Ab wann ist der Hobbyist ein Künstler?



  • Würdet ihr euch als Künstler bezeichnen?

    Und damit beziehe ich mich nicht nur auf das Bemalen der Figuren. Auch das basteln einer Tischplatte, 3D-Druck oder ein Diorama. Brauche ich eine gewisse Portion Narzissmus, um mich als „einfacher“ Hobbyist so zu nennen?


    Ich sehe mich selbst nicht als Künstler. Ich bin bekennender Pinsellecker und Farbtöpfchenumstoßer. Aber Kunst schaffe ich nicht. Ich schmiere nur ein bisschen mit Farben auf Plastik.

    Ein zweiter Gedanke: Würde ich mich als Autoren bezeichnen? Nein. Ich mag es unheimlich gerne mir Geschichten auszudenken. Eine kleine Story zu einem Diorama. Ein umfassenderer Hintergrund zu einer Armee oder ein Tagebuchauszug eines einzelnen Kriegers.

    Vielleicht passt Geschichtenerzähler da noch am besten. Aber nicht Autor.


    Wie seht ihr das? Gibt es ein Profilevel? Muss ich bestimmte Techniken beherrschen um ein Künstler zu sein?

  • Ich weiß nicht, ob es da eine feste Definition gibt. Meine Kunstlehrerin im Kunstleistungskurs hat früher immer gesagt "Kunst ist nicht, WAS Du machst, sondern WARUM Du es machst". Sprich: Die Intention dahinter, und das Stück Kreativität, das Quentchen Deiner "Seele", die Du in ein Projekt steckst, macht es zur Kunst.

    Aufs Hobby bezogen würde ich sagen: Jemand, der einen Trupp Infanteristen oder ein Fahrzeug zusammenbaut und einfach bemalt, ist eher ein Kunsthandwerker als ein Künstler. Aber jemand, der aus einem Modell ein "Gemälde" macht, indem er z.B. endgeniale Freehands draufmalt, ein komplexes Licht- und Schattenwerk auf ein ganzes Miniaturenszenario malt oder ein Modell komplett umgestaltet zu etwas ganz eigenem (wie z.B. Rekroms Cybernecrons o.ä.), der ist definitiv ein Künstler.


    Viele der bekannten Miniaturenmaler wie Roman Lappat halte ich eindeutig und unzweifelhaft für Künstler. Diverse Werke einiger Forenuser hier halte ich auch für Kunst, nicht nur für Kunsthandwerk.

    Was den Autor betrifft: Das ist in meinen Augen weit weniger restriktiv. Wenn Du einen Text geschrieben hast, bist Du ein Autor. So einfach ist das. Und wenn es nur die Bedienungsanleitung für einen aufblasbaren Pool ist :-) Aber erst recht, wenn es sich um Sachtexte oder Geschichten handelt.

  • Ich weiß nicht, ob es da eine feste Definition gibt. Meine Kunstlehrerin im Kunstleistungskurs hat früher immer gesagt "Kunst ist nicht, WAS Du machst, sondern WARUM Du es machst". Sprich: Die Intention dahinter, und das Stück Kreativität, das Quentchen Deiner "Seele", die Du in ein Projekt steckst, macht es zur Kunst.

    Ich glaube, das ist die schönste und passenste Definition, die ich je gelesen habe. Eine kluge Frau!


    Kunsthandwerker ist ein sehr schöner Überbegriff. Oder eine Brücke, die Beides verbindet? Das mag ich. Das behalte ich im Hinterkopf. (Außerdem klingt das "fancy")

    Hier im Forum durfte ich schon ein paar wirklich tolle Werke bestaunen. Ist für mich als Anfänger immer auch Inspiration und Motivation. Da sind in meinen Augen auch echte Künstler dabei. Aber wie du sagst: Die Grenzen sind sicher verschwommen.


    Ha. Ja. Demnach bin ich doch Autor. Autor dieses Threads zum Beispiel. Ich hatte den Blick wohl zu sehr auf die lyrische Schönheit gerichtet ;)

    Außerdem sind Anleitungen für aufblasbare Pools (an Kindergeburtstagen) nicht zu unterschätzen!

  • Ein zweiter Gedanke: Würde ich mich als Autoren bezeichnen?

    Da ja konkret gefragt wurde, ob man sich selbst so sieht, auf diese Frage: Ja, definitv. :D Vom jetzigen Status aus muss ich wohl nicht viel mehr erklären, ich tu's ja. Noch dazu bin ich staatsexaminierter Litarturwissenschaftler, hab also auch ein Stück weit akademische Ausbildung für das, was ich tue. (Was nicht heißen soll, dass Autodidakten nicht genauso gute Autoren sein können). Der Punkt ist aber ein anderer: Als Kind hab ich sehr viel gezeichnet und alle sagten mir immer "Du kannst so toll malen(!), du bist eine Künstlerin". Was totaler Quatsch war. Ich hab gezeichnet, weil ich mit dem Schreiben noch nicht so weit war, meine Idee äadquat auszudrücken: Porträts meiner Charaktere, Szenen, Interaktionen. Begriffen hat das nur meine Mutter. Wobei ich schon in der Grundschule geschrieben hab, aber es nie für den Umfang reichte, den ich mir in die Zeichnungen reingedacht habe.


    Im 40K-Hobby hat sich das Verhältnis tendenziell umgedreht, wobei es auch über 10 Jahre brauchte, bis ich da nun zum richtigen Verhältnis gekommen bin, so dass ich erst jetzt mit Überzeugung von mir sagen kann, dass ich Schriftsteller bin.

    Aufs Hobby bezogen würde ich sagen: Jemand, der einen Trupp Infanteristen oder ein Fahrzeug zusammenbaut und einfach bemalt, ist eher ein Kunsthandwerker als ein Künstler. Aber jemand, der aus einem Modell ein "Gemälde" macht, indem er z.B. endgeniale Freehands draufmalt, ein komplexes Licht- und Schattenwerk auf ein ganzes Miniaturenszenario malt oder ein Modell komplett umgestaltet zu etwas ganz eigenem (wie z.B. Rekroms Cybernecrons o.ä.), der ist definitiv ein Künstler.

    Im Bezug auf deine Künstler-Definition, der voll zustimme, empfinde ich das aber als Widerspruch. Ich hoffe, das wirkt jetzt nicht zu selbstbeweihräuchernd, aber ich nehme lieber meine eigenen Arbeiten als Beispiel, weil ich da weiß, welche Ideen dahinter stehen, bei anderen Usern müsste ich mutmaßen. Der größte Teil meiner Armeen sind einfach nur bemalte Minituren und Fahrzeuge. Dass aber dennoch sehr viel Idee dahinter steckt, muss ich ja nicht weiter ausführen. Grade wenn sich ein Werk ausschließlich durch besondere technische Leistung auszeichnet, ist es eher Kunsthandwerk als Kunst. Natürlich kann beides miteinander einher gehen.

  • Mondschatten: Ach komm. Das ist geschummelt! Professionelle Ausbildung zählt nicht! :P

    Nein Quatsch. Ich finds gut, dass du da voll hinter stehst. Und auch definitiv eine ganz andere Sicht auf die Dinge hast. Jemand aus unserer Familie ist auch Autorin. Also Buchautorin. 2 Romane und ich weiß nicht wie viele Ausbildungsstunden und Kurse. Die achtet auf Sachen, da würde ich nie von alleine drauf kommen...


    Vielleicht müssen wir das noch weiter aufsplitten? Ohne dass das abwertend gemeint ist, ist vielleicht jemand der eine Ultramarines Armee spielt und bemalt, wie es GW sich gedacht hat (so weit man das überhaupt sagen kann) ein Kunsthandwerker. Vielleicht malt er sehr gut und hat ein Talent. Aber er malt nach einer festen Vorlage bzw. nach einem Beispiel. Grundsätzlich aber nichts Schlechtes!

    Und Künstler sind, wie Nachtschatten sagt, Leute die zum Beispiel diese atemberaubenden Freehands zaubern können.


    Und dann gibt es diese Zwischenstufe: Jemand der eine eigene Armee erschafft. Ob nun Ork-Klan, Kabale, Ordne, Weltenschiff oder was auch immer. Dazu ein eigenes Farbschema, eine eigene Geschichte, vielleicht sogar (Haus-)Regeln? Das finde ich zum Beispiel immer extrem spannend und kreativ! Und irgendwie ist das auch Kunst. Tabletopkünstler vielleicht?

  • Im Bezug auf deine Künstler-Definition, der voll zustimme, empfinde ich das aber als Widerspruch. Ich hoffe, das wirkt jetzt nicht zu selbstbeweihräuchernd, aber ich nehme lieber meine eigenen Arbeiten als Beispiel, weil ich da weiß, welche Ideen dahinter stehen, bei anderen Usern müsste ich mutmaßen. Der größte Teil meiner Armeen sind einfach nur bemalte Minituren und Fahrzeuge. Dass aber dennoch sehr viel Idee dahinter steckt, muss ich ja nicht weiter ausführen. Grade wenn sich ein Werk ausschließlich durch besondere technische Leistung auszeichnet, ist es eher Kunsthandwerk als Kunst. Natürlich kann beides miteinander einher gehen.

    Da sehe ich noch nicht unbedingt einen Widerspruch. Natürlich steckt auch ein Stück Deiner "Seele" in der Entwicklung eines Hintergrundes für die Armee, eines besonderen Farbschemas oder anderen Dingen, die Du planst/entwickelst, bevor Du dann die Minis bemalst. Letztendlich ändert das aber nichts daran, wie Du sie bemalst. Sehr ordentlich, schön anzusehen, aber aus der Art und Weise, wie Du Hintergrund benutzt, um eine bestimmte Farbentscheidung zu unterfüttern, entsteht für mich noch nicht die Kunst.

    Würde z.B. jedes einzelne Modell Deiner Armee einen bestimmten Sondereffekt aufweisen, mit dem Du, wenn die Minis auf eine bestimmte Weise zueinander aufgestellt werden, eine zusätzliche "Erzählebene" erzeugst, weil dann z.B. deutlich wird, dass in der Mitte des Trupps etwas explodiert ist, und du die Spuren über die ganzen Minis verteilt siehst, oder den Lichteinfall einer bestimmten Lichtquelle ausmachen kannst, der alle Minis der Armee auf eine bestimmte Weise anstrahlt, dann wäre das für mich schon wieder Kunst.

    Roman Lappat, den ich ja schon erwähnt habe, bemalt Modelle ja nicht mehr einfach nur in einem hohen technischen Niveau, sondern er erzählt mit Licht und Dunkel oder auch dem Aufbau der Base bereits eine Geschichte. Das ist für mich dann auch Kunst. Ein Diorama ist Kunst, weil es der eigentlichen Bemalung eine weitere Erzählebene hinzufügt ... usw.

  • Aber erzeugen bestimmte Malweisen nicht bereits zusätzliche Erzählebenen, eben wenn es z.B. eine Farbgebung oder einzusätzliches Accessoire einen bestimmten Grund und Hintergrund haben, bzw. - darum gehts ja eigentlich - visualisieren? Das sie nicht immer sofort offensichtlich und selbstredend zu deuten sind, ist klar. Das genau das macht Kunst, vor allem in der Neuzeit, aber nicht nur dort, u.a. auch aus. So spezifisch, wie du Kunst difinierst, schließt sie, auf die Kunstgeschichte als gamzes angewandt, den größten Teil neuzeitlicher Werke aus. Was du beschreibts, würde ich es als Inszenierung bezeichnen, was natürlich Kunst ist, aber sie nicht ausschließlich definiert.

  • Das mag durchaus sein. Ich nehme ja nicht für mich in Anspruch, eine allgemeingültige Definition zu besitzen bzw. Kunst von Kunsthandwerk oder einfach nur Handwerk unterscheiden zu können. Ich kann da immer nur von meiner eigenen Sichtweise sprechen. Wenn ich nicht weiß, warum Du bei einem Ultramarine, den Du bemalt hast, eine Schulterplatte rosa gemalt hast, dann fällt mir der Umstand vielleicht sogar auf, aber ich betrachte ihn nicht als Kunst, weil ich nicht nur nicht weiß, warum Du das gemacht hast, sondern vermutlich auch gar keine Chance habe, es mir selbst zu erschließen.


    Dass das "Warum" den Unterschied macht, hat mir immer eingeleuchtet, aber es heißt für mich nicht, dass alles Kunst ist, bei dem es ein "Warum" gibt, sondern dass in dem "Warum", das es ja fast immer gibt, der Unterschied zu suchen ist. "Warum hast Du den Ultramarine bemalt?" "Weil ich damit spielen will" ist auch ein "Warum", aber keines, was einen künstlerischen Funken enthält.


    Ein spannendes Thema, bei dem ich mir noch einige erhellende Beiträge erhoffe ...

  • Ich sehe, grundsätzlich haben wir den gleichen Ausgangspunkt. ^^ Tatsächlich geht das "warum" alleine nicht tief genug, weil, wie du sagts, es da ja auch äußerst profane Antworten gibt. Ich glaube, auch das "warum so" reicht nicht, denn da kann die Antwort auch lauten "weil das die Farbmarkierung vom Komapanie XY ist" - unabhängig davon, ob man sich das selbst ausgedacht hat oder eine Vorlage folgt. Es tendiert, denke ich, eher in die Richtung "warum so, und nicht so wie man es erwarteterweise macht".


    Dabei muss Kunst nicht unbedingt auf den ersten Blick selbsterklärend sein. Ich erinnere mich an einen Kollegiumsausflug während des Referendariats, ein Führung im Museum Küppersmühle - man glaubt kaum, was für hochkarätige Kunst man in Duisburg findet, in mancher Hinsicht verkauft sich diese Stadt einfach unter Wert. Da wurde uns ein enorm großformatiges Gemälde vorgestellt. Es zeigte einen südamerikanische Pyramide in einem eher impressionistischen Stil. Längs dardurch ging eine goldene Linie wie ein Riss und untem am Rand stand die Zahl 1494. Warum?



    Ein Historiker mit dem entspechend Schwerpunkt kommt da vielleicht von alleine drauf, oder hat zumindes einen besseren Startansatz dahinter zu kommen, was das Bild erzählen will. Für die meisten ist es erklärungsbedürftig, wenn man die Erklärung kennt, aber absolut schlüssig.

    Was dabei auch noch zum tragen kommt, ist, dass das Werk über das, was es mehr oder weniger konkret zeigt, hinaus weist. Wie weit, liegt dann wohl auch im Auge des Betrachters.

  • Ui, über den Kunstbegriff kann man super streiten. Vielleicht bin ich ein Banause, aber für mich kommt Kunst immer noch von Können - also neben dem Hintergrundaspekt gehört für mich immer auch Talent und Kunstfertigkeit dazu. Also nur ein Quadrat schwarz anzumalen und dann mit einer fadenscheinigen Begründung an die Wand zu hängen ist für mich keine Kunst sondern nur faul. Was jeder kann, kann keine Kunst sein. Meine (beschränkte) Meinung.

  • Ui, über den Kunstbegriff kann man super streiten. Vielleicht bin ich ein Banause, aber für mich kommt Kunst immer noch von Können

    Interessant!


    Kennst du Mark Rothko? Das war ein amerikanischer Maler.


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    Das hier heißt “Untitled (Yellow and Blue)” - wurde für 46.5 Millionen Dollar verkauft.



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    Dieses Meisterwerk heißt "Nummer 10" und wurde 82.9 Millionen Dollar verkauft.


    Ich habe Space Marines mit besseren Farbverläufen auf den Rüstungen gesehen, als das hier. Allerdings habe ich auch keine Ahnung vom Abstrakten Expressionismus. Vielleicht soll das so sein. Aber Hand aufs Herz: Das hat wenig mit Können zu tun! (Vielleicht mal abgesehen davon, dass er sie verkaufen konnte - haha Wortwitz)

  • Tja, das ist auch so ein altes Thema ... Ich denke, wenn Du es schaffst, durch Dein Werk Leute zu begeistern, anzuregen, herauszufordern, zum Nachdenken zu bringen oder Ähnliches, dann ist es nachrangig, wie gut Deine handwerklichen Skills sind. Letztendlich ist das wohl immer so eine Art "Vertrag" zwischen dem Künstler und dem Empfänger: Je mehr es beim Empfänger etwas berührt, umso wertvoller ist es. Es sei denn natürlich, irgendjemand wird völlig überhypt und stinkreiche Kasper kaufen den Mist einfach wegen des Names, nicht wegen der Wirkung :-)


    Wer diese Frage - was Kunst ist und was nicht - in großem Ernst diskutiert sehen will, sollte sich mal die Ereignisse rund um Joseph Beuys' "Fettecke" bzw. um seine Badewanne anschauen :D

  • Können ist aber auch eine Definitionssache, bzw. des Maßstabs, den man an die Fertigkeit anlegt. Wenn ein Gemälde Gegestand X oder Person Y nicht fotoralistisch darstellt, tut es das dann, weil der Maler es nicht besser kann, oder weil es überhaupt nicht Zweck ist, eine realistische Darstellung abzugeben?

    Und dann ist da noch die Sache mit dem Ei des Kolumbus. Jeder hätt's gekonnt. Aber warum hat's dann nicht einfach jeder gemacht?

  • Dieses Meisterwerk heißt "Nummer 10" und wurde 82.9 Millionen Dollar verkauft.


    Ich habe Space Marines mit besseren Farbverläufen auf den Rüstungen gesehen, als das hier. Allerdings habe ich auch keine Ahnung vom Abstrakten Expressionismus. Vielleicht soll das so sein. Aber Hand aufs Herz: Das hat wenig mit Können zu tun

    Was für eine Art Können erwartest du dahinter? Ich denke nicht, dass es das Ziel des Künstlers war, einen perfekten Farbverlauf zu kreieren. Und man kann ihm wohl kaum vorwerfen, etwas nicht gemacht zu haben, was er wahrscheinlich garnicht machen wollte. Das ist der Fehler bei der Betrachtung von Kunst, nicht das zu betrachten, was man sieht, sondern glaubt, besser zu wissen, wie es eigentlich sein müsste.


    Das ist Bild ist ungemein spannend. Es wirkt organisch durch die Farbgebung und die weichen Kanten. Das dunkel wirkt einfassend, so dass die größere Fläche wie ein Hohlraum wirkt. Auch durch die unterschiedliche Pinselführung - in der Mitte horizonthal, zum Rand hin vertikal - und das nach außen hin drunkler werden. Die Trennlinie liegt ziemlich genau beim unteren Drittel - ein Goldener Schnitt. Sie wirkt dünn, wie eine Membran, durch die schwache Farbe. Der unteren Fläche fehlt die Raumwirkung, denn sie hat nicht den ausgeprägten Hell-Dunkel-Verlauf und die Pinselführung ist nur vertikal. Dadurch ensteht eine eher flächige, vielleicht sogar nach außen gewölbte Wirkung. Die dunklere, weniger gesättigte Frabe wirkt undynamischer, kränklicher als die vitale, satte, leuchtende im oberen Feld.


    Fragt mich nicht, was das alles zu bedeuten hat. Die Frage "Was wollte der Künsterl damit sagen?" ist ohnehin Nonsens, es geht darum, was ein Bild dem Betrachter sagt. (Ist bei Literatur übrigens genauso.) Manchmal sind die Inhalte konkret genug, dass der Betrachter auf die gleiche Idee kommt. Das ist dann gezielt so gesetzt worden (s. mein Beispiel oben.) Zuerst geht es aber um die Wirkung, nicht um die Bedeutung. Um die hervorzurufen, ist keine Farbentscheidung und kein Pinselstrich zufällig (außer Zufälligkeit wäre die beabsichtigte Wirkung), sondern gezielt gesetzt. Und darin liegt das Können.

  • Mondschatten: Ah. Das war missverständlich. Der Farbverlauf auf dem Marine sollte nur ein Beispiel sein. Ich hätte auch eine andere Technik erwähnen können. Kam mir bloß als Erste in den Sinn.


    Ich denke, mein direktes "Problem" ist, dass ich eine andere Erwartung habe. So wie du es beschreibst. Ich mag die warmen und erdingen Brauntöne.

    Wenn ich jetzt spontan meiner Fantasie freien Lauf lasse, sehe ich einen alten Bauern der aus seinem späten Mittagsschlaf erwacht ist. Er sitzt auf seinem Schaukelstuhl und blickt hinaus auf seine geernteten Felder. Ich bilde mir ein, mittig einen hellen fast gelben Fleck zu sehen. Das könnte eine untergehende Sonne sein. Statt organisch hätte ich harmonisch gesagt. Und beruhigend.

    Ein weiteres Problem ist, dass ich gerade bei solchen Bildern immer den Eindruck habe, dass es nicht mit Absicht so gestaltet wurde. Ganz im Sinne von Bob Ross und den happy accidents.

    Hier könnte man jetzt die Frage stellen ob ich zu wenig oder zu viel hineininterpretierst. (Ich bin der Meinung, es ist Version Eins. Ich kenn mich zu wenig mit Kunst aus.)


    Quintessenz ist, dass das Bild in meinen Augen ganz okay ist, ich aber das Gefühl habe, dass das auch mein 9jähriges Patenkind hätte malen können. (Nicht mehr lang, und ich drücke ihr nen Pinsel, Farbe und den ersten Marine in die Hand! :evil: )





    Bevor mir jetzt aber jemand noch Kunsthass oder so unterstellt, hab ich noch ein Bild, mit dem ich sehr sehr viel mehr anfangen kann. Eines meiner Lieblingsbilder. Nicht zuletzt auch deshalb, weil es viele Popkultur-Adaptionen davon gibt!


    nightwalks-1040x568-1.jpg


    Edward Hoppers Nighthawks

  • Bevor mir jetzt aber jemand noch Kunsthass oder so unterstellt

    Das war auf keinen Fall meine Absicht. Ich gebe zu, manchmal formuliere ich etwas spitz.


    Immerhin hast du sogar eine Deutung, die durchaus schlüssig ist. Ich hab nur die Beobachtungen. :D



    Ein weiteres Problem ist, dass ich gerade bei solchen Bildern immer den Eindruck habe, dass es nicht mit Absicht so gestaltet wurde. Ganz im Sinne von Bob Ross und den happy accidents.

    Das eine schließt das andere ja nicht aus. Dass die Gestaltung beabsichtigt ist, heißt nicht zwangsläufig, dass jedes einzelne Detail und dessen Ausführung schon vorabgeplant war. Oft ist das ein hermeneutischer Prozess, bei dem während des Arbeitens eher zufällig etwas entsteht, was dann aber bewusst entschieden behalten und eingearbeitet wird.

    Ist mir grade eben erst wieder passiert mit den neubemalten Autarchen. Ich hab dem zweiten die Schärpe rot gemalt des Farbkontrasts wegen (wobei das bei mir schon immer Gefühlentscheidungen waren) und garnicht darauf geachtet, dass Asturriàn das auch schon hat. Ich hab mich dann dafür entschieden, es so zu lassen und beim dritten Autarchen auch so gemacht. Jetzt ist die rote Schärpe statt des Mantels das Amtszeichen der Autarchen meines Weltenschiffs und damit ändert sich auch meine Vorstellung von Asturriàns Einsetzungsszene. Da kriegt er nun die Schärpe umgebunden, statt einen Manrel übergehängt (den er eh schon hatte). War nicht von anfang an geplant, ist aber beabsichtigz, sonst hätte ich es anders gemacht.

  • Beitrag von Vatr ()

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  • Was ich bei dem Thema so spannend finde, ist, dass der Begriff Kunst sprachlich sehr unterschiedlich verwendet wird. Das lässt sich auch aus den Beiträgen herauslesen, da meiner Meinung nach sehr unterschiedliche Aspekte vermischt werden, die vielleicht mehr differenziert werden sollten. Einmal ist "Künstler" eine Berufsbezeichnung, ein anderes Mal möchte man mit dem Begriff besondere Anerkennung für Fähigkeiten zum Ausdruck bringen - eine Tätigkeit wird so gut ausgeführt, dass sie zur Kunst erhoben wurde.


    Mich persönlich interessieren diese Aspekte nicht sonderlich. Wer mit Kunst sein Geld verdient, hat sie als Profession gewählt und ist damit sowohl Profi als auch Künstler im Sinne des Berufes. Besondere Anerkennung zu zeigen, ist völlig ok und durchaus schmeichelhaft, doch der Umkehrschluss, dass Kunst besonders hohe Fähigkeiten voraussetzen würde, gefällt mir nicht. Dadurch findet sowohl ein Vergleich als auch eine Bewertung statt, die ich persönlich für Kunst vollkommen unpassend finde. Es gibt noch viel mehr, doch diese beiden Beispiele machen hoffentlich deutlich, warum ich den Begriff für mich mehr eingrenzen würde.


    Was mich interessiert, ist das Konzept Kunst. Kunst ist, was dich bewegt. Ja, dich ganz persönlich und niemand sonst. Kunst findet nicht in der Welt vor unseren Augen statt, sondern ausschließlich in der Welt hinter den Augen, dem indivduellen Kosmos des einzelnen Menschen. Kunst muss nicht schön sein, die Schönheit ist nur eine leicht verdaubare Form. Doch gerade die schwer verdaulichen Formen, die uns verstören, herausfordern und vielleicht ärgern, können besonders bewegend sein. Vielleicht ist sowas Kunst, vielleicht auch nur ein Stein des Anstoßes - den Unterschied bestimmst du.


    War jetzt eine andere recht umständliche Darstellung von "Kunst liegt im Auge des Betrachters". In diesem Kontext finde ich den Begriff Künstler vollkommen überflüssig, weil man damit mehr über sich selbst als über den vermeintlichen Künstler sagt. Es ist abermals eher ein Ausdruck von Anerkennung als irgendwas sonst.


    Kunst mehr über das Warum als das Was zu bestimmen, finde ich nicht ganz passend, aber in einer anderen Hinsicht sehr interessant. Warum ist die Frage nach der Motivation, doch dabei kann Leidenschaft ein völlig ausreichende Antwort sein. Es gibt Leute, die Kunst schaffen, weil sie gar nicht anders können. Sehr viele großartige Werke wurden aus keinem weiteren Grund als purer Leidenschaft geschaffen, doch so eine mehr oder minder zwanghafte Art von Künstlern ist nicht unbedingt beneidenswert ist.


    Zuletzt finde ich es sehr schwer, Kunst und Handwerk voneinander zu trennen. Kunst braucht ein Medium, und die Bearbeitung von bzw. Umsetzung in einem Medium würde ich immer als Handwerk bezeichnen. Vielleicht denke ich gerade nicht weit genug, aber mir mag keine künstlerische Fähigkeit einfallen, die nicht gleichzeitig eine handwerkliche ist, und die Trennung voneinander scheint mir abermals auf Vergleich und Wertung hinauszulaufen. Ich denke schon, dass es eine rein künstlerische Fertigkeit gibt, aber die existiert nur auf konzeptioneller Ebene und kann erst durch handwerkliche Fähigkeiten in Form gebracht werden, zudem kann ich sie nur beschreiben, aber nicht benennen. Ich meine die Fähigkeit etwas aus dem eigenen persönlichen Kosmos, der nur im eigenen Kopf existiert, in den persönlichen Kosmos einer anderen Person zu übertragen. Dafür muss man einen Umweg über die tatsächliche Welt gehen, die Idee so in Form bringen (da ist das Handwerk), dass sie durch die Wahrnehmung eines anderen Menschen in seinen Kosmos hineinfließen kann. Dabei kann viel durch die typischen Sender/Empfänger Problematiken verloren gehen und ggf. bedarf es einer weiteren Erklärung, doch das geht weit über die rein kognitive Ebene hinaus. Es sind diese besonderen Ideen und Gedanken, die unsere eigenen Welten vielleicht bis in die Grundfesten erschüttern und damit nachhaltig beeinflussen können. Hoffentlich ist das nicht allzu kryptisch und abgehoben - vielleicht ist das genau die Art von Idee, die sich auf rein gedanklicher Ebene nur schwer vermitteln lässt :zwinker:


    Wie dem auch sei, Modellbau ist auf jeden Fall ein Medium, das durchaus ein Träger von Kunst sein kann. Vermutlich ist es auch nicht zielführend Kunst als binär zu sehen und angemessener in künstlerischen Qualitäten zu denken. Was für mich persönlich eine künstlerische Modellbau-Qualität ist, die mich besonders beeindrucken kann, ist Immersion. Nicht unbedingt im Sinne einer Geschichte oder eines Settings, sondern allein schon die Betrachter vergessen zu lassen, dass es sich um eine Miniatur handelt. Allerdings ist das auch nur ein Beispiel und keine Voraussetzung. Der Oldschool-Look hat sich da z.B. wenig drum geschert, die Modelle waren knallbunt und gerade Basing war nicht um Realismus bemüht (grün angemalter Sand eben ^^ ). In den Büchern der 2. und 3. Edition sehen die Modelle schon sehr nach Spielfiguren aus, aber dennoch ist es ein Stil, den ich persönlich sehr schätze und der ganz eigene Qualitäten hat :love:


    Die Kunstszene (und das Geld, das dort über den Tisch geht), ist nochmal ein Thema für sich, zu dem ich an dieser Stelle lieber nichts weiter sage :whistling:

  • Kunsthandwerk ist ein - so habe ich immer angenommen - durchaus etablierter Begriff für etwas, dass sich im künstlerischen Bereich bewegt, ohne das individuelle, einzelne Kunstobjekt im Fokus zu haben. Also so etwas wie Seidenmalerei, gedrechselte Kerzenständer, Glasmalerei, Batiken etc., wo gewissermaßen die Technik den Schwerpunkt setzt, nicht die künstlerische Aussage. Also im Prinzip so Gedöns, wie es zu Hauf auf Weihnachtsmärkten verkauft wird (oder halt auf Kunsthandwerkermärkten).


    Vieles, was wir hier tun, fällt für mich eher in den Bereich. Das repetitive Wiederholen eines Farbschemas auf einem ganzen Trupp Infanteristen z.B. ist für mich eher etwas Kunsthandwerkliches, als etwas Künstlerisches. Dazu bedarf es für mich einer zusätzlichen Ebene, die entweder ganz besonderes hohe Skills mitbringt (die schon angesprochenen Freehands o.ä.) oder einer tieferen Aussage, die mit dem Werk transportiert wird.