Anton Kalen - Dem Abgrund entgegen - Kapitel XII [Roman]

  • -Anton Kalen-

    Dem Abgrund entgegen




    Prolog

    Kapitel I

    Kapitel II

    Kapitel III

    Kapitel IV

    Kapitel V

    Kapitel VI

    Kapitel VII

    Kapitel VIII

    Kapitel IX

    Kapitel X

    Kapitel XI

    Kapitel XII


    Kommentare sehr gerne hier!


    Da Schriftdeutsch nicht meine Muttersprache ist, ist Korrekturlesen für mich recht Aufwendig. Da es sich hier um ein nicht-kommerzielles Projekt handelt, habe ich demnach darauf verzichtet. Ich entschuldige mich schon jetzt für allfällige Fehler. Falls mir zufällig mal was auffällt, werde ich das natürlich nach und nach korrigieren. Allenfalls durch euch gemeldete Fehler werden ASAP korrigiert.


    Dieser Kurzroman entsteht in direkter Zusammenarbeit mit Mondschatten - ich freue mich riesig darauf und bedanke mich schon einmal unendlich für Deinen Support!


    Diese Fanfic wird in unregelmässigen Abständen neue Kapitel erhalten. Ein Release-Datum für Kapitel XY gibt es nicht nicht (und wird es nicht geben - it's done when it's done).

    Gerne nehme ich auch kritische Kommentare entgegen oder lasse mich auf Diskussionen über das Setting, die Charaktere, ihre Denkweise etc. ein; beziehungsweise würde mich das sogar freuen und motivieren, dranzubleiben :)


    Ich schreibe die Story in Word und verwende Taschenbuchformat; sprich mit einem Einzug bei jeder neuen Zeile. Da das hier im Forum nicht Umsetzbar scheint, habe ich alle Einzüge durch Zeilenabstände ersetzt. Ich hoffe, es ist so leserlich genug!

  • Prolog


    Das Landeschiff durchstiess wie ein schwarzer Pfeil die Atmosphäre des Planeten. Eine dicke, schwarz-grau marmorierte Wolkenschicht hüllte die einsame Welt ein, die auf keiner Sternenkarte verzeichnet war.


    Der Orden hatte keine Mühen gescheut, sich verdeckt zu halten. Dharrconv, wie die in Dunkelheit gehüllte Kugel genannt wurde, war der einzige Planet seines Systems. Nicht mehr als ein paar Dutzend Tausend Menschen lebten auf der kargen, von Stürmen verheerten Welt. Kaum ein Sonnenstrahl durchdrang den andauern bewölkten Himmel, wodurch es nur eine spärliche Flora gab, welche die Planetenoberfläche noch trostloser wirken liess.
    Dennoch lag dort das Ziel des Inquisitors. Hier, auf Dharrconv, hatte der Orden seinen Tempel errichtet. Hier war das Heiligtum des Ordens. Hier hat sein Meister ihn hin befohlen.


    Das schwarze Schiff setzte ruhig auf der verlassenen Landeplattform auf. Unaufhörlich prasselte der Regen gegen die starke, gepanzerte Aussenhülle des Raumgleiters. Einige Minuten nach der Landung, öffnete sich die Transportluke mit einem lauten Zischen, als der Druck durch die unzähligen Ventile entwich und die Verriegelung löste. Der Inquisitor war alleine. Langsam, aber mit entschlossenem Schritt verliess er das Schiff, und ging auf die mächtige Kathedrale zu, die sich nicht unweit der Landezone befand. Ihre verzierten, gotischen Türme ragten steil in den wolkenbedeckten Himmel. Die metallenen Stützpfeiler wirkten wie gigantische Rippen einer monströsen Kreatur. Hunderte Jahre dem erbarmungslosen Dauerregen ausgesetzt, war das ganze Gebäude mit einer dunkelrosten Rostschicht überzogen.


    Als er vor dem gigantischen, mindestens zwanzig Meter hohen Tor stand, öffnete es sich scheinbar wie von Geisterhand.


    Wie ein Donner hallten seine schweren Schritte in der riesigen gotischen Säulenhalle, die hinter dem mächtigen Tor warteten. Ansonsten herrschte absolute Stille.


    Der Inquisitor schritt alleine durch die Kathedrale. Kleine Kohlenpfannen, die in engen Nischen an den Seitenwänden standen, gaben nur unzureichend Licht, so dass ein Grossteil der Halle in völliger Dunkelheit lag. Massige Betonskulpturen, die in dem schwachen Licht zu tanzen schienen, zierten die mehrere Dutzende Meter in die Finsternis steigenden Pfeiler, welche sich dann in einem finsteren Dunst aus Russ und Smog verloren.


    Mahnend, wie aus einer anderen Welt gesandt, um über die Besucher des düsteren Gebäudes zu richten, starrten die steinernen Figuren Claudius entgegen. Doch er mochte sie. Er mochte diesen Ort. Hier fühlte er sich dem Imperator am nächsten.


    Sein Schritt war entschlossen und zielgerichtet. Endlich näherte er sich dem Ende der Halle. In völlige Finsternis gehüllt befand sich dort sein Ziel – eine mächtige metallische Konstruktion, die an einen riesigen Thron erinnerte. Es war der Sitz des Grossmeisters, ebenso aber auch der Grossmeister selbst. Seit Jahrtausenden wurde er dort am Leben erhalten, bewegungsunfähig, aber bei Bewusstsein. Seine Weisheit führte den Orden schon weit länger, als Claudius es sich je hätte ausmalen können. Es war alleine dem Imperator zu verdanken, dass die besten seiner Kinder bis in alle Ewigkeit ihm dienlich sein konnten.


    Mitten aus dem energischen Schritt, hielt Claudius abrupt inne und kniete ruckartig vor dem Meister nieder. Er wagte es nicht, seinen Blick zu heben, als das Surren der Elektronik und das Schaben der rostigen, antiken Zahnräder erklang, welche davon kündeten, dass sich der Grossmeister ihm zuwandte.


    »Claudius August Freiherr von Erderlitz, Hoher von Tannen, Erster des Hauses Dreystein«, krächzte die mechanische Flüsterstimme seines Vorgesetzten. »Du bist alsbald zu mir gekommen. Gut gemacht, Sohn.«


    Claudius nickte demütig.


    »Ihr seid die Stimme des Imperiums. Mein Leben gehört euch.«


    »Und das Imperium braucht dich«, flüsterte der Alte mit grässlich rauer Stimme. »Inquisitor Anton Kalen. Ordo Xenos. Verräter. Ich habe Kunde erhalten, dass er Xenos-Technologie verwendet. Er ist als Abtrünnig zu betrachten. Kann ich auf dich zählen?«


    Claudius hätte sich geehrt fühlen müssen, für eine solch wichtige Aufgabe ausgewählt worden zu sein. Doch Empfand er nichts. Er erfüllte seine Pflicht. Um jeden Preis. Deshalb oblag es ihm, Abweichler zur Strecke zu bringen. Nur er war in der Lage, das Gesetzt des Imperators durchzusetzen. Ohne Gnade. Ohne Reue. Ohne Furcht.


    Der Inquisitor verbeugte sich noch tiefer vor dem Grossmeister, ehe er antwortete.


    »Ich werde Gerechtigkeit walten lassen. Wir sind der kalte Stahl, das Schwert des Imperiums. Wir sind die Klinge, die die Xenos richtet. Wir sind die gnadenlose Hüter der menschlichen Reinheit.«


    »Sei mein Schwert«, widerholte der Grossmeister röchelnd, während gleichzeitig mit einem Zischen einem der unzähligen Ventile ein gelblicher Dampf entwich. »Richte die Xenos. Behüte die Menschheit. Ja mein Sohn. Vernichte ihn. Die Gnade des Imperators ist auf deiner Linken, sein Zorn auf deiner Rechten. Nichts kann dich aufhalten.«


    Claudius wiederholte die Worte des Grossmeisters innerlich, als seine Servorüstung seinen Körper mit einer weiteren Dosis Chemikalien flutete, die seinen Eifer und seine unnachgiebige Entschlossenheit weiter verstärkte.


    Den Kopf noch immer ehrfürchtig gesenkt, erhob sich Claudius ruckartig, wandte sich um und verliess die Kathedrale einer Maschine gleich.

  • I


    »Ich denke, wir haben genug gesehen.«


    Der angesprochene, gross gewachsen und in einen weiten schwarzen Mantel gehüllt, die Kapuze tief in das hinter einem dunklen Schal verborgene Gesicht gezogen, nickte zustimmend. Sein Gefährte, in gleicher Weise gekleidet, schob den Lauf und das Schulterstück seines Scharfschützengewehres zusammen, entfernte das Zielfernrohr und schlug den elfenbeinfarbenen Schaft in ein Futteral aus dem gleichen, tief schwarzblauen Stoff wie sein Mantel ein. Dann band er sich das Bündel über dem Rücken fest.


    Die beiden Kundschafter spähten noch einmal über den Rand des Vordaches in den düsteren, verkommenen Hinterhof. Eben hatte ihre Zielperson, ein kleiner, hagerer Mann, sich von seinem Gesprächspartner getrennt und war dabei, den Ort in Richtung eines vergitterten Torbogens auf der gegenüberliegenden Seite zu verlassen. Der andere, groß gewachsen und besser gekleidet, als sein abgetragener, brauner Mantel es einen flüchtigen Beobachter weißmachen wollte, stand noch immer da und betrachtete zufrieden den in graue Lumpen eingewickelten Gegenstand, den er soeben erhalten hatte. Dann sah er sich noch einmal versichernd um und verschwand in die andere Richtung.


    »Wir hätten sie gleich ausschalten können«, sprach der zweite Beobachter. »Zwei Diener der Dunklen Götter weniger.«


    »Miermen[1] ist auf mehr aus. Diese zwei sind nur Gehilfen«, entgegnete der Scharfschütze. »Wir können ihm berichten, dass er mit seinem Verdacht richtig lag. Nun kann er entscheiden, wie er weiter vorgehen wird.«


    »Dann lass uns verschwinden.«


    Die beiden Späher huschten zurück zu der Stelle weiter hinten, an der das Flachdach an die mit Geländern und Fenstergittern versehene Fassade eines grösseren Gebäudes angrenzte. Den Spalt der schmalen Gasse, die drei Etagen tiefer in der Finsternis zwischen den beiden Wänden lag, überwanden die Gefährten mit scheinbar übermenschlicher Leichtigkeit, klammerten sich an den eisernen Stangen fest und kletterten behände die Fassade hinab. Unten angekommen tauchten sie in den Schatten zwischen den Häusern ein. Ihre schwarzen Mäntel machten die beiden beinahe Unsichtbar.


    Sie waren vielleicht zehn Minuten unterwegs und der Scharfschütze war eben um eine Häuserecke gebogen, sein Begleiter noch einige Schritte hinter ihm, als sich ihm ein grosser, breitschultriger Kerl in den Weg stellte. Überrascht hielt er inne.


    »Stehnbleiben, Xenos-Abschaum!« bellte der Mann.


    Der Späher sah sich verstohlen nach seinem Gefährten um, während seine Hand langsam nach seiner Pistole tastete.


    »Denk nichmal dran«, herrschte sein Gegenüber ihn an. Er war etwas kleiner als er selbst, aber, wie es sich so oft mit Chem-Pan-Sey verhielt, plumper, kräftiger gebaut und vermutlich auch von grösserer Körperkraft. Der Mann hatte kurz geschorene, graue Haare, trug abgewetzte Militärhosen, ein schmutziges Hemd und eine abgerissene Weste. Und er stank.


    An seiner Seite baumelte in einem Holster eine jener klobigen Pistolen, die seine Artgenossen zu nutzen pflegten. Er hatte seine einer Pranke gleichende rechte Hand daraufgelegt und glotze den Aeldari aus kleinen Augen an, deren Ausdruck dem eines Wildschweins glich: unberechenbar und von minderer Intelligenz.


    Der Weltenwanderer hörte schlurfende Schritte in seinem Rücken. Ohne sich umdrehen zu müssen, wusste er, dass zwei weitere Menschen hinter ihn getreten waren. Den Schritten nach musste der eine von ähnlicher Statur sein wie der, der ihm gegenüberstand. Der andere mochte ein wenig schlanker und leichter gebaut sein. Von Körperhygienen hielten beide ebenso wenig.


    Sekunden angespannter Stille verstrichen, in denen keiner der Gegner sich rührte. Der Weltenwanderer versuchte, seine Möglichkeiten abzuschätzen. Er war ein leidlicher Nahkämpfer, die Chem-Pan-Sey waren ihm körperlich und in der Zahl überlegen. Die Wände links und rechts waren blank und fensterlos, nichts, woran er hätte emporklimmen können.


    »Mach keine Schwierigkeiten, dann wirds leichter für dich«, sagte der Anführer mit einem Grinsen und tat einen Schritt auf den Späher zu. Der zog die leere Hand aus dem Mantel hervor und blieb reglos stehen.


    »Na also, braver Xenos«, feixte der Mann, trat vor den Weltenwanderer und griff nach seinem Mantel, um ihm die Waffe abzunehmen. Doch als seine Hand vorfuhr war der Eldar schon nicht mehr an dieser Stelle. Mit der übermenschlichen Gewandtheit einer Art war er an dem Menschen vorbeigeglitten und hatte sein Kampfmesser gezogen. Die Klinge traf gegen die Seite des Mannes, glitt jedoch an der Panzerweste ab, die er unter seinem schmutzigen Hemd trug.


    Der Söldner war nicht so naiv zu erwarten, dass sein Ziel sich ohne Gegenwehr ergeben würde. Diese Xenos waren bekannt für ihre Hinterhältigkeit. Doch bei all seiner Beweglichkeit konnte der Eldar nicht drei Angreifern gleichzeitig ausweichen. Während er sich nach der missglückten Attacke gegen ihn wieder in Position zu bringen versucht, war der agilere seiner Männer an ihn herangesprung und versetzte dem Alien einen Tritt in den Rücken.


    Der Weltenwanderer taumelte nach vorne, direkt auf den Anführer zu. Noch ehe er sich wieder fangen konnte, versetze der Mann ihm einen Faustschlag gegen die Brust, der ihn nach Atem ringend in die Knie gehen liess, packte seinen Arm und drehte ihn zur Seite, bis sein Gegner mit einem schmerzhaften Stöhnen das Messer fallen liess. Mit der anderen Hand griff der Söldner nach der schwarzen Kapuze und riss sie herunter.


    Der Eldar starrte den Mann mit wütend blitzenden, dunkelblauen Augen an. Sein längliches, blasses Gesicht zeigte Stolz und Verachtung. Auf der linken Wange zeichnete sich eine halbmondförmige Narbe ab. Sein langes, dunkles Haar hatte er zu einem offenen Zopf am Hinterkopf gebunden.


    »Das ist der, den der Chef haben will«, stellte der Anführer fest.


    Die beiden anderen Söldner traten heran, um den Weltenwanderer zu ergreifen und in Fesseln zu legen. Doch wenige Schritte bevor sie ihn erreicht hatten, brach der Grössere mit einem schrillen Schrei zusammen. Ehe seine Kumpane reagieren konnten, sprang der zweite Xenos aus dem Schatten hervor. Von der gebogenen, einschneidigen Klinge seines Kurzschwertes rann dunkles Blut. Schulterlange blonde Haare umwirbelten sein Gesicht, als er in unnatürlich geschmeidiger Bewegung den zweiten Söldner attackierte. Der erwies sich als geschickter als seine Kameraden, wich dem ersten Schlag aus und parierte den zweiten mit einem grossen Kampfmesser, dessen Klinge mindestens doppelt so breit wie die des Eldar war.


    Der Anführer indes war von dem plötzlichen Angriff überrascht, nur einen Augenblick. Der jedoch genügte seinem Gefangenen, um sich loszureissen und nach seinem am Boden liegendem Messer zu greifen. Der Weltenwanderer sprang auf Abstand, wirbelte herum und stiess dem zweiten Söldner, der vollauf damit beschäftigt war, sich gegen die Schwertschläge seines Gefährten zu verteidigen, die Klinge in den Rücken. Zu seinem eigenen Unglück trug dieser Mensch keine Schutzkleidung. Vor Schreck und Schmerz liess der beide Arme fallen. Die nun offene Deckung nutzend, zog der blonde Eldar ihm in einem blitzschnellen Streich das Kurzschwert über die Kehle.


    Während der hagere Mann gurgelnd und zu Boden ging und sein Blut sich auf dem schmutzigen Pflaster ausbreitete, wandten sich die beiden Aeldari dem Anführer zu. Verdutzt sah der Chem-Pan-Sey erst auf seine geschlagenen Kameraden, dann die beiden Weltenwanderer aus seinen Schweinsäuglein an. Der Blonde liess sein Schwert in der Hand kreisen und nahm wieder eine Angriffsposition


    Dann tauchten, alarmiert durch die Schreie, drei weitere Söldner auf, ein jeder ähnlich kräftig wie ihr Anführer und mit einem Kampfmesser bewaffnet. Mit dem kurzen, geschulten Blick eines Rächers Asuryans erfasste Margil die Lage.


    »Firondhir! Amuisar![2]« rief er seinem Gefährten zu. Der dunkelhharige Weltenwanderer zögerte einen Moment und warf dem anderen einen Blick zu, verbunden mit einem kaum wahrnehmbaren Kopfschütteln, als würde er seiner Anweisung widersprechen. Doch der Blonde vollführte eine bestimmende Handbewegung, die keinen Widerspruch duldete. Firondhir gab nach und nutzte den Ausweg, den sein Freund ihm verschafft hatte. Er sprang über die in ihrem Blut liegenden Körper der Söldner hinweg und tauchte in den Schatten ein.


    Margil blieb keine Zeit mehr zum Rückzug. Mit einem schrillen Kampfschrei gleich einer Todesfee sprang er dem ersten Neuankömmling entgegen und streckte ihn mit dem Vorteil der Geschwindigkeit und Überraschung nieder. Ohne seine fliessenden Bewegungen zu unterbrechen, wandte er sich dem nächsten zu. Der, besser auf den Angriff vorbereitet, parierte den ersten Schlag, doch nicht den zweiten. Die Ritualklinge fuhr tief in seinen Unterleib.


    Doch dann fielen der dritte Söldner und der Anführer über ihn her. Der schieren Brutalität der beiden verbliebenen Chem-Pan-Sey war der blonde Weltenwanderer trotz all seiner Gewandtheit nicht gewachsen. Ein Schlag gegen den Kopf liess ihm für einen Moment beinahe die Sinne schwinden. Als der schwarze Nebel vor seinen Augen sich wieder lichtete, fand er sich mit auf dem Rücken gefesselten Händen wieder. Die beiden Menschen standen mit gezogenen Pistolen an seiner Seite und hielten ihn mit den freien Händen an den Armen fest.


    »Was jetzt, Sir? Wir brauchen doch den andren«, wollte der Söldner wissen.


    »Der kann nich weit sein«, antwortete der Anführer. »Ist doch so, oder Spitzohr?« grinste er seinen Gefangenen an. Doch der blonde Eldar stand ungerührt und mit geschlossenen Augen reglos da. Wütend verzog der Mann sein Gesicht. Wie der Alien in dieser Lage so ruhig bleiben konnte, ging über seinen Verstand. Die Arroganz des Xenos widerte ihn an. Er trat vor den Weltenwanderer, holte aus und verpasste ihm einen Schlag ins Gesicht, der ihn zu Boden gestreckt hätte, hätte der andere ihn nicht festgehalten. Der Eldar sah ihn finster an, während seine Wange sich rot färbte und ein Blutfaden von seiner aufgesprungenen Lippe herunterlief.


    »Hör zu, Xenos-Abschaum!« bellte der Anführer geradeheraus in die Gasse. »Dein Kumpel interessiert uns nicht. Komm raus und wir lassen ihn laufen.«


    Einige Moment angespannter Ruhe traten ein, in der selbst der entfernte Lärm der belebten Strassen jenseits der engen Häuserschluchten zu verstummen schienen. Die Söldner starrten erwartungsvoll in die Schatten, die sich nur wenige Schritte die Gasse hinauf immer weiter zu verdichten schien. Dann brach ein helles, sarkastisches Lachen die Stille. Die beiden Menschen sahen überrascht ihren Gefangenen an.


    »Was erwartest du, Chem-Pan-Sey?« fragte der Eldar. Er sprach ihre Sprache mit einem seltsam schwebenden Tonfall und einer Verächtlichkeit, die sie weniger heraushörten, als unmittelbar spüren konnten. »Wir sind IstuKarun, Schüler des Kurnous. Schon jetzt hat er sein Jagdgewehr auf dich gerichtet. Du lebst nur noch, weil er es dir gestattet.«


    Sein Untergebener sah sich verunsichert um, doch der Anführer quittierte die Ansprache des Xenos seinerseits nur mit rauem Gelächter. Dann riss er in einer plötzlichen Bewegung seine Boltpistole hoch und hielt sie dem Eldar ins Gesicht.


    »Kann sein«, sagte der Mann, »aber wie schnell kann er zum nächsten Schuss ansetzen. Sobald einer von uns umfällt, pustet der anderen dir deine schönen, blonden Locken weg.«


    Margil schwieg. Er musste sich eingestehen, dass die Worte des Menschen sich nicht von der Hand weisen liessen. Selbst wenn Firondhir noch in der Nähe war – und daran hatte er nicht den geringsten Zweifel – so konnte er doch nichts ausrichten.


    »Was jetzt, Sarge?« fragte der Söldner. Der Anführer zuckte die Schultern. »Wir nehmen den hier mit. Entweder sein Freund überlegts sich noch. Oder der Chef kann zusehen, was er mit dem hier anfängt. Sollte sich trotzdem gut an die anderen Spitzohren verkaufen lassen. Abmarsch.«


    Er zog dem Weltenwanderer wieder die Kapuze über den Kopf. Dann hob er dessen Kurzschwert auf, betrachtete einige Augenblicket die glänzende Klinge von allen Seiten und steckte es sich in den Gürtel. Ihren Gefangenen vor sich her stossend, verschwanden die Menschen in der Dämmerung der Häuserschluchten.




    Firondhir tauchte in den Schatten zwischen den Hauswänden ein. Doch er lief nur bis um die nächste Ecke. Sich versichernd, dass niemand ihm folgte, erklomm er die erstmögliche Fassade und eilte über die Dächer und Simse zum Schauplatz des Kampfes zurück. Auf einem Erker über der Gasse liess er sich auf die Knie fallen. Mit geübten, flinken Handgriffen machte er sein Gewehr in wenigen Augenblicken schussbereit. Sein Blick senkte sich durch das Zielfernrohr.


    Das Bild, dass sich ihm bot, versetzte den Weltenwanderer in Wut und Schrecken. Margil blutete aus einer Wunde an der Lippe. Der Anführer der Chem-Pan-Sey hielt seine klobige Feuerwaffe direkt auf sein Gesicht. Firondhirs Finger legte sich auf den Abzug, den Kopf des Mannes genau im Visier. Doch im nächsten Moment wurde er gewahr, wie der andere Mensch ebenfalls auf Margil anlegte. Reflexartig öffnete der Weltenwanderer die Hand. Wenn er jetzt einen der beiden erschoss, würde der andere im selben Moment das gleich mit Margil tun. Firondhir war sich seines Könnens als Scharfschütze sehr bewusst, doch so schnell ein neues Ziel anzuvisieren überstieg selbst seine Fähigkeiten. Er atmete tief durch, um seinen Zorn zu zügeln und sich nicht zu einer Dummheit verleiten zu lassen. Eine Pattsituation. Er konnte nichts tun.


    Dann zog der Anführer der Söldner Margil seine Kapuze über den Kopf und stiess seinen Gefangenen vor sich her in Richtung der Strasse – nicht ohne zuvor das Kurzschwert des EsikCaman[3] an sich zu nehmen. Diese Anmassung versetze Firondhir in zusätzliche Wut. Der zweite Mensch ergriff Margils gefesselte Arme und positionierte sich dicht hinter ihm, die Boltpistole verborgen auf den Rücken des Aeldari gerichtet. So setzten sie sich in Bewegung.


    Firondhir packte eilig sein Gewehr zusammen. Er hatte keine andere Möglichkeit, als den Söldnern zu folgen, sie nicht aus den Augen zu verlieren, herauszufinden, wo immer sie Margil hinbrachten, und zu hoffen, dass sich unterwegs irgendeine Gelegenheit ergeben würde, ihn aus der Gewalt der Chem-Pan-Sey zu befreien.




    Wenige hundert Schritte weiter mündete die Gasse in eine der belebten Strassen des Hafenbezirks. Menschen jeder Art, darunter etliche Abhumane und allerlei zwielichtige Gestalten, drängten sich unterhalb der hoch aufragenden, grauen Fassaden den Gehsteig entlang oder lungerten in kleinen Gruppen vor den Eingängen der Ladenlokale. Die beiden Söldner wählten ihre Wege gezielt an solchen Menschenansammlungen vorbei. Die meisten Passanten um sie her waren zu sehr mit ihren eigenen Geschäften befasst, oft mit solchen, denen allzu grosse Aufmerksamkeit Unbeteiligter nicht zugutekam. Entsprechend kümmerten sie sich selbst wenig um das, was um sie herum geschah, solange es sie nicht tangierte.


    Die hochgewachsene Gestalt in schwarzem Mantel und Kapuze fiel in dem Gedränge kaum auf oder wurde bewusst missachtet. Erst recht, wenn ein zufälliger Beobachter ihre finster dreinblickenden Begleiter bemerkte. Der Anblick der beiden bulligen, militärisch gekleideten Männer genügte jedem, den Kopf abzuwenden und seines Weges zu gehen. Und noch eines war sich der Anführer der Söldner völlig bewusst und zog daraus Sicherheit: Inmitten der Menschenmassen würde der Xeno einen Teufel tun und Aufsehen auf sich ziehen wollen. Ihm blieb gar keine Wahl, als mit ihnen zu gehen. Und wenn sein Kumpan ihnen irgendwo heimlich folgte, umso besser.




    Etliche Stockwerke oberhalb der Strasse hechtet Firondhir über Vordächer, Balkone und Simse. Einmal mehr musste er dankbar sein für die kuriose, verschnörkelte Bauweise, mir der die Cresistauead[4] selbst die einfachsten, unwichtigsten Gebäude zu verzieren pflegten. Sie boten mehr Halt und Aufstiege, als selbst eine natürlich gewachsene Felswand ihm erlauben würde. Rasch gelang es dem Weltenwanderer, die Spur der Entführer wieder aufzunehmen und ihnen ungesehen zu folgen.


    Und selbst wenn einer der Söldner oder irgendein anderer Mensch unten in der Strasse zufällig zu ihm hinaufblickte, kam ihm eine weitere Eigenart der Häuser zugute. An allen sinnigen oder unsinnigen Stellen lehnten Statue in Fensternischen oder kauerten Wasserspeier auf Simsen. Verharrte er zischen diesem Zierrat, war er für die tumbe Wahrnehmung der Chem-Pan-Sey am Boden unsichtbar.


    Ein ums andere Mal hatte er von dieser Möglichkeit Gebrauch machen müssen. Wann immer die Söldner mit ihrem Gefangenen an einer Kreuzung oder Biegung die Richtung wechselten, sahen sie sich zuvor versichernd um. Firondhir war sich nicht sicher, ob sie es vermeiden wollten, dass er ihnen folgte, oder ob sie nicht sogar darauf warteten. Er hatte die Worte des Anführers nicht vergessen: Er selbst war das Ziel dieses Überfalls gewesen. Und die Art, wie der Mann sein Aussehen beschrieben hatte, liess keinen Zweifel darüber, zu welchem Zweck. Der Gedanke liess den Weltenwanderer erschauern, auch wenn er nicht glauben konnte, dass ein Prinz der Drukhari selbst solche Chem-Pan-Sey beauftragen würde.


    Wie es sich auch verhielt, er konnte Margil nicht diesen Wilden überlassen. Doch sie erwiesen sich als schlauer, als Firondhir gehofft hatte. Welchen Weg die Söldner auch einschlugen, stets bewegten sie sich in Bereichen, in denen reger Verkehr herrschte. Die Seitengassen mieden sie ebenso wie - auch dies fiel ihm auf - solche Wege, die sie allzu nah an den Ordnungshütern dieses Bezirks vorbeiführte. Zwei bis drei Stunden war er ihnen nun bereits gefolgt und noch hatte sich keine Gelegenheit geboten, die Entführer zu stellen.




    Nach einer weiteren halben Stunde erreichten die Söldner mit ihrem Gefangenen die breite Promenade vor den Landeplattformen der Transportfähren, die Fracht und Passagiere zu den grossen Schiffen im Orbit brachten, weder von etwaigen Verfolgern noch von irgendwelchen offiziellen Kräften behelligt.


    Hier konnte Firondhir nicht mehr weiter, ohne seine Deckung zu verlassen. Auf einem Vorsprung hockend, überblickte er die Strasse. Schmucklose, graue Plaststahlmauern mit massiven Eisentoren schirmten die erhöhten, achteckigen Landeplattformen auf der gegenüberliegenden Seite von den Fußwegen ab. Dennoch drangen das Heulen und Dröhnen der Triebwerke startender und landender Fähren bis zu ihm herüber. Unten musste der Lärm mörderisch sein, zumindest für die feineren Sinne eines Aeldari.


    Gleichwohl auch hier eine grosse Zahl an Menschen unterwegs war, würde es unmöglich sein, sich den Chem-Pan-Sey unentdeckt zu nähern, zumal wenn sie auch noch mit ihm rechneten. Und was konnte er schon tun? Einen offenen Kampf würde keiner von ihnen riskieren wollen. Er selbst wäre hoffnungslos unterlegen. Und Aufmerksamkeit war im Sinne keines der Beteiligten. Schliesslich war es das Ziel der Söldner, ihren Gefangen von hier fortzubringen, nicht, ihn den Behörden des Imperiums zu überlassen, die eine solche Aktion zweifellos auf den Plan rufen würde. Margil jetzt noch freizubekommen, war nur auf eine Art zu erreichen: er musste sich den Chem-Pan-Sey so unauffällig wie möglich nähern und sich ihnen selbst anbieten.




    Die Söldner hielten auf einen etwas abgelegenen Landeplatz zu. Eine Fähre wartete bereits, die Lichtsignale der Plattform und des Zugangsportals zeigten Startbereitschaft an. Die Männer führten ihren Gefangenen zu der Schleuse. Der Anführer wechselte ein paar Worte und ein paar Einheiten der ortsüblichen Währung mit dem Beamten, der den Zugang kontrollierte – beziehungsweise es angesichts der Mischung aus Drohung und Grosszügigkeit unterliess.


    Dann wandte der Söldner sich wieder dem Weltenwanderer zu, den sein Untergebener nach wie vor festhielt und die Pistole in den Rücken drückte.


    »Sieht so aus, als würden dein Freund dich deinem Schicksal überlassen, Xenos«, höhnte der Mann. »Letzte Chance!« brüllte er, halb mit sarkastischem Unterton, auf die Promenade hinaus. Doch nichts regte sich, ausser einiger verwunderter Passanten, die kurz aufsahen, sich dann aber sofort wieder ihren eigenen Angelegenheiten widmeten.


    »Ich sagte es ja«, wandte der Anführer sich an seinen Kameraden, »nichts als Abschaum, diese Xenos. Nicht einmal ihrer eigenen Art gegenüber loyal.«


    Margil unterdrückte seinen Zorn und seine Verachtung. Er war sich vollkommen sicher, dass Firondhir nicht weit war. Aber er konnte auch sehen, dass sein Freund an dieser Stelle nahezu keine Möglichkeit hatte, einzugreifen. Allmählich beschlich ihn nun doch Besorgnis, wie er dieser misslichen Lage entkommen würde. Nichtsdestotrotz, die Genugtuung einer Antwort wollte er dem Chem-Pan-Sey nicht gegen. Der wiederum hatte nicht vor, auf eine Antwort zu warten und zuckte nur gleichgültig mit den Schultern. »Dann halt eben das Maul«, sagte er. »Der Chef hat seine Mittel, du redest früh genug.«




    Nachdem er die nächstgelegene Fassade hinuntergeklettert war, nutzte Firondhir jede noch so geringe Deckung, die die weite Promenade ihm bot: Stapel von Frachtcontainern, umherstehende Transportfahrzeuge, Treibstofftanks. Bis auf wenige Dutzend Schritte gelang es ihm, sich ungesehen seinem Ziel zu nähern. Er hätte sogar freies Schussfeld gehabt, wäre es in dieser Situation nur irgendwie von Nutzen gewesen. Doch nun verharrte er im Schatten unterhalb des Gerüsts eines riesigen Verladekrans und konnte doch nichts weiter tun, als hilflos der Szene zuzuschauen.


    Noch hatte er seine letzte Idee nicht gänzlich verworfen. Und wenn dies die einzige Möglichkeit war…


    Der Aufruf des Söldnerführers schallte zu Firondhir hinüber. Doch noch eher auch nur mit einem Gedanken darauf reagieren konnte, drang ein vertrautes Bewusstsein in seinen Geist ein und liess ihn aufmerken. Margil stand immer noch eingekeilt zwischen den beiden Chem-Pan-Sey, ihm den Rücken zugewandt. Ahnte er Firondhirs Anwesenheit? Und konnte er dann seine Absicht erraten? Immerhin, nach etlichen Reisen, die sie gemeinsam unternommen hatte, kannte der blonde Weltenwanderer ihn gut genug. Die Botschaft, die Firondhirs Geist erreicht, wenngleich völlig ohne Worte, war jedenfalls eindeutig: Eath[5]!


    Voller Zorn über die Chem-Pan-Sey, aber auch voller Zorn darüber, zur Untätigkeit verdammt zu sein, sah der Weltenwanderer zu, wie sein Freund durch die Schleuse geführt wurde. Die drei Gestalten erklommen die Landeplattform und betraten die wartende Fähre. Die seitliche Zugangsluke schloss sich zischend. Dann heulten die Maschinen auf. Das klobige, graue Schiff löste sich, einem schwerfälligen Wasservogel gleich, vom Boden, gewann schwebend langsam an Höhe, richtete sich gegen den Himmel aus und nahm schliesslich Fahrt auf. Wenige Augenblick später war es nur noch ein schwarzer Punkt vor dem trüben Himmel zwischen den Wohntürmen der angrenzenden Bezirke.


    Firondhir verharrte noch eine ganze Weile reglos und in finsteren Selbstvorwürfen versunken in seinem Versteck. Gezwungen zu sein, seinen Freund einem ungewissen Schicksal zu überlassen, verbitterte ihn zutiefst. Seine Finger spielten mit der kastanienbraunen, in eine türkise Kristallperle gefassten Haarlocke an seinem Gürtel. Sein Geist beruhigte und klärte sich. Er atmete tief ein und aus. Nun war es an ihm, etwas zu unternehmen. Aber dafür würde er Hilfe benötigen.


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    [1] Mier=Silber; Men=Hand


    [2] Am = Imperativ-Präfix; uisar = (sich) zurückziehen


    [3] Esik = schrecklich; caman = rächend: Rächer Asuryans, engl. Dire Avenger


    [4] Cre = klein; sistau = Weissheit; eadar = Lebewesen: Mensch


    [5] Eath = nein, nicht

  • II


    Das grotesk entstellte Wesen platze wie ein Ballon, als die Granate, die sich tief in den fetten, aufgedunsenen Körper gebohrt hatte, explodierte.


    Hector grinste zufrieden und richtete seinen Granatwerfer auf den nächsten Mutanten, der wie ein wild gewordener Hund auf ihn losrannte. Das kaum hörbare Klicken des Abzugs besiegelte dann auch das Schicksal dieses Angreifers. Nur wenige Augenblicke später verzierten seine zerfetzten Überreste die dreckige Nische, aus der er herausgestürmt war. Während Hector nach einem neuen Ziel suchte, blickte er schnell zu Anton, um sich zu versichern, dass der Inquisitor ohne seine direkte Unterstützung klar kam. Wie zu erwarten hatte sein Chef aber alles unter Kontrolle.


    Anton hatte aufgehört zu zählen, wie viele dieser Mutanten sie bereits getötet hatten. Eigentlich kam er nach Herna III, um Gerüchten über einen Xenos-Kult nachzugehen. Wie sich herausstellte, waren diese Gerüchte aber massiv übertrieben und es handelte sich bei dem sogenannten „Kult“ nur um eine Gruppe aufständischer Mutanten, die sich gegen die Imperiale Herrschaft stellten. Das Ganze wäre ein klarer Fall für den Adeptus Arbites oder vielleicht noch den Ordo Haereticus gewesen, doch wusste Anton, wie deren Methoden aussahen. Da er ohnehin vor Ort war, dachte er, er könnte die ganze Sache vernünftig klären – ohne unnötige Gewalt. Er hätte mit seiner Einschätzung nicht weiter daneben liegen können. Sobald er sich als Inquisitor zu erkennen gab, wollte so ziemlich jeder dieser Mutanten seinen tot. Er hatte wahrlich in ein Wespennest gestochen. Nun blieb keine andere Möglichkeit mehr, als sich aus dem Slum heraus zu kämpfen und den Fall wohl oder übel an die Arbitratoren weiterzureichen.


    Mit Schwert und Boltpistole gerüstet, musste er sich ganz auf den Schutz seiner Rüstung verlassen. Sein Schild hatte er nicht dabei, da er nicht damit gerechnet hatte, sich in einem wilden Nahkampf wiederzufinden. Trotzdem stellten die Rebellen auch in grosser Überzahl keine Gefahr dar. Ihre fast schon lächerlich primitiven Waffen – meistens rostige, defekte Werkzeuge und selbstgebaute, einschüssige Flinten – liessen Anton und seine zwei Begleiter unbeeindruckt.


    Während sie sich langsam vorwärtsbewegten, griffen ihre Feinde immer wieder in unkoordinierten, wilden Wellen an. Es war ein leichtes, die Angreifer abzuwehren, da sie im Grunde einfach auf die Gruppe zustürmten.


    Zwei gut gezielte Schüsse aus seiner Boltpistole mähten einen humpelnden Mutanten nieder, dessen viel zu langer, linker Arm auf mindesten auf das Dreifache angeschwollen war. Dann trennte er mit einem eleganten Hieb seines knisternden Energieschwertes den Kopf eines anderen, äusserst widerwertigen Exemplars ab, dass es immerhin bis zu ihm geschafft hatte.


    Neben ihm kämpfte Ashenya mit graziöser Anmut. Anton war sich bewusst, dass es ein Risiko war, sie auf Feldeinsätze mitzunehmen, aber er hatte sie gerne bei sich – und Ashenya schätze es ebenso, von der Gebirgsvagabund runter zu kommen. Der Inquisitor hatte das Alien offiziell als Mutanten registriert. Gerade auf innerhalb den unteren Ebenen einer Makropole fiel sie daher kaum auf, da es in den Slums normalerweise nur so von den entstellten Vettern der Menschen wimmelte. Der Einsatz auf Herna III war eine wunderbare Gelegenheit, wieder einmal an ihrer Seite zu kämpfen.
    Ihr schlanker, muskulöser Körper hatte eine unglaubliche Beweglichkeit. Der tödliche Tanz des reptiloiden Aliens erinnerte Anton jedes Mal wieder an die Banshee-Kriegerinnen der Eldar, deren Kampftechniken eine gewisse Ähnlichkeit hatten. Ashenya trug die traditionelle Waffe ihres Volkes; ein langer dünner Stab mit einer sichelartigen Klinge, die sowohl als Stich- oder Hiebwaffe verwendet werden konnte. Aus einem unbekannten Metall geschmiedet, war die Klinger rasiermesserscharf und von unglaublicher Festigkeit, so dass sie selbst nach unzähligen Jahren keinerlei Abnutzungsspuren hatte.
    Mit ungemein schnellen Drehungen und abwechselndem vor- und zurück, schien das türkise geschuppte Alien seine Herausforderer förmlich zu filetieren.


    »All dieser Hass...«, erklang Ashenya Stimme in Antons Kopf. »Was hat dein Imperium diesen bemitleidenswerten Kreaturen wohl alles angetan?«


    Anton wusste, das Ashenya die Antwort bereits kannte. Sie waren schon lange genug zusammen unterwegs. Trotzdem hatte sie noch immer Probleme, das Imperium so zu sehen, wie Anton es sah.


    »Das Überleben des Imperiums fordert Opfer«, antwortete Anton telepathisch. »Von den Mutanten fordert es ein ungemein grösseres Opfer… Manchmal ein zu grosses. Es sind bemitleidenswerte Kreaturen, aber wenn sie den Zusammenhalt des Imperiums bedrohen, stehen sie gegen alles, wofür ich kämpfe.«


    »Anton – du hast mich gerettet. Ich bin die letzte meines Volkes. Wenn ich dir helfen kann, dass dein Volk überlebt, so werde ich das tun. Ich kann einfach nicht glauben, dass es keinen anderen Weg gibt, dies zu erreichen...«


    Anton zögerte einen Moment, seiner Gefährtin zu antworten, da bereits eine neue Welle von Gegnern auf sie zustürmte. Ashenya konnte sich Problemlos mit ihm Unterhalten und gleichzeitig mit höchster Konzentration kämpfen, Anton dagegen liess sich von solchen telepathischen Gesprächen schnell Ablenken.


    Mit Bolterfeuer und tödlichen Schwertstreichen fällte der Inquisitor weitere vier Mutanten.


    »Ashenya, du weisst, dass ich versucht habe, einen anderen Weg zu finden. Du hast wohl vergessen, dass die uns zuerst angegriffen haben?«


    Ashenya grinste. Oder zumindest übermittelte sie eine Emotion, die Anton so interpretierte. Sich anhand ihrer psionischen Fähigkeiten zu verständigen, unterschied sich deutlich von einem normalen Gespräch im Realraum. Bei der Telepathie gab es keine Körpersprache, die man hätte lesen können. Genau so gab es weder Stimmlage noch Aussprache. Ashenya formte im Grunde genommen ihre Gedanken als Warpenergie und „beschoss“ damit Anton. Mit entsprechender Übung konnte er diese Gedanken aus den unwirklichen Strömen des Warp herausfiltern, worauf sein Geist diese für den menschlichen Verstand fassbar machte.


    Gerade zu Beginn ihrer gemeinsamen Zeit kam es immer wieder zu Missverständnissen oder Unklarheiten. Inzwischen konnten sich beide jedoch so flüssig miteinander Verständigen, als würden sie normal miteinander sprechen.


    »Ich weiss, dass du anders bist, Anton«, lachte Ashenya, nachdem der Inquisitor einen Moment stumm geblieben war. »Ich verstehe einfach nicht, wie die Menschen – dich natürlich ausgeschlossen – die Mutanten so verabscheuen können, gehören sie doch zur selben Spezies. Andererseits verstehe ich ebenso wenig, wieso diese Mutanten versuchen, das Imperium zum Fall zu bringen, ist es doch ihr einziger Schutz gegen die Teufel des Warp.«


    Anton musste sich eingestehen, in dieser Hinsicht etwas Ratlos zu sein.


    »Wenn ich darauf eine Antwort wüsste, wäre ich wohl wissender als der Imperator selbst…«


    »Für mich bist du auf jeden Fall wissend genug«, beruhige Ashenya mit sanfter Stimme. »Lass uns hier so schnell wie möglich rauskommen.«


    Die Dreiergruppe rückte weiter durch das Slumgebiet vor. Es war ein riesiges Labyrinth aus primitiven Hütten aus Blech und Müll. Gigantische Rohre und Leitungen durchzogen die stinkende Unterwelt der Makropole, während hier und da überdimensionale Aufzüge zu den verseuchten Industrieanlagen der weiter oben liegenden Ebenen führten. Die Luft war schwer und ungesund. Als Lichtquelle dienten Wärmestrahler, die vor Ewigkeiten gebaut wurden, um als Ersatz-Sonne zu dienen. Eine dicke, eingebrannte Schicht aus Staub, Giftstoffen und Öl dämpfte die Lichtkörper, so dass der ganze Slum in trübem Orange erschien. Die Stimmung war trostlos und deprimierend.


    Die Angriffe der Mutanten hatten an Intensität verloren. Anton wusste nicht, ob ihre Kräfte langsam erschöpft waren, oder ob sie sich lediglich sammelten, um mit voller Stärke einen entscheidenden Kampf zu suchen.


    Ihr Ziel lag noch eine gute Stunde entfernt, dennoch hatte Anton darauf bestanden, nur langsam vorzurücken. Er wollte unbedingt verhindern, in einen Hinterhalt zu geraten. Seine Mission war im Grunde sowieso hinfällig geworden, also standen sie nicht wirklich unter Zeitdruck.


    Hector sicherte die Gruppe nach hinten ab, während Anton die linke und Ashenya die rechte Flanke in den Augen behielten.


    Plötzlich nahm Anton vor ihnen eine Veränderung im Warp wahr. Irgendetwas war wenige Schritte vor ihnen durch die Schatten eines grossen aufgebrochenen Treibstofftanks gehuscht. Etwas, dessen Warpsignatur sich deutlich von der eines normalen Menschen unterschied.


    »Ashenya, hast du das auch gespürt?«, fragte Anton seine Gefährtin, ohne seine telepathischen Fähigkeiten zu nützen. Der Schatten gehörte ohne jeden Zweifel einem psionisch begabten Wesen – und Anton wollte es nicht zusätzlich auf sich Aufmerksam machen. Ausserdem sollte Hector auch wissen, dass etwas oder jemand um sie herum schlicht.


    Ashenya nickte stumm. Sie mochte die Sprache der Menschen nicht und versuchte wann immer möglich, sich auf andere Weise zu verständigen.


    »Sollen sie nur kommen…«, murmelte Hector von hinten, ohne sich direkt an Ashenya oder Anton zu wenden. Der Soldat war angespannt, aber keineswegs Nervös. Seit dem Vorfall auf Ysraal VI diente er Anton als Mann fürs Grobe, wobei er in unzähligen Einsätzen gelernt hatte, dass die Feinde des Imperiums überall lauern konnten. Er rechnete grundsätzlich immer mit einem Kampf – selbst in den ruhigeren Tagen, wenn er sich nicht direkt im Dienst befand. Alle paar Schritte schlug er mit dem Abzugsfinger leicht gegen das schwere Trommelmagazin seines Granatwerfers. Am Klang konnte er abschätzen, wie viele Granaten noch übrig waren, ehe er Nachladen musste. Mit der Zeit hatte er sich diese Eigenheit angewöhnt, um nicht im entscheidenden Moment ohne Munition dazustehen. Seit er auf Ysraal gesehen hatte, wie nutzlos Lasergewehre gegen die dort erwachten Xenos-Krieger waren, verzichtete er darauf, eines mitzunehmen. Mit einem grossen Vorrat Sprenggranaten fühlte er sich viel nützlicher – und sicherer.


    Anton gab ihm ein Handzeichen, näher zu kommen. Er folgte sofort dem Befehl und schloss zu den beiden anderen auf.


    »Hector«, flüsterte Anton. »Ich habe eine psionische Anomalie gespürt. Vielleicht ein unsanktionierter Psioniker.«


    »Verdammt!«, fluchte Hector. Unsanktionierte Psioniker – also solche die keinerlei Ausbildung genossen hatten und nicht unter Kontrolle der imperialen Administration standen – waren sich im besten Fall nicht einmal ihrer Fähigkeiten Bewusst. Im schlimmsten Fall waren es Hexenmeister, die mit den Dämonen des Warp paktierten. In den ausufernden Slums der Makropolenstädte war es für das Imperium kaum möglich, die Gesetzte des Imperators durchzusetzen, weswegen unsanktionierte Psioniker doch vergleichsweise häufig vorkamen. Trotzdem ging von jedem einzelnem eine riesige Gefahr aus. Anderen Inquisitoren wäre die Situation alleine Grund genug, die ganze Makropole zu Läutern. Anton war aber anders. Der Schutz des Imperiums hatte für ihn Vorrang. Seiner Meinung nach, umfasste das aber ebenso die Bürger des Imperiums, weswegen er Massaker jeder Art zu verhindern versuchte.
    Ashenya hob den Kopf an und konzentrierte sich einen Moment. Dann zeigte sie auf eine dunkle Gasse, die unter eine grosse Hütte aus Metallschrott führte. Wohl in ein unterirdisches Gangsystem.


    »Er ist weg. Ich spüre nichts mehr«, erklang ihre Stimme in Antons Kopf. »Ich rieche ein menschliches Wesen. Aus dieser Gasse.«


    »Dann bleibt uns wohl nichts anderes, als ihm zu folgen«, antwortete Anton telepathisch. Dann richtete er sich an Hector. »Ashenya hat die Fährte einer Person entdeckt. In dieser Gasse. Scheint so, als müssten wir in den Untergrund.«


    »Sind wir denn nicht schon im Untergrund?«, raunte Hector. »Diese Makropolen haben auch immer ein noch tieferes Scheissloch. Kann ich nicht einfach ne Granate reinballern und dann verpissen wir uns?«


    Anton wies Hector mit einem entnervten Blick zurecht. Natürlich wusste der Soldat, dass das keine Option war. Sein Zynismus half ihm jedoch, bei Verstand zu bleiben. Anton fand das zeitweise ermüdend, konnte aber angesichts dessen, was Hector erlebt hatte – und als Agent der Inquisition noch erleben würde – absolutes Verständnis aufbringen.


    »Ich gehe voraus«, befahl Anton mit gedämpfter Stimme. »Die Gasse ist zu schmal, um nebeneinander zu kämpfen. Ashenya folgt mir direkt nach. Hector, du haltest uns den Rücken frei.«


    Beide nickten. Dann schritt Anton dem dunklen Eingang in eine tiefere Ebene der Slums entgegen. Ein beissender Geruch nach Tod und Verwesung lag in der Luft. Das Energieschwert gezogen und bereit für den Kampf, stieg er die metallene Treppe hinab, die in einen etwa fünf Meter tieferen Korridor führte. Es war Stockfinster. Die einzige Lichtquelle war das Energieschwert, das die unterirdische Anlage in gedämpftes Blau tauchte.


    Der Gang führte in ein altes Röhrensystem. Die Rohre waren gerade gross genug, um bequem stehen zu können und breit genug, dass zwei Menschen nebeneinander Platz hatten.


    »Passt auf, dass wir uns nicht verlaufen«, flüsterte Anton zu seinen Gefährten hinter ihm. Er verfügte zwar genauso wie Ashenya eine überausragende Wegfindung, dennoch bot dieses unterirdische Labyrinth mehr als genug Gelegenheiten, sich zu verirren.


    Der Boden war mit Schrott und Müll übersäht. Immer wieder schritten sie an Bündel verdreckter, halb verrottender Tücher vorbei. Anton vermutete, dass es sich um Schlafplätze der Bewohner des Slums handelte. Genauso hätte es sich aber auch um Abfallberge handeln können, die behelfsmässig abgedeckt wurden. Der Gestank, den sie schon beim Eingang wahrgenommen hatte, wurde zunehmend stärker und unerträglicher. Dennoch sagte Ashenya weiter unbeirrt an, in welche Richtung die unbekannte Person geflohen ist. Die reptiloiden Quarr’va hatten den Menschen weit überlegene Sinne, was sich bereits mehrfach als äusserst nützlich erwiesen hatte. Anton hatte deswegen aber auch Mitleid mit Ashenya. Der Gestank musste für sie noch weit schlimmer gewesen sein.


    Nach mehreren Minuten, die sie durch die stinkenden Rohre schritten, erblickten sie ein flackerndes Licht, dass scheinbar aus einem Raum kam, in den das Rohr mündete. Murmeln, schweres Atmen und winselndes Schluchzen zeugten davon, dass sich dort lebende Wesen befanden. Vorsichtig schritten Anton und seine Truppe dem Ende der Röhre entgegen. Dort angekommen, verdeckte ein schmutziges, zerlöchertes Leinentuch den Durchgang in eine grosse Halle. Dahinter bot sich ein unerwartetes und tragisches Bild zugleich. Der Raum, der sicherlich mehrere dutzend Meter lang wie breit war, war mit unzähligen, primitiven Liegen gefüllt. Auf jeder davon lagen offenbar Bewohner des Slums. Teils auf schreckliche, bestialische Art mutiert und kaum mehr Menschlich, zum Teil aber auch deutlich als Mensch erkennbar. Viele davon hatten ihre Körper vollständig mit weiten Tüchern bedeckt – eine gängige Praxis, um besonders widerliche Mutationen zu verstecken.


    Die in der Halle liegenden Mutanten schienen allesamt Verletzt. Nur wenige schienen unversehrt. Einige hatten Verletzungen, die wohl sogar auf Antons eigene Waffen zurückgingen. Trotzdem schien keiner der Mutanten feindselig zu sein.


    »Kommt Ihr, um uns zu töten?«, erklang eine röchelnde Stimme gleich neben Anton. Der Inquisitor zuckte zusammen und drehte sich sofort der Stimme entgegen, bereit, unverzüglich Niederzustrecken, wer sich auch immer erfolgreich angeschlichen hatte. Nachdem er die Person erkannte, die gesprochen hatte, senkte er seine Waffen, blieb aber bereit, zu kämpfen.


    Vor ihm stand ein Mutant von kaum mehr als eins-vierzig Metern Körpergrösse. Der Zwerg hatte ein geschwollenes, mit Pusteln übersätes Gesicht und gelbe, verfaulte Zähne, die weit aus dem Mund hinausragten. Am Rücken hingen dort, wo eigentlich die Schulterblätter sind, zwei zusätzliche Arme leblos hinunter.


    Anton spürte, dass von dieser bemitleidenswerten Kreatur keine Gefahr ausging. Andererseits war ihm sofort klar, dass es sich bei dem Zwerg um den Psioniker handeln musste, den sie verfolgt hatten. Als der Inquisitor in den Warpraum blickte, erkannte er, wie die Seele des Mutanten von gleissendem Licht erfüllt war und wie eine pulsierende Kugel nervös zuckte.


    »Wer bist du? Was ist das für ein Ort?«


    Anton fuhr den Mutanten ungewollt schroff an. Inzwischen waren sowohl Ashenya als auch Hector bei Anton angekommen. Erstere trat neben den Inquisitor, während Letzterer den Granatwerfer in den Anschlag nahm und vorsichtig den Raum nach Gefahren absuchte.


    »Mapheph«, antwortete der Mutant, der verunsichert zu Ashenya aufblickte, sich dann aber schnell wieder Anton zuwandte. »Das ist mein Heim. Pflege Freunde hier. Wieso kommt Ihr hierher? Was sucht Ihr im Twist-Gebiet?«


    Anton liess seinen Blick durch den Raum gleiten. Diese Halle war also eine Art Mutanten-Krankenhaus. Er schämte sich. Er konnte verstehen, dass ein Zusammenleben mit normalen Bürgern des Imperiums schwierig sein konnte und die Mutanten daher zur Sicherheit aller, weitgehend isoliert werden mussten. Aber hier waren sie nicht einfach isoliert, sie waren wortwörtlich Ausgestossen. Hier etwas zu ändern, war jedoch nicht seine Aufgabe. Er hatte wichtigeres zu tun. Er musste das Imperium von den fremden Schrecken der Galaxis schützen.


    »Ich ermittle gegen einen Kult in diesem Slums«, gab Anton knapp zur Antwort. Dass er wegen Maphephs psionischer Begabung gekommen war, wollte er zunächst für sich behalten.


    Mapheph zog eine Grimasse, die sein entstelltes Gesicht noch deformierter aussehen liess.


    »Kult. Pah. Ihr meint die Rebs‘. Böse Twists. Die gehören nicht zu uns!«


    Anton überlegte einen kurzen Moment.


    »Aber du behandelst ihre Verletzen?«, sage er schliesslich, und wie auf einen der Mutanten, dessen Arm ganz offensichtlich von einem Energieschwert abgetrennt wurde.


    »Es sind Twists wie wir alle«, lachte Mapheph, der seine Vorsicht langsam aufzugeben schien. »Wenn ein Twist verletzt ist, helf‘ ich ihm. Auch wenn es n‘ Verbrecher ist. Wir halten zusammen hier. Nicht wie ihr von oben.«


    Anton musste eingestehen, dass ihm diese Sichtweise besser gefiel, als die Egozentrik, die gerade in der imperialen Oberschicht weit verbreitet war.
    »Erzähl mir von diesen… Rebs.«


    Anton wollte das Gespräch in eine angenehmere Richtung lenken. »Rebellen, richtig?«


    Mapheph antwortete ohne zu zögern. Er schien durchaus aufrichtig zu sein.


    »Aye. Rebs‘ eben. Verzweifelte Kriminelle, die denken, es würde irgendetwas ändern, wenn sie nur brutal genug sind. Dabei können sie gar nicht denken. Lehn‘ den heiligen Imperator ab. Sagen es gibt nichts ausserhalb dieser Welt. Stumpf. Dabei ist der Imperator da. Ich sehe ich ja. Sie sehen ihn nicht. Rebs‘ sin‘ Stumpf und dumm.«


    Anton wurde hellhörig.


    »Du siehst den Imperator?«


    »Ja. Sehe sein Licht. Viele Menschen sind unfair. Oder böse. Aber der Imperator beschützt. Wir sind alle seine Kinder, auch wir Twists. Er zeigt mir Dinge, die passieren.«


    »Was für Dinge?«


    »Ich weiss nicht… Bin‘ nur n‘ Twist. Manchmal die Zukunft. Manchmal Sachen, die ich nicht verstehe. Als ich die Schüsse in den Strassen gehört habe, bin ich hinaufgegangen, um Verletzte zu holen. Er hat mir gezeigt, wann die Luft rein is‘.«


    Anton schwieg einen Moment. Dieser Mutant war ein guter Mann. Und ein gläubiger Mann. Dass man unter diesen Lebensumstände noch an das Gute im Imperium glauben konnte, war beachtlich. Trotzdem war Mapheph ein unsanktionierter Psioniker. Anton musste ihn mitnehmen und der Inquisition zu übergeben. Das Risiko, dass dieser Mann dem Chaos verfiel, war äusserst gering – im Moment. Doch was würde passieren, wenn er seinen Glauben ans gute verlieren würde? Im schlimmsten Fall würde er eine Dämoneninvasion verursachen. Das konnte Anton nicht einfach ignorieren.


    »Mapheph, du musst mit mir mitkommen.«


    Schwermut lag in Antons Stimme.


    »Ihr werdet mich töten…«, seufzte Mapheph resigniert.


    Anton wollte keine falschen Versprechungen machen. Als Mutant mit Psikräften war es so gut wie sicher, dass er dem Imperator geopfert werden würde. Er selbst konnte Mapheph auch nicht ausbilden, dazu fehlten ihm das entsprechende Wissen, war er selbst doch nur ein äusserst schwacher Psioniker.


    »Du musst dem Imperator vertrauen«, entgegnete Anton. Auch wenn er nicht besonders Religiös war, war es das einzige hoffnungsvolle, das er sagen konnte. Und das keine Lüge war. »Ich weiss nicht, welchen Weg für dich auserkoren wurde. Aber der Imperator ist unser Herr. Fordert er den Tod, so bleibt nichts anderes übrig, als zu hoffen, dass der Tod dabei hilft, dass das Imperium besteht. Schenkt er das Leben, so tut er es, weil er uns für eine andere Aufgabe braucht.«


    »Ich will nicht weg. Meine Freunde brauchen meine Hilfe.«


    Anton konnte bei einem unsanktionierten Psioniker keine Kompromisse zulassen.


    »Ich will dich nicht zwingen. Aber du musst mitkommen.«


    Mapheph schaute Anton erst genau an. Dann antwortete er langsam, aber entschlossen.


    »Ich sehe, dass Ihr das müsst. Ich sehe, dass ich sterben würde, würde ich mich weigern. Lasst mir wenigstens einen Moment einige Vorkehrungen treffen.«


    Damit konnte Anton sich arrangieren.


    »Einverstanden. Aber bleib im meinem Blickfeld.«


    Mapheph nickte. Unter den wachsamen Auge des Inquisitors und seinem Gefolge, begab sich der Mutant an eine Art Arbeitstisch. Dort kritzelte er einige schnelle Notizen auf einen vergilbten Zettel, ehe er zu einem seiner Patienten lief. Dieser hatte keine äusserlichen Verletzungen, war also keiner der Rebellen. Er schien ein persönlicher Freund Maphephs zu sein. Sie sprachen einige Worte, dann küsste Mapheph ihm auf die Stirn und wandte sich ab. Mit schleppendem Schritt kam er zurück zu Anton.


    »Lasst uns gehen«, sagte er knapp und schritt voraus.


    Still gingen die Vier denselben Weg zurück, auf dem sie gekommen sind. Zurück im trostlosen künstlichen Sonnenlicht der oberen Ebene, schien die Lage sich beruhigt zu haben. Von den Rebellen war nichts zu sehen. Anton prüfte mit suchendem Blick die unübersichtliche Gasse, die vor ihnen lag. Er war schon oft in Makropolen unterwegs. Hier war es einfach zu ruhig.


    »Etwas liegt in der Luft«, sprach er gerade laut genug, dass seine Gefährten ihn hören konnten. »Seid vorsichtig.«


    Es war nicht mehr weit, bis sie den Aufzug erreichen würden, der sie zurück auf die obere Ebene bringen würde. Eine kleine Einheit des Sicherheitsdienstes würde sie in Empfang nehmen und dafür sorgen, dass ihnen keine Rebellen folgen konnten.


    Langsam rückte die Gruppe vor. Anton und Ashenya wieder an der Spitze, Hector als Rückendeckung zuhinterst. Mapheph war dazwischen – unter strenger Beobachtung von Hector, der bereits war, den Psioniker ohne zu zögern zu töten, sollte er versuchen zu fliehen. Dieser schien sich aber kaum um seine Sicherheit zu sorgen und trottete gelassen hinter Anton her.


    Plötzlich und mit einem unpassenden Tonfall, der danach klang, als ob sie sich gerade auf einem Erholungsausflug befanden, wandte er sich an Ashenya.
    »Wie kommt es, dass sie dich da draussen am Leben lassen?«


    Das Alien schaute etwas irritiert zurück und zögerte einen Moment. Ehe sie etwas antworten konnte, zischte Anton den Zwerg an.


    »Sie ist meine Angestellte. Amtlich Registriert. Mehr gibt es dazu nicht zu sagen!«


    »Anton, sei ihm nicht böse«, hörte er Ashenyas Stimme im Kopf. »Seine Frage war berechtigt.«


    »Würde er deine Begebung spüren und den falschen Leute das falsche darüber Aussagen, könnte das dein Ende sein. Das lasse ich nicht zu«, erwiderte Anton mit seinen psionischen Kräften. »Du bedeutest mir zu viel, um sowas zu riskieren. Ich verstehe diesen Mapheph, aber wir können nicht alle retten.«
    Ashenyas Stimme wurde sanft.


    »Ich weiss doch, Anton. Verglichen mit dem Rest deiner Spezies, bist du ein helles Licht. Doch auch das hellste Licht kann erlöschen, wenn es nicht genährt wird.«


    Anton wusste genau, was Ashenya sagen wollte, auch wenn er der Meinung war, dass ihre Ausdrucksweise etwas pathetisch war. Eigentlich war er sogar froh, dass sie sich darum Sorge, dass er nicht eine kalte Maschine wurde, die ohne jede Menschlichkeit einfach nur ihre Aufgabe erfüllte. Inquisitoren dieser Sorte gab es mehr als genug.


    Trotzdem mochte er es nicht, wenn Ashenya sein Handeln bewertete. Er war sich bewusst, was er tat, und was die Konsequenzen davon waren. Er brauchte niemand, den ihn noch extra darauf hinwies.


    »Ashenya, lass gut sein«, antwortete er telepathisch. »Ich bin hervorragend…«


    Ein lauter Knall zerriss die ruhe, als eine improvisierte Sprengladung unweit vor Anton explodierte. Sofort ging Anton hinter einem Stapel massiver Metallbehälter in Deckung, der sich glücklicherweise gleich zu seiner linken befand. Ashenya sprang zur Seite und suchte im Eingangsbereich einer Blechhütte schütz.


    Ehe Anton die Situation analysieren konnte, antwortete Hector dem Angriff. Mit Todesverachtung versuchte er nicht einmal, Deckung zu suchen, sondern stand mitten auf der offenen Strasse und schoss in kurzer Folge fünf Granaten gegen einen unsichtbaren Feind. Die Sprenggranaten explodierten in etwa zehn bis zwanzig Meter Entfernung auf der Fassade eines heruntergekommenen Wohnblocks, der stark an eine Bauruine erinnerte. Unter der Wucht der Explosionen, stürzte die gesamte Hausfront mit einem ohrenbetäubenden knarren und kreischen zusammen, als die massiven Stahlträger funkensprühend unter dem grossen Gewicht des Oberbaus nachliessen.


    Hector feuerte zwei weitere Granaten ab, ehe er Mapheph am Kragen packe und zu Anton hinter seine Deckung schleifte.


    »Muties im ersten bis vierten Stock. Hab‘ diese Krüppel zu spät gesehen.«, knurrte der hartgesottene Soldat.


    Noch bevor Anton antworten konnte, begann ein schweres Maschinengewehr, sie mit Dauerfeuer einzudecken. Glücklicherweise schienen die Metallbehälter äusserst stabil zu sein.


    »Die haben dazugelernt, was?«, witzelte Hector, der das ganze völlig kalt zu lassen schien.


    »Sieht so aus«, gab Anton knapp zurück.


    »Du musst uns Deckungsfeuer geben. Mit schweren Waffen sind sie uns auf Distanz klar überlegen. Wenn Ashenya und ich es bis zum Gebäude schaffen, sind sie geliefert.«


    Hector nickte bestätigend. Dann legte er ein neues Granatenmagazin bereit, tauchte über der Deckung auf und feuerte das ganze angebrochene Magazin leer. Die ganze Aktion dauerte nur Sekunden, doch Anton hatte hervorragende Reflexe. Sobald Hector zu feuern begann, gab er Ashenya Anweisungen, ihm zu folgen, und stürmte los. Mit grossen Sprüngen rannte er dem Gebäude, in dem sich der Feind verschanzt hatte, entgegen. Ashenya war gleich neben ihm. Die Granatensalve Hectors zeigte Wirkung: Ein tosender Feuerball zwang die Rebellen in Deckung, das schwere Maschinengewehr stellte das Feuer ein.


    Obwohl einige einzelne Schuss an ihnen vorbei zischten, erreichten Anton und Ashenya ihr Ziel unbeschadet. Glücklicherweise hatten die Rebellen keinerlei militärische Ausbildung und waren entsprechend schreckliche Schüsse. Die improvisierten, schlecht gewarteten Waffen, trugen auch nicht besonders dazu bei, ein bewegliches Ziel zu treffen.


    Im inneren des Wohngebäudes herrschte absolute Zerstörung. Die Sicht war durch dicken, schwarzen Rauch erschwert. Unmengen an Tücher, verschiedene Matratzen und eine ganze Auswahl an einfache Holzmöbel standen in Flammen, was die Temperatur auf ein unangenehm hohes Niveau trieb. Anton war dankbar, dass er eine Servorüstung trug – und Ashenya war sowieso widerstandsfähig genug, um mit fast allen Umständen klar zu kommen.


    Sie sahen eine Handvoll Mutanten, von der Explosion zerrissen oder vom nachfolgenden Feuer verbrannt. Hector hatte das Erdgeschoss bereits vollständig gesäubert. Anton suchte nach einem Weg in das nächste Stockwerk und fand an der Rückseite des grossen, offenen Raumes eine einfache Betontreppe, die nach oben führte. Er gab Ashenya zu verstehen, ihm zu folgen.


    Bevor er die Stufen erklomm, blickte er in durch den Warp, um sich ein Bild der Situation zu machen. Über ihm flackerten etwa zwölf Seelen in mattem Grau. Sie waren über die ganze Fläche des Stockwerks verteilt, wussten also noch nicht, dass er jeden Moment zum Angriff übergehen würde.


    Er teilte seine Gedanken kurz Ashenya mit, auch wenn er sich sicher war, dass sie die Lage wohl selbst geprüft hatte. Dann hechtete er die Treppe hinauf, bereit, alle niederzumachen, die sich ihm in den Weg stellten.


    Der erste Stock entsprach in seiner Bauweise dem Erdgeschoss. Das ganze Stockwerk war ein grosser, offener Raum mit einigen wenigen Betonpfeiler, die die nächste Ebene stützen. Schimmlige Tücher hingen an rostigen, an den Wänden befestigten Eisenketten, um als Raumteiler zu fungieren. Der Boden, der aus Blechstücken bestand, die vermeintlich willkürlich über mächtige Stahlträger gelegt worden waren, war mit Müll und Dreck übersäht.


    Die der Gasse zugewandte Aussenwand war fast vollständig zusammengestürzt. Der dünne Beton wurde durch die Wucht der Granatexplosionen förmlich pulverisiert. Einige der Bodenträger hatten sich gelöst und waren mitsamt den abdeckenden Blechplatten in die Gasse abgerutscht. Die massive Zerstörung zeugte davon, wie instabil das Gebäude gewesen war. Anton musste aufpassen, dass es nicht zusammenstürzte, während sie sich im Nahkampf befanden.


    Glücklicherweise war die Treppe einer eigener „Raum“, so dass die Tücher Anton und Ashenya von den Blicken der Mutanten abschirmten. Das Überraschungsmoment würde auf ihrer Seite liegen. Mit einem kurzen Nicken gab er den Befehl zum Angriff. Anton stürmte durch die Leinentücher in den nächsten Raum und visierte sofort den Feind an. Es war ein massiger Mutant mit extrem muskulösem Oberkörper. In seinen Händen hielt er das Schwere Maschinengewehr, das er wohl einfach aus der Hüfte abgefeuert hatte. Als er Anton bemerkte, war es bereits zu spät. Er versuchte noch, das Maschinengewehr als Knüppel verwendend, Anton mit einem brutalen Hieb abzuwehren. Doch während er zum Schlag ausholte, drang die knisternde Klinge von Antons Energieschwert mitten in seine Brust. Das Maschinengewehr fiel ihm vor Schmerz aus der Hand, ehe er dem Inquisitor hätte gefährlich werden können. Mit einem unheimlichen, erstickenden Gurgeln sank er auf die Knie. Anton richtete seine Boltpistole auf den Kopf des Mutanten, der ihn geschockt und verwirrt zugleich anstarrte. Dann drückte er den Abzug. Als das Raketengeschoss ein Ziel traf, explodierte der Schädel des Mutanten. Knochen barsten und ein Gemisch aus Blut und gelblicher Hirnmasse regnete um den Mutanten nieder. Ohne zu zögern sprang Anton weiter, um seinen nächsten Gegner zu fällen.


    Der Nahkampf war schnell und blutig. Nach nicht einmal einer Minute war das Stockwerk gesäubert. Ashenya hatte sich in den letzten Jahren zu einer gefährlichen Nahkämpferin entwickelt und hatte mindestens ebenso vernichtend gewütet, wie Anton.


    Von der Gasse erklangen Schüsse, die alsbald von donnernden Explosionen beantwortet wurden. Hector war unter Beschuss geraten. Anton war sofort klar, dass sie so schnell wie möglich zu ihrem Freund mussten.


    »Ashenya, Hector braucht unserer Hilfe… Los!«, brüllte er und stürzte die Treppe hinunter.


    Im Erdgeschoss hatten sich die Brände weiter ausgebreitet. Es war ohnehin höchste Zeit, das Gebäude zu verlassen. Anton stürmte entschlossen durch das flammende Inferno nach draussen. Er war beruhigt, dass Ashenya gleich hinter ihm war. Er hätte sie auf keinen Fall hier zurücklassen können. Dennoch machte er sich Sorgen um Hector, der wohl alleine einer Übermacht gegenüber stand.


    Aussen auf der Gasse bestätigte sich seine Vermutung. Eine ganze Horde Mutanten rückte durch die Gasse vor, aus der sie ursprünglich gekommen waren. Hector befand sich noch immer hinter den Metallbehälter in Deckung, wenn auch nun auf der gegenüberliegenden Seite. Mapheph lag neben ihm am Boden. Sowohl Ashenya und Anton sprinteten über die Strasse zu der Verteidigungsstellung ihres Gefährten. Schüsse peitschen ihnen entgegen, doch verfehlten sie die ungeübten Mutanten mit ihren grobschlächtigen Waffen. Anton erwiderte das Feuer mit seiner Boltpistole und streckte gleich zwei der Angreifer nieder.


    Als sie bei Hector angekommen waren, fragte Anton sofort nach der Lage.


    »Die Hunde sind zahlreich…«, fluchte Hector. »Sie wollten uns in den Rücken fallen. Dem Imperator sei Dank, hatte ich genügend Granaten mitgenommen.«


    »Bist du verletzt?«, wollte Anton ernsthaft besorgt wissen.


    »Ich? Nein. Ich bin den Muties wohl zu hübsch. Aber unser neuer Freund hat‘s erwischt…«


    Hector zeigte auf Mapheph. Anton kniete sich zum Psioniker nieder. Ein Schuss hatte ihn an der Schulter getroffen und ein grosses Loch aufgerissen. Er konnte seinen Arm nicht mehr bewegen, der nun so leblos wie vom Körper hing, wie das zusätzliche Armpaar am Rücken. Blut lief ihm aus dem Mund.


    »Von… Freunden… getötet…«, keuchte er der Bewusstlosigkeit nahe. Anton wusste, dass er nicht mehr lange zu leben hatte. Er machte sich bereit, ihn mit der Boltpistole von seinem Leid zu erlösen, als seine Warpsignatur plötzlich spürbar stärker wurde.


    »Inquisitor…«


    Mapheph starrte ins Leere, als ob er seine Umgebung nicht mehr wahrnehmen würde.


    »Du wirst brennen… Wenn der Drache fällt… Ein langes Ende… Pein… Nicht… zum… goldenen…«


    Der Mutant konnte seinen Satz nicht mehr fertigsprechen. Anton verstand ohnehin nicht, was die kryptischen letzten Worte hätten bedeuten sollen, doch schien es nicht gerade eine frohe Voraussage zu handeln. Hatte der Schmerz Mapheph die Sinne vernebelt, oder war es eine Eingebung des Imperators? Oder hatten zuletzt doch noch die Dämonen seinen Geist korrumpiert?


    Anton war fürs erste Ratlos, wollte dem aber später nachgehen. Nun mussten sie aber zuerst aus diesem Slum verschwinden.


    Bevor er etwas sagen konnte, liess ein lautes Brummen die drei Gefährten aufhorchen. Aus Richtung ihres Ziels rollte eine Panzerkolonne die schmale Gasse hinunter. Wo der Durchgang zu klein war, hielten die Panzer ihren Kurs und rissen einfach die Fassaden der sowieso Baufälligen Gebäude ein. Anton erkannte das Symbol des Adeptus Arbites, das die Front der bewaffneten Truppentransporter zierte. Eine Ironie – er wollte die Probleme der Mutanten gewaltlos lösen, hatte dadurch aber solch schwere Kämpfe ausgelöst, dass der Adeptus Arbites sich offenbar zum Handeln gezwungen sah. Sie waren zwar gerettet, doch würde der ganze Slum nun das gnadenlose Gericht der imperialen Justiz zu spüren bekommen. Ob Rebell oder nicht, würde keine Rolle spielen, wenn die Arbitratoren mit ihrer Säuberung beginnen würden.

  • III


    Konstantijn betrat sein Zimmer in einer einfachen Pension am Rande des Hafenbezirks. Der kleine Raum mit seinen in einem trostlosen, aus Grün und Hellgrau gemischten Farbton gestrichenen Wänden war spartanisch eingerichtet: ein Bett mit einfachem Stahlrahmen, ein blecherner Spint, ein Tisch mit Kunststoffplatte, ein ungepolsterter Stuhl. Die angrenzende Nasszelle war Dusche und Toilette in einem.


    Sein mit nahezu unbegrenzten Befugnissen ausgestattetes Amt hätte ihm jede beliebige Unterkunft in der Makropole verschaffen können, selbst die Stadtvilla des planetaren Gouverneurs, wenn ihm danach gewesen wäre. Tatsächlich war ihm und seinem kleinen Gefolge der Gästeflügel angeboten worden. Aber Konstantijn zog es stets vor, nicht viel Aufhebens um seine Person zu machen. Unauffälligkeit war ein Teil des Erfolges seiner Arbeitsweise - und auch ein Stück weit Überlebensversicherung. So war es glaubwürdiger, sich als Freihändler auf der Durchreise auszugeben. Davon abgesehen entsprach es der Bescheidenheit, die die oranische Form des Imperialen Glauben lehrte, die er von Kindheit an verinnerlicht hatte.


    Er verriegelte die Tür hinter sich und stellte seine Teetasse auf dem schlichten Metalltisch ab. Mit Milchpulver und Synthzucker hatte er versucht, etwas ähnliches wie Friesthee hinzubekommen. Es schmeckte grauenhaft.


    Erst jetzt wurde er der Veränderung gewahr. Nichts Physisches. Seine Unterlagen, sein bescheidenes Gepäck, alles lag und stand noch an der gleichen Stelle, wie er es hinterlassen hatte, als er nach unten in den Speiseraum gegangen war. Und wohlweislich hatte er sein Zimmer beim Verlassen abgeschlossen.


    Konstantijn war Psioniker der Stufe Theta, aber seine telepathischen Fähigkeiten waren nur schwach ausgeprägt. Dass er nun eine Präsenz wahrnahm, konnte nur bedeuten, dass ein psionisch stärkeres Individuum anwesend war. Er erkannte sogar die vertraute Fremdartigkeit des Geistes. Mit einem leichten Seufzen, dass zwischen Unverständnis und Belustigung schwankte, drehte er sich wieder der Tür zu. „Ihr wisst, dass ihr euch bei mir nicht einschleichen müsst.“


    Eine hochgewachsene Gestalt in einem langen schwarzen Mantel, bis eben noch völlig unsichtbar, trat aus dem Schatten der Zimmerecke und zog die Kapuze vom Kopf.


    Konstantijn erschrak. Das Gesicht des Eldar-Weltenwanderers war noch ernster als sonst. Und er war allein.


    »Was ist geschehen, wo ist Margil?« fragte der Inquisitor.


    Knapp berichtete Firondhir, was in der Gasse vorgefallen war.


    Konstantijn setzte sich an den Tisch, stütze die Ellbogen auf und legte das Kinn auf die gefalteten Hände. Nachdenklich sah er den Eldar an.


    »Das ist eine verzwickte Lage«, sagte er.


    »Was willst du damit sagen, Miermen?« fragte der Weltenwanderer. »Was zu tun ist, steht ausser Frage.«


    »Wir sind einem einflussreichen Amtsträger auf der Spur, der höchstwahrscheinlich unter dem Einfluss von Tzeentch steht. Mit ziemlicher Sicherheit, nach allem, was du mir erzählt hast. Wenn wir jetzt nicht zuschlagen, verschwindet er womöglich auf Nimmerwiedersehen. Ich kann es mir nicht erlauben, mich jetzt mit anderen Dingen zu befassen.«


    »Das ist deine Angelegenheit, QuasKarun. Wir helfen dir gegen einen gemeinsamen Feind. Doch glaube nicht, dass du uns behandeln kannst, wie deine entbehrlichen Gefolgsleute.«


    Konstantijn presste die Lippen aufeinander. Das Leben eines einzelnen Eldar hatte für sie den tausendfachen Wert des Lebens hunderttausender Menschen. Selbst ZarAsuryan, eines der wenigen den Menschen nicht feindlich gesinnten Weltenschiffe, folgte diesem Grundsatz. Doch was arrogant und verächtlich klang, ergab, genauer betrachtet, Sinn. Sie waren verschwindend wenige im Vergleich zur Menschheit. Wie viele Menschen die Galaxis bevölkerten, wusste wahrscheinlich nur der Imperator selbst. Für die Eldar zählte jedes Leben, sie hatten keines zu verschwenden und sie kämpften verbissen darum.


    Doch hätten sie diese Überzeugung bei ihrer ersten Begegnung nicht auch auf ihn selbst angewandt, würde er jetzt nicht hier sitzen. Unwillkürlich drückten die Finger seiner rechten Hand auf den Handrücken der silbernen Phantomkristall-Prothese, die seinen linken Arm bis über den Ellenbogen ersetzte. Das psireaktive Alien-Material fühlte sich hart und dennoch warm an. Seine Fingerspitzen ertasteten die filigran eingearbeiteten Umrisse des doppelköpfigen Imperialen Adlers, stilisiert in der abstrakten Form einer Aeldari-Rune. Eigentlich war das gesamte Stück eine einzige Blasphemie – die er inzwischen als Teil seines Körpers empfand.


    Resigniert schüttelte er mit dem Kopf und griff nach einem kleinen Sprechgerät, dass neben ihm auf dem Tisch gelegen hatte.


    »Henk, kom alsjeblieft naar me toe«, sagte der Inquisitor im oranischen Dialekt seiner Heimatwelt, den Firondhir nur vage verstand.


    Keine Minuten später öffnete sich die Zimmertür. Ein stämmiger Mann mit derben Gesichtszügen und angegrautem Bürstenhaarschnitt in schwarzer Militärkluft betragt den Raum. Ausser einer geholsterten Laserpistole trug er keine Waffen. Alles an seinem Erscheinungsbild liess einen gestandenen Veteranen der PVS oder des Astra Militarum erkennen.


    »Wat kan ik voor je doen, mijn jongen?« fragte er. Erst auf den zweiten Blick entdecke er den Weltenwanderer in der Zimmerecke. Unwillkürlich zuckte seine Hand zu der Pistole, entspannte sich jedoch sofort wieder. »Ah, de sluipschutter«, grummelte Henk. »Waar is je blonde vriend, Schaduwsluiper?«
    Firondhir sah den Menschen finster an.


    »Wir müssen unsere Pläne ändern, Henk«, unterbrach Konstantijn in allgemeinem Niedergothisch, ehe das Gespräch sich in unerwünschte Richtungen entwickelte. »Etwas ist schiefgelaufen und Firondhir und ich müssen dem nachgehen. Aber er hat den Kommodore ausfindig gemacht, wir wissen, wo er sich aufhält. Setz alle Männer, die wir haben, darauf an, ihn nicht aus den Augen zu verlieren, bis ich wieder da bin.«


    »Ist das dein Ernst? Der geht uns glatt durch die Lappen, wenn wir jetzt nicht zugreifen.«


    Konstantijns strenger, doch nicht missfallender Blick, machte jede Antwort überflüssig. Henk zuckte mit den Schultern. »Wie du willst. Du bist der Inquisitor.«


    In aller Kürze, aber mit der notwendigen Detailtreue, informierte Konstantijn seinen Adjutanten. Der nahm die Unterlagen, die auf dem Schreibtisch lagen, an sich, ebenso wie ein inquisitoriales Ermächtigungsdokument. Ehe er zur Tür hinausging, drehte Henk sich noch einmal um.


    »Je komt in de problemen met de Xenos, mijn jongen.«


    Konstantijn seufzte. »Weet ik.«


    Als Henk gegangen war, griff Konstantijn nach seinem verwaschenen, blassorangenen Mantel und der Boltpistole. Firondhir betrachtete das Kleidungsstück skeptisch. »Eine sehr auffällige Farbe für jemanden, der im Geheimen arbeitet.«


    »Besser ich falle auf, als du«, entgegnete der Inquisitor.


    Dann verliess er seine Unterkunft und schlug den Weg zur Hafenverwaltung ein. Heimlich wie ein Schatten folgte ihm der Weltenwanderer.


    Die Hafenverwaltung war eines jener erschlagenden Bürogebäude, wie man sie in den weltenüberwuchernden Makropolen zu Hunderttausenden fand: ein wuchtiger, hoch aufragender Kasten aus Beton und Plaststahl, der vielleicht irgendwann einmal eine Farbe gehabt haben mochte, nun aber nur noch von anthrazitfarbenen Schichten aus Staub, Russ und anderen Ablagerungen überzogen war. Fenster an Fenster reihten sich gleichförmig wie ein Schachbrett über die Fassaden, umrahmt von unzähligen der omnipräsenten Totenschädel.


    Kurz bevor sie ihr Ziel erreicht hatten, war Firondhir verschwunden. Konstantijn wunderte das wenig. Es war die Eigenart der Weltenwanderer. Es ersparte ihm die Mühe, seinen Begleiter zu erklären. Der Inquisitor hatte keine Zweifel, dass er den Eldar bald im Inneren des Gebäudes wiedertreffen würde. Er musste grinsen. Die Fähigkeiten der Eldar-Weltenwanderer stellten sämtliche imperialen Sicherheitsvorkehrungen bloss. Ein weiterer Grund, warum er ihre Hilfe bei seiner Arbeit schätzte.


    Der Inquisitor betrat das Verwaltungsgebäude durch die überdimensionierte, zweiflügelige Tür aus poliertem Messing. Die Empfangshalle, mindestens fünf Stockwerke hoch, war genauso hässlich wie das Äussere. Tatsächlich unterschieden sich die Wände, die das mit schwarzem Marmorimitat ausgelegte Foyer einschlossen, in nichts von der Fassade. Ein gewaltiger Leuchter aus Stahl war hoch oben an Ketten zwischen den Wänden aufgespannt. Die flackernde Kerzen imitierenden Leuchtkörper tauchten die Halle in ein unzureichendes, trübes Licht, das von den dunklen Wänden und Boden weitgehend aufgeschluckt wurde. Prunk und Repräsentation der imperialen Institutionen und billige, zweckdienliche Funktionalität hatten das Gleichgewicht verloren und waren zu dieser Monstrosität von einem Bauwerk ineinander gestürzt.


    Keine zwei Minuten hatte der Inquisitor sich in der menschenleeren Eingangshalle umgesehen, als ein Serviceservitor auf ihn zugeeilt kam. Seinen staksenden Bewegungen nach schienen sich unter der langen, marineblauen Robe mehr als nur zwei Beine zu befinden. Arme schienen dem halb biologischen Konstrukt zu fehlen. Das zweifellos menschliche Gesicht war hinter einer chrompolierten Maske verborgen.


    »Der Herr wünschen?« erklang die tonlos-metallische Stimme aus dem schmalen Lautsprecher an der Stelle des Mundes.


    »Den Magister Portūs«, antwortete Konstantijn, während er seine an einer Goldkette befestigte Rosette aus der Innentasche seiner Jacke zog. Die tiefroten Linsenaugen des Servitors fokussierten sich auf das inquisitoriale Amtszeichen. Offenbar war er ein höher entwickeltes Modell mit visueller Objekterkennen. Jedenfalls drehte er sich im nächsten Moment auf der Stelle um und schepperte: »Jederzeit zu ihren Diensten, Herr Inquisitor. Bitten folgen Sie mir.«


    Der Servitor führte Konstantijn die breite Freitreppe am Ende der Halle hinauf und dann über einige weitere Treppen vor eine grosse, dunkle Tür. Der Maschinenmensch verneigte sich steif mit den Worten: »Der gnädige Herr erwartet sie« und zog sich trippelnd zurück. Als Konstantijn die Hand auf die Klinke legte, bemerkte er einen Schatten im Augenwinkel. Mit einem knappen Lächeln öffnete er die Tür und hielt sie einen Moment einen Spalt auf, bevor er in das Büro trat.


    Der Hafenmeister, ein älterer, hagerer Mann mit silbergrauen Haaren wie ein Topfhelm, sah von seinem opulenten, mit vergoldeten Schnörkeln verzierten Schreibtisch auf. Sein Gesicht wurde zunehmend ungehaltener, während er den jungen Mann betrachtete, der eben eingetreten war: ein ovales, blassrosa Gesicht, graugrüne Augen, die rotblonden Haare kinnlang und scheinbar ungekämmt, ein abgetragener Mantel in beinahe der gleichen Farbe über einer einfachen, blauen Jacke, schwarzen Hosen und braunen Lederstiefeln.


    Leicht gereizt, aber dennoch bemüht, einen Rest Höflichkeit zu erhalten, sprach er den Eintretenden an: »Junger Mann, bitte verlassen Sie augenblicklich mein Büro. Sie wurden nicht hereingebeten und ich erwarte…«


    Konstantijn wartete nicht, bis der Hafenmeister zu Ende gesprochen hatte, sondern zog seine Rosette hervor. Augenblicklich verstummte der Beamte. Es dauerte fast eine halbe Minute, bis er seine Sprache wiedergefunden hatte. Dass Konstantijn die Zeit geduldig und ohne ein Wort zu sagen abwartete, erhöhte die Peinlichkeit der Situation für den Mann noch um einiges.


    »Herr Inquisitor, ich bitte um Verzeihung«, stammelte er, »ich hatte nicht erwartet… Wie kann ich Euch weiterhelfen?«


    Erst jetzt fiel dem Hafenmeister der Begleiter des jungen Mannes auf: eine hoch gewachsene, scheinbar schlanke Gestalt in einem langen, schwarzen Mantel, das Gesicht verborgen hinter einem ebenso schwarzen Schal und einer tief in die Stirn gezogenen Kapuze. Irgendetwas an ihr wirkte fremdartig, selbst wenn – oder vielleicht gerade weil - sie völlig regungslos dastand. Er hatte ihn nicht eintreten sehen. Verunsichert wanderte der Blick des Mannes zwischen den Fremden und dem Inquisitor hin und her. Als Konstantijn jedoch nur kurz ein langsames Kopfschütteln andeutet, sammelte der Hafenmeister sich wieder und konzentrierte sich ganz auf seinen Gast.


    »Ich benötige die Daten zu allen ausgehenden Schiffen der letzten 24 Stunden«, antwortete Konstantijn auf die Frage.


    Der Hafenmeister nickte eifrig. Kurz war er davor gewesen, nach dem Grund zu fragen, wie es sonst seine Gewohnheit gewesen wäre. Doch dann fiel ihm wieder ein, mit wem er es zu tun hatte. Der Amtmann beugte sich über die ausladende, in seinen Schreibtisch eingearbeitete Tastatur und öffnete mit einigen umständlichen Eingaben das Hauptverzeichnis der Schiffsbewegungen, die daraufhin in grün glimmenden Zahlenreihen auf dem ebenfalls in die Tischplatte eingelassenen Bildschirm angezeigt wurden.


    »Zu ihrer Verfügung, Herr Inquisitor.« Mit einer ausladenden Geste bot der Hafenmeister Konstantijn seinen Stuhl an. Als dieser Platz genommen hatte, warf er dem Mann, der immer noch neben ihm stand, einen auffordernden Blick über die Schulter zu.


    »Ah… Dann lasse ich Euch jetzt in Ruhe arbeiten«, sagte er. »Falls Ihr etwas benötigt, findet ihr mich nebenan bei meinem Sekretär.« Mit einer kurz angedeuteten Verbeugung verliess der Hafenmeister das Zimmer durch eine Seitentür.


    Firondhir musste unter seiner Maske lächeln. Im Vergleich zu den Asuryani war die Körpersprache der Cresistauead unbeholfen, oberflächlich, geradezu primitiv, aber zweifelsohne wirkungsvoll. Und Konstantijn beherrschte sie so auffallend, dass es sogar einem Aeldari Anerkennung abringen musste. Dann trat der Weltenwanderer an den Schreibtisch heran und stelle sich neben den Inquisitor.


    Konstantijn fuhr mit den Fingern über den Bildschirm. Berührungssensitive Displays waren eine technologische Rarität und nur bei den wichtigsten Institutionen der wohlhabendsten Welten zu finden. Die Hafenbehörde eines für den Subsektor bedeutenden Verkehrsknotenpunktes gehörte offensichtlich dazu.


    »Kannst du dich an die Abflugzeit erinnern?« fragt er Firondhir, ohne von dem Schirm aufzuschauen.


    »Nicht in eurer Zeitmessung«, antwortete der Eldar.


    »Na gut. Irgendetwas anderes?«


    »Die Bezeichnung der Landeplattform und die Nummer der Fähre. Aber ich kann sie nicht aussprechen.«


    Konstantijn seufzte. Er rückte den Stuhl beiseite und verwies Firondhir auf dem Bildschirm. Der Weltenwanderer zog seine Kapuze ab und den Schal vom Gesicht und beugte sich über das Display.


    »Diese.« Er deutete mit dem Finger auf die Spalte, die die Nummer der Landeplattform trug. Augenblicklich vergrösserte sich der Bereich und verdrängte die Daten der anderen. Firondhir ging die Kolonnen durch, bis er schliesslich innehielt und auf eine Zeile wies. »Das ist die Bezeichnung.«


    Konstantijn besah sich den Eintrag und tippte auf die Flugnummer. Sofort öffnete sich ein Fenster mit den weiteren Informationen.


    »Ziel der Fähre war ein Schiff namens Yukikaze. Eigner ist ein Freihändler namens Emanuel von Drach. Es hat den Orbit vor weniger als zwei Stunden verlassen. Ziel…«


    Im selben Moment klopft es, und noch bevor Konstantijn antworten konnte, öffnete der Hafenmeister die Tür.


    »Darf ich den Herren etwas b…«. Der Mann verstummte mit offenem Mund, als er Firondhir sah: das ungewöhnlich längliche Gesicht mit den hohen Wangenknochen, die schmalen, leicht schräg stehenden Augen, die ihn finster anblitzten, die alabasterweisse Haut, die spitzen Ohren, die aus den schwarzen, zu einem offenen Zopf hochgebundenen Haaren herausragten.


    Konstantijn drehte sich ruhig dem Beamten zu. »Wir brauchen nichts, danke. Wir haben gefunden, wonach wir gesucht haben. Jetzt lassen wir Sie allein, Magister. Sie haben sicherlich noch andere Pflichten, von denen wir sie nicht länger als nötig abhalten wollen.«


    »Ja… ja«, stammelte der Mann, rührte sich aber nicht von der Stelle, währen der Inquisitor einen Schritt auf ihn zutrat. Derweil legte sein fremdartiger Begleiter wieder seine Vermummung an. Weniger als einen Meter vor dem sichtlich nervösen Beamten blieb Konstantijn stehen, zog noch einmal seine Rosette aus der Jackentasche und liess den Anhänger demonstrativ unter seine Jacke gleiten, als wäre dies der eigentliche Zweck der Handlung gewesen.
    »Es versteht sich natürlich von selbst, dass alles, was Sie hier gesehen haben, Geheimsache der Inquisition ist. Weder mein Begleiter noch ich selbst waren jemals hier.«


    »Es versteht sich von selbst«, wiederholte der Hafenmeister tonlos.


    »Sie sind ein einsichtsvoller Mann«, sagte Konstantijn und verabschiedete sich mit dem Zeichen des Aquila. »Der Imperator beschützt.«


    »Der Imperator beschützt«, antwortete der Hafenmeister, immer noch verwirrt, während der Inquisitor und der Fremde sein Büro verliessen.


    »Das gefällt mir nicht«, sagte Firondhir, als die beiden sich wieder auf der Strasse befanden.


    »Mir auch nicht«, gab Konstantijn zurück. »Aber wahrscheinlich meinst du etwas anderes als ich. Wie auch immer, wir müssen uns ein Schiff besorgen. Und zwar so schnell wie möglich.«


    Gut drei Stunden nach ihrem Aufbruch kehrten der Inquisitor und der Weltenläufer in das Gasthaus zurück. Henk erwarte sie in Konstantijns Zimmer. Locker zurückgelehnt, die Hände auf dem Schoss gefaltet, saß er auf dem einzigen Stuhl.


    Konstantijn sah ihn kurz an, streifte den Mantel ab und ließ sich in Ermangelung anderer Sitzmöbel wortlos auf das Bett fallen. Er musste kein Telepath sein, Henks mürrischer Gesichtsausdruck genügte.


    »Hij is weg«, sagte der Soldat.


    Der Inquisitor fuhr sich mit beiden Händen über das Gesicht. Die Sache war erledigt. Monate der Ermittlungsarbeit. Alles, was ihm blieb, war die Hoffnung, dass ihre Zielperson in der Zwischenzeit keinen irreparablen Schaden anrichtete. Eine vage Hoffnung.


    Firondhir stand wortlos in der Ecke, aber Konstantijn konnte seine Erwartungshaltung spüren. Seis drum, jetzt konnte er sich auch dieser Angelegenheit widmen. Er erhob sich, sammelte seinen Mantel ein, ging auf die Knie und holte sein Schwert unter dem Bett hervor. Die einschneidige, leicht gebogene Klinge steckte in einer Scheide aus dunkelrotem Leder. Die geschwungene Parierstange und der schlanke, mit fein verflochtenen Schnüren umwickelte Griff verriet eine Herkunft der Waffe abseits der üblichen imperialen Herstellung.


    »Du hast nicht vor, was ich denke«, warf Henk ein.


    Konstantijn legte die Waffe und den Mantel auf das Bett. Anstatt die Frage zu antworten, gab er Anweisungen.


    »Setzt alle verfügbaren Mittel daran, die Spur des Kommodores wieder aufzunehmen. Du hast alle Vollmachten, die du brauchst. Sobald das hier erledigt ist, werde ich mit dir Kontakt aufnehmen. Ich hoffe, dass wir die Angelegenheit und grossen Aufwand und Aufsehen hinter und bringen können.« Er hielt kurz inne, ehe er mit weicherer Stimme weitersprach. »Und ich vertraue dir Channa an. Gib gut auf sie Acht.«


    Henk nickte. Er kannte Konstantijn fast dessen ganzes Leben, lange bevor er Inquisitor war. Ihm etwas auszureden, zu dem er fest entschlossen war, war beinahe unmöglich.


    Der Inquisitor fuhr fort, einige Reiseutensilien in eine Umhängetasche aus Segeltuch zu packen.


    »Ist die Orestes noch im Orbit?« fragt er.


    »Soviel ich weiss, ja. Wir hatten sie nicht angewiesen, zu warten.«


    Als Konstantijn seine Vorbereitungen abgeschlossen hatte, griff er nach Schwert und Mantel, zog sich das Kleidungsstück über und schwang die Waffe über den Rücken. Henk erhob sich vom Stuhl, trat dem Inquisitor gegenüber und legte ihm die Hände auf die Schulten.


    »Zorg goed voor jezelf, mijn jongen.«


    »Ik wel, maak je geen zorgen. Wir statten einem Freihändler einen Besuch ab. Da erwarte ich wenig, was sich nicht mit Geld oder guten Worten lösen lässt. Tot ziens.«


    Konstantijn warf sich die Tasche über die Schulter und verliess das Zimmer. Firondhir wandte sich um, ihm zu folgen. Bevor er durch die Tür gehen konnte, stellte Henk sich ihm in den Weg und richtete seinen rechten Zeigefinger auf den Weltenwanderer. »Ihr schuldet uns was, Eldar.«


    Der Weltenwanderer antwortete mit einem ernsten Blick und einem knappen Nicken.

  • IV




    »Ach. Der falsche Xenos…«, seufzte Emanuel, der lässig auf dem Kommandositz der Yukikaze sass. Der grimmige Soldat vor ihm nickte kurz.


    »Ich habe den verantwortlichen Gruppenführer bereits unter Arrest gestellt, Sir.«


    Emanuel schaukelte gelangweilt auf dem prächtigen, mit Samt bezogenen Kommandantensessel hin und her.


    »Nun denn. Das ist… schade. Wir haben aber keine Zeit mehr, um nach dem anderen zu suchen.«


    Stepan, der Emanuels Söldner kommandierte, versuchte seine eiserne Miene beizubehalten. Wie angewurzelt stand er da, breitschultrig, die Hände hinter dem Rücken verschränkt. Doch Emanuel kannte ihn schon viel zu lange. Der Freihändler hatte das überraschte, fast unmerkliche Zucken in Stepans gesundem Auge sofort gesehen.


    »Sir?«, fragte Stepan mit monotoner, teilnahmsloser Stimme.


    »Die lokalen Behörden werden unruhig. Vielleicht irgendeine undichte Stelle bei unserer Kontaktperson. Da das Geschäft erledigt ist, verschwinden wir. Es wäre zwar schön gewesen, wenn wir den anderen Xenos geschnappt hätten. Ich hätte meinen Freunden eine grosse Freude bereitet – aber das spielt jetzt keine Rolle.«


    »Ich werde unverzüglich den Abflug befehlen. Was sollen wir mit dem Eldar, den Team Aglaia gefangen genommen hat, anstellen?«


    Stepan starrte weiter auf den imaginären Punkt irgendwo über Emanuels Kopf und behielt seine straffe Haltung bei.


    Emanuel zuckte mit den Schultern.


    »Anton wollte doch vor einiger Zeit mit den Eldar Kontakt aufnehmen. Er kann den da haben, vielleicht spuckt der ja was Nützliches aus. Falls nicht, verkaufen wir ihn an seine Artgenossen.«


    Stepan salutierte zackig.


    »Dann melde ich mich ab.«


    »Gut. Denk daran, dass der Eldar seine Medizin bekommt, ehe wir den Warpraum betreten. Es wäre schade, wenn unserem Gast etwas passieren würde.«


    Stepan nickte ein letztes Mal und wandte Emanuel den Rücken zu. Ohne zu zögern, begab er sich zur Kommunikationseinheit der Kommandobrücke und bellte seine Befehle in den Vox-Caster. Sofort erwachte das Schiff zum Leben. Mit einem dumpfen Surren starteten die Generatoren des mächtigen Kreuzers, während die Besatzung alle nötigen Vorbereitungen zum Start traf.



    ***



    Von der Transportfähre aus hatte Margil einen Blick auf das Schiff werfen können, auf das die Söldner ihn brachten. Die Schiffstypen, die die Menschen verwendeten, waren ihm weitgehend unbekannt. Doch eines wurde ihm klar: Er hatte ein grosses Problem. Die Ausmasse des Schiffs waren absurd gigantisch, ebenso wie die Reihen von Geschützbatterien längs des Rumpfes. Bei dem stählernen Koloss musste es sich um ein Grosskampfschiff handelte, dass es mit den meisten Schiffe der Flotte ZarAsuryans aufnehmen konnte. Um ihn aus diesem Behemoth herauszubekommen, würde Firondhir eine kleine Armada mobilisieren müssen. Doch Margil war bewusst, dass er, ein einzelner Weltenwanderer, zu unbedeutend war, als dass das Weltenschiff sind in einen Konflikt mit den Menschen begab. Es war das Risiko derer, die sich auf den Pfad der Ausgestossenen begaben.


    Margil hatte bereits zu viel erlebt, um angesichts seiner Lage Furcht zu empfinden. Doch die offenkundige Aussichtlosigkeit war bedrückend. Wenigstens schienen die Chem-Pan-Sey kein Interesse an seinem Tod zu haben, Möglichkeiten, ihn zu töten, hätten zu Genüge bestanden. Doch dies war wenig beruhigend. Die Worte des Söldneranführers waren ihm noch im Gedächtnis. Ihre Jagd hatte Firondhir gegolten, und Margil war klar, wer hinter dem Auftrag stand. Alles deutete darauf hin, dass nun er anstatt seiner in die Dunkle Stadt gebracht würde.


    Doch so weit würde er es nicht kommen lassen. Der blonde Weltenwanderer klärte seinen Geist und besann sich auf die Fähigkeiten seiner Aspektpfade, bereit, bis zum Letzten zu kämpfen,. Mit Bedauern kam ihm der Verlust seiner Ritualklinge in den Sinn. Sie im Besitz des tumben Chem-Pan-Sey zu wissen, erfüllten ihn zusätzlich mit Wut. Doch er hütete sich, sich zu überstürztem Handeln verleiten zu lassen. Er würde abwarten, mit der Geduld des MeanTokath[1] und der Bedachtsamkeit des EsikCaman.[2]


    Nachdem das Shuttle im Frachtraum des riesigen Kriegsschiffs gelandet war, packte einer der grobschlächtigen Soldaten den Eldar an der Schulter und zerrte ihn aus der Transportfähre hinaus.


    »Los, Xenos-Abschaum!«, fauchte der Mann mit lauter, kratziger Stimme. Margil warf ihm einen bösartigen, verächtlichen Blick zu, beugte sich aber dem Befehl. Im Augenblick hatte es keinen Sinn, sich zu widersetzten.


    Die Hangarbucht war vergleichsweise modern ausgestattet und verfügte über die besten technischen Einrichtungen, die das Imperium zu bieten hatte. Die Innenhülle des Schiffes war mit weissem Kunststoff abgedeckt, der mit eleganten, goldenen Runen verziert war. Die Maschinen und Geräte, die für den Betrieb des Hangars notwendig waren, glänzten im grellen Licht gigantischer Leuchtkörper. Wie es schien, wurden alle Metallteile mit grossem Aufwand sorgfältig poliert. Margil ließ verstohlen seinen Blick schweifen. Alles Dunkle und Bedrohliche, mit dem die Cresistauead üblicherweise ihre klobigen Gerätschaften zu verzieren pflegten, glotzende Schädel, kantige Adlerikonen, Wachssiegel und Pergamentstreifen, fehlten hier. In seiner Sauberkeit und Eleganz erschien der Ort wie eine misslungene Imitation der Bauweise der Aeldari, kalt, künstlich und rechtwinkelig, der fließenden, gewachsenen Formen mangelnd, und in einer blendenden Helligkeit, die in den Augen brannte. Der Hall der plumpen Schritte der Menschen dröhnten wie Donner in der weiten Halle.


    Der Weltenwanderer wurde irgendwo tiefer in den Bauch des Schiffes gebracht. Je weiter sie in das Innere des Schiffs vordrangen, umso schmutziger und enger wurden die Korridore. Nach einer gefühlten Ewigkeit kamen der Tross vor einer massiven Sicherheitstür an. Der Bewacher stellte sich vor ein Sprechgerät und sagte einige Worte, worauf sich die mächtige Türe langsam öffnete. Der Raum dahinter war komplett in kaltem Weiss gehalten. Als Ausstattung diente eine unbequem aussehende Pritsche, ein kleiner Tisch mit zwei Stühlen und eine tellergrosse Metallschüssel, die einsam in einer Raumecke stand, möglichst weit weg von den restlichen Möbeln. In der Mitte des Raums war an zwei Trägern eine aufrechtstehende Stahlplatte mit Fesselvorrichtungen montiert.


    Margil betrachtete den trostlosen Raum. Offensichtlich sollte er vorübergehend der neue Bewohner dieser Zelle sein. Unvermittelt ergriffen ihn die Soldaten und presste ihn gegen die Stahlplatte. Ein weiterer Soldat stand mit gezogener Boltpistole daneben, bereit, jederzeit abzudrücken, sollte der Eldar versuchen, sich zu wehren.


    Mit einem unangenehmen Surren startete der Schliessmechanismus. Margils Hände und Füsse wurden durch das mechanisch wenig ausgeklügelte System auf der Stahlplatte festgezerrt. Nun war er den Chem-Pan-Sey vollständig ausgeliefert.


    Die Soldaten musterten den Eldar mit verächtlichen Blicken. Einer der Männer murmelte etwas Unverständliches und spuckte dann einen grossen, schleimigen Klumpen vor Margils Füsse. Der blonde Weltenwanderer warf ihm einen hasserfüllten Blick zu, liess sich aber nicht dazu herab, etwas zu sagen. Dann verliessen die Menschen die Gefängniszelle und liessen Margil allein zurück.


    Ein lautes Grollen zeugte davon, dass die Generatoren des Schiffs hochstarteten. Die ganze Zelle vibrierte unter der Kraft der anlaufenden Triebwerke. Ein spontaner Gedanke kam Margil in den Sinn. Er rüttelte und zerrte an seinen Fesseln, ungeachtet dessen, dass sich die metallenen Kanten schmerzhaft in seine Knöchel und Handgelenke drückten. Doch die Hoffnung, dass der Schliessmechanismus sich durch die Erschütterungen etwas gelockert hatte, war schnell zunichtegemacht. Die Fesselzangen waren trotz ihrer primitiven Bauart unverwüstlich.


    Der Weltenwanderer seufzte resigniert. Im gleichen Moment, als wäre dies der Auslöser gewesen, begann überraschend die Hydraulik der Sicherheitsschleuse mit einem lauten zischen die schwere Türe anzuheben. Eine groteske Kreatur rollte durch die Schleuse und näherte sich stumm. Irgendwann musste sie wohl einmal ein Mensch gewesen sein, doch waren beide Beine durch eine fahrbare Konstruktion ersetzt worden. Unzählige Kabel und Röhren verbbanden das rostige Fahrgestellt mit dem eiternden, entzündeten Torso. Der Kopf hing leb- und ausdruckslos an einer stark gekrümmten Wirbelsäule. Schwarze Löcher ersetzten die Augen, die offenbar chirurgisch entfernt worden waren.


    Erschreckender als der widerwärtige Körper waren jedoch die unzähligen medizinischen Gerätschaften, die die Arme ersetzten. Auf jeder Seite war etwa ein halbes Dutzend vielgliedriger Stangen montiert, die mit jeder erdenklichen Art simpelster Werkzeuge ausgerüstet waren.


    Margil schnappte nach Luft. Die Vorstellung, dass dieses abstossende Ding mit solch primitiven Werkzeuge irgendetwas mit ihm machen würde, liess ihn sich beinahe übergeben.


    Ohne auch nur irgendeine Reaktion auf den Eldar zu zeigen, hielt der monströse Servitor direkt neben ihm an. Eine unangenehme Mischung aus Weihrauch und Promethium-Abgasen kroch in Margils Lungen und liess sie sich schmerzhaft verkrampfen. Nur Sekunden, nachdem der Servitor seine Position eingenommen hatte, begann eine blutverkrustete Zahnradkonstruktion, die halb aus dem Rücken des Wesens herausschaute, sich mit einem lauten Knattern zu bewegen. Der Weltenwanderer erkannte einen Kettenzug, der das innere des Servitors mit dessen Werkzeugen verband. Langsam schob sich eine kleine Phiole mit einer tiefschwarzen Flüssigkeit entlang der Führungsleiste hinauf, ehe das Knattern verstummte und das kleine Fläschchen in einer grossen Spritze einrastete.


    Margils Abscheu schlug in blanke Angst um. Verzweifelt, der Sinnlosigkeit seines Tuns bewusst, versuchte er, seine Arme aus den Fesseln zu ziehen. Der kalte Stahl schnitt trotz seines Anzugs tief in seine Haut, gab aber nicht nach.


    Ohne dass er eine Chance gehabt hätte, sich zu entziehen, bewegte sich der mechanische Arm unaufhaltsam auf ihn zu. Die Nadel erreichte seinen Hals. Als der Servitor zustach, überkam ihn eine Welle des Schmerzens. Die warme Flüssigkeit strömte in seine Adern. Sein Hals brannte fürchterlich, auch als die Kreatur die Spritze wieder entfernt hatte.


    Ein sanfter Schleier legte sich über Margils Verstand. Die Welt schien jegliche Farbe zu verlieren, alles um ihn herum wurde grau und milchig. Seine Sinne verloren ihr Feingefühl. Sein ganzer Körper fühlte sich schwer und taub an. Einen kurzen Moment überfiel ihn Panik. Das Serum raubte ihm seine Geistesschärfe und die Fähigkeit, seine Umgebung in allen Facetten wahrzunehmen. Es war ein beängstigendes Gefühl des absoluten Kontrollverlustes, als fehlte ein Teil seines Ichs.


    Dann folgte ein Gefühl der Ruhe. Das leise, kaum hörbare Flüstern, vor dem sich jeder Aeldari stets verschliessen musste, verstummte. Margil fühlte sich befreit und behütet zugleich. Als ob alle Gefahren, die sein Volk und seine Heimat je bedroht hatten, einfach verschwunden waren.


    Margil konnte nicht sagen, wie lange er in diesem tranceartigen Zustand gewesen war. Irgendwann schienen seine Sinne sich wieder etwas zu erholen. Dennoch war etwas anders. Die Welt hatte ihre Feinheiten verloren, wirkte stumpf und simpel. Und er fühlte sich unendlich einsam. Als wäre er der letzte, der noch von seinem Volk übrig war. Als hätte ZarAsuryan aufgehört zu existieren. Als wären seine Familie, Firondhir, Ànathuriel, Ydrir, nicht mehr in dieser Welt. Seine ganze Existenz war zu einer banalen Aneinanderreihung nichtiger Momente verkommen. Margil spürte, wie Tränen seine Wangen herunterrannen. Was hatten die Chem-Pan-Sey ihm nur angetan?


    Eine gefühlte Ewigkeit später öffnete sich die Zellentüre erneut. Einen Moment glaubte Margil zu fantasieren, musste dann aber feststellen, dass ihn seine Sinne nicht täuschten. Sofort verfluchte er seine Emotionalität und wünschte sich, sein Gesicht verbergen zu können, um den Menschen nicht seine Schwäche offenbaren zu müssen.


    Ein in elegante, rot-goldene Gewänder gekleideter Mensch stand vor ihm. Seine Gesichtszüge waren für seine Art aussergewöhnlich schmal und fein, seine violetten Augen wirkten warm und freundlich, funkelten aber dennoch listig. Die schwarzen, schulterlangen Haare waren perfekt nach hinten frisiert. Nur eine einzelne, schneeweisse Strähne fiel dem jungen Mann vors Gesicht.


    Der Fremde, so musste der Weltenwanderer sich eingestehen, hätte wohl auch unter den Aeldari als ansehnlich gegolten. All die biologischen Unzulänglichkeiten der Chem-Pan-Sey schienen mit grösster Sorgfalt ausgemerzt worden zu sein.


    Dann wurde der Weltenwanderer der kleinen Gruppe gewahr, die dem Mann nachfolgte. Zu seiner Überraschung stand, neben drei bewaffneten Söldnern, die sofort ihre grobschlächtigen Gewehre auf ihn richteten, hinter dem Schönling eine Aeldari-Frau.


    Doch irgendetwas an ihr war anders. Gekleidet in der knappen Rüstung einer Drukhari-Hagashîn und mit den dazugehörigen Waffen gerüstet, hatte ihre Haut eine fahle, blaugraue Färbung wie die einer Toten. Ihre dunklen, rot flimmernden Augen hatten keinerlei Ausdruck. Sie bewegte ihren Körper zwar mit der für Drukhari üblichen eleganten Arroganz, doch ihr Gesicht schien wie eine kalte, leblose Maske. Die Tatsache, dass sie unterwürfig hinter dem offensichtlichen Anführer der Gruppe stand, schien der Natur der Aeldari komplett zu widersprechen.


    »Ual ashkam[3]? Kel Chem-Pan-Sey ashkam[4]?«, richtete Margil sich direkt an die merkwürdige Drukhari.


    »Ualmearrith daeli athar rrithin ual[5]«, flüsterte sie zurück und warf dem Weltenwanderer einen leeren, gefühllosen Blick zu.


    Einen Moment lang war Margil fassunglos. Wie konnte eine Aeldari-Frau, eine Drukhari noch dazu, einen Menschen als höhergestellt, als überlegen bezeichnen? Doch ihre Augen, ihr gesamtes Erscheinungsbild war das einer leblosen, willenlosen Puppe. Die Worte waren in ihrer Sprache, die Seele, den Geist einer Aeldari konnte er nicht in ihr erkennen. Beinahe empfand er Mitleid mit ihr.


    Der gestriegelte Mensch zwinkerte Margil belustigt zu.


    »Leider verstehe ich eure wundervolle Sprache nicht, Eldar«, erklärte er mit sanfter, freundlicher Stimme, die sich jedoch sogleich in ein kaltherziges, arrogantes Zischen verwandelte. »Aber hier habe ich das sagen. Und du hast erst zu sprechen, wenn ich dich dazu auffordere!«


    »Fordere, was dir beliebt, Chem-Pan-Sey. aber erwarte nicht, dass ich deinen Forderungen nachkomme«, entgegnete Margil mit nicht minder kalter Stimme.


    Der Mann musterte den Weltenwanderer von oben bis unten, ehe er wieder mit aufgesetzt freundlicher Miene fortfuhr: »Meine Güte«, kommentierte der Mann die missliche Lage, in der sich der Eldar befand. »Behandelt man so seine Gäste?«


    Mit einer energischen Handbewegung, die so gar nicht zu der wohlwollenden, sanften Stimme passen wollte, wies er seine Söldner an, die Fesseln des Weltenwanderers zu lösen. Während die Soldaten sich daran machten, den Befehl auszuführen, schob er lässig mit dem Fuss einen der Stühle zu seinem Gefangenen hinüber.


    »Setzt Dich!«


    Margil strauchelte, als er von der Stahlplatte los war. Hätten die Soldaten ihn zu stützen versucht, er hätte sie zurückgewiesen. Doch auf solch eine Geste hätte er ohnehin nicht hoffen können.


    Trotz seiner Abgestumpftheit war ihm der fordernde, ja fast boshafte Unterton des Anführers nicht entgangen. Doch entkräftet und noch immer nicht Herr seiner Sinne liess er sich auf den Stuhl sinken, wissend, dass die Söldner mit entsicherten Waffen auf ihn zielten. Matt blickte er den Menschen an, der selbst stehen geblieben war, um auf ihn herabzusehen.


    »Was hast du mit mir gemacht, Chem-Pan-Sey?«, stiess Margil erschöpft hervor.


    »Keine Sorge. Das Serum ist ein Extrakt der Cimaranischen Gorgo. Es dämpft deine psionische Empfindsamkeit auf ein fast inexistentes Niveau. Auf unserer Warpreise hättest du dich ohne mein Serum ansonsten wohl in eine sabbernde Bestie verwandelt. Der Effekt lässt mit der Zeit nach, ich glaube nicht, dass du noch eine zweite Dosis benötigst. Laut unserem Navigator sind wir bald am Treffpunkt.«


    Margil dachte einen Moment nach. Was der Mensch sagte, ergab Sinn. Demnach befanden sie gerade im Sha’eil. Ein kalter Schauer lief dem Weltenwanderer den Rücken hinunter, als ihm bewusstwurde, wie nah er Ihr, die Dürstet, gerade war. Und doch nahm er nichts von ihrem Einfluss wahr. Beinahe wünschte er sich Ihre flüsternde Stimme herbei, wenn er doch nur zugleich auch die Welt wieder so empfinden konnte, wie zuvor.


    »Übrigens, nenn mich Emanuel.« Der Mensch grinste Margil zynisch an.


    »Meinen Namen brauchst du nicht zu kennen«, gab Margil schroff zurück.


    Emanuel lachte. »Wie unhöflich. Ihr verdammten Xenos habt einfach keinen Anstand.« Er wandte sich zu der Drukhari-Frau hinter ihm um. »Nicht wahr, mein kleines Kätzchen?«


    Zu Margils entsetzen nickte die Hagashîn. »Ja, Meister.«


    »Siehst du? Sie kennt ihren Platz.« Emanuel hatte sich wieder zu Margil umgedreht. »Auf jeden Fall bist du mein Gast. Ich will dir einen guten Freund vorstellen. Bis dahin bleibst du hier. Meine liebe Laenryl wird auf dich aufpassen.«


    Ohne eine Antwort abzuwarten, drehte sich Emanuel mit einer eleganten Bewegung um und verliess die Zelle.


    »Bringt dem Alien essen, trinken und etwas hübsches zum Anziehen«, befahl er ganz beiläufig. »Keiner soll behaupten, die von Drachs behandelten ihre Gäste schlecht.«


    Dann ließ er Margil mit sich allein zurück.



    ***



    Anton sass mit Ashenya an einem der Tische, die separiert in mehreren diskreten Nischen standen. Die äusserst bequeme Polsterbank wand sich im Halbkreis die Wand entlang, so dass man selbst die ganze Bar einsehen konnte, gegen neugierige Blicke aber weitgehend geschützt war.


    Hector lehnte einige Schritte entfernt an der Theke. Er hatte einen weissen, ungesund wirkenden Plastikbehälter vor sich, der über kein Etikett verfügte. Die trübe Flüssigkeit darin war minderwertigster Industrieschnaps: Billig, stark und schädlich. Das kleine Metallgefäss daneben war bis an den Rand mit ausgedrückten Loh-Stäbchen gefüllt. Trotzdem rauchte Hector teilnahmslos Stäbchen um Stäbchen und übersah absichtlich, dass jedes Mal, wenn er wieder eines aufgeraucht hatte und es in das Gefäss drückte, kalte Asche auf den Tresen hinabfiel.


    Anton hatte sich eine Flasche Wein bestellt, ein lokales Produkt. Auf dem Etikett war zwar ein prunkvoller Imperialer Adler abgedruckt, jedoch fehlten alle Angaben über Zusammensetzung oder Produktionsjahr. Entsprechend erinnerte der Geschmack auch an Reinigungsmittel. Trotzdem stand schon die zweite Flasche auf dem Tisch.


    Die Bar, deren Mobiliar recht gemütlich, aber deutlich in die Jahre gekommen war, befand sich inmitten einer Industrieebene. Sie gehörte zu den teureren Etablissements dieses Sektors, war aber trotzdem primär für die verarmte, hart arbeitende Unterschicht und Makropolengangster. Dennoch war das Lokal ihre beste Option, denn Ashenya durfte sich auf den oberen Ebenen nicht frei bewegen – und erst recht nicht die gehobenen Lokalitäten betreten.


    Anton war nicht besonders gut gelaunt. Seine Mission in den Slums hatte sich als Reinfall herausgestellt und sogar noch das Eingreifen des Adpetus Arbites beschleunigt, der just in diesem Moment dabei war, die unteren Ebenen zu „säubern“. Aus seiner Erfahrung schätze Anton, dass wohl mindestens die Hälfte aller Mutanten der betroffenen Ebene massakriert werden würde. Der billige Wein erfüllte aber seinen Zweck. Die zweite Flasche war inzwischen halb leer, das Gesöff hatte seine Wut gedämpft und in Resignation und Trübsinn verwandelt.


    »…noch einmal, du hättest nichts daran ändern können…«


    Ashenya war schon eine ganze Weile damit beschäftigt, Anton gut zuzureden. Für Aussenstehende musste die Situation äusserst absurd wirken, denn da beide nur telepathisch Kommunizierten, hocken sie nur stumm nebeneinander und wechselten maximal ein paar Blicke.


    »Ich hasse die Menschen. Sie sind so schwach. Alles, was andersartig ist, macht ihnen Angst«, antwortete Anton mit seiner psionischen Begabung. »Und sie haben dabei noch Recht. Gerade weil sie so schwach sind, ist ja alles eine Bedrohung. Sie fürchten sich zu Recht.«


    »Sie sind Kleingeister. Die meisten deiner Spezies sind unterentwickelt. Wenn ich etwas weiss, ist es, dass du nicht dazu gehörst. Setzte dich nicht auf eine Ebene mit diesen Primitiven!«


    Anton blickte kurz auf.


    »Ashenya, trotz allem bin ich ein Mensch. Ich gehöre genauso dazu, auch wenn es mich anwidert. So oft widert es mich an.«


    Das Alien wusste, was Anton sagen wollte, aber es konnte Antons Gedanken nicht ganz nachvollziehen.


    »Du opferst dich für dein Imperium auf, obwohl du es verabscheust. Auch wenn das Imperium, wie du sagst, die einzige Chance ist, dass die Menschheit überlebt, musst du dich auch um dich selbst kümmern. Höre auf, darüber nachzudenken, wie du allen helfen kannst. Überantworte die Niederen deiner Spezies dem Schicksal, hilf denen, die es wert sind.«


    »Und ich soll entscheiden, wer es wert ist und wer nicht? Ashenya, hör auf damit. Ich weiss es doch. Ich bin Inquisitor, es ist meine verfluchte Aufgabe, zu entscheiden, wer es wert ist und wer nicht!«


    »Ich will dir nur helfen«, erwiderte Ashenya. »Mein Volk wusste, dass nur die Weisesten fähig sind, um den Fortbestand zu sichern! Bei euch Menschen wäre es genauso. Menschen wie Mapheph. Wie du.«


    »Du verstehst das nicht! Ja, manchmal muss man Opfer bringen oder Opfer fordern. Aber nur wenn es keine andere Möglichkeit gibt! Würde ich akzeptieren, dass manche ohnehin verloren sind, wäre ich genauso, wie die anderen! Verdammt!«


    Anton war entnervt. Die Weinflasche leerte sich mit zunehmendem Tempo. Ashenya, die bemerkte, dass sie nicht zu Anton durchkam, entschied sich, es für den Moment sein zu lassen.


    »Ich… es… es tut mir leid. Ich will nur, dass es dir besser geht, Anton.«


    Sie verstand nicht, wie Anton so verbissen das Imperium verteidigen konnte, obwohl er mehr Elemente davon abzulehnen schien, als er befürwortete. Sie verstand, dass es Anton am Herzen lag, dass seine Spezies überlebt. Sie selbst wünschte sich, dass ihr eigenes Volk überlebt hätte. Doch machte es einfach keinen Sinn, sich für jeden Einzelnen einsetzen zu wollen.


    Anton schaute Ashenya etwas verloren an, als diese sich entschuldigte.


    »Schon gut. Danke. Manchmal… Manchmal wünschte ich mir, ich wäre wie du.«


    Ashenya lachte in den Warp, so dass Anton ihre Gefühle wahrnehmen konnte. »Wie ich?«


    Ein müdes Lächeln zeichnete sich auf Antons Lippen ab. »Ein Quarr’va. Ausserhalb des Lichts des Imperators. Frei und ungebunden.«


    »Eine schöne Vorstellung«, antwortete Ashenya nachdenklich. »Es gäbe so vieles, was ich dir gerne zeigen würde. Die Weisheit meines Volkes, all das, was nur unsere eigene Art verstehen kann.«


    Anton füllte sich ein letztes Mal sein Glas. Die Flasche war leer. Er hatte sich einen Moment konzentrieren müssen, um das Glas nicht zu verfehlen.


    Ashenya verzog das Gesicht. Die Mimik des echsenartigen Aliens war fremd und kaum zu lesen, doch kannte Anton seine Gefährtin bereits lange genug, um ihren Gesichtsausdruck richtig deuten zu können. Ehe er etwas sagen konnte, hörte er die weiche, sanfte Stimme des Aliens.


    »Nur darauf müsstest du verzichten. Du weisst, dass mein Volk sich allein durch einen reinen, wachen Geist vor der Unordnung der Ebene, die ihr Warp nennt, schützt.«


    Anton lachte laut. Dann schüttete er das Glas in einem Zug hinunter.


    »Ach verflucht«, gab der Inquisitor zurück. »Wenn ich sein könnte wie du, sähe ich ohnehin keine Notwendigkeit, dieses Abwasser zu trinken! Lass uns gehen.«


    Anton rutsche zum Ende der halbrunden Polsterbank und erhob sich etwas unsicher. Ashenya war bereits aufgestanden und legte ihren Arm auf Antons Schulter, um ihn etwas zu stützen. Dann begaben sie sich zusammen Richtung Ausgang. Als Hector sah, dass seine Freunde sich auf den Heimweg machten, kam er ihnen entgegen.


    »Und, schöner Abend?«, zischte er desinteressiert und warf den beiden einen leicht verächtlichen Blick zu. Sein Atem stank so stark nach Ethanol, dass man davon hätte betrunken werden können. Obwohl er den ganzen Abend Unmengen harter Getränke getrunken hatte, war sein stand stabil und seine Augen wachsam wie immer. Wäre nicht die grässliche Fahne, hätte man meinen können, Hector sei nüchtern.


    Ohne weitere Worte zu wechseln, gingen die drei los. Anton hatte ganz in der Nähe einen ehemaligen Industriehof requiriert, wo er seine Basis eingerichtet hatte.


    Bei dem Gebäude verabschiedete sich Hector, nachdem er die automatisierten Sicherheitssysteme aktivierte hatte. Anton bevorzugte solche Anlagen, die mit einem rudimentären Maschinengeist ausgestattet waren, gegenüber Wachleuten. Wann immer möglich, versuchte er in Ausseneinsätzen unauffällig zu bleiben. Ein Trupp Inquisitionsgardisten war dabei nicht unbedingt dienlich.


    Ashenya blieb bei Anton und begleitete ihn zu seinem Zimmer. Ohne weitere Worte zu wechseln, zog er sowohl Mantel als auch Hemd aus und legte sich auf die spartanische Pritsche, die im hinteren Teil des grossen Raumes stand. Ashenya war bereits wieder dabei zu gehen, als Antons Stimme in ihrem Geist erklang.


    »Du musst nicht gehen.«


    Das Alien drehte sich um und schaute zu Anton. Er hatte seine Augen bereits geschlossen und würde wohl kaum noch lange wach sein. Trotzdem entschied sich Ashenya, zu bleiben. In Antons Worten schwangen viele Gefühle mit, die er in seinem Zustand kaum mehr verschleiern konnte. Einsamkeit. Enttäuschung. Resignation.


    Ashenya suchte sich eine dunkle Ecke und begab sich in den Kniesitz. Sie sammelte ihren Geist und machte sich ihrer Umgebung und ihres Körpers bewusst. Sie konzentrierte sich auf das ruhige Atmen ihrer Lunge, den langsamen Schlag ihres Herzens und auf das angenehme Gefühl der warmen, feuchten Luft auf ihrer Haut. Sie fokussierte sich vollends auf die Realebene der Existenz – eine Meditationstechnik ihres Volkes, um sich temporär aus dem Warpraum zurückziehen zu können.


    Die Quarr’va hatten keine andere Möglichkeit, sich auszuruhen. Schlaf kannten die Aliens nicht, denn ohne die volle Kontrolle über ihren Geist würden die Schrecken des Warps gnadenlos ihre schutzlosen Seelen verschlingen.


    »Der Imperator beschützt“, dachte Ashenya. „Es muss befreiend sein, sich nicht selbst vor IHNEN in Acht nehmen zu müssen. Etwas, wofür ich Anton beneide.«


    Dann verschloss sie sich dem Warp endgültig.



    ***



    Anton wurde von Hector geweckt, der energisch an die Türe seines Zimmers schlug.


    »Anton, wir haben besuch!«, brüllte Hector, als Anton nicht sofort auf das Schlagen reagierte. »Steh auf, verdammt!«


    Der Inquisitor setzte sich auf die Bettkante. Er hatte viel zu lange geschlafen. Trotz des unruhigen, traumlosen Schlafes fühlte er sich halbwegs ausgeruht. Seine Gelenke schmerzten aber allesamt, da er wohl in irgendeiner merkwürdig verkrümmten Haltung geschlafen hatte.


    »Wenigstens sind die Kopfschmerzen vernachlässigbar«, dachte Anton, während er sich aufrichtete. Er zog sich schnell ein einfaches Hemd über und ging etwas übelgelaunt zur Türe. Unterwegs erblickte er Ashenya, die in einer Ecke des Zimmers meditierte. Er wusste darüber Bescheid, dass die Quarr’va so ihren Schlaf ersetzten. In diesem Zustand war ihr Geist komplett isoliert, was dazu führte, dass sie erst wieder durch äussere Einflüsse aus dem tranceartigen Zustand erwachen konnten. Durch den Lärm, den Hector veranstaltete, würde Ashenya wohl jeden Moment zu sich kommen. Ansonsten, so dachte Anton, würde er sie später aufwecken.


    Der Inquisitor öffnete die automatische Schiebetüre mit einem Druckschalter gleich an der Wand daneben. Mit einem leisen, kurzen Zischen schob sich die einfache Stahltüre elegant zur Seite.


    »Was gibt es?«, fragte Anton müde. Er musterte Hector, der Tarnhosen und ein schmutziges Achselshirt trug, welches wohl irgendwann einmal weiss gewesen sein musste. Sein Blick war wie gewohnt hellwach. Den Stoppelbart der letzten Tage hatte Hector bereits säuberlich rasiert, ganz so, wie man es ansonsten von Vorzeigesoldaten irgendeines Garde-Regiments hätte erwarten konnte. Er musste bereits eine ganze Weile wach sein. Nur grosse, schwarze Augenringe zeugten von der vergangenen Nacht.


    »Besuch. Eine Nachricht von Emanuel«, raunte Hector knapp und nickte in Richtung der grossen Montagehalle des Gebäudes.


    »Danke«, erwiderte Anton mit ehrlicher Freundlichkeit. »Ashenya befindet sich in meinem Zimmer. Ich wäre dankbar, wenn du sie aufwecken könntest.«


    Hector nickte wortlos. Da seine Gefährten auch ohne ihn zurechtkommen würden – beide waren nun schon Jahrelang mit seinem Gefolge unterwegs – machte sich Anton auf, die Nachricht zu empfangen.


    Als er die Halle, die sich im vorderen Teil der Anlage befand, betrat, sah er sofort den Kurier, den sein alter Freund zu ihm geschickt hatte. Es war ein stämmiger Rotschopf, dessen biologisches Alter wohl zwischen zwanzig und dreissig Jahren liegen musste, soweit Anton dies schätzen konnte. Trotzdem hatte das Gesicht etwas sehr Knabenhaftes. Gekleidet war der Neuankömmling in enganliegende, geschnürte Lederhosen und ein teures Seidengewand, auf dem mit Goldfaden das Wappen der Familie Von Drach gestickt war.


    Als einflussreiche Freihändler-Dynastie verfügten die Von Drachs über fast unendlichen Reichtum und ein hocheffizientes Netz aus Astropathen, Kurieren und Kontaktpersonen. Spielte die unberechenbare Natur des Warps mit, war sie in der Lage, Nachrichten innerhalb weniger Tage durch die ganze Galaxie zu senden. Zumindest in die Regionen ausserhalb der grossen Kriegsgebieten.


    Als der Kurier Anton erblickte, verbeugte er sich umgehend und behielt, den Blick zum Boden gesenkt, die ehrehrbietende Haltung bei.


    »Ich übermittele Exzellenz die besten Grüsse der noblen Familie Von Drach«, begrüsste er den Inquisitor in absolut akzentfreiem Hochgotisch[DB24] .


    »Die Inquisition erwidert die Grüsse«, antwortete Anton. Er hatte bereits eine Vermutung, was den Inhalt der Nachricht betraf. Trotzdem konnte er diesbezüglich nicht sicher sein und entschied daher, den Kurier offiziell in seiner Position als Inquisitor zu empfangen. »Was ist deiner Herren anliegen?«


    »Hochwohlgeboren Emanuel Von Drach hat mir befohlen, Exzellenz eine Nachricht zu überbringen. Hochwohlgeboren hat betont, dass Exzellenz den Inhalt ohne weitere Erklärung verstehen würde.«


    »Danke. Ich nehme die Nachricht gerne entgegen«, antwortete Anton, der optimistisch war, dass er mit seiner Vermutung Recht hatte. Wenn die Nachricht von Emanuel kam, steckte dieser entweder in Schwierigkeiten, oder aber er konnte erfüllen, worum Anton ihn vor einer gefühlten Ewigkeit gebeten hatte. Die förmliche Zustellung der Nachricht deutete klar auf letzteres hin.


    Nachdem Anton dem Kurier erlaubt hatte, ihm die Nachricht zu übergeben, löste sich dieser aus seiner Verbeugung und näherte sich mit steifem Schritt dem Inquisitor. Den Blick gekonnt auf Antons Brust fixiert, um dem Rangunterschied Rechnung zu tragen, hielt er exakt zwei Armlängen entfernt vor Anton an. Mit routinierter Sicherheit schlug der Bote zackig das Zeichen des Aquilas und verbeugte sich erneut.


    Anton hatte nicht viel für das übertriebene Zeremoniell der imperialen Oberschicht übrig, hatte aber genügend Anstand, sich daran zu halten. Er erwiderte das Zeichen des Aquilas und bedeutete dem Kurier so, weiterzumachen. Dieser öffnete einen länglichen Metallbehälter, der fest an seinem bionischen Arm montiert war und zog eine Schriftrolle heraus. Seine Bewegungen führte er mit mechanischer Präzision aus. Sie mussten alle nach einem bestimmten Muster und mit standarisierter Geschwindigkeit ausgeführt werden, da es ansonsten gegen die Etikette verstossen hätte – besonders gegenüber einem Inquisitor. Emanuel selbst fand das steife Gehabe albern, doch standen die Kuriere und Kontaktleute nicht direkt in seinem Dienst. Sie waren Angestellten der Freihändler-Dynastie als Ganzes und gerade die Von Drach waren besonders glamourös. Anton war sich sicher, dass nur die besten, untertänigsten und folgsamsten Bürger die zweifelhafte Ehre hatten, den Von Drach zu dienen.


    Er nahm die Schriftrolle entgegen und nickte schwach mit dem Kopf. »Du darfst dich entfernen, Bote.«


    »Ich danke Exzellenz«, erwiderte der Kurier, der noch einmal das Zeichen des Aquilas schlug. »Möge der Imperator immer an Exzellenz‘ Seite stehen.«


    Mit langsamem Schritt entfernte er sich rückwärts bis zur Sicherheitsschleuse, die aus dem Gebäude führte. Dort angekommen verbeugte er sich noch einmal tief, ehe er sich umdrehte und den Komplex verliess.


    Anton wartete, bis der Kurier sich entfernt hatte. Dann entrollte er ungeduldig die Schriftrolle und begann, die Nachricht zu lesen. Das samtweiche Pergament war von höchster Qualität. Anton erkannte die makellose, verschnörkelte Schrift Emanuels, die mit tiefschwarzer Tinte kunstvoll die Rolle zierte. Jede Zeile hatte den exakt gleichen Abstand und war bis aufs genauste auf einer perfekten Geraden.



    Lieber Anton


    Ich entschuldige mich dafür, dass so viel Zeit verstrichen ist, bevor ich Ergebnisse liefern kann.


    Zwar habe ich keine Informationen bezüglich der Sache, zu der du mich gebeten hattest, zu forschen, doch habe ich einen Angehörigen der Fraktion, die direkt in die Sache involviert war.


    Ich befinde mich auf meinem Schiff und ankere im Helios-Ultima-System. Ich habe keine anstehenden Geschäfte und werde eine Weile im Orbit des unbewohnten dritten Planeten verweilen. Ich weiss, dass diese Sache für dich absoluten Vorrang hat und rechne in wenigen Tagen mit deinem Erscheinen. Sollte mein Navigator feststellen, dass der Warp unruhig ist, werde ich noch einige Tage länger warten. Doch hoffe ich, du findest eine schnelle und sichere Route.


    Möge der Imperator und alle Huren der Galaxie, die ich nicht für mich beanspruche, mit dir sein!



    Gezeichnet, dein bester, grossartigster Freund


    -Emanuel



    Anton schmunzelte. Emanuel konnte zwar ein absoluter Widerling sein, aber er war ein guter Freund, der in vielen Punkten dieselbe Meinung wie er vertrat. Ausserdem war er ein zuverlässiger Verbündeter, mussten Dinge unentdeckt ausserhalb des Gesetzes erledigt werden.


    Nach dem Vorfall im Ysraal-System vor einigen Jahren hatte Anton bei weiterführenden Recherchen herausgefunden, dass die Eldar mehr über das seelenlose Maschinenvolk wussten, das sich unter der Planetenoberfläche befunden hatte. In den geheimen Archiven der Inquisition befanden sich uralte Dokumente über eine Gesandte der Eldar, die vom Ordo Xenos vernommen worden war. Die Aufzeichnungen waren unvollständig und nachlässig archiviert, doch konnte Anton ihnen entnehmen, dass die Eldar damals angeboten hatten, sich mit dem Imperium zusammen zu tun, um sich der Bedrohung durch die seelenlosen Wesen, die sie Necrons nannten, entgegenzustellen. Der damals zuständige Inquisitor hielt die Xenos-Gesandte für nicht glaubwürdig und witterte eine List. Hätte er nur zugehört, hätte Ysraal VI gerettet werden können!


    Auch wenn Anton – zum Preis von Millionen von unschuldigen Leben – diese Necrons vollständig vernichten konnte, lechzte er nach Antworten. Noch nie hatte er eine Xeno-Spezies gesehen, die solche moderne, unaufhaltsame Technologien besass. Selbst die Archive der Inquisition kannten keinen Fall, in der auch nur annährend vergleichbare Wesen beobachtet worden waren. Sogar Eldar-Technologie, die Anton äusserst schätzte, wirkte im Vergleich zu den Necrons einfach und primitiv.


    Mehr über dieses Volk zu erfahren, war für Anton nicht nur aus persönlichen Gründen wichtig. Konnte auch nur ein kleiner Teil der Necron-Technologie besser verstanden werden, könnte das dem Imperium helfen, die unzähligen Feinde der Menschheit endgültig zu besiegen.


    Da Emanuel über weit umfangreichere Kontakte als Anton verfügte und ausserdem direkten Austausch mit den Eldar pflegte, hatte Anton seinen Freund beauftrag, mehr Informationen über die Necrons zu beschaffen. Nun schien er sogar einen Eldar gefunden zu haben, den Anton direkt befragen konnte. Und, beim Imperator, er würde diese Befragung deutlich intelligenter gestalten als der Inquisitor, der damals die Gesandte der Eldar verhört hatte.


    Voller neugewonnenem Eifer machte Anton sich auf den Weg, seinen Gefährten ihr neues Ziel mitzuteilen. Mit etwas Glück konnten sie bereits am Abend dieses Tages starten, und mit der Gebirgsvagabund ins Helios-Ultima-System aufbrechen.


    _______________________________________
    [1] MeanTokath = Skorpionkrieger


    [2] EsikCaman = Rächer Asuryans


    [3] Wer bist du?


    [4] Wer ist dieser Mensch?


    [5] Du sollst nicht sprechen, bis dass der Meister zu dir spricht.

  • V


    Die Orestes, ein leichter Kreuzer der Armatus-Klasse, hatte noch immer an Ort und Stelle gelegen, von wo sie Konstantijn und sein Gefolge vor etwas mehr als einer Woche abgesetzt hatte, in einem entfernteren Orbit, etwas ausserhalb der üblichen Liegeplätze. Offensichtlich hatte sie in dieser Zeit keine neue Order erreicht. Eine vorteilhafte Fügung, die Konstantijn gut zupasskam. Der Kreuzer, wenngleich ohne erkennbare Abzeichen, gehörte zur Flotte der Inquisition. Mit einem eigenen Schiff musste er nicht die Aufmerksamkeit anderer imperialer Institutionen auf sich ziehen. Trotz seiner unanfechtbaren Autorität war dies eine heikle Angelegenheit an der Grenze zur Legalität, zumindest aber an der Grenze der Zuständigkeit seines Ordos. Darüber hinaus war das unscheinbare Schiff mit den besten Antriebssystemen ausgestattet, die für seine Klasse zur Verfügung standen. Geschwindigkeit war entscheidend, um den Freihändler-Kreuzer, der inzwischen einen halben Tag Vorsprung hatte, einzuholen. Und schliesslich: es waren keine besonderen Massnahmen nötig, um Firondhir an Bord zu bringen. Über das, was ein Inquisitor tat, stellten die Schiffsbesatzungen keine Fragen.


    Gleichwohl zog der Weltenwanderer es vor, in seinem Quartier zu bleiben, während Konstantijn sich auf die Brücke begab.


    Der langezogene Raum hoch oben im hinteren Aufbau des Schiffes erinnerte nicht nur von aussen an eine Kathedrale. Rechts und links des Mittelganges nahmen hohe, spitzbogig zulaufende Alkoven den Platz zwischen den blanken, stählernen Strebpfeilern ein, ein jeder besetzt mit einer anderen Kontrollstation für Schiffsfunktionen, Navigation, Raumüberwachung, Kommunikation. Männer und Frauen in schwarzen Uniformen versahen, teilweise durch Kabel in Nacken oder Schläfen direkt mit ihren Terminals verbunden, ihren Dienst. Da sie wenig miteinander sprachen, herrschte eine fast andächtige Ruhe, untermalt von einem leisen Chor aus klickenden Relais und summenden Röhren. Das gedämpfte Leuchten der Bildschirme erhellte den Raum wie Licht, dass an einem wolkigen Tag durch Bleiglasfensters fiel.


    Ein Halbkreis aus hohen, spitzbogigen Fenstern – tatsächlich waren es Sichtschirme – bildete den Abschluss des Raums. Vor dem Abbild des endlosen, von unzähligen Sternen übersäten Weltraums zeichnete sich die stämmige Gestalt des Kapitäns ab, gemessen von einer Station zur anderen schreitend und die Arbeit der Brückenbesatzung überwachend.


    Konstantijn trat an den Kommandanten heran.


    »Kapitän Yupanqui?«


    Die Angesprochene nahm sich alle Zeit, die Arbeit, die sie eben begonnen hatte, zu beenden, ehe sie sich zu dem Inquisitor umdrehte.


    Inés Sisa Yupanqui wurde nachgesagt, die Nachfahrin des Herrschergeschlechts eines mythischen Königreiches in den südlichen Gebirgen des alten Terra lange vor dem Erscheinen des Imperators zu sein. Ihr unbestreitbar exotisches Erscheinungsbild, ein rundes Gesicht mit spitz zulaufendem Kinn, schmalen, perlschwarzen Augen, runden, vorstehenden, runden Wangenknochen und gradem Nasenrücken, kurze, schwarzbraune Haaren und ein rostbrauner Teint, schien dies jedenfalls in den Bereich des Möglichen zu rücken. Trotz ihrer eher geringen Körpergrösse strahlte sie eine Würde und Autorität aus, die nicht erst durch ihren Rang und ihre Uniform zustande kam.


    Die rechte Hand auf den Griff ihres Säbels gelegt, gekleidet in die knielange Offiziersweste und weite Bluse der Imperialen Flotte, jedoch nicht Marineblau und weiss, sondern im Schwarz und Rot der Inquisition, stand sie dem Inquisitor auf der drei Stufen höheren Kommandoplattform gegenüber. Die wohl meisten anderen Inquisitoren hätten ihr gesamtes Auftreten als Insubordination aufgefasst. Konstantijn jedoch erklomm mit ruhigen, doch bestimmten Schritten die Empore und stellte sich ihr gegenüber.


    »Inquisitor Ruven«, entgegnete Yupanqui.


    »Ihre Befehle.« Konstantijn überreichte dem Kapitän ein Datapad. Inés Yupanqui las es aufmerksam durch.


    »Zu sensibel, um es einem offiziellen Kommunikationskanal anzuvertrauen«, bemerkte sie.


    »Wie üblich«, entgegnete der Inquisitor.


    Der Kapitän schritt zu einer der Stationen herüber und übergab das Pad dem diensthabenden Leutnant. Der versenkte es in der Buchse seines Terminals und bestätigte manuell den Datentransfer in die Schiffssysteme.


    »Verfolgungskurs liegt an«, sagte der Kapitän knapp. »Wenn die Yukikaze im Warpraum keinen Kurs abseits der etablierten Routen einschlägt, sollten wir sie in kürzt möglicher Zeit eingeholt haben.«


    »Genauere Angaben können sie mir nicht machen?« fragte Konstantijn. Davon abgesehen, dass er diese Sache so schnell wie möglich erledigt haben wollte, um hoffentlich seinen eigentlichen Auftrag noch zu einem Ende zu bringen, war für ihn jeder längerer Warpflug eine unvermeidbare Unannehmlichkeit. Das Ende bereits absehen zu können, wäre zumindest eine Erleichterung gewesen.


    »Mit dieser Frage muss ich Sie an unseren Navigator weiterverweisen«, antwortete der Kapitän. »Wenn er für solche Nebensächlichkeiten Zeit hat», setzte sie hinzu.


    Konstantijn lächelte einsichtig. Kapitän Yupanqui war von einer Direktheit, die ihm sonst von wenigen Menschen entgegengebracht wurde, ausser von Henk, aber das war etwas anderes. Meist zog er dies der Unterwürfigkeit imperialer Beamter vor.


    »Wollen wir?» fragte Inés.


    »Sie haben das Kommando«, entgegnete Konstantijn.


    Inés Yupanqui nahm ihren Platz auf dem thronähnlichen Kommandosessel in der Mitte der Empore ein und richtete ihn gegen die grossen Sichtschirme aus. Die bionischen Implantate, die wie ein äusseres Skelett ihre Hände überzogen, fuhren metallisch glänzende Kabel aus, die sich mit den Armaturen der Armlehnen verbanden. Konzentriert fokussierte sie ihren Blick auf das nach wie vor endlose Sternenmeer.


    Von diesem Augenblick an fiel auf der Brücke kein Wort mehr. Kapitän und Brückenbesatzung waren direkt mit dem Maschinengeist des Schiffes verbunden und kommunizierten auf diesem Weg miteinander. Ein telepathisch begabter Psioniker hätte die Gespräche vielleicht mitverfolgen können. Konstantijn blieb so jedoch aussen vor wie jeder andere Mensch.


    Die Gestirne auf den Sichtschirmen begannen zu wandern, als die Orestes behäbig die Richtung änderte.


    »Kurs liegt an, Warpsprungpunkt voraus«, nahm Inés die Stimme des Steuermannes wahr.


    »70% Vortrieb. Gellarfeld aufbauen, Warpantrieb aktivieren.«


    Ein hohes, leises Summen erfüllte die Luft, schwoll an und klag wieder ab. Allerdings, Konstantijn hätte nicht einmal sagen können, ob er wirklich einen Ton gehört hatte, als das Gellarfeld sich um das Schiff legte. Möglicherweise war es nur die Art, wie seine Sinne die psionische Welle, die die Generatoren aussandten, interpretierten.


    Der nachfolgende Effekt war ihm jedoch völlig bewusst, und jedes Mal war er sich unsicher, ob er ihn schätzen oder verabscheuen sollte. Für eine kurze Zeit war es so, als wäre er unter Wasser gedrückt und könnte alles, was sich an der Oberfläche befand, nur gedämpft und durch eine verzerrende Oberfläche wahrnehmen. Dann gewöhnten sich seine Sinne daran, durch eine zusätzliche Barriere vom Warp abgeschirmt zu sein und fokussierten sich zum Ausgleich stärker auf ihre Wahrnehmungsfähigkeit innerhalb des Realraumes.


    Jedes Mal gewann er einen kurzen Eindruck davon, wie es sein musste, keine psionischen Kräfte zu haben. Ein ums andere Mal hatte er sich bei dem Gedanken ertappt, ob dies nicht sogar erstrebenswert wäre, doch ihn dann rasch beiseitegeschoben. Seine Begabung war ein Geschenk des Imperators. Sie abzulehnen wäre Häresie. Und nun kam noch eins dazu. Solange er sich im Realraum innerhalb der psionischen Abschirmung befand, fiel es ihm deutlich schwerer, seinen linken Arm zu gebrauchen.


    Doch dieser Zustand sollte nicht lange anhalten. Ein dumpfes Vibrieren lief durch den Schiffskörper, als der Warpantrieb sich entlud. Direkt vor ihm auf den gigantischen Sichtschirmen beobachtete Konstantijn, wie sich ein purpur-violetter Fleck im Schwarz des Alls bildete. Das Helligkeit und die Grösse der Anomalie nahmen immer weiter zu und begann, einen gleissenden Wirbel zu formen. Allein sein Anblick liess bei ihm leichte Übelkeit aufkommen, als befände er sich auf einem schwankenden Schiff.


    Gleichzeitig setzte die Orestes sich in Bewegung und hielt mit zunehmender Geschwindigkeit direkt auf die Singularität zu. Nun hatte der Wirbel seine volle Ausdehnung erreicht und in seinem Zentrum öffnete sich wie die Pupille eines starrendes Auges ein tiefschwarzer Kreis. Das Schiff tauchte in die Dunkelheit ein.


    War seine Verbindung zum Warp bis eben noch deutlich geschwächt gewesen, überflutete die Energie des Immateriums Konstantijn nun mit voller Macht. Das Gellarfeld hielt eine Blase aus Realraum um die Orestes aufrecht. Die Krearuren des Warps konnte darin nicht existieren und so waren das Schiff und seine Besatzung vor ihnen geschützt. Die Barriere war jedoch ungleich schwächer als jene natürliche zwischen den Dimensionen. Konstantijn wurde schwindelig, die Knie wurden ihm weich und er brauchte einige Momente, um wieder ganz bei sich zu sein.


    »Transition abgeschlossen», hörte er die Stimme des Kapitäns in seinem Kopf. »Navigator, wir sind in Eurer Hand und der Gnade Imperators.«


    Die Sichtschirme waren im Augenblick des Übertritts schwarz geworden, um die Besatzung vor dem verstörenden Anblick des Immateriums zu schützen. Nun begannen sich Netze aus goldenen Linien auf den Oberflächen abzuzeichnen, schematisierte Darstellungen des Kurses, den die Orestes durch die Strömungen des Warps nahm.


    »Das wäre geschafft«, sagte Kapitän Yupanki an den Inquisitor gewandt.


    Konstantijn nickte immer noch leicht benommen. »Danke Kapitän. Ich ziehe mich zurück. Kontaktieren Sie mich bitte, sobald wir die Yukikaze einholen.«


    »Mit Vergnügen», antwortete Inés. »Ich bin neugierig, welche Art Ketzer wir diesmal zur Strecke bringen.«


    Der Inquisitor lächelte schwach, formte zum Abschied das Zeichen des Aquila und verliess die Brücke.


    Mit müden Schritten trottete Konstantijn die Korridore entlang. Vergitterten Lampen an den grauen Wänden tauchten die Gänge in trübes Licht. Auch ohne die bedrückende Dauerpräsenz des Immateriums musste dieses Umfeld für Beklemmung sorgen. Immer wieder dröhnten dumpfe Schläge durch das Stahlgerippe – wann immer eine Kreatur des Warpraumes, angezogen von den Seelen der Passagiere, versuchte, das Schutzfeld zu durchdringen und sich die leuchtende Beute zu holen.


    Schließlich erreichte der Inquisitor die Tür zu seiner Kabine tief im inneren des Schiffes, so weit wie möglich von der Außenhülle und den Einflüssen des Warps entfernt. Er hielt die Rosette vor das elektronische Türschloss und die graue Stahltür glitt auf. Die rötlich gedimmte Beleuchtung flackerte auf, brachte aber kaum mehr Helligkeit als die Lampen auf den Fluren hervor.


    Mit einem tiefen Durchatmen setzte Konstantijn sich in den gepolsterten Sessel vor dem breiten Schreibtisch. Für eine Kabine auf einem imperialen Schiff war das Quartier verhältnismäßig komfortabel ausgestattet, besser auf jeden Fall als die Unterkunft, die er zuletzt bewohnt hatte. Die Möbel und die Wandverkleidung imitierten dunkles Holz, die Beschläge der Kanten waren glänzendes Messing. Einige gerahmte Bilder von Heiligen und Helden des Imperiums zierten die Wände, ein kleiner, kerzenbeleuchteter Aquila-Schrein war hinter dem Schreibtisch in die Wand eingearbeitet. Konstantijn kannte verschiedenen Geschichten, hielt aber von der Huldigung sterblicher Diener des Imperators wenig, ganz gleich welche Taten sie vollbracht haben mochten.
    Erneut erschütterte eine Attacke das Gellarfeld. Als wäre es ein Echo des dumpfen Grollens, nahm Konstantijn ein schwaches Ächzen wahr, mehr mit dem Geist als mit den Ohren. Er sah sich suchend um.


    »Firondhir?«


    Der Eldar-Weltenläufer hockte zusammengekauert in einer Ecke hinter dem Sichtschutz, der rechts neben der Tür die Koje vom Rest des Raumes abtrennte, die Beine angezogen und den Kopf auf die Knie gesenkt, die Kapuze über dem Gesicht.


    Konstantijn trat zu dem Eldar herüber und kniete sich neben ihn.


    »Was ist los?« fragte er verwundert.


    Wieder vibrierte das Schiff, diesmal heftiger. Firondhir stöhnte auf. Konstantijn legte ihm die Hand auf die Schulter, doch als der Phantomkristall den Eldar berührte, war es, als hätte ein Schlag ihn direkt in sein Nervensystem getroffen. Reflexartig zog er den Arm zurück. Trotzdem hallte der psionische Impuls mit einem tauben Gefühl nach.


    »Lass mich in Frieden, Cresistauead«, zischte der Weltenläufer gereizt. Doch Konstantijn ließ sich nicht so einfach abwimmeln.


    »Etwas stimmt nicht mit dir, lass mich dir helfen.«


    Firondhir hob schwerfällig den Kopf und sah den Menschen an. Konstantijn erschrak. Sein Gesicht war noch blasser, als er es bei einem Eldar für möglich gehalten hätten, schweissbedeckt und wie von starken Schmerzen verzerrt, mit dunklen Ringe unter den Augen.


    Die nächste Erschütterung ließ den Eldar sich zusammenkrümmen und zur Seite sinken. Konstantijn fing ihn auf und stütze ihn, die Auswirkungen auf ihn selbst ignorierend. Die Attacken der Warpwesen schienen an Intensität zuzunehmen, so dass auch er ihre Gier nach den Seelen den Sterblichen in dem Stahlhülle spüren konnte. Alpträume, von denen glaubte, sie lange hinter sich gelassen zu haben, suchten sich unaufhaltsam ihren Weg in seinen Geist. Formlose Gestalten, purpurrot, mit geifernden Mäulern, rasiermesserscharfen Zähnen und starrenden, gelben Augen auf der Suche nach Beute, die sie in Stücke reissen konnten. Eine tiefsitzende, unauslöschliche Furcht ergriff ihn.


    Konstantijn atmete tief durch und rezitierte in Gedanken ein Gebet an den Imperator, einmal, zweimal, dreimal, dann hörte er auf zu zählen. Die Furcht wich nicht, aber es gelang ihm, sie unter Kontrolle zu bringen. Dann wandte er sich wieder dem Weltenwanderer zu.


    Firondhir lehnte halb bewusstlos an der Trennwand. Seine Hände umklammerten wie in einem Krampf die braune Haarlocke, so fest, dass alles Blut aus seinen Knöcheln wich. Kaum verständlich schien er etwas zu murmeln, was wie eine stockende Melodie klang, doch war Konstantijn sich nicht sicher, ob es nicht auch ein Gebet in der Eldarsprache sein konnte. Er fasste Firondhirs Hand. Der Weltenwanderer leistete keinen Widerstand.


    Er versucht ihm Mut zuzusprechen: »Die Warpkreaturen können uns hier nichts anhaben. Ich fühle das gleiche wie du. Wir stehen das durch. Der Imperator schützt uns hier, auch dich.«


    Für einen Moment fand Firondhir die Kraft, mit einem gequälten Lachen zu antworten. »Du weisst nichts, Cresistauead.«


    Ein kurzer Augenblick des Zorns überkam den Inquisitor, dabei war er sich nicht einmal sicher, ob der Eldar seine Hilfsbereitschaft oder seinen Glauben verlachte – oder doch vielleicht keins von beidem. Der Gedanke ließ ihn seine Empörung zurückdrängen.


    »Ich weiss, dass du Hilfe brauchst«, entgegnete er. »Ich weiss nur nicht, wie. Was tun Eldar bei Warpreisen?«


    »Wir reisen nicht durch den Sha’eil«, stiess der Weltenwanderer hervor.


    Konstantijn war einen Moment sprachlos. Dass er daran nicht selbst gedacht hatte. Die Eldar benutzten das Netz der Tausend Tore. Er begann zu verstehe, warum. Nicht nur aus reiner Bequemlichkeit.


    »Du warst noch nie hier«, stellte er bestürzt fest. Firondhir schüttelte den Kopf.


    »Warum bist du mitgekommen? Du wusstest, was auf dich zukommt.«


    Firondhir lächelte matt. Es fiel ihm schwer, klare Gedanken zu fassen, die Worte in Konstantijns Sprache zu finden. Doch er stellte fest, dass die Konzentration darauf ihn ablenkte und seine Qualen etwas abmilderte. Und letztendlich waren die Absichten des Menschen redlich.


    »Was würdest du nicht tun für einen Gefährten, der alles für dich getan hat, QuasKarun?“


    Angesichts dieser Haltung konnte Konstantijn nichts anders, als größte Hochachtung vor dem Weltenwanderer zu empfinden.


    Ein neuer, heftiger Schlag ließ das Schiff erbeben und Firondhir sich stöhnend zusammenkrümmen. Konstantijn griff ihm unter die Arme und versuchte, ihm hochzuhelfen.


    »Komm, leg dich hin. Ich kann dir helfen zu schlafen, vielleicht…«


    Firondhir stieß ihn zurück. »Nein!« keucht er. »Nein. SIE wartet nur darauf. Dann hält SIE nichts mehr fern.«


    »Sie?« fragte Konstantijn verwundert. »Wen meinst du mit ‚Sie‘?«


    Doch Firondhir schien in eine Art Fieberwahn abgeglitten zu sein. »Ich kann SIE sehen, SIE ruft nach mir.« Die Furcht und Verzweiflung in seiner Stimme war dem Wahnsinn nahe, so stark, dass selbst Konstantijn sie mitempfinden konnte. Irgendetwas musste er tun, sonst würde auch er selbst von den sich Bahn brechenden Emotionen mitgerissen werden. Bei einem solchen Ausbruch psionischer Energie würde selbst das Gellarfeld sie nicht mehr schützen.

    Er zog den nahezu bewegungsunfähigen Eldar hoch und hievte ihn auf das Bett. Dabei glitt die kleine, silberne Flöte aus einer der Taschen des Weltenwanderer und schlug mit einem hellen Klang auf den Boden auf. Konstantijn hob sie auf und betrachtete ihren Glanz im trüben Licht der Kabine.
    Dunkel erinnerte er sich. Bei ihrer ersten Begegnung hatte der Weltenwanderer eine Melodie darauf gespielt, einfach, aber tief in der Seele berührend. Wie sie ging, wusste Konstantijn nicht mehr, geschweige denn, dass er selbst Flöte spielen konnte. Außerdem zweifelte er, dass das in dieser Lage genügen würde. Doch ihm kam eine Idee.


    Firondhir lag ausgestreckt auf dem Bett. Seine Hand umklammerte immer noch die Haarlocke und presste sie gegen seine Brust als würde er damit eine blutende Wunde zudrücken. Der schwarze Mantel war zur Seite geschlagen und gab den Blick frei auf den ovalen, glattpolierten Edelstein, den der Eldar auf dem ultramarinblauen Anzug trug. Ein orangerotes Licht pulsierte in dem Stein wie ein unregelmäßiger Herzschlag. Konstantijn hatte nur grobe Kenntnis über die Bedeutung dieser Wegsteine, doch sein Wissen genügte, dass ihm nun eins vollends klar wurde: Firondhir riskierte hier nicht nur sein Leben, sondern auch seinen Verstand und seine Seele, und das unter Qualen, wie ein Mensch es sich nicht einmal vorstellen konnte.


    Langsam beugte Konstantijn sich über den Eldar, ergriff mit seiner Rechten dessen Hände und hielt sie fest. Unter dem Griff spürte er den schnellen, flachen Atem und den rasenden Herzschlag des Weltenwanderers. Die silberne Phatomkristallhand jedoch schob er vorsichtig unter seinen Nacken. Dann atmete er tief ein und aus und suchte mit dem Geist seinen Fokus: den stilisierten Imperialen Adler auf dem Handrücken. Was er vorhatte, war hier im Immaterium mehr als riskant. Jedes Anwenden von Psikräften zog die Aufmerksamkeit der Warpkreaturen auf sich. Doch mit Firondhirs Anwesenheit, dessen Seele sie anlockte wie Haie das Blut im Wasser, spielte das wahrscheinlich ohnehin keine Rolle mehr.


    Es geschah schneller als Konstantijn erwartet hatte. Ob es an der dünnen Barriere zum Warp lag, die seine Kräfte verstärkte, oder dass Firondhir ihm keinerlei Widerstand entgegenbrachte, von einem Moment auf den anderen fand er sich im Geist des Eldar wieder. Konstantijn war Biomant, kein Telepath. Er sah keine Bilder, keine Gedanken. Das lag nicht in seiner Begabung. Wenn er in den Geist eines Menschen blickte, sah er ein Netz aus Abermillionen Lichtern wie ein gleißender Sternenhimmel. Die Sterne flammten auf und dimmten herab, sandten Lichtimpulse von einem zum anderen. Mit der Zeit hatte er gelernt, sie zu lesen, die Orte auszumachen, mit denen verschiedene Körperfunktionen gesteuert wurden, und sie gezielt zu beeinflussen.


    Die Sterne im Geist des Eldar waren nicht Millionen. Es waren Myriaden. Ihr Aufflammen ließ sich kaum mehr voneinander unterscheiden, die Lichtspuren zwischen ihnen verloschen nicht, sondern pulsierten in rascher Folge. Es war atemberaubend. Konstantijn fragte sich, ob dies immer so war oder nur wegen des Ausnahmezustandes, in dem Firondhir sich befand. Niemals hätte es ihm gelingen können, auch nur einen einzigen Funken festhalten zu können. Aber das war auch gar nicht seine Absicht.


    Vorsichtig ließ er seine eigenen Gedanken, seine eigenen Lichtströme in die des Eldar fließen, darauf gefasst, jeden Augenblick zurückgestoßen zu werden oder in dem gleißenden Licht unterzugehen. Doch nichts dergleichen geschah. Alles war fremd, als würde er Geflüster in einer Sprache hören, die er nicht verstand. Aber nichts war feindselig.


    Dann begann Konstantijn in seinem Geist eine Melodie zu rezitieren. Ein anderes Lied als das des Weltenwanderers, ein Lied, das er von seiner Heimatwelt kannte, mit einer ähnlichen, tragenden Melodie und Worten, die von grünen Wiesen, silbern gleißenden Wassern und blühenden Feldern erzählten.
    Er hatte es kaum zu hoffen gewagt, doch es funktionierte. Immer wieder und wieder wiederholte er die Melodie. Mit jedem Mal wurden die Hirnströme des Eldar geordneter. Die Lichter büssten nichts von ihrer Intensität ein, doch schien ihr Aufflammen sich der Melodie anzugleichen wie ein Feuerwerk zu Musik. Zugleich wurde der Atem tiefer und der Herzschlag ruhiger. Doch Konstantijn hörte nicht auf, er wiederholte das Lied, bis er selbst in einen Trancezustand versank.


    Im ersten Moment wusste Konstantijn nicht, wann und wo er sich befand, nur, dass irgendetwas ihn ins hier und jetzt zurückgeholt hatte. Erneut schrillte das Rufsignal der Bordsprechanlage. Langsam hob er den Kopf. Sein Bewusstsein war ruhig und ausgeglichen wie nach einem langen und erholsamen Schlaf, ein angenehmes Gefühl, das er schon eine längere Zeit nicht mehr gehabt hatte. In dieser Tiefe überhaupt erst einmal, nämlich als er auf dem Weltenschiff…


    Ein kurzer Schreck durchfuhr ihn. Firondhir! Er sah auf. Der Eldar lag ruhig auf dem Bett, als würde er schlafen. Konstantijn musste irgendwann in den vergangenen Stunden – waren es Stunden, Tage? - daneben auf die Knie gesunken sein, doch seine Hände hatten ihn nicht losgelassen. Er lauschte. Alle seine Sinne sagten ihm, dass sie sich noch im Warp befanden. Aber die Auswirkungen waren beinahe verschwunden, nur noch ein schwaches Hintergrundrauschen.


    Vorsichtig zog der Inquisitor seine silberne Hand vom Nacken des Eldar zurück und stand mit steifen Knien auf. Firondhir regte sich. Er atmete einmal tief durch und öffnete dann die Augen.


    »Wie fühlst du dich?« fragte Konstantijn mit leiser Stimme.


    Mühsam setzte der Weltenwanderer sich auf. Dann wandte er dem Menschen seinen Blick zu. Sein Gesicht war immer noch blass und müde, aber entspannt. Er hatte keine Worte in der Menschensprache, mit denen er sein Empfinden hätte ausdrücken, ihm verständlich machen können, was er durchlitten, wie nah er dem unwiderruflichen Verderben gewesen war, wie viel Konstantijn tatsächlich für ihn getan hatte.


    »In Sicherheit«, antwortete er. Konstantijn lächelte.


    Wieder schrillte die Sprechanlage. Der Inquisitor eilte zum Bedienungspaneel neben der Tür.


    »Ich höre?«


    »Inquisitor? Ist alles in Ordnung? Wir versuchen seit einigen Minuten, Sie zu erreichen“, krächzte Kapitän Yupanquis Stimme aus dem Lautsprecher.


    »Alles in Ordnung«, antwortete Konstantijn.


    »Wir haben die Yukikaze eingeholt. Leiten Warpaustritt ein.«


    Konstantijn konnte Firondhirs Erleichterung bei diesen Worten buchstäblich spüren. Er konnte es nachempfinden.


    »Hervorragend. Ich komme auf die Brücke. Ruven aus.«


    Bevor er sich auf den Weg machte, wandte er sich noch einmal dem Weltenwanderer zu. »Kommst du zurecht?«


    Firondhir nickte. Konstantijn bückte sich und hob die Flöte vom Boden auf, wo er sie zuvor abgelegt hatte, und reichte sie dem Eldar. Firondhir nahm sie überrascht entgegen. Er konnte sich nicht erinnern, wann er sie verloren hatte. Dann wandte der Inquisitor sich zum Gehen.


    »Konstantijn«, sagte Firondhir. Der Angesprochene drehte sich noch einmal um. »Ich danke dir.«


    »Nichts zu danken«, erwiderte er. Als er durch die Tür ging, hörte er noch, wie Firondhir begann, ein Lied auf der Flöte zu spielen. Es war nicht sein übliches Lied. Während er die trüben Korridore entlang zur Brücke eilte, ging Konstantijn auf, dass, soweit er sich erinnern konnte, Firondhir ihn eben zum ersten Mal bei seinem Vornamen genannt hatte.


    Der Inquisitor betrat die Brücke genau in dem Moment, als die Orestes den Warpraum verliess. Augenblicklich ebbte die unterschwellige Anspannung ab. Er trat neben Kapitän Yupanqui, die in ihrem Kommandothron saß, immer noch mit dem Schiff verbunden.


    »Wie haben die Yukikaze in Reichweite der optischen Erfassungssysteme«, meldete der Offizier der Raumüberwachung. Die Anwesenheit des Inquisitors veranlasste die Besatzung, verbal zu kommunizieren.


    »Sichtschirm ein«, befahl der Kapitän.


    Die schwarzen Scheiben hellten sich auf, Sterne begannen sich nach und nach abzuzeichnen. Dann erschien das Schiff, ein Kreuzer der Ignis-Klasse, doch erkennbar umgebaut mit leichterer Bewaffnung als bei Schiffen dieser Bauart üblich. Doch die Yukikaze war nicht allein.


    »Ein Zerstörer der Kobra-Klasse liegt längsseits«, meldete die Raumüberwachung.


    »Kennung?« fragte Inès Yupanqui.


    »Ordo Xenos.«


    Konstantijn und der Kapitän wechselten einen überraschten Blick.


    »Rufen Sie die Schiffe«, befahl der Inquisitor.

  • VI


    Die Raumfähre landete sanft im Hangar der Yukikaze. Anton war äusserst optimistisch, dass er nun womöglich die Antworten finden konnte, die er seit Ysraal VI suchte.


    Emanuel war sein Freund und sein Besuch informeller Natur, also hatte er darauf verzichtet, sich von Inquisitionsgardisten begleiten zu lassen. Er hatte aber dennoch entschieden, Ashenya, Hector und Jek, seinen Foltermeister, mitzunehmen. Während Anton sich um den Eldar kümmern würde, konnte Ashenya sich etwas zurücklehnen und entspannen, ohne Verachtung oder Herabwürdigung durch kleingeistige Imperiumsbürger befürchten zu müssen. Emanuel war Xenos gegenüber sehr aufgeschlossen und kannte seine Begleiterin bereits von früheren Treffen. Die beiden verstanden sich gut und teilten verschiedene Interessen. Ausserdem war er einer der wenigen Personen, mit denen sie freiwillig Hochgotisch sprach. Hector dagegen konnte mit Emanuel nicht viel anfangen. Der gezeichnete Veteran war viel zu kaltschnäuzig, um die dekadente Welt der imperialen Oberschicht auch nur ansatzweise zu verstehen. Anton vertraute Hector aber unbedingt und schätze seine Anwesenheit sowohl als Leibwächter, als auch als Freund. Ihn auf der Gebirgsvagabund zurückzulassen, käme niemals in Frage.


    Jek war das grösste Problem. Auch er stand zwar absolut treu hinter Anton, doch schlummerte in dem fettleibigen, untersetzten Mann eine diabolische Bestie. Unter Emanuels Söldnern gab es viele Necromundianer, und nicht wenige hatten mit Jek eine unschöne, gemeinsame Vergangenheit. Ausserdem war Anton überzeugt, dass Emanuel einen schlechten Einfluss auf seinen Gefährten ausübte. Was aber das eigentliche Ziel seines Besuches, Informationen über die Seelenlosen Xenos zu beschaffen, anging, war Jek unentbehrlich. Sollte sich der Eldar, den Emanuel festgesetzt hatte, als nicht kooperativ herausstellen, war Jek Antons bestes Mittel, dem entgegenzuwirken.


    Nach einem Moment der Stille öffnete sich zischend die Transportluke der Fähre. Das gleissende Weiss und der polierte Stahl waren eine durchaus willkommene Abwechslung zum Dreck des zerfallenden Makropolenslums, den sie noch vor wenigen Tagen durchkämmt hatten. Anton hatte eigentlich nicht viel für Prunk und Protz übrig, aber die sterile, ordentliche Atmosphäre, die in der Yukikaze herrschte, gab ihm immer wieder ein Gefühl der Ruhe und Sicherheit.


    Emanuel wartete bereits auf seinen Freund und kam ihm mit einem zufriedenen Lächeln entgegen.


    »Schön dich zu sehen, Anton!«, sagte er und begrüsste den Inquisitor mit einer freundschaftlichen Umarmung, die dieser erwiderte. Dann richtete er sich zu Ashenya und verbeugte sich leicht, die Hand aufs Herz gelegt. »Und ebenso eine Freude, dich zu sehen, Ashenya!«


    Hector und Jek standen etwas weiter hinten und fanden keine Beachtung. Hector war dies aber nur allzurecht. Emanuel war ihm nicht geheuer. Er konnte ihn nicht einschätzen und seine überfreundliche, aalglatte Art weckte wenig Vertrauen.


    Sein Blick schweifte durch den Hangar. Er erkannte Emanuels Ehrengarde, Soldaten der Freihändlerdynastie, in rote Gewänder gehüllt, gepanzert mit Rüstungen aus irisierendem Perlmutt. Ihre Gesichter waren allesamt unter schwarzen Sturmhauben verborgen, was kaum zu Hectors Wohlbefinden beitrug. Die meisten Besatzungsmitglieder, die geschäftig im Hangar herumliefen, waren aber normale Söldner ohne einheitliche Uniformierung. Ihre schlecht rasierten, verbrauchten Gesichter schienen Hector weit sympathischer als der undurchsichtige Prunk der Von Drach-Dynastie. Natürlich war ihm dennoch klar, dass wohl die meisten dieser Gesellen durchaus keine besonders freundlichen Zeitgenossen waren. Während er eine optimale Verteidigungsposition und potenzielle Fluchtroute suchte, grunzte Jek neben ihm. Der Foltermeister war mindestens einen Kopf kleiner als Hector. Durch die ungesunde, gebückte Haltung reichte er dem Veteranen aber nicht einmal bis zur Brust. Dennoch verfügte er aber wohl über mindestens die zweifachen Körpermasse. Sein aufgedunsener, fetter Körper wabbelte bei jeder Bewegung. Aufgrund der unzähligen ungesunden Pusteln und Geschwüre, die seinen massigen Körper verunzierten, hätte man ihn ohne weiteres für einen widerwärtigen Mutanten halten können.


    Jek drehte seinen geschwollenen Kopf zu Hector und glotze ihn mit wässerigen, geröteten Augen an. Er erschauderte. Er erschauderte jedes Mal, wenn Jek ihn ansah. Ein altes Sprichwort von Terra sagte, die Augen seien das Tor zur Seele, und beim Imperator, Jek war der lebende Beweis dafür, dass das zutraf. Es waren nicht die Augen eines Mannes, die in anstarrten. Es war boshafte Augen eines wahnsinnigen Tieres, das nur darauf wartete, sein niederstes Verlangen zu erfüllen.


    »Sechs Gardisten. Gefährlich«, keuchte Jek, während schaumiger Sabber aus seinem Mundwinkel tropfte. »Von der Besatzung sind etwa ein Dutzend bewaffnet. Fast alles Mörder. Einige dazu drogensüchtig.«


    Hector kannte Jek lange genug, um dessen Verhalten nicht zu hinterfragen. Trotz seines widerwertigen Äusseren war Antons Foltermeister ein erfahrener und gnadenloser Killer. Einst war er ein Venator auf Necromunda gewesen, ein Spezialist im Beseitigen ungewollter Personen. Er hatte bereits alle potenziellen Gefahren analysiert und wartete nur noch darauf, losgelassen zu werden.


    »Ich bin immer bereit«, nickte ihm Hector in der Hoffnung zu, dass er seinen durchdringenden Blick, der sich direkt in die Seele zu fressen schien, abwandte.


    Mit einem leisen, irren Kichern drehte Jek sich dann auch ab und schien wieder die Umgebung zu überprüfen.


    Antons beide Gefolgsmänner trotteten stumm hinter Emanuel, Anton und Ashenya her, die sich vergnügt über allerlei Banalitäten unterhielten. Dann hielt die Gruppe inne, als der Korridor sich in mehrere Richtungen verzweigte.


    »Nun, Anton« sagte Emanuel gespannt. »Ich habe zwar ein kleines Mahl vorbereiten lassen, aber ich nehme an, du willst zuerst den Eldar sehen?«


    »So sehr ich deine Gesellschaft schätze… aber ja, wenn du mich direkt darauf ansprichst«, entgegnete Anton ruhig. »Die Informationen, die ich suche, sind für mich von grösster Wichtigkeit. Sollte ich finden, was ich suche, können wir diesen Fund gerne ausgiebig feiern!«


    »Musik in meinen Ohren, mein Freund.« Emanuel nahm den Vox-Caster zur Hand, der an seinem Mantelkragen befestigt war. »Stepan, Anton will unseren Gast besuchen. Begleite ihn doch zum Zellenblock. Komm auf Deck 32, Position 5-3.«


    Nur Sekunden später knackte der Vox-Caster und die raue Stimme von Emanuels Söldnerführer erklang. »Ich bin schon unterwegs. Stepan Ende.«


    Emanuel nahm das Wort an Anton gerichtet wieder auf. »Dann trennen sich hier unsere Wege vorerst. Ich werde Ashenya schon einmal ins Offizierskasino begleiten, sobald Stepan hier eintrifft.«


    Noch bevor er ganz ausgeredet hatte, unterbrach ein Zischen den Freihändler. »Danke, aber ich kann selbst entscheiden, mit wem ich mitgehe!« warf Ashenya mit trockener, kehliger Stimme ein.


    Für einen Moment zeichnete sich Verwunderung und Verwirrung auf Emanuels Gesicht ab. Es war nicht seine Absicht, das Alien zu bevormunden. Er hatte aber vergessen, dass es keinen Wert auf die gängigen Höflichkeitsformeln der imperialen Oberschicht legte. Ashenya brauchte niemand, der ihr irgendwelche Entscheidungen abnahm, selbst wenn dies für sie möglicherweise bequemer war.


    Als sie sah, wie er für einen Moment den überlegenen Gesichtsausdruck verlor, musste sie kurz lachen. Ihre Freunde kannten sie glücklicherweise lange genug, um das aggressive Schnauben richtig zu deuten – dem Lachen der Menschen nicht im Geringsten ähnlich, war es der einzige Laut, den die fremdartige Biologie der Quarr’va für den Ausdruck von Freude vorsah.


    Mit einem befriedigten Glänzen in den Augen zerstreute sie dann Emanuels Irritation. »Keine Sorge. Ich komme mit dir mit!« Dann wandte sie sich an Anton. »Aber ich will alles wissen, was du erfährst.«


    Anton nickte mit ehrlicher Selbstverständlichkeit. Ehe er aber antworten konnte, tauchte eine Gruppe Soldaten aus einem der Korridore auf. Eine Handvoll Söldner folgten einem Hünen in der ramponierten Uniform der Vostroyanischen Erstgeborenen. Truppen- und Ehrenabzeichnungen waren offenbar unauffällig entfernt worden. Die rechte Gesichtshälfte war vollständig durch hochwertige Bionics ersetzt.


    »Tut mir leid, dass ich Euch erst jetzt begrüssen kann, Inquisitor«, donnerte die Stimme des Vostroyaners zu Emanuel, Anton und seinen Gefährten hinüber.


    Anton musste grinsen. Stepan hatte seine grobe, ehrliche Art noch immer beibehalten.


    »Stepan Valeriov, schön dich zu sehen«, begrüsste ihn der Inquisitor. Sobald sie voreinander standen, umarmten sie sich brüderlich.


    »Anton, es ist zu lange her«, sagte Stepan mit seiner rauen, mächtigen Stimme. »Wann warst du das letzte Mal hier? Es muss Jahre her sein…«


    »Ich weiss es nicht, Freund, aber ich freue mich, wieder hier zu sein«, gab Anton zurück.


    Nachdem er Anton begrüsst hatte, wandte Stepan sich Emanuel zu und nahm ruckartig Haltung an. »Ihre Befehle, Sir?«


    Emanuel winkte ab, worauf Stepans Haltung sich etwas lockerte. »Bring Anton zu unserem Gast. Ich werde bereits ins Offizierskasino vorgehen und dort darauf warten, dass ihr nachkommt.«


    Der Vostroyaner salutierte übertrieben stramm. »Dann folge mir, Anton, ich bringe dich zu dem Xenos.«


    Anton und Emanuel wechselten noch ein paar Worte, ehe sich die Gruppe aufteilte. Stepan lief vorneweg neben Anton. Ein Teil der Söldner, Hector und Jek folgten mit etwas Abstand nach.


    »Die Zellen befinden sich einige Decks weiter unten. Wir werden eine Weile unterwegs sein«, erklärte der Vostroyaner. Anton nickte.


    »Wie ist es dir ergangen, Stepan Valeriov?«, fragte er den Söldner-Kommandanten.


    »Du kennst Emanuel ja«, antwortete dieser. »Viel Geheimniskrämerei, unzuverlässige Männer, kaum nachvollziehbare Reisen quer durch das ganze Imperium. Alles beim Alten. Apropos, du hältst den Metzger noch immer als Haustier?«


    Anton lachte grimmig. »Ich weiss, dass du Jek verachtest. Er ist aber ein nützliches Mitglied meiner Mannschaft.«


    »Der Mann ist ein Monster. Das weisst du. Irgendwann wirst du ihn nicht mehr zurückhalten können. Der Imperator weiss, was dann passiert.« Stepan klang ehrlich besorgt.


    »Ja, er ist ein Monster. Genauso wie ich ein Monster bin. Ich habe mehr Blut an meinen Händen, als es Jek je haben wird. Würde man Menschen danach messen, was sie getan haben, müsste man das halbe Imperium hinrichten. Doch Jek – genauso wie ich selbst – hat eine Seele. Ich kenne ihn. Er mag schreckliche Dinge tun, aber im Grunde genommen ist er nur ein missverstandenes Kind. Solange ich auf ihn aufpasse, kann ich verhindern, dass er noch schrecklichere Dinge tut.«


    »Er war ein nützliches Werkzeug, das kaputt gegangen ist! Ich habe zu oft das Ergebnis seiner Arbeit gesehen. Wenn er ein Kind sein sollte, ist er ein solch verkommener Bengel, dass man ihn zum Wohle aller eliminieren sollte. Ach verdammt, Anton, mir ist es egal, tu was du willst. Aber der Kerl ist eine Gefahr für uns alle!«


    Anton seufzte. »Ich verliere die Kontrolle schon nicht. Aber danke. Ich schätze es sehr, dass du dich sorgst.«


    Die restliche Zeit bis zum Zellentrakt, tauschten Stepan und Anton noch einige Anekdoten aus. Die Söldner weiter hinten plapperten über die üblichen Themen – Frauen, Alkohol und Krieg. Nur Hector und Jek schwiegen sich eisern an. Ersterer rauchte schon das dritte Loh-Stäbchen, prägte sich aber gleichzeitig den Weg genauestens ein, den sie nahmen. Es konnte nie schaden, vorbereitet zu sein. Der Foltermeister dagegen kicherte nur sabbernd vor sich hin, wobei niemand wusste, was wirklich in dem Mann vorging.


    Nach einer Weile kam die Gruppe in den Gefängnistrakt. Etwa ein Dutzend Sicherheitstüren führten von einem breiten, hell ausgeleuchteten Korridor in die jeweiligen Zellen. Stepan blieb vor einer davon stehen und befahl durch einen dort angebrachten Vox-Caster, die Türe zu öffnen. Die Kommandobrücke bestätige kurz darauf und aktivierte den Entriegelungsvorgang. Anton wusste, dass ein solches System äusserst selten war. Die wenigsten Imperialen Schiffe verfügten über eine zentrale Systemsteuerung. Normalerweise gab es für nahezu jedes Deck eine eigene Kontrolleinheit, die einzeln bedient werden musste. Die Yukikaze verfügte über die modernste Technik, die es für Geld zu kaufen gab.


    ***


    Margil lehnte mit angezogenen Beinen an der Zellenwand und hatte den Kopf bis auf die Knie gesenkt. Das Geräusch der Türe liess ihn aufschauen. Ein Besatzungsmitglied stand im Durchgang. Die Drukhari trat ihm entgegen und nahm ihm wortlos ab, was er gebracht hatte.


    Sie wandte sich um, stellte eine graue Kiste auf dem Tisch ab und begann sie auszupacken. Zuerst zog sie ein sorgfältig gefaltetes Bündel schwarzen Stoffes hervor und legte es vor den Füssen des Weltenwanderers ab. Dann entnahm sie den übrigen Inhalt: verschiedene weisse Kunststoffgefässe, Flaschen und Becher. Sie platzierte sie auf dem Tisch.


    Margil beobachtete sie. Für weibliche Reize war er nicht empfänglich, doch objektiv hätte sie als Schönheit gelten können, wäre nicht der unnatürliche Teint gewesen. Jede ihrer Bewegungen war so geschmeidig wie es einer Hekatarii gebührte, doch standen sie in Widerspruch zu den Tätigkeiten einer Dienerin, die sie ausführte. Langsam erhob er sich, nahm die Kleidungsstücke auf und betrachtete sie. Es war ein Paar schmaler Hosen und ein knielanger Hemdrock mit einem breiten Gürtel, nicht übermässig prunkvoll, doch aus edlem Material und gut verarbeitet. Der Stil erinnerte ihn an die Kleidung, die in Commorragh getragen wurde. Der Chem-Pan-Sey hatte mit seinen Worten nicht übertrieben. Dennoch war Margil nicht Willens, ihm den Gefallen zu erweisen, seine Kleider anzulegen. Er legte sie zusammen und warf sie auf das Bett.


    Derweil hatte die Drukhari ihr Arbeit beendet. Sie hatte die Behälter auf dem Tisch verteilt und die Deckel abgenommen. Vertraute Gerüche entströmten ihnen. Zu seiner eigenen Überraschung wurde der Weltenwanderer gewahr, dass die Stumpfheit seiner Sinne allmählich nachliess. Auch darüber hatte der Mensch die Wahrheit gesagt. Er konnte den Duft verschiedener Früchte und Gewürze unterscheiden. Wie bei den Aeldari üblich, waren kleine Portionen verschiedener Gerichte in einzelnen Schüsseln verteilt.


    Doch die Auswahl war verschwenderisch, sowohl in der Menge als auch in der Zusammenstellung der Zutaten. So viel Luxus war auf den Weltenschiffen nicht üblich, wurde als Dekadenz aufgefasst und gemieden. Margil stellte fest, dass er hungrig war. Auch dieses Empfinden hatte die Droge unterdrückt. Dennoch widerstrebte es ihm, etwas von den Speisen anzurühren. Mit untergeschlagenen Beinen setzte er sich auf das Bett.


    Die Drukhari sah den Weltenwanderer mit ihrem leeren Blick an.


    „Der Herr schickt dir von allem das Beste. Es ist ungehörig, seine Gaben zu zurückzuweisen“, sagte sie tonlos.


    Margil blickte auf. Nach den Stunden quälender Leere und Einsamkeit war es eine Wohltat, Worte in seiner eigenen Sprache zu hören. Gleichwohl wurde er nun, da seine Wahrnehmungsfähigkeit zurückkehrte, umso mehr der Leere ihres Geistes gewahr. Es war eine bedrückende Empfindung.


    »Was ist mit dir geschehen, Drukhari, dass du diesen Chem-Pan-Sey deinen Herren nennst?« fragte er mit ehrlicher Anteilnahme.


    Sie schwieg einen Moment, als müsste sie erst darüber nachdenken, was diese Frage bedeutete.


    »Er ist mein Herr, ich bin seine Dienerin«, antwortete sie schliesslich.


    »Dein Name ist Laenryl. Du bist eine Aeldari, eine Drukhari, du stammst aus Commorragh. Ihr seid stolz mehr als alle anderen unseres Volkes«, wandte der Weltenwanderer ein. »Du stehst weit über dem, den du Herren nennst.«


    »Das ist vergangen. Er ist mein Herr, ich bin seine Dienerin«, wiederholte sie. »Deswegen lebe ich.«


    Unter anderen Umständen hätte ihre Beharrlichkeit bei Margil Zorn und Unverständnis hervorgerufen. Unverständnis über ihre Haltung, doch Zorn auf den Chem-Pan-Sey, der, so glaubt er, ihr dies angetan, ihren Willen gebrochen hatte. Doch nun empfand er nur Mitleid. Mitleid mit einer Aeldari, die, so schien es ihm, noch Schlimmeres durch dieses Ungeheuer erfahren hatte als er selbst. Denn während seine eigene Abgestumpftheit nun tatsächlich beinahe verschwunden war, er die Welt wieder so wahrnahm, wie sie sein sollte, war sie nur noch ein Schatten dessen, was ihr Volk ausmachte.


    Mit der offenen, zugewandten Körperhaltung, die dieses Gefühl ausdrückte, erhob er sich von der Liege, tat einen Schritt auf sie zu und streckte ihr eine Hand entgegen. Laenryl jedoch sprang sofort zurück und ging in eine Abwehrhaltung über wie eine aufgeschreckte Gottesanbeterin.


    »Du hast keine Erlaubnis, mich zu berühren«, fauchte sie.


    Augenblicklich hielt Margil inne und hob in einer Geste der Beschwichtigung und Entschuldigung die Hände.


    »Das war nicht meine Absicht«, sagte er ruhig, erkennend, dass sie seine Körpersprache offenbar nicht zu deuten wusste. »Vor mir hast du nichts zu befürchten.« Dann, nach einer kurzen Pause, fuhr er fort: »Hat dein Herr dir das befohlen? Nur er berührt dich?«


    Wieder zögerte die Drukhari, ehe sie antwortete: »Nein, das hat er nicht. Aber kein anderer hat das Recht dazu.«


    Margil wurde hellhörig. »Hast du das entschieden oder er?«


    »Ich gehöre meinem Herrn«, antwortete sie.


    »Das beantwortet nicht meine Frage«, entgegnete der Weltenwanderer. »Hast du das entschieden oder er?«


    Laenryl schien verwirrt. »Ich gehöre ihm.«


    »Du gehörst ihm«, wiederholte Margil, als würde er ihr zustimmen. »Aber er hat dir nicht befohlen, dass niemand sonst dich berühren darf.«


    »Nein.«


    »Dann hast du es selbst entschieden. Dein Herr hat es nicht verboten, du hast es mir verboten.«


    »Weil ich ihm gehöre und nur er das Recht hat.«


    »Weil du es so entschieden hast. Weil deine Entscheidungen dir gehören, und nicht ihm.«


    Margil beobachtete die Drukhari genau. Noch immer stand sie da wie eine Puppe. Doch für den Bruchteil eines Augenblicks glaubte er, in ihren Augen einen Funken aufleuchten zu sehen, als hätten seine Worte tief im Inneren ihres Geistes etwas erregt, das dort eingesperrt und begraben war.


    Doch ehe er weitersprechen konnte, öffnete sich erneut die Tür. Der Funke erlosch.


    Stepan trat mit Anton als erster in die Zelle hinein. Drinnen wartete Laenryl, die Emanuel als Bewacherin bei dem Eldar gelassen hatte. Der Söldnerführer entliess sie von ihrer Aufgabe, worauf sie sich stumm zurückzog.


    Der Raum war in helles, nüchternes Weiss getüncht und mit einfachen Möbeln bestückt. Doch der Eldar schien nichts davon benutzt zu haben. Er sass mit untergeschlagenen Beinen auf der Liege. Die Speisen auf dem Tisch hatte er nicht angerührt, ebenso wenig wie die Kleider, die sorgfältig gefaltet auf dem Bett lagen. Stattdessen trug er einen weiten, schwarzen Mantel. Die zurückgeschlagene Kapuze erlaubte den Blick auf das unnatürlich schmale, blasse Gesicht mit den schräg stehenden Augen, eingerahmt von einer strähnigen, blonden Mähne. Als er der Eintretenden gewahr wurde, blickte der Eldar auf und erhob sich, ohne sich mit den Händen abzustützen, in einer einzigen, fliessenden Bewegung, blieb jedoch nahezu regungslos an Ort und Stelle stehen und fasst die Menschen fest ins Auge.


    Anton wusste, dass die Krieger der Eldar nicht unterschätzt werden durften. Es gab aber kaum etwas in der Zelle, das als Waffe hätte dienen können – sollte es sich bei dem Mann überhaupt um einen Krieger handeln. So entschied er, dass es wohl besser war, dem Eldar sein Vertrauen zu beweisen. Bewaffnete Wachleute oder die doch ziemlich unangenehme Anwesenheit Jeks waren dabei kaum hilfreich. Also wandte er sich kurzentschlossen an Stepan. Also wandte er sich an Stepan. »Du kannst gehen. Ich rede selbst mit ihm. Jek und Hector sollen draussen warten. Falls ich ihre Hilfe benötigen, werde ich mich melden.«


    Stepan salutierte und tat, wie ihm geheissen. Trotz des freundschaftlichen Bandes, das zwischen ihm und Anton bestand, war er sich des Rangunterschieds durchaus bewusst.


    Anton wartete einen Moment, bis er allein war. Der Eldar musterte ihn mit den Augen eines Raubvogels, verächtlich, aber dennoch interessiert.


    Margil betrachtete den Menschen, ohne etwas zu sagen. Rein äusserlich hätte er ihn beinahe mit jenem, der ihn zuvor aufgesucht hatte, verwechseln können. Beide hatten das gleiche ausdruckslose Gesicht, die gleichen halblangen, dunklen Haare. Nur dieser hier kleidete sich weniger kapriziös. Und ihn umgab eine Aura des Schwermuts, so deutlich zu spüren, als würde er sie wie einen dunklen Mantel über den Schultern tragen.


    »Ich bin Inquisitor Kalen, Ordo Xenos«, stellte sich Anton vor. »Wie ist dein Name, Eldar?«


    Der blonde Weltenwanderer schwieg. Ein Inquisitor. Das hatte er nicht erwartet. Von den Untergruppierungen der Inquisition verstand er wenig, doch die Bezeichnung Ordo Xenos war keinesfalls vertrauenerweckend. Xenos – so nannten die Chem-Pan-Sey alle Lebewesen, die nicht von ihrer Art waren. Miermen gehörte dem Ordo Malleus an, er verfolgte die Kreaturen des Sha’eil und ihre Helfershelfer. Margil hatte mit eigenen Augen beobachtet, dass jene, die sich von seinem beinahe kindlichen Aussehen täuschen liessen, ihren Irrtum rasch und schmerzvoll erkannten und bereuten. Was das Ziel des Ordo Xenos sein musste, liess sich leicht erahnen. Und der Weltenwanderer rechnete nicht damit, dass dessen Angehörige in ihren Methoden gnädiger waren als der QuasKarun. Doch ganz gleich worüber dieser Inquisitor Auskunft suchte, bei ihm würde er sie nicht finden.


    »Dann eben nicht…«, Anton zuckte mit den Schultern. »Ich bin gekommen, um über einen Feind, den ihr Necrons nennt, zu sprechen. Ich habe Aufzeichnungen in unseren Archiven gefunden, die darauf hindeuten, dass dein Volk uns um Hilfe gebeten hatte – Hilfe, um diese Necrons zu vernichten. Vor einiger Zeit hatte ich einen Einsatz auf Ysraal VI, der Heimatwelt dieser boshaften Xenos-Spezies. Es gelang uns, die Welt und alles darauf zu vernichten, die Gefahr dieses schrecklichen Gegners für immer zu bannen.«


    Margil hob erstaunt die Augenbrauen, doch so subtil, dass es dem Menschen entging und nur einem anderen Aeldari aufgefallen wäre. Die Selbstüberschätzung der Cresistauead war dem Weltenwanderer wohl vertraut, doch die Worte dieses Menschen zeugten von so viel Unverstand, dass es schon beinahe amüsant war.


    »Doch ihre Technologie übersteigt mein Verständnis völlig«, fuhr der Inquisitor fort.


    Unmerklich grinste der Weltenwanderer. »Immerhin gelangt er selbst zu dieser Einsicht«, schoss es ihm durch den Kopf.


    »Diese Leere, die den Warpraum einnahm, könnte vielleicht eine Waffe gegen das Chaos sein. Dein Volk weiss mehr über diese Necrons, als ich im Kampf gegen diese Xenos in Erfahrung bringen konnte. Auch wenn eure Botschafterin damals nicht gehört wurde – durch die Vernichtung der Necron-Heimatwelt, habe ich unser beider Völker geholfen. Helft nun mir, in dem ihr dazu beitragt, dass ich deren Technologie zu verstehen lerne!«


    Margil musste seinen vorherigen Gedanken zurücknehmen. Der Chem-Pan-Sey hatte nichts verstanden, er hatte nicht die geringste Vorstellung, mit was er es zu tun hatte. Alles, was er ihm hätte sagen können, was die Aeldari über den Alten Feind wussten, ging weit über den Verstand des Menschen, wenn es ihn nicht sogar in den Wahnsinn trieb. Beinahe empfand der Weltenwanderer Mitleid mit seinen vergeblichen Mühen, so wie man Mitleid mit einem Tier empfand, dass versuchte, sich mit seinem eigenen Spiegelbild zu verständigen.


    Das beharrliche Schweigen des Eldar liess Anton zunehmend die Fassung verlieren. Hatte er nicht hinreichende Vernunftgründe angeführt? Hatte er nicht sein Wohlwollen, seinen bisherigen Erfolg, seine Beweggründe verständlich gemacht, und den Preis…


    »Ich sagte, wir haben den Feind vernichtet, doch zu einem hohen Preis. Ysraal VI war bewohnt! Seine Bürger kämpften tapfer und verzweifelt bis zuletzt. Wir versuchten zu retten, so viele wir konnten. Doch Millionen blieben zurück und kamen um, als der Planet vernichtet wurde – auf meinen Befehl!« Anton stockte die Stimme. »Diese Schicksale können dich nicht unbewegt lassen, Eldar. Sprich mit mir, damit diese Opfer nicht umsonst waren.«


    Bis zu diesem Moment hatte Margil die Worte des Inquisitors mit der ihm eigenen stoischen Ruhe angehört, ohne ein Wort zu erwidern. Doch nun konnte er nicht mehr an sich halten.


    »Du sprichst von einer verlorenen Welt, Chem-Pan-Sey?« Der blonde Weltenwanderer tat einen Schritt auf den Inquisitor zu, blieb in einer leicht vorgebeugten Haltung stehen und funkelte ihn von oben herab an. »Was hast du zu klagen? Ihr bevölkert die Galaxis zu Milliarden, ihre seid wie Wanderameisen. Was kümmert euch eine Welt oder einhundert.« Er machte eine kurze Pause, versuchte die Fassung wiederzugewinnen, vergeblich. Das Gesicht des Menschen schien Bestürzung zu zeigen. Margil glaubte, er würde ansetzen, etwas zu entgegnen. Doch der Aeldari wollte ihn nicht zu Wort kommen lassen.


    »Sie haben versucht, euch zu warnen«, stiess er hervor. Sein Zorn steigerte sich mit jedem Satz. »Doch was haben deine Artgenossen der Botschafterin angetan, weisst du es? Ich habe ihr Gesicht gesehen, das sie niemandem mehr zu zeigen wagt. Der Grauhabicht hat sie dafür zahlen lassen. Doch als sie heimkehrten, fanden sie ihre Heimat in Scherben, zertrümmert vom Alten Feind, den zu stoppen in eurer Macht gestanden hätte, hättet ihr nur zugehört. Die letzten des Volkes von Ilthadash, verloren in der Leere, kamen schliesslich nach ZarAsuryan. Doch viele blieben gefangen im Zwielicht und fanden nicht zurück auf die Pfade, Seelen, die am Abgrund wandeln. Du denkst, du hättest den Alten Feind besiegt, Chem-Pan-Sey?« Der blonde Weltenwanderer warf den Kopf zurück und lachte schrill. »Es beginnt erst. Sie schliefen, auf unzähligen Welten, und nun erwachen sie und fordern das zurück, was einst ihnen gehörte. Für sie seid ihr Ungeziefer, noch weniger wert als für uns.«


    Anton war über die Arroganz des Eldars überrascht und wütend zugleich. Er wusste um die Überheblichkeit dieser Xenos, dachte aber, die so schmerzliche Vernichtung Ysraal VI und die damit einhergehende Vernichtung der Necrons könnte als erster Schritt auf einem gemeinsamen Weg dienen. Nun behauptete der Alien, es gäbe noch viele weitere dieser schrecklichen Xenos?


    »Was soll das bedeuten, Eldar?« warf er erregt ein. »Das Imperium überspannt die ganze Galaxie! Wir hätten es bemerkt, wenn es mehr dieser Wesen geben würde. Dein Volk kümmert sich vielleicht nicht um die Schwachen, aber zumindest einige von uns versuchen, auch die unbedeutendsten unseres Volkes zu retten. Jeder Mensch hat ein Recht auf Schutz und das Leben, das ist der Grundpfeiler des Imperiums. Der Imperator beschützt! Ich kann und will nicht glauben, dass das Opfer Ysraals umsonst gewesen war – sollte dem aber so sein, fordere ich sofort, alles zu erfahren, um diesen Feind aufzuhalten!«

    »Jeder Mensch hat ein Recht auf Schutz und das Leben! Der Grundpfeiler des Imperiums!« rief Margil mit höhnischem Ton aus. »Ich weiss mehr über das Tun deiner Brüder, als du denkst, Inquisitor! Du hast es selbst eingestanden – diese Welt wurde vernichtet, diese Menschen getötet auf deinen Befehl! Belüge dich nur weiter selbst!«


    Der Weltenwanderer wurde unverhofft durch ein Alarmton unterbrochen. Hector betrat nur Sekunden später die Zelle und richtete sich direkt an Anton, den Eldar schlicht nicht beachtend.


    »Anton, soeben ist ein unbekanntes Schiff in dieses System gewarpt. Ordo Malleus. Sie rufen uns.«


    »Wie zur Hölle kommt der Ordo Malleus hierher?«, fluchte Anton kurz. »Ich muss sofort zu Emanuel. Wir müssen verhindern, dass sie den Eldar finden!«


    Er warf einen letzten, wütenden Blick auf den Xenos und verliess daraufhin die Zelle, die sich sogleich wieder verriegelte. Margil lächelte befriedigt und liess sich wieder im Schneidersitz auf dem Bett nieder.


    Als Anton auf die Brücke geeilt kam, war Emanuel bereits dort. Der Freihändler stand vor dem Terminal der Nahbereichskommunikation, die mit einem Servitor besetzt war. Der Maschinenmensch war fest mit der Station verbunden. Aus dem Voxcaster schallte der Ruf des Funkoffiziers des fremden Schiffes.


    »Freihändlerschiff Yukikaze, es ruft Inquisitions-Kreuzer Orestes. Halten Sie Position. Inquisitor Konstantijn Ruven, Ordo Malleus, wird zu Ihnen an Bord kommen.«


    Emanuel schaute Anton fragend an. »Ein Freund von dir?«


    »Nein…«, erwiderte Anton unsicher. Noch immer hallten die Worte des Eldar in seinem Geist wider. Ysraal VI sollte nur der Anfang sein? Der Ordo Malleus, der wie aus dem nichts auftaucht? Er konnte sich nicht erinnern, jemals in irgendwelche Angelegenheiten verwickelt worden zu sein, die die Aufmerksamkeit der Dämonenjäger auf ihn gezogen hätten. Alles lief schief. Als hätte sich ein Abgrund aufgetan, der ihn langsam zu verschlingen drohte.

    Emanuel bemerkte, dass sein Freund offensichtlich nicht in guter Verfassung war. Kurzerhand betätigte er selbst die Funkanlage.


    »Orestes, bitte nennen Sie ihr Anliegen?«


    Ein kurzer Moment der Stille folgte.


    »Ermittlungen des Ordo Malleus. Ihre volle Kooperation wird vorausgesetzt«, kam die ebenso routinierte wie nichtssagende Antwort.


    Anton stand ratlos da. In diesem Moment war er unfähig, eine Entscheidung zu treffen.


    »Moment. Ich habe einen Plan«, sagte Emanuel. Er wandte sich einem der Offiziere zu – die meisten niederen Ränge waren durch Servitoren ersetzt – und gab seine nächsten Befehle. »Odysseus-Protokoll einleiten, Landebucht 2. Bringt den Requirierungs-Beschluss!«


    Dann betätigte er erneut die Sprechtaste und gab der Orestes Rückmeldung. »Freihändlerschiff Yukikaze, Von Drach-Dynastie. Bestätige. Landebucht 2 steht Ihnen zur Verfügung.«

  • VII

    Die Landebucht war vollständig geräumt worden. Sollte die Situation eskalieren, wollte Emanuel die materiellen Verluste gering halten. Anton, der sich etwas gesammelt hatte, wurde von seinem Freund über den Plan in Kenntnis gesetzt – ein guter Plan, wenn man bedachte, dass er in so kurzer Zeit gereift war.


    Zusammen mit einer Abteilung der Freihändler-Garde wartete der Inquisitor nun in der Landebucht auf das Eintreffen seines Kollegen. Sollte der Plan aufgehen, konnte die Lage diplomatisch entschärft werden. Andernfalls standen mehrere Dutzend Söldner an allen Zugängen zum Hangar bereit, die Waffen sprechen zu lassen. Anton wusste, dass Emanuel den gesamten Bereich von der Gefechtsbrücke aus überwachte und sofort reagieren konnte, sollte der Neuankömmling zu einem Problem werden. Der Gedanke, einen anderen Inquisitor anzugreifen, war ihm zwar zuwider, aber sollte der Eldar damit Recht behalten, dass es noch mehr dieser Necrons gab, durfte er kein Risiko eingehen. Die meisten Inquisitoren, mit denen er zu tun gehabt hatte – ganz egal, aus welchem Orden – würden mit einem Xenos kurzen Prozess machen. Würde dem Gefangenen etwas geschehen, stünde Anton wieder ganz am Anfang.


    Mit einem Donnern öffneten sich die inneren Hangarschotts wie ein klaffendes, bezahntes Maul und ließen eine Aquila-Landefähre in die Landebucht. Das kleine Flugzeug, mit seinen ausladenden, an Federn erinnernden Tragflächen einem Vogel ähnelnd, war in rot und schwarz lackiert. Auf dem Heckleitwerk prangte in Gold das Zeichen der Inquisition.


    Elegant wendete das Gefährt und setzte auf der gelb markierten Landezone auf. Während die Zähne des Hangartores krachend wieder aufeinanderprallten, öffnete sich unter Zischen die Luke des Passagierbereich der Fähre.


    Einige Augenblicke verstrichen, dann trat ein junger Mann die Rampe hinunter und kam mit selbstsicheren, doch nicht bedrohlichen Schritten auf die Wartenden zu. Seine schlichte Kleidung wies außer einer messingfarbenen Knopfleiste auf der rechten Seite der blauen Jacke keine Verzierungen auf. Erst auf den zweiten Blick konnte man erahnen, dass er darunter irgendeine Art Schutzweste trug. Das einzig auffällige, um nicht zu sagen exzentrische an ihm war sein langer, ärmelloser Mantel in verwaschenem Orange, der den Offiziersjacken der Imperialen Navy ähnelte. Seine schlicht gearbeitete, goldene Rosette hatte der Inquisitor an seinen burgunderroten Gürtel befestigt – ebenso wie eine leicht gebogene, schwarze Schwertscheide, die auf eine ungewöhnlich schmale Klinge schließen ließ. Bemerkenswerterweise trug er sie auf der rechten Seite, führte zumindest also das Schwert mit der linken Hand. Nur wenn der Mantel im Gehen zur Seite schwang, war an seiner linken Seite ein Holster zu erkennen, in dem eine mit Messingaufschlägen verzierte Boltpistole steckte. Der Inquisitor erschien bewaffnet, doch ansonsten augenscheinlich allein.


    Das Gesicht des jungen Mannes war ernst, doch nicht aggressiv. Sein Alter mochte höchstens bei Mitte 30 liegen. Das rotblonde Haar fiel ihm über die Stirn und die Ohren. Mit einem höflichen Lächeln blieb er zwei Schritte vor Anton stehen, überkreuzte die Hände vor der Brust, um das Zeichen des Aquila zu formen, und verbeugte sich leicht.


    Konstantijn überblickte den weiten Raum des Hangars. Auf etwa zwei Dritteln der Entfernung von der Landefähre zum Ausgang erwartete ihn sein Gastgeber in Begleitung eines Trupps uniformierter Soldaten. Die Uniformfarben ließen sich weder der Inquisition noch dem Astra Militarum zuordnen. Einen Moment lang fragte er sich, ob es ein Fehler gewesen war, ganz ohne Eskorte überzusetzen. Aber das ließ sich nun nicht mehr ändern.


    Schon als er durch den Hangar auf sein Empfangskomitee zuging, verschaffte der Inquisitor sich einen ersten Eindruck von seinem Amtskollegen. Der Mann musste etwas älter als er selbst sein, auch wenn seine sorgfältig zurückgekämmten, dunklen Haare noch keine Spuren von weiß zeigten. Aber sein Gesicht hatte den Ausdruck jener, die von der Bürde ihres Amtes bereits gezeichnet waren. Seine Kleidung war dunkel gehalten, Hemd, Hose, Jacke, Stiefel, ebenso einfach wie seine eigene. Er hatte es also mit niemandem zu tun, der großes Aufheben um sein Erscheinungsbild, und wohl auch nicht um seine Person machte. Das konnte seinem Anliegen nur zugutekommen.


    Während Konstantijn geradewegs auf den Ordo-Xenos-Inquisitor zuschritt und dessen Aufmerksamkeit auf sich zog, schlich Firondhir, wie abgesprochen, aus der Luke der Landefähre und glitt durch den Schatten unterhalb des Flugzeuges. Suchend sah der Weltenwanderer sich um. Zu seinem Verdruss stellte er fest, dass die weite, hell erleuchtete Halle beinahe leer war, als wäre alles, was ihm irgendwie hätte Deckung bieten können, vorsorglich entfernt worden. Die einzige, bescheidene Möglichkeit bot die Kante einer erhöhten Arbeitsplattform.


    Firondhir konzentrierte seine Wahrnehmung auf die Farben und Konturen der Umgebung. Dann schloss er die Augen und rief sich das Gesehene noch einmal ins Bewusstsein. Innerhalb weniger Augenblicke verblasste das tiefe Schwarz seines Mantels und nahm das Weiß und Hellgrau seiner Umgebung an. Dann eilte er in einem raschen Spurt in das dürftige Versteck. Die helle Ausleuchtung und weiße Färbung der Landebucht erschwerte es selbst dem erfahrenen Weltenwanderer, unentdeckt zu bleiben. Wäre sein Mantel nicht in der Lage gewesen, die Farbe seiner Umgebung anzunehmen, wäre es unmöglich gewesen. Reglos verharrte er und nahm die Umgebung in Augenschein. Was er entdeckte, behagte ihm gar nicht.


    »Miermen«, hörte Konstantijn die Stimme des Weltenwanderers in seinem Kopf, »in jedem Ausgang verbergen sich Männer, bewaffnet.«


    »Verstande. Halte dich in Deckung, bis wir die Landebucht verlassen. Dann folge uns so unauffällig wie du kannst.«


    Die letzte Aufforderung ließ den Aeldari sich zu einem spöttischen Lachen hinreißen, das im Geist des Inquisitors nachhallte. Konstantijn lächelte für sich und konzentrierte sich dann wieder ganz auf seinen Gastgeber. Als er ihm gegenüberstand, formte er die Hände zum formellen Gruss mit dem Zeichen des Aquila. »Inquisitor Konstantijn Ruven, Ordo Malleus.«


    Anton erwiderte den Gruss des Aquila. »Inquisitor Anton Kalen. Ordo Xenos.«


    Ungeachtet der Anspannung, die in der Luft lag, reichte Anton Konstantijn freundlich seine Hand, um seinen guten Willen zu bekunden. Der Dämonenjäger erwiderte die Geste und nickte höflich. Sein Händedruck war fest und kraftvoll. Erst jetzt fiel Anton auf, dass der linke Arm des Inquisitors durch sonderbare Bionics ersetzt worden war. Glatte, runde Formen aus einem silbern glänzenden Material bildeten Hand und Unterarm, als handelte es sich um Teile einer leichten Rüstung. Weder Gelenke noch Kabel oder Gestänge waren zu sehen. Die Konstruktion bewegte sich so natürlich mit dem restlichen Körper, als wäre sie schon immer ein Teil davon gewesen.


    Mit Leichtigkeit konnte Anton feststellen, dass es sich bei der Prothese um Eldar-Technologie handelte. Normalerweise hätte diese Tatsache grosse Neugier in ihm geweckt, doch jetzt gefiel sie ihm in Anbetracht der Herkunft ihres Gefangenen ganz und gar nicht. Dass zwischen ihm und dem Auftauchen dieses Inquisitors ein Zusammenhang bestand, war kaum mehr von der Hand zu weisen. War der Ordo-Malleus-Inquisitor ein Verbündeter des gefangenen Eldar? Stand er überhaupt loyal zum Imperium? Dennoch entschied sich Anton, vorerst nichts dergleichen zu erwähnen. Würde er falsch liegen, würde er so mit Sicherheit Aufmerksamkeit erzeugen, auf die er lieber verzichtete.


    »Dieses Schiff wurde durch mich requiriert«, sagte Anton bestimmt, aber ruhig. »Es untersteht somit dem Ordo Xenos. Mein Orden führt hier eine wichtige Untersuchung durch. Leider muss ich Euch den Zutritt verweigern, solltet Ihr keine guten Gründe dafür haben.«


    »Lassen Sie uns weniger formell sein, Inquisitor Kalen«, erwiderte Konstantijn lächelnd. »Ohne Gründe würde ich Ihre Zeit nicht in Anspruch nehmen. Ich will offen zu Ihnen sein, da ich annehme, dass Sie über das, was mich hierherführt, keine Kenntnisse haben oder es Ihre Ermittlungen nicht tangiert.«


    »Uayess eleharmure am?!(1)« fuhr Firondhirs entsetzter Ausruf in seinen Geist. Auch wenn er zwar nicht die Worte, aber den Sinn verstand, blendete Konstantijn ihn aus. Der Mann, der vor ihm stand, war Psioniker, soviel konnte er wahrnehmen. Ob er eine Antwort an den Weltenwanderer bemerken würde, konnte Konstantijn nicht einschätzen.


    »Aber zuvor gestatten Sie mir doch eine Frage«, fuhr er an Kalen gewandt fort. »Ihr Name ist mir nicht fremd. Kann es sein, dass ich einen Bericht über einen Ihrer Einsätze gelesen habe? Ysraal IV, ist das korrekt?«


    Er hatte einen Moment gedauert, bis sein Gedächtnis einen Zusammenhang hergestellt hatte. An mehr als den Namen des Verfassers und den des Planeten konnte er sich allerdings nicht mehr erinnern. Was immer daringestanden haben mochte, der Ordo Malleus dieses Sektors hatte dem seinerzeit offenbar wenig Bedeutung beigemessen. Es war ein gewagter Schachzug, aber vielleicht konnte er so eine Beziehung zu seinem Kollegen aufbauen, bevor er zur Sache kam. Denn sein ursprünglicher Plan, mit der Autorität seines Ordens und unter dem Vorwand, nach verbotenen Artefakten zu fahnden, das Schiff zu durchsuchen, hatte sich in dem Moment zerschlagen, in dem ein anderer Inquisitor anwesend war.


    Und noch etwas unerwartetes geschah. Konstantijn hatte in dem Moment die Hand des Ordo-Xenos-Inquisitors losgelassen, als er den Namen Ysraal ausgesprochen hatte. Doch der Kontakt war noch eng genug gewesen, um die körperliche Reaktion seines Gegenübers auf dieses Wort zu spüren. Sein bis dahin schon rascher Herzschlag beschleunigte sich für eine kurze Zeit noch mehr, die Haut schien feuchter zu werden, als hätte die Erwähnung des Planeten einen noch stärkeren Anstieg des ohnehin schon hohen Stresslevels hervorgerufen.


    Anton brauchte einen Moment, um etwas zu erwidern. Der verächtliche Eldar hatte diese nie richtig verheilte Wunde gerade erst wieder aufgerissen und schon rammte dieser Inquisitor seinen Dolch in sie hinein. Als ob sie sich abgesprochen hätten, ihn zu quälen. Doch sein Wille war stark genug, der offensichtlichen Provokation die Stirn zu bieten. Er versuchte, sich nichts anmerken zu lassen.


    »Ysraal VI, nicht IV. Sie wissen, dass der Planet zerstört wurde? Ich würde zu gerne fragen, was für ein Interesse der Ordo Malleus daran hat. Aber das ist jetzt nicht von Belang.«


    Es fiel Anton schwer, sich zu konzentrieren. Zu viele Gedanken zuckten durch seinen Geist. Als er kurz in den Warp schaute, dachte er für einen Moment, neben der Seelenessenz des Inquisitors noch eine weitere gespürt zu haben. Sein Interesse galt aber Ruven. Im Widerspruch zu seiner Vermutung schien er keine bösen Absichten zu hegen, ja, er schien sogar ehrlich über Antons Abweisende Haltung verwundert.


    Ohne ihm Zeit zu lassen, bezüglich Ysraal VI nachzuhaken, versuchte Anton, das Gespräch zurück zum eigentlichen Thema lenken.


    »Also, nennen Sie mir die Absicht Ihres Besuchs.«


    Es fiel Konstantijn immer noch schwer, sein Gegenüber einzuschätzen. Auf den Anblick seines Phantomkristall-Armes hatte er nicht reagiert. Eigentlich war es leichtsinnig gewesen, ihn vor einem Inquisitor des Ordo Xenos so offen zu zeigen. Kalen konnte ihn nicht übersehen haben und Konstantijn durfte seiner Fachkompetenz zutrauen, die Prothese zumindest als nicht-menschlichen Ursprungs zu identifizieren. Seine Zurückhaltung konnte Hinterlist sein. Andererseits hatte er, als er seine Hand ergriffen hatte, keine körperlichen Reaktionen wahrgenommen, die auf wütende Erregung hinwiesen.


    Stattdessen zeichnete die Erwähnung von Israal VI ein unerwartetes Bild. Der Planet war während Inquisitor Kalens Mission dort vernichtet worden, ein Detail, dass ihm aus dem Missionsbericht entfallen war. Doch wie der Inquisitor darauf reagierte, der körperlich Stress, das ausweichende Verhalten – Konstantijn konnte eins und eins zusammenzählen. Er hatte durch Zufall einen wunden Punkt getroffen, und wahrscheinlich war das noch untertrieben. Ein Mann, der auch Jahre nach dem Ereignis noch so reagierte, konnte keiner jener abgebrühten Psychopathen sein, die in ihrem Beruf zuweilen auftraten.

    Konstantijn wurde eines schlagartig bewusst: dieser Inquisitor war besorgt über seine Anwesenheit, über das, was er möglicherweise hier entdecken konnte. Und er war sich ziemlich sicher, dass es dabei um Margil ging. Nur in welchem Zusammenhang musste er dringend herausfinden, ehe er irgendwelche Schritte machen konnte.


    Er entschloss sich, mit offenen Karten zu spielen, zumindest ein Stück weit. Und wenn der Wille des Gott-Imperators auf seiner, auf ihrer beider Seite war, würden die Angelegenheit ein gutes Ende nehmen.


    »Wie ich sagte, ich will offen sein«, antwortete Konstantijn mit gesenkter Stimme. »Ich weiss, dass auf diesem Schiff ein Weltenwanderer der Aeldari festgehalten wird. Ich möchte ihn wiederhaben.«


    Anton runzelte die Stirn. Woher wusste der Inquisitor von dem Eldar? Wie kam er dazu, ihn als Aeldari zu bezeichnen, entsprach dies doch der Sprache der Xenos. Gewissen imperialen Würdenträger wäre allein das schon Grund genug, eine Untersuchung einzuleiten. Auf jeden Fall war sein Verhalten so unglaublich unvorsichtig, dass es einem Wunder gleichkam, dass er noch nicht als Abtrünniger gebrandmarkt worden war.


    Anton vertraute zwar Emanuel, nicht aber seinen Soldaten. Es war viel zu gefährlich, so offen über Dinge zu sprechen, die streng genommen als Verrat gelten konnten. Als erstes musste er dafür sorgen, dass sie an einem diskreteren Ort miteinander reden konnten.


    »Ehe Sie hier gelandet sind, waren wir gerade dabei, das Nachtmahl einzunehmen«, stellte Anton im Wissen fest, dass Emanuel einen eigenen, vom Rest der Crew vollständig separierten Speiseraum besass. »Lassen Sie uns doch diese… ‚Angelegenheit‘ besprechen. In einer etwas ruhigeren Atmosphäre. Wir können gemeinsam speisen und ergründen, wieso Sie denken, dass sich ein Xenos auf diesem Schiff befindet.«


    »Das halte ich für eine gute Idee «, stimmte Konstantijn zu. »Und ich danke für die Einladung. Gehen Sie nur voran, werter Kollege.«


    Anton war froh, dass der ungewöhnliche Inquisitor einfach so einwilligte. Vielleicht hatte er selbst gemerkt, dass es keine besonders schlaue Idee war, sich so freizügig zu einem äusserst brisanten Thema zu äussern. Trotzdem musste Anton weiter vorsichtig sein. Die ganze Situation schien fast schon surreal. Dieser Mann trat mit einer offenen Ehrlichkeit und Authentizität auf, die Anton im Imperium für völlig verloren hielt. Er hatte zu viel erlebt, um dem Inquisitor das einfach so abzunehmen.


    Der Trupp der Soldaten löste sich auf Befehl Antons hin auf. Der Form halber blieb eine Eskorte aus vier Mann an ihrer Seite, die die beiden Inquisitoren durch das Schiff zur Offiziersmesse begleitete.


    Während sie durch die Korridore wanderten, nahm Konstantijn das Freihändlerschiff in Augenschein. Schon in der Landebucht war ihm der eklatante Unterschied zu imperialen Schiffen aufgefallen. Statt düsterer, kathedralengleichr Pfeiler und Strebebögen aus Stahl, Messingbeschlägen und den allgegenwärtigen Schädelmotiven herrschten hier glatte Formen und helle Farben vor. Offenliegende Leitungen und Getriebe waren nirgendwo zu sehen, jede Technik, die dieses Schiff in Betrieb hielt, was sorgfältig verborgen worden.


    Die Korridore waren weit und hell. Feine Metallarbeiten in Chrom und Gold zierten die Decken. Die Wände wären mit feinsten, leichten Stoffen behangen. Abstrakte Kunstgegenstände wie auch fremdartige Kultobjekte standen auf Sockeln in Wandnischen. Vieles davon mochte nicht-menschlichen Ursprungs sein. Immerhin konnte der geschulte Blick des Inquisitors nichts darunter ausmachen, was mit der Anbetung der Chaosmächte in Zusammenhang stand.

    Was er allerdings bisher ebenso wenig entdeckt hatte, war der Imperiale Adler. Die Bauform imperialer Schiffe war eine Huldigung an den Imperator, der Dienst, den Männer und Frauen auf ihnen leisteten, war Dienst an Ihm. Dieses Schiff schien nicht dem Imperator, sondern dem Luxus und Gewinnstreben seines Besitzers zu huldigen. Auch wenn ihm der Mystizismus des Imperialen Kultes, der sich auf alle Lebensbereiche ausdehnte, zuweilen über das Ziel hinausschoss, ein solcher selbstverherrlichender Prunk war Konstantijn zutiefst zuwider.


    Die Offiziersmesse war ein großzügiger, ebenso prächtig eingerichteter Saal mit hohen Außenfenstern, die den Blick auf die Sterne freigaben. Die gegenüberliegende Wand war mit schweren, reich bestickten Vorhängen verhängt. Im Augenwinkle glaubte Konstantijn, eine der Stoffbahnen sich bewegen zu sehen.


    Inquisitor Kalen führte seinen Kollegen jedoch zu einer hohen, goldbeschlagenen Tür an der anderen Seite des Raumes. Dahinter befand sich ein kleinerer Saal, der doch immer noch die Messen der meisten imperialen Schiffe in den Schatten stellte. Anscheinend handelte es sich um den privaten Speisesaal des Schiffseigners. Die Tafel aus dunklem, poliertem Holz war für vier Personen gedeckt. Es überraschte Konstantijn in keiner Weise mehr, dass das Geschirr aus feinstem, bemaltem Porzellan und ziseliertem Silber bestand. An den Wänden hingen präparierte Tierköpfe allerlei unmöglicher Kreaturen.

    Am Kopfende der Tafel wartete ein dunkelhaariger, junger Mann, gekleidet in eine schwarze, golden verzierte Lederuniform. Eine auffällige weiße Strähne fiel in sein schon fast unnatürlich ebenmäßiges Gesicht. Neben ihm stand ein großes, schlankes Geschöpf von menschenähnlicher, weiblicher Statur, doch mit dem Kopf und der smaragdfarbenen Schuppenhaut eines Reptils. Sie trug ein teures Gewand aus fast transparenten Tüchern.


    »Inquisitor Ruven«, richtete sich Anton an Konstantijn. »Freihändler der Von Drach-Dynastie und Kapitän der Yukikaze, Emanuel Von Drach.« Dabei deutete er auf den jungen Mann.


    »Es ist mir eine Ehre, noch einen Inquisitor auf meinem Schiff begrüssen zu dürfen«, erwiderte Emanuel zynisch, während er das ‚noch‘ besonders betonte.

    Konstantijn reichte dem Freihändler zur Begrüßung die Hand. Den Unterton in seinen Worten hatte er nicht überhört. Das Erscheinungsbild des Kapitäns passte in jeder Hinsicht zu dem seines Schiffes.


    »Die Dame heisst Ashenya«, fuhr Anton fort. »Metahumanoide, Beraterin des Ordo Xenos und wichtiger Teil meines Stabs.«


    Das Alien verbeugte sich höflich.


    Konstantijn wandte sich der Reptiloidin zu und streckte ihr die offene rechte Hand entgegen. Ashenya zögerte einen Moment, ehe sie ihre hineinlegte.

    »Madame«, sagte der Inquisitor und deutet mit einer Verneigung einen Handkuss an. Überrascht zog sie langsam die Hand zurück. »Ein alte Geste meiner Heimatwelt, einer hochgestellte Dame Ehre zu erweisen«, erklärte er.


    Es hatte nicht erst der Berührung der Echsenfrau bedurft, um ihre starke psionische Aura zu spüren. Doch nun war Konstantijn sich vollkommen sicher: dass Kalen sie als Metahumanoide ausgab, musste eine Schutzbehauptung sein. Ihre Ausstrahlung war so fremdartig, wie er es bisher nur von den Aeldari kannte. Im selben Moment war ihm auch klar, dass er vor ihr nichts würde verbergen können. Aber nun war er sich auch über Anton Kalen völlig sicher. Einem Ordo-Xenos-Inquisitor, der ein Alien im Dienst hatte und es vor den imperialen Behörden mit einer Lüge schützte, konnte Konstantijn seine Beziehung zu den Aeldari bedenkenlos offenlegen.


    Entnervt beobachte Emanuel das Verhalten des Neuankömmlings, der offenbar Ashenya zu schmeicheln versuchte. Natürlich war ihm bewusst, dass ihr schlanker, äusserst wohlgeformte Körper in dem teuren und exquisiten Gewand durchaus anziehend wirken konnte. Der Inquisitor sollte sich aber besser nicht einbilden, dass sein Amt hier auf der Yukikaze irgendeine Bedeutung hatte.


    »Nun, was führt Euch zu uns, Inquisitor?«, sagte Emanuel herausfordernd, ehe Ashenya auf die ungewöhnlich elegante Begrüssung reagieren konnte.


    »Er weiss von dem Eldar«, warf Anton trocken ein.


    Emanuel warf seinem Freund einen missbilligenden Blick zu. Dann wandte er sich wieder an Konstantijn. »Das ist mein Schiff. Meine Passagiere gehen den Ordo Malleus nichts an. Ausserdem bin ich ein Von Drach. Ich nehme an, Ihr wisst über unsere hervorragende Stellung. Allein die Vorstellung, irgendetwas mit Dämonen zu tun zu haben, ekelt mich an.«


    Konstantijn lächelte ruhig. Er hielt nichts von vorschnellen Verurteilungen, aber der Charakter dieses Freihändlers schien mehr als fragwürdig.


    »Natürlich, Kapitän«, beschwichtigte er. »Ich kann Ihnen versichern, dass ich keinerlei Vorwürfe dieser Art gegen Sie erheben will. Ich bin ausschließlich daran interessiert, den Aeldari, den Sie hier festhalten, zurückzubekommen.«


    »Es freut mich, euch kennenzulernen, Inquisitor«, erklang eine sanfte Stimme urplötzlich im Geist Konstantijns. »Bitte verzeiht Emanuel. Er ist nicht gut auf die Euren zu sprechen. Aber er ist ein guter Freund.«


    Dass die Xenos-Frau telepathisch kommunizierte, überraschte Konstantijn nicht, zumal er diese Art der Verständigung schon bei den Aeldari kennengelernt hatte. Er hatte noch nie von einer derartigen Spezies gehört, geschweige denn einen Vertreter gesehen. Ihr psionisches Potential stand dem der Weltenschiffbewohner in wenig nach. Anders als jene, schien sie jedoch ein von Natur aus ausgeglichenes Wesen zu haben. Sie könnte eine wertvolle Fürsprecherin in dieser verzwickten Sache sein.


    »Die Freude ist ganz meinerseits, Ashenya«, antwortete er auf die gleiche Weise. »Ich hoffe, ich bin Euch mit meiner Geste nicht zu nahegetreten. Und ich bitte um Verzeihung. Ich bin kein Telepath. Ich kann Euch verstehen und antworten, aber nicht gezielt ansprechen.«


    Fast sofort formte sich Ashenyas Antwort in Konstanijn Geist. »Überhaupt nicht. Es spielt für mich zwar keine Rolle, dass die meisten Menschen meine Erscheinung ablehnen, dennoch bedauere ich es zeitweise. Eure Offenheit gegenüber meiner Art, ehrt Euer Geschlecht. Ich würde mich freuen, Euch näher kennenzulernen, doch warne ich Euch: Inquisitor Kalen zuerst, gefolgt von dem Kapitän. Sie sind meine Freunde. Erhebt ihr gegen eine davon die Hand, erhebt ihr die Hand auch gegen mich.«


    „Ihr habt euren Standpunkt deutlich gemacht, Madame“, antwortete Konstantijn mit einem inneren Lächeln.


    »Dem Xenos mangelt es an nichts…«, hatte Emanuel in inzwischen etwas ruhiger auf die Erklärung Konstantijns erwidert. »Er ist als mein Gast an Bord.«


    »Das ändert nichts«, entgegnete der Inquisitor. »Ein Gast, der Gegen seinen Willen hier ist, ist immer noch ein Gefangener.«


    »Lasst uns speisen und diese Diskussion auf später vertagen«, warf Anton dazwischen, um die Situation zu entspannen. Er war fest entschlossen, es nicht zuzulassen, dass die Lage noch komplizierter wurde.


    Emanuel nickte ihm zustimmend zu. Dann betätigte er einen unauffälligen Druckknopf, der offenbar am Kopf der Tafel, wo Emanuel seinen Platz eingenommen hatte, in die Tischplatte eingelassen war.


    »Bringt die Mahlzeit!«, befahl er schroff. Irgendwo musste sich eine versteckte Voxcaster-Anlage befinden, die wohl mit der Küche verbunden war. Ein unglaublicher Luxus, gemessen an den Schiffen, die sonst im Imperium verbreitet waren.


    Als ob sie nur darauf gewartet hätten, betrat eine ganze Horde an Bediensteten den Raum durch eine kleine, versteckte Türe, die hinter die Verschalung der Schiffswand führte.


    Anton hielt absolut nichts von Emanuels Disziplinarmassnahmen. Er war ein guter Freund und zuvorkommender Gastgeber. Doch als Kapitän zeigte er manchmal eine äusserst brutale, hässliche Seite.


    Die Bediensteten waren – so wusste Anton von früheren Besuchen auf der Yukikaze – Mitglieder der Crew, die gegen die Dienstvorschriften verstossen hatten. Sie trugen allesamt Sprengkragen, wie es bei den Straflegionen üblich war. Die Männer waren in zerlumpte Uniformen gehüllt, während die Frauen, die hauptsächlich Emanuel bedienten, freizügige Kostüme trugen, die aus eng umschliessenden Bändern und goldenen, klauenartigen Zwischenstücken bestanden. Die Kleider, die mehr Haut präsentierten, als sie verbargen, waren so eng, dass die Bänder und Metallteile sich etwa einen Fingerbreit tief in den Körper drückten.


    Diese Art der Bestrafung, die im Grunde der Sklaverei gleichkam, schien Anton übertrieben unmenschlich. Er hatte Emanuel bereits mehrmals überzeugen wollen, von dieser Praxis abzusehen, doch weigerte sich sein Freund energisch und verwies auf die Notwendigkeit, die Disziplin der Crew um jeden Preis sicherzustellen. Ein Argument, dass Anton als ehemaliger Schüler der Schola Progenium zumindest teilweise nachvollziehen konnte.


    Die rund ein Dutzend Frauen und Männer servierten eine unglaubliche Fülle an exotischen und wohlriechenden Köstlichkeiten. Verschwenderische Mengen an nur leicht angebratenem Fleisch füllten mehrere grosse Messingschalen, während eine Vielzahl von reich verzierten Etageren mit Obst und Früchten in den unwahrscheinlichsten Farben und Formen gefüllt wurden. Verschiedene, mit grösster Sorgfalt zubereitete Meereswesen dienten sowohl farblich als auch geschmacklich als Abwechslung. Es war offensichtlich, dass die Delikatessen aus allen Ecken des Imperiums zusammengetragen wurden. Anton war sich sicher, dass einige der Gerichte aus der Küche verschiedener Xenos-Völker stammten.


    Es versetzte Konstantijn einen leichten Schrecken, als er Von Drachs Dienerschar sah. Sklaverei war ihm nicht fremd, in den Chaoskulten, gegen die er vorging, war sie öfter die Regel als die Ausnahme und er hatte schon die abscheulichsten Formen der Misshandlungen gesehen. Und dass sie auch in der Oberschicht mancher imperialen Welten vorkam, war ihm bekannt. Tatsächlich hatte auch seine Heimatwelt in dieser Hinsicht eine unrühmliche Vergangenheit, in der Zeit vor dem Erscheinen des Imperators. Selten hatte er jedoch erlebt, dass ein Mensch seinesgleichen so erniedrigend behandelte, wie dieser Freihändler es tat. Bisher hatte er sich noch zurückgehalten, sich nur Aufgrund seiner eigenen Werteschätzung der Bescheidenheit ein Urteil über diesen Mann zu bilden, doch nun war er sich sicher, dass Emanuel Von Drach nichts weiter als verabscheuungswürdig war.


    »Lasst uns all die Geschenke unserer Galaxie geniessen, werte Gäste«, sprach Emanuel in die Runde und hob sein Glas, gefüllt mit edelstem argossischem Wein. »Auf das Leben, die Freude am Leben und die Liebe zum Leben!«


    Anton hätte am liebsten sein Gesicht verzogen. Er freute sich zwar jedes Mal, Zeit auf der Yukikaze zu verbringen, gelang es Emanuel doch problemlos, etwas Ablenkung von der grausamen Realität des Imperiums zu schaffen. Er hatte seinem Freund aber Bewusst verschwiegen, was für eine düstere Bedrohung womöglich im Inneren unzähliger Planeten lauerte. Angesichts dieser Aussicht schien der Trinkspruch wahrlich falsch gewählt.


    »Auf das Leben«, pflichtete er dennoch bei, wenn auch wenig überzeugend. Er würde versuchen, seinen Freund so gut wie möglich von den Angelegenheiten der Inquisition fernzuhalten. Es reichte, dass seine Amtskollegen und er diese Bürde tragen mussten, die schrecklichsten Bedrohungen für die menschliche Zivilisation zu kennen.


    Ashenya hob das Glas, sagte aber nichts. Sie sprach die gotische Sprache nicht gerne vor Fremden.


    »Auf dich!«, prostete Anton ihr telepathisch zu. Sie antwortete umgehend.


    »Auf unsere gemeinsame Zeit!«


    Konstantijn ergriff das sündhaft teure Kristallglas, hob es nur leicht an und nickte seinem Gastgeber kurz wortlos zu. Dann stellte er es unangerührt ab.

    Anton liess seinen Blick über die üppigen Gerichte schweifen. Er nahm sich etwas Timbra-Ziege. Das olivgrüne Fleisch war relativ schwer zu bekommen, schmeckte ihm aber aussergewöhnlich gut. Des Weiteren bediente er sich an der grossen Auswahl exotischer Früchte, von denen er völlig unvoreingenommen einfach ein paar auf seinen Teller nahm, ohne genau zu wissen, auf was er sich einliess.


    »Anton, kennst du schon Navielle-Festmilch?«, wandte sich Emanuel an seinen Freund. »Ich habe diese erst kürzlich entdeckt, als ich auf Bezeers war. Eine wahrhaftige Köstlichkeit!«


    Anton entschied sich, dem Rat seines Freundes zu folgen und liess sich von Emanuel ein Stück davon geben. Es war ein dreieckiges Stück Weichkäse, dass mit grünen Punkten übersäht war. Der Geschmack war intensiv würzig und hatte eine saure Note, passte aber perfekt zur Timbra-Ziege.


    Ashenya war noch immer still. Anton hoffte, dass sie sich trotz Inquisitor Ruven dazu durchringen konnte, etwas zu plaudern. Sie war sehr zurückhaltend und nahm sich jeweils nur kleinste Portionen auf den Teller, was daran lag, dass die Quarr’va viel Wert auf Zurückhaltung und Genügsamkeit legten. Die wenigen Fleischstückchen verschlang sie dafür umso genüsslicher.


    Beinahe widerte es Konstantijn an, auch nur das geringste von den in dekadentem Überfluss dargebotenen Speisen anzunehmen. Aber er überwand sich, zumindest der Höflichkeit eines Gastes Genüge zu tun und entschied sich für etwas, das zumindest dem Anschein nach gebratener Fisch zu sein schien, und ergänzte es mit jeder Art Gemüse, die er in der Auswahl finde konnte und noch in seiner ursprünglichen Form erkennbar war.


    Eine ganze Weile war so schon mit belanglosem Geplauder vergangen, aus dem Konstantijn sich herausgehalten hatte, als Emanuel seinen neuen Gast ansprach: »Inquisitor Ruven, wie kommt es, dass Ihr meinem Schiff auflauert? Weshalb interessiert Ihr euch für meinen fremdartigen Gast?«


    »Sie müssten doch wissen, Herr Von Drach, mein Amt stellt mir beinahe unbegrenzte Mittel zur Verfügung«, erwiderte dieser. »Ich bin schlicht Ihrem Schiff gefolgt, nachdem Sie den Aeldari verschleppt haben. Was mein Interesse an dem Mann angeht…«


    Konstantijn zögerte einen Moment. Anton schien das Herz am rechten Fleck zu haben, aber der Kapitän der Yukikaze war offensichtlich höchst unmoralisch und durchtrieben. Es schien nicht unbedingt klug, ihm zu viel von seiner Verbindung zu den Aeldari zu erzählen.


    »…setze ich ihn als Agent für den Ordo Malleus ein. Wie Sie sicherlich wissen, übersteigt die Fähigkeit der Aeldari-Weltenwanderer, zu infiltrieren und Informationen zu sammeln, die fast jeder anderen Spezies.«


    »Wenn er für Sie arbeitet, wie kommt es dann, dass er mir gegenüber jegliche Aussage verweigert und zu allem anderen die Menschheit blasphemisch herabsetzt?«, warf Anton ein, der ebenso scharf auf eine Antwort war, wenn auch aus anderen Gründen als Emanuel.


    »Die Antwort liegt auf der Hand, Inquisitor Kalen. Die Aeldari haben kein Interesse an der Menschheit. Aber an ihren Feinden. Und ihren Freunden. Wir müssen uns nichts vormachen. Sie haben einen Xenos in ihrem engsten Umfeld. Ihr Ordo dürfte das noch kritischer sehen als meiner, und trotzdem setzen Sie sich darüber hinweg. Sie werden Ihre Gründe haben, und die hinterfrage ich nicht. Aber Sie dürften verstehen, dass auch ich meine Gründe habe, genauso zu handeln. Dieser Weltenwanderer stand in meinen Diensten, als Ihre Leute ihn gefangengenommen haben. Deswegen habe ich Verantwortung für ihn, so wie Sie Verantwortung für ihre Mitarbeiter übernehmen.«


    Anton war etwas überrascht, dass Inquisitor Ruven die Lüge, Ashenya sei ein simpler Mutant, so schnell durchschaute. Da er aber scheinbar engeren Umgang mit den Eldar pflegte, musste er wohl ein Gespür dafür haben.


    »Sie sind äusserst offenherzig, Inquisitor Ruven. Ich schätze aber, dass Sie nicht vorschnell verurteilen. Dennoch: Sie wissen nicht, was hier auf dem Spiel steht. Der Eldar verfügt über Informationen, die für das Wohl der Menschheit von grösstem Wert sind. Solange er sich weigert, zu kooperieren, muss ich darauf bestehen, ihn festzuhalten.«


    Das Gespräch würde früher oder später zurück auf Ysraal VI fallen. Es war womöglich ein banaler, ja, fast schon kindischer Wunsch, doch wollte Anton das vorzügliche Essen noch einen Moment sorgenfrei geniessen. Aufgrund dessen entschied er sich, das unvermeidbare etwas hinauszuzögern.


    »Wie gelingt es Ihnen überhaupt, mit den Eldar zusammenzuarbeiten? Im Gegensatz zu meiner geschätzten Ashenya sind sie äusserst… unfreundlich.«


    Konstantijn dachte einen Moment lang nach. Unwillkürlich strichen die Finger seiner rechte Hand über die Aquila-Rune auf der linken Handfläche.

    »Wie gesagt, sie interessieren sich weder für Menschen noch für Titel und Ämter. Aber ein einzelner kann sich in ihren Augen als würdig erweisen.«


    Wäre der widerwärtige Freihändler nicht im Raum gewesen, Konstantijn hätte Anton weitaus mehr offenbart. Er hatte eine offene Antwort verdient. Mehr und mehr erwuchs in ihm eine Ahnung, warum Kalen einerseits so verbissen in das Thema war, andererseits dem Kern, worum es ihm tatsächlich ging, immer wieder auswich.


    »Und Sie haben sich als würdig erwiesen?«, fragte Anton und lenkte das Gespräch wieder von dem gefangenen Weltenwanderer ab. »Sie kennen also die Kultur und Anschauung der Eldar? Solches Wissen wäre nicht nur für den Ordo Xenos von grossem Interesse, sondern ganz speziell auch für mich.«


    »Es hat wenig mit Kultur zu tun. Die Kultur der Aeldari kann uns nur fremd bleiben. Sie sind zu andersartig. Soweit ich es erfahren habe, ist es das Handeln, das zählt. Zumindest soweit es uns betrifft. Ob es ihr Wohlwollen findet, ihren Interessen nützt, oder nicht. Und in glücklichen Fällen sind unsere Interessen die gleichen.«


    »Ich fürchte, in dieser Angelegenheit sind die Interessen ausschließlich auf unserer Seite, Inquisitor Ruven«, warf Anton ein. »Und ich nehme doch an, das Interesse des Imperiums steht auch für Sie vor den Interessen der Eldar.«


    Auch wenn Konstantijn Ruven wohl ein guter Mann zu sein schien, war seine Beziehung zu den Eldar verdächtig eng. Er selbst war immer noch ein Inquisitor des Ordo Xenos und seine Toleranz gegenüber Aliens endete dort, wo die Menschheit in Gefahr geriet. Jeder, der diese Schwelle überschritt, kam einem Verräter gleich. Anderseits konnte dieser Ruven über genau den Einfluss auf den Eldar verfügen, den er dringend benötigte.


    »Ich bin zu einem Kompromiss bereit«, sagte er schließlich. »Doch die Interessen der Inquisition müssen dabei an erster Stelle stehen. Ich werde den Eldar morgen verhören. Ich würde ihm Ihre Anwesenheit mitteilen, und dass er gehen kann, falls er redet. Sollte ich erfahren, was für meine Mission notwendig ist, können Sie den Eldar mitnehmen und in aller Freundschaft gehen. Ausserdem garantiere ich Ihnen, dass der Ordo Xenos absolut nichts über Ihre Verbindung zu den Eldar erfahren wird.«


    Die unterschwellige Drohung, die Anton ausgesprochen hatte, irritierte Konstantijn. Er war sich bewusst, dass er auf einem schmalen Grat wandelte. Dass Kalen in Sachen Xenos aber buchstäblich im Glashaus saß, schien ihm in der Hitze des Gesprächs entfallen zu sein. Trotzdem entschied er, darauf ebenso wenig einzugehen wie auf die Infragestellung seiner Loyalität. Er sah das eigentliche Problem ohnehin längst an anderer Stelle.


    »Inquisitor Kalen, ist Ihnen jemals in den Sinn gekommen, dass der Weltenwanderer überhaupt nichts von dem weiss, was sie von ihm wissen wollen? Über zwei Dinge könnte er Ihnen Auskunft geben: über sein Weltenschiff und über unsere gemeinsamen Angelegenheiten. Über letzteres würde er nur auf meine Anweisung sprechen, und das sind Dinge, die, mit Verlaub, Sie nichts angehen. Und zum ersten könnte nichts in der Welt ihn bewegen. Was gedenken Sie in diesem Fall zu tun?«


    »Er weiss mehr, als er zugeben will!« gab Anton erregt zurück. »Ich bearbeite einen Fall, der noch weiter als Ysraal zurück liegt. Die Eldar hatten bereits Kontakt mit meinem Orden, und der Weltenwanderer wusste davon. Wenn er keine Details kennt, muss ich mit einem Eldar sprechen, der dies tut!«


    Konstantijn versuchte sich zu erinnern, ob Firondhir oder die Dainnar schon einmal irgendetwas in dieser Richtung erwähnt hatten. Trotz ihrer Freundschaft behielten die Aeldari doch mehr für sich, als sie mit ihm teilten. Aber vielleicht schien es ihnen bisher auch nicht wichtig gewesen zu sein. In diesem Moment hätte er selbst gerne Margil oder Firondhir danach gefragt.


    »Warum sagen Sie mir nicht einfach, um was für eine Sache es genau geht? Sie würdigen meine Offenheit. Bringen Sie mir die gleiche entgegen und ich kann ihnen vielleicht weiterhelfen.«


    »Es geht um eine Gefahr für die Menschheit. Genügt Ihnen das nicht als Grund?« gab der Ordo-Xenos-Inquisitor zurück. »Wenn die Eldar mehr darüber wissen, muss ich davon erfahren. Verschaffen Sie mir Kontakt zu den Eldar, damit ich diese Informationen erhalte. Das ist ihre Pflicht als Inquisitor!«


    Konstantijn seufzte. »Direktem Kontakt mit einem Fremden werden sie nicht zustimmen. Ich kann den Weltenwanderer…«


    »Dann bleibt der Weltenwanderer hier. Eine sichere Informationsquelle gebe ich nicht für eine vage Aussicht aus der Hand. Es steht zu viel auf dem Spiel.«


    Nun verlor Konstantijn die Geduld. »Inquisitor Kalen, Sie sagen, es geht um eine Gefahr für die Menschheit. Darum geht es in unserem Beruf immer. Mir scheint, in dieser speziellen Angelegenheit geht es aber um noch etwas ganz anderes. Es geht um Ysraal VI. Und es geht um Sie, um ihren Anteil daran, und wie Sie damit fertig werden. Sie stellen meine Loyalität in Frage? Hinterfragen Sie zuerst Ihre eigene Motivation!«


    Anton geriet beinahe außer sich. »Meine Motivation? Mein ganzes Leben diene ich dem Imperium, trotz all dessen Unzulänglichkeiten! Meine Motivation ist der Schutz der Menschheit – nicht, einem Xenos- Volk zu gefallen und dessen Interessen zu schützen!«


    Die Stimmung war zum Zerreissen angespannt. Emanuel war es eigentlich egal, denn er hatte nicht vor, den gefangenen Eldar an diesen Dämonenjäger auszuliefern. Was ihn störte, war der entspannte Abend, der der hitzigen Diskussion geopfert wurde.


    »Der Xenos ist noch immer mein Gast. Wenn Anton ihn benötigt - der Ordo Xenos ihn benötigt - lasse ich nicht zu, dass Ihr ihn bekommt.« warf er ein, um dem Streitgespräch Einhalt zu bieten. »Doch bitte, hört auf. Ein genüssliches Nachtmahl sollte nicht ausschliesslich aus solchen ernsten Besprechungen bestehen. Ich habe eine kleine Unterhaltung vorbereitet…«




    (1) Ual yess elehar amure am? - Sinngemäß: Hast du den Verstand verloren?

  • VIII


    Erneut drückte Emanuel den im Tisch eingelassenen Knopf. »Bring sie herein!«


    Die verdeckte Zugangstüre, aus der zuvor bereits die Bediensteten gekommen waren, öffnete sich erneut. Zuerst betrat Laenryl den Raum. Die Drukhari-Hagashîn hatte ihre Rüstung angelegt, deren gezackten Panzerlamellen nur die intimsten Stellen bedeckten, während sie ihren graziösen Körper für das Publikum perfekt in Szene setzten. Eine riesige Narbe, die schräg über Laenryls Oberkörper verlief, zeugte von einem schrecklichen, lang zurückliegenden Kampf.


    In der linken Hand hielt sie eine sichelförmige Waffe mit gezackter Klinge. An der rechten trug sie einen goldenen Klauenhandschuh, der sich wie eine boshafte Schlange um ihre Hand zu winden schien. Die Eldar bewegte sich mit anmutigem, aufreizendem Schritt vor die Tafel. Den Kopf hielt sie die ganze Zeit über gesenkt.


    Ihr folgte ein grobschlächtiger Söldner nach, begleitet von zwei Gardisten der Von Drach-Dynastie, die ihre Waffe auf den Mann gerichtet hatten. Seine Uniform war zerschlissen und schmutzig. Um seinen Hals war, wie bei den Bediensteten, ein Sprengkragen gelegt. Seine massigen Hände hielten einen grossen, rostigen Totschläger fest umschlossen.


    Anton war sofort klar, was nun kommen würde. Er verfluchte Emanuel dafür. Es war nicht einmal die Art der Bestrafung allein, die ihn anwiderte, sondern wie sich Emanuel an solchen Hinrichtungen labte.


    »Mein treuer Untergebener da hat mich verraten«, sagte Emanuel mit einem freudigen lächeln. »Er hat seinen Auftrag nicht weisungsgemäss ausgeführt. Deshalb werde ich unseren Vertrag nun auflösen.«


    Der Söldner stammelte etwas, das man an der Tafel aber nicht verstehen konnte. Seiner Körpersprache nach war er zornig. Überaus zornig.


    »Meine liebe Laenryl wird uns mit einer Demonstration der unvergleichlichen Schönheit ihrer Eldar-Kampfkünste entzücken. Da wir offenbar alle eine Vorliebe für das Exotische teilen, bin ich mir sicher, dass diese Vorstellung ein gelungener Abschluss dieses vorzüglichen Mahls sein wird.«


    Die Eldar nickte Emanuel wissend zu.


    »Los, mein blutgieriges Kätzchen«, wandte er sich direkt an die Hagashîn. »Er gehört dir.«


    Der Söldner hielt vorsichtig Abstand zu Laenryl, die mit grosser Leichtigkeit um ihn herumtänzelte. Dann stürmte der Hüne plötzlich vor und hieb mit seinem stählernen Knüppel nach seiner Gegnerin. Schwungvoll wich sie aus, während sie im gleichen Moment mit ihrer Sichelklinge einen gekonnten Streich vollführte. Blut lief aus der tiefen Wunde, die nun den Oberarm des Söldners zierte. Dennoch zeigte er keine Schmerzen. Immer wieder hieb er nach Laenryl, anfangs zurückhaltend, auf die eigene Deckung bedacht, später immer hasserfüllter und verzweifelter. Die Eldar spielte mit dem unglückseligen Krieger. Allen Angriffen wich sie problemlos aus, ja, wartete sogar bis zum letzten Moment, um dann umso spektakulärer zur Seite zu springen. Es war kein Kampf, sondern ein blutiges Schauspiel. Nach und nach ging sie selbst zum Angriff über, fügte dem Kerl aber nur kleinere Verletzungen an Armen und Beinen zu.


    Emanuel starrte wie gebannt auf den Kampf.


    »Diese Bewegungen…«, flüsterte er erregt vor sich hin. »So schnell und elegant… übermenschlich… Wahre Perfektion!«


    Anton sah Laenryl eigentlich immer als Emanuels Ashenya. Doch wie schon oft zuvor, wurde er wieder einmal eines Besseren belehrt. Sie war weder Gefährtin noch Freundin. Sie war nicht einmal seine Kriegerin. Die Eldar war nichts weiter als ein Werkzeug, um Emanuels perverse Fantasien Wirklichkeit werden zu lassen. Es war nicht ihr verführerisches Äusseres, das ihm gefiel. Es war nicht ihr unabdingbarer Gehorsam, für ihn zu streiten, die sein Herz höher schlagen liess. Er war nur der Kampf selbst, die schnellen Angriffsbewegungen, das elegante Ausweichen, das herunterrinnende Blut, was ihm Freude bereitete.


    Anton hatte jedes Mal Schwierigkeiten, wenn das Monster, das seinem Freund innewohnte, nach draussen drängte. Doch Emanuel war ein Von Drach, ein Mitglied dieser unermesslich reichen Freihändler-Familie. Schon als Kind bestand sein Leben nur aus dekadenter Ausschweifung und menschenverachtendem Elitismus. Es war nicht fair, Emanuel die Schuld dafür zu geben, dass er in einem verabscheuenswürdigen, verächtlichen System aufgewachsen war, das solche Vorlieben ausbildete.


    Konstantijn sass in Gedanken versunken an seinem Platz und stierte, das Kinn auf die gefalteten Hände gelegt, auf seinen Teller, auf dem sich noch die Reste des Fischs befanden. Seinen letzten verbalen Ausbruch bereute er schon wieder. Normalerweise entsprach es nicht seiner Art und seinen Überzeugungen, in einer Meinungsverschiedenheit sein Gegenüber persönlich anzugehen. Vielleicht mochte er dabei sogar recht gehabt haben. Aber so ein Vorgehen führte nur zur Verhärtung der Fronten, nicht zu einer Lösung. Von der waren sie nun weiter entfernt als jemals zuvor. Er hatte noch einen alternativen Plan. Aber noch war er nicht bereit, darauf zurückzugreifen.


    Das Geräusch schwerer Schritte liess ihn aufschauen. Ein stämmiger Mann in abgerissener Kleidung stand inmitten der weiten Freifläche vor der Tafel, und ihm gegenüber, zu Konstantijns Überraschung, eine Aeldarifrau. Sie trug knappe Rüstungsteile an Brust und Hüfte, Beinschienen und auf linkem Arm und Bein Plattenpanzer. Das schwarze, lockige Haar wallte offen über einen metallenen Stirnreif. Doch ihre Haut war selbst für ihre Spezies unnatürlich fahl.


    Im selben Moment, in dem Konstantijn auf die beiden aufmerksam wurde, setzte die Aeldari in einer geschmeidigen Bewegung zum Angriff auf den Menschen an. Mit einem groben Knüppel versuchte er sich ihrer zu erwehren, doch durch die Gewandtheit ihrer Art hatte er kaum eine Chance gegen sie. Schon nach wenigen Augenblicken hatte sie ihm die erste Wunde beigebracht. Trotz seiner überlegenen Grösse und Stärke zeigte sich schnell, dass der Mann seiner Gegnerin hoffnungslos unterlegen war. Anstatt dies jedoch zu nutzen und den Kampf schnell für sich zu entscheiden, tanzte sie um ihn herum und brachte ihn Schnitt um Schnitt bei.


    Mit einer Mischung aus Erstaunen und Entrüstung wandte Konstantijn sich dem Freihändler zu. Doch was auch immer in diesem Moment in seinem Kopf gewesen war, das er ihm hätte sagen wollen, verflüchtigte sich schlagartig, als er Von Drachs zutiefst erheitertes, befriedigtes Gesicht erblickte.


    Die Abscheu, die er bisher für diesen Mann empfunden hatte, wandelte sich in tiefste Verachtung.


    Sein Blick wechselte zu Anton. Beinahe fürchtete Konstantijn, bei ihm eine ähnliche Reaktion zu sehen. Zu seiner Erleichterung jedoch sprach aus dem Gesicht des Ordo-Xenos-Inquisitors grösstes Unbehagen. Als er bemerkte, dass sein Kollege ihn ansah, wandte Kalen den Kopf leicht zur Seite.


    Nach seinem Ausbruch vor wenigen Minuten verzichtete Konstantijn darauf, ihn anzusprechen. Nichtsdestotrotz fehlte ihm jedes Verständnis. Wie konnte er dieses widerwärtige Schauspiel nur wortlos mitansehen?


    »Anton denkt dasselbe wie Ihr, Inquisitor«, erklang Ashenyas Stimme in Konstantijns Kopf. »Die Menschen neigen zu solcher Grausamkeit, doch die Elite eures Imperiums hat die Tendenz, diese Grausamkeit zu idealisieren. Verurteilt Emanuel nicht für das, was seine Ahnen zu verantworten haben. Anton hatte mir einst gesagt, ich soll mich auf die Kampftechnik der Eldar konzentrieren, und lernen, um das blutige Schauspiel so gut wie möglich auszublenden.«


    »Wie könnt Ihr so ein Schauspiel nur gutheissen?« entgegnete Konstantijn verständnislos. »Das ist unmenschlich, und das nicht aus Notwendigkeit. Davon gibt es im Imperium schon genug, und ich bin nicht stolz darauf. Der Wille des Imperators ist oft genug rätselhaft und niemand kann für sich in Anspruch nehmen, ihn zu kennen. Aber ich bin fest davon überzeugt, dass es nicht Sein Wille ist, dass Menschen Menschen zu ihrem Vergnügen quälen. Wie kann Euer Freund sich mit diesem Monster abgeben?«


    »Gutheissen?«, es schwang ehrliches erstaunen in Ashenyas Stimme mit. »Weder Anton noch ich heissen es gut. Mir selbst ist es egal, ich habe während meiner Zeit im Imperium schon weit schlimmeres gesehen, das ihr euch gegenseitig zufügt. Doch eure Spezies hat die interessante Eigenheit, dass sich einige der euren völlig anders verhalten als andere. Meine Erfahrungen lassen mich darauf schliessen, dass Menschen wie Ihr – wie Anton – äusserst selten sind. Ich kann Emanuels Verhalten nicht verurteilen, gehört es doch zu der Natur eurer Spezies. Was Anton angeht – er verachtet diesen Teil der Menschheit, wohl mehr, als Ihr euch denken könnt. Die Zeit schmiedete aber ein unglaublich festes Band zwischen ihm und dem Freihändler. Unzählige Male hat Emanuel seinen Freund unterstützt oder sogar sein Leben gerettet. Das gleiche gilt für Anton. Dass Anton diese tiefe, brüderliche Verbindung trotz Emanuels Veranlagung weiter pflegt und ehrt, zeigt seine unerschütterliche Integrität.«


    »Trotzdem ist es falsch«, antwortete Konstantijn. »Es nicht zu verurteilen heisst, es zu akzeptiert. Aber so etwas darf man nicht akzeptieren. Niemals!«


    Ashenya verstand durchaus, was der Ordo-Malleus-Inquisitor meinte. Er erinnerte sie sehr stark an Anton, mit dem sie oft ähnliches diskutiert hatte. Vielleicht liess sie das blutige Spektakel auch nur kalt, weil sie selbst kein Mensch war – sie wusste es nicht. Es war aber eine Tatsache, dass weder sie noch Anton und erst recht nicht Ruven Emanuel davon abhalten konnten, sich der Gier nach Gemetzel hinzugeben.


    »Verurteilt es oder versucht, es hinzunehmen«, gab sie mit ihrer telepathischen Begabung zurück. »Es gibt viele Wege, die Welt zu sehen. Und doch ist die Realität unausweichlich. Sie passiert. Ihr ist es egal, wie Ihr sie seht.«


    Konstantijn stütze die Ellenbogen auf den Tisch und legte das Kinn auf die verkrampften, verschränkten Finger. Finster starrte er in die Leere und versuchte, das Geschehen vor ihm auszublenden. Der Gleichmut dieses Aliens war unheimlich, um nicht zu sagen beängstigend. Hatte Sie überhaupt irgendeinen ethischen Leitfaden? Wenn nicht der Wille des Imperators, dann irgendeinen anderen? Selbst bei den Aeldari, denen man das Fehlen jeglicher Moral nachsagte, war ihm so eine Geisteshaltung bisher noch nicht begegnet.


    Langsam zeichnete sich das Ende des Kampfes ab. Laenryl hatte perfekt abgestimmt, wie lange sie ihr Opfer quälen konnte, ohne dass die Vorführung langweilig werden würde. Es war Zeit für das grosse Finale. Mit einer gewagten Bewegung schwang sie sich so nah an den Menschen, dass sich ihre Körper fast schon aneinander zu schmiegen schienen. Dann griff sie mit ihrem goldenen Klauenhandschuh zu. Wo die widerhakenbesetzen Krallen über das Gesicht des Söldners flogen, wurde seine Haut in Streifen herausgerissen. Wie kleine, blutige Banner flatterten sie an Laenryls Rechten, ehe sie sich erneut dem Söldner zuwandte. Fünf weitere Streifen wurden abgerissen. Der Angriff war so präzise, dass sich ein blutiges, fein säuberliches Muster über dem Gesicht des Kriegers gebildet hatte. Zur Gegenwehr war er nicht mehr fähig und versuchte sich nur noch vergeblich gegen die blitzschnellen Angriffe der Hagashîn zu schützen.


    »Das ist genug, Von Drach!« Konstantijn konnte dem Geschehen nicht mehr länger widerspruchslos zusehen. Er sprang von seinem Platz auf und richtete sich, die Arme auf die Tischplatte aufgestützt, hoch auf. »Was auch immer der Mann versäumt hat, er hat genug gebüsst. Beenden sie das!«


    Der Freihändler ignorierte Konstantijn. Wie besessen starrte er zum Kampf hin, taub für alles andere. Seine Augen bewegten sich mit schwindelerregender Geschwindigkeit, während er hoch konzentriert auch den schnellsten Bewegung Laenryls folgte. Beim Anblick der perfekt ausgeführten Attacken, biss er vor Erregung auf seine Unterlippe.


    »Lassen Sie es gut sein, Inquisitor Ruven«, wandte sich Anton gedämpft an Konstantijn. Erschöpfung schwang mit seiner Stimme mit. All die Schrecken des Imperiums hatten seine Seele so stark ermüdet, dass er solchen Lappalien nur noch mit Resignation begegnen konnte. »Er wird nicht aufhören. Er kann nicht aufhören. Und weder ich noch der Imperator höchst selbst können etwas dagegen tun. Die Folgen des Jahrtausende währenden Wohlstandes, der die imperiale Oberschicht heimsucht, können nicht einfach so ungeschehen gemacht werden.«


    Konstantijn wusste, was Anton damit sagen wollte. Aber es sagte noch viel mehr über Anton selbst aus. Der Inquisitor hatte offenbar aufgegeben, sich dem düsteren Wesen der Menschheit entgegenzustellen – was jedoch bedeutete, dass er irgendwann in der Vergangenheit durchaus Wert darauf gelegt hatte, gegen die grassierende Ungerechtigkeit innerhalb des Imperiums vorzugehen. In diesem Moment empfand er tiefes Mitgefühl für ihn.


    Schliesslich schnitt Laenryl mit der Sichelklinge die Kehle des Söldners durch und beendete damit den Kampf. Mit einem dumpfen Laut ging der Mann erst in die Knie und dann zu Boden. Langsam breitet sich sein Blut auf dem glänzenden Marmor aus.


    »Grossartig. Ist es nicht wunderbar?«, flüsterte Emanuel, die angewiderten Gesichter seiner Gäste schlicht ignorierend. Sein Blick war starr auf das langsam aus dem Körper des Söldners rinnende Blut gerichtet. Laenryl schenkte er keine Beachtung mehr. Das Schauspiel war vorüber, sie hatte ihren Zweck erfüllt.


    »Bring uns mehr Wein!«, befahl Emanuel schliesslich, die Sprechtaste am Tisch gedrückt. Das ekstatische Gefühl, in das ihn der Kampf versetzt hatte, verflüchtigte sich schnell. Bevor es vollständig verschwand, brauchte er zumindest eine kleine Stimulation. Doch anstatt dass seine Bediensteten wieder emsig seiner Anweisung folge leisteten, betrat Stepan den riesigen Speisesaal.


    Der Schrecken war ihm ohne Mühe anzusehen. »Sir… Das… ahrm… Sie müssen sich das ansehen. Sir.«


    Die entzückte Erregung war sofort aus Emanuels Gesicht gewichen, als er seinen Kommandanten erblickte. »Was gibt es denn? Was ist so wichtig, dass du uns unterbrichst?«


    »Wir haben Besuch!«, stammelte er. Im gleichen Moment ertönte mit schrillen Sirenen der Gefechtsalarm.


    »Mitkommen!« fuhr Emanuel seine Gäste knapp an. Als sie eilig den Raum verließen wandte Konstantijn sich für einen kurzen Moment noch einmal um. Stepan führte die Gruppe zurück in die Offiziersmesse, wo der Grund für den Alarm mit unausweichlicher Deutlichkeit offenbart wurde. Direkt neben der Yukikaze war ein gigantisches Schiff in das System gewarpt. Emanuel erkannte es sofort als Schlachtschiff der Oberon-Klasse. Der schwarzlackierte Behemoth war mehr als doppelt so lang wie sein eigener Kreuzer und hatte genug Feuerkraft, allein eine kleine Flotte auszulöschen. Neben einer Vielzahl frommer Symbole zierte ein riesiges =I= das Schlachtschiff.


    Mit einer eleganten, unmenschlich schnellen Bewegung hatte Emanuel seine reich verzierte Boltpistole gezogen und auf Konstantijn gerichtet. »Was hat das zu bedeuten, Inquisitor? Eure Freunde?«


    Angesichts der überzogenen Reaktion des Freihändlers hob Konstantijn beschwichtigend die offenen Hände auf Schulterhöhe – nicht nur seinetwegen. Er wusste nicht sicher, ob Firondhir ihnen gefolgt war und wollte sichergehen, dass der Weltenwanderer sich nicht zu einer vorschnellen Handlung genötigt sah, die seine Bemühungen vollends ruiniert hätten. Doch nichts dergleichen geschah.


    Konstantijn antwortete mit sarkastischem Unterton: »Gemäss Inquisitor Kalen würde ein Schiff meiner Freunde anders aussehen. Haben Sie noch nie ein Schlachtschiff der Aeldari gesehen, Von Drach? Vermutlich nicht, denn dann würden wir hier nicht miteinander reden.«


    Die Situation geriet völlig aus den Fugen. Das Eintreffen eines weiteren Inquisitors bedeutete nichts Gutes. Anton dachte nach. Da es sich um ein Schiff der Inquisition handelte, konnten die Eldar als Akteure ausgeschlossen werden.


    Entweder das Schiff gehörte zu Ruven, Diese Variante schien aber wenig schlüssig. Was für ein Interesse könnte der derart unorthodoxe Ordo-Malleus-Inquisitor daran haben? Ausserdem befand er sich ebenso auf der Yukikaze, dazu in einer klar unterlegenen Position. Ein Angriff an dieser Stelle wäre sein eigenes Todesurteil gewesen.


    Oder seine Verbindungen zu den Eldar war aufgedeckt worden und das Schiff war hier, um ihn zu eliminieren? In diesem Fall würden sie beide im gleichen Boot sitzen und es wäre sinnvoller, zusammenzuarbeiten.


    Egal wie sich die Situation entwickeln sollte: Inquisitor Ruven jetzt zu erschiessen war in jeder Hinsicht eine äusserst schlechte Idee.


    »Emanuel, lass gut sein!«, mischte sich Anton forsch ein. »Was nutzt es, wenn wir uns jetzt gegenseitig zerfleischen? Sollte Inquisitor Ruven wirklich nichts damit zu tun haben, kann er uns helfen. Sollte er mit den Neuankömmlingen verbündet sein, dann sind wir sicher, solange er sich auf dem Schiff befindet.«


    Der Freihändler musste sich eingestehen, dass sein Freund recht hatte. Er liess seine Pistole sinken. »Gut. Aber bleibt da, wo ich Euch sehen kann.« Dann drehte er sich Stepan zu. »Versetz die Garde in Alarmbereitschaft und schick eine Abteilung zur Kommandobrücke! Und sie zu, dass die Sauerei da hinten entfernt wird.« Mit einer wegwerfenden Handbewegung deutet Emanuel in Richtung des Speisesaals.


    »Los, wir gehen. Lasst uns sehen, was der neue Besucher zu wünschen pflegt«, richtete er sich wieder an seine Gäste und bedeute ihnen, ihm zu folgen.

    Kurze Zeit später kamen sie auf dem Kommandodeck der Yukikaze an. Die gigantische Brücke war wie der Rest des Schiffs äusserst vornehm eingerichtet, wobei es schien, dass hier die Funktionalität doch einen hohen Stellenwert behalten hatte. Viele der Mannschaftspositionen waren durch Servitoren besetzt. Von der riesigen, verglasten Front aus sah man das Schlachtschiff fast in voller Länge. Das gigantische Sternenschiff mass mindestens ein Dutzend Kilometer.


    »An alle Schiffe im System. Im Namen des Imperators: Ergeben Sie sich umgehend«, dröhnte eine eintönige, mechanische Stimme aus dem Kurzstreckenkommunikator.


    »Dies ist das Freihändler-Schiff Yukikaze. Von Drach-Dynastie«, antwortete Emanuel zornig zurück. »Wir verfügen über einen imperialen Freihandelsbrief. Wir sind nicht verpflichtet, Ihrem Befehl Folge zu leisten!«


    Die mechanische Stimme wiederholte tonlos den zuvor gesandten Funkspruch.


    In der nächsten Sekunde ging ein weiterer Ruf an der Funkstation ein: »Inquisitionskreuzer Orestes ruft Yukikaze. Bitten um Kontakt zu Inquisitor Ruven.«


    Fragen sah Emanuel Anton an. Der nickte zustimmend. Emanuel befahl die Freigabe und bedeutete Konstantijn, auf den Ruf zu antworten, behielt dabei jedoch seine Hand an der Boltpistole.


    »Ruven hier«, meldet Konstantijn sich.


    »Inquisitor, was hat das zu bedeuten?« drang ohne Umschweife Kapitän Yupanquis Stimme aus dem Voxcaster.


    »Das weiss ich nicht, Kapitän«, antwortete der Inquisitor. »Gehen Sie auf Abstand und nehmen eine Warteposition ein, aber halten Sie sich in Bereitschaft. Keine Aggression. Das sind immer noch unsere eigenen Leute.«


    »Verstanden. Yupanqui Ende.«


    Konstantijn trat zur Seite und überliess Emanuel wieder die Funkstatation.


    »Es spricht Kapitän Emanuel Von Drach! Wir werden Ihnen nicht Folge leisten! Nennen Sie den Grund für diese Farce!«


    »…Ergeben Sie sich umgehend. Die Verhaftung von Inquisitor Kalen, Excommunicate Haereticus, steht bevor.«


    Für ein paar Sekunden war es auf der Brücke völlig still. »Was zum verdammten Imperator geht hier vor?« brach es aus Anton herraus. Verzweiflung schwang in seiner Stimme mit. »Ich habe mir nichts zu Schulden lassen kommen! Es gibt keine Anklage und kein Urteil gegen mich! Was soll diese wahnwitzige Anschuldigung!«


    »Ich bin ein Von Drach«, beschwichtigte Emanuel. »Unsere Vollmachten sind fast so umfangreich, wie die der Inquisition. Niemand wäre so verrückt, ein Schiff meiner Dynastie ohne triftigen Grund zu kapern. Solange du hier bist, gibt es nichts, was sie tun könnten.«


    »Hier Kapitän Emanuel Von Drach. Wir werden Ihren Anweisungen nicht Folge leisten. Gemäss Imperialem Handelsgesetzt 5984-33.2 besitzen wir umfassende Immunität, gewährt durch den Willen des Imperators. Ohne Vorlage eines vom Adeptus Administratum genehmigten Beschlusses ist Ihr Anliegen illegal.«


    »An alle Schiffe im System. Im Namen des Imperators: Ergeben Sie sich euch umgehend«, ertönte die Maschinenstimme erneut, ohne auch nur ansatzweise auf Emanuel einzugehen.


    Bedächtig sah Konstantijn von einem zum anderen und versuchte sich zu erklären, was diese unerwartete Entwicklung zu bedeuten haben mochte. Excommunicate Haereticus war die schwerste Anschuldigung, die gegen einen imperialen Würdenträger gerichtet werden konnte. Innerhalb der Inquisition verbreitete sich die Information meist schnell, wenn sie über einen der ihren ausgesprochen wurde, und in der Regel gingen lange Anhörungen, Prozesse und die damit verbundenen Geschichten und Gerüchte damit einher. Nichts davon war ihm bisher zu Ohren gekommen. Andererseits war auch die Inquisition wie jede andere imperiale Institution: ein gigantischer Krake, bei dem der eine Arm nicht wusste, was der andere tat. Zumindest aus der Sicht seines Ordos - und seiner persönlichen Beobachtung - konnte Konstantijn nichts erkennen, was dieses Urteil gegen Kalen gerechtfertigt hätte.


    Eindringlich wandte er sich an seinen Amtskollegen, und diesmal in einer Vertraulichkeit, mit der er sich bisher zurückgehalten hatte: »Anton, können Sie mir schwören, beim Goldenen Thron, dass Sie sich nichts gegen den Imperator haben zu Schulden kommen lassen.«


    Anton sah Konstantijn an. Sein verstörter, verunsicherter Blick sprach Bände. Ratlos schüttelte er den Kopf. »Ich weiss nicht, worum es bei der Sache geht. Beim Ruhme Terras und dem Willen des Gottimperators, ich habe mir nichts zu Schulden kommen lassen.«


    Einen Moment lang ruhte der Blick des Ordo-Malleus-Inquisitors auf ihm, als wollte er ihn durchbohren. Anton konnte spüren, dass er nicht in seinen Gedanken war. Dennoch fühlte es sich an, als würde er ihn bis auf die Knochen durchleuchten, um irgendetwas Falsches zu finden.


    Konstantijn nickte zustimmend. Für Gewöhnlich verschaffte er sich durch Berührung ein klareres Bild, es war weniger anstrengend und damit weniger riskant. Aber auch so versicherten ihm die körperlichen Reaktionen, die er psionisch wahrnahm, dass Anton die Wahrheit sagte – oder es zumindest glaubte. Ohne ein weiteres Wort und ohne dass der überraschte Freihändler ihn daran hindern konnte, betätigte Konstantijn selbst das Sprechgerät.


    »Unbekanntes Inquisitionsschiff, es spricht Inquisitor Konstantijn Ruven, Ordo Malleus, an Bord des Freihändlerschiffs Yukikaze. Inquisitor Kalen und ich sind aufgrund gemeinsamer Ermittlungen hier. Bitte erklären Sie ihre Intervention.«


    Anton war etwas erstaunt, dass Ruven so bestimmt Partei für ihn ergriff. Doch er war ihm dafür unendlich dankbar. In der Situation, in der sie sich befanden, hätten wohl die meisten aus Furcht, auch ins Fadenkreuz der Inquisition zu geraten, sich von ihm abgewendet. Konstantijn tat aber genau das Gegenteil und mit einem anderen Amtskollegen als Rückendeckung konnte er der schwierigen Lage vielleicht Herr werden. Eine solche Geste bedeutete Anton enorm viel.


    Es dauerte nur Sekunden, ehe die mechanische Stimme sich monoton zurückmeldete. »An alle Schiffe im System. Im Namen des Imperators: Ergeben Sie sich umgehend.«


    Verblüfft trat Konstantijn von der Konsole zurück. Wenn er auch seiner Person keine grosse Bedeutung bemass, dann seinem Amt doch um so mehr. Vor allem von einem Amtskollegen erwartete er mehr Respekt.


    Emanuel verlor die Geduld. Die gefühlslose Maschinenstimme machte ihn Wahnsinnig. Er schob Konstantijn sichtlich genervt zur Seite und übernahm seinen Platz am Kommunikator.


    »Es spricht Kapitän Emanuel Von Drach. Von mir aus könnt ihr euch einen verdammten Spacehulk suchen, um eure Spielchen zu spielen! Ich verweigere jegliche eurer Anweisungen! Verschwindet, oder ich werde mich beim Adeptus Administratum höchst selbst beschweren! Yukikaze, Ende!«


    Er gab das Kommando, die Verbindung zu trennen. Der Servitor, der die Anlage bediente, folgte dem Befehl umgehend und sperrte die Frequenz.


    »Das soll ihnen zu denken geben…«, fluchte Emanuel. »Meine Familie hat Verbindungen direkt nach Terra. Wer auch immer dieses Schiff kommandiert, wird es bereuen, sich mit mir angelegt zu haben!«


    »Das war keine gute Idee«, warf Konstantijn ein. »Das ist ein Inquisitionsschiff und wir wissen nicht, wer da drüben das Sagen hat. Offensichtlich erkennt er nicht einmal die Autorität anderer Inquisitoren an. Wir sollten vorsichtig sein und nichts tun, was sie dazu veranlassen könnte, ihre Forderungen gewaltsam durchzusetzen. Sie habe das Schiff gesehen.«


    »Vorsichtig? Inquisitor Ruven, wie sollen wir einschätzen, was Euer Amtskollege plant, wenn sie uns mit einer automatisierten Servitor-Meldung abspeisen?«


    »Emanuel hat recht, Konstantijn«, pflichtete Anton seinem Freund bei. »Solange die Neuankömmlinge sich nicht erklären, gibt es nichts, was wir tun könnten. Zumindest im Moment. Immerhin haben sie sich noch nicht offen feindselig gezeigt. Ausserdem steht das Imperiale Gesetz auf unserer Seite. Es muss sich um einen Irrtum handeln.«


    »Muss ich Ihnen erst erklären, dass es in unserer Organisation Individuen gibt, die sich über dem Gesetzt stehend wähnen? Oder schlimmer noch: sich selbst für das Gesetz halten?« erwiderte Konstantijn.


    Wie immer, wenn er angespannt war, strichen seine Finger über die Adlerrune auf dem linken Handrücken. Die Macht eines Inquisitors war nahezu unbegrenzt, buchstäblich über Leben und Tod. Und gerade deswegen musste sie durch Demut und Vernunft im Zaum gehalten werden, um nicht aus dem Ruder zu laufen. Auch die Inquisition hatte ihre Regeln. Ihr Gegenüber gab sich nicht zu erkennen, hatte weder Gründe für seine Anschuldigung genannt noch sonst irgendeine Erklärung abgegeben. Konstantijn verabscheute es, wenn ein anderer Inquisitor diese Regeln derart überschritt, erst recht gegen einen der ihren. Unfehlbare Gerechtigkeit lag einzig beim Imperator selbst, nicht bei seinen Dienern. Anton hatte ihm seine Unschuld versichert und er glaubte ihm. Er würde nicht dulden, dass er der Willkür ausgeliefert würde.


    Gleichzeitig wanderten Konstantijns Gedanken zu den Aeldari. Was auch immer den Unbekannten hierhertrieb, sein Auftauchen brachte sie in Gefahr. Bei allem Vertrauen in das Wohlwollen des Imperators, dass auch dieser Inquisitor Xenos-freundlich war, wäre zu viel des Glücks. Er vertraute der Fähigkeit der Weltenwanderer, unentdeckt zu bleiben, bis sich die Angelegenheit geklärt hatte. Doch dazu musste Margil auf freiem Fuss sein.


    »Sie haben recht«, gestand Konstantijn gleichmütig ein. »Wir können nicht viel tun, ausser zu warten. Was haben Sie nun also vor, Anton?«


    Dieser überlegte einen Moment und zuckte frustriert mir den Schultern. »Solange ich hier bin, kann mir nichts geschehen. Ich bin müde, erschöpft. Was meinen Sie dazu, wenn Sie als Gast auf der Yukikaze bleiben. Morgen sprechen wir dann mit dem Eldar. Meinetwegen zusammen. Wenn Ihnen etwas an der Menschheit liegt, werden wir mit Sicherheit eine Lösung finden. Was den Neuankömmling betrifft… Ich glaube, wenn wir ihn einfach ignorieren, wird er sich irgendwann wieder melden. Ich kann mir nicht vorstellen, dass er in dieses System gewarpt ist, nur um festzustellen, dass seine Anschuldigungen vor keinem Gericht oder Konzil bestehen würden, und sich dann wieder verzieht.«


    »Dann lassen Sie uns das Beste hoffen. Ihren Vorschlag nehme ich gerne an. Ich bleib heute Nacht hier und morgen sehen wir weiter.« Er warf Emanuel einen ironischen Blick zu. »Wenn der Kapitän es denn erlaubt.«


    Die Aussicht, Gast des widerwärtigen Freihändlers zu sein, behagte Konstantijn nicht. Ihm aber wahrscheinlich noch weniger.


    Emanuel war aufgekratzt. Hätte er gewusst, wie viele Probleme der Eldar machen würde, hätte er ihn wohl nie gefangengenommen. Doch war er sich auch im Klaren, dass er die Situation nicht mehr ändern konnte. Er musste das Beste daraus machen: Anton schützen und dafür sorgen, dass die beiden anderen Inquisitoren so schnell wie möglich verschwanden. Es blieb ihm nicht mehr viel übrig, als Antons Vorschlag zu unterstützen.


    »Wir Von Drach sind für unsere Gastfreundlichkeit bekannt«, sprach er gehässig zu Konstantijn. »Ich kann Euch gerne eine der Offizierskabinen zur Verfügung stellen. Aber ich bitte Euch, Euren Aufenthalt auf diese zu beschränken.«


    Nachdem sie sich einig geworden waren, verabschiedeten sie sich. Anton reichte Konstantijn die Hand und nickte ihm schwach, aber anerkennend zu. Konstantijn erwiderte die Geste mit einem Lächeln. »Versuchen Sie etwas Ruhe zu finden, Anton. Gute Nacht.«


    Emanuel dagegen begnügte sich mit einem nachlässigen Zeichen des Aquila und begab sich sofort zur Brücke, um weitere Anweisungen und Befehle an seine Crew zu richten. Ashenya dagegen verbeugte sich leicht.


    »Danke«, erklang ihre sanfte Stimme in Konstantijns Geist. »Ich bin mir sicher, Eure und Antons Vernunft werden euch beide zu euren Zielen führen.«


    ***


    Die Offizierskajüte war wie alles auf diesem Schiff: Jenseits jeden Masshaltens. Konstantijns Kabine auf der Orestes wäre hier bestenfalls eine Garderobe gewesen. Und derer hatte diese Unterkunft sogar zwei: am Eingang und zwischen dem Schlafzimmer und dem Bad. Immerhin beschränkte sich das Dekor auf das Niveau, das Konstantijn auf den Korridoren gesehen hatte, und verzichtete auf die Pracht des privaten Speisesaals des Kapitäns. Dicker, burgunderroter Teppich lag auf allen Böden aus. Von dem mit Polstersesseln, einer mit allerlei Karaffen aus Kristallglas bestückten Anrichte und einem schrankhohen, verschliessbaren Sekretär möblierten Vorzimmer gingen die Doppeltüren in die Nebenräume ab.


    Konstantijn ignorierte den überbordenden Luxus, ging gleich durch ins Schlafzimmer und schloss die hohen Schiebetüren. Er streifte den Mantel ab, öffnete die Knöpfe seiner blauen Jacke, legte beides sorgfältig gefaltet auf eine Kommode und setzte sich auf das hohe, mit reich bestickten Steppdecken ausgelegte Bett, um die Stiefel auszuziehen, bevor er sich hinlegte.


    Was hatte er zu Henk gesagt? ‚Ich erwarte wenig, was sich nicht mit Geld oder guten Worten lösen lässt.‘ Wann hatte er sich eigentlich das letzte Mal so geirrt?


    Er war hier auf einen Kollegen getroffen, einen guten Mann, davon war er inzwischen überzeugt, der in mehr als nur einer Sache Hilfe brauchte. Die ursprüngliche Angelegenheit, die mysteriösen Xenos von Ysraal VI und was die Aeldari darüber wissen mochten, war jetzt ihr kleinstes Problem. Bei ihrem letzten Handschlag zum Abschied war Antons körperliche Verfassung beinahe ein offenes Buch gewesen, Konstantijn hatte seine Psikräfte nicht einmal gross anstrengen müssen. Jede Nervenfaser war unter Hochpannung, das Blut geflutet mit Stresshormonen, die den gesamten Kreislauf und Muskelapparat in Alarmbereitschaft hielten. Dass er dadurch völlig erschöpft war, auch seelisch erschöpft sein musste, lag auf der Hand.


    Warum bewegte ihn das Wohlergehen dieses doch eigentlich fremden Mannes so sehr? Der oranisch-imperiale Glaube lehrte, die Gnade des Gottimperators, die man selbst erfahren hatte, an andere weiterzugeben, die ihrer bedurften. Aber das war nicht alles. Konstantijn kannte die fast unmenschlichen Anforderungen, die ihre Berufung an sie stellte, nur zu gut. Er selbst hatte das Glück, mehr als nur einen Halt in dieser finsteren Welt zu haben. Unter bitteren Verlusten, von denen sein linker Arm der geringste gewesen war, hatte er gelernt, nur auf den Imperator, auf sich selbst und auf jene, die ihm nahe standen zu vertrauen – am allerwenigsten jedoch auf imperiale Institutionen und Würdenträger. Anton war nicht nur vertrauenswürdig, Konstantijn hatte begonnen, ihn zu mögen. Er war aufrichtig, loyal und pflichtbewusst. Aber ihm schien jeder Halt zu fehlen. Und nun kam noch diese lächerliche Anschuldigung dazu.


    Konstantijn konnte Antons vorbehaltlose Zuversicht hinsichtlich des unbekannten Inquisitors nicht teilen. Sie war erstaunlich naiv, im schlimmsten Falle selbstzerstörerisch. Er selbst würde sich jedenfalls nicht so einfach abwimmeln lassen, wenn er ein legitimes Ziel verfolgte. Und der Fremde hatte eine tödliche Drohung ausgesprochen. Ob Von Drachs unbestreitbar privilegierte Position als Freihändler tatsächlich irgendeinen Eindruck auf ihn machte, würde sich erst noch zeigen müssen.


    Aber immerhin gab es nun eine reale Aussicht, Margil rasch freizubekommen. Konstantijn war sich sicher, dass der Weltenwanderer nichts Näheres von dem wusste, was Anton suchte. Aber sobald er selbst im Bilde und Anton davon überzeugt war, würde sich, mit des Imperators Hilfe, ein anderer Weg finden lassen. Ihm war ehrlich daran gelegen, seinem Kollegen bei seiner Suche zu helfen.


    Die grösste Unwägbarkeit dabei war nun Firondhir. Er hoffte, dass der Aeldari, würde er Margil finden, sich an ihre Abmachung hielt. Eben erst hatte er Antons Vertrauen gewonnen. Eine Flucht der Weltenwanderer würde diesen Erfolg auf einen Schlag zunichtemachen. Wie der angeschlagene Inquisitor dann reagieren mochte, konnte Konstantijn nicht abschätzen. Und sie hatten da draussen schon Probleme genug.


    Er klopfte eines der überdimensionalen Daunenkissen zurecht, drehte sich auf die Seite und zog sich die schwere Decke über den Rücken.


    »Hoffe auf das Beste, doch sei bereit für Schlimmste«, ging ihm durch den Kopf, bevor ein bleierner Schlaf ihn überkam.


    ***


    Anton war allein in der riesigen, zweistöckigen Unterkunft, die Emanuel ihm bereitgestellt hatte. Sie war für hohe Gäste bestimmt und lag von den meisten anderen Sektionen etwas isoliert, gleich unter der Aussenhülle des Schiffes. Eine mächtige Glaskuppel bot normalerweise einen beeindruckenden Blick auf die Sterne. Anton hatte die Brücke aber angewiesen, die Panzertüren zu schliessen, die sich Spitz zulaufend über die Kuppel geschoben hatten. Er ertrug den Anblick des schwarzen Schlachtschiffes nicht, dass wie das Damoklesschwert in der Leere des Alls schwebte.


    Ansonsten boten die Räumlichkeiten eigentlich alles, was man sich wünschen konnte. Der Boden war aus feinstem, poliertem Marmor, der perfekt mit den fliederfarbenen, goldverzierten Tüchern harmonierte, mit denen die Wände behangen waren. Mächtige Bronzestatuen verschiedener bekannter und unbekannter Wesen zierten die vielen runden Nischen, und Säulen, reich mit Gold und Edelsteinen verziert, ragten zur unglaublich hohen Decke hinauf.


    Das Herz der Suite war ein grosses Zimmer mit Galerie, die über eine filigran gearbeitete Treppe erreichbar war. Ein fürstliches Bett, in dem wohl problemlos ein halbes Dutzend Menschen Platz gefunden hätten, stand mittig im Raum, umgeben von mannsgrossen Sitzsäcken aus feinsten Stoffen. Das ganze Zimmer war von einem künstlichen Gewässer eingefasst, dessen angenehm warmes Wasser einen süsslichen Duft verströmte.


    Anton sass erschöpft an der Bar, die sich unter der Galerie befand. Die Bediensteten hatte er alle weggeschickt, er brauchte Ruhe. Vor ihm stand eine ungemein teure Flasche Raenka, nur noch zu zwei Dritteln gefüllt. Das Glas aus schwarzem Obsidian hielt er fest in seiner Hand, als ob er fürchtete, das Schicksal könnte ihm auch noch diese Freude entreissen.


    Alles ging schief, und trotzdem schien alles, immer noch schlimmer zu werden. Natürlich hatte es in seiner ganzen Zeit als Inquisitor immer wieder Rückschläge gegeben. Es war Anton klar, dass man nicht immer Erfolg haben konnte. Er war kein Gott, ja noch nicht einmal ein Astartes. Seine Fähigkeiten waren nicht so umfangreich, dass er die ganze Menschheit hätte retten können, doch gab er alles daran, zumindest seinen Teil zum Schutze des Imperiums beizutragen.


    Spätestens seit Ysraal VI schienen sich die Rückschläge aber massiv zu häufen – auf einem Niveau, das für Anton kaum mehr auszuhalten war. Und trotzdem hatte er immer versucht, weiterzumachen. Er hatte sein Leben, ja, seine ganze Existenz, ohne zu zögern für das Wohl des Imperiums aufgeopfert. Und als Dank dafür hatte das Imperium ihn exkommuniziert. Zum Verräter erklärt.


    Er füllte das Glas erneut und nahm einen grossen Schluck, ehe er wieder an der Theke erschlaffte, den Kopf mit dem rechten Ellbogen abgestützt.

    Das Urteil des Verrats war natürlich nicht begründet worden. Es lag wohl sogar irgendein administrativer Fehler vor, solche Fälle gab es immer wieder. Was man ihm auch immer vorwarf, die Richtlinien der Inquisition setzten immer eine gründliche Untersuchung voraus. Nie war Anton befragt worden. Nie hatte man sein Handeln angezweifelt, noch hatte er dieses je erklären müssen. Trotzdem nagten Angst und Zweifel an seinem Verstand. Er wusste genau, was das imperiale Gesetz für Ashenya vorsah. Was es für jene vorsehen würde, die einem Xenos halfen, sich zu verstecken und ausserhalb der Kontrolle durch die imperiale Behörde zu leben.


    Wer auch immer dieses mysteriöse Schiff kommandierte, hatte im Grund genommen Recht. Daran konnte weder Emanuel noch Konstantijn, die beide, würde man das Gesetz streng zur Anwendung bringen, ebenfalls Verräter waren, etwas ändern. Anton hatte die Vernunft und das Wohl des Imperiums immer höher bewertet als das imperiale Gesetzt. Er glaubte daran, das richtige zu tun. Offenbar glaubte das Imperium aber etwas anderes. Er war die ganze Zeit nur ein närrischer Idealist gewesen, der dachte, er könne der Menschheit dienen.


    Er leerte das Glas. Ehe er sich aber ein weiteres füllen konnte, hörte er, wie die grosse Türe aufglitt. Sie war automatisch angesteuert und konnte nur mit einer entsprechenden Schlüsselkarte bedient werden.


    Etwas benommen trottete er gleichgültig zum Eingangsbereich, der einer riesigen Säulenhalle glich und über eine kleine Brücke mit der Suite verbunden war.


    Seine Laune besserte sich schlagartig, als er Ashenya erkannte. Sie trug noch immer das verführerische Kleid, das sie während des Essens angehabt hatte.

    »Ashenya! Was tust du hier?«, fragte Anton überrascht. Emanuel hatte sie mit dem Rest seiner Gefolgsleute auf dem Mannschaftsdeck einquartiert. »Wie bist du hier hereingekommen?«


    Ashenya lächelte schwach. »Ich habe Emanuel nach der Schlüsselkarte gefragt«, meinte sie schulterzuckend und näherte sich Anton mit bestimmtem Schritt. »Ich kenne dich, Anton. Ich spüre deinen Schatten im Warp. Es ist schrecklich, die Schwärze zu fühlen, die ihn umschlingt. Ich bin da, wenn du mich brauchst. Und ich weiss, dass du mich brauchst.«


    Eine schwere Last fiel von Anton. Er war Inquisitor, er musste für das Wohl aller stark sein. Er durfte und wollte sich nicht eingestehen, dass die Bürde seines Amtes ihn zu erdrücken drohte. Doch sie fühlte, was er fühlte. Er musste nichts sagen, es reichte, wenn er ihr seinen Geist öffnete, damit sie verstand. Anton konnte ihr alle seine Sorgen und Zweifel offenbaren, ohne dass seine Integrität als Inquisitor in Frage gestellt würde.


    Als das Alien vor ihm stand schloss sie den Inquisitor fest in ihre Arme. Er spürte, wie sie ihren warmen Körper an ihn schmiegte und realisierte erst jetzt, dass er fröstelte.


    »Ich bin da, Anton«, erklang ihre sanfte Stimme, fast schon einem Sing-Sang gleich. »Was auch immer passiert, ich werde immer an deiner Seite sein. Wie du dich auch immer entscheidest, ich weiss, dass diese Entscheidungen die richtigen sind, denn ich vertraue dir.«


    Anton konnte nicht sofort antworten. Er kämpfte, die Fassung nicht zu verlieren. All der Druck, der auf ihm lastete, all die Versagensängste, all die Schuldgefühle, alles drohte, das stählerne Gefängnis zu durchbrechen, in das Anton seine Seele gesperrt hatte.


    Er richtete seine Gedanken auf seine Gefährtin. »Ich kann nicht mehr, Ash«, sprach er über den Warp zu ihr. Ganz unbewusst hatte er dabei den Spitznamen verwendet, den er benutzte, nachdem er sie vor Jahren aus den Fängen der Chaos Space Marines gerettet hatte. Zu einer Zeit, als es noch anstrengend und mühsam war, sich zu verständigen.


    »Komm, setzten wir uns hin«, antwortete Ashenya und lockerte ihre Umarmung. Mit ruhigem Schritt führte sie Anton zum gewaltigen Bett, den rechten Arm noch immer um ihn gelegt. Sie setzte sich im Schneidersitz auf die unbezahlbare Felldecke aus terranischem Hermelin, während Anton auf der Bettkante Platz nahm.


    »Wieso lebe ich, Ash?«, fragte Anton resigniert. »Was ist unsere Aufgabe? Wieso werden wir geboren? Wenn es keinem Zweck dient, für das Imperium zu kämpfen, wenn dem Imperium dieser Kampf egal ist, wenn es mich dafür sogar verurteilt, wieso lebe ich dann?«


    »Das sollte keine Rolle spielen«, beruhigte ihn Ashenya. »Du bist hier. Du existierst. Ob das einen Sinn hat, ob du eine Aufgabe hast, spielt keine Rolle. Alles, was zählt, ist das Jetzt, die Tatsache, dass du bist.«


    »Aber wonach richte ich mich dann? Wie soll ich die Kraft finden, all die Schrecken, die ich gesehen habe und noch sehen werden, zu überwinden?«


    Ashenya dachte für einen kurzen Moment nach, ehe sie antwortete. »Ich kenne dich, Anton. Ich kenne deine Seele wie meine eigene. Ich weiss, dass du einen höheren Sinn in deinem Sein brauchst, um zu überleben. Doch wieso muss dieser Sinn im Imperium zu finden sein? Was gibt dieses dir, ausser Schmerz und Entbehrung?«


    »Es ist die einzige Chance, dass die Menschheit überlebt«, gab Anton ihr wenig überzeugt zurück.


    »Ist es das? Und was ist mit dir? Du bist du, du bist nicht die Menschheit. Ich sehe, dass dein Geist nicht dem Geist des Imperiums entspricht. Ich sehe das schon lange, und du weisst auch, dass dem so ist. Vielleicht musst du aufhören, dein Leben dem Imperium zu widmen.«


    »Und dann?«, entgegnete Anton. »Wenn ich nicht dem Imperium diene, wem dann?«


    »Dir selbst! Kämpfe dafür, was du bist. Wenn du den Menschen helfen willst, tu es, aber nicht, weil es deine Pflicht gegenüber dem Imperium ist, sondern weil es das ist, was dich ausmacht. Bleibe dir treu und halte den Kurs. Aber höre auf, daran zu verzweifeln, dass das Imperium auf dich und dein Handeln spuckt.«


    Anton war noch immer unsicher, konnte aber wieder etwas Mut fassen. Ashenya hatte Recht – auch wenn das Imperium ihn dafür verurteilen würde, sein Herz und Verstand sagten ihm, dass er das Richtige tat. Er durfte sich nicht davon einschüchtern lassen, was andere davon dachten. Doch war er stark genug, notfalls dafür zu sterben? Vor einiger Zeit hätte er diese Frage klar bejaht. Inzwischen wusste er aber nicht, ob dem noch so war. Es schien einfacher, sich für eine grossartige Sache wie dem Schutz der Menschheit herzugeben, als für das eigene Verständnis von Recht und Pflicht. Der Märtyrertod für das Imperium war leichter, als für die eigenen Ideale in den Tod zu gehen.


    Ashenya hatte seine Gedanken mitverfolgt. Er hatte ihr seinen Geist völlig offen und schutzlos dargelegt.


    »Die Quarr’va glaubten, dass jede Seele aus dem Warp geboren wurde. Nach dem Tod werden wir wieder Teil des Immateriums, bis wir wiedergeboren werden. Bleiben wir uns treu, so bleibt unsere Seele frei. Bleiben wir unbefleckt, können SIE unsere Seele nicht verzehren. Dann kann es uns gelingen, selbstständig in den Realraum zurückzukehren. Ich bin mir sicher, für die Menschen gilt das gleiche. Unsere Seelen sind dieselben. Denkst du nicht, es würde dir besser gehen, wenn du deinen eigenen Weg gehst? Frei vom Imperium und eurem Imperator? Der Märtyrertod ist leicht, weil er eine Ewigkeit an der Seite deines Gottes bietet. Doch der Tod für die eigenen Ideale bietet dir eine Ewigkeit in Freiheit, eine Ewigkeit, für immer du selbst zu sein. Immer und immer wieder du zu sein.«


    »Aber das wäre Verrat!«, widersprach Anton, wenn auch ohne das inbrünstige Feuer, dass von einem Inquisitor zu erwarten gewesen wäre.


    Asheyna antwortete umgehend. »Ist es das? Deine Ideale sind noch immer, die Menschen zu schützen. Du würdest noch immer der Menschheit dienen. Das Imperium mag es als Verrat werten, wenn du dies aus eigenem Antrieb tust, aber hat es damit auch recht?«


    Anton musste über das, was Ashenya gesagt hatte, nachdenken. Ob sie nun recht hatte, oder nicht, auf jeden Fall war er unendlich dankbar, dass sie ihm beistand. Dass sie versuchte, sich seiner inneren Zerrissenheit entgegenzustellen. Versuchte, ihm zu helfen, den richtigen Weg zu finden. Er selbst hatte sich völlig in der Finsternis verloren.


    Müde legte sich Anton auf das weiche, vornehme Bett und schloss die Augen.


    »Ash, bleibst du bei mir?«, fragte er etwas unsicher.


    Ashenya lächelte zufrieden. »Ich bleibe für immer bei dir, Anton.«


    »Danke…«, sagte er beruhigt und spürte, wie sie sich neben ihn legte und sanft an ihn drückte. Anders als die Schuppen der meisten Reptilien, fühlte sich Ashenyas Haut weich und warm an. Zum ersten Mal seit langem fühlte er, wie alle Zweifel und Ängste zu verblassen schienen.

  • IX


    Firondhir kauerte in seinem dürftigen Versteck im Hangar und beobachtete angespannt das Gespräch der beiden Inquisitoren. Die Körpersprache der beiden Männer deutete auf einen ruhigen Wortwechsel hin. Ein guter Anfang, so schien es immerhin. Gleichzeitig behielt der Weltenwanderer die bewaffneten Männer im Auge. Keiner von ihnen schien sich zu regen. Würde es zum Kampf kommen, waren Konstantijn und er ohnehin hoffnungslos in der Unterzahl, nicht erst durch die verborgenen Krieger, sondern allein schon wegen der uniformierten Gardisten. Daran änderte auch die leichte Bewaffnung ihrer Landefähre nichts. Er allein würde Konstantijn nicht mehr als zwei bis dreimal Feuerschutz geben können, ehe er selbst entdeckt würde. Für einen Rückzug in das Schiff würde das nicht reichen.


    Dankenswerterweise schien sich der Austausch mit dem anderen Inquisitor aber positiv zu entwickeln. Mit einer einladenden Geste wies der dunkelhaarige Mensch Konstantijn an, mit ihm zu kommen. Zugleich entliess der Mann den grössten Teil der Soldaten, nur vier begleiteten die beiden, die übrigen zerstreuten sich.


    Nicht jedoch die Männer auf den anderen Positionen. Nachdem die Inquisitoren und die Gardisten gegangen waren, kam ein gutes halbes Dutzend hinunter in die Halle und näherten sich der Fähre. Das war unvorhergesehen und äusserst unerfreulich. Gerade jetzt hätte er Konstantijn folgen müssen, um seine Spur im Inneren des ihm völlig unbekannten Schiffes nicht zu verlieren. Stattdessen war er gezwungen, hier zu verweilen. Er warf sich flach zu Boden, streckte sich der Läng nach aus und presste sich so weit wie möglich gegen die Kante der Plattform.


    Wenige Augenblicke später waren die Söldner bei ihm. Unter dem Rand seiner Kapuze konnte der Weltenwanderer ihre klobigen Stiefel sehen. Die Männer hielten kurz an, einer erteilte Anweisungen, dann verteilten sie sich. Drei gingen hinüber zum Schiff, die übrigen bezogen Positionen in der Halle. Reglos harrte Firondhir aus, etwas anderes blieb ihm nicht übrig. Zu leicht hätten die Chem-Pan-Sey ihn in dieser Umgebung entdecken können. Jede Minute, die verstrich, kam ihm länger vor als die vorherige. Schliesslich hatten die Söldner beendet, was immer sie zu tun befohlen worden waren. Firondhir hörte ihre Schritte sich entfernen und wagte einen Blick über die Kante der Plattform.


    Die Männer waren nur noch wenige Längen von der Hangartür entfernt. Dies war die letzte Gelegenheit für den Weltenwanderer, die Landebucht zu verlassen. Möglicherweise gelang es ihm, ohne dass die Söldner ihn bemerkten. Er musste er damit rechnen, dass die Landebucht auch von aussen überwacht wurde. Doch dieses Risiko musste er eingehen. In Eile und tief geduckt pirschte er sich um die Plattform herum, bis vor ihm nur noch die offene Fläche der Halle lag. Das grosse Tor stand offen, die Söldner unmittelbar davor. Er durfte keinen weiteren Moment verstreichen lassen. Der Weltenwanderer spurtete los, so lautlos, wie er es nur vermochte. Die Männer hatte das Tor bereits passiert, als er es erreichte, und der Schott begann schon wieder, sich herabzusenken. Tief gebeugt glitt er darunter hindurch und warf sich auf der anderen Seite, ohne seine Umgebung genauer in Augenschein zu nehmen, in die nächstgelegene Wandnische.


    Auf einem Sockel in dem Alkoven stand eine Statue aus blassgrünem Stein von entfernt menschenähnlicher Gestalt in seltsam verdrehter Pose. Firondhir stutze einen Moment darob, was dieses befremdliche Gebilde darstellen mochte. Doch dann besann er sich wieder auf sein Ziel. Sein Mantel nahm den Jadeton der Figur an. Langsam schlich er sich hinter ihr entlang und spähte um die Ecke. Die Söldner waren bereits ein gutes Stück weit den Gang hinunter entfernt. Einen kurzen Moment dacht Firondhir darüber nach, ihnen zu folgen. Doch woher sollte er Gewissheit nehmen, dass sie den gleichen Weg einschlugen, wie Konstantijn und seine Begleiter.


    Im gleichen Moment, in dem seine Gedanken sich auf den Inquisitor richteten, geschah etwas unerwartetes: Firondhir wusste, wo er war. Das gewaltige Schiff war wie ein leerer Raum aus grauem Nebel in seinem Geist, doch an einer Stelle, nicht sehr weit entfernt, glomm ein weisses Licht wie ein Leitstern. Wie konnte das sein? Firondhirs erster Gedanke war, dass der Inquisitor versuchte, psionisch mit ihm Kontakt aufzunehmen. Doch dann erinnerte er sich, dass dies nicht in Konstantijn Fähigkeiten lag. So bleib nur eine Erklärung: es musste von ihm selbst ausgehen. Auch Firondhir war kein Geisterseher. Aber er und Miermen waren erst vor kurzem eng verbunden gewesen und dabei den Energien des JiorQuas beinahe ohne Schutz ausgesetzt. So mochte es sein, dass der Geist des Menschen ein Echo in seinem eigenen Hinterlassen hatte. Die Vorstellung war befremdend, um nicht zu sagen bizarr. Firondhir hoffte inständig, dass diese Nachwirkung nicht von Dauer sein würde. Einstweilen jedoch war sie von grösster Nützlichkeit.


    Der Eindruck in seinem Bewusstsein gab Firondhir eine Richtung, der er durch die Gänge des Kreuzers folgen konnte. Die verschwenderische Inneneinrichtung der Korridore war dabei geradezu ein Geschenk. Die dekorierten Alkoven und weiten, faltenreichen Wandverhänge erlaubten ihm ein rasches und ungesehenes Vorankommen. Wann immer ein Besatzungsmitglied sich mit dröhnenden Schritten näherte, verschwand der Weltenwanderer in der reichen Staffage und konnte nicht selten so sogar seinen Weg an den Störenfrieden vorbei ohne Unterbrechung fortsetzen. Rascher als er gefürchtet hatte, hatte er den Tross der Inquisitoren eingeholt und folgte ihnen mühelos bis hinein in die Speiseräume des Schiffes.


    Hinter einem schweren, bestickten Wandteppich, dessen opulente Bildmotive er nicht zu deuten wusste, wartete Firondhir das Geschehen ab. Konstantijn hatte ihn gebeten, nichts auf eigene Faust zu unternehmen, solange er versuchte, die Angelegenheit mit seinem Kollegen einvernehmlich zu lösen. Firondhir hatte dem zugestimmt, unter Vorbehalt. Nun nahmen die beiden mit einem weiteren Menschen – er schien der Gastgeber und ein Freund des fremden Inquisitors zu sein - an der langen Tafel platz und warteten offensichtlich auf das Essen. Dem Weltenwandere wäre es lieber gewesen, die beiden Inquisitoren hätten sich sogleich um eine Lösung bemüht, so dass sie diesen Ort möglichst schnell wieder verlassen konnte. Aber den seltsamen Brauch der Cresistauead, Streitfragen bei einem Mahl zu besprechen, musste er wohl oder übel hinnehmen.


    Dann fiel sein Blick auf den dritten Gast: Ein weiteres Geschöpf, ebenfalls ein Zweibeiner, doch glich ihr Aussehen ganz und gar einem Reptil. Je länger er sie ansah, umso schwerer fiel es ihm, seinen Blick von ihr abzuwenden. Nicht wegen ihrer fast offen zur Schau getragenen, weiblichen Reize, sie waren zu fremdartig, um ihn anzusprechen. Doch ihre Seele war ausserordentlich stark, selbst ohne Geisterblick konnte er ihr Leuchten spüren. Sie war anders, doch den meisten Aeldari ebenbürtig. Ihre Erscheinung weckte Erinnerungen an alte Legenden über die ersten Völker der Galaxis. Langsam, mehr zufällig wandte der Kopf der Echsenfrau sich in seine Richtung. Mit Mühe gelang es Firondhir, die Augen zu schliessen und sich abzuwenden. Er war sich sicher, hätten ihre Blicke sich getroffen, sie hätte ihn ohne Zweifel entdeckt.


    Mit einem leisen Klacken öffnete sich eine verborgene Tür in der Wand, nur wenige Schritte von ihm entfernt. Der Weltenwanderer sah sich um. Mehrere Menschen traten ein, Männer und Frauen, die die Speisen hereintrugen. Firondhir schnürte sich Kehle zusammen, als er ihre bemitleidenswerte Aufmachung erblickte. Er empfand wenig Sympathie für Menschen im Allgemeinen und das Leid, das sie sich gegenseitig zufügen möchten, tangierte ihn wenig. Doch der elendige Zustand dieser Kreaturen rief dunkelste Erinnerungen in ihm wach. Solcherlei Misshandlungen und Demütigungen, jedoch unaussprechlich grausamer, hatte er bisher nur einmal zu Gesicht bekommen, und dies waren die bisher schlimmsten Stunden seines Lebens gewesen. Noch heute konnte er nicht sagen, wie viel Zeit Illurayon und er in den tiefsten Katakomben des Kabalenpalastes von DorchaKerun verbracht hatten.


    Was dieser Chem-Pan-Sey seinen Bediensteten antat, war gnädig im Vergleich zu dem, wozu die Drukhari fähig waren, eine schwache Imitation. Und doch, für seine schlichten Verhältnisse stand der Herr dieses Schiffes den Dunklen Brüdern in nichts nach.


    Während die Diener vorbeischritten, drangen die Gerüche unterschiedlichster Speisen zu dem verborgenen Aeldari vor und strapazierte seine Sinne fast bis zur Übelkeit. Was auf den Tellern lag, mochte er sich nicht vorstellen. Der Kapitän jedenfalls brüstete sich mit der Seltenheit des Aufgetragenen. Konstantijn dagegen sass schweigend und zurückhaltend am Tisch, ehe der impertinente Mann ihn ansprach.


    Firondhir wurde aufmerksam. Endlich kam das Gespräch in Gang. Er verfolgte es Wort für Wort und hoffte, dass sie rasch zu einem Ergebnis kamen. Doch die Hoffnung zerschlug sich nach wenigen Minuten. Der fremde Inquisitor war so verbohrt, wie es von einem Cresistauead seiner Berufung nur zu erwarten war. Schliesslich unterbrach der Kapitän die beiden Streitenden.


    Auf einen Wink betrat eine weitere Person den Saal. Diesmal war es kein Mensch. Zu Firondhirs Überraschung erkannte er in der grossen, dunkelhaarigen Frau eine Hekatari in voller Rüstung und Bewaffnung, wie sie sie in den Arenen Commorragh zu tragen pflegten. Doch etwas war befremdlich an der ihr. Ihr fehlte jeder Stolz der Drukhari. Statt dessen näherte sie sich mit unterwürfiger Körperhaltung dem Kapitän und neigte vor ihm das Haupt. Was er sah, ging über Firondhirs Verstand.


    Als nächstes wurde ein grosser, kräftiger Mensch hereingeführt. Sofort erkannte der Weltenwanderer in ihm den Anführer jener Söldner, die Margil und ihn überfallen und seinen Freund verschleppt hatten. Zorn überkam ihn beim Anblick des Chem-Pan-Sey, doch auch Genugtuung, denn auch er trug die Fesseln eines Sklaven. Offensichtlich hatte er seinen Auftrag nicht zur Zufriedenheit seines Herrn erfüllt. Firondhir lächelte finster.


    Dann begann der Kampf. Trotz ihrer unverständlichen Selbsterniedrigung fehlte der Hekatari nichts von der Geschicklichkeit und Schnelligkeit ihrer hochmütigen Schwestern. Der Söldner hatte nur eine schwere Metallstange, um sich zu verteidigen. Er war chancenlos gegen die überlegenen Kampfkünste der Drukhari-Frau. Firondhir beobachtete fasziniert ihren blutigen Tanz. Er musste sich selbst davon abhalten, den dunkelsten Empfindungen in der Seele jedes Aeldari nachzugeben und über ihre grazile Grausamkeit und die Schmerzen, die sie ihrem Gegner zufügte, Freunde zu verspüren. Seine Finger umschlossen die weiche, braune Haarlocke an seinem Gürtel.


    Dann hörte er Konstantijns Aufschrei: »Das ist genug, Von Drach! Was auch immer der Mann versäumt hat, er hat genug gebüsst. Beenden sie das!«

    Doch der Angesprochene reagierte nicht. Wie gebannt hing sein Blick an der Hekatari, wie sie Hieb um Hieb das Gesicht des inzwischen wehrlosen Söldners zerriss und ihm schliesslich in einer eleganten Drehung die Kehle öffnete. Mit Entsetzen und Abscheu musste Firondhir feststellen, dass er sich in dem Kapitän getäuscht hatte. Seine Verzückung beim Anblick des sich auf dem Marmorboden ausbreitenden Blutes flutete den Saal wie ein übler, süsser Geruch – der Hauch Ihrer, die Dürstet. Dieser Mensch glich völlig den Drukhari. Angewidert wandte Firondhir sich ab.


    Ein schriller Alarm brach in die Szenerie ein. Er liess den Weltenwanderer aufatmen, denn sofort schärften sich seine Sinne wieder für das Hier und Jetzt. Die Menschen und die Echsenfrau sprangen von der Tafel auf und folgten einem Offizier, der soeben eingetreten war. Firondhir war im Begriff, ihnen nachzueilen, doch dann fing er einen Gedanken Konstantijns auf: ‚Iaer, ainiluin1.‘ Zwei mehrerer Wörter, die ihm zu nennen der Inquisitor ihn gebeten hatte, auf ihre grobste Bedeutung heruntergebrochen. Doch Firondhir verstand, was er von ihm wünschte. Er würde es in Betracht ziehen.


    Die Dienstbotentür hatte sich wieder geöffnet. Einige der Sklaven kamen herein, um die Tafel abzuräumen. Auch die Hekatari, nun wieder seltsam leblosen in ihren Bewegungen, verliess den Saal. Firondhir hatte noch keine Vorstellung, wie er Margil in diesem monströsen Schiff finden sollte, er könnte tagelang hier herumschleichen, ohne etwas zu erreichen.


    Der Offizier kehrte zurück. Er sprach die Diener an. Sie hielten kurze inne, um seine Befehle zu empfangen, dann setzten sie ihre Arbeit fort. Einige der weniger ausgezehrten Männer machten sich daran, den Leichnam des Söldners fortzuschleppen, andere kamen mit groben Lappen und Gefässen mit Flüssigkeiten herein und begannen, das Blut aufzuwischen.


    Als der Söldner direkt vor Firondhirs Füssen vorbeigeschleift wurde, warf er noch einmal einen kalten Blick auf den Mann. Er hatte bekommen, was er verdient hatte. Der Weltenwanderer hatte sich davor verwahren können, Freude an seinen Qualen zu empfinden. Die Genugtuung über seinen Tod versagte er sich nicht.


    Der Offizier stand neben der Tür, keine vier Schritte von Firondhir entfernt, den Blick auf den Toten gesenkt und den Kopf schüttelnd. Sein Gesicht zeigte keine Trauer, doch Bedauern und eine Spur von Abneigung. Anscheinend war auch dieser Mann nicht mit allem einverstanden, was sein Herr tat.


    Die Arbeiten in dem Speisesaal näherten sich dem Ende zu. Firondhir musste eine Entscheidung treffen. Irgendwie musste er in Erfahrung bringen, wo Margil festgehalten wurde. Dass es der gleiche Ort war, an dem auch die Sklaven untergebracht waren, war eine Möglichkeit, sicher sein konnte er sich jedoch nicht. Sehr viel wahrscheinlicher Hingegen war es, dass der Offizier näheres wusste. Der Weltenwanderer beschloss, dem Mann zu folgen, in der Hoffnung, es mochte sich eine Gelegenheit finden, ihn zu überwältigen und zur Herausgabe der Information zu zwingen. Im letzten Augenblick, bevor die letzten Bediensteten den Speisesaal verliessen, huschte der Weltenwanderer durch den Türspalt.


    Die Korridore, die sich vor ihm ausbreiteten, waren weit entfernt von dem Prunk, der ihm er bisher in diesem Schiff begegnet war. Sie waren kahl und schlicht, die Wände mit weissen Kunststoffpaneelen verkleidet, die geschwungenen Strebpfeiler wie die bleichen Rippen eines gigantischen Tieres die einzigen Strukturen, in kaltes Licht getaucht, das kaum Schatten warf. Einmal mehr dankte Firondhir der Kunst Kurnous und der Tarnfähigkeit seines Mantels.


    Der Offizier war bereits einige Längen voraus und raschen Schrittes im Begriff, in einen Nebenkorridor abzubiegen. Der Weltenwanderer eilte ihm mit nahezu lautlose Schritten nach, verharrte an der Ecke und spähte herum, ehe er dem Mann weiter folgen wollte.


    Zu seiner Überraschung stellte er fest, dass der Offizier angehalten hatte. Bei ihm stand die Hagashîn. Flach an die Wand gedrückt, einen Fuss vor den anderen setzend, pirschte Firondhir sich heran, bis er in nah genug war, die Worte ihres Gesprächs zu verstehen.


    »Er hatte eine Bestrafung verdient für sein Versagen, aber nicht so etwas«, hörte der Weltenwanderer den Mann sagen. »Aber ich mach dir keinen Vorwurf. Du kannst nicht anders, als ihm gehorchen.«


    »Emanuel ist mein Herr, und deiner auch«, entgegnete die Hekatari. »Ich tue, was ihm gefällt.«


    »Ich weiss. Aber du verdienst auch mehr, als er dir für seine Dienste gibt. Hier.« Der Offizier holte etwas in braunen Stoff Eingeschlagenes unter seiner Jacke hervor und wickelte es aus. Firondhir hielt die Luft an, als er Margils Ritualklinge der Rächer Asuryans erkannte. Zorn kam in ihm auf.


    »Ich weiss nicht, ob es dir etwas bedeutet, oder ob du überhaupt Interesse an sowas hast. Milav hat das dem Eldar abgenommen. Ich finde es mehr als gerecht, wenn du das jetzt bekommst.«


    Laenryl nahm die Klinge wortlos entgegen, wiegte sie in der Hand und besah prüfend die feine, glänzende Schneide. Dann schlug sie das Schwert wieder in den Stoff ein steckte es in ihre Beinschiene.


    Wenn Stepan auf so etwas wie Dankbarkeit oder ein freundliches Wort von der Eldarkriegerin gehofft hatte, so wurde er enttäuscht. Laenryl war so teilnahmslos wie immer. Nur Firondhir nahm das schwache Aufflackern in ihren trüben Augen war, als hätte sich für einen Augenblick etwas tief in ihrem Inneren geregt.


    »Nun denn«, sagte Stepan mit einem Räuspern. »Das Schiff ist in Alarmbereitschaft, wir haben unerwarteten Besuch bekommen. Besser, du hältst dich ausser Sicht, bis wir wissen, woran wir sind. Geh zurück und pass auf den Eldar auf.«


    Firondhir konnte kaum glauben, was er eben gehört hatte. Ein Geschenk Lileaths, das ihn auf den richtigen Weg geführt hatte. Der Offizier und die Drukhari trennten sich. Firondhir folgte ihr.



    Margil sass mit untergeschlagenen Beinen auf der Pritsche. Er hatte die Augen geschlossenen und versucht, seine Gedanken zu fokussieren. Abwechselnd wiederholte er im Geiste die Mantras der Aspektschreine der SuinMure2, EsikCaman3 und MeanTokath4 und die Lehren des Kurnous. Was immer auf ihn zukam, er würde jede einzelne davon brauchen können. Und er versuchte damit dem Gefühl der Untätigkeit zu entkommen, das ihn fast um den Verstand brachte. Er war sich beinahe sicher, dass Miermen für den überstürzte Aufbruch seines ‚Gastgebers‘ verantwortliche war. Was daraus folgen würde, konnte er jedoch nicht absehen.


    Die Drukhari-Frau war indes keine erbauliche Gesellschaft. Er hätte genauso gut mit einem Geist den Raum teilen können, und selbst in diesem wäre mehr Leben gewesen. Irgendwann hatte er den Versuch aufgegeben, ein Gespräch mit ihr zu führen. Wenn sie überhaupt irgendetwas wusste über das Ziel ihrer Reise und die Pläne, die ihr Herr mit ihm hatte, dann hüllte sie sich darüber in Schweigen.


    Irgendwann öffnete sich die Tür und ein Mann trat ein. Dem Aussehen nach gehörte er jenen Söldnern an, die den blonden Weltenwanderer hierher verschleppt hatten. Er beorderte die Hekatari mit einem neuen Befehl des Kapitäns ab und nahm ihren Platz ein. Margil nahm seine Anwesenheit zur Kenntnis und kehrte zu seiner Meditation zurück.


    Nach kurzer Zeit hörte er die schweren, langsamen Schritte des Menschen den kleinen Raum durchmessen. Dass er schliesslich direkt vor ihm stehen bliebe, bemerkte Margil vor allem an seinem Geruch. Dann hörte er das Klicken einer Pistole. Schrecken durchfuhr den Weltenwanderer und er musste den Reflex unterdrücken, aufzuspringen und sich auf den Menschen zu stürzen.


    »Glaubst du, dein Herr würde es gutheissen, wenn du das tust?« fragte er, ohne aufzublicken.


    »Du hast mich angegriffen, Xenos«, entgegnete der Söldner. Sein gehässiges Grinsen war in seinem Tonfall zu hören. »Du wolltest entkommen. Ich musste mich wehren.«


    »Gegen einen Unbewaffneten? Dein Herr und sein Freund haben Pläne, für die sie mich lebend brauchen. Gleich aus welchem Grund du mich auch tötest, sie werden ungehalten sein.« Der Eldar hatte den Kopf gehoben und sah den Mann mit seinen durchdringenden, graublauen Augen scharf an. Der Söldner wurde unsicher, wusste jedoch nicht, ob es wegen der Worte oder wegen des stechenden Blicks des Xenos war. Der Alien war schlauer, als er erwartet hatte. Der Kapitän war im Zorn unnachgiebig und sein Freund war ein Inquisitor, denen man alles nachsagte. Sich einen Spass daraus zu machen, dem Eldar Angst einzujagen, war gründlich danebengegangen. Langsam liess er die Pistole sinken und trat einen Schritt zurück.


    »Bleib da sitzen und rühr dich nicht von der Stelle, Xenos«, sagte er, während er Position an der Tür bezog, sich gegen die Wand lehnte und den Eldar nicht aus den Augen liess.


    Margil versuchte, seine wirbelnden Gedanken in zielführende Bahnen zu lenken. Wenn der QuasKarun wirklich hier war, warum hatte er ihn noch nicht herausgeholt? Oder Firondhir? Er musste doch bei ihm sein. War es zu einem Kampf gekommen, der zuungunsten seiner Freunde ausgegangen war? Die Vorstellung liess ihn erschauern. Gleichwohl, Miermen war kein Mensch, der ohne Verstand Streit suchte. Und jene, die ihn hier festhielten, waren von seiner Art, einer sogar von seiner Berufung. Er würde einen einvernehmlichen Weg suchen. Doch das würde seine Zeit brauchen.


    Hier in den Tiefen des Schiffes war Margil von allem abgeschnitten, was ausserhalb seiner Zelle geschah. Die Ungewissheit war erdrückend. Er konnte das Warten nicht länger aushalten, irgendetwas musste er tun. Und das erste musste sein, seinen Bewacher auszuschalten. Solange die Drukhari hier gewesen war, hätte er nichts ausrichten können, sie wäre ihm, unbewaffnet wie er war, im Kampf überlegen gewesen. Mit dem Chem-Pan-Sey mochte das anders aussehen.


    Langsam, ohne hastige Bewegungen, erhob er sich und ging zu dem Tisch hinüber, auf dem immer noch das Essen stand. Während er mit langsamen Schritten durch den Raum wanderte, Mass er jedes einzelne Möbelstück und die Abstände zwischen ihnen ab.


    »Sitzenbleiben hab‘ ich gesagt!« fuhr sein Bewacher ihn an. In seiner Stimme schwang leichte Unsicherheit mit. Margil lächelte verhalten. Sein Auftreten dem Mann gegenüber schien einen nachhaltigen Effekt gehabt zu haben.


    Der Weltenwanderer reagierte nicht auf den Söldner. Als wäre der Mann nicht da, blieb er vor dem Tisch stehen, besah sich in aller Ruhe die Auswahl und nahm dann einige goldbraun gebackene Teigbällchen aus einer Schüssel.


    »Na gut«, hörte er den Chem-Pan-Sey sagen. »Nimm dir was, aber setz dich wieder da hin.« Er deutete mit der Pistole auf das Bett.


    Margil wandte sich wortlos ab und kehrte zu seinem Platz zurück. Doch diesmal ging er an der anderen Seite der Stahlplatte vorbei. Für einen Augenblick verschwand er dahinter aus dem Blickfeld seines Bewachers – und tauchte nicht wieder auf. Der Mann stutze, wartete noch einen Moment. Dann nahm er die Pistole in Anschlag und schritt zu der Platte hinüber.


    »Was soll das Versteckspiel, Xenos«, grollte er genervt, während er mit vorgehaltener Waffe um die Platte herumtrat. Doch der Eldar war nicht da. Verdutzt starrte der Mann auf die Leere im Schatten hinter der Platte. Wie konnte das sein? Er hatte den Xenos keinen Moment aus den Augen gelassen. Er war nicht hinter der Stellwand hervorgekommen, er musste hier sein. Er trat mit dem Fuss in den Bereich – nichts. Hektisch wanderte sein Blick durch den Raum. Der Eldar war weg.


    In dem Moment, in dem er hinter der Stahlplatte aus dem Sichtfeld seines Bewachers war, liess Margil sich zu Boden fallen. Innerhalb eines Wimpernschlag nahm sein Mantel die schmutzig-weisse Farbe des Bodens an. Er hatte keine Sekunde zu verlieren und schlich tief geduckt wie eine Katze in den Schatten unter der Pritsche. Der Chem-Pan-Sey war gänzlich damit befasst, die Stelle zu untersuchen, an der er den Weltenwanderer vermutete.


    Margil verharrte regungslos, als der Mann sich suchend umsah. Dann, durch welchen Gedanken auch immer geleitet, wirbelte der Söldner um die Platte herum, als rechnete er damit, dass der Eldar sich auf der anderen Seite befand. Der Weltenwanderer nutzte die Gelegenheit, spurtete zurück und lehnte sich an die Trennwand. Sein Mantel wurde ebenfalls Stahlgrau. Konzentriert wartete er auf den richtigen Moment.


    Der Söldner hatte seinen Irrtum offenbar erkannt, denn er kam zurück. Diesmal ignorierte er die Stahlplatte und wandte sich der Pritsche zu, schlug die Decken zurück, gleichwohl sie völlig flach darauf lagen, hob, immer noch die Pistole vor sich, die Liegefläche an. Doch auch hier fand er nichts. Langsam geriet der Mann in Panik. Der Eldar konnte sich doch nicht einfach in Luft aufgelöst haben. Er dreht sich wieder der Mitte des Raums zu.


    Zielsicher als wären es seine Wurfklingen schleuderte Margil die Teigbälle in das Gesicht des Mannes. Die weiche Kruste platze auf und verteilte eine klebrige, orangefarbene Füllung in seinen Augen.


    Der Mann schrie überrascht und verärgert auf und versuchte, sich die Paste aus den Augen zu reiben. Doch schon war Margil bei ihm, warf sich ihm in den Rücken und schlang die Arme um seine Hals.


    Der Söldner, obwohl er nichts sehen konnte, wehrte sich aus Leibeskräften und gab einige willkürliche Schüsse mit seiner Pistole ab. Doch die Geschosse schlugen nur weitab jeden Ziels in Wände und Decke ein. Margil griff seinen Arm, wand ihm die Waffe aus der Hand und schleuderte sie in die entfernteste Ecke des Zimmers.


    Um ihn zu entwaffnen, hatte der Eldar den Griff um seinen Hals lockern müssen. Der Söldner nutzte das aus und wand sich ein Stück frei, nur so weit, dass er dem Xenos seinen Ellenbogen in den Leib rammen konnte. Keuchen liess sein Gegner ihn los und taumelte einige Schritte zurück. Immer noch halb blind tastete der Mann nach seinem Kampfmesser.


    Nach Atem ringend sprang Margil zur Seite. Seine Rippen schmerzten von dem harten Schlag. Doch noch war er im Vorteil, solange sein Gegner ihn nicht sehen konnte. Und dabei sollte es bleiben. Erneut griff der Weltenwanderer an, noch eher der Mann sein Messer ziehen konnte. Der Söldner wehrte sich mit Griffen und Schlägen. Ein wildes Handgemenge entbrannte zwischen dem Aeldari und dem Menschen, bei dem einer den anderen niederzuringen versuchte. Was der Söldner dem Weltenwanderer an Körperkraft voraus hatte, gleich dieser mit Geschicklichkeit aus. Doch auf die Dauer würde er nicht standhalten können. Der Mann hatte den Eldar beim Arm zu fassen bekommen, wirbelte ihn herum und versetzte ihm einen schweren Tritt in den Rücken, der seinen Gegner hat zu Boden schleuderte. Im nächsten Moment würde er sich vollem Gewicht auf ihm werfen.


    Unter Schmerzen rollte Margil sich auf den Rücken und sprang dem Chem-Pan-Sey entgegen. Im gleichen Moment drehte er sich zur Seite und wand sich dabei aus seinem Mantel heraus. Der Söldner verfehlte ihn und landete auf den Knien, den weiten, schwarzen Weltenläufermantel über dem Kopf. Fluchend wedelte er mit den Armen und kämpfte darum, sich aus den Stoffbahnen zu befreien. Der Weltenwanderer sprang hinzu und zog an einem Ärmel, so dass der Mensch sich noch weiter verhedderte. Zwei, drei Mal musste er dieses Spiel wiederholen, dann wand der Mann sich hilflos fluchend und wimmernd in dem schwarzen Stoff. Margil packte ihn am Kragen und stiess seinen Kopf auf den Boden, bis er still lag.


    Dann liess er sich, den Rücken an die Stahlplatte gelehnt, niedersinken und holte tief Luft. Die Kühle des Metalls tat seinen schmerzenden Wirbeln gut. Sein Blick fiel auf das Kampfmesser am Oberschenkel des Bewusstlosen. Der blonde Weltenwanderer beugte sich vor, zog es heraus und betrachtete die breite, einschneidige Klinge.



    Firondhir folgte der Drukhari tiefer ins Innere des Schiffs. So gut wie möglich versuchte er sich den Rückweg zu merken, musst sich aber eingestehen, dass er nicht Margils vorzügliches Wegegedächtnis hatte. Je weiter sie kamen, desto düsterer wurden die Korridore. Das kalte, saubere Weiss wich mehr und mehr einem schmutzigen, rötlichen Braun. Die Schatten wurden tiefer, wodurch er sich wieder etwas freier bewegen konnte. Die andauernde Achtsamkeit in den hell ausgeleuchteten Gängen hatte ihn sehr angestrengt.


    Vor einer grossen, ölfleckigen Tür hielt die Hekatari inne. Sie bediente ein Paneel und sprach etwas hinein. Einige Augenblicke später fuhr die Türe quietschend und knarren auf. Dieses Spiel wiederholte sich noch ein halbes Dutzend Mal, bis sie schliesslich einen langen, trübe ausgeleuchteten Korridor entlanggingen. Einige Minuten verstrichen noch, bis sie ihr Ziel erreicht hatte. Die Drukhari-Frau blieb vor einer der zahllosen Türen stehen.


    Nun war der Zeitpunkt gekommen, zu handeln. Von hinten pirschte Firondhir sich an die Hekatari heran. In einer einzigen Bewegung schlang er seinen linken Arm um ihre Brust, zog mit der rechten die Ritualklinge aus ihrer Beinschiene und hielt ihr die Schneide an den Bauch.


    »Das gehört nicht dir, Drukhari«, zischte er.


    Doch völlig unbeeindruckt entwand sie sich seinem Griff wie eine Schlange, sprang einen Schritt zurück und zog ihre eigene Klinge.


    »Und du kannst damit nicht umgehen, IstuKarun«, entgegnete sie seltsam tonlos und nahm eine Angriffshaltung ein, die an eine drohende Spinne erinnerte.


    »Wir werden sehen.« Der Weltenwanderer hielt das Kurzschwert mit ausgestrecktem Arm vor sich, um sie auf Abstand zu halten. Dass seine bescheidenen Kampfkünste denen einer Hekatari nicht gewachsen waren, war ihm völlig bewusst. »Hilf mir meinen Freund zu befreien und wir helfen dir, von hier wegzukommen.«


    Einen Moment lang sah die Frau ihn an, als hätte sie nicht verstanden, wovon er sprach. Dann schnellte sie mit einem grazilen Sprung zum Angriff vor. Firondhir setzte zwei Schritte zurück und wehrte ihre raschen Schläge mit der Ritualklinge ab. Sie drängte ihn immer weiter in Richtung der gegenüberliegenden Wand und liess ihm keine Gelegenheit, zurückzuschlagen.


    Firondhir stiess mit dem Rücken gegen die Wand. Die Überlegenheit der Hekatari war noch grösser, als er gefürchtet hatte. Sie war eine Meisterin ihrer Kunst, gegen die selbst Margil nicht ankommen würde. Der Weltenwanderer liess das Schwert sinken, als hätte er aufgegeben. Die Hekatari holte zum letzten Schlag aus. Doch die Klinge traf nur funkenschlagend die Wand. Der Asuryani war darunter hinweggetaucht, hatte sich zur Seite gerollt und war einige Längen den Gang hinuntergeeilt.


    Firondhir wirbelte herum, ging auf ein Knie nieder und zog in der gleichen Bewegung seine Shurikenpistole. Die Drukhari eilte auf ihn zu. Die Waffe mit beiden Händen haltend, legte er an, fokussierte seinen Blick und schoss.


    Die Hekatari strauchelte und ging zu Boden. Sofort war Firondhir über ihr und drückte sie, seine Knie auf ihren Armen, auf den schmutzigen Laufgang. Die Frau stiess wüste Beschimpfungen aus. Der Weltenwanderer entwand ihr ihre Klinge und die anderen Waffen. Dann löste er ein Stück Seil von seinem Gürtel ab und band ihr die Hände auf dem Rücken fest. Schliesslich zog er sie auf die Füsse. Mit einem zischenden Schmerzlaut setzte sie ihr linkes Bein auf. Dreimal hatte der Firondhir abgedrückt. Eine der hauchdünnen Klingenscheiben war in ihrem Beinpanzer stecken geblieben, zwei hatte ihn durchschlagen und tief in ihren Oberschenkel geschnitten.


    »Du bist kein würdiger Gegner, Asuryani«, zischte sie den Weltenwanderer an.


    »War dieser Chem-Pan-Sey ein würdiger Gegner?« gab der zurück. »Du hast es selbst gesagt. Ich bin ein IstuKarun, ich kann mit Klingen nicht umgehen. Mit der Shurikenpistole dafür umso mehr. Sei dankbar dafür, sonst wärest du jetzt tot.«


    Einen Moment lang schienen ihre roten Augen aufzuflackern. »Das bin ich schon eine lange Zeit«, wisperte sie so leise, als käme ihre Stimme aus weiter Ferne, so dass selbst Firondhir sie kaum hören konnte. Er wollte sie fragen, was sie damit meinte, doch das Flackern war schon wieder verschwunden und sie war so teilnahmslos wie zuvor.


    Der Weltenwanderer schob die Drukhari vor die Zellentür, löste eine Hand aus der Schlinge an ihrer Taille, hielt sie aber mit eisernem Griff fest.


    »Und jetzt lass meinen Freund raus.«


    Sie funkelte ihn boshaft an, folgte seiner Anweisung aber nicht. Firondhir setzte ihr die Pistole in den Nacken.


    »Ein einzelner Shuriken tötet dich nicht sofort. Er bohrt sich in dein Hirn. Vielleicht lähmt er dich, vielleicht blendet er dich, vielleicht öffnet er eine Ader und lässt dich langsam verbluten. Vielleicht alles zusammen. Jedenfalls wirst du noch genug Zeit haben, die Tür zu öffnen, bevor ich dich erlöse. Oder du tust es gleich und ersparst dir das.«


    Sie zögerte, als rangen zwei Impulse in ihr, doch nur wenige Augenblicke. Dann gewann ihr Selbsterhaltungstrieb über ihren unbedingten Gehorsam. Sie betätigte den Taster der Sprechanlage und befahl, die Tür zu öffnen.



    Laenryl betrat den hell erleuchteten Raum. Der Gefangene lag, in seinen schwarzen Mantel gehüllt, auf der Pritsche an der gegenüberliegenden Wand und hatte ihnen den Rücken zugewandt. Sie dreht sich halb um, um sich nach dem Wächter umzusehen und ihm die Ablösung kundzutun. Sie hatte in Betracht gezogen, den Mann vor dem IstuKarun zu warnen, erwog es schliesslich aber als sinnlos. Die träge Reaktion des Menschen war den Reflexen eines jeden Aeldari unterlegen. Der Asuryani würde ihn überwältigt oder niedergeschossen haben, bevor der Söldner irgendetwas hätte ausrichten können.


    Wie aus dem Nichts blitzte eine stählerne Klinge vor Laenryl auf und fuhr auf sie zu. Sie sprang einen Schritt zurück, wollte instinktiv nach ihren Waffen greifen, beachtete dabei aber nicht, dass ihre Hände nun beide wieder am Rücken festgebunden war, und verlor stolpernd das Gleichgewicht. Ihr verletztes Bein gab nach. Im selben Augenblick trat ein Schatten dazwischen und eine schwarze Hand fing jene, die die Klinge führt ab.


    »Nimm diese hier, sie steht dir besser an«, sagte Firondhir lächelnd, und reichte mit der linken Margil die Ritualklinge, während seine Rechten dessen Handgelenkt umschlossen hielt.


    Der blonde Weltenwanderer war wie erstarrt. Eine gefühlte Ewigkeit schienen die beiden Aeldari sich nicht zu bewegen. Dann, anstatt sein eigenes Schwert entgegenzunehmen, liess Margil das Kampfmesser fallen und fiel Firondhir um den Hals.


    »Ich glaubte, ich würde keinen von euch je wiedersehen«, flüsterte er mit erstickter Stimme.


    Firondhir war ausgesprochen überrascht über Margils Gefühlsausbruch. Er erwiderte seine Umarmung, raunte jedoch: »Nicht vor der Drukhari.«


    Margil lachte schwach als er seinen Freund losliess und seine Ritualklinge an sich nahm.


    »Da wir davon sprechen…« Firondhir sah sich nach Laenryl um. Mit zusammengebissenen Zähnen schob sie sich über den Boden in dem Versuch, das Kampfmesser zu reichen. Der Weltenwanderer stiess es mit dem Fuss in die andere Ecke des Raumes, so dass es in dem Loch im Boden verschwand. Dann zog er die Hekatari hoch und stiess sie auf einen der Stühle.


    »Wie geht es nun weiter?« fragte Margil.


    »Ein fremdes Schiff ist erschienen«, antwortete Firondhir, während er die Drukhari festhielt. »Ebenfalls Inquisition. Mehr weiss ich nicht. Miermen ist mit den anderen Cresistauead auf der Brücke. Aber was auch geschieht, wir sind sicherer, wenn wir uns frei bewegen können.«


    »Was wird aus ihr?« Der blonde Weltenwanderer deutete auf Laenryl.


    »Sag du es mir. Sie ist mir ein Rätsel.« Firondhir wandte sich wieder der Frau zu. »Wie ist dein Name?«


    Sie sah ihn verständnislos an.


    »Lass es mich versuchen«, wandte Margil ein. »Wie ruft dein Herr dich?«


    »Laenryl. Das weisst du doch. Mein Herr hat mich in deiner Anwesenheit so genannt«, antwortet sie.


    Firondhir schüttelte den Kopf. »Ich habe ihr angeboten, sie von hier fortzubringen. Sie schien nicht einmal zu verstehe, was ich damit meinte. Ist dir je eine solche Drukhari begegnet?«


    »Was auch immer sie ist oder einmal war, eine Drukhari ist sie nicht mehr«, sagte Margil mit einer Spur des Bedauerns. »Das Beste wird sein, sie hier zurückzulassen. Irgendwann wird man sie finde. Verhungern wird sie jedenfalls nicht.«


    In diesem Moment heulte ein schriller Alarmton durch die Gänge des Schiffs, der die Aeldari sich die Ohren zuhalten liess. Die spärliche Beleuchtung des Korridors wechselte in ein rhythmisch flackerndes Rot.


    »Was hat das zu bedeuten?« entfuhr es Firondhir.


    »Gefechtsalarm!« rief Laenryl aus.


    Mehrere Dutzende dumpfer Erschütterungen liessen den Rumpf erbeben, keine Einschläge auf der Hülle, dafür waren sie zu schwach, doch hatten sich draussen im Raum zweifellos Explosionen ereignet.


    Die Drukhari sprang vom Stuhl auf. »Ich muss zu meinem Herrn, er wird meinen Schutz brauchen!«


    Margil und Firondhir sahen sich an. Sie dachten das gleiche. Das fremde Schiff hatte sich als feindlich herausgestellt. Sie mussten Konstantijn finden und so schnell wie möglich von hier verschwinden, solange noch die Zeit dazu war.


    »Unser Freund ist dort, wo dein Herr ist«, sagte Firondhir, wohl wissend, dass er sich dessen nicht vollkommen sicher sein konnte. »Wir lassen dich gehen, wenn du uns zu ihnen führst.«


    »Wir sind nicht drauf aus, deinem Herrn zu schaden«, setzte Margil hinzu. »Wir wollen nur fort von hier.«


    Laenryl schien mit sich selbst zu ringen. »Du bist Eigentum meines Herrn«, sagte sie an den blonden Weltenwanderer gerichtet. »Ohne seinen Befehl darf ich dich nicht gehen lassen.«


    »Ich bin niemandes Eigentum«, entgegnete Margil erregt. »Keiner von uns gehört einem anderen als sich selbst. Genauso wenig wie du, Laenryl.«

    Bei diesen Worten schienen ihre Augen erneut kurz aufzuflackern.


    »Wir werden gehen und dich hier zurücklassen. Den Weg hinaus finden wir auch ohne dich. Wir sind IstuKarun, wir brauchen keine Türen. Dann wirst du deinem Herrn nicht helfen können«, fuhr Firondhir fort. »Oder du kommst mit und hilfst uns und damit ihm. Es ist deine Entscheidung. Triff sie rasch.«


    Laenryl schaute von einem zum anderen. Ihre ausdruckslose Miene war Gefühlsregungen gewichen: Verwirrung, Unsicherheit. Zum ersten Mal seit scheinbar unendlicher langer Zeit wusste sie nicht, was sie tun sollte. Das letzte Mal, dass sie selbst über eine Handlung entscheiden musste, ohne Befehl ihres Herrn, schien endlos weit entfernt, wie in einem anderen Leben. Um Emanuel beizustehen, musste sie gegen seine Anweisung handeln und den Asuryani zur Flucht verhelfen. Doch das Wohl ihres Meisters stand für sie über allem.


    »Wir tun, was du vorgeschlagen hast, IstuKarun«, sagte sie zu Firondhir.


    »Du zeigst Vernunft«, antwortete dieser mit einer Geste des Wohlwollens, nicht sicher, ob sie diese verstand. »Lass mich dein Bein sehen.« Er steckte die Hand nach ihr aus.


    »Was beabsichtigst du?« fauchte die Drukhari.


    Beschwichtigend hob der Weltenwanderer die Hände, griff in eine seiner Taschen und zog eine flache, runde Dose hervor. Er drehte den Deckel ab. Die blassgrüne Paste darin verströmte einen erfrischenden, leicht süsslichen Duft. »Eine Salbe für leichte Verletzungen. Sie stopp Blutungen, verschliesst Wunden und lindert Schmerzen. Du wirst dein Bein gebrauchen können müssen.«


    »Dann trage ich sie selber auf.«


    »Wie du wünscht. Aber beeil dich.« Er reichte Laenryl das Gefäss und wandte sich Margil zu. Der war derweil zu der Pritsche hinübergetreten, um seinen Mantel wieder an sich zu nehmen.


    Der Söldner war immer noch bewusstlos. Über sein Gesicht war geronnenes Blut von einer Platzwunde an der der Stirn verteilt. Firondhir legte die Finger an seine Schläfe, und stellte fest, dass er noch lebte.


    »Wir lassen ihn hier. In seinem Zustand dürfte er hier sicherer sein als anderswo. Wenn sein Gott ihm gewogen ist, bekommt er rechtzeitig Hilfe. Aber was hast du mit seinen Augen gemacht?«


    Margil grinste, während er den Mantel überzog. »Sillcheridin-Konfitüre.«


    Beinahe hätte Firondhir lachen müssen.


    Derweil hatte Laenryl die Schnitte an ihrem Oberschenkel versorgt.


    »Ich bin bereit«, sagte sie und reichte dem Weltenwanderer die Dose.


    »Dann lasst uns gehen«, antwortete Firondhir.


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    1 iaer = suchend; ainiluin = wartend

    2 Todesfeen

    3 Rächer Asuryans

    4 Skorpionkrieger

  • X


    Argomeus überwachte pflichtbewusst die Systeme und Sensoren der Gebirgsvagabund. Wie üblich hatte er das Kommando über den Zerstörer übernommen, während Anton sich auf dem Ausseneinsatz befand. Eigentlich hatte die Ruheschicht bereits begonnen, während derer nur ein Minimum an Personal Dienst verrichtete. Obwohl es im Weltraum weder Tag noch Nacht gab, nutze die Imperiale Marine das terranische 24-Stunden-System, das auf der relativen Position der Thronwelt zum Stern des Sol-Systems basierte. Auf der Gebirgsvagabund waren zwei Schichten von jeweils zwölf Stunden Standard.


    Das Auftauchen des gewaltigen schwarzen Schlachtschiffes hatte Argomeus äusserst Misstrauisch gemacht. Zwar handelte es sich um ein Schiff der Inquisition, was es im Grunde zu einem Verbündeten machte, doch die drohende Forderung, Anton solle sich ergeben, liess den Lexmechanic höchste Vorsicht walten. Lieber überwachte er die Situation selbst. Bis auf das penetrante Wiederholen der anmassenden Forderung hatte sich bisher aber noch keine weitere Aktion gezeigt.


    Urplötzlich schien die Auger-Anlage völlig durchzudrehen. Rund um das mysteriöse Schlachtschiff wurden Energiesignaturen registriert. Argomeus‘ künstlich verbesserter Verstand hatte die Lage sofort analysiert. Eine Unzahl Enterschiffe, gedeckt von mehreren Jägerformationen, waren aus den mächtigen Hangars des Schlachtschiffes gestartet. Einen offenen, direkten Angriff hatte er trotz allem nicht erwartet.


    »Gefechtsstation. Oberon-Schlachtschiff als Feind identifiziert«, befahl er mit routinierter Besonnenheit. Sein Zerstörer war dem Feind völlig unterlegen, aber der Verstand eines Adepten des Mechanicum hatte keinen Platz für Angst oder Zweifel. Sofort ertönte der ohrenbetäubende Gefechtsalarm. Die Brücke wurde in gedämpftes, rotes Licht getaucht.


    Argomeus war bereits dabei, sich in die Schiffssysteme einzuklinken, als er feststellen musste, dass sich die Lanzenbatterien des Grosskampfschiffs direkt auf die Gebirgsvagabund ausrichteten. Auch wenn die Synchronisierung noch nicht abgeschlossen war, sandte er sofort den Befehl für ein Ausweichmanöver durch das Mensch-Maschinen-Interface. Mit seinen Fähigkeiten konnte er Befehle deutlich schneller übermitteln, als es ein vollkommen fleischlicher Kapitän je hätte tun können.


    Die mächtigen Antriebe gingen sofort auf vollen Seitwärts-Schub. Mit einem gewaltigen Ruck bewegte sich der Zerstörer zur Seite. Das Notmanöver würde zu einigen Verlusten führen, wenn die Besatzung ohne Vorwarnung durch die Korridore des Schiffs geschleudert wurde. Verluste, die Argomeus akzeptieren musste. Geschwindigkeit war im Kampf gegen ein solch überlegenes Schiff alles, was die Gebirgsvagabund vor der sicheren Zerstörung retten konnte.


    Trotzdem reichte es nicht, den mächtigen Lichtblitzen der Laserlanzen gänzlich auszuweichen. Eine schwere Erschütterung warf Argomeus fast zu Boden, als die Energieladung die Aussenhülle des Zerstörers streifte.




    Der schrille Ton des Gefechtsalarms riss Inès Yupanqui aus dem ohnehin leichten Schlaf, zu dem sie sich auf der einfachen Liege in ihrem Bereitschaftsraum unterhalb der Brücke hingelegt hatte. Wie automatisiert schlüpfte sie in ihre Stiefel, warf sich die Schwarze Kapitänsjacke über und griff nach ihren Offizierssäbel.


    »Bericht!« orderte sie, während sie, noch den Gürtel schliessend, die schmale Wendeltreppe in der Ecke der weitläufigen Brücke heraufkam.


    »Das Schlachtschiff hat den Angriff eingeleitet«, antwortete der diensthabende Offizier der Raumüberwachung. »Zwei Schwärme Enterschiffe mit Geleitschutz nähern sich dem Freihändler. Der Zerstörer des Ordo Xenos steht unter Beschuss.«


    Inès warf sich in den Kommandothron und verband sich mit den Schiffsystemen. Ohne dass sie einen wörtlichen Befehl geben musste, erschien das Bild auf den kirchenfensterhohen Sichtschirmen. Die Gebirgsvagabund war im Begriff, ein Ausweichmanöver durchzuführen. Ein Streifschuss der Laserlanzen des Schlachtschiffs brannte eine tiefe Narbe in ihre Flanke.


    »Was zum Goldenen Thron ist in die gefahren?« fluchte sie. »Welcher Irrsinnige geht gegen seine eigenen Leute vor? Kanal öffnen!«


    Der Funkoffizier gehorchte.


    »Inquisitionsschlachtschiff. Es spricht Kapitän Inès Sisa Yupanqui vom Inquisitionskreuzer Orestes. Sie greifen verbündete Schiffe an. Stellen sie den Angriff ein, sonst sehen wir uns gezwungen, einzugreifen.«


    Statt einer Antwort drang aus dem Voxcaster nur statisches Rauschen.


    »Ich fürchte, von einem Kreuzer lassen sie sich nicht einschüchtern, Kapitän«, wandte der Funkoffizier ein.


    Yupanqui antwortete scharf: »Die wären nicht die ersten, die eine Armatus-Klasse unterschätzen. Voller Schub. Sind die Torpedorohre bestückt?«


    »Aye«, kam die Antwort des Armierungsoffiziers. »Lenktorpedos abschussbereit.«


    »Steuermann, bringen Sie uns in Reichweite!«




    »Deflektorschilde: Offline. Aussenhülle: Beschädigt. Rumpfintegrität: 94%«, erklang die automatisierte Statusmeldung der halbautonomen Schiffssysteme.


    Die Synchronisation war zu etwa 53% abgeschlossen. Bald würde es Argomeus nicht mehr möglich sein, mit dem Rest der Crew zu kommunizieren, doch musste er schnell handeln. Er konnte nicht darauf warten, bis die Mannschaft Gefechtsbereitschaft meldete. Die letzten Übungen hatten eine mögliche Bereitschaft in 5,39 Minuten ergeben – eine gute Zeit, wie Argomeus wusste, aber nicht gut genug, um allein im Nahkampf gegen ein Schlachtschiff zu bestehen. Trotzdem hatte er volles Vertrauen in die Offiziere und Matrosen, die alle schon jahrelang auf der Gebirgsvagabund dienten und erfahrene Schiffsleute waren. Der zweite Offizier würde alle notwendigen Schritte unternehmen, sobald die Crew bereit war, das Schiff vollumfänglich zu übernehmen. Argomeus betete zum Omnissiah, dass seine technischen Schaltkreise so lange durchhielten.


    Er senkte die Nase des Schiffs stark nach unten und lenkte den Schub auf den Hauptantrieb um. Sein Ziel waren die Auger-Systeme seines Gegners. Mit etwas Glück konnte ein Torpedo genug Schaden anrichten, um die schweren Langstreckenwaffen des Schlachtschiffes erblinden zu lassen.


    Ehe der Feind eine weitere Salve der vernichtenden Laserlanzen abfeuern konnte, war die Gebirgsvagabund unter das Schlachtschiff abgetaucht. Doch Argomeus zahlte für dieses Manöver einen hohen Preis. Die Gebirgsvagabund musste sämtliche Breitseiten-Waffenbatterien des Schlachtschiffs passieren und war für einen kurzen Moment vollstädnig dem Beschuss der gewaltigen Kanonenstellungen ausgeliefert. Die Deflektorschilde hatten sich bereits wieder aufgeladen und konnten mehrere Kanonaden abwehren, doch dann brachen sie unter der Last des massiven Nahbereich-Abwehrfeuers erneut zusammen. Mehrere grosskalibrige Geschosse schlugen in der Panzerung ein, verursachten aber nur unbedeutende Schäden.




    Inès beobachtete das waghalsige Ausweichmanöver der Gebirgsvagabund. Schnelligkeit und Wendigkeit waren die grösste Stärke der Kobra-Klasse – und ihre einzige Lebensversicherung. Dem Abwehrfeuer eines Schlachtschiffes waren weder ihre Schilde noch ihre Panzerung gewachsen. Und sie selbst musste sich vorsehen, denn auch die Orestes hatte nur unwesentlich mehr zu bieten.


    »Position der Entergeschwader«, befahl sie. Augenblicklich wechselte die Bildschirmansicht. Die Enterschiffe waren ausser Reichweite und zu schnell, um sie noch einzuholen. Der Freihändler würde sich selbst um sie kümmern müssen. Sie mussten dafür sorgen, das Schlachtschiff wenigstens kampfunfähig zu machen.




    Der Lexmechanic spürte, wie sich seine Körpertemperatur stark erhöhte. Seine Schaltkreise liefen Gefahr, zu überhitzen, waren sie doch niemals dafür vorgesehen, alleine ein ganzes Schiff zu steuern. Argomeus‘ interner Temperaturgeber gab schon einen Wert von 63°C an. Bei etwa 80°C würde sein Körper massive, dauerhafte Schäden davontragen.


    Ohne Rücksicht auf die eigene Sicherheit, erhöhte er den Schub und tauchte mit voller Geschwindigkeit unter das Schlachtschiff ab. Dann bremste er ruckartig ab und aktivierte wieder den Seitenschub. Der Zerstörer drehte sich in einer unberechenbaren Gleitbewegung. Sobald die Nase wieder gegen das Schlachtschiff zeigte, bremste er mit Gegenschub ab. Die Gebirgsvagabund stand fest senkrecht unterhalb des Schlachtschiffes. Seinen Berechnungen zufolge müsste die Crew in etwa 7,22 Sekunden Gefechtsbereit sein.


    Torpedos waren die effektivste Waffe der Cobra-Klasse. Doch der Lexmechanic konnte sie nicht vom Schiffssystem aus steuern, sie mussten manuell geladen werden. Befriedigt stellte er fest, dass der Zweite Offizier bereits 2,98 Sekunden später Bereitschaft meldete. Er richtete den mit den Torpedorohren versehenen Bug gegen die mächtigen Sensorphalangen am Rumpf des feindlichen Schiffes aus. Die Besatzung reagierte so, wie Argomeus es erwartet hatte: Mit einer kleinen, kaum spürbaren Erschütterung starteten die Torpedos. Eine volle Salve wurde direkt auf das gegnerische Schiff abgefeuert. Sie würden ihre vernichtende Ladung ins Ziel führen und mit Glück und Hilfe des Imperators dem Gegner einen wesentlichen Teil einer Orientierungsfähigkeit nehmen.




    »Der Zerstörer hat eine Torpedosalve abgefeuert. Sie zielt auf die Sensorphalangen«, vermeldete die Raumüberwachung.


    »Eine clevere Strategie«, sagte Yupanqui anerkennend. »Zeit bis Torpedoreichweite?«


    »134 Sekunden.«


    »Torpedoleitschützen in Bereitschaft.«




    Argomeus wendete die Gebirgsvagabund erneut ab, um Distanz zum Schlachtschiff zu schaffen. Die Crew würde einen Moment brauchen, ehe die nächste Torpedosalve abschussbereit war. Dann geschah das unvermeidliche: Trotz der hohen Geschwindigkeit lag der Zerstörer aufgrund der Trägheit im luftleeren Raum für einen kurzen Moment genau parallel zum feindlichen Schiff. Die mächtigen Artilleriegranaten trafen mit voller Härte. Die Schilde waren in kurzer Zeit überlastet und die explosiven Geschosse hämmerten auf die Aussenhülle. Die Panzerplatten wurden von der Wucht der schweren Projektile förmlich zerfetzt.


    »Deflektorschilde: Offline. Aussenhülle: Beschädigt. Rumpfintegrität: 81%«, erklang die mechanische Stimme. Das Schiff war noch voll einsatzfähig, aber die nächste Salve würde die inneren Systeme treffen. Das Eskortschiff war in keiner Weise dafür ausgelegt, dem Beschuss eines Schlachtschiffs standzuhalten.


    Im selben Moment schlugen die Torpedos ein. Mehrere wurden von der Nahverteidigung in Stücke geschossen, worauf sich die Treibstofffüllung wie ein feuriger Regen wirkungslos in der Leere verteilte. Etwa ein halbes Dutzend durchdrangen jedoch mit stetem Tempo die Schilde des Schlachtschiffs und bohrten sich tief in die Hülle des Rumpfes rund um die Auger-Anlage, bevor sie mit einem nuklearen Lichtblitz detonierten. Ganze Sektionen wurden vernichtet. Riesige Trümmer wurden kraftvoll in das Nichts herausgeschleudert. Ihr eigentliches Ziel hatten sie jedoch verfehlt. Und das Schlachtschiff war zu gross und zu stark gesichert, als dass die Zerstörung selbst ganzer Abteilungen sich auf dessen Kampffähigkeit ausgewirkt hätte. Die einzige Möglichkeit, das Blatt zu seinen Gunsten zu wenden, war, die Sensorsysteme zu zerstören.




    Die Annäherung des Armatus-Kreuzers war indes nicht unbemerkt geblieben. Die Lanzenbatterien des Schlachtschiffes richteten sich auf den neuen Gegner aus. Hell leuchteten die Warnsymbole auf den Sichtschirmen auf.


    »Schema Peregrinus!« befahl Kapitän Yupanqui.


    »Kapitän, Schema Peregrinus ist für Eskortschiffe gedacht«, rief der Steuermann überrascht aus.


    »Wie lange sind Sie schon auf diesem Schiff, Leutnant?« fragte Yupanqui scharf.


    »Drei Monate, Kapitän«, antwortete der Offizier.


    »Wenn Sie die nächsten drei Monate erleben wollen, hinterfragen Sie nicht meine Befehle, sondern führen Sie sie aus.«


    Wortlos gehorchte der junge Mann. In einem steilen Ausweichmanöver zog der Bug der Orestes in die Höhe, so dass die Lasersalven hart unter ihrem Rumpf vorbeiblitzten. In einer weiten, steilen Parabel legte der Kreuzer sich zur Seite und hielt halb von hinten auf das Schlachtschiff zu. Aus der teilweisen Deckung des mächtigen Brückenaufbaus beschrieb das Schiff einen Bogen über das Deck und belegte die dortigen nach vorne ausgerichteten Geschütze mit Feuer aus der seitlichen Waffenbatterie. Am Bug angekommen, schoss die Orestes erneut in die Höhe. Unregelmässiges Abwehrfeuer, das ihnen aus den Deckgeschützen nachfolgte, zeige, dass sie zumindest einen Teil derselben beschädigt hatten. Einige harte Treffer schlugen am Heck ein, doch der Kreuzer war bereits weit genug entfernt, so dass die Schilde standhielten.




    Die Gebirgsvagabund würde nicht ewig dem andauernden Abwehrfeuer standhalten. Argomeus wusste, dass er so schnell wie mögliche einen effektiven Treffer landen musste. Er musste es wagen, das Schiff einen Moment länger stillzuhalten, um präzise zielen zu können.


    Mit einer weiteren Drehung richtete er den Bug der Gebirgsvagabund wieder auf den Feind aus, um eine zweite Torpedosalve abzufeuern. Er prüfte die Sensorsysteme und optischen Instrumente seines Schiffs, um sich einen Überblick zu schaffen. Die Yukikaze hatte inzwischen das Feuer mit ihren mächtigen Plasmawerfern eröffnet. Wie kleine Sonne flogen die hell glühenden Plasmageschosse auf das schwarze Schlachtschiff zu. Im Ziel brannten sie sich tief in den Panzerstahl, der das Schlachtschiff umfasste.




    Verärgert lehnte Inès Yupanqui sich in ihrem Kommandothron zurück. Das Ausweichmanöver hatte sie Zeit gekostet. Zwar waren sie jetzt in Torpedoreichweite, doch musste die Orestes sich in einer weiten Schleife erst wieder gegen das Feindschiff ausrichten, um die Lenkwaffen effektiv abfeuern zu können. Und ihr Verbündeter würde das Abwehrfeuer nicht mehr lange aushalten.




    Der Lexmechanic war kurz davor, die Abschussparameter dahingehend optimiert zu haben, dass die nächste Salve mit Sicherheit mindestens einen Teil der Auger-Anlage vernichtete, als die Schiffsystemen mehrerer mehrere Bombergeschwader auf Angriffskurs meldeten. Mit ihrer Torpedobewaffnung war sie überhaupt nicht für den Kampf gegen Bomber geeignet.


    Sofort startete er ein Ausweichmanöver, um Abstand zu schaffen. Die Bomber durften die Gebirgsvagabund nicht erreichen! Als der Zerstörer mit voller Beschleunigung hart Backbord abdrehte, stellte Argomeus eine Verbindung zum Kreuzer her.


    »Orestes. Bomber im Anflug. Halten Sie mir den Rücken frei.« Der Techadept hatte weder Zeit noch Rechenleistung, dem Protokoll zu folgen. Er hoffte, der Kapitän des Armatus-Kreuzers würde die Situation richtig einschätzen und seiner Aufforderung nachkommen.




    Die Orestes drehte ab und nahm die Verfolgung der Bomberschwadron auf. Die Flugabwehr der Armatus-Klassen beschränkte sich auf eine Handvoll Geschütze an Deck, aber damit war sie immer noch besser ausgestatte als der Kobra-Zerstörer. Doch die Reichweite war mässig. Um die Bomber zur erreichen, lief der Kreuzer Gefahr, selbst in das Feuer der seitlichen Geschütze des Schlachtschiffs zu geraten.


    »Legen Sie eine Parallelkurs zu den Bombern an, aber halten Sie Abstand zum Schlachtschiff.«


    Wenige Augenblick später glitt die Orestes auf einer Linie mit den Kleinschiffen.


    »Volle Breitseite!«


    Die Geschützbatterien deckten das Geschwader mit Feuer ein. Ein grosser Teil der Schüsse ging ins Leere. Doch sie bewegten die Bomber dazu ihren Kurs zu ändern.


    »Feindschiffe gehen auf Abfangkurs«, meldete die Raumüberwachung.


    »Jetzt haben wir ihre Aufmerksamkeit«, lächelte Inès finster. »Voller Schub. Steuermann, Distanz 3500, dann halbe Wendung.«


    Der Leutnant schüttelte kaum merklich mit dem Kopf, führten den Befehl jedoch kommentarlos aus. Die Orestes setzte sich von den Bombern ab. Obwohl diese sofort die Verfolgung aufnahmen, gewann der Kreuzer zunehmend Abstand, dann wendete er und hielt der Schwadron die Seite zugewandt inne.


    »Zwei Torpedos im 10-Sekunden-Abstand los!« befahl Yupanqui.


    »Kapitän, bitte um Bestätigung«, kam die Anfrage des Armierungsoffiziers. »Torpedos gegen Kleinkampfschiffe?«


    »Befehl bestätigt«, antwortete der Kapitän energisch.


    Die Torpedos verliessen die Rohre am Bug des Schiffes und beschrieben eine 180°-Kurve auf die sich nähernde Bomberschwadron zu. Die Kampfschiffe schienen von dem scheinbar sinnlosen Beschuss irritiert zu seine und brachen die Formation zu einem Ausweichmanöver auf.

    »Torpedoleitschützen. Auf mein Zeichen Selbstzerstörung auslösen.«


    Inès zählte innerlich die Sekunden, während sie die Fortbewegung der Torpedos auf dem Sichtschirm beobachtete. «Selbstzerstörung: Jetzt!«


    Direkt vor und hinter den Bombern gingen die Torpedos in zwei gigantischen Feuerbällen auf, die alle in unmittelbarer Nähe befindlichen Schiffe verschluckten. Weiter entfernte schleuderte die Druckwelle der Plasmaentladung gegeneinander. Als das Licht erlosch, war beinahe die Hälft der Kampflieger verschwunden. Mehr als zwei Drittel der Verbliebenen trieben manövrierunfähig im Raum.


    Inès Yupanqui stiess ein missmutiges Seufzen aus. Diese Piloten waren genauso treue Diener des Imperators, wie ihre eigenen Männer. Irgendein wahnsinnige gewordener Kommandant hatte sie gegen ihre eigenen Leute geschickt und ihr aufgebürdet, ihren Tod zu befehlen. Mochte sich der Imperator der Seelen dieser armen Teufel annehmen, sie selbst würde sich um den Verantwortlichen kümmern, wenn sich die Gelegenheit dazu ergab.


    Der Orestes war es mit einem geradezu absurden, aber unzweifelhaft effektiven Manöver gelungen, die anfliegenden Bomber aufzuhalten. Wie ein aufgeschreckter Wespenstaat schwirrten die wenigen verbliebene Starhawks rund um den Kreuzer herum und schossen ihre Krak-Raketen in ihre Hülle. Dank der verbesserten Panzerung und Schilde, über die sie als Inquisitionsschiff im Vergleich zu imperialen Armatus-Kreuzern verfügte, richteten die Geschosse jedoch nur moderaten Schaden an. Die Orestes antwortet mit ihren Deckgeschützen.




    Argomeus nahm erneut Position ein, um zu versuchen, die Auger-Anlage des Schlachtschiffs mit einer Präzisionssalve zu vernichten. Die Mittel- und Nahartillerie des Feindes hämmerte ununterbrochen gegen die Hülle. Mit jeder Sekunde wuchs die Wahrscheinlichkeit, dass sie brechen würde. Als die Systeme endlich Bereitschaft zum Abschuss meldeten, dankte Argomeus dem Omnissiah dafür, dass er ihn nicht verlassen hatte.


    Die zweite Salve Torpedos verliess den Bug der Gebirgsvagabund – mit genausten Daten programmiert, um das Sensorsystem ihres Gegners direkt zu vernichten. Das feindliche Schiff reagierte ob seiner Grösse nur schwerfällig, doch offenbar hatte der gegnerische Kapitän die Gefahr erkannt, die von Argomeus‘ Zerstörer ausging. Das Schlachtschiff erhöhte den Schub und rollte zur Seite. Fast schon lachhaft absurd, drehte sich der über ein Dutzend Kilometer lange Gigant mit ruhigem, gleichmässigem Tempo. Durch die Rolle waren Argomeus und der Kapitän der Orestes wieder im Bereich der Laserlanzen.


    Sofort startete Argomeus ein Ausweichmanöver, um sein Schiff aus dem Feuerbereich zu holen. Gerade als er den Schub erhöhen wollte, traf eine weitere Salve der gegnerischen Nahverteidigung die Gebirgsvagabund.


    »Feuer in Sektionen 32 und 5. Triebwerkleistung fällt aus!«, meldete sich nervös die technische Abteilung über das interne Voxcaster-System.


    Sofort war Argomeus bewusst, dass die Gebirgsvagabund nun wie auf dem Präsentierteller stand. Die momentane Leistung lag noch bei 94%, sank aber immer schneller ab. Zwar wäre es wohl noch möglich, ein weiteres Angriffsmanöver zu fliegen, doch würde dann die Triebwerke mit grosser Wahrscheinlichkeit vollends versagen, wodurch es für das Oberon-Schlachtschiff ein Leichtes werden würde, seine gesamte Feuerkraft auf das kaum mehr manövrierbare Schiff zu richten.




    In einem steilen Anflug, um dem Gegner möglichst wenig Angriffsfläche zu bieten, hielt die Orestes wieder auf das Schlachtschiff zu. Die Buggeschütze der Oberon-Klasse feuerten unablässig. Heftige Treffer liessen den Rumpf erbeben und hallten donnernd in den Korridoren wider.


    »Der Zerstörer ist schwer getroffen«, meldete die Raumüberwachung.


    Yupanqui fluchte.


    »Beidrehen und Feuer aus allen Rohren«, rief sie.


    Der Kreuzer legte sich in einer Scharfe Kurve und jagte längsseits an der Backbordseite des Schlachtschiffes vorbei. Seine Geschosse deckten die Geschützstellungen ihres Widersachers ein. Dieser jedoch antworteten auf gleiche Weise. Ehe die Orestes wieder abdrehen konnte, streifte eine Lanzenschuss ihre Seite. Nur die Geschwindigkeit der Armatus-Klasse bewahrte sie vor schlimmerem Schaden.


    »Statusbericht!« rief der Kapitän. Der Geruch überhitzter Schaltkreise und schmorender Kabel begann sich auf der Brücke auszubreiten.


    »Schwere Schäden an den Backbordbatterien. Einsatzfähigkeit bei 40%.«


    Der Kreuzer ging wieder auf Abstand, um einen neuen Angriffsflug vorzubereiten.




    Es hatte keinen Sinn mehr, so weiterzukämpfen. Ohne Triebwerksschub war der Kobra-Zerstörer so gut wie erledigt. Es blieb nur eine einzige Möglichkeit: Die Gebirgsvagabund zum höchstmöglichen Preis zu verkaufen.


    Sein menschlicher Verstand war bereits vollständig dem logischen Denken seiner eingebauten Schaltkreise gewichen, als Argomeus den Entschluss traf, mit einem letzten Angriff zumindest der Yukikaze und der Orestes besser Chancen zu erkaufen. Er passte alle nötigen Parameter an. Der Kurs war gesetzt: Direkt auf den Feind zu. Die Triebwerke eingestellt: Maximalschub, so viel wie noch möglich war. Als er seinen Blick nach vorne richtete, sah er nur noch das blendende Licht der Laserlanze, die mit verheerender Präzision in die Kommandobrücke einschlug.




    Atemlos verfolgte die Brückenbesatzung der Orestes das letzte Aufbäumen des Kobra-Zerstörers. Die Gebirgsvagabund hatte einen direkten Treffer auf der Kommandobrücke zu verzeichnen. Doch die letzten Befehle waren bereits tief im Kern der Schiffssysteme einprogrammiert. Mit noch immer beachtlicher Geschwindigkeit flog der Zerstörer auf das riesige Schlachtschiff zu, dessen Abwehrfeuer seine Aussenhülle zerfetzte. Es war kaum mehr als ein glühender Klumpen Metall übrig, als es zur Kollision kam. Der Aufschlag war gewaltig. Der Schiffrumpf drang tief bis in die inneren Abteilungen des Schlachtschiffes vor und setzte grosse Teile davon in Brand. Sowohl der Schaden im Inneren als auch der Schaden an der Aussenhülle war gross genug, um zumindest die Manövrierfähigkeit des Grosskampfschiffes stark einzuschränken. Die zweite Salve der Torpedos traf fast zeitgleich mit ungemeiner Präzision die riesige Sensorsanlage des Schlachtschiffs, genau so, wie Argomeus es berechnet hatte. Mit einem gigantischen Feuerball wurden die Auger-Systeme auseinandergerissen. Zumindest die schweren Waffen, die auf eine Feuerleitung angewiesen waren, verstummten, da es nun unmöglich war, eine Ziellösung zu finden.


    Einer der Offiziere sprach ein Gebet für die fast 15000 Seelen an Bord der Gebirgsvagabund. Inès Yupanqui konnte sich dafür jedoch keine Zeit nehmen. Das Schlachtschiff war schwer beschädigt, seine Sensoren ausgeschaltet. Nun war es an der Zeit, das zu beenden, was ihr tapferer Kollege begonnen hatte.


    »Angriffskurs auf das Heck, Torpedoreichweite«, befahl sie bitter. »Es wird Zeit, dem Leviathan den Kopf abzuschlagen.«


    Unbehelligt von den Lanzen und Geschützbatterien flog der Armatus-Kreuzer einen weiten Bogen und hielt auf den einer Kathedralen gleich aufragenden Brückenturm zu. Yupanqui richteten ihren Blick starr auf die hohen Fenster des Aufbaus, als könnte sie durch sie hindurch den feindlichen Kapitän sehen und mit ihren schwarzen Augen durchbohren.


    Die Zielanzeige auf dem Sichtschirm meldete Feuerbereitschaft.


    „Torpedos los!“


    Die verbliebenen Flugkörper verliessen das Bug der Orestes. Ohne dass grosse Kurskorrekturen der Lenkwaffen nötig gewesen wären, flogen sie, gleichen einem Schwarm Kraniche in Formation, auf die Brücke des Schlachtschiffes zu und schlugen in kurzen Abständen in die Konstruktion ein. Gleissendes Feuer erleuchtete das Innere, als wäre eine Festbeleuchtung in den Hallen entzündet worden. Mit einer Mischung aus Genugtuung und Bedauern atmete Inès Yupanqui tief durch. Genugtuung über den Sieg, Bedauern über den Tod so vieler Schiffsleute, die nichts weiter getan hatten, als den Befehlen ihres Kommandanten zu gehorchen.


    Mit einem Gedankenbefehl liess der Kapitän sich den Status des Feindschiffes anzeigen. Die Oberon-Klasse erschien in ihrer vollen Ausdehnung auf dem riesigen Bildschirm. Ein schematisches Gitter aus grünen Linien legte sich über den Schiffskörper. Entsprechend den Schäden, die die Sensoren der Orestes registrierten, färbten etliche Sektionen sich orange und dunkelrot. Aber auch ohne diese Hilfe war zu erkennen, dass das Schiff schwer beschädigt war. Gewaltige Feuer loderten unter den Strukturen der Oberfläche, ausgehend von der Einschlagstelle der Gebirgsvagabund und sich immer weiter ausbreitend, verstärkt durch die Einschläge der Plasmageschütze der Yukikaze. Explosionen schleuderten glühende Trümmer ins All.


    Inès Yupanqui befahl eine gemächliche Wende zu einem dritten Angriffsflug. Die Torpedorohre waren derweil mit Meltertorpedos nachgeladen worden. Die neuerliche Salve der Orestes schlug in einer breiten Phalanx in die Seite des Schlachtschiffes ein und setzte dem schwarzen Giganten endgültig eine Ende. Wie in Zeitlupe begann der innerlich glühende Rumpf auseinanderzubrechen.


    „Rufen Sie die Yukikaze und gehen Sie längsseits“, befahl Kapitän Yupanqui tonlos. „Unsere Landetruppen sollen sich bereit zum Übersetzen machen, wahrscheinlich werden sie da drüben Hilfe brauchen.“

  • XI


    (Achtung: Der Nachfolgende Text enthält explizit beschriebene Folter.)


    Das Rütteln war so heftig, dass Jek brutal gegen die Wand seiner Kammer geschleudert wurde. Emanuel hatte ihn auf einem der Servitorendecks einquartiert. Jek fand es dort langweilig – die Maschinenmenschen konnten nicht singen. Aber Väterchen hatte gesagt, das sei so am besten, also hatte Jek sich nicht beschwert. Auf dem Weg nach unter hatte er wenigstens einige widerwärtige, rattengrosse Käfer entdeckt, die aus einem der verseuchten, tieferliegenden Maschinendecks gekrochen waren. Es hatte ihm viel Freude bereitet, sie mit den Füssen zu zerquetschen und zu beobachten, wie ihre grün-gelben Innereien aus ihnen herausquollen.


    Die einfache Pritsche, die sich in dem beengten, dunklen Raum befand, hatte er ignoriert. Einen Grossteil seines Lebens hatte er in den Slums von Necromunda verbracht, wo er irgendwo zusammengekauert in einer verrosteten Rohrleitung genächtigt hatte. Es fühlte sich falsch an, ein Bett zu nutzen, also schlief er für gewöhnlich auf dem Boden.


    Die kurz aufeinanderfolgenden Erschütterungen hatten alle seine Sinne aktiviert. Das dämmerige Licht auf dem Flur vor der Kammer war gänzlich ausgefallen, doch seine Augen hatten sich schnell an die Dunkelheit gewöhnt. Das unheilvolle Heulen des Gefechtsalarms bestätigte sein Gefühl, dass etwas ganz und gar nicht stimmte. Böse Menschen waren hier. Er wusste, was zu tun war: Väterchen um jeden Preis zu schützen. Herauszufinden, was die bösen Menschen vorhatten. Endlich durfte er spielen.


    Er öffnete die Stofftasche, mit der er gekommen war, und nahm seine Werkzeuge heraus. Sie waren sein einziger Besitzt, und er war stolz auf sie. Eigentlich hatte er sie mitgenommen, um das Spitzohr, von dem Väterchen erzählt hatte, zum Singen zu bringen, aber der Plan hatte sich geändert. Er steckte sich die unzähligen Skalpelle und Messer in den groben Schnürgurt und nahm dann den schweren Hammer aus Plaststahl. Ein zufriedenes Grinsen zeichnete sein Gesicht.


    Jek bewegte sich fast lautlos aus der Kammer und suchte den Korridor ab, der auf beiden Seiten von deaktivierten Maschinenmenschen gesäumt war. Seine sonst röchelnde, schnaubende Atmung war inzwischen flach und kaum wahrzunehmen. Wie ein tödlicher Schatten schlich er durch die Finsternis, als er schon wenige Schritte später eine kleine Gruppe erspähte. Ein Mensch und zwei Maschinensoldaten durchkämmten langsam das Deck. Nur eine kleine Lampe, die der Soldat auf seinem Lasergewehr montiert hatte, spendete der Gruppe Licht. Perfekt.


    Die Angreifer waren damit beschäftigt, die abgeschalteten Servitoren zu zerstören, um die Yukikaze technisch lahmzulegen. Auf dem modernen Schiff wurden für nahezu alle Arbeiten verschiedene Arten von Servitoren eingesetzt. Durch die Zerstörung der Reserveeinheiten dieses Decks würde es unmöglich werden, allfällige Verluste auszugleichen.


    Für Jek spielte das keine Rolle. Er hatte sein Ziel vor Augen und brauchte nicht weiter darüber nachzudenken. Er presste seinen aufgedunsenen Körper an eine Stahlverstrebung und wartete, bis seine Beute nah genug war. Als die schweren Schritte der Maschinensoldaten nur noch wenige Meter entfernt waren, stürmte er los. Mit voller Wucht krachte er gegen den Soldaten, der sofort zu Boden geschleudert wurde. Sein Kopf schlug mit solcher Gewalt auf dem Boden auf, dass er sofort das Bewusstsein verlor. Mit einem irren Kichern hob Jek dann seinen schweren Hammer und schmetterte damit gegen einen der verbliebenen Servitoren, die zu schwerfällig waren, um auf den überraschenden Angriff zu reagieren. In kürzester Zeit hatte Jek sein Ziel in einen deformierten Klumpen aus Fleisch und Metall verwandelt. Ohne zu zögern liess er den Hammer fallen und stürzte sich mit blossen Händen auf den letzten seiner Gegner. Mit unmenschlicher Kraft riss er die freiliegenden Kabel, Schläuche und Drähte aus der Kreatur heraus, während seine eigenen spröden, gelben Fingernägel barsten. Es war ein guter Schmerz.


    Als er auch den Zweiten der Maschinenmenschen zerstört hatte, lachte er laut. Der Geifer rann in Strömen aus seinen Mundwinkeln, während das Gesicht von unkontrollierten Zuckungen heimgesucht wurde.


    Wie ein Wahnsinniger hüpfte er mehrmals in die Luft und gab widerwertige, undefinierbare Leute von sich. Dann schritt er auf den bewusstlosen Soldaten zu und zog eines seiner Messer.


    Als der unglückliche Mann wieder zu sich kam, sah er als ersten die unmenschliche, mit eiternden Geschwüren übersäte Fratze des Foltermeisters. Erst dann bemerkte er mit schmerzverzerrtem Gesicht, dass er weder Hände noch Füsse bewegen konnte. Sein Peiniger hatte die Sehnen fein säuberlich durchtrennt, ohne dass viel Blut geflossen war. Der Schmerz war dennoch kaum auszuhalten.


    »Das Vögelchen ist wieder da!«, jauchzte Jek freudig. Seine diabolischen Augen bohrten sich in die Seele seines neugewonnenen Spielzeugs.


    »Du… Monster…!«, stammelte sein verstümmeltes Opfer.


    Jek starrte ihn einen Moment stumm an. »Wer seid ihr?«, sagte er langsam und bestimmt, während sein Maul schäumte. »Was ist euer Ziel?«


    »Ich sage gar nichts, du Schwein!«, schrie der Gefolterte trotzig. Zu seinem Entsetzen begann Jek laut zu lachen.


    »Das Vögelchen will spielen! Ja, lass uns spielen, kleines Vögelchen!«, rief er so laut, dass ein finsteres Echo den Korridor erfüllte. Dann zog er ein grobschlächtiges Messer, dessen gezackte Klinge offenbar völlig stumpf war. Er setzte es an einem der Finger des Soldaten an und sägte ihn mit brutaler Gewalt ab. Dabei liess er sich für jede Bewegung eine gefühlte Ewigkeit Zeit. Er genoss das Spiel. Da die Klinge nicht mehr in der Lage war, das Fleisch – geschweige dann, den Knochen – zu schneiden, riss es den Finger auf grausamste Art und Weise langsam ab. Kaum noch bei Besinnung, stöhnte der Soldat schmerzerfüllt.


    Jek hob den abgetrennten Finger hoch und fuchtelte damit vor den Augen seines Opfers etwas herum. Dann führte er ihn zu seinem Mund und begann das Blut daraus herauszusaugen. Der warme, süsse Lebenssaft erinnerte ihn an Papa und Mama. Es fühlte sich einfach so unfassbar gut an.


    Nachdem sich Jek versichert hatte, dass die Nachricht angekommen war, richtete er sich wieder an den Gepeinigten. »Neun hab ich noch… Wer – seid – ihr? Was – ist – euer – Ziel? Sing, Vögelchen, sing!«


    Es war nicht mehr aufzuhalten. Eigentlich war es absehbar, dass er nicht lebend davonkommen würde, doch im Angesicht des Todes neigte der Mensch dazu, sich an jeder Hoffnung festzuklammern, die noch blieb.


    »Ordo Xenos!«, keuchte der Mann. »Wir gehören zum Freiherrn von… Erderlitz, Hoher von…«


    Jek unterbrach ihn mit einem brutalen Schlag ins Gesicht.


    »Gutes Vögelchen! Nun sing weiter. Was ist euer Ziel?«


    »Verfluchtes Monster!«, stammelte der Soldat, ehe sein Körper von Krämpfen heimgesucht wurde.


    Jek ohrfeigte ihn verächtlich. »Na na, nicht nachgeben, Vögelchen.«


    Er setzte das Messer am nächsten Finger an.


    »Nein, bitte!«, flehte die zitternde Stimme des Unglückseeligen. »Wir… wir sind hier, um Inquisitor Anton Kalen hinzurichten… Feind des Imperiums… Abtrünniger…«


    Jek begann zu freudig lachen. »Das Vögelchen singt! So wunderbar!«


    Nach kurzer Zeit hatte der Soldat alles verraten, was er wusste. Jek musste unbedingt Emanuel warnen und dafür sorgen, dass Anton nicht dem Feind in die Hände fiel.


    Als er alles in Erfahrung gebracht hatte, dass von Relevanz war, zog er ohne zu zögern ein Skalpell aus seinem Gürtel, während er mit der anderen Hand direkt in den Mund seines Opfers griff und die Zunge mit grosser Brutalität einige Fingerbreit hinauszog. Mit einem einzigen, kraftvollen Schnitt trennte er die Zunge heraus, um sie gleich darauf mit nicht minderer Brutalität wieder in den Rachen des Sterbenden zu stopfen.


    »Jetzt singst du nie mehr, verräterisches Vögelchen!«, verabschiedete sich Jek, der Metzger von Necromunda, und liess den Inquisitionssoldaten gurgelnd zurück, während dieser an seinem eigenen Blut erstickte.


    Mit einem fröhlichen Pfeifen und merkwürdigem hüpfendem Schritt, ging der Foltermeister zu den Aufzügen, die ihn zu den Mannschaftsquartieren bringen würde. Jeder, der Väterchen auch nur ein Haar krümmen wollte, würde singen. So viele Vögelchen… Ein grossartiges Spiel!


    ***


    Konstantijn war sich nicht sicher, was ihn aufgeweckt hatte. Er konnte sich auch nicht mehr erinnern, ob er geträumt hatte. Um ihn herum war es dunkel und er fragte sich für einen kurzen Moment, wo er sich befand, denn das Bett, auf dem er lag, war nicht sein eigenes noch eines auf einem Schiff der Inquisition. Dazu war es zu groß und die Kissen und Decken zu üppig.


    Eine Erschütterung, begleitet von einem tiefen Grollen, ließen den Raum erbeben. Nun wusste er, was ihn aus dem Schlaf geholt hatte. Augenblicklich war der Inquisitor hellwach, warf die Decken von sich und schob sich von der hohen Matratze. Automatisch erhellte sich die Suite.


    Weitere Einschläge erschütterten das Freihändlerschiff. Sie standen unter Beschuss. Am Ende hatte er also doch rechtbehalten – nichts, worüber er Genugtuung finden konnte. Die Yukikaze war ein Kreuzer und alleine trotz der schweren Panzerung der Ignis-Klasse kein Gegner für ein Schlachtschiff. In diesem Moment konnten sie nur darauf hoffen, dass Kapitän Yupanqui mit der Orestes eingreifen würde. Soweit er sie kennengelernt hatte, war diese Hoffnung zumindest nicht unbegründet.


    In aller Eile zog Konstantijn Stiefel und Weste an. Gerade als er die Boltpistole in den Holster gesteckt hatte und dabei war, sich das Schwert umzugürten, öffnete sich die Tür.


    Der Offizier, der bereits zuvor Emanuel beim Abendmahl über das Eintreffen des Schiffs informiert hatte, hatte die Suite betreten, unumwunden das Vorzimmer durchquert und schob ohne Vorwarnung die Flügel der Schiebetüren zum Schlafzimmer auseinander. Mit energischem Schritt kam er direkt auf Konstantijn zu. Er trug noch immer die vostroyanische Uniform, hatte aber ein edles Kettenschwert am Gürtel und hielt eine meisterlich gefertigte Boltpistole in seiner Rechten. In der linken Hand hatte er einen hochmodernen Voxcaster, kaum grösser als eine Laserpistole. Einen kurzen Moment war Konstantijn alarmiert und froh, seine Waffen griffbereit zu haben. Anton vertraute er inzwischen uneingeschränkt, nicht jedoch dem dubiosen Freihändler und seinen Untergebenen.


    »Inquisitor«, sprach der Mann hart und direkt, ohne Konstantijn auch nur einen Moment zu geben, auf sein Eindringen zu reagieren. »Das unbekannte Schiff, das gestern eingetroffen ist, hat die Yukikaze soeben angegriffen. Enterkommandos sind in verschiedenen Sektionen gelandet. Ich habe den Befehl, Euch als Gast der Von Drach-Dynastie sofort auf die Gefechtsbrücke in Sicherheit zu bringen. Folgt mir.«


    Einen kurzen Augenblick ärgerte Konstantijn sich über sein Misstrauen. Grade in dieser Situation sollten die rechtschaffende unter den Dienern des Imperators zusammenhalten. Zumindest Anton gehörte zu jenen, und wenn dieser Mann einer seiner Freunde war, musst er auch ihn dazurechnen. Der Inquisitor warf sich seinen orangenen Mantel über und folgte dem Vostroyaner wortlos.


    Auf dem Korridor herrschte Chaos. Niedere Offiziere und Matrosen rannten wild durcheinander, alle darauf bedacht, so schnell wie möglich ihre Stellungen zu beziehen.


    »Aglaia, Bakchos, Sektion 22. Cheirogonia, Stellung halten. Megaira, Tyche, verstärkt Deck 6! Zeigt was ihr wert seid, Hunde!«, bellte der Offizier in den Voxcaster, nachdem er kurz einem eingehenden Funkspruch gelauscht hatte. Dann wandte er sich wieder an Konstantijn. »Es wurden mehrere Eindringlinge zwischen unserer Position und dem Zugang zur Brücke gemeldet. Wir werden uns durchkämpfen. Ich habe Befehle, Euch zu schützen, also bleibt hinter mir!«


    Er winkte einen anderen Soldaten heran, dessen Uniform sich deutlich von denen der Söldner unterschied. Sie war zwar genauso verbraucht und lädiert, entsprach aber wohl cadianischem Standard. Das relativ feine Tarnmuster war in dunklem Grün gehalten. Da er weder die Farben der Freihändlergarde trug noch zu den Söldnern zu gehören schien, mutmasste Konstantijn, dass dieser Mann zum Gefolge Inquisitor Kalens gehören könnte. Der Soldat paffte ruhig an einem Loh-Stäbchen, einen rostigen Granatwerfer geschultert. Er wirkte beinahe teilnahmslos, als würde all das Chaos um sie herum ihn überhaupt nichts angehen.


    »Halt mir den Rücken frei, Hector«, sagte der Offizier zum Soldaten. »Ich brauche jeden Mann zur Sicherung des Schiffs. Wir werden uns alleine durchschlagen.«


    Der Soldat nickte knapp. Dann musterte er Konstantijn abschätzig. »Ihr seid also der Neuankömmling. Wenn wir zusammen kämpfen sollen, hoffe ich, Ihr habt mindestens so grosse Eier, wie Anton.«


    Die Auslassung bestätigte Konstantijns Vermutung. Die Stimme des Mannes zeigte weder Respekt noch Angst – im Angesicht eines Inquisitors eine wahre Seltenheit. In gewisser Weise erinnerte er ihn an Henk – nur dass dieser sich gepflegter auszudrücken wusste.


    »Wie es aussieht, werden wir das früh genug herausfinden«, antwortete Konstantijn mit einem harten Unterton, der keine Zweifel ließ, dass er es ernst meinte. Ehe die drei sich auf den Weg machten, erinnerte er sich, dass die reptilische Xenosfrau ebenfalls in dieser Sektion einquartiert worden war.


    »Wo ist Ashenya?«, fragte er den Offizier, ernsthaft besorgt um die aussergewöhnliche Bekanntschaft. »Sie sollte auch hier sein.«


    Der Offizier, der von dem Soldaten Stepan genannt wurde, schüttelte den Kopf. »Sie ist bei Inquisitor Kalen. Der Imperator möge für ihre Sicherheit sorgen. Wenn es sein Wille ist, treffen wir sie auf der Gefechtsbrücke.«


    Konstantijn nickte. Irgendetwas in der Stimme des Mannes liess ihn sicher sein, dass er jedes Wort absolut aufrichtig meinte. Auch wenn er selbst diesem fatalistischen Ansatz nicht folgte – im oranischen Glauben manifestierte sich die Vorsehung des Imperators im erfolgreichen Handeln des Gläubigen - so spürte er doch förmlich sein Vertrauen in den Imperator. Nun war er sich sicher, dass sein anfängliches Misstrauen völlig grundlos gewesen war.


    Die drei machten sich auf den Weg. Nur Minuten später – sie befanden sich in einem offenen, langen Korridor – zuckten ihnen rote Laserladungen entgegen. Stepan warf sich sofort in den Schutz eines grossen Stahlträgers und riss Konstantijn förmlich hinter sich her. Der Soldat folgte ihrem Beispiel und ging bei der gegenüberliegenden Wand in Deckung.


    Die Angreifer waren zu fünft. Drei Soldaten, gekleidet in reinweisse, fast schon unnatürlich sauberen Overalls, die mit roten Armaplastplatten gepanzert waren, wurden von zwei Kampfservitoren begleitet.


    Konstantijn zog seine Boltpistole, um zusammen mit dem Vostroyaner das Feuer zu erwidern, doch Hector kam ihnen zuvor. Ohne auch nur einen Moment zu zögern, lehnte sich der Soldat aus der Deckung und feuerte drei Granaten aus seinem Werfer. Die Waffe zeigte ihre volle Wirkung. Als die Granate explodierte, wurde ihre Wucht durch den Korridor kanalisiert und fegte wie ein Feuersturm hindurch. Dem ohrenbetäubenden Knall folgte eine Welle aus Feuer und tödlichen Granatfragmenten.


    »Los, weiter!«, bellte der Soldat. Stepan trat hinter der Deckung hervor, die Boltpistole zum Schuss bereit nach vorne gerichtet. Die geschwärzte Kunststoffverkleidung des Korridors war völlig zerfetzt und legte eine Vielzahl von Kabeln und Rohren frei. Den Angreifer war es ähnlich ergangen. Die Soldaten waren so mit Metallsplittern übersäht, dass sie schon fast den Servitoren glichen, die leblos darnieder lagen. Die Granatenfragmente hätte ihnen kaum Schaden zugefügt, doch die Wucht der Explosion hatte ausgereicht, um ihre Schaltkreise zu zerstören. Trotzdem schoss Stepan ihnen noch während er sich auf sie zu bewegte, mit unglaublicher Präzision in den Kopf. Er ging lieber auf Nummer sicher.


    Gerade als er den letzten Schuss abgab, traf ihn ein Laserimpuls an der Schulter, brannte sich durch seinen roten Offiziersmantel, wurde aber von der bronzenen Plattenrüstung darunter abgehalten. Stepan wirbelte herum, die Boltpistole im Anschlag.


    Drei weitere Soldaten waren in ihrem Rücken aufgetaucht. Doch dazu, weiter auf sie zu feuern, hatten sie keine Gelegenheit mehr. Konstantijn hatte die neuen Angreifer rechtzeitig bemerkt und sofort reagiert. Mit kalter Ruhe visierte er die Männer mit seiner Boltpistole an und schaltete zwei von ihnen mit präzisen Treffern aus. Der dritte fiel auf die gleiche Weise durch Stepans Waffe. Die kleinen Explosivgeschosse hinterließen große, schwelende Wunden in den Körpern.


    Konstantijn seufzte missmutig. Menschen zu töten, die zwar offensichtlich irregeleitet, aber keine Verräter am Imperator waren, war ihm zuwider. Der Vostroyaner nickte ihm dankend zu.


    »Wer hält jetzt wem den Rücken frei?« fragte der Inquisitor ohne jeden Unterton mit einem Seitenblick auf Hector.


    »Nicht schlecht. Konnte ich ‘ne Granate sparen«, raunte der hartgesottene Soldat scharfzüngig zurück.


    Während sie weiter gingen, nahm Stepan immer wieder Funksprüche entgegen und gab Befehle weiter. Seine raue, autoritäre Stimme liess keinen Platz für Zweifel. In einem anderen Leben wäre er wohl ein hervorragender Kommissar geworden. Längst hatte Konstantijn ihn als Kampfgefährten und Offizier zu schätzen begonnen.


    Nach einer Weile bedeutete er seinen beiden Begleiter, anzuhalten. Vor ihnen lagen drei Soldaten, der Uniform nach handelte es sich um Angreifer. Einer davon hatte einen schrecklich zugerichteten Kopf, der mit einem grossen, stumpfen Gegenstand förmlich in einen äusserst unappetitlichen Brei verwandelt worden war. Einem anderen war die Kehle durchgeschnitten worden.


    Wirklich verstörend war aber der Dritte der Gefallenen. Er lag mit dem Oberkörper an der Wand des Korridors angelehnt. Seine Kniescheiben waren zertrümmert. Die Schultergelenke waren fein säuberlich freigelegt worden, so dass man die Knochen sehen konnte. Im Gelenkspalt steckte ein grobschlächtiges Kampfmesser Die Kratzspuren am Gelenk liessen darauf schliessen, dass sein Peiniger das Messer immer wieder zwischen das Gelenk gestossen hatte. Er hatte den Gelenkknorbel förmlich ausgeschabt. Die Schmerzen, die dabei entstanden, mussten kaum zu ertragen gewesen sein.


    Die Augen waren nur noch blutverschmierte Löcher. Man hatte sie mit einem stumpfen Gegenstand so stark eingedrückt, dass die Augäpfel geplatzt waren. Die Nase war vollständig abgetrennt worden.


    Konstantijn fühlte sich an die Opfer von Anhänger des Chaos erinnert. Auch wenn er so etwas schon unzählige Male gesehen hatte, überkam ihn immer noch eine leichte Übelkeit. Wie konnte ein fühlendes Wesen einem anderen solche Grausamkeit antun? Wahrscheinlich würde er sich nie ganz an solche Anblicke gewöhnen können – und das war gut so.


    »Der Metzger…«, murmelte Stepan. In seiner Stimme schwang sowohl Ekel als auch ein gewisses Mass an Furcht mit.


    »Der Metzger?«, fragte Konstantijn nach, den Blick so gut es geht von dem grausigen Anblick abgewandt.


    Der Soldat, der sie ebenfalls begleitet hatte, begann daraufhin derb zu lachen.


    »Pah! Die Idioten haben Jek aufgescheucht… Arme Narren!«


    »Ruhig, Hector«, fuhr Stepan ihn an. Dann wandte er sich Konstantijn zu. »Der Foltermeister von Inquisitor Kalen. Ein gefährlicher Psychopath, dem absolut nichts heilig ist. Er kennt weder Ehre noch Pflichtbewusstsein, aber Anton – Inquisitor Kalen – schafft es irgendwie, ihn unter Kontrolle zu halten. Nunja. Meistens…«


    Zum ersten Mal fühlte Konstantijn in Bezug auf Anton so etwas wie Missbilligung. Folter war fester, teilweise unabdingbarer Bestandteil inquisitorischer Ermittlungen. Wie die meisten Inquisitoren hatte auch er seine Laufbahn als Interrogator begonnen und sein Meister hatte ihn durch eine harte Schule gehen lassen. Aber er hatte ihm auch die Grenze zu willkürlicher Grausamkeit eingeschärft und ihn immer wieder auf die Probe gestellt. Denn durch seine psionischen Fähigkeiten brauchte Konstantijn keine Werkzeuge, um einem Menschen Schmerzen zuzufügen – oder schlimmeres. Sein strikter moralischer Kompass und sein Verantwortungsgefühl für den Umgang mit dieser Macht hielten ihn davon ab, ihr zu verfallen. Wer das getan hatte, dem fehlte jede Selbstkontrolle. Dass Anton einen solche Person einsetzte, konnte Konstantijn nur schwer gutheißen.


    »Lasst uns weitergehen«, fuhr Stepan fort. »Und hoffen, dass der Metzger genug Verstand in seinem kranken Kopf hat, um nicht über uns herzufallen.«


    Einige Korridore weiter halten markerschütternde Schreie durch das Schiff. Die roten Drehleuchten und die anhaltende Sirene des Gefechtsalarms schufen eine bedrohliche Atmosphäre. Langsam näherten sie sich der Quelle des Jammerns und Schluchzens.


    Sie folgten dem Weg zur Brücke. Weitere zu Brei gehauene Leichen säumten den Weg. Dann erblickten sie den offensichtlichen Ursprung der Schreie. Einer der Angreifer lag in einer grossen Blutlache am Boden. Wie ein alptraumhafter Ghoul sass ein buckliger, fettleibiger Mann auf seinem Oberkörper. Sein Geifer tropfte auf den geschundenen Körper seines Opfers. Die schaurige Gestalt drehte ihr Kopf sofort zur Gruppe hin, als diese in den Korridor einbog. Mit dem funkelnden Blick eines bösartigen Raubtiers glotzten die wässerigen Glubschaugen ihnen entgegen.


    Stepan hielt inne.. Auch Konstantijn blieb angewidert stehen, als er der Missgestalt ansichtig wurde. Das Aussehen dieser Kreatur entsprach völlig dem, was er von ihren Taten gesehen hatte. Es fiel ihm schwer, sie überhaupt als Mensch anzusehen.


    Hector trat jedoch unverfroren dem Mann entgegen.


    »Jek – gut gemacht«, sagte er mit ruhiger Stimme. Er wusste genau, wie man mit dem Metzger umgehen musste. Sein Handeln zu verteilen, führte sehr schnell dazu, dass Jek die Beherrschung verlor. Ausserdem waren die Soldaten selbst Schuld. Sie hatten sich für ihre Enteraktion das falsche Schiff ausgesucht.


    »Diese Schweine haben es verdient«, sprach Hector weiter, während er sich langsam näherte.


    Jek beobachtete ihn einen Moment. Er glich einem Tier, das sich davor fürchtete, dass ihm jemand seine Beute wegnehmen würde. Überraschend liess er dann einen grunzenden Laut ertönen und sprang freudig von seinem Opfer auf.


    »Väterchen wird glücklich sein. Sie haben alle gesungen«, flüstere er rau. Dann trat er verächtlich gegen den inzwischen gestorbenen Soldaten. Erst jetzt erkannten die drei, dass es sich um eine Frau handelte. Jek hatte ihr den Overall bis zum Bauch heruntergerissen und die Haut von Oberkörper und Brüsten abgezogen. Im Gesicht fehlten grosse Fleischstücke, so dass es kaum mehr menschlich wirkte.


    Hector schien den Anblick kalt zu lassen. Stepan machte dagegen keinen Hehl aus seinem Ekel. Konstantijn schnappte nach Luft. Er konnte sich nicht des Gedankens erwehren, dass es wohl für jeden das Beste wäre, die abartige Existenz dieser halbmenschlichen Bestie so schnell wie möglich zu beenden.


    »Wir sind auf dem Weg zu Anton. Zur Gefechtsbrücke«, sagte Hector zu seinem gestörten Gefährten. »Von dort aus organisieren wir den Gegenschlag.«


    »Gut«, raunte Jek, dessen Stimme plötzlich düster, aber sehr gefasst klang. »Inquisitionstruppen. Zwangsrekrutiert. Gehören zu einem Inquisitor, der sich Freiherr von Erderlitz nennt. Sie sind hier, um Anton zu töten.«


    Ohne Vorwarnung begann der Inquisitor zu schwanken und ging auf die Knie, gerade noch in der Lage, sich mit den Händen abzufangen. Doch auch seine Ellenbogen konnten ihn nicht halten, so dass er sich auf die Unterarme abstützen musste. Im selben Moment lief ein merkwürdiges Kribbeln durch Stepans Körper, als wären seine Nerven durch einen leichten Stromstoß gereizt worden. Innerhalb weniger als einer Sekunde war es vorbei, doch was immer es war, den Inquisitor schien es schwerer getroffen zu haben. Stepan griff dem jungen Mann unter die Arme und half ihm auf.


    Konstantijn atmete schwer und griff sich mit der linken Hand an die Stirn. Seine Schläfen hämmerten, als wollten sämtliche Blutgefäße platzen. Sein Gesicht fühlte sich an, als hätte jemand versucht, die Nerven um und hinter den Augen mit einer Nadel herauszureißen. In seinen Ohren war ein Rauschen und selbst das schwache Notlicht drang wie ein Blitz in seine Augen. Der kühle Phantomkristall linderte den Schmerz, langsam floss er ab und hinterließ eine dumpfes Leeregefühl.


    »Was war das?« fragte Stepan.


    Konstantijn musste einige Male tief durchatmen, ehe er mit trockenen Lippen antworten konnte. »Ein psionischer Ausbruch«, sagte er mit stockender Stimme. »Irgendetwas ist gewaltig schiefgelaufen.«


    Der Vostroyaner fluchte. »Was haben diese Bastarde noch alles vor?«


    »Was auch immer«, entgegnete der Inquisitor nun wieder etwas gefasster, »um es aufzuhalten brauchen wir mehr als nur einen Psioniker. Sind Inquisitor Kalen und Ashenya schon auf der Gefechtsbrücke angekommen?«


    Stepan betätigte sein Sprechfunkgerät. Nach wenigen Sekunden hatte er eine Antwort. Betreten schüttelte er den Kopf. »Niemand hat die beiden in den letzten Stunden gesehen. Der Kapitän hat mir soeben gemeldet, dass der Feind alle Verbindungen zum Gästedeck gestört hat.«

    Jek meldete sich mit einem völlig deplatzierten kichern zu Wort. »Sie wollen Väterchen. Wissen wir.«


    »Dann müssen wir sofort los, um ihn zu Unterstützen!«, warf Hector mit düsterem, entschlossenem Ton ein. »Ich werde jeden vernichten, der versucht, den Inquisitor anzufassen!«


    Konstantijn schwante Übles. »Bringen Sie mich zu ihrem Quartier«, befahl er.

  • XII


    Unweit der Zellen hatte Laenryl die Weltenwanderer zunächst zu einem kleinen Magazin geführt, in dem die Habseligkeiten der Gefangenen aufbewahrt wurden – insbesondere deren Waffen. Margil ging seine Ritualklinge über alles, erinnerte sie ihn jedoch an seine Zeit im Schrein der Rächer Asuryans und jene Art des methodischen Kampfes, die er dort erlernt hatte. Dennoch war er froh, sein Jagdgewehr, die Shurikenpistole und vor allem seiner Wurfklingen wiederzuhaben. All dies mochten sie dringend benötigen für das, was vor ihnen lag.


    Nun eilten die drei Aeldari durch die rot ausgeleuchteten Korridore des Freihändlerschiffs. Laenryl führt sie von Abzweigung zu Abzweigung aus den Tiefen des Schiffsbauchs hinauf in die Kommandoebenen. Firondhirs Wahrnehmung des Inquisitors hatte sich inzwischen leicht abgeschwächt, war aber immer noch deutlich genug, um zu erkenne, dass sie sie nicht in die Irre leitete.


    Das Schiff war in hellem Aufruhr. Schnell stellten sie fest, dass Fremde an Bord gekommen waren und sich Gefechte mit den Truppen des Freihändlers lieferten. Die Truppen des QuasKarun schienen nicht beteiligt zu sein. Zumindest hatte Firondhir noch keine Menschen in den schwarzroten Uniformen seiner eigenen Soldaten entdecken können. Der Weltenwandere konnte nur mutmassen, dass die Schlacht nicht nur auf diesem Schiff geschlagen wurde und der Kreuzer, mit dem sie hergekommen waren, sich des feindlichen Schiffes erwehren musste.


    Die Kampfhandlungen veranlassten Laenryl nur umso mehr, zu ihrem Herrn gelangen zu wollen und dabei jedem Feind, der sich ihr in den Weg stellte, die Kehle aufzuschlitzen. Mit Mühe konnten die beiden IstuKarun sie davon überzeugen, dass es erfolgversprechender war, sich ungesehen durch das Schiff zu bewegen. Mehr als einmal, wenn sie auf feindliche Truppen trafen, drängten sie die Hekatari in eine Nische zwischen den Wandstrukturen und verbargen sie mit ihren Mänteln. Stets eilten die Soldaten in den seltsamen, weissroten Uniformen und ihre grotesken, halbmenschlichen Kampfmaschinen an den Aeldari vorbei, ohne sie zu bemerken.


    Die stete Nähe von Angehörigen ihres Volkes hatten eine unerwartete Wirkung auf Laenryl, derer sie sich zunächst selbst kaum bewusst war. Doch je länger sie mit den beiden Asuryani unterwegs war, umso deutlicher spürte sie, dass ihre Präsenz eine Leere in ihr zu füllen begann, die sie selbst zuvor überhaupt nicht wahrgenommen hatte. Ihr Verstand war anders als der der Menschen, mit denen sie die vergangenen Jahre und Jahrzehnte verbracht hatte. Er war dem ihren gleich. Besonders der des blonden Weltenwanderers, der ungleich streitbarer war als sein dunkelhaariger Gefährte. Eine dunkle Erinnerung keimte in ihre auf, wie eine Stimme aus ferner Vergangenheit, die ihr zu sagen versuchte, dass sie einmal genauso gewesen war, wie sie. Laenryl versuchte die Stimme zu unterdrücken, denn sie ängstigte und verunsicherte sie. Und Unsicherheit konnte sie gerade jetzt nicht gebrauchen.


    Mittlerweile waren die drei Aeldari in die oberen Decks des Schiffs vorgedrungen. Die Kämpfe waren immer heftiger und heftiger geworden, je weiter sie kamen. Nicht mehr einzelne Trupps patrouillierten auf der Suche nach Gegnern, ganze Einheiten der Menschen fielen übereinander her und metzelten sich mit ihren primitiven Laserwaffen und Kettenschwertern gegenseitig nieder. Fassungslos verfolgten die Weltenwanderer das Geschehen. Auch die Asuryani waren sich nicht immer eins, doch so erbarmungslos gegen die eigenen Artgenossen vorzugehen war nichts als Barbarei, für ihresgleichen unvorstellbar.


    Firondhir hoffte inständig, dass Konstantijn nicht in diesen Wahnsinn verwickelt wurde. Ohne ihn währen sie hier gestrandet. Aber er musste feststellen, dass er sich auch persönlich um den Inquisitor sorgte. Immerhin, noch konnte er den kleinen, weissen Lichtpunkt seines Geistes wie ein Leitstern vor seinem inneren Auge sehen.


    Zum wievielten Male sie einem neuerlichen Trupp der Chem-Pan-Sey ausgewichen waren, hatten Margil und Firondhir längts aufgehört zu zählen. Auch welcher Seite die Krieger angehörten, beachtete sie nicht mehr. Eben lösten die drei sich wieder aus ihrem Versteck, als eine unsichtbare Gewalt sie wie eine Flutwelle und ein Sturmwind traf. Laenryl wurde niedergestossen, als hätte sie ein heftiger Stoss gegen die Brust getroffen. Sie rang kurz nach Luft, rappelte sich aber sofort wieder auf.


    Firondhir und Margil dagegen war es ungleich schlechter ergangen. Die schiere Macht des Ausbruchs überwältigte die beiden Asuryani, schleuderte sie hart zu Boden und überflutete jede Faser ihres Körpers mit einem Übermass an psionischer Energie. Nur dass sie augenblicklich das Bewusstsein verloren, schütze ihren Geist davor, durch die Überlastung in Wahnsinn zu verfallen.


    Die Welle war über sie hinweggeschlagen. Schockiert stand Laenryl da, unfähig, das Geschehene zu begreifen – und unschlüssig, was sie nun tun sollte. Die Weltenwanderer lagen leblos zu ihren Füssen. Eine bessere Gelegenheit, sich ihrer zu entledigen, sich abzusetzen würde, sie nicht wieder erhalten. Dennoch rührte sie sich nicht von der Stelle. Doch nur für einen Moment. Dann, aus einem unergründlichen Impuls heraus, sprang sie zu Margil, der halb auf der Seite lag, die blonden Haarsträhnen im Gesicht, kniete sich neben ihm nieder und rüttelte heftig an eine seinem Arm. Der Weltenwanderer liess ein schwaches Stöhnen vernehmen.


    Der Lärm trampelnder Füsse in schweren Stiefeln schallte den Korridor hinunter. Erschrocken sah Laenryl sich um. Ein Trupp Soldaten eilte auf sie zu, vielleicht zehn, zwölf Mann, sie konnte es nicht sagen. Doch sie konnte ihre weissen Uniformen erkennen. Im roten Dämmerlicht der Notbeleuchtung schienen sie bei jedem Aufflackern wie im Sprung die Position zu wechseln, und mit jedem Sprung waren sie ein Stück näher. Geistesgegenwärtig warf Laenryl Margil die Kapuze über die blonden Haare. Die Farben ihrer Mäntel anzupassen, waren die Weltenwanderer nicht imstande, die Kleidungsstücke verblieben in ihrem matten Schwarz. Im Dämmerlicht der Notbeleuchtung musste das genügen. Vielleicht bemerkten die Chem-Pan-Sey die beiden auch garnicht, wenn sie ihre ganze Aufmerksamkeit der Hagashîn zuwandten.


    In einer langsamen, eleganten Drehung richtete die Drukhari sich auf und zog ihre Waffen. Dann stürzte sie gegen die Angreifer los, noch bevor diese den ersten Schuss abfeuern konnte. Den Lichteffekt, der ihr verwehrt hatte, die Zahl ihrer Gegner einzuschätzen, machte nun sie sich zu nutzen. Zu keinem Zeitpunkt konnten die Krieger ausmachen, wo sich die Xenos befand. Sie tanzte durch ihre Reihen, öffnete Arterien und Luftröhren, nur ihre rot blitzenden Klingen waren unentwegt zu sehen. Mit jedem Opfer, das unter ihren Schnitten fiel, steigerte sich ihr Hochgefühl. Dies war ihre Existenz, wie sie sein sollte.


    Doch Laenryl hatte sich verschätzt. Es waren wesentlich mehr Krieger. Und gegen die Kampfmaschinen, die sie mit sich führten, kam sie schwerer an als gegen ihre fleischlichen Gegner. Ein ums andere Mal konnte sie nicht verhindern, dass sie unter Beschuss geriet. Ein Laserstrahl streifte ihren Oberschenkel, ein weiterer ihre Flanke. Doch sie verbiss den Schmerz und gab ihn hundertfach zurück. Dennoch geriet sie immer mehr in Bedrängnis, bis schliesslich eine der Maschinenmenschen ihr verwundetes Bein traf und sie auf ein Knie niedersank.


    Ehe jedoch das Konstrukt zu einem Schlag gegen die Hagashîn ausholen konnte, bohrte sich ein nadelfeiner, weissblauer Strahl in seinen Schädel. Der Maschinenmensch krampfte und fiel dann reglos zur Seite. Sofort war die Hekatari wieder auf den Beinen und stiess im Aufstehen ihr Messer in den Unterkiefer des nächsten Menschen, der auf sie zukam. Einen kurzen Moment hatte sie Zeit sich umzudrehen.


    An einem Stützpfeiler lehnte noch sichtlich angeschlagen der dunkelhaarige Weltenwanderer, das Jagdgewehr in den Händen und schon wieder auf das nächste Ziel anlegend. Auch dieser Schuss streckte einen Servitor nieder, mangelte aber an der Präzision, die einem IstuKarun gegeben war. Die brennenden Schmerzen in all seinen Gliedern ignorierend, schwang Firondhir das Gewehr auf den Rücken und wechselte zur Shurikenpistole.


    Auch Margil war wieder auf die Füsse gekommen. Aus seiner Pistole feuernd spurtete er noch leicht schwankenden Schrittes in den Nahkampf, zog dann seine Ritualklinge und hieb dem ersten Servitor, den er erreichte, in wenige Streichen die Kabelverbindungen durch. Funkensprühend brach das Konstrukt zusammen.


    Mit jedem Schritt auf einen Gegner zu kehrten die alte Schnelligkeit und Präzision in seine Schläge zurück. Der Geist der Todesfee erfüllte ihn wie einst in seinen frühen Erwachsenenjahren, als er im Schrein den Lehren der Jain Zar folgte. Das aufflackernde Notlicht liess seine langen, blonden Haare blutrot erscheinen. Voll Anerkennung verharrte die Hekatari einen Moment, dann stürzte auch sie sich wieder auf die Chem-Pan-Sey. Mit der Hilfe von Firondhir Shurikensalven und Gewehrschüssen hatten die beiden in kürzester Zeit die verbliebenen Chem-Pan-Sey und ihre Geräte niedergemacht.


    Nahezu regungslos stand Margil inmitten seiner erschlagenen Feinde. Seine Gesichtszüge waren seltsam entrückt, sein Blick verklärt, als wäre er jemand anderes, weit entfernt. Dann wurde er der Drukhari gewahr. Hekatari, Blutbraut, eine der Wenigen, die sich mit einer Todesfee messen konnten. Er stiess einen schrillen, spitzen Schrei aus und hob herausfordernd sein Schwert. Immer noch von Blutdurst erfüllt, lächelte die Drukhari ihm zu und streckte ihm auffordernd ihre Klingen entgegen.


    »Eathan!(1)« Firondhirs immer noch leicht raue Stimme zerbrach das unsichtbare Band zwischen den beiden wie Glas. Im nächsten Moment stand er zwischen ihnen. »Margil, was ist in dich gefahren, komm zu dir!« Dabei fasst er dem Schwertarm des Weltenwanderers und hielt ihn mit aller Kraft fest.


    Margil war, als kehrte er aus einem Traum zurück. Verwirrt sah er zu Firondhir, dann zu Laenryl. Die Drukhari hatte ihre Waffen gesenkt und stand wieder teilnahmslos da. Dann liess er seinen Blick um sich her schweifen. Der Boden war bedeckt mit den toten Körpern der Chem-Pan-Sey, viele übel zurichtet. Dann sah er wieder Firondhir an, beinahe ungläubig. »Wie konnte das geschehen? Es war, als hätte Khaine selbst mich auf den Pfad der SuinMure zurückzogen.«


    Firondhir rieb sich die Schläfen. Sein Kopf schmerze immer noch und sein Hals war trocken. »Etwas hat JiorQuas(2) in Aufruhr versetzt.«


    »Miermen?«


    »Ich hoffe nicht. Auch der andere Inquisitor und seine Begleiterin sind Quaarin(3). Wir müssen zum Ursprung. Miermen wird dort sein, um aufzuhalten, was immer es ausgelöst hat.«


    »Dann müsst ihr alleine gehen«, warf Laenryl ein. »Mein Herr braucht mich.«


    Firondhir schüttelte bedauernd den Kopf. Er hatte sie gesehen, wie sie unter ihren Feinden getanzt hatte, schnell, gnadenlos und stolz wie eine wahre Drukhari. Für eine kurze Zeit hatte sie zu ihrem wirklichen Selbst zurückgefunden. Nun war es wieder fort.

    »Nun gut«, sagt er. »Wir folgen dir, und sobald unsere Wege sich trennen, werden wir dich gehen lassen.«


    Laenryl nickte. »Bis zu den obersten Ebenen ist es nicht mehr weit. Und, IstuKarun«, setzte sie an Margil gewandt nach, »zwei Mal hattest du heute vor, mich zu töten. Ein drittes Mal werde ich nicht zulassen.«

    Damit wandte sie sich um und schritt den beiden Weltenwanderern voran.


    ***


    Stepan meldete sich über Funk bei der Gefechtsbrücke. Dann wandte er sich wieder an die Gruppe. »Der Kapitän hat uns die Freigabe für das Gästedeck erteilt. Wir sollten sofort los. Eine Abteilung der Von-Drach-Garde ist unterwegs auf schweren Widerstand getroffen, kann aber möglicherweise ebenfalls zu Antons Unterkunft durchstossen.« Er machte eine kurze Pause. »Der Metzger soll sich zur Gefechtsbrücke durchschlagen«, sagte er mit einer etwas nervösen Stimme. »Befehl des Kapitäns.«


    Konstantijn hatte sofort erkannt, dass das nicht ganz der Wahrheit entsprach. Offensichtlich hegte der Vostroyaner kein grosses Verlangen, diese Bestie in Menschengestalt um sich zu wissen. Sie war wie ein tollwütiger Hund, der auf Freund und Feind gleichermassen losgehen konnte. Hier schien zumindest Hector ihn unter Kontrolle zu haben. Aber was auch immer sich durch die psionische Welle angekündet hatte, war nichts, bei dem man einen labilen Psychopathen einsetzten sollte. Das schien auch dem Offizier bewusst zu sein.


    Jek brach in furchteinflössendes Gelächter aus. »Der Hauptmann will mich anlügen. Niedlich!« Er schüttelte seinen Kopf heftig, während sein zähflüssiger Speichel aus dem Mundwinkel rann. »Aber Jek weiss es! Er weiss alles! Du willst Väterchen helfen – und du weisst viel über den Krieg. Ich weiss, dass du deine Gründe hast. Ich gehe zu Onkelchen... Aber denk dran. Lügner werden Singen. Früher oder später...«


    Nachdem er ausgesprochen hatte, wandte sich Jek ohne weitere Worte ab und hüpfte freudig erregt in den Korridor, der offenbar in Richtung der Brücke führte. Stepan wischte sich den Schweiss von der Stirn. Er war ein erfahrener, zäher Soldat und hatte vieles erlebt, davon einiges, dass er lieber vergessen würde. Doch gab es eine ganz bestimmte Art Mensch, denen er lieber gänzlich aus dem Weg ging.


    »Gehen wir«, sagte er.


    Die drei eilten durch die Korridore und versuchten, Feindbegegnungen so gut wie möglich aus dem Weg zu gehen. Mittlerweile waren die Geräusche der Kämpfe von überall zu hören: Schreie, das Zischen der Laserschüsse, Explosionen. Immer wieder eilten grosse Trupps Söldner und Von-Drach-Gardisten an ihnen vorbei. Dabei liess Stepan sich über den Stand der Kämpfe Bericht erstatten und erteilte Anweisungen. Viel zu oft passierten sie aber auch Stellen, an denen die Gefechte - vorerst – vorbei waren. Dort füllten Leichen die Korridore, in den weissen und roten Uniformen des fremden Inquisitors und dem purpur-gold des Freihändlers gleichermassen. Im Tod unterschied sie nur noch die Farbe ihrer Kleidung.


    Bedrückt betrachtete Konstantijn im Vorbeieilen die Gefallenen. Schlachtfelder hatte er trotz seines jungen Alters schon mehr als genug gesehen. Aber hier kämpften loyale Söhne und Töchter des Imperators gegeneinander und das anscheinend nur Aufgrund eines Irrtums, der so leicht aufzuklären wäre, wenn dieser mysteriöse Fremde nur bereit wäre, sich zu zeigen und mit ihnen zu reden.


    Der Inquisitor wandte den Blick seinen Gefährten zu. Stepans Gesichtsausdruck deutet darauf hin, dass er ähnlich empfand, wie er selbst. Hector dagegen schien vollkommen ungerührt.


    Die beklemmende Stimmung wurde noch unterstützt von der schwelenden Warppräsenz, die seit dem Ausbruch anhielt und langsam, aber stetig zunahm, je weiter sie in Richtung ihres Ziels vordrangen. Zuerst hatte Konstantijn angenommen, eine Niedertracht ihres Gegners könnte am Werk sein, dass der fremde Inquisitor sich der Mächte des Immateriums bediente, um die Verteidiger ausser Gefecht zu setzen und Antons habhaft zu werden. Doch allmählich kam ihm noch ein anderer, nicht weniger erschreckender Verdacht. Konnte Anton oder gar Ashenya der Auslöser gewesen sein? Über das Potential der Reptilienfrau hatte er sich noch kein vollständiges Bild machen können – noch über das Risiko, dass von ihrer natürlichen, ungelenkten Begabung ausgehen konnte.


    Die drei bogen in den nächsten Korridor ein, an dessen Ende sich eine Treppe befand, über die sie ins Gästedeck gelangen sollten – die Lifte, über die das Freihändlerschiff luxeriöserweise verfügte, waren mit Einsetzen des Gefechtsalarms ausser Funktion gegangen. Der Weg jedoch war versperrt. Mehrere Hundert Meter entfernt tobte ein Scharmützel zwischen den Angreifern, die aus ihrer Richtung gekommen sein mussten, und ein offenbar deutlich unterlegener Trupp Von-Drach-Soldaten, die in Türöffnungen und Einmündungen Deckung suchten und verzweifelt darum kämpften, den Eindringlingen den Zugang zum oberen Deck zu verwehren. Die drei hielten inne, zogen sich um die Ecke zurück und beobachteten die Lage.


    »Was jetzt?« fragte Konstantijn.


    Der Vostroyaner schüttelte den Kopf. »Wir müssen da durch. Von hier aus gibt es nur den einen Zugang.«


    »Dann lasst und keine Zeit verlieren«, sagte Hector, zündete sich ein neues Loh-Stäbchen an und lud seinen Granatwerfer.


    Konstantijn und Stepan sahen sich an. Beide dachten das gleiche: drei Männer mehr würden in dem Gefecht keinen Unterschied machen, selbst mit der Überraschung auf ihrer Seite.


    »Das hat keinen Sinn, Soldat«, sagte der Inquisitor in einem Ton, der keine Widerspruch duldete. Hector sah ihn an, als wollte er etwas entgegnen, entschied sich dann aber, es zu unterlassen. Stepan griff zu seinem Voxcaster.


    »Sektion 5.31.2. Wir benötigen Unterstützung. Umgehend.«


    Aus dem Lautsprecher drang nur statisches Rauschen. Er stutze kurz, dann wiederholte er den Befehl noch eindringlicher. Diesmal drang eine abgehackte Antwort aus dem Gerät, deren Inhalt aber völlig unverständlich war. Nun war der Offizier ernstlich besorgt. Im günstigsten Fall bedeutet dies, dass der Sprechfunkt gestört war. Im schlimmsten, dass der Feind die Brücke eingenommen hatte.


    Ratlos standen die drei da. Hector war kurz davor, wider besseres Wissen die Initiative zu ergreifen und sich über den Befehl des Inquisitors hinwegzusetzen. Sie mussten zu Anton, koste es, was es wolle. Dann begann die rote Leuchte an Stepans Sprechgerät zu blinken. Verwundert wechselte er den Kanal.


    »Kommandat Yelangin«, drang eine fremde, von Rauschen und Knistern untermalte Stimme aus dem Voxcaster. »Sergeant Salavas, Einheit Capricorn, Garde der Inquisition. Ist Inquisitor Ruven bei ihnen?«


    Stepan reichte den Voxcaster an Konstantijn weiter. In einem Stoßgebet dankte dieser dem Imperator. Offensichtlich hatte Inès Yupanqui sich des fremden Schiffes erwehren können und eine Möglichkeit gefunden, die auf der Orestes stationierten Gardisten übersetzen zu lassen. »Sergeant, wir benötigen umgehend Unterstützung, Sektion 5.31.2.«


    »Verstanden, wir sind bereits auf dem Weg. Vier Minuten.«


    Konstantijn atmete auf. Er hoffte inständig, dass die Verteidiger noch so lange durchhielten.


    Die Minuten zogen sie endlos in die Länge. Konstantijn, Stepan und Hector hatten sich dem Kampf bis auf 50 Meter genährt, immer darauf bedacht, hinter Stützpfeilern und in Türbögen in Deckung zu bleiben. Dann endlich erschien der Trupp Inquisitionsgardisten aus einem Nebengang: zwei Dutzend Mann in roten Overalls und schwarzen Plattenrüstungen, das weisse =I= auf den Schulterplatten und Helmen, das Gesicht verborgen hinter schwarzen Atemmasken mit bläulich schimmernden Linsen. Diszipliniert nahmen sie die Eindringlinge mit ihren Hochenergie-Lasergewehren unter Beschuss, während sie, immer wieder Deckung suchend, Meter für Meter vorrückten.


    Sergeant Salavas hielt bei Konstantijn an und salutierte mit dem Zeichen des Aquila, wobei er Laserpistole in Energieschwert in den Händen behielt.


    »Meine Begleiter und ich müssen durchbrechen, um das obere Deck zu erreichen«, sagte der Inquisitor.


    »Das wird sich machen lassen, Sir«, entgegnete der Offizier.


    Die vier Männer liefen los, hinter den Reihen der Gardisten her.


    Derweil hatten die weissgerüsteten Soldaten die heranrückende Verstärkung bemerkt. Ein Teil wandte sich den neuen Angreifern zu, während eine kleinere Zahl sich weiterhin mit der bereits arg dezimierten Freihändlergarde auseinandersetzet. Diese schöpfte offensichtlich neuen Mut angesichts der unverhofften Unterstützung und setzte die eingekesselten Eindringlinge auch von der anderen Seite unter Druck.


    Im Vorrücken wollte Hector mit dem Granatwerfer anlegen, doch Konstantijn hielt ihn ab. »Zu viele eigene Leute. Lassen Sie die Garde ihre Arbeit machen.«


    »Das schert Sie, als Inquisitor?« fragte der Soldat. Er zuckte mit den Schultern, hängte sich die Waffe um und zückte ein langes Kampfmesser mit gezackter Klinger. »Besser?«


    Wortlos griff Konstantijn mit der linken Hand an die Hüfte und zog sein Schwert. Augenblicklich flammten violette Energieblitze um die schlanke, gebogene Klinge auf und wandten sich bis über seine silbernen Finger. Er nickte dem Soldaten zu. An seiner anderen Seite hörte er das Kettenschwert des Vostroyaners surrend aufheulen.


    Dann stürmten die drei, begleitet von Sergeant Salavas, aussen an den Inquisitionsgardisten vorbei und brachen in die Reihen der feindlichen Truppe ein. Auf einen punktuellen Nahkampfangriff schienen diese nicht gefasst gewesen zu sein. Ehe die vordersten Soldaten reagieren konnten, hatten Stepan und Salavas bereist zwei von ihnen ausgeschaltet. Hector hieb und stach geradezu rücksichtslos auf seine Gegner ein.


    Konstantijn fand sich einem Kampfservitor gegenüber. Der grauhäutige, ehemals menschliche Körper überragte ihn fast um zwei Köpfe und starrte aus roten Linsenaugen auf ihn herab. An beiden muskulösen Armen waren gewaltige Kettenschwerter montiert. In weiten Schwüngen, abwechselnd links und rechts, hieb der Maschinenmensch auf den Inquisitor ein, nicht darauf achtend, ob er Freund oder Feind traf. Knapp wich Konstantijn den kreischenden Ketten aus. Die Kampfmaschine holte zu einem weiteren Schlag aus. Konstantijn hechtete vor und stiess sein Schwert tief in die kybernetischen Eingeweide des Servitors. Die psionische Energie der Klinge entfuhr in seine Systeme und überlud sie, mechanische wie organische gleichermassen. Unter Zuckungen sank der Koloss in sich zusammen.


    Hector, der seinem Gegner gerade mit blossen Händen das Genick gebrochen hatte und den leblosen Körper fallen liess, nickte dem Inquisitor anerkennend zu.


    Inzwischen befand sich auch der grösste Teil der Inquisitionsgardisten im Nahkampf. Nur noch vereinzelt zuckten Laserimpulse durch das Gemenge. Die feindlichen Soldaten wurden mehr und mehr aufgerieben. Die Verluste unter den Gardisten dagegen waren gering. Konstantijn und Hector arbeiteten sich zur Treppe vor, jeden Gegner niedermachend, der es noch wagte, sich ihnen in den Weg zu stellen, während der Sergeant ihnen den Rücken freihielt, um sich wieder seiner Truppe anzuschliessen.


    Stepan war bereits einige Meter voraus, als drei der weissgerüsteten Soldaten ihn einkreisten. Kurz hielt er inne und sah von einem zum anderen. Dann führte er mit seinem Kettenschwert einen weit ausholenden Angriffsschlag aus. Sein Gegner parierte. Zugleich griff der zweite an. Mit einer Mischung aus Wildheit und Geschick gelang es dem Vostroyaner, sich aller drei zu erwehren. Seine beiden Begleiter erkannten jedoch, dass dies nicht allzu lange anhalten würde.


    Gerade als die beiden ihn erreichten, fällte Stepan den ersten der drei Soldaten mit einem mächtigen Hieb gegen die rechte Schulter, durch den das Kettenschwert sich tief in dessen Brust grub. Er benötigte einige Augenblick, um die Waffe aus dem niedergesunkenen Körper wieder freizubekommen. Die beiden andere nutzen dies aus und fielen über den Vostroyaner her. Hector war als erster bei ihm und rammte dem nächstgelegenen Feind sein Kampfmesser in den Nacken.


    Gleichzeitig stiess der zweite zu. Stepan versuchte auszuweichen, doch die Klinge fuhr ihm tief in die rechte Schulter und er ging zu Boden. Dann war Konstantijn da. Mit zwei, drei blitzschnellen Schwertstreichen trieb er den Soldaten zurück. Dessen Paraden waren grob und ungelenk. Offensichtlich war er nicht darin geübt, sich gegen Attacken zu verteidigen, die mit der linken Hand ausgeführt wurden. Er versuchte, diesen Mangel durch schiere Gewalt auszugleichen. Ein unerwartet heftiger Schlag schlug dem Inquisitor das Schwert aus der Hand.


    Konstantijn wich einen Schritt zurück und sammelte seinen Geist. Der Soldat hob das Schwert, um seinem vermeintlich entwaffneten Gegner den Todesstoss zu versetzen. Doch die silberne Hand fuhr in den Schlag, die Faust griff um die stählerne Klinge und zerdrückte sie wie einen Streifen Papier. Der Inquisitor wand dem Mann die Reste seiner Waffe aus der Hand. Dann ergriff er ihn am Kragen seiner Uniform, hob ihn in die Höhe und schleuderte ihn mehrere Meter weit von sich.


    Konstantijn achtete nicht darauf, wo der Soldat landen mochte. Rasch hob er sein Schwert auf und wandte sich wieder seinen Gefährten zu. Hector hatte Stepan derweil aus der Gefahrenzone unter die Treppe gezogen. Der Offizier presste beiden Händen auf seine Wunde. Dennoch quoll dunkles Blut daraus hervor und durchtränkte seine Uniformjacke.


    »Der Weg ist frei, macht das ihr wegkommt«, zischte er durch zusammengebissene Zähne. »Unsere Leute haben hier die Oberhand, ich komme klar.«


    »Reden Sie keinen Unsinn, Mann«, herrschte Konstantijn ihn an. »Wir wissen nicht, was uns da oben erwarten und sollen uns zu zweit da durchschlagen? Zeigen Sie her.«


    Damit zog er die Jacke herunter, schob die Segmente der Rüstung auseinander und betrachtete die Verletzung. Die Klinge musste an der Plattenrüstung abgeglitten sein und war tief in die Schulter unterhalb des Schlüsselbeins eingedrungen. Dabei hatte sie offensichtlich eine Ader verletzt. Das Blut rann in einem kontinuierlichen Strom hinaus.


    »Das wird wehtun«, sagte der Inquisitor.


    »Was auch immer«, entgegnete Stepan.


    Konstantijn legte seine linke Hand an die Schulter. Dann atmete er tief ein und aus und schloss die Augen. Er fühlte den Strom psionischer Energie in seinem Arm, leichter und stärker als gewöhnlich. Langsam schob er zwei Finger in die Wunde. Der Vorstroyaner stöhnte auf. Der Inquisitor konnte die verschiedenen Gewebearten erspüren, und den Schaden, den die Klinge angerichtet hatte. Dann berührten seine Fingerspitzen die verletzte Ader. Behutsam liess er die Energie fliessen, um das beschädigte Gewebe zum Wachstum anzuregen. Wenige Augenblicke später war das Gefäss verschlossen. Langsam zog Konstantijn die Finger zurück und liess dabei die Muskelfasern sich wieder verbinden. Zum Schluss blieb eine Lange, dunkelrote Narbe auf der Haut zurück.


    Der Inquisitor atmete tief durch und wischte sich den Schweiss von der Stirn. Das anstrengendste war gewesen, die psionische Energie auf dem richtigen Level zu kanalisieren, um nicht mehr Schaden als Nutzen anzurichten.


    Er sah sich um. Stepan hatte recht behalten. Die Inquisitionsgardisten hatten die Oberhand erlangt. Sämtliche Kampfservitoren waren zerstört. Von den feindlichen Soldaten lebte nur noch eine Handvoll und wurde von den Gardisten in Schach gehalten. Doch die Verluste unter Emanuels Männern waren ebenso gross.


    Konstantijn und Hector halfen Stepan auf die Füsse. Schmerz zuckte durch seinen rechten Arm, als er ihn bewegte, aber es war auszuhalten.


    »Die Wunde ist verschlossen, aber noch nicht komplett verheilt«, erklärte der Inquisitor. »Seien Sie vorsichtig.«


    Der Vostroyaner nickte dankbar. Sergeant Salavas kam hinzu. Er salutierte. »Situation unter Kontrolle. Die anderen Einheiten melden ebenfalls Erfolge.«


    »Sehr gut«, antwortete Konstantijn. »Halten Sie hier die Stellung, wir gehen ein Deck höher und suchen die Quelle des psionischen Ausbruchs.«


    Damit wandten die drei sich ab und erklommen die Treppe zum Gästedeck.




    (1) Friede

    (2) Der Warp

    (3) Psioniker

  • Stahl-Opa

    Hat den Titel des Themas von „Anton Kalen - Dem Abgrund entgegen - Kapitel XI [Roman]“ zu „Anton Kalen - Dem Abgrund entgegen - Kapitel XII [Roman]“ geändert.