Tiere abzuschütteln, doch sie hatten sich festgesaugt wie Egel. Ihm wurde schwindelig und sein Blick verengte sich. Es war, als würde die Geschöpfe seinem Geist Energie entziehen. Die Beine versagten ihm den Dienst, er schwankte und stürzte der Länge nach ins Wasser. Firondhir packte ihn am Kragen und zog ihn hoch, ungeachtet, dass sich zwei der Tiere nun um seine Arme wanden.


    Margil war es indessen gelungen, einen seiner Angreifer zu fassen zu bekommen und von seinem Bein loszureißen. Es wand sich in seiner Faust und schlug mit dem langen, spitz zulaufenden Schwanz um sich. Selbst durch den Handschuh konnte er die psionische Leere des Geschöpfes spüren. Seine Hand begann, taub zu werden. Diese Würmer waren quaarinish, sie absorbierten psionische Energie. Kein Wunder, dass sie vor allem Ydrir angingen, er war der psionisch stärkste von ihnen dreien. Angewidert schleuderte Margil das Geschöpf gegen einen Felsen. Es prallte ab und landete platschend auf dem Wasser.


    Noch ehe es in den grünen Fluten versank, durchbrach ein flacher, halbrunder Kopf, umgeben von einem Kranz aus Kiemenbüscheln, die Oberfläche. Das Tier sperrte sein großes, fast die gesamte Kopfbreite umfassendes Maul auf und packte den Wurm, schüttelte ihn einige Male hin und her und verschlang seine Beute mit wenige Bissen.


    Margil zog sein Kurzschwert. Doch das Tier tauchte schon wieder ab, das Wasser mit seinem flachen, gesäumten Schwanz aufpeitschend. Im nächsten Moment war es bei Firondhir, der versucht, Ydrir wieder aufzuhelfen. Margil hechtete hinterher. Die Würmer bemerkten das Nahen des Raubtiers und ließen von den Aeldari ab, doch zu spät. Blitzschnell setzte die Kreatur ihnen nach, packte einen nach dem anderen und biss sie in Stücke. Mehr als die Hälfte der Würmer hatte das Tier bereits vertilgt, ehe die restlichen die Flucht ergriffen. Kurz verfolgte es seine Beute, dann drehte es um und kehrte zu den Aeldari zurück.


    Firondhir hatte Ydrir inzwischen wieder aufgeholfen und ebenfalls sein Messer gezogen. Angespannt beobachtete sie das Wasser. Dann war das Raubtier wieder da. Es erinnerte an einen riesigen Molch, mit flachem Kopf, gedrungenem Körper, vier kurzen, kräftigen Beinen und einem langen, seitlich abgeflachten Schwanz. Der Flossensaum zog sich über den Rücken bis zum Nacken. Seine Haut, soweit sie es in der Dunkelheit erkennen konnten, war fahlweiß. Weit vorne, an den Seiten des halbrunden Kopfes saßen zwei große, helle Augen und am Ende der stumpfen Schnauze runde Nasenlöcher. Vom Kopf bis zum Schwanzende war es halb so groß wie ein Aeldari.


    Die Amphibie hielt auf sie zu. Margil hielt seine Klinge vor sich und ging in die Knie, bereit, auf das Raubtier einzustechen. Doch kurz bevor es ihn erreichte, drehte das Tier ab, paddelte mit peitschendem Schwanz um ihn herum, sprang aus dem Wasser und drehte sich um seine eigene Achse wie ein verspielter Otter.


    Firondhir lachte und steckte sein Messer weg. „Es scheint, als hättest du einen Freund gefunden.“ Auch wenn er sein Gesicht nicht sehen konnte, so konnte er doch spüren, dass Margil von dieser Aussicht nicht besonders angetan war.


    „Hast du nicht gesagt, dass wir hier nichts und niemanden trauen können?“, wandte Margil ein, immer noch das Schwert in der Hand und das Tier misstrauisch beobachtend.


    „Wenn Tiere dich täuschen wollen, dann täuschen sie Schwäche vor, nicht Verspieltheit“, entgegnete Firondhir. „Außerdem hast du ihn gefüttert.“


    „Hoffentlich erwartet er nicht, dass wir ihm noch mehr verschaffen. Auf eine weitere Begegnung mit diesen Biestern kann ich verzichten.“


    „Wenn er zumindest diese Geschöpfe von uns fernhalten kann, ist er eine große Hilfe“, warf Ydrir ein. Er fühlte sich, als wäre ihm ein Teil seiner Lebensenergie ausgesaugt worden.


    „Brauchst du noch einen Moment Ruhe?“ fragte Firondhir, selbst auch noch etwas benommen von der Begegnung.


    „Es wir gehen“, antwortete Ydrir.

  • Die drei setzten ihren Weg fort, nun in der Begleitung des Salamanders. Mit gemächlichen Schwanzschlägen glitt die Amphibie voran durch das trübe Wasser, ab und an mit der Nase die Oberfläche durchstoßend, um Luft zu holen. Der Fluss war immer noch flach, doch schien die Strömung abgenommen zu haben. Gleichzeitig glaubte Margil, mehr Raum um sich herum zu spüren, vielleicht sogar einen Luftzug. Sein Eindruck bestätigte sich. Je weiter sie gingen, umso mehr öffnete sich der Tunnel in verschiedene Grotten und Kavernen. Die Granitsäulen formten einen Wald aus senkrechten, astlosen Stämmen. Der Fluss verteilte sich in mehrere Arme, das Wasser sammelte sich hier und da in kleinen Tümpeln. Wann immer sie einen Fuß hineinsetzten und es aufwirbelten, flammte ein gelblichgrünes Leuchten auf. Der schwimmende Salamander zog eine Spur aus kaltem Licht hinter sich her.


    Die neue Form der unterirdischen Landschaft bereitete Margil Unbehagen. Die Strukturen waren selbst für ihn verwirrend. Im Dunkel ließen sich keine Wegmarken ausmachen. Und das Wasser folgte kaum noch einer Fließrichtung, sondern breitet sich aus wie in einem versteinerten Sumpfwald. Er versuchte, sich an der Gruppierung einzelner Säulen zu orientieren, an der vermuteten Größe und Lage der Tümpel und den Windungen der Wasserarme. Doch alles versank nach wenige Schritten in tiefen, undurchdringlichen Schatten. Zunehmend machte sich das beklemmende Gefühl in ihm breit, dass sein Gespür für Richtung ihn hier im Stich ließ.


    Eben passierten sie eine Gruppe von fünf Steinbäumen, die in einer beinahe graden Reihe aus dem Wasser eines Teiches ragte, nur wenige Schritte von Ufer entfernt. Margil blieb stehen. Er war sich beinahe sicher, dass sie eine solche Formation vor geraumer Zeit bereist passiert hatten. Doch ob es die gleiche oder eine ähnliche war, konnte er nicht sagen. Ihm fehlte die weitere Umgebung zur Orientierung. Hier unten, ohne Licht, ohne Geomagnetfeld halfen auch keine Orientierungsgeräte. Sie waren auf seine Fähigkeit angewiesen.


    Firondhir und Ydrir verließen sich auf ihn. Wenn er versagte, wenn er sie die ganze Zeit nur um Kreis führte, fanden sie hier nie wieder heraus, vom Erreichen ihres Ziels gar nicht zu reden. Sie würden hier sterben. Die Unsicherheit, die er die letzten Stunden zu unterdrücken versucht hatte, drang mit umso größerer Gewalt wieder hervor und begann, sich in lähmende Furcht und Hilflosigkeit zu wandeln. Es lag in Margils Natur, sein Schicksal anzunehmen, wenn er sehen konnte, dass es keinen Ausweg gab. Die Aussicht aber, seine Gefährten mit ins Verderben zu ziehen, ließ ihn verzweifeln.


    „Ist etwas nicht in Ordnung, Margil?“ hörte er Ydrir verunsichert fragen. Es konnte gar nicht anders sein, der Junge musste seine Verzweiflung wahrgenommen haben. Er wusste nicht, was er ihm sagen sollte.


    Firondhir trat hinzu. Sein Orientierungssinn war weniger ausgeprägt als Margils, doch er war schon lange genug ein Weltenwanderer. Seine Erfahrung genügte ihm, um zu erkennen, dass sie in ernsthafte Schwierigkeiten geraten waren. Der seltsame Alte am Eingang kam ihm wieder in den Sinn. Und Margils selbstbewussten Worte. Hatte der Fremde am Ende doch recht gehabt? Unwillkürlich begannen seine Finger mit der Haarsträhne an seinem Gürtel zu spielen.


    „Du hättest besser daran getan, sie ihm zu geben“, sagte Margil düster, ließ sich mit dem Rücken an einer Steinsäule niedersinken und senkte den Kopf auf die Knie.


    Er wusste nicht wieso, doch diese Worte ließen Zorn in Firondhir aufwallen. Eben noch hatte er die feste Absicht gehabt, keine Worte des Vorwurfs an Margil zu richten, doch nun brach es aus ihm heraus:


    „Das sagt der große Wegfinder jetzt, nachdem er versagt und seine Gefährten im Stich gelassen hat!“


    Margil sprang wieder auf. „Ja, das sage ich!“ gab er erregt zurück. „Bin ich ein Seher? Konnte ich vorhersehen, wie es in dieser Gruft aussieht? Du hättest verhindern könne, dass wir so hier enden. Du hättest dem Alten geben können, wonach er verlangt hat. Es wäre ein kleiner Preis gewesen.“


    „Wir kannst du dir so sicher sein?“ mischte Ydrir sich sein. Seine Stimme war außergewöhnlich fest, fast bestimmend. „Du weiß nicht einmal, was er war. Weißt du, was er damit will? Weißt du, ob er nicht sogar Ànathuriel damit schaden kann? Willst du das riskieren?“


    Firondhir fuhr zusammen. Genau dies war seine Befürchtung gewesen. Nun, da Ydrir, der mehr von diesen Dingen verstand als sie beide, sie offen aussprach, war er umso mehr überzeugt, richtig gehandelt zu haben, allen bitteren Konsequenzen zum Trotz.


    „Und du halte dich zurück!“ wandte er sich nun an Firondhir. „Margil Vorhaltungen zu machen, bringt uns einer Lösung unseres Problems nicht näher.“


    Firondhir war sprachlos vor Überraschung. Und freudig beindruckt, wobei er ich umhinkonnte, dies durch seine Körperhaltung anzuzeigen. Es war das erste Mal, dass er den Jungen mit solch einer Autorität sprechen hörte. Margil dagegen ließ sich in seiner Verbitterung nicht beeindrucken.


    „Und du, junger Seher, weißt dies alles selbstverständlich“, sagte er mit tiefem Sarkasmus.


    Doch diesmal, durch Firondhir Zuspruch ermutigt, ließ Ydrir sich von Margils spitzen Worten nicht verunsichern.


    „Ich weiß eins ganz sichern“, entgegnete er mit Nachdruck, aber ohne Zorn. „Und du weißt es genauso, denn du hast es auch gespürt. Diese Kreatur wollte uns nicht helfen. Sie hätte uns ins Verderben geschickt, zu ihrer Freude.“


    Margil verstummte. Er konnte nicht leugnen, dass auch er die tödliche Kälte und das lähmende Entsetzen empfunden hatte, die von dem Alten ausgegangen waren. Doch machte das einen Unterschied, nun, da das Ergebnis offenbar dasselbe war?


    „Das Wasser muss irgendwohin abfließen, sonst würde es steigen. Und das tut es nicht, richtig?“ fragte Ydrir.


    „Das stimmt“, bestätigte Firondhir.


    „Also müssen wir nur die Fließrichtung wiederfinden.“


    „Woher willst du überhaupt wissen, dass das, was wir suchen, nicht irgendwo in dieser Höhle ist?“ warf Margil ein.


    Ydrir schwieg. Die Frage war berechtigt. Was der Fluss bis hierher getragen hatte, musste in diesem versteinerten Sumpf gestrandet sein. Vielleicht lagen Ydrils Körper und sein Seelenstein irgendwo in den Tümpeln. Wenn es so war, würde es an ein Wunder grenzen, zufällig auf ihn zu stoßen.


    Firondhir seufzte. „Wann haben wir zuletzt geschlafen?“ fragte er.


    Weder Margil noch Ydrir wussten eine Antwort.


    „Wir sollten uns ausruhen“, sagte er. „Dieser Ort ist so gut wie jeder andere. Vielleicht sehen wir danach klarer.“


    Margil zuckte resigniert die Schultern, ließ sich wortlos in einer Nische zwischen den Granitsäulen nieder und zog die Kapuze seines Mantels tief ins Gesicht.


  • Ydrir stand im knöcheltiefen Wasser. Um ihn herum breitete sich einer der trüben Weiher aus. Die Wasserfläche war so groß, dass ihr Ränder sich in der Dunkelheit verloren. Er sah sich nach seinen Gefährten um. Sie waren nicht da.


    Er hätte erwartet, dass diese Entdeckung Furcht in ihm auslöste. Doch dem war nicht so. Stattdessen empfand er Verwunderung. Wohin waren Margil und Firondhir verschwunden? War ihnen etwas zugestoßen? Anders wäre es nicht möglich, dass sie ihn hier allein zurückgelassen hätten. Hier? Dies war ein ganz anderer Ort als der, an dem sie Rast gemacht hatten. Hier war einfach nur finstere Leere. Nach allen Richtungen gleich.


    „Firondhir? Margil?“ rief er. Nichts. Seine Stimme schien kaum bis an sein eigenes Ohr zu reichen. Er begann, vorwärtszugehen, blieb aber schon nach wenigen Schritten wieder stehen. Auch wenn er einen Fuß vor den anderen setzte, hatte er das Gefühl, nicht von der Stelle zu kommen. Allmählich kam ihm eine Ahnung. Er war nicht mehr in der Höhle an den Wurzeln des Turms von DorchaKerun. Er war an überhaupt keinem realen Ort.


    Was war das letzte, an das er sich erinnern konnte? Firondhir hatte sie aufgefordert, sich auszuruhen. Er war dem nachgekommen. Was war davor gewesen? Margils Frage, ob sie Ydril hier überhaupt finden würden. Sie hatte Zweifel und Ratlosigkeit in ihm gesät. Im selben Moment, in dem ihm diese Erinnerung in den Sinn kam, ging diese Saat auf. Schwarze, dornige Ranken durchbrachen die Wasseroberfläche, schlang sich um seine Knie und tasteten sich seine Beine hinauf. Er stieß eine Laut der Überraschung aus und versuchte die Triebe abzustreifen. Doch sie zogen sich immer fester um ihm und durchstießen seinen Anzug mit ihren Dornen. Je mehr er sich wehrte, um so schneller wurde das Wachstum und um so dicker wurden die Äste. Schon wickelten sie sich um seine Brust und begannen, ihm den Atem abzudrücken.


    Schließlich gab er jeden Widerstand auf. Sein Geist trieb hinaus in die endlose Finsternis und überließ sich völlig dem Gedanken an seinen Bruder. Doch wohin er auch trieb, er fand nichts außer Leere. Und diese Leere gab ihm die Gewissheit, die er suchte. Je weiter er sie erforschte, umso mehr lösten sich die Ranken und vielen welkend von ihm ab. Eben glaubte er, das Dunkel in seiner ganzen Ausdehnung erfasst zu haben, als am Rande seines Bewusstseins etwas Neues erschien. Wild, fremdartig. Gefährlich.


    Eine unsanfte Berührung am Arm holte ihn in die Wirklichkeit zurück. Jemand rief seinen Namen. „Ydrir, wo warst du?“


    Ydrir fand sich auf dem feuchten Boden liegend wieder. Firondhir beugte sich über ihn. Er holte ein, zwei Mal tief Luft. Die Enge war verschwunden. Er stützte sich mit den Armen ab und setzte sich auf.


    „Du hast im Schlaf nach uns gerufen“, hörte er den Weltenanderer sagen. „Und dann sah es aus, als könntest du nicht atmen.“


    „Hier, überall“, sagte er mit noch leicht entrückter Stimme, auf die erste Frage antwortend. „Er ist nicht hier. Ydril. Er ist nicht in dieser Höhle. Ich weiß nicht, wo. So weit konnte ich nicht sehen. Aber nicht hier. Wir müssen weiter.“


    „Womit wir wieder bei dem gleichen Problem wären“, seufzte Margil. Die Rast hatte ihn zur Ruhe gebracht, aber nicht zu einer Lösung.


    Ydrir überlegte, ob er Firondhir von seiner letzten Wahrnehmung erzählen sollte. Nur, was sollte er ihm sagen? Mehr als eine vage Ahnung, das da draußen irgendetwas war, hatte er nicht erhalten. Und das dürfte an diesem Ort nichts Außergewöhnliches sein, im Gegenteil. Eher war es schon beinahe verwunderlich, dass sie bisher auf nichts weiter als die widerwertigen Würmer und den großen Salamander gestoßen waren.


    Gedankenverloren ließ er seinen Blick über den Tümpel schweifen. Schon nach wenigen Metern verlor sich die Wasserfläche in der Dunkelheit. Ebene tauchte ihr amphibischer Begleiter wieder auf. Er musste den Halt genutzt haben, um auf die Jagd zu gehen, denn er war noch dabei, sich irgendein unförmiges Gliedertier einzuverleiben. Der Anblick weckte grauenhafte Erinnerungen. Ein Zittern durchlief Ydrirs Körper.


    Dann bemerkte er das grüne Glimmen, wo der Salamander das Wasser aufgewühlt hatte. Die leuchtenden Schlieren schienen zu treiben, langsam, aber stetig, in eine Richtung, bis sie irgendwann nach kurzer Zeit erloschen. Ydrir trat an das Wasser heran, ging in die Hocke und rührte es ein wenig mit der Hand auf und beobachtete, wie sich das Leuchten bewegte. Er hatte richtig gesehen, es zog sich von ihm weg, in die gleiche Richtung wie beim ersten Mal.


    „Das ist es", wisperte er, mehr zu sich selbst. Dann rief er die beiden anderen: „Schaut her!“


    Ydrir steckte seine Hand ins Wasser und bewegte sie einige Male hin und her. Das Wasser leuchtete auf und schon wenige Augenblicke später begannen die gelbgrünen Schlieren davonzutreiben.


    „Dort ist die Strömung“, sagte er. „Wir müssen nur dem Glühen folgen. Ydril ist nicht in dieser Höhle. Also müssen wir einen Weg hinausfinden. Und dies hier weist ihn uns.“


    Seine Stimme war so voll Überzeugung, dass selbst Margil nicht mehr zu widersprechen wagte. Firondhir legte dem Jungen anerkennend den Arm auf die Schulter. „Der Pfad des Wanderers mag nicht der deine sein, die nötigen Fähigkeiten hast du trotzdem.“


    Verlegen sah Ydrir zur Seite. „Genau genommen hat er mir die Lösung gezeigt.“ Er wies auf den Salamander, der ruhig am Ufer knapp unter der Wasseroberfläche lag und scheinbar vor sich hindöste.


    Firondhir lachte. „Genau das meine ich.“


    Ydrir lächelten. Er verstand nicht ganz, was der Weltenwanderer damit sagen wollte. Aber einerlei, wichtig war, dass sie einen Ausweg gefunden hatte. Die drei nahmen ihre Ausrüstungsbündel auf uns machten sich daran, ihre Reise fortzusetzen.


  • Ydrirs Strategie ging auf. Es war ein mühseliges, kleinschrittiges Vorankommen. Schnell hatte sie festgestellt, dass sie mit ihren Schritten behutsam in das Wasser eintauchen mussten. Zu heftige Verwirbelungen trieben das Leuchten auseinander, so dass es verglomm, ehe sie erkennen konnte, in welche Richtung es davonzogen. Immer wieder mussten sie Pausen einlegen und dem Wasser Zeit geben, zur Ruhe zu kommen, um dann behutsam den Weg wieder aufzunehmen. Zumindest behinderte der Salamander sie nicht. Auf irgendeine seltsame Art und Weise musste das Tier erkannt haben, was die Aeldari mit ihrer seltsamen Fortbewegungsweise bezweckten. Die meisten Zeit schwamm er ruhig hinter ihnen.


    Es mussten wohl einige Stunden verstrichen sein, als die Tümpel begannen, schmaler und tiefer, die Bündel aus Granitsäulen dichter zu werden, bis sie sich wieder zu Pfeiler und Wänden zusammenschlossen, zwischen denen langsam strömende Kanäle einher zogen. Auf eine bizarre Art erinnerten die Tunnel Firondhir an die Wohnkuppeln auf ZarAsuryan – ein finsteres Gegenbild des Weltenschiffs.


    Die ganze Zeit hatte Ydrir mit einem Ohr – oder welchem anderen Sinn auch immer - in die Dunkelheit gelauscht. Jenes Echo am Rande seiner Vision hatte ihn nicht mehr losgelassen. Aber auch hier schienen sie völlig allein zu sein.


    Unvermittelt trat er auf irgendetwas weiches, so dass er beinahem ausgeglitten wäre. Mit dem nächsten Schritt stieß sein Fuß gegen irgendetwas am Boden. Die Fußspitze drückte den Gegenstand ein wenig ein, wurde dann aber von etwas härterem aufgehalten. Verwundert richtete er seinen Blick nach unten und schrak von Grauen und Abscheu zurück.


    Der Körper eines Aeldari lag vor ihn – oder zumindest das, was davon übrig war. Die Gliedmaßen lagen im Umkreis einiger Schritte um den von der Hüfte bis zur Brust geöffneten Torso verteilt. Die Rippen ragten weit auseinander. Einige der Organe, welche genau konnte Ydrir nicht bestimmen, waren neben dem Körper aufgereiht, als hätte sie jemand dort ausgelegt. Die leeren Augen des eingefallenen Gesichts starrten ins Nichts. Ydrir stieß einen unterdrückten Schrei aus.


    Die beiden Weltenwanderer kamen hinzu. Firondhir betrachtete den Leichnam genauer. Es war schwer zu sagen, ob der Körper auseinandergerissen oder mit einem Werkzeug zerlegt worden war. Wenn das letzte der Fall war, musste es sich um eine stumpfe, gezackte Klinge gehandelt haben. Selbst einem Drukhari war zu wünschen, dass er zu diesem Zeitpunkt schon tot gewesen wäre. Den Überresten seines Gesichtsausdrucks nach zu urteilen, war er es nicht.


    „Das ist nicht der einzige“, war Margils Stimme aus der Dunkelheit hinter ihnen zu vernehmen. Firondhir war im Begriff, Ydrir zu bedeuten, an Ort und Stelle zu bleiben, doch der Junge war schon an ihm vorbeigehuscht.


    Margil stand zwischen einem halben Dutzend weiterer Körper, jeder einzelne in unterschiedlichen Stadien des Zerfalls und in unterschiedlicher Weise zerstückelt.


    „Jeder einzelne Drukhari“, beeilte er sich zu sagen, ehe Ydrir sie genauer in Augenschein nehmen konnte.


    „Was mag es damit auf sich habe?“ fragte Ydrir erschüttert.


    „Der Fluss kann sie nicht bis hier getragen haben“, stellte Firondhir fest. „Und auch nicht so zugerichtet. Aber ich nehme es als Zeichen, dass du recht hattest, Ydrir. Wir sind hier auf der richtigen Fährte. Wenn all diese Toten bis hierher geraten sind, dann wird auch Ydril nicht in der großen Höhle gelegen haben.“


    Der Gedanke hatte wenig Tröstliches für Ydrir. Wenn auch der Körper eines Toten für die Asuryani weniger Bedeutung hatte, als sein Seelenstein – eine solche Behandlung war in jeder Hinsicht verabscheuungswürdig.


    „Jedenfalls sollten wir uns vorsehen vor dem, was sie hierhergebracht hat“, setzte Margil hinzu.


    Aufmerksam setzen sie ihren Weg fort. Bald stießen sie auf weitere Körper. Doch sie lagen nicht mehr am Boden, sondern hingen drapiert über den Enden abgebrochener Granitnadeln. Keiner war intakt, manche bestanden nur noch aus einzelnen Teilen, die eigentlich nicht hätten zusammenhalten dürfen. Chem-Pan-Sey waren darunter, Drukhari-Krieger, wie es schien aber auch Angehörige anderer Völker. Margil fiel ein Leichnam auf, an dessen gesichtslosem Schädel noch einige Resten blauer und grüner Haare hingen. Tief in einer fauligen Wunde am Hals entdeckte er eine silbernes Wurfmesser. Margil zog es heraus, wischte es mit einem Tuch sauber und steckte es in einer der Schlaufen unter seinem Mantel.


    Die grausige Galerie schien sich ohne Ende fortzusetzen. Ydrir würde übel. Er musste sich an einer Wand abstützen. Seine Hand tastete nach der Seite seines Helmes. Er glaubte ihn öffnen zu müssen, um Luft zu bekommen.


    „Lass es besser“, sagte Firondhir, der seine Absicht erraten hatte, mit ruhigem Tonfall und legte seine Hand auf die des Jungen. Ydrir ließ von seinem Helm ab und glitt sich schwer atmend zu Boden. Mitfühlend hockte Firondhir sich neben ihn.


    „Manche Vögel spießen ihre Beute auf Dornenhecken auf, um sie später zu fressen“, sagte Margil mit einer Mischung aus Befremden und Abscheu, während er die Ansammlung von Leichen betrachtete.


    „Vögel werden wir hier nicht finden“, entgegnete Firondhir.


    „Ein Vogel wäre mir lieber als irgendetwas anderes“, gab Margil zurück.


    Firondhir wandte sich wieder Ydrir zu. „Wenn du wieder so weit bist, sollten wie so schnell wie möglich weitergehen. Je eher wie das hier hinter und gelassen haben, umso besser.“


    Ydrir nickte und ergriff den ausgestreckten Arm des Weltenwanderers und ließ sich aufhelfen.


    Die drei standen noch beisammen, als der Salamander aus dem Kanal schlüpfte. Einige Male liefe er zwischen den Aeldari und dem Wasserrand hin und her und schüttelte dabei seinen breiten, flachen Kopf. Dann blieb er sitzen. Ein krampfähnliches Zucken lief durch seinen Körper. Seine ausladenden Kiemenbüschel zogen sich zusammen, die tentakelähnlichen Äste schienen sich komplett zurückzubilden. Gleichzeitig fiel der Flossensaum zusammen, bis er vollständig verschwunden war. Der breite, flache Ruderschwanz schrumpfte zu einem runden, spitz zulaufenden Schweif. In wenigen Augenblicken hatte die aquatische Amphibie sich in einen Landbewohner verwandelt.


    Während die Aeldari erstaunt die seltsame Metamorphose beobachteten, huschte der Salamander an ihnen vorbei, erklomm eine Felsnadel und drückte sich in einen Spalt. Seine Haut nahm die Farbe des Untergrundes an, so dass er selbst für den suchenden Blick fast nicht zu sehen war.


    Im nächsten Moment drangen entfernte, dumpfe Geräusche zu ihnen vor. Die drei erstarrten und lauschten aufmerksam. Der Klang erinnerte die Schritte bloßer Füße, leise, doch in der absoluten Stille des Tunnels deutlich zu vernehmen. Sie schienen ihren Ursprung in einem Nebenkorridor zu haben. Der Gang verlief annähernd parallel hinter einer steinernen Palisade, hin und wieder durchbrochen von weiten Spalten. Ydrir tat es dem Salamander gleich und schlüpfte in eine Nische in der gegenüberliegenden Wand. Mit seinem schwarzen Mantel und seinem Talent, völlig reglos zu bleiben, war er augenblicklich unsichtbar.


    Margil und Firondhir nahmen neben je einer der nächstgelegenen Durchlässe Aufstellung, so dass sie den Gang möglichst weit überblicken konnten – wobei das in der Finsternis nicht viel hieß. Sie konnten kaum ausmachen, ob der Tunnel gerade verlief oder einen Knick machte. Margil griff unter den Mantel und tastete nach seinen Wurfklingen.


  • Ein schwaches, tanzendes Licht erschien, grünlich-weiß und kalt. Es glitt heran, als wiegte es sich im langsamen Takt einer unhörbaren Musik. Die Stimmen waren verstummt.


    Das Licht näherte sich. Die Augen der beiden Aeldari hatten sich so sehr an das Dunkel gewöhnt, dass es ihnen blenden hell erschien. Dabei waren die Granitwände so tiefschwarz, dass sie kaum mehr als eine Armlänge im Umkreis der Lichtquelle erleuchtet wurde.


    Im Näherkommen zeichneten sich Gestalten ab, eine kleine Gruppe, sechs, vielleicht sieben oder acht. Nun konnten die beiden Weltenwanderer sie genauer erkennen. Es schienen Aeldari zu sein, doch war dies an ihrem entstellten Erscheinungsbild nur schwer festzumachen. Ihre Gesichter waren hinter gewölbten, metallenen Masken verborgen, die nicht mehr als einige Sehschlitze als Öffnungen hatten. Die Oberkörper waren nackt, athletisch und sehnig, doch in dem fahlen Licht blass wie Wasserleichen und überzogen mit Knoten und Narben. Aus Buckeln am Rücken entsprangen knochige Bögen und Äste, an denen gläserne Phiolen hingen. Dünne Schläuche leiteten den purpurrot glühenden Inhalt unablässig unter die Haut der Gestalten. Bei anderen Stecken die Gefäße direkt in den Muskeln.


    Die schauderhaften Wesen trugen grobschlächtige Waffen und Werkzeuge, Sicheln, Beile, Messer, Injektoren. Bei manchen ersetzen sie sogar gänzlich die Hände. Bedrohlich warfen die gezackten Schneiden und fingerdicken Nadelspitzen das Licht zurück. Ihre einzige Kleidung waren weiten, knöchellangen Röcken aus etwas, das wie rohes Leder aussah. Jeder trug eine eigene Lampe in Form einer leuchtenden Kugel an einer groben Kette seien Hals. Sie bewegten sich in einem gemessenen Schritt, fast wie in einer Prozession. Außer dem Tappen ihrer bloßen Füße ging keinen Laut von ihnen aus.


    Dann tauchte etwas anderes hinter ihnen auf, etwas Großes, Verstörendes, eine Monstrosität aus Muskeln und Gliedmaßen. Es überragte die Vorderen fast um das Doppelte. Aus den breiten Schultern entsprangen nicht nur gewaltigen Arme, sondern auch drei Wirbelsäulen, die sich in einem verformten Buckel über den Rücken wölbten. Knöcherne Stacheln ragten daraus hervor. Auch dieser Kreatur steckten mit Flüssigkeiten gefüllte Schläuche und Gefäße in Rumpf und Gliedern. In der einen Hand hielt sie eine breite, einschneidige Klinge. Die andere war durch eine metallene Prothese mit dornenartigen Klauen ersetz. Der im Vergleich zum entstellten Körper kleine Kopf steckte in einer schwarzen Eisenmaske.


    Das einzige Wesen dieser schaurigen Truppe, das sein Gesicht zeigte, ging direkt vor der Monstrosität. Eher schien es zu schweben, beinahe zerbrechlich im Gegensatz zu seinen grobschlächtigen Begleitern. Die spitzen Ohren und die elegante Gestalt gaben es unzweifelhaft als Aeldari zu erkennen. Doch die feinen Gesichtszüge waren ausgezehrt, die alabasterweiße Haut wie eine Maske darüber gespannt. Lange, strähnige Haare von flammendem Rot fielen vom Scheitel. Ein schwarzes, glänzendes Mieder umspannte die zierliche Taille. An dem tiefgrünen, blutfleckigen Kittel glänzten an Schnüren aufgereihte Nadeln und Messer. Ein weiter Mantel aus Haut lag über den bloßen Schultern und bedeckte die Brust. Neben seinen eigenen Armen, die in schwarzen, bis zum Ellenbogen reichenden Handschuhen steckten, trug es noch ein weiteres Paar, das anstelle von Händen mit chirurgischen Werkzeugen versehen war.


    Der Anblick des Geschöpfes ließ Firondhir erstarren. Erinnerungen überkamen ihn wie eine Sturzflut. Schmerzhafte, grauenvolle Erinnerungen, die er tief vergraben zu haben glaubte. Erinnerungen an ungezählte Stunden der Qual, die auch dann nicht endeten, als er den Grund ihres Aufenthalts in Commorragh offenbart hatte. Der Foltermeister hatte einfach weiter gemacht. Eine brennende Flüssigkeit war in seine Adern gepumpt worden, unablässig, die ihn hinderte, das Bewusstsein zu verlieren, sodass er alles mit ansehen musste, was der Drukhari mit Illurayon getan hatte.


    Er war von gleicher Art gewesen wie dieser hier. Das gleiche abstoßende Erscheinungsbild, die gleichen missgestalteten Gehilfen. Mit einem Unterschied: dieser hier war eine Frau.


    Langsam zerfloss das Entsetzen und mit ihm die Erstarrung und machten Raum für eine neue Regung: abgrundtiefer Hass, der Firondhir alles andere vergessen ließ. Seine Hand tastete nach seinem Feldmesser.


    Unbewusst musst er eine Körperhaltung eingenommen haben, die seine selbstzerstörerischen Absichten verraten hatten, denn auf einmal stand Margil hinter ihm und hielt ihn an beiden Armen fest.


    „Begeh nicht wieder so eine Dummheit!“ raunte er ihm scharf zu. „Das sind mehr als nur ein einzelner Drukhari-Prinz.“


    Firondhir schien ihn nicht zu hören oder zu verstehen. Er zerrte an seinen Armen, wand sich in seinem Griff, versucht mit aller Macht, sich loszumachen. Margil musste alle seine Kräfte aufbieten, um ihn festzuhalten, und konnte ihn dennoch kaum bändigen.


    „Halt an dich, sonst entdecken sie uns“, herrschte Margil ihn mit unterdrückter Stimme an. Doch Firondhir ließ nicht ab. Inzwischen war die düstere Prozession nur noch wenige Längen entfernt.


    „Ydrir, hilf mir!“ rief Margil in Gedanken mit einer Andeutung von Hilflosigkeit. Ydrir zögerte keinen Moment und huschte zu den miteinander ringenden Weltenwanderern hinüber. Er fasst Firondhir am rechten Arm, Margil hielt den Linken fest. Mit vereinten Kräften gelang es den beiden, ihren Gefährten von dem Durchgang fortzuziehen und in eine Nische an der gegenüberliegenden Wand zu bugsieren.


    Keinen Augenblick zu früh, denn im nächsten Moment hatten die Missgestalten die Passage erreicht und durchquerten die Öffnung zwischen den Felssäulen. Margil und Ydrir stellten sich vor Firondhir und drückten ihn in die Spalte.


    „Bei allem, was die Götter uns gelehrt haben, besinne dich. Wenn sie uns bemerken, ist es um uns geschehen“, flehte Ydrir. Firondhir holte tief Luft. Wer wenn nicht er wusste, was sie erwartete, wenn sie einem Haemonculus in die Hände fielen. Sein unkontrollierter Gefühlsausbruch hätte seine Freunde beinahe diesem Los ausgeliefert. Er rang um Beherrschung. Unwillkürlich fuhr seine Hand dabei an seinen Gürtel und die Finger begannen, mit der Haarlocke zu spielen. Reglos verschmolzen die drei Ranger mit dem Schatten um sie herum und beobachteten das Geschehen nur wenige Schritte von ihnen entfernt.


    Die Frau und die Monstrosität blieben in der Pforte stehen. Die übrigen Gestalten schwärmten aus. Jede einzelne tragt an eine der auf den Felsnadeln drapierten Leichen heran und begann sie, mit ihren Klingen und Kanülen zu bearbeiteten, schnitten Organe heraus oder entnahmen Körperflüssigkeiten. Margil hatte recht gehabt: diese grausige Sammlung war ein Vorrat.


    Die Gehilfen setzten ihre anstoßende Arbeit fort. Obwohl sie kein Wort sagte, schien die Haemoncula ihren Geschöpfen Anweisungen zu erteilen, welchem Körper sie welche Teile zu entnehmen hatten. Eben hatte einer der Folterer, nur eine Armlänge von den Rangern entfernt, seine widerliche Tätigkeit beendet und verstaute eine unbestimmbare, triefende Gewebemasse in einem Beutel an seiner Schürze. Seine Meisterin richtete seinen Blick auf ihn. Augenblicklich wandte er sich ihr zu und kehrte mit wiegenden Schritten zu ihr zurück.


    Im selben Moment spürten Margil und Ydrir, wie auch Firondhir einen Schritt nach vorne tat. Geistesgegenwärtig stemmte Margil sich ihm entgegen. Diesmal drängte Firondhir nicht mit Gewalt gegen ihn an, er konnte ihn alleine zurückhalten. Doch irgendetwas hatte ihn dazu verleitet, dem Folterer folgen zu wollen, und Margil wagte nicht einmal in Gedanken, ihn anzusprechen, unsicher, ob die Drukhari-Frau dies bemerken würde. Ydrir fasste Firondhirs Hand, drückte sie um die Haarsträhne zusammen und hielt sie fest.


    Sie mussten die Aufmerksamkeit der Drukhari erregt haben, denn auf einmal zeigte ihr hageres Gesicht genau in ihre Richtung. Erst jetzt fiel Margil auf, dass ihre Augen zwei verschiedene Farben hatten, das rechte türkis, das linke violett. Ihr Blick war verstörend, er verursachte Übelkeit. Endlose Augenblicke starrte sie zu ihnen herüber. Margil kam es wie Stunden vor. Aber sie konnte sie unmöglich gesehen haben. Sie standen im völligen Dunkel. Ihre Mäntel nahmen die Farbe des Steins an. Sie waren unsichtbar. Oder war an diesen unnatürlichen Augen irgendetwas, das den Schatten durchdringen konnte? Und wenn sie ihre unförmige Kreatur zu ihnen schickte…


    Die Haemoncula wandte den Kopf, als würde sie etwas aus einer anderen Richtung hören. Doch es war immer noch still in dem Tunnel. Dann wies sie auf einen anderen Überrest. Ihr Gehilfen folgten ihrem unhörbaren Befehl, trottete hinüber und machte sich daran zu schaffen. Gleichzeitig ließ auch Firondhir von seinem Drängen ab.


    Es mochte eine Stunde oder mehr sein, die sie so verharrten, bis die Drukhari schließlich ihre Arbeit vollendet hatte. Die Folterer sammelten sich bei ihrer Herrin, und so gespenstisch wie sie gekommen waren, zogen sie wieder davon.


    Erst als auch der entfernteste Schein ihrer Lichter verschwunden war, traten die drei Aeldari aus ihrem Versteck. Firondhir holte tief Luft.


    „Was war los mit dir?“ zischte Margil, und setzte hinzu: „Und ich meine nicht deinen Zornesausbruch, den musst du mir nicht erklären.“


    Firondhir schüttelte betreten den Kopf. „Ich weiß es nicht“, antwortete er mit belegter Stimme. „Diese Frau. Irgendetwas war an ihr. Ich war nicht Herr meines Willens. Es war wie ein Ton, den man nicht hört.“


    „Oder ein Duft, den man nicht riecht“, ergänzte Ydrir.


    „Du auch?“ fragte Margil erstaunt. „Was hat dich zurückgehalten.“


    Verlegen schaute er zur Seite. „Das gleiche wie Firondhir.“


    Margil konnte mit der Antwort nicht viel anfangen. Firondhir dafür um so mehr. Der Gedanke an Ànathuriel hatte ihn davor bewahrt, dem unheilvollen Einfluss der Haemoncula nachzugeben. Und offenbar verhielt es sich bei Ydrir genauso. Die besondere, psionische Verbindung, die der Junge zu ihr hatte, würde ihm selbst immer vorenthalten bleiben. Der Gedanke versetzte ihm einen Stich, der ein finstern, nagenden Schmerz irgendwo im hintersten Winkel seiner Seele hinterließ.


    „Was auch immer“, seufzte Margil. „Wenn wir den Drukhari folgen wollen, müssen wir uns beeilen, sonst verlieren wir ihre Spur.“


    „Warum folgen?“ entfuhr es Ydrir entsetzt. „Hast du nicht gesehen, was sie mit den Toten gemacht haben?“


    „Eben deswegen“, stimmte Firondhir zu. „Wir müssen davon ausgehen, dass sie mit Ydril genauso verfahren sind. Wenn sein Seelenstein nicht irgendwo hier liegt, müssen sie ihn mitgenommen haben.“


    Der Gedanke war ebenso einleuchtend wie verstörend. Dennoch schien er Ydrir falsch. „Ihr irrt euch“, sagte er bestimmt. „Wir sollten weiter dem Wasser folgen.“


    „Was lässt dich so sicher sein?“ wollte Firondhir wissen. „Hast du etwas gesehen?“


    „Nein“, musste Ydrir einräumen, „diesmal nicht.“


    „Entscheidet euch!“ drängte Margil. „Ehe es zu spät ist.“


    Widerwillig gab Ydrir nach, mit gesenktem Kopf und hängenden Schultern zeigte er Resignation.


    „Gut, ich gehe vor“, entschied Margil und schob sich an ihnen vorbei.


    „Warum?“ fragte Firondhir verdutzt.


    „Wie auch immer diese Drukhari euch beide in ihren Bann geschlagen hat, ich kann euch versichern: was Frauen betrifft, bin ich immun.“