Der blasse Adler

  • DER BLASSE ADLER


    Marshal Albrecht Kain stand auf der Brücke des Schlachtkreuzers Licht der Finsternis.

    Warnlumen tauchten die Kommandozentrale in rotes Licht. Eine Hand lag auf dem Griff seines Breitschwertes.

    „Status“, befahl er.

    „Das Gellerfeld wurde nicht durchbrochen, mein Lord“, antwortete die Erste Offizierin.

    Er lauschte dem Voxverkehr. Sie hatte recht – keiner seiner Trupps meldete das Eindringen von Nimmergeborenen oder anderen Warpgestalten.

    „Übertritt in den Realraum abgeschlossen“, meldete ein Servitor mit monoton, mechanischer Stimme.

    Das war knapp. Für einen Augenblick schloss er die Augen und murmelte ein kurzes Gebet an den Imperator. Ein Warpnotaustritt verlief selten erfolgreich. Doch sie waren in einem Stück in den Realraum übergesetzt – ein Umstand, den er nicht als Zufall betrachtete.

    „Wie ist die Lage im Navigatorium?“ voxte er.

    „47 Sekunden bis Ankunft“, antwortete Malric.

    Der Ordenspriester und seine Schwertbrüder waren unmittelbar nach dem Zwischenfall dorthin aufgebrochen. Ein Teil von Kain fragte sich, ob er zu viel von dem Navigator verlangt hatte. Er wandte sich den Augurkontrollen zu.

    „Irgendwas zu sehen?“

    Der Offizier blickte verunsichert zu Kain, dann wieder auf seine Bildschirme.

    „I… – Ich weiß es nicht, Lord“, stotterte er.

    Ein weiterer Black Templar trat einen Schritt vor.

    „Was soll das heißen?“ blaffte er den Mann an.

    „Die Sensoren, Herr – sie zeigen… nichts. Wir könnten inmitten einer feindlichen Flotte sein und würden es nicht sehen.“

    Die Stille auf der Brücke wurde nur von den Geräuschen der Servorüstungen der anwesenden Space Marines unterbrochen.

    „Ruhig, Castelan“, sagte Kain. Seine Stimme war ruhig, fast kalt.

    „Status der Deflektorschilde?“

    „Vollständig aufgebaut“, kam sofort die Antwort der ersten Offizierin.

    Kain betrachtete die Leere auf den Auspexanzeigen. Keine Signaturen. Keine Verzerrungen. Nichts, was der Warp hinterließ, war je wirklich leer.

    „Der Navigator ist kurz vorm Wahnsinn“, ertönte Malrics Stimme über das Vox. „Er stammelt wirres Zeug… spricht von Stille. Von etwas, das ihn anstarrt.“

    ***

    „Er ist weg, alles ist leer!“ schrie der Navigator.

    „Sein Licht ist erloschen, der Imperator hat uns verlassen. Wir wer—“ Weiter kam er nicht.

    Kain trat in das Navigatorium. Die Luft war kalt, das Summen der Servitoren die einzige Geräuschkulisse. Vor ihm lag der Navigator – leblos. Der Kopf war sauber von den Schultern getrennt.

    Malric stand daneben, das Cruzius fest in der Hand. Er hatte nicht gezögert.

    „Seine Worte waren reine Häresie“, sagte der Ordenspriester. Kein Ton von Bedauern. Nur Pflicht.

    ***

    Nach dem Vorfall zog sich Malric in die Kapelle zurück um zu Beeten. Nach einer Zeit, die niemand genau festlegen konnte, trat ein Primaris-Marine ein.

    „Ordenspriester“, sagte er.

    Malric wandte sich um. Musterung. Haltung. Stimme. Kein Zittern. Kein Eifer. Nur Kontrolle

    „Sprich, Bruder Severian.“

    ***

    Marshal Albrecht Kain stand im Strategium der Licht der Finsternis. Berichte waren eingegangen, doch sie lieferten keine neuen Erkenntnisse. Die Flotte trieb weiter im Nichts – blind, ohne Kurs.

    Die Mission – die Überführung der Primaris-Technologie – war gescheitert. Ungesagt, aber unausweichlich.

    „Lord Marshal“, durchbrach Malric die Stille.

    Kain sah, wie der Ordenspriester und ein Primaris-Bruder auf ihn zutrat.

    „Ordenspriester“, sagte er und musterte Malric fragend.

    Severian sprach.

    „Ich habe seit dem Navigatorium… gesehen.“

    Kain reagierte nicht sofort. Gesehen war ein gefährliches Wort.

    „Was?“

    Severian atmete langsam aus.

    „Keinen Traum. Keine Stimme. Keine Worte.“ Eine Pause.

    „Bilder.“

    Malric trat näher. Sein Blick ruhte scharf auf dem Primaris.

    „Beschreibe sie.“

    Severian zögerte – nicht aus Angst, sondern als müsse er die Eindrücke ordnen.

    „Kalter Stein“, sagte er schließlich.

    „Schwer. Still. Ein Körper, der nichts kennt als Zeit.“

    Er hob den Blick.

    „Gold. Nicht strahlend. Matt. Verwittert. Als wäre es vergessen worden.“

    Eine Pause.

    „Und ein Adler. Blass. Die Schwingen gesenkt.“

    Stille. Die Spannung im Strategium war greifbar.

    Kain spürte kein Aufbäumen, keinen Triumph. Nur ein leises Verschieben der Gewichte, als hätte etwas Unsichtbares seinen Platz verändert.

    „Ein Ort“, sagte Kain. „Kein Versprechen.“

    Severian nickte. „Ja, Marshal.“

    Malric sank auf ein Knie. „Der Imperator hat gesprochen.“

    Kain wandte sich den Konsolen zu. „Alle Augursysteme neu ausrichten. Langsame Abtastung. Maximale Reichweite. Keine Zielpriorisierung.“

    Dann, nach einer kurzen Pause: „Auf Severians Angaben.“

    Die Befehle wurden weitergegeben. Anzeigen flackerten. Daten liefen ein – unvollständig, bruchstückhaft.

    „Eine Struktur!“ rief ein Offizier.

    „Verborgen im Schatten eines kleinen Mondes.“

    Kain sah Severian nicht an. Noch nicht.

    Das Dröhnen transhumaner Stimmen vermischte sich mit den Rufen Sterblicher und dem Knistern der Datenaugmentierungen.

    Die Mission war gescheitert – und doch hatte sich ein Weg offenbart.