Ad bestias [(Dark-)Eldar-Roman] - Kapitel X fertig

  • In den folgenden Tagen durchstreiften Margil und Ydrir stundenweise die Palastfestung und versuchten, so viel wie möglich über die Abläufe und Tätigkeiten von Quisars Elitetruppen herauszufinden. Ihre Quartiere, so viel konnte Anathúriel ihnen sagen, befanden sich in den Ebenen unmittelbar unterhalb der fürstlichen Räume in der Sturmspitze. Hier hatten sie auch ihre Rüstkammern, Trainingshallen und Vergnügungsgemächer. Nur dem Hohen Archon und seiner Familie stand mehr Luxus zur Verfügung als den Fleischgeborenen. Und nur die Räume des Hohe Archons waren besser bewacht.


    Immerhin, nach wenigen Tagen war es Margil gelungen, Firondhirs Kleidung und Ausrüstung mitzubringen. Er hatte sie in einem Lagerraum bei den Zellen unterhalb des Amphitheaters gefunden. Firondhir breitete seinen schwarzen Mantel auf der Polsterbank aus und begutachtete die Inhalte der hellledernen Reisetaschen. Alles war da, nur seine Shurikenpistole fehlte. Er versuchte sich zu erinnern, ob er sie beim Kampf auf der Brücke gezogen hatte und sie dort verloren gegangen war. Doch er konnte nicht.


    Dann legte er ein längliches Futteral aus dem gleichen schwarzen Material wie sein Mantel vor sich, öffnete die silbernen Verschlüsse und faltete den Stoff auseinander. Zum Vorschein kam der geschwungene, elfenbeinfarbene Schaft eines Gewehres. Durch eine Berührung mit der Handfläche schob sich der Kolben aus. Dann tippte er mit zwei Fingern auf die konische Laufmündung, worauf der weiße Lauf wie ein Schilfrohr zu voller Länge wuchs. Aus einer Innentasche des Futterals holte er ein Zielfernrohr und setzte es auf das System. Zuletzt justierte er den Gyrostabilisator unter dem Schaft. Prüfend nahm er die Waffe in einen stehenden Anschlag.


    „Du verwendest keine Zieloptik?“ fragte Margil verwundert.


    „Nein“, antwortete Firondhir. „Nur die Visierung und meine Augen.“ Er legte das Gewehr wieder auf die Bank. Interessiert betrachtete Anathúriel die Waffe.


    „Es dauert lange, bis es schussbereit ist“, stellte sie fest.


    „Das stimmt. Aber der Weg bis zur besten Schussposition ist oft langwierig und mühsam. In voller Größe wäre das Jagdgewehr dabei hinderlich und könnte Schaden nehmen.“


    Er schob die Waffe wieder zusammen und verschloss die Hülle.


    Dann zog Margil noch etwas aus seiner Tasche hervor. „Das hier habe ich auch gefunden.“


    Er hielt einen ovalen, glattpolierten Edelstein von der Größe eines Hühnereis in der offenen Hand. Der Stein war von rotorangener Farbe, doch matt und dunkel. Firondhir nahm ihn entgegen. Er setzte sich etwas abseits auf die Polsterbank, niedergebeugt, die Arme auf den Knien, den Stein mit beiden Händen umschlossen.


    Anathúriel betrachtet ihn verwundert und nachdenklich, mitfühlend, hätte sie dieses Wort gekannt.


    „Was ist das?“ fragte sie Margil leise. Der wandte sich ab und antwortete nicht.


    „Illurayons Seelenstein“, antwortete Ydrir an seiner statt.


    „Ydrir! Was fällt dir ein!“ zischte Margil ihn an.


    „Was willst du? Sie gehört zu uns“, gab er zurück. Anathúriel sah ihn fragend an. „Wir sprechen zu Außenstehenden nicht darüber. Jeder von uns hat einen eigenen CarrecEnad“, begann Ydrir zu erklären. „Er nimmt unsere Seele auf, wenn wir sterben. So schützen wir uns vor Ihr, die Dürstet. Es ist das kostbarste, was jeder von uns besitzt. Aber dieser Seelenstein ist leer.“


    Anathúriel dachte zurück an den Abend in Quisars Festsaal. Und an ihr erstes Gespräch mit Firondhir. Jetzt verstand sie, was er damals gemeint hatte. Was taten die Drukhari, um sich vor diesem Schicksal zu schützen? Sie versuchten, dem Tod zu entgehen, indem sie das Leben anderer nahmen. Sie belebten ihre eigenen schwindenden Seelen mit denen anderer. Das war eine unausweichliche Notwendigkeit und das natürliche Recht ihres Volkes. Die Überlegenen erhalten und erfreuen sich auf Kosten der niederen Kreaturen der Galaxis. Bisher hatte sie keinen Grund gesehen, daran zu zweifeln, geschweige denn etwas daran ändern zu wollen.



    Spät am Abend saß Anathúriel auf ihrem Bett und kämmte ihre langen, purpurroten Haare. Mit einem Mal glaubte sie eine Melodie zu vernehmen. Sie hielt inne. Ihr war, als hätte sie sie schon einmal gehört. Sie saß da und lauschte, bis die Musik zu Ende war. Dann legte sie den Kamm weg, stand auf und trat hinaus in den Hauptraum.


    Firondhir saß auf der Polsterbank, vornübergebeugt, die Ellenbogen auf die Knie gestützt. In den Händen hielt er eine kurze, silberne Flöte, die er nachdenklich hin und her drehte. Anathúriel setzte sich zu ihm. Er schaute auf.


    „Ich hoffe, ich habe dich nicht geweckt“, sagte er. Seine Stimme klang seltsam weich.


    „Nein“, antwortete sie. „Warst du das eben?“


    Er zeigte ihr die Flöte. Sie war dünn wie ein Finger, glänzend silbern und hatte sechs Löcher in der unteren Hälfte. „Auf dem Pfad des Musikers bin ich nie weit gekommen“, antwortete er.


    „Ich weiß nicht, was das heißt“, entgegnete Anathúriel, „aber mir hat es gefallen. Lernt man so etwas auf den Weltenschiffen?“


    „Man kann alles lernen, was man will. Macht hier niemand Musik?“


    Anathúriel überlegte kurz. „Nicht so. Es gibt Trommeln, Zimbeln und Gongs, bei Arenakämpfe und Tanzvorführungen. Die werden aber von Sklaven geschlagen. Bitte spiel nochmal.“


    Firondhir folgte ihrer Bitte. Die Melodie war kurz und bestand aus einem einfachen Auf und Ab der Töne und wenigen, langsamen Sprüngen. Anathúriel erschien es, als würden sie eine Geschichte erzählen.


    „Bedeutet es etwas?“


    „Nur was du darin hörst.“


    Einen kurzen Moment schwiegen beide.


    „Warst du das, in… dem Alptraum?“


    „Was meinst du?“


    „In der Nacht vor ein paar Tagen. Als…“ Sie stockte. Der Gedanke an das Entsetzen schnürte ihr die Kehle zu, als müsste sie wieder in Tränen ausbrechen.


    „Da habe ich diese Melodie gesummt. Mich beruhigt sie.“


    Anathúriel holte tief Luft. „Ja. Aber das meine ich nicht. Es war jemand da. Ein Schatten. Er hat mich zurückgehalten. Ich wollte zu IHR gehen. Ich konnte nicht anders, ich wollte es. Aber er hat mich zurückgehalten.“


    Sie schlug die Hände vors Gesicht. Ihr ganzer Körper bebte. Zögernd legte Firondhir einen Arm um ihre Schultern. Sie lehnte sich an seine.


    „Als ich dazu kam, war SIE schon weg. Ich weiß nicht, was es war. Ich war es nicht. Aber wir können dankbar sein, dass du einen Schutzgeist hattest.“


    Firondhirs Blick fiel auf ihren Scheitel. Am Haaransatz zeigte sich unter dem purpurrot ein kastanienbrauner Streifen. „Das ist also deine echte Haarfarbe“, bemerkte er.


    Anathúriel nahm den Themenwechsel dankbar an. Sie wischte sich das Gesicht mit einem Zipfel ihres langen, dunkelblauen Nachtkleides ab. „Das weiß ich gar nicht mehr so genau. Aber ich habe in den letzten Tagen wohl das Färbemittel vergessen.“


    „Warum tust du das überhaupt? Die Naturfarbe ist viel schöner.“


    Sie lächelte. „Purpurrote Haare sind Tradition im Kult. Obwohl man als Bestienmeister nicht wirklich dazu gehört.“


    „Wozu gehörst du dann?“


    „Zum Haus DorchaKerun.“ Doch in dem Moment, in dem sie es aussprach, wurde ihr bewusst, dass es nicht der Wahrheit entsprach. Firondhir sah sie prüfend an. „DEM Haus DorchaKerun trifft es wohl eher“, seufzte sie.


    Wieder schwiegen sie eine Weile.


    „Darf ich den Seelenstein sehen?“ fragte Anathúriel.


    Firondhir holte den Stein aus einer Tasche seiner Jacke und hielt ihn ihr in der flachen Hand hin. Anathúriel streckte die Finger aus, hielt aber inne und schaute Firondhir fragend an. Der nickte zustimmend. Als ihre Fingerspitzen die polierte Oberfläche berührten, glommen für einen Moment orangene Funken auf. Erschrocken zog sie die Hand zurück.


    „Was habe ich gemacht?“ fragte sie.


    „Ich weiß es nicht.“ Firondhir war nicht weniger verwundert als sie selbst. „Seelensteine sind nur auf den Geist ihres Trägers abgestimmt. Ein bewohnter Stein könnte auf die Berührung einer Dainnar reagieren, aber dieser…“


    „Illurayon und du, wart ihr… wart ihr ein Paar?“


    Firondhir lachte leise. „Wir kannten uns sehr lange und ich verdanke ihm viel. Aber nein, nicht so wie du meinst.“


    „Gut“, sagte sie mit Erleichterung. Dann legte sie ihre Arme um seinen Nacken, zog ihn zu sich heran und küsste ihn. Firondhir erstarrte einen kurzen Moment vor Überraschung, doch danach machte er keine Anstalten, sie zurückzuweisen.


    „Du nimmst dir, was du haben möchtest“, lächelte er, nachdem sie ihn wieder losgelassen hatte.


    „Ich bin eine Drukhari“, entgegnete Anathúriel sanft. „Ich nehme mir immer, was ich will.“


    „Und ich gebe es dir gerne.“ Firondhir nahm sie in die Arme und erwiderte den Kuss.


  • Kapitel IX



    Als Margil früh am nächsten Morgen den Hauptraum betrat, fand er dort nur das Hemd vor, das Firondhir am vergangenen Tag getragen hatte. Er hatte vermutet, dass er, nachdem er ihm Illurayons Seelenstein gebracht hatte, lieber für sich alleine sein wollte, und deshalb nicht im Gästezimmer übernachtet hatte. Anscheinend war das Gegenteil der Fall.


    „Ich hoffe, du weißt, was du tust“, sagte Margil für sich. „Und ich hoffe, das bringt uns nicht noch Schwierigkeiten ein.“


    „Wo ist Firondhir?“ Ydrir war aus dem Gästezimmer getreten.


    „Das erkläre ich dir, wenn du älter bist“, sagte Margil.


    Ydrir sah ihn verständnislos an. „Was denkst du, wie alt ich bin?“


    Margil lachte. „Komm Junge, wir haben Arbeit.“



    Die unterste Ebene der Kabaliten-Quartiere öffnete sich zu einem ausladenden Laubengang, der auf den Arenagarten hinunterschaute. Von den tiefer liegenden Wohnetagen konnte er durch eine waghalsige Kletterpartie entlang von Balkonen, Erkern und Simsen erreicht werden. Margil hatte den Weg in den vergangenen Tagen in akribischer Kleinarbeit ausgetestet, immer auf der Hut vor Harpyien oder Hellions. Aber die schienen sich nicht in diesem Bereich aufzuhalten. So erreichte er auch jetzt unbehelligt den Laubengang.


    Bevor er sich über das Geländer schwang, versicherte Margil sich, dass keine Kabalenkrieger in der Nähe waren. Ein halbes Dutzend offene Korridore mündeten in die Galerie, doch in keinem regte sich etwas. Er nahm eine kleine, metallisch grau glänzende Spindel von seinem Gürtel, die sich auf dem Weg hinauf zu einem Seil entrollt hatte. Er befestigte das Ende an der Balustrade. Ydrir, der ein weniger gewandter Kletterer war, folgte wenige Augenblicke später, sich an der gespannten Hilfe festhaltend. Nachdem Margil ihn auf den Laufgang gezogen hatte, löste Ydrir das Seil von seinem Gürtel und reichte Margil das Ende. Mit einer lockeren Handbewegung brachte der es dazu, sich von selbst wieder aufzurollen, bis die Spindel wieder ein glatter Körper war.


    „Und wie geht es jetzt weiter?“ fragte Ydrir.


    „Wir suchen eine Rüstkammer, besorgen uns zwei Kabalenrüstungen und spazieren zur Vordertür hinaus.“


    „Das klingt zu einfach, um zu funktionieren.“


    „Deshalb vertraue ich auf deine Intuition.“


    Die beiden stahlen sich durch die verwinkelten Gänge und Gassen. Öfter als ihnen lieb war, mussten sie den Bewohnern ausweichen, sich in Sackgassen verbergen oder andere Abzweigungen und Umwege nehmen. Margil hatte nicht geprahlt, als er über Labyrinthe gesprochen hatte. Sein Sinn für Richtung brachte sie immer wieder zu ihrem ursprünglichen Weg zurück. In der Zwischenzeit entstand in Margils Geist ein immer genaueres Bild der Anlage, die sich über mehrere Ebenen erstreckte, dabei aber keine geschlossenen Etagen bildete, sondern durch kreuz und quer verlaufende Brücken, Galerien und Emporen die Räume verband.


    Die Strukturen brachten Margil recht bald auf die richtige Spur. Ein großer, mehrere Ebenen hoher Komplex stellte sich als eine Trainingshalle heraus. Über einen Torweg gelangten sie auf eine Galerie, die an vier Seiten den hohen, fünfeckigen Saal umlief und dann am Kopfende über Wendeltreppen hinunter auf den gefliesten Kampfplatz führte. Hinter den in sich gewundenen Säulen verborgen, beobachteten die beiden Ranger eine ganze Truppe von Kabalenkriegern, die mit langen, gebogenen Kampfmesser gegeneinander fochten. Dabei schien jeder gegen jeden zugleich zu kämpfen.


    Fasziniert verfolgte Ydrir das Geschehen. Die Krieger bewegten sich so schnell, dass er mit den Augen kaum folgen konnte, doch nicht schnell genug, als dass ihre jeweiligen Opponenten die Angriffe nicht hätten parieren können. Es sah so elegant aus, jede Bewegung präzise und fehlerlos. Himmelblaue Stoffbahnen und Helmbüsche wie aus Kupferdraht umwehten die Drukhari mit jeder Bewegung, als würden sie tanzen. An den Kanten der schwarzen Rüstungsplatten brach sich das spärliche Licht in grün und orange und ließ die Gestalten zu irisierenden Schemen verschwimmen.


    „Beeindruckend“, flüsterte er. „Sind unsere Aspektkrieger auch so geschickt?“


    „Geh in einen Schrein des Asurmen und finde es selbst heraus“, antwortete Margil leicht gereizt. „Komm, wir haben anderes zu tun. Lass uns sehen, wo sie die Rüstungen aufbewahren.“


    Doch Ydrir konnte sich von dem Anblick nicht losreißen. Margil musste ihn am Arm fassen und mit sich ziehen. Sie umrundeten die Halle auf der Galerie. Eben als sie am anderen Ende durch einen weiteren Torbogen einen Nebenraum betreten wollten, standen sie ohne Vorwarnung einem Kabalenkrieger gegenüber, der gerade die Wendeltreppe heraufkam war.


    Eine Sekunde lang standen alle drei starr vor Überraschung. Dann riss der Drukhari wortlos sein Splittergewehr in die Höhe und legte auf die Ranger an. Doch zum Schießen kam er nicht mehr. Ehe er auslösen konnte, trafen ihn zwei Wurfklingen in den Spalt zwischen Helm und Brustpanzer. Röchelnd ging er zu Boden, stürzte rücklings die Treppe hinunter und schlug auf den Fliesen auf. Ydrir sah Margil überrascht an.


    „EsikCaman“, sagte der knapp. „Ich sagte doch, geh in einen Schrein.“ Er stieß Ydrir hinter eine Säule und presste sich selbst in die Nische des Torbogens, das Geschehen unter ihnen im Blick haltend.


    Unten in der Halle begann der Tumult. Die Kabaliten ließen von ihren Übungen ab, liefen zu ihrem gefallenen Kameraden und richteten die Aufmerksamkeit auf die Galerie. Einer deutete mit einem Ausruf nach ob, in Richtung der Ranger.


    „Weg hier!“ rief Margil.


    Die beiden rannten los, erreichten wieder den Durchgang und gelangten auf eine Bogenbrücke, die sich quer über einen mehrere Stockwerke hohen Lichtschacht zwischen der Trainingshalle und den benachbarten Gebäuden zog. Sie hatte beinahe die andere Seiter erreicht, als dort drei weitere Kabalenkrieger auftauchten und sich ohne Vorwarnung unter Feuer nahmen. Die Ranger warfen sich zu Boden. Einige Splittergeschosse verfingen sich in den weiten Falten ihrer Mäntel oder streiften die Platten ihrer Rüstungen. Aber auch wenn sie sich bei jedem Treffer von selbst verhärteten, waren sie nicht dafür gemacht, so einem Beschuss lange standzuhalten. Denn nun näherten sich die Krieger aus der Trainingshalle von der anderen Seite. Während die Kristallsplitter über seinen Kopf zischten, blickte Margil über den Rand der Brücke.


    Ungefähr eineinhalb Ebenen tiefer ragte eine offene Dachterrasse aus einer benachbarten Fassade. Margil stieß Ydrir an und deutete auf seine Entdeckung. Ydrir nickte. Sie warteten noch einen Moment, dann hechteten sie über das Geländer und landeten mehr schlecht als Recht auf der Terrasse. Zu ihrem Glück stand die Tür zum angrenzenden Appartement offen. Sie hasteten durch den Raum, ohne von dem überrumpelten Bewohner Notiz zu nehmen. Eine weitere offene Tür führte die Ranger wieder auf einen umschlossenen Korridor.


    „Wohin jetzt?“ fragte Ydrir außer Atem.


    Margil hielt kurz inne, um sich zu orientieren. „Da lang“, sagte er.


    Sie eilten durch die Flure. Irgendein Alarm musste ausgelöst worden sein, denn aus allen Richtungen waren Rufe und eilende Schritte zu hören. Margil bog scheinbar willkürlich in beliebige Gänge ein. Schon nach kurzer Zeit hatte Ydrir völlig die Richtung verloren. Doch dadurch gelang es ihnen, den Kabaliten aus dem Weg zu gehen. Trotzdem konnte der junge Ranger spüren, dass sie immer näherkamen und sie einkreisten.


    Mit einem Mal öffnete sich vor ihnen wieder die Außengalerie.


    „Und jetzt?“ fragte Ydrir.


    Im selben Moment schlugen Splittergeschossen an der Wand neben ihnen ein. Margil fühlte, wie sein Anzug sich an seiner linken Schulter verhärtete.


    „Jetzt verschwinden wir“, sagte er und stieg auf die Balustrade.


    Wenige Sekunden später stürmten Kabalenkrieger aus drei Korridoren auf den Balkon. Von den Eindringlingen war keine Spur. Drei oder vier lehnten sich über das Geländer, die Gewehre im Anschlag, suchte die Fassade neben und unter ihnen ab und späten hinter in den Garten. Nichts war zu sehen. Ein Sybarit mit hohem Helmbusch, knisterndem Energiesäbel und gezogener Splitterpistole kam hinzu.


    „Nichts“, meldete einer der Krieger.


    „Sie müssen noch irgendwo drinnen sein“, sagte der Truppführer. „Zwei Mann als Wache.“ Dann verschwand er mit den übrigen Kabaliten wieder im Inneren des Turms.


    Margil und Ydrir lagen bäuchlings auf dem schmalen Vordach des Balkons. Mit einiger Mühe gelang es ihnen, sich an der gewellten, leicht aufgebogenen Dachtraufe abzustützen, um nicht die Dachschräge hinunterzurutschen. Ihre Mäntel hatten sie bis zum Kragen geschlossen und die Kapuzen tief ins Gesicht gezogen, um nicht aus der Luft in dieser verwundbaren Position entdeckt zu werden. Langsam, um kein Geräusch zu verursachen, wechselte Ydrir seine Position, um über die Dachkante zu spähen. Mit den Fingern signalisierte er Margil die Zahl der zurückgelassenen Wachen. Der nickte und bedeutete ihm mit einem Handzeichen, zurückzukommen. Verärgert biss er die Zähne aufeinander. Hier war eine Chance, mit der Überraschung und dem Angriff von Oben auf ihrer Seite, sich zweier Kabalenrüstungen zu bemächtigen und die Besitzer verschwinden zu lassen. Aber daran war jetzt nicht mehr zu denken. Seine linke Schulter brannte wie Feuer und der Arm begann taub zu werden.


  • Quisar kniete neben dem blauköpfigen Falkenhund und hielt ihn an einer kurzen Kette an seinem schwarzglänzende Brustgeschirr fest. Das Tier gebärdete sich höchst erregt, kreischte und zerrte.


    „AmRillith“, rief er und löst die Leine.


    In der Mitte des Amphitheaters beförderte eine Bodenluke eine Kreatur ans Licht, die einer kindergroßen, jedoch fell- und schwanzlosen Springmaus ähnelte. Verwirrt und verängstig sah das Wesen sich um. Dann wurde es des schwarzen, vogelköpfigen Raubtieres gewahr, das auf es zugestürmt kam. Das Geschöpf stieß einen panischen Quieklaut aus, und flüchtete hüpfend in Richtung der Terrassengärten. Doch der Felchu brauchte nur wenig Augenblicke, um es zu erreichen. Er sprang dem Wesen in den Rücken und warf es zu Boden. Jämmerlich quiekend versuchte es, seine kurzen Ärmchen schützen über den Kopf zu legen. Doch der Falkenhund hieb ihm seinen spitzen Hakenschnabel in die Schädelbasis und das Wesen lag still.


    „AmUisar“, befahl Quisar. Augenblicklich ließ der Jagdfalke von seiner Beute ab und kehrte zu seinem Herrn zurück. Quisar leinte ihn wieder an und trat zurück an den Rand des Feldes, wo Sirqa wartete, und neben ihr Anathúriel mit den übrigen fünf Tieren.


    „Siebzehn“, sagte Quisar triumphierend zu seiner Schwester. „Und so schnell wie keins bisher.“


    Sirqa lächelte spöttisch. „Ist es Zufall, dass du stets die wehrlosesten Ziele bekommst?“ Sie wandte sich der Bestienmeisterin zu. Die reichte ihr die Leine des grünfedrigen Felchu. Sirqa betrat das Feld und gab den Befehl, das Ziel freizulassen.


    Es war ein sehniger, olivhäutiger Zweibeiner mit einem schnabelartigen, überstehenden Unterkiefer. Anders als das vorherige Opfer schien er von dem Raubtier weniger beeindruckt zu sein. Jedenfalls machte er keine Anstalten, die Flucht zu ergreifen. Er stieß ein heiseres Krächzten aus und stellte drohend die langen Hornstacheln auf seinen Scheitel auf. Der Falkenhund ließ sich davon jedoch nicht in seinem Angriff aufhalten. Als er sprang, warf die Beutekreatur sich ihm entgegen und versetzte ihm einen Schlag mit ihrer klauenbewehrten Hand.


    Der Jagdfalke fiel zu Boden, überschlug sich und stand wieder auf den Füßen. Er machte sich bereit wieder anzugreifen, doch Sirqa befahl ihn zurück. Einen Moment schien das Tier unschlüssig, drehte den Kopf zwischen der Beute und seiner Herrin hin und her, gehorchte aber dann dem Befehl.


    Quisar sah seine Schwester verwundert an. Das Ziel stand immer noch höchst lebendig in der Mitte des Amphitheaters. Mehr als eine Schramme am Oberschenkel hatte der Felchu ihm nicht beigebracht. Das Wesen krächzte erneut drohend und tänzelte, den Kopf zur Seite gelegt, von einem Bein aufs andere, als würde es seine Chancen abschätzen, die beiden Drukhari zu attackieren.


    Für einen Moment ging Quisar der Gedanke durch den Kopf, die Kreatur augenblicklich von seinen Kabalenkriegern erschießen zu lassen. Doch eher er etwas sagen konnte, begann das Wesen laut zu kreischen und sackte wie in Zeitlupe in sich zusammen. Krämpfe durchliefen den sehnigen Körper. Das Geschöpf wälzte sich am Boden, trat und schlug um sich. Seine Qual ergoss sich wie ein plötzlich einsetzender warmer Sommerregen über die beide Drukhari. Begierig sog Quisar jeden Tropfen auf. Endlose Minuten verstrichen, ehe die Laute erstarben und die Kreatur sich nicht mehr regte.


    „Achtzehn“, sagte Sirqa süffisant.


    Quisar sah sie halb missbilligend, halb anerkennend an. „Das war gegen die Regeln.“


    „Du machts deine Regeln, ich mache meine“, entgegnete sie.


    Er beugte sich nieder und untersuchte den Falkenhund. „Ich hoffe, dein Gift schadet den Tieren nicht.“


    „Nein, sie unbesorgt. Ich habe es genauso abgestimmt, dass ihr Körper es nicht aufnimmt. Und meiner und deiner natürlich auch nicht. Für andere Aeldari“, fügte sie mit einem Seitenblick auf Anathúriel hinzu, „kann ich das allerdings nicht garantieren.“


    „Das können wir gleich einmal erproben“, sagte Quisar. „Anathúriel.“ Sie erschrak, bemühte sich aber intensiv darum, sich nichts anmerken zu lassen. „Das nächste Ziel ist für dich. Wähle einen der Felchu aus.“


    Mit klopfenden Herzen trat Anathúriel vor. Ohne lange zu überlegen, ergriff sie die Leine des graugefleckten, purpurgefiederten Weibchens. Missliebig sah Sirqa die Bestienmeisterin an, wusste jedoch, dass es jetzt keinen Sinn hatte, mit Quisar eine Diskussion über Standesgrenzen zu beginnen. Sie öffnete eine weitere Phiole und träufelte den weinroten Inhalt auf die Klauen des Tieres.


    Anathúriel nahm den Startplatz ein. Die Gedanken wirbelten durch ihren Kopf. Wollte Quisar sie testen? Wozu? Die Falkenhunde gehorchten aufs Wort. Sie erfüllte ihren Dienst als Bestienmeisterin, sie hatte alle Gründe, an ihr zu zweifeln, ausgeräumt. Und warum sträubte es sich in ihr jetzt so sehr, sich an diesem Spiel zu beteiligen? Sie hatte doch schon unzählige Male wilde Tiere auf Beutekreaturen gehetzt und nie etwas anderes dabei gefühlt, als die Anspannung und Leidenschaft der Jäger zu teilen.


    Jetzt erschien das Ziel in der Arena, zweibeinig, schlank und hochgewachsen. Ein Aeldari. Anathuriel ließ den Jagdfalken los und wünschte sich im nächsten Augenblick, sie hätte es nicht getan. Es war eine Frau. Sie trug nur ein schlichtes, schmutziges Hemd, doch ihre purpurrot gefärbten Haare zeichneten sie als Hagashîn ihres Kultes aus. Doch die ehemals langen Flechten waren fransig abgeschnitten, ein Zeichen der Ungnade. Anathúriel kannte sie nicht, doch sie spürte, wie sich die Blicke der Arenakämpferin voll Verachtung in ihre Brust bohrten. Trotzdem, jede einzelne, endlose Sekunde, die der Felchu auf seine Beute zu jagte, drängte es in ihr, ihn zurückzurufen. Anathúriel tat es nicht. Diese Hagashîn hätte sie selbst sein können, und sie würde an ihrer Stelle stehen, wenn sie Quisar auch nur den geringsten Anlass für Zweifel gab.


    Die Gegenwehr der Hagashîn währte nur Sekunden. Noch während sie mit dem Jagdfalken rang, entfaltete das Gift seine Wirkung in der gleichen Weise wie schon zuvor bei der Echsenvogel-Kreatur. Anathuriel gab dem Falkenhund das Kommando, von der Beute abzulassen. Das Weibchen gehorchte und stolzierte erhobenen Hauptes zu der Bestienmeisterin zurück. Anathúriel fühlte sich elend. Sirqa dagegen klatschte zufrieden in die Hände.


    „Unsere Mutter wird erfreut sein“, sagte Quisar.


    „Was?“ entfuhr es Anathúriel überrascht.


    Sirqa trat neben ihren Bruder. „Gibt es etwas, das du mir noch nicht erzählt hast?“


    Quisar antwortete: „Diese ordinäre Hekatrix hat geprahlt, sie hätte mit unserem Vater angebandelt und würde ein Kind von ihm erwarten.“ Er fasst den Griff seines Messers und ging zu dem Leichnam. „Wir können ja einmal nachsehen, ob sie die Wahrheit gesprochen hat.“



    „Alles, was gut und schön ist, nehmt ihr euch und zerstört es zu eurem Vergnügen.“ Firondhirs Worte waren Anathúriel jäh wieder in den Sinn gekommen. Und nun hatten sie sich festgesetzt, während sie durch die labyrinthischen Treppen, Brücken und Korridore zurück zur ihrer Wohnebene wanderte.


    Wie recht er hatte. Die Felchu waren bemerkenswerte Geschöpfe, geborene Jäger. Sie waren es schon immer gewesen. Ihr war es um die Perfektion gegangen. Die Perfektion, die Tiere zu kontrollieren und zu führen. Dass sie damit ein anderes Ethos verfolgte als die meisten Bestienmeister, war ihr schon immer bewusst gewesen. Sie hatte ihre Arbeit immer für etwas Schönes gehalten. Aber diese Spielereien hatten nichts mit der vollendeten Jagdkunst zu tun, die dieser selbsternannte Nachkomme Kurnous für sich in Anspruch nahm. Nichts mit dem, was in der Natur dieser Tiere lag.


    Aber sie musste sich eingestehen, dass das nur die halbe Wahrheit war. Sie war eine Drukhari, das konnte sie nicht von sich weisen. Es war ihr gleichgültig gewesen, wer oder was die Jagdbeute war. Nur die Herausforderung zählte. Und das belebende Hochgefühl, wenn die Beute erlegt war. Das verspürte sie immer noch. Aber inzwischen war es ihr zutiefst zuwider. Und nicht nur das. Das hassverzerrte Gesicht der Hagashîn ging ihr nicht mehr aus dem Sinn. Anathúriel wusste, dass ihre Abscheu auf sie gerichtet war, auf Quisar, auf alles und jeden. Und sie selbst hatte keinen Grund gehabt, ihr gegenüber irgendetwas anders zu empfinden. Doch es war nicht so. Anstatt Genugtuung darin zu finden, dass sie nicht an ihrer Stelle war, dass ihr Ende dafür sorgte, dass sie ihre Position in der Gunst des Archons festigen konnte, hatte sie – ja, was? Anathúriel konnte dem Gefühl keinen Namen geben, sie hatte kein Wort dafür.


    Wie es dazu gekommen war, konnte sie sich nicht erklären, und sie hätte sich nie auch nur träumen lassen, jemals zu solch einem Sinneswandel zu gelangen. Jetzt noch mehr als zuvor blieb nur noch eines: Sie musste fort von hier, so schnell wie nur möglich.



  • Margil konnte kaum noch laufen, als die beiden Ranger endlich Anathúriels Suite erreichten. Die Lähmung hatte sich von seiner Schulter in den linken Arm ausgebreitet und begann nun das Beim hinunter zur kriechen. Das Atmen fiel ihm schwer und die Schmerzen in den Muskeln waren kaum auszuhalten. Ydrir stützte ihn, so gut er konnte. Er konnte sich kaum erklären, wie sie es geschafft hatten, vom Dach herunter und wieder in den Palastturm, geschweige denn bis zurück zur Wohnung zu kommen. Nicht nur die Wohnebenen der Fleischgeborenen waren in heller Aufregung. Fast der ganze Turm glich einem aufgewühlten Hornissennest.


    Firondhir sprang auf, sobald die Tür sich öffnete, und eilten den beiden entgegen. Gemeinsam halfen sie Margil auf die Polsterbank. Selbst sitzend konnte er sich kaum aufrecht halten.


    „Was ist geschehen?“ fragte Firondhir.


    Ydrir gab in wenigen Worten einen Bericht ihrer gescheiterten Unternehmung.


    „Warum“, ächzte Margil, „gestehst du nicht ein, dass es deine Schuld war?“


    Firondhir blickte fragend von einem zum anderen. Ydrir sah verschämt zu Boden.


    „Unser großer Seher“, fuhr Margil fort, „war so hingerissen, den Drukhari-Kriegern beim Tanzen zuzuschauen, dass er für nichts anderes mehr Augen und Ohren hatte.“


    „Ich…“ begann Ydrir, doch Margil fiel ihm sofort wieder ins Wort.


    „Fast könnte man meinen, du fühlst dich bei den Drukhari so wohl, dass du lieber bei ihnen bleiben möchtest.“


    „Margil, du redest wirr,“ versuchte Firondhir ihn zu beruhigen.


    „ICH rede wirr?“ gab der heiser zurück und versuchte sich aufzurichten. „Dieses Kind, dass sich für einen IstuKarun hält, bringt uns alle in Gefahr. Und du auch.“ Er hustete.


    „Margil, ich bitte dich…“


    „Und du auch“, setzte er nach, „der, statt sich um einen Ausweg zu bemühen, lieber mit seiner Drukhari-Hexe ins Bett geht.“


    Ohne Vorwarnung schlug Firondhir ihm die geballte Faust ins Gesicht. Margil wurde auf die Polsterfläche geworfen. Mit wutverzerrtem Gesicht holte Firondhir zu einem zweiten Schlag aus. Ydrir ging dazwischen und packte seinen Arm mit beiden Händen.


    „Hör auf!“ rief er flehend. „Firondhir.“


    Doch Firondhir macht sich mit einer heftigen Bewegung los und stieß den jungen Aeldari zu Boden. Blind vor Wut setze an er, statt auf Margil auf ihn einzuschlagen. Ydrir versuchte sich zu schützen, indem er die Arme vors Gesicht hob.


    Wie aus dem nichts war Anathúriel da. Sie stand vor Firondhir und legte ihre linke Hand auf seine Brust und die rechte auf seine Wange, wie sie es schon einmal getan hatte.


    „Hör auf“, sagte sie in einem bestimmten, ruhigen Ton. Ydrir konnte deutlich spüren, dass darin mehr lag als nur das gesprochene Wort. Er selbst glaubte für einen Moment, der Anweisung folgen zu müssen, obwohl er überhaupt nichts tat, womit er hätte aufhören können. Und dann war da noch etwas. Als Anathúriel sprach, schien es ihm, als legte sich ein blassgoldener Schleier aus Licht um sie. Doch im nächsten Moment war der Schimmer schon wieder verschwunden und er war sich nicht mehr sicher, ob es eine Täuschung gewesen war.


    Augenblicklich beruhigte Firondhir sich. Ihm war, als ob er aus einer Trance erwachte. Er sah von einem zum anderen. Dann blieb sein Blick auf Margil haften, der immer noch reglos auf der Bank lag, aus Mund und Nase blutend. Furcht und Scham überkam ihm, als er sah und begriff, was er in seiner Wut angerichtet hatte. Er wollte zu ihm, doch Anathúriel hielt ihn mit entgegengestreckter Handfläche zurück. Sie kniete sich neben die Bank und rüttelte an Margils linke Schulter. Der Mantel war feucht, an ihren Fingern blieb Blut zurück. Sein Kopf glühte vom Fieber, so dass sie es spüren konnte, ohne ihn berühren zu müssen.


    „Was ist passiert“, fragte sie, an die beiden anderen gewandt.


    „Ich…“ begann Firondhir betreten.


    „Nein, davor“, unterbrach sie ihn.


    „Wir mussten vor Kabalenkriegern fliehen. Ich glaube, er wurde angeschossen“, erklärte Ydrir.


    Anathúriel schlug die Hand über die Augen, ungeachtet, dass Margils Blut eine Spur auf ihrer Stirn hinterließ.


    „Irgendwie kommt mir das bekannt vor“, seufzte sie. Dann fingerte sie eine winzige Phiole mit violetter Flüssigkeit aus der Hagashîn-Rüstung hervor, die sie immer noch trug. Sie zerrte Margils Mantel herunter und untersuchte den ultramarinblauen, gepanzerten Anzug.


    „Wie macht man das auf?“ Ydrir kam dazu, löste den Verschluss unter dem Kinn und zog die Kleidung an der Schulter herunter. Die Haut an Margils Rücken war bis zur Wirbelsäule feuerrot, aufgequollen und fiebrig heiß. In der Einschussstelle steckte noch das blassgrüne kristallene Splittergeschoss. Anathúriel zog es heraus und lehrte die Phiole in die Wunde. Die Wirkung riss Margil augenblicklich aus der Bewusstlosigkeit. Stöhnend richtete er sich auf und lehnte sich an die Rückenlehen.


    „Was machts du, Frau“, ächzte er.


    „Was denkst du wohl?“ entgegnete sie. Doch die beiden anderen sahen sie genauso fragen an. „Die Splitterwaffen der Kabalenkrieger sind vergiftet. Wusstet ihr das nicht? Als Bestienmeister ist man gut beraten, immer ein universelles Gegengift zur Hand zu haben. Hoffen wir, dass in der Mischung auch etwas gegen das Waffengift enthalten ist.“


    „Sehr beruhigend“, flüsterte Margil schwach.


    „Ins Bett mit ihm. Vielleicht hält er dann mal seine Mund.“


    Anathúriel verschwand ins Badezimmer und wusch sich das Gesicht. Während sie in ihren Spiegel schaute, strich sie sich mit den Händen über die Schläfen. Ein warmes Kribbeln zog durch ihre Gesichtsnerven und floss einfach davon. Sie war sich sicher, ihre Psikräfte benutzt zu haben, unwillkürlich. Aber der Schmerz war ausgeblieben. Vielleicht war es zu kurz oder zu schwach gewesen. Trotzdem musste sie besser auf ihr Tun achtgeben.


    Kurze Zeit später saßen Anathúriel, Firondhir und Ydrir zusammen um den Tisch im Hauptraum. Anathúriel hatte sich ihrer verleideten Rüstung entledigt und war in ihr langes blaues Seidennachtkleid geschlüpft. Auch Ydrir hatte es sich mit einer einfachen Jacke und Hose etwas bequemer gemacht.


    „Und jetzt raus mit der Sprache, was war los?“ wollte Anathúriel wissen.


    Ydrir berichtet von ihrer Suche und dem fatalen Ausgang.


    „Diese Tür ist zu“, stellte Anathúriel fest. „Und deshalb geht ihr gegenseitig an die Kehle? Ihr seid auf bestem Wege, echte Drukhari zu werden.“


    Ydrirs blasse Augen weiteten sich. Seine Mine wechselte von Erkenntnis zu Bestürzung.


    „Das ist es“, wisperte er entsetzt. „Wir beginnen uns zu verlieren.“


    „Was willst du damit sagen?“ wollte Firondhir wissen.


    „Schau doch hin.“ Ydrir starrte Anathúriel an wie hypnotisiert. „Siehst du das innere Gesicht nicht? Wie ein Spiegelbild über dem äußeren. Was die Drukhari nach außen zeigen, ist eine Maske. Egal wie schön sie aussehen, in Wirklichkeit sind sie vertrocknet und ausgezehrt. Und uns ergeht es genauso, wenn wir noch länger hierbleiben.“


    Anathúriel konnte es nicht sehen, aber sie wusste, was Ydrir meinte, denn sie fühlte es in ihrem Innersten. Er sprach die Wahrheit. Commorragh zerstörte seine Bewohner. Niemand, der eine längere Zeit hier verbrachte, konnte sich dem entziehen. Sie konnten nicht länger warten.


    „In zwei Tagen will Quisar auf die Jagd gehen. Auf einer Welt der Sieri, die die Chem-Pan-Sey vor langer Zeit entvölkert haben. Er hat dort Tiere ausgesetzt.“


    Firondhir saß vornübergebeugt, den Kopf auf die gefalteten Hände gestützt, und sann vor sich hin. Auch er teilte nicht Ydrirs besondere Wahrnehmungsfähigkeit. Aber ihm war deutlich bewusst, wie er die Kontrolle über sich verloren hatte. Er trug immer noch eine tiefe Wunde, die ihn anfällig dafür machte. Und er konnte nicht sicher sein, dass er beim nächsten Mal nicht noch weiter gehen würde.


    „Wir sind einer Möglichkeit, auf sein Schiff zu gelangen, keinen Schritt näher“, sagt er. „Es hilft nichts. Uns verkleidet einzuschleichen wird nicht gelingen. Dann bleibt nichts anderes übrig, als es auf unsere gewohnte Art zu versuchen. Ydrir, morgen werden du und ich die Landestege auskundschaften. Wir finden einen Weg.“



    „Denkst du, es ist ein Fehler, was wir tun?“


    Firondhir saßen mit Anathúriel auf dem Bett in ihrem Schlafzimmer. Sie lehnte mit dem Rücken an seine Brust und er hatte die Arme um sie gelegt.


    „Nein, wie kommest du darauf?“ antwortete sie.


    „Es geht darum, was Margil gesagt hat“, begann er.


    „Ich habe gehört, was Margil gesagt hat. Er war neben sich, das ist alles.“


    Firondhir schwieg einen Moment betroffen. „Mir war nicht bewusst, dass du es mitbekommen hast.“


    „Und wenn schon. Was ist schon dabei? Schlafen die Aeldari auf den Weltenschiffen nicht miteinander?“, fragte sie leicht amüsiert.


    Firondhir müsste kurz lachen. „Doch schon. Aber es gibt… Einschränkungen. Niemals kommen wir Ihr, Der Dürstet, näher als in diesem Moment. Deshalb darf es nicht um der Lust willen geschehen, sondern aus Hingabe zweier, die einander verbunden sind.“


    „Ihr Asuryani seid so völlig anders“, sagte sie nachdenklich. „Aber es ergibt Sinn.“ Und dann, nach einer kurzen Pause: „Sind wir einander verbunden?“


    Firondhir schwieg. Eathalvaën hatte ihnen nicht eröffnet, wen genau sie in der Dunklen Stadt finden würden. Was er selbst hier verlieren sollte, hatte er nicht erwartet. Und noch weniger, was er hier finden würde. Anathúriel war eine Dainnar, und das zeichnete ihren Pfad auf dem Weltenschiff vor. Und sein eigener war der des Weltenwanderers, der ihn immer wieder in das Sternenmeer hinausziehen würde und von dem er genauso wenig lassen konnte, wie ein Exarch von Pfad des Kriegers. Doch das alles schien hier, in der Dunklen Stadt, in unendlich weiter Ferne.


    „Für den Augenblick sind wir es“, antwortete er und küsste ihre Schulter.


    „Dann will ich dir etwas sagen“, entgegnete Anathúriel. „SIE war mir schon so nahe, dass ich mich beinahe an SIE verloren hätten. Aber jetzt bist du mir so nahe, dass für SIE kein Platz mehr ist.“


    Firondhir seufzte. „Ich wünschte, es wäre so einfach.“


    „Vielleicht ist es das.“ Sie drehte sich zu ihm um und drückte ihn sanft in die Kissen. „Lass es uns herausfinden.“


  • Mondschatten

    Hat den Titel des Themas von „Ad bestias [(Dark-)Eldar-Roman] - Kapitel IX“ zu „Ad bestias [(Dark-)Eldar-Roman] - Kapitel IX komplett“ geändert.
  • Kapitel X



    Anathúriel saß in der Dunkelheit ihres Zimmers auf dem Bett, die Knie angezogen, die Arme um die Beine geschlungen. Sie hatte die Augen geschlossen und den Kopf auf die Knie gelegt. Ihr offenes, purpurrotes Haar fiel über ihr Gesicht.



    Firondhir und Ydrir glaubten, einen gangbaren Weg gefunden zu haben, sich auf Quisars Jacht zu schleichen. Der Hafen der Kabalenfestung war groß, mit zahlreichen Landebrücken und Andockbuchten. Ydrir hatte zu seinem Talent zurückgefunden, die Nähe von Bedrohungen zu spüren. Sich seiner Schwäche genau bewusst, ließ er sich nun nicht mehr von der dunklen Präsenz der Drukhari verleiten. Den beiden war es gelungen, sämtliche Wachen zu umgehen und unmittelbar vor den Anleger des Schiffs zu gelangen. Jetzt würden sie nur noch eine günstige Gelegenheit abwarten müssen, an Bord zu gelangen. Dass die Jacht ein offenes Vorderdeck hatte, schien ihnen in die Hände zu spielen. Und Ranger waren in Geduld geübt.


    Margil war so weit wieder hergestellt. Das Gegengift hatte gewirkt und die Entzündung war zurückgegangen. Aber der linke Arm zitterte, wenn er ihn zu lange belastete. „Einer von euch wird mir das Gewehr halten müssen, wenn ich etwas treffen soll“, hatte er gesagt. Ohne Zögern hatte er Firondhirs Entschuldigung angenommen und seinem Plan zugestimmt. Anathuriel hatte immer noch Zweifel. „Dein Archon glaubt, er wäre der Erbe des Großen Jägers“, hatte Firondhir versucht, sie zuversichtlich zu stimmen. „Er wird noch erkennen, dass auch wir IstuKarun von Kurnous gelernt haben.“


    Nun war es früher Abend und die drei waren schon einige Zeit fort. Sie selbst würde morgen früh zusammen mit den anderen Jagdteilnehmern an Bord gehen. Die drei hatten nicht mehr mitbekommen, was dann passiert war, kurz nachdem sie gegangen waren. Aus heiterem Himmel war es über sie hereingebrochen wie eine Sturzflut. Sie hatte es weder kommen sehen noch heraufbeschworen, es passierte einfach. Bilder überschwemmten ihren Geist. In einer Menge, dass sie nicht erkennen konnte, was sie zeigten. Die Eindrücke überlagerten sich hundert- und tausendfach. Ihre schiere Gewalt hatte sie zu Boden geworfen und ihr die Luft genommen. Erst nach quälend langen Minuten war sie wieder zu sich gekommen und hatte sich, immer noch benommen, auf ihr Bett gehievt. Erschöpft war sie auf dem Rücken liegen gelblieben.


    In der rechten Hand drehte Anathúriel den Seelenstein. Firondhir hatte ihn ihr anvertraut, bevor die Ranger sie verlassen hatten. Die Oberfläche fühlte sich hart und makellos glatt an, doch auf seltsame Weise angenehm warm. Nicht wie ein gewöhnlicher Stein, der die Wärme der Hand aufnahm. Eine innere Stimme sagte ihr, dass sie das, was ihr eben widerfahren, nicht ignorieren durfte. Sie schloss die Augen und konzentrierte sich nur auf das Gefühl des Steins in ihrer Hand.


    Die Bilder in ihrer Erinnerung wurden deutlicher. Viele ähnelten sich. Es brauchte einige Zeit, bis Anathúriel erkannte, was sie zeigten. Sie sah vor ihrem inneren Auge, was Firondhir berichtet hatte, wie die Ranger sich dem Schiff des Archons näherten und einen Eingang suchten. Aber es waren nicht zwei wie in seiner Erzählung, es waren drei. Margil war bei ihnen. Das konnte nicht sein! Das war nicht das, was sich bereist ereignet hatte, was sich in ihrem Kopf zu Bildern geformt haben mochte. Das war das, was sich gerade ereignete, oder vielleicht in den nächsten Stunden.


    Anathúriel schnappte nach Luft. War das möglich? Konnte dies die mysteriöse Fähigkeit der Asuryani-Seher, von der sie gehört hatte? Die Fähigkeit, in die Zukunft zu sehen? Sie fuhr auf. Nein! Auf keinen Fall dufte sie damit fortfahren. Sie hatte keine Ahnung, was sie tat, wie sie es tat. Sie hatte keine Kontrolle über ihre Fähigkeiten. Sie durfte sich nicht verleiten lassen, dieses Risiko noch einmal einzugehen.


    Doch dann kamen ihr Zweifel. Was, wenn etwas falsch lief. Sie könnte es vorher wissen und vielleicht eingreifen. War es nicht das, was die Seher taten? Sie hörte in sich hinein, achtete auf die Signale ihres Körpers. Ein leichtes Kribbeln in der Schläfe, mehr spürte sie nicht. Und ihren rascheren Herzschlag. Sonst nichts. Dafür in ihrem Verstand ein tiefsitzender Drang, die Bilder weiter zu erforschen. Sie holte tief Luft, legte sich wieder lang auf das Bett und versuchte, sich zu entspannen, den Seelenstein mit beiden Händen umschlossen auf der Brust. Sie spürte, wie der Stein wärmer wurde.


    Die Bilder kehrten zurück. Diesmal wie durch einen dünnen Nebelschleier, doch zusammenhängend und in Bewegung. Drei verstohlene Schatten, die sich durch die Hafenanlagen bewegten und den schwarzgerüsteten Gestalten auswichen. Aber etwas passte nicht. Immer wieder waren Sequenzen dabei, die sich in keine vernünftige Reihenfolge einfügen ließen. Anathúriel spürte, wie das Kribbeln stärker wurde.


    Dann fiel es ihr wie Schuppen von den Augen. Es war nicht eine Geschichte. Es waren mehrere. Die Bilder zeigten ihr nicht, was passieren würde, sondern welche verschiedenen Richtungen die Ereignisse nehmen könnten. Ihr Herzschlag beschleunigte sich. Sie musste alle Möglichkeiten sehen. Vielleicht gab es eine, bei der alles lief wie geplant. Doch es waren viele, zu viele. Sie rauschten in einem Sturzbach aus Eindrücken durch ihren Verstand, immer schneller, so dass sie sie kaum erfassen konnte. Das Kribbeln in der Schläfe wurde zu einem Ziehen. Die Wärme des Steins begann unangenehm zu werden. Nur noch einen Moment, und noch einen weiteren, und –


    Anathúriel schnellte hoch und rang nach Luft. Der Schmerz in der Schläfe war kurz davor gewesen, unerträglich zu werden. Nun ließ er langsam nach. Der Seelenstein hatte ihre Handflächen leicht verbrannt, doch wagt sie noch nicht, ihn loszulassen. Sie zog die Beine an, schlang die Arme um die Schenkel und ließ den Kopf auf die Knie sinken. Ein tiefes Schluchzen schüttelte sie. Sie war sich nicht sicher, ob sie alle Versionen gesehen hatte. Aber eins war sicher: Alle, die sie gesehen hatte, endeten gleich. In keiner gelangten die drei IstuKarun auf das Schiff. In den Korridoren des Hafenbezirks, auf den Quais, auf der Landebrücke, ganz gleich. Kabalenkrieger stellten sie, kreisten sie ein, nahmen sie unter Beschuss oder fielen mit ihren Klingen über sie her. Gegenwehr oder Aufgabe, ganz gleich, am Ende lagen die Ranger tot auf dem schwarzen Marmorboden.


    Das Bild brannte sich schmerzhaft in Anathúriels Geist und Seele. Sie hatte nichts erkennen können, was diesen Verlauf abgewandt hätte. Ein wirklicher Seher hätte das vielleicht vollbracht. Aber das war sie nicht. In diesem Moment schien es ihr Gewissheit zu sein: Es musste geschehen und es würde geschehen, wie sie es gesehen hatte. Sie holte tief Luft und wischte sich mit den Händen über das Gesicht. Es war feucht. Sie konnte sich nicht erinnern, jemals wegen eines anderen Lebewesens geweint zu haben. Jetzt tat sie es.


    Mit den Tränen flossen auch Anspannung und Verzweiflung aus ihr heraus – ein heilsamer Effekt, mit dem sie nicht gerechnet hatte. Bald wurde ihr Atem wieder ruhig und ihr Kopf klar. Die Vision hatte ihr keinen Ausweg gezeigt. Aber musste das zwangsläufig heißen, dass es keinen gab? Verließen sich die Asuryani-Seher nur auf das, was ihnen gezeigt wurde? Sie war jedenfalls keine Seherin. Vielleicht würde sie einmal eine sein, aber jetzt musste sie ohne übersinnliche Fertigkeiten auskommen. Eigentlich war nur eins sicher: Firondhir, Ydrir und Margil würden es von sich aus nicht an Bord schaffen. Also musste sie in die Wege leiten, dass sie dorthin kamen.


    Anathúriel stand auf und ging ins Badezimmer. Sie wusch sich und machte die Haare mit einer einfachen, aber festen Flechtfrisur zurecht. Sorgfältig legte sie ihre Hagashîn-Rüstung an. Zuletzt setzte sie ihre federgeschmückte Vogelmaske auf. Beim Blick in den Spiegel sah sie eine Fremde an. Aber diese Rolle musste sie jetzt noch einmal spielen. Als Anathúriel in der Eingangstür stand, drehte sie sich noch einmal um. Wie auch immer der nächste Tag endete, hierher würde sie nicht zurückkommen.

  • Mondschatten

    Hat den Titel des Themas von „Ad bestias [(Dark-)Eldar-Roman] - Kapitel IX komplett“ zu „Ad bestias [(Dark-)Eldar-Roman] - Kapitel X“ geändert.
  • In Commorragh wurde es niemals dunkel. Die gestohlenen Sonnen hielten die Stadt in einem andauernden trüben Zwielicht gefangen. Aber es wurde Nacht, oder zumindest etwas, was man damit vergleichen konnte. Zu dieser Zeit versammelten sich große Teile der Bevölkerung der Oberstadt in den Arenen der Hagashîn-Kulte, um sich dort mit blutigen Wettkämpfen zu unterhalten. Zurück blieben diejenigen aus dem Fußvolk, die zum Wachdienst aufgestellt waren. Auch auf den oberen Landebrücken, die sich direkt unterhalb der Palastspitze wie ein Dornenring um den Turm legten, waren einige Kabalenkrieger unterwegs.


    Ein Ring aus Arkaden, der sich tief bis in der äußere Turmfassade ausdehnte und von Reihen aus Säulenbündeln getragen wurde, bildeten den Zugang zu den Kais. Jede Landebrücke war die Verlängerung eines halbrunden, überdachten Balkons, der dem Gebäude entsprang. Firondhir, Margil und Ydrir waren unbehelligt durch das Labyrinth der Korridore und Treppen bis hierher vorgedrungen.


    Die Jacht des jungen Archons lang am äußersten Ende der nächstliegenden Landebrücken vor Anker. Es war ein schnittiges Schiff, am Heck höher als am Bug, mit ausladenden, stachelbewehrten Sonnensegeln, die bereist führ die morgige Abreise ausgefahren waren. Wie ein drohender Raubvogel saß es an der Seite des Palastturmes. Seine Silhouette zeichnete sich schwarz vor dem fahl erleuchteten Himmel ab.


    Die drei Ranger schmiegten sich in die Nischen der segmentierten Strebpfeiler. Das Zweilicht hier draußen machte die Schatten noch dichter, und Schatten war der Verbündete der IstuKarun. Flink huschten sie von einer Säule zu nächsten, bis Ydrir die Hand hob. Sein sechster Sinn hatte ihn alarmiert. Er schloss die Augen und atmete ruhig aus. In seinem Geist bildete sich die Umgebung ab wie aus weißem Nebel geformt. Und in dem Nebel bewegte sich etwas. Dunkle Formen, wie Phantome, und ein schauderhaftes Gefühl des Verloren Seins, wenn er seine Aufmerksamkeit auf sie richtete. Sie nährten sich.


    Er öffnete die Augen wieder, sah zu seinen Gefährten und deutet in die Richtung, in der er die Kommenden wahrgenommen hatte. Die beiden anderen signalisierten Verstehen. Jeder platzierte sich auf der abgewandten Seite einer der inneren Säule. Der Farbton ihrer Chameolin-Mäntel musste sich nur geringfügig anpassen, um sie in den Schatten unsichtbar zu machen.


    Zwei Kabalenkrieger tauchten um die Kurve des Bogengangs auf. Sie schritten ohne Eile voran, die goldglänzenden Splittergewehre quer vor der Brust. Die hohen, schwarz glänzenden Helme wandten sich gelegentlich nach links oder rechts. Die Wachen passierten den Zugang zur Landebrücke, ohne von den Rangern Notiz zu nehmen. Beinahe waren sie schon hinter der gegenüberliegenden Biegung verschwunden, als aus dem inneren des Turms ein bellender Befehl erscholl. Die beiden hielten an.


    In einem Ausgang erschien ein Sybarith mit zwei weiteren Kabalenkriegern im Gefolge. Überrascht sahen die drei Asuryani sich um. Margil und Firondhir waren auch für die Neuankömmlinge außer Sicht. Aber Ydrir stand auf seiner Seite des Pfeilers ihnen halb zu gewandt. Mit knarzenden Schritten näherte der Trupp sich. Ydrirs erster Gedanke war, sich zu verbergen, behutsam, Schritt für Schritt, den Pfeiler zu unrunden und aus dem Blickfeld der Drukhari zu verschwinden. Doch seien Hände und Füße gehorchten ihm nicht. Etwas hielt ihn davon ab, sich zu bewegen. War es Furcht, die ihn lähmte? Nein, er war vollkommen bei sich. Ein Instinkt hielt ihn davon ab, sich zu rühren. Ydrir konzentrierte sich auf seinen Atem, synchronisierte ihn mit seinem Herzschlag, bis er völlig ruhig und bewegungslos an den Pfeiler lehnt und sich noch weiter in den Spalt schmiegte, als wollte er mit dem schwarzen Stein verschmelzen. Er schloss die Augen. Die Schritte waren jetzt unmittelbar neben ihm - und verstummten. Sein Geisterblick zeigte ihm, dass die Kabalenkrieger direkt bei ihm stehen geblieben waren. Die beiden anderen kamen ihnen entgegen.


    „Neue Befehle", hörte er den Sybarith sagen. Dann schien er eine dirigierende Armbewegung zu vollführen. Die beiden anderen verbeugten sich knapp als Zeichen des Gehorsams, dann zog der nun vier Köpfe zählende Trupp in Richtung der Landebrücke ab. Der Sybarith blieb noch an Ort uns Stelle stehen und sah sich nach allen Richtungen um. Für einige Momente wiesen seine purpurrot glühenden Augen genau auf Ydrir. Dann folgte er den Kriegern.


    Als sie fort waren, holte Ydrir tief Luft und löste sich mit einem Schritt rückwärst vom Pfeiler. Firondhir und Margil eilten zu ihm.


    „Das war großartig." Firondhir legte ihm lobend die Hand auf die Schulter. „Du warst für die Drukhari wahrhaft unsichtbar.“ Ydrir lächelte verlegen.


    „Das will ich auch meinen", ergänzte Margil. „Meinem Schrein der MeanTokath würdest du alle Ehre machen.“


    „Skorpionkrieger?" fragte Ydrir verwundert. „Sagtest du nicht, du seist ein Rächer Asuryans gewesen?“


    „Das auch.“


  • Die drei warteten noch einige Minuten, bis sie sich aus dem Schatten der Pfeiler auf den Zugang zur Landerbrücke wagten. Der lange Steg, an dessen Ende die Jacht lag, war ein überdachter Laufgang, getragen von schlanken Säulen und gesäumt mit Reihen von Stacheln, die keinen anderen Zweck zu haben schienen, als dem martialischen ästhetischem Empfinden der Drukhari zu gefallen. Die Ranger kletterten an den Pfeilern hinauf und schlichen geduckt das Dach des Laufganges entlang. Nach kurzer Zeit hatten sie sich dem Schiff bis auf wenige Meter genähert. Sie hielten inne. Firondhir sah Ydrir fragend an. Der ging kurz in sich, dann nickte er. Der Weg war frei.


    Der Laufgang mündete unmittelbar vor der torgroßen Zugangsluke im Mittelrumpf des Schiffes. Der Schiffskörper bestand hier aus den bloßen, übereinander geschichteten Strukturen der neun Decks. Darüber thronte die Kuppel der Brücke. Bug- und Heckbereiche dagegen waren mit konkav ansteigenden, glatten und schwarzglänzenden Platten verkleidet, die sich achtern zu einem konkaven Dach wölbten, vorne jedoch in einem offenen Oberdeck endeten.


    Die drei Ranger machten sich daran, die Bordwand hinaufzuklettern. Die horizontalen Sparren, durchsetzt mit vertikal oder diagonal verlaufenden Elementen, erleichterten ihnen den Aufstieg. Unbehelligt und schon nach kurzer Zeit hatten sie das Oberdeckt erreicht. Firondhir half Margil über die Brüstung, dessen immer noch angeschlagener linker Arm auf den letzten Meter an Kraft verlor.


    Das Oberdeckt war mit Marmorplatten ausgelegt. Dornenartige Pfosten wölbten sich leicht gebogen über die Fläche. Zwischen ihnen waren Kabel gespannt, daran Bahnen von dunkelblauem Segeltuch aufgerollt und sicher befestigt. Bei Planetenaufenthalten mochten sie als Sonnenschutz ausgezogen werden. Über das Deck verteilt ragten niedrige Marmorblöcke aus dem Boden auf. Die geschwungen gearbeiteten Oberseiten ließen sie als Podeste für Sitzpolster, Liegen und Sessel erkennen. Sie waren halbkreisförmig angeordnet um eine ovale Vertiefung in der Mitte des Decks, in deren Boden sich eine sechseckige, vergitterte Luke befand. Welchem Zweck sie auch immer dienen mochte, für die Ranger bot sie eine günstige Gelegenheit, den Einstieg in das Schiff zu versuchen.


    Firondhir kniete nieder und untersuchte das aus einem regelmäßigen Muster aus Dornenranken gearbeitete Gitter, spähte durch die Lücken und lauschte. Im Unterdeck herrschte Finsternis. Es drangen keine Geräusche hinauf, die auf die Anwesenheit von Lebewesen hindeuten würden. Er winkte Ydrir zu sich, während Margil hinter einem der Marmorblöcke hockte und die doppelten Türflügel der Luke am hinteren Ende im Auge behielt, den einzigen anderen Zugang zum Oberdeck. Ydrir legte sich flach auf den Bauch und spähte hinunter. Dann richtete er sich wieder auf und schüttelte den Kopf. Auch er konnte nichts wahrnehmen. Firondhir holte aus einer seiner Taschen ein Oktaeder aus klarem Kristall und eine silberne Spindel hervor. Von der Spindel löste er den Anfang eines dünnen, festen Seils und befestigte den Kristall daran. „Las“ flüsterte er, kaum hörbar, doch es genügte, dass der Kristall aufleuchtete und fortdauernd ein schwaches, goldgelbes Licht abstrahlte. Firondhir ließ es durch den Gitterrost hinunter.


    Der Raum unter ihnen war nicht tief, nicht mehr als die Höhe einer Zimmerdecke. Es waren keine Gegenstände zu erkennen, die auf irgendeine spezielle Funktion hindeuteten.


    Firondhir holte das Licht wieder ein und ließ es mit dem Wort „Ifiath“ wieder verlöschen. Dann griff er in das Gitter und zog vorsichtig daran. Zu seiner Überraschung stellte er fest, dass es zwar schwer, aber nicht verschlossen war. Er winkte Margil heran. Gemeinsam gelang es den drei, das Gitter gegen den Widerstand des Lagers so weit unter den Deckboden zu schieben, dass ein Spalt frei wurde, groß genug, um hindurchzuschlüpfen. Lautlos ließen sich die Ranger nacheinander in das Unterdeck fallen. Zuletzt reckte Firondhir sich und gab dem Gitter einen Stoß. Es glitt ohne ein Geräusch zurück in seine ursprüngliche Position.


    Die drei sahen sich um. Sie standen auf einer weiteren Gitterplatte, die in ihren Ausmaßen der oberen entsprach. Der Raum im sie herum war nur wenig größer. Es schien ein Schacht zu sein, in den auf dieser Ebene drei offene Türen mündeten.


    „Wie jetzt weiter?“ flüsterte Ydrir.


    Margil dachte kurz nach. Anathuriel hatte ihnen eine grobe Beschreibung des Inneren der Jacht gegeben, soweit sie ihr bekannt war. Demnach sollten sich in den Ebenen unterhalb des Oberdecks zuerst Kombüse und Lagerräume, noch tiefer um Rumpf die Brig befinden, in der Sklaven und Gefangene untergebracht wurden. Vor einem Realraumüberfall standen die Zellen für gewöhnlich leer und es gab keinen Grund sie zu bewachen. Das ideale Versteckt.


    Firondhir untersuchte das Gitter unter ihren Füßen. Es saß fest im Boden. Dann entdeckte er an der Wand ein Kontrollpaneel. Die schwach grün leuchtenden Runen zeigten an, dass das Fallgitter von der darunterliegenden Ebene aus gesichert war.


    „Wir müssen einen anderen Weg nach unten finden“, sagte er.


    „Im Mittelschiff wird es Treppen oder Lifte geben“ erwiderte Margil. „Aber sicherlich auch mehr Wachen.“


    „Und wenn wir versuchen, die Kontrollen zu manipulieren?“ fragte Ydrir.


    „Das könnte bemerkt werden“, antwortete Firondhir. „Welches Risiko erscheint euch größer?“


    Sie schwiegen kurz. „Der Raum hier ist beengter als in der Kabalenfestung“, sagte Ydrir. „Wenn sich Wachen nähern, habe wir vielleicht nicht die Möglichkeit ihnen aus dem Weg zu gehen.“


    „Falls wir einen Alarm auslösen, wird es einige Minuten dauern, bis Krieger hier sind. Genug Zeit, um weiter unten ein Versteck zu finden“, ergänzte Margil.


    „Dann machen wir es so“, stimmte Firondhir zu. Er versuchte einige Tastenkombinationen, jedoch ohne Erfolg. Daraufhin reichte Margil ihm einen in Silber gefassten, halbrunden Edelstein. Mit der flachen Unterseite legte er das Gerät auf das Tastenfeld. Die Kontrollrunen brachen und verzerrten sich in dem gewölbten, transparenten Kristall. Firondhir bewegte den Stein von einer Rune zur nächsten. Einige Minuten dauerte es, dann wechselten die Tasten die Farben. Er drückte eine Rune. Mit einem leisen Zischen glitt das Bodengitter zur Seite. Zugleich glomm eine schwache grüne Beleuchtung im Schacht auf, gerade hell genug, um zu erkennen, dass die Plattform des Aufzugs sich am Boden des mindestens drei Ebenen hohen Laderaumes unter ihnen befand.


    Firondhir wollte nicht wagen, die Technik des Schiffs noch weiter zu nutzen. Er zog seinen Seilspindel hervor und befestiget das Ende mit einer Klammer am Rand des Schachtes. Einer nach dem anderen ließen die Ranger sich in das untere Deck hinab.


    Der Weitläufigkeit des Raumes nach zu urteilen, musste er das gesamte Unterdeck des Vorschiffes einnehmen. Auf dem Grund des Frachtraumes stapelten sich Kisten und Fässer. Darüber waren in der schwachen Beleuchtung über zwei Ebenen breite Galerien an beiden Rumpfseiten zu erkennen. Der nur wenige Meter breite Spalt zwischen den Laufgängen wurde in regelmäßigen Abständen durch Stege überbrückt. Darüber reihten sich enge, finstere Alkoven, die zwischen den blanken Sparren in die schrägen Bordwände eingesetzt waren.


    Firondhir zog kurz an dem Seil. Die Klammer löste sich und die Leine glitt lautlose herab. Während er es wieder zu einer Spindel aufrollte, sahen Margil und Ydrir sich im Unterdeck um. Schon nach kürzester Zeit hatten sie einen geeigneten Platz gefunden. Nahe eines Treppenaufgangs bildeten einige Frachtcontainer eine komfortable Nische, die von keiner Seite des Decks einsehbar war und Platz genug für sie alle drei bot. Firondhir gesellte sich zu ihnen, keinen Moment zu früh.


    Vom hinteren Ende des Frachtraums drang ein Lichtschein herein. Die Hauptluke zum Mittelschiff öffnete sich. Ein kleiner Trupp aus drei Kabalenkrieger trat ein. Augenblicklich wurde die Beleuchtung heller. Firondhir hatte recht behalten, seine Manipulation an der Aufzugskontrolle war nicht unentdeckt geblieben. Einer der Krieger schritt zu einem Kontrollpaneel, überprüfte die Einstellungen und drückte einige Tasten. Prüfend blickte er nach oben. Ein leises Zischen war zu hören, gefolgt von einem Knacken. Das Gitter des Aufzugsschachtes musste sich wieder geschlossen und gesichert haben.


    Dann schwärmten die Kabaliten aus, verteilten sich durch den Frachtraum und gingen die Galerien ab. Ihre Schritte hallten metallisch auf dem Gitterrost der Laufgänge. Suchend drehten sie ihre von hohen Helmen bedeckten Köpfe nach rechts und links. Die Augen glühten in bedrohlichem Purpurrot. An den schwarz glänzenden Panzerplatten ihrer Rüstungen brach sich das Licht in grün und orange. Die Splittergewehre hielten sie schussbereit.


    Beinahe direkt über den Rangern bleib einer der Krieger stehen. Die drei zogen die Kapuzen ihrer schwarzen Mäntel tief ins Gesicht und wichen tief in den Schatten zwischen den Sparren der Bordwand zurück. Eine schiere Endlosigkeit bewegte der Drukhari sich nicht von der Stelle. Margil taste langsam nach einer seiner Klingen. Ydrir spürte seine Absicht. Er sandte einen Gedanken in seinen Geist, als würde er ihm beschwichtigend die Hand auf den Arm legen. Margil entspannte sich und ließ von seinem Vorhaben ab. Wenige Augenblicke später setzte der Krieger seinen Weg fort.


    Nach einigen Minuten hatten die drei Kabaliten ihren Kontrollgang beendet und trafen sich wieder in der Mitte des Raumes. Sie nickten einander zu, signalisierten, dass nichts Auffälliges vorzufinden war, und verließen das Frachtdeck. Die Luke fuhr hinter ihnen zu und das Lichte dimmte wieder zu der dunkelgrünen Notbeleuchtung.


    Margil, Ydrir und Firondhir kamen aus ihrem Versteckt hervor. So gut es ging, richteten sie sich in der Nische zwischen den Containern ein.


    „Das wäre geschafft“, sagte Margil. „Ich würde sagen, wir geben einen recht guten Trupp ab.“ Dabei klopfte er den beiden anerkennend auf die Schultern. „Jetzt müssen wir nur noch warten, bis unsere Freundin uns abholt.“


    „Wir sollten trotzdem auf der Hut sein“, wandte Firondhir ein. „Zumindest sollten wir damit rechnen, dass von Zeit zu Zeit jemand herunterkommt, um etwas von der Ladung zu holen. Wir wissen nicht, wie lang die Reise zu diesem Planeten dauert.“


    „Zweifellos“, stimmte Margil zu. „Aber ich habe inzwischen volles Vertrauen in unseren jungen Seher.“


    Ydrir lächelte. „Im Moment droht tatsächlich keine Gefahr. Zumindest keine unmittelbare, die ich wahrnehmen kann. Fürs erste können wir uns ausruhen.“


    „Dann sollten wir diese Zeit nutzen“, stimmte Firondhir zu und lehnte sich gegen einen der Container.


    Wenige Stunden waren vergangen, als ein tiefes, vibrierendes Summen, gefolgt von einem kurzen Beben durch das Schiff lief. Der Antrieb wurde hochgefahren. Das Schiff legte ab und machte sich auf den Weg ins Netz der Tausend Tore.


  • Mondschatten

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