Zwei der drei Sonnen stiegen gerade über dem Horizont auf und tauchten die weiten Felder in orangenes Morgenlicht. Der Tau der Nacht lag noch auf den Blättern der riesigen Maispflanzen, als ein lauter Knall Edwin aus dem Schlaf riss.
Erschrocken sprang er aus seinem Bett und griff nach der altmodisch aussehenden Schrotflinte, die neben seinem Nachttisch an der Wand lehnte. Seine Frau hatte sich ebenfalls im Bett aufgerichtet und blickte ihn fragend an. Mit einer beschwichtigenden Handbewegung versuchte er sie zu beruhigen.
„Es ist sicher nichts, Schatz. Wahrscheinlich spinnt der Generator wieder. Ich schau mir das mal kurz an, wir wollen doch sicher warmes Wasser haben.“, dabei lächelte er ihr zu und drückte ihr einen Kuss auf die Stirn.
„In Ordnung. Ich weck schon einmal die Kinder. Sei bitte vorsichtig da draußen. Du weißt ja es gibt Berichte über Banditen in der Nähe.“, entgegnete sie ihm mit hörbarer Sorge in der Stimme.
„Ich pass schon auf mich auf.“
Mit diesen Worten zog er seine Stiefel an und schnallte sich die alte Flak-Weste um, die er aus der Zeit seines Militärdienstes behalten hatte. Sie war zwar schon mit einigen Laserschüssen bearbeitet worden, gegen unterbewaffnete Banditen hat sie bisher aber immer gereicht.
Leise schob er die Tür des kleinen Hauses auf und trat in die morgendliche Kühle hinaus. Vor ihm lagen die Maisfelder, deren Pflanzen im sanften Wind hin und her wippten.
Wie immer wirkte alles friedlich. Das Surren und Heulen der automatisierten Maschinen, die gerade auf die Felder fuhren, um die Erntearbeit der letzten Tage fortzusetzen, waren das Einzige, was er gerade hören konnte.
Sein Blick wanderte an den Feldern vorbei und blieb schließlich bei einem kleinen Waldstück hängen, über dem sich eine Säule aus grün-grau-schimmerndem Rauch gebildet hatte. Der Griff um die Schrotflinte wurde fester und Edwin prüfte noch einmal, ob die Waffe geladen war. Das war sie. Etwas beruhigter begann er ein paar Schritte auf das Waldstück zuzumachen. Der Rauch kam ihm merkwürdig vor. Er kannte die roten Rauchsäulen aus den Schmelzöfen, die blauen aus den Minen oder die schwarzen aus den Schloten der Kraftwerke. Solch eine grün-gräuliche Färbung war ihm jedoch unbekannt.
„Hallo! Ist da jemand? Ich bin bewaffnet!“, rief er in den Wald hinein, als er am Waldrand angekommen war. Sofort bereute er aber, dass er gerufen hatte. „Du Idiot! Jetzt wissen sie, dass du da bist…“, murmelte er leise in sich hinein.
Doch eine Antwort blieb aus. Vorsichtig und so leise wie möglich schob er sich an den dicken Stämmen der hochgewachsenen Bäume vorbei. Mit dem Lauf seiner Waffe schob er Blätter und Äste zur Seite und bahnte sich so langsam einen Weg durch das dichte Blattwerk.
Ihm war nicht wohl dabei und langsam begann er zu bereuen allein hierhergekommen zu sein. Plötzlich wich der frische Duft des morgendlichen Waldes dem Gestank von vermoderndem und verrottendem Blattwerk. Er rümpfte die Nase und trat unvermittelt aus dem dichten Blattwerk hinaus auf eine Lichtung. Bedrückender Gestank und ätzender Rauch vernebeltem ihm leicht die Sinne. Durch den grau-grünen Schleier meinte er jedoch erkennen zu können, dass in der Mitte der Lichtung ein etwa lastwagengroßes rundes Objekt lag. Es wirkte fast so, als würde von diesem Objekt eine Aura ausgehen, die der Umgebung die Lebenskraft entzog. Auch wenn er es nicht klar sehen konnte, meinte er doch zu bemerken, wie das Objekt pulsierte. Sein Griff umklammerte die Schrotflinte und er richtete sie auf das Objekt. Oh man, dieser Gestank!
Mit ein paar vorsichtigen Schritten hatte er schnell die Lichtung durchschritten und war am Objekt angekommen. Langsam umrundete er es. Wirklich: Es schien aus biologischem Material zu bestehen. Die einzelnen Platten des ovalen Objekts waren grau oder blau. Als er ein paar weitere Schritte machte, erstarrte er. Vor ihm lagen zwei Platten auf dem Boden. Es schien, als sei, was auch immer da drin gewesen war, bereits herausgekommen. Er bückte sich und betrachtete die Platten näher. Ein Schauer lief ihm über den Rücken. „Krallenspuren!“, zischte er leise und richtete sich schnell wieder auf. Mit der Schrotflinte im Anschlag sah er sich hastig um und machte sich langsam auf den Rückweg.
Es öffnete die Augen. Duft von Nahrung lag in der Luft. Mit einem Schlag seiner Klauen öffnete es die Wand. Wald lag draußen. Es krabbelte hinaus. Schnell, heimlich, leise. Niemand bemerkte es. Auf den Baum. Wartend.
Es waren mehrere, viele. Die Geschwister verteilten sich. Schwärmen aus. Suchen Nahrung. Bereiten vor. Bald wäre alles seins. Nein! Unser!
Rascheln im Wald. Menschenkreatur kommt heraus. Schaut in die Kapsel. Es ist ein guter Anfang, ein erstes Opfer, ein erstes Verschlingen. Es folgte ihr.
Edwin schlich langsam zurück Richtung Blattwerk. Er hatte dieses elende Gefühl nicht allein zu sein. Irgendwas beobachtete ihn. Er wusste nicht was, er wusste nicht wo. Er wusste aber, dass es da war. Sein Blick glitt über die Büsche, die langsam zu faulen begannen. Nichts. Dann blickte er auf und betrachtete die Baumwipfel. Nichts.
Schließlich erreichte er das Ende der Lichtung. Er blickte sich noch einmal um und hatte Glück. Mit einem Satz sprang er zur Seite, als eine Kreatur vor ihm landete, die ihn überragte. Vier Arme mit Krallen, ein Maul mit spitzen Zähnen und Augen so tiefgelb und bösartig, wie er sie noch nie gesehen hatte. Edwin machte panisch einen Satz nach hinten und stolperte über eine Wurzel, fiel rücklings zu Boden und starrte nun zitternd in die Fratze der Kreatur. Der graue Körper schimmerte merkwürdig lila und die Krallen in tiefstem rot. Instinktiv suchte sein Griff die Schrotflinte zu ertasten, die er im Fall losgelassen hatte.
Die Kreatur machte einen kleinen Schritt auf ihn zu und bohrte die Krallen seines linken Vorderarms tief in seinen Unterschenkel. Edwin schrie laut auf, was der Kreatur zu gefallen schien. Er spürte, wie er mit dem Schmerz auch gegen eine drohende Ohnmacht kämpfte. Sein Blut benetzte den Waldboden und das Wesen zog ihn langsam zu sich rüber. Das Maul bereit ihn zu zerreißen.
Seine Hand berührte etwas Metallenes. Sein Griff packte die Schrotflinte und richtete sie in einer fließenden Bewegung auf das Monster, das schreiend die Situation erkannte und seine Krallen aus seinem Bein riss. Schmerzverzehrt schrie Edwin erneut und feuerte einen Schuss auf die Kreatur ab. Diese kreischte, als der Schuss ihren linken Vorderarm vom Körper trennte und sie ein Stücknach hinten schleuderte. Schreiend und um sich tretend versuchte sich die Bestie aufzurichten.
Edwin griff erneut nach der Schrotfinte, die ihm wegen des Rückstoßes erneut aus der Hand geglitten war und setzte sich auf, um dem Vieh den Rest zu geben. Mit einer schnellen Bewegung hatte er erneut durchgeladen und schoss ein weiteres Mal auf die Kreatur, streifte dabei aber nur ihren Kopf.
Das Wesen schrie erneut auf, als der zweite Schuss ein Teil seines Kopfes wegriss und grünes Blut über die Lichtung verteilte. Es geriet erneut ins Taumeln, raffte sich dann aber zusammen und stürmte ins Unterholz, wo Edwin es aus dem Blick verlor.
„Schnell zurück…“, schoss es ihm durch den Kopf. „Wir müssen hier weg…“
Mit gesammelten Kräften schaffte er es sich aufzurichten. Die Schrotflinte diente ihm dabei als Stütze. Langsam schlich er zurück in den Wald, in die Richtung, aus der er gekommen war.
Nach kurzer Zeit erreichte er den Waldrand und vor ihm eröffnete sich der weite Blick über die Maisfelder und Häuser, die noch immer im aufgehenden Licht der Sonne orange leuchteten. Es wirkte friedlich.
Fast schon wollte er erleichtert aufatmen, als er bemerkte, dass aus den anderen Waldstücken, die er von hier erblicken konnte, mehrere dieser Kreaturen herausströmten. Es waren mehrere… nein viele! Sie wirkten wie ein Schwarm, der sich aufmachte, um Futter zu suchen. Entsetzt blickte Edwin zu seinem Haus und sah, wie aus dem Waldstück dahinter Kreaturen hervorkamen. Scharenweise. Er schrie auf und wollte losrennen, als er einen stechenden Schmerz in seinem Rücken spürte. Blut floss ihm aus dem Mund und benetzte den Boden, als er in die Luft gehoben wurde. Langsam drehte er sich um und blickte in das letzte verbliebene gelbe Auge der Kreatur. Die Schrotflinte entglitt seinen kraftlosen Fingern und fiel in das feuchte Gras. „Du Mistvieh…“, zischte Edwin dem Wesen entgegen. Dieses blickte ihn bösartig an und biss ihm den Kopf ab. Dann schleuderte es seinen leblosen Körper hinunter in die Ebene. Mit einem dumpfen Schlag landete der Leichnam vor einem großen Schild, auf dem ein gigantischer Maiskolben abgebildet war.
In gelben fröhlichen Lettern war zu lesen: „Willkommen in Tayn – Sektor Prius 23x-c schönster Perle!“