Ad bestias [(Dark-)Eldar-Roman] - Kapitel XIII fertig

  • Kapitel I

    Der scharfe Blick des Weltenwanderers durchmaß das Rund der Versammlungshalle. Die IstuKarun hatten sich eingefunden, Ausgestoßene, die, der Pfade überdrüssig, ihr Weltenschiff verlassen hatten. Ob auch nur einer von ihnen sich hatte träumen lassen, was sie da draußen, in der vermeintlichen Freiheit des weiten Sternenmeeres, wirklich erwartete? Immerhin, bisher hatten sie überlebt, und sie waren hierhergekommen. Das machte sie zu den besten unter ihresgleichen. Wenn Zar Asuryan rief, kehrten seine Ranger zurück.


    Mehrere hundert saßen auf den aufsteigenden Stufenrängen der Halle. Manche plauderten oder begrüßten lang nicht mehr gesehene Gefährten. Sicherlich prahlten auch einige mit ihren Abenteuern. Aber keine noch so fantasievoll ausgeschmückte Geschichte konnte heranreichen an die Fährnisse, die einen Wanderer tatsächlich auf dem Pfad des Ausgestoßenen erwarteten.


    Firondhir und Illurayon hatten wahrscheinlich schon mehr erlebt als all die jungen Aeldari hier zusammen. Aber die Reise, die ihnen jetzt bevorstand, sollte alles Bisherige in den Schatten stellen. Mehr allerdings wusste Firondhir auch nicht. AreIdain Eathalvaën hatte nichts mehr als vage Andeutungen gemacht, als er sie zu sich gebeten hatte. Die Zukunft des Weltenschiffes Zar Asuryan würde eine neue Wendung nehmen, zum Guten oder zum Schlechten. Das hinge nun von ihnen ab.


    Aber war es nicht immer so, wenn die Runenpropheten die Ranger heimriefen und den Kriegsrat sich versammeln ließen? Allerdings, Autarchen und Exarchen waren hier und heute nicht anwesend. Und auch von der anhaltenden Spannung, die das Bewusstsein eines Weltenschiffes durchströmte, wenn der Avatar Kaela Mensha Khaines seine Kräfte sammelte, war nichts zu spüren. Krieg stand nicht bevor. Nicht für die Bewohner des Weltenschiffes, nicht für die Aspektkrieger der Schreine der Asurya. Eine Aufgabe für die Ranger lag an. Heimliche Suche, stille Jagd.


    Illurayon war der Vorausschauendere von ihnen beiden, und mehr als das. Seit sie sich kannten, hatte er stets so etwas wie die Führungsrolle übernommen. Und wohl deshalb war er es nun auch, den Eathalvaën zu einem vertraulichen Gespräch zu sich gebeten hatte. Aber sein Weggefährte hatte ihm noch nie etwas verheimlicht. Deshalb machte sich Firondhir darüber keine großen Sorgen.



    Eathalvaën wandelte über die verschlungenen Wege des weitläufigen Parks unter der Kuppel der Seher. Der regelmäßige Lichtwechsel in den Biodomen des Weltenschiffes hatte grade die Hälfte der Dunkelphase überschritten. Auf einem Planten hätte man die Zeit wohl Mitternacht genannt. Das Fehlen des Tageslichts erlaubte den Blick auf die Sterne, deren weiß glänzende Lichtspitzen die hauchdünne, klare Kristallhaut der Kuppel durchdrangen. In der tiefblauen Dämmerung hatten zahlreiche Nachtblumen ihre großen, goldenen und purpurroten Kelche geöffnet und verströmten einen schweren, angenehmen Duft. Nächtliche Falter, samtviolett und groß wie Singvögel, gaukelten von einer Blüte zur anderen. Heimchen zirpten leise ihr Nachtkonzert. Irgendwo hinter diesem Gemälde der Sinne war für den empfindsamen Geist ein sphärischer Klang zu vernehmen, eine lautlose, auf und abschwellende Melodie wie das Rauschen des Meeres, ein Meer aus Sternen, das die weit verstreuten Inseln des Lebens der Aeldari trennte und zugleich miteinander verband. Nächte in den Gärten eines Weltenschiffes hatten ihre ganz eigene Magie.


    Neben dem Runenpropheten schritt schweigend eine selbst für einen Aeldari hochgewachsene Gestalt in einem langen, schwarzen Mantel. So bedacht und kontrolliert waren seine Bewegungen, dass man ihn in der Dunkelheit erst auf den zweiten Blick wahrnahm.


    „Hörst du das Meeresrauschen?“ fragte Eathalvaën.


    „Es sind nur die sanften Wellen, die unsere Küsten umspielen“, antwortete der Weltenwanderer. „Die wilde See liegt woanders, und mögen sich ihre Wellen nie an unseren Mauern brechen. Ich habe mich schon lange nicht mehr dort hinausbegeben.“


    „Das Sternenmeer wird diesmal nicht euer Weg und euer Ziel sein, Illurayon.“


    „Ihr wisst Eathalvaën, welchen Weg auch immer einzuschlagen Ihr mich bittet, ich werde ihn beschreiten.“


    „Diesmal wage ich nicht, dich zu bitten. Auch Firondhir nicht. Keinen von euch. Ich werde euch eröffnen, was die Runen mir eröffnet haben, und dann mag jeder selbst entscheiden, ob er bereit ist, an jenen Ort zu gehen, den kein Wesen betritt, ohne von seinen Bewohnern dorthin gezerrt worden zu sein.“


    Illurayon schwieg kurz. Diese rätselhafte Art zu sprechen zeichnete Runenpropheten mitunter aus, mochte es nun sein, dass sie selbst den Runen keine klareren Begriffe hatten entlocken können, sei es, weil sie das, was sie gesehen hatten, nicht auszusprechen wagten. Doch Illurayon kannte den Ersten Runenpropheten von Zar Asuryan schon sein halbes Leben lang. Eathalvaën sprach offen, offener als es dem Rat der Propheten zuweilen recht war. Wenn er solche Formulierungen gebrauchte, dann nicht, weil er das fürchtete, was er nicht beim Namen nennen wollte. Er fürchtete um den, zu dem er sprach. Eine leichte Beklemmung beschlich den Weltenwanderer, denn er wusste die dunkle Rede wohl zu deuten.


    „Eathalvaën, sprecht nicht in Rätseln zu mir, zumal ich einen Teil ohnehin schon erraten habe.“


    Der Runenprophet lächelte. „Deiner Gabe entzieht sich wenig, Illurayon. Deswegen fällt es mir umso schwerer, dich auszusenden, denn sie ist der vornehmliche Grund, dass du der Einzige bist, der diese Mission zum Erfolg führen kann.“


    „Was ich weiß und was ich kann, habt Ihr mich gelehrt. ArdIdainn, Ihr sendet uns in die Dunkle Stadt, nach Commorragh.“


    Der Runenprophet hielt in seinen Schritten inne, wandte sich dem Weltenwanderer zu und sah ihn an. Illurayon schrak zurück vor dem Blick in seinen grüngrauen Augen. Zehntausend Jahre, die man Eathalvaën sonst nicht ansah, lagen auf seinem Gesicht. Aus dem Blick allein, ohne dass Eathalvaën ein Wort hätte sprechen müssen, wusste Illurayon, was ihm auf der Seele lastete: ‚Du wirst nicht zurückkehren.‘


    Sein Inneres schnürte sich zusammen. Das Leben eines Weltenwanderers war niemals sicher. Er hatte sich dafür entschieden, in dem Augenblick, da er den Pfad der Aeldari verlassen hatte. Aber der Tod war ein Risiko, das man mit Geschick und Vorsicht meiden konnte. Und Firondhir und er, sie waren sehr gut darin – bisher.


    Eathalvaën richtete seinen Blick zu den Sternen auf. Wie oft in den letzten Jahrhunderten hatte er schon dem Jungen König diese Botschaft überbracht. Selten, im Vergleich zu anderen Weltenschiffen, und doch viel zu oft. Doch Illurayon war kein Exarch, der dafür lebte, sich selbst im Dienst seines Gottes aufzugeben. Er hatte sich für die Freiheit des Sternenmeeres entschieden. Nur wenige Schritte davon entfernt, sich in der ewigen Verdammnis zu verlieren, hatte Eathalvaën sich seiner angenommen. Auf dem Pfad des Sehers hatte auch er ihn nicht halten können, doch hatte er ihn gelehrt, seine Begabung unter Kontrolle zu halten.


    Wofür?


    „Ihr sagtet, Ihr würdet mich nicht bitten“, hörte er den Weltenwanderer sagen. Seine Stimme, wie vom anderen Ende des Universums hinüberdringend, war gefasst, doch ließ die Furcht in ihr sich nicht verbergen. „Aber es muss einen Grund geben, warum Ihr grade an mich herangetreten seid.“


    Eathalvaën sah ihn wieder an. „Ohne dich wird die Reise fehlgehen. Keine Vision, die ich je hatte, war klarer, gleich welche Pfade der Zukunft ich verfolgt habe.“


    Illurayon holte tief Luft. „Ihr wollt mich nicht bitten. Aber eine Wahl bleibt mir trotzdem nicht.“


    „Du kannst fortgehen“, entgegnete der Runenprophet.


    „Und nie mehr zurückkehren. Weil es nichts zum Zurückkehren geben wird. Eine Ewigkeit durch die Sterne zu wandern ohne eine Heimat, um beizeiten Ruhe zu finden. ArdIdainn, ich weiß, dass Euch nichts mehr bedeutet als das Weiterbestehen Zar Asuryans.“


    Eathalvaën sah einen Sekundenbruchteil zur Seite. „In einem irrst du.“


    Eine Weile gingen die beiden schweigend weiter, bis schließlich die gewaltige Kuppel der Halle der Seher sich bläulich schimmernd gegen den Sternenhimmel erhob.


    Bevor sie eintraten, blieb Eathalvaën noch einmal stehen.


    „Du fürchtest dich, Illurayon. Vor der Entscheidung, und vor den Folgen, die sie nach sich ziehen wird, gleich wofür du dich entschließt.“


    „Es existiert wirklich keine Möglichkeit, die Dinge in eine andere Richtung zu lenken?“


    Eathalvaën lachte leise. „Ich gebe zu, auch ich bin nicht allwissend und unfehlbar. Und zeigt sich auch nur die kleinste Hoffnung, so ergreife sie und halte sie fest. Vielleicht findest du einen Weg, den ich übersehen habe. Doch bitte ich dich: Wenn du die Tore der großen Halle durchschreitest, habe deine Entscheidung getroffen.“

  • Mondschatten

    Hat den Titel des Themas von „[40K] Ad Bestias“ zu „[40K] Ad bestias“ geändert.
  • Firondhir sah auf. Ein hoher, schmaler Bogen ausgefüllt mit weißem Licht tat sich auf, als die ornamentverzierten Türflügel der Großen Halle sich langsam auseinanderschoben. Zwei dunkle Figuren lösten sich aus der Helligkeit. Illurayon trat ein, gefolgt vom Ersten Runenpropheten Zar Asuryans. Ein seltsames Gefühl beschlich ihn beim Anblick seines Freundes, er konnte es nicht genau einordnen. Irgendetwas Bedrückendes war an ihm, an seiner Bewegung, auch wenn sein Gesicht so ruhig und gefasst wie immer war. Kaum bemerkte er, wie es um ihn her mit jedem Augenblick ruhiger wurde und sich immer mehr Augenpaare erwartungsvoll auf die Eintretenden richteten.


    Lautlos huschte Illurayon durch das dämmrige Dunkel zu den Rängen und setzte sich neben Firondhir. Der sah ihn erwartungsvoll an, doch Illurayon bedeutete ihm, nicht zu sprechen und wies in Richtung des Runenpropheten.


    Eathalvaën schritt durch den Saal, groß und aufrecht. Seine feingliedrige linke Hand umschloss seinen Runenstab, ruhend, kraftvoll trotz seines hohen Alters, eher als hielte er eine Waffe denn eine Stütze. Er blieb in dem goldenen Lichtstrahl in der Mitte der Halle stehen. Der mitternachtsblaue Sehermantel fiel in schweren, samtenen Falten von seinen Schultern bis auf den Mosaikboden. Silberne Runen glänzten auf dem morgenhimmelblauen Kragen. Das silbergrau durchzogene Haar teilweise zu einem Knoten aufgesteckt, teilweise lang und offen über den Rücken fallend, die feinen, ebenmäßigen Gesichtszügen voll ruhigem Ernst, ließ er seinen Blick durch die Runde schweifen.


    „IstuKarun“, hob er an zu sprechen. Seine helle Stimme, wenngleich nicht übermäßig laut, erfüllte die gesamte Halle. „Angereist, heimgekehrt, dem Ruf gefolgt aus den entferntesten Winkeln der Galaxie. Nicht ohne Grund habe ich euch herkommen lassen.“


    Er konnte die ungeteilte Aufmerksamkeit aller seiner Zuhörer spüren: Neugier, Abenteuerlust, Aufregung, auch Sorge und Unsicherheit bei einigen, alle nur erdenklichen Farben von Gefühlen der Erwartung. Doch ein dunkler Flecken unheilvoller Gewissheit trübte das Bild wie die Leere eines schwarzen Sterns. Einen kurzen Moment schwieg er und versuchte, seinen Geist vor diesen Empfindungen zu verschließen, bevor er weitersprechen konnte.


    „Schon oft habt ihr euren Teil dazu beigetragen, Bedrohungen von Zar Asuryan abzuhalten. Wie oft habt ihr euch wohl wissend in größte Gefahren begeben, um ein dunkles Schicksal von Zar Asuryans abzuwenden?“


    Auch wenn Eathalvaën es im Halbdunkel der Halle kaum sehen konnte, so spürte er doch: Kein Gesicht, dass nicht von tiefstem Ernst, keine Seele, die nicht von höchster Entschlossenheit erfüllt war.


    „Nichts Geringeres trage ich in dieser Stunde an euch heran. Doch kann und will ich keinen von euch zu diesem Auftrag verpflichten.“


    Erstauntes Schweigen breitete sich aus. Für gewöhnlich bestimmten die Runenpropheten jene, die auf eine Mission ausgesandt wurden, bereits vorher. Auf geheimnisvolle Weise wusste sie, wen es brauchte, damit das Unternehmen erfolgreich verlief. Fragend blickte Firondhir Illurayon an. Doch sein Freund hatte nur die Augen niedergeschlagen und starrte ins Dunkel.


    „Nichts Geringeres“, fuhr der Runenprophet fort, „sondern sehr viel mehr. Die entferntesten Orte und dunkelsten Winkel der Galaxis habt ihr aufgesucht. Chem-Pan-Sey und Orkead, illMureead und Necrontyr habt ihr getrotzt. Doch diesmal führt der Weg dorthin, wo der Ort und seine Bewohner gleichermaßen und auf vielfältigste Weise gefährlich sind. Nicht hinaus in die Weiten der Galaxis führt er, sondern tief in die verschlungenen Labyrinthe des SercamBelach.“


    Ein Gemurmel ging durch die Ränge. Die ersten der Ranger und Weltenwanderer begannen zu verstehen, wovon der Runenprophet sprach.


    Eathalvaën nickte langsam, während er wiederholt seinen Blick durch die Runde streifen ließ. „Die Dunkel Stadt soll euer Ziel sein. Und wir alle wissen, dass jene, die dort leben, obwohl von unserem Volk, uns fremder nicht sein könnten. Was sie einem Lebewesen gleich welcher Art anzutun vermögen, ist für uns nicht vorstellbar. Und gleichwohl ich von jedem von euch weiß, dass er bereit wäre, selbst die schwersten Prüfungen auf sich zu nehmen, so weiß ich doch ebenso, dass dies nicht die wahre Gefahr der Dunklen Stadt ist. Schlimmer als der Tod ist die ewige Verdammnis, die unseren Seelen dort droht, und der die Schwäche unserer Natur sich nur allzu gerne hingibt. Wir wissen, wer sich dort verliert, findet niemals den Weg zurück.“


    Der Saal war stumm geworden. Bedrückendes Schweigen erfüllte die Kuppel. Das Dämmerdunkel zog sich zu schwarzer, schwerer Finsternis zusammen.


    „Daher kann und werde ich niemanden von euch dazu bestimmen, diese Reise zu unternehmen. Die Runen haben die Entscheidung getroffen: Fünf IstuKarun gehen aus freiem Willen in die Dunkle Stadt. Keiner mehr. Keiner weniger."


    Eine lange Pause trat ein, als jeder erwartete, dass der einer der anderen etwas sagte, dass einer den Anfang machte.


    "Mir ist es bereits bestimmt zu gehen", erklang eine Stimme aus dem Dunklen. Einer der Weltenwanderer hatte sich erhoben und schaute in die Runde.


    Firondhir erschrak und schaute zu Illurayon auf. Langsam schritt sein Freund die Stufen hinunter und stellte sich neben den Runenpropheten in den Lichtkegel. „Wer geht mit mir?“ wandte er sich an die Anwesenden.


    Ehe er noch wusste, wie ihm geschah, war Firondhir aufgesprungen. Einen langen Augenblick stand er auf den Stufen, unschlüssig, was er eigentlich hatte tun wollen. Dann wurde ihm bewusst, dass er, dass etwas in ihm damit eine Entscheidung getroffen hatte, die er nicht mehr zurücknehmen konnte. Nicht vor Illurayon, nicht vor dem AreIdain und nicht vor den versammelten Rangern. Mit schweren Schritten stieg auch er hinunter und stellte sich neben seinen Freund. Der Anfang war getan. Wenige Augenblicke später erhob sich der nächste Ranger, dann noch einer, zwei weitere.


    Irgendwo in den hinteren Rängen stand ein junger Mann mit schmalem, blassem Gesicht und fast durchsichtigen Augen auf und schickte sich an, die Stufen hinunterzusteigen. Sein Sitznachbar packte ihn am Arm.


    „Ydrir, was machst du? Das ist keine Aufgabe für uns!“ flüsterte er energisch.


    Der angesprochen drehte sich zu ihm um und sah ihn an, als würde er durch ihn hindurch blicken. „Ich muss mitgehen“, sagte er mit einem Tonfall, als wäre dies das selbstverständlichste der Welt.


    „Rede keinen Unsinn. Das ist eine Aufgabe für Weltenwanderer, die weitaus mehr Erfahrung haben als wir.“


    „Dann bleib, ich gehe“, antwortete Ydrir, machte sich los und stieg die Stufen hinunter.


    „Als ob ich dich allein lassen würde“, fauchte der andere und folgte ihm.


    Am Ende standen ein gutes Dutzend Männer und Frauen im Rund der Halle.


    „Ich danke euch allen“, sprach Eathalvaën in die Runde. „Niemand derer, die nun nicht hier stehen, muss beschämt sein. Nur wer ein Wagnis einzugehen bereit ist, kann auf Erfolg hoffen. Wer es nicht ist, dient dem Unternehmen umso mehr, wenn er sich nicht beteiligt.“


    Dann wandte er sich an die Freiwilligen. „Fünf, nicht mehr, nicht weniger. Über zwei hat das Schicksal bereits entschieden.“ Er sah Illurayon und Firondhir an. Firondhir vernahm die Worte mit Unbehagen. „Über die drei weiteren wird nun das Los der Runen entscheiden müssen.“


    Der Runenprophet öffnete einen weißen Lederbeutel an seinem Gürtel und griff hinein. Als er die Hand öffnete, stiegen daraus drei filigran verzweigte Phantomkristall-Runen wie Leuchtkäfer empor. Goldgelbes Licht verströmend zogen sie ihre Kreise über der Gruppe und hielten schließlich eine nach der anderen schwebend über einem Ranger an.


    „Die Wahl ist getroffen.“


    „Nein!“ fiel ihm einer der Ranger ins Wort. Überraschtes, teils empörtes Gemurmel breitete sich in der Halle aus.


    Eathalvaën blieb ruhig und sah den Sprecher an. Es war ein junger Mann mit dunkelbraunen Haaren, die er zu einem Zopf hochgebunden hatte. Dicht neben ihm stand ein zweiter, etwas schmaler und feingliedriger von Gestalt, doch mit gleichen Gesichtszügen und Haartracht. Über ihm schwebte eine der Runen.


    „Nenne deinen Namen“, verlangte Eathalvaën.


    „Ydril“, antwortete der Ranger. „Und dies ist mein Bruder Ydrir. Er wird die Reise antreten, doch nicht ohne mich.“


    Der andere schaute betreten zu Boden.


    „Ydril, deine Sorge um deinen Bruder ehrt dich. Doch die Runen haben die Wahl getroffen“, entgegnete der Runenprophet.


    „Ich trete freiwillig zurück“, ließ sich eine andere Stimme vernehmen. Sie gehörte zu einer blonden Frau, aus deren grauen Augen die Erfahrung vieler Jahre auf dem Pfad des Ausgestoßenen sprach. Die Rune über ihr glitt auf ihre Handfläche und folgte der Bewegung, als sie die geöffnete Hand Ydril entgegenstreckte. „Zwillinge zu trennen ist ein schlechtes Vorzeichen. Mein Tatendrang soll nicht der Grund sein, dass diese Mission fehlschlägt.“ Ydril nahm die Runen entgegen.


    Eathalvaën schien für einige Augenblicke weit entfernt zu sein. Dann nickte er. „So sei es denn. Möge deine Zurückhaltung nicht das herbeiführen, was du zu vermeiden versuchst.“


    „Ich danke dir“, sagte Ydril an die Frau gewandt.


    Der fünfte Ranger, der bisher am Boden gehockt hatte, erhob sich nun, so rasch, dass die schwebende Rune sich beinahe in seinen offenen blonden Locken verfing. „Hervorragend. Dann kann der Spaß ja beginnen.“

  • Mondschatten

    Hat den Titel des Themas von „[40K] Ad bestias“ zu „[40K, Aeldari, Drukhari] Ad bestias“ geändert.
  • Kapitel II


    Unter der Klippe breitete sich eine weite, aber nicht sehr tiefe Schlucht aus, durch die ein kleiner Fluss gemächlich mäandern seine blauen Schleifen legt, gesäumt von tropischen Gehölzen, Palmen, Orchideenbäumen, Riesenfarnen. Sie wechselten sich ab mit Schilf- und Grasflecken, in denen mit Lotos bedeckte Teiche glitzerten. Hin und wieder beschleunigte das Wasser, wenn es silbern glitzernd über einige Steine sprang. Die gegenüberliegende Wand aus rot schimmerndem Felsgestein war ebenso stufig und zerklüftete wie die diesseitige. Die Felsvorsprünge quollen über vor Büschen, Farnen und Ranken, hängende Gärten, von der Natur angelegt. Wasserfälle ergossen sich in langen Kaskaden in das Tal. Darüber erhoben sich die Kronen majestätischer Baumriesen in den blauen Himmel. Nur nach Westen hin öffnete sich die Schlucht und gab den Blick auf weißen Sand frei, wo der Fluss in eine türkis schimmernde Meeresbucht mündete. Den Duft der blühenden Bäume, das Rauschen des Wassers, die Stimmen einer Vielzahl exotischer Tiere und Vögel trug ein warmer Wind auf die Klippe hinauf.


    Mit einer gleichgültigen Handbewegung löste Quisar seinen Peiniger von Hals der Kreatur zu seinen Füßen. Humanoid, irgendwie. Zumindest hatte sie zwei Arme und zwei Beine und einen einzelnen Kopf, wenngleich der eher einer Amphibie ähnelte. Was auch immer es war, zu einer guten Jagdbeute hatte es nicht getaugt. Zu wenig wehrhaft, nicht schnell genug, um wegzulaufen, nicht einmal eine dekorative Trophäe gab das hässliche Ding ab. Dabei hatten der lange Stab und der Schuck aus Steinen und Federn, den das Wesen trug, auf so etwas wie einen Stammesführer hingedeutet. Sei’s drum. Seine Kabaliten hatten sicherlich einige Exemplare einsammeln können. Für das Vorprogramm in der Arena sollten sie genügen. Heute hatte er selbst zwar wenig Vergnügen an der Jagd gehabt, seine Tiere würden sie aber haben.


    Quisar befestigte seine Peitsche am Gürtel der Rüstung und machte sich an den Abstieg. Leichtfüßig sprang er von einem Vorsprung zum nächsten. Der Fels schien ihm den Gefallen zu tun, eine Art natürlich Treppe hinunter in die Schlucht zu bilden. Nur hin und wieder musste er sich unter dicken Wurzeln hindurchbücken, die aus der Wand ragten, oder allzu dicht überhängendes Gewächs zur Seite biegen. Selbst der Dschungel machte es ihm zu einfach. Was mochten die Asuryani und die Sieri nur an diesen verweichlichten Welten finden.


    Am Grund angekommen, folgte er dem Pfad zwischen mannshohen Farnen, Drachenbäume und Einblattpflanzen zurück zur Landezone, wo seine Truppe schon dabei sein mussten, die Beute dieses Jagdzuges zu verladen. Eher beiläufig bemerkte er eine leichte Bewegung im Unterholz, ein kurzes Wippen einiger Farnwedel. Er hielt inne und lauschte. Zu hören war nichts außer der Lautkulisse des Dschungels aus Insekten, Vögeln und dem Wind in den Blättern. Was die Bewegung verursacht hatte, war entweder ebenfalls stehen geblieben, hatte ihn vielleicht bemerkt und lauerte, oder konnte sich so lautlos bewegen, dass selbst sein sensibles, geübtes Gehör es nicht mehr wahrzunehmen vermocht. Was auch immer, es war es wert, dem nachzugehen. Quisar wandte sich vom Weg ab und verschwand zwischen den riesigen Blättern. Wenig Augenblicke später war er genauso spurlos verschwunden wie das, was er zu verfolgen gedachte.


    Im Dickicht wurde die Luft schwüler. Der Boden war dick und weich bedeckt mit abgefallenen Blättern. Quisar setzte einen Fuß vor den anderen, glitt geschmeidig zwischen brettartigen Baumstämmen, armdicken Luftwurzeln und Vorhängen aus Kletterpflanzen hindurch, ohne ein Blatt zu regen. Er hielt er inne, schloss die Augen und lauschte. Der leise, anhaltende Chor aus Vogelstimmen und Insektensummen umgab ihn und verschmolz zu einem monotonen Rauschen. Da! Ein Laut zerriss den Einklang. Ein leises Schnarren, kaum lauter als die Umgebung, aber für das feine Gehör des Jägers doch genau zu unterscheiden. Quisar wandte sich der Richtung des Lautes zu und setzte seinen Weg fort. Nur wenige Schritte weiter wand sich eine gewaltige, moosüberzogene Baumwurzel quer über den Pfad. Er trat näher und untersuchte die glatte, graubraune Rinde. Kratzspuren waren in das Holz geritzt.


    ‚Vier Klauen an den Vorderbeinen, vier an den Hinterbeinen.‘ Quisar strich mit seinen langen, schlanken Fingern über die Spuren. ‚Schmal, nicht tief. Zehenspitzengänger, mittelgroß, leidlich guter Kletterer. Katzenähnlich vermutlich.‘


    Ein leichtes Gefühl der Enttäuschung macht sich breit. Ein gewöhnliches Raubtier. Davon hatte er schon hunderte, wenn nicht tausende erlegt. Ein schlichter Zeitvertreib. Er war schon dabei sich umzudrehen, um den Weg wieder zurück zu gehen, als sein Blick noch einmal auf die Wurzel fiel. Halb unter einem Stück abstehender Rinde steckte etwas fest. Er zog es heraus.


    ‚Eine Feder?‘ Tief dunkelblau, rund und hornig wie eine Drachenschuppe. Welcher Vierbeiner hatte ein solch seltsames Federkleid?


    Nun war seine Neugierde doch wieder geweckt. Mit einem eleganten Satz zog er sich die Wurzel hinauf und verharrte. Direkt unter ihm war ein Hohlraum, gut unter breiten Blättern verborgen. Offenbar hatte das Tier hier sein Lager. Noch schien es ihn nicht bemerkt…


    Mit einem schrillen Schrei stürzte sich die Kreatur auf ihn herab. Sie musste in einem gegenüberliegenden Baum gesessen haben. Quisar wich aus und stürzte rücklings von der Wurzel, rollte sich jedoch elegant ab und verharrte, ein Knie am Boden. Er richtete seinen Blick nach oben. Über ihm auf der Wurzel kauerte angriffsbereit das Tier. Es hatte einen vogelähnlichen Schnabel und stechend gelbe Augen. Den Kopf und den Hals bedeckten dunkelblaue, überlappende Schuppen, kaum als Federn zu erkennen. Der Körper glich der einer schlanken, hochbeinigen Katze und war mit einem silbergrau schimmernden glatten Fell bedeckt. Die Kreatur stellte die Halsfedern auf und fauchte drohend.


    ‚Keine Zähne, aber Klauen. Die Federschuppen schützen Kopf, Hals und Brust.‘ Quisar lächelte. Langsam richtete er sich auf, die Kreatur fest ins Auge gefasste, und löste den Peiniger von seinem Gürtel. Das Wesen schien unsicher, wie es sein Gegenüber einschätzen sollte. Es wiederholte seine Drohung, kam aber nicht näher. Mit lockeren Handbewegungen ließ Quisar die Peitsche vor sich durch die Luft gleiten. Die Kreatur hielt inne, immer noch unschlüssig, dann, schneller als ein gewöhnliches Auge hätte folgen können, setzte es über den Drukhari hinweg. Doch Quisars Reflexe waren die eines Drukhari. Er holte aus und der Peiniger streifte das Tier am Hinterlauf. Es schrie auf und erklomm mit Mühe den tiefhängenden Ast eines nahen Baumes, das gelähmte Bein hinter sich herziehend.


    ‚Es greift nicht an, es flieht nicht. Warum?‘ Quisar kam ein Gedanke. Das Tier nicht aus den Augen lassend, näherte er sich rückwärtsgehend der Baumwurzel. Die Kreatur bemerkte seine Bewegung und stieß erneut eine Warnung aus. Klang diesmal eine Spur von Verzweiflung in dem Schrei mit? Quisar glaubte es zu spüren und es erfüllte ihn mit boshafter Freude. Das Tier wurde immer unruhiger, wippte auf dem Ast, wagte aber mit dem gelähmten Bein keinen weiteren Sprung. Ein, zwei Schritte noch, und Quisar war wieder bei der Wurzel angekommen. Noch einmal fixiert er das Tier, wie es in völliger Hilfslosigkeit ihm nur noch hinterherschreien konnte. Er wandte sich um, hatte mit einem Satz die Wurzel erklommen und war mit dem nächsten auf der anderen Seite hinuntergesprungen.


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  • Unter der Wurzel fand er den Hohlraum, eine ausgegrabene Mulde, auspolstert mit trockenen Blättern und Palmwedeln. Er begann das Pflanzenmaterial zur Seite zu schieben. Etwas glattes, rundes begann zum Vorschein zu kommen.


    Dann war das Tier wieder da. Kreischend setzte es von der Wurzel herab, knickte auf dem verletzten Bein ein, sprang dennoch herum und näherte sich humpelnd. Quisar drehte sich langsam um. Seine Position war ungünstig, unter der Wurzel war nicht genug Bewegungsfreiheit, um den Peiniger effektiv einzusetzen. Er hakte die Peitsche am Gürtel ein und griff langsam nach seinem langen Jagdmesser.


    „Du wirst keinen Sprung wagen“, sagte er an das Tier gewandt. „Wir wissen beide, warum.“


    Die Kreatur wippte vor ihm auf und ab, als hätte es seine Worte verstanden. Unversehens schnellte der Drukhari nach vorne, das Messer vor sich. Das Tier versuchte auszuweichen, strauchelte jedoch mit seinem verwundeten Bein. Doch sofort war es wieder in sicherem Stand und ging zum Angriff über. Quisar wich zurück und schwang das Messer nach dem Tier. Beim Ausweichen strauchelte es erneut. Zwei, drei Mal wiederholte er das Spiel, dann wollte er es darauf ankommen lassen. Das Tier setze zum Sprung an. Quisar warf sich ihm entgegen. Die beiden prallten aufeinander und landeten auf der dichten Laubdecke des Waldbodens. Das Tier war oben auf. Es gelang ihm, den Drukhari mit den Vorderpfoten in den Boden zu drücken. Quisar lag halb auf der Seite. Das Messer war ihm aus der Hand geglitten und lag unter ihm. Er spürte das Gewicht des Tieres auf seine Brust. Dann schnellte der spitze Hakenschnabel nach vorne in Richtung seines Kopfes. Er hob den linken Arm und fing den Angriff ab. Der schwarzglänzende Panzer seiner Unterarmschiene knackte unter dem Biss, hielt aber stand.


    „Da musst du schon mehr aufbringen“, höhnte er.


    Als hätte es seine Worte verstanden, begann es, ihn mit den Vorderpfoten zu bearbeiten. Quisar warf den Kopf zur Seite, um nicht eine unerwünschte Narbe im Gesicht davonzutragen. Die Klauen schrammten über die schwarzen Lamellen seines Brustpanzers. Das Adrenalin in seinem Blut versetze ihn in ein Hochgefühl.


    „So, genug davon.“


    Mit einiger Anstrengung drückte er den Kopf seines Gegners zurück. Gleichzeitig versetze er ihm einen Tritt gegen die Hinterbeine. Sofort knickte es zur Seite weg und zog Quisar mit sich, so dass er über ihm war. Bevor es wieder aufstehen konnte, war der Drukhari auf den Beinen und hatte den Peiniger in der Hand. Die schimmernde Peitsche sauste nieder und schlang sich um den gefiederten Hals. Das Tier kreischte ohrenbetäubend. Die Giftinjektion ließen es sein Rückgrat fast bis zum Brechen krümmen, alle vier Läufe krampften sich in unnatürlichen Winkel an den Körper. Quisar löste die Waffe. Die Beute war bewegungsunfähig, kreischte aber immer noch. Selbst bei einer nicht intelligenten Kreatur konnte Quisar den Schmerz und die Verzweifelung in den Lauten spüren. Es war geradezu berauschend. In gewisser Weise hatten diese wilden Kreaturen eine viel reinere, ursprünglichere Essenz als jedes denkende Lebewesen. Nur ein wahrer Nachkomme Kurnous wusste das zu schätzen.


    Er betrachtete das Tier noch einige Zeit, dann ging er ein paar Schritte, hob ohne Hast sein Messer auf und kehrte zu seiner Beute zurück. Inzwischen gab das Geschöpf nur noch ein wimmerndes Schnarren von sich. Er kniete nieder. Unbehelligt von den erstarrten Tatzen setzte er das Messer an, machte einen Schnitt entlang der Innenseite des rechten Vorderbeines und zog vorsichtig die Haut ab. Das Tier schrie aus vollem Hals, jedes Mal, wenn er das Prozedere an den anderen Gliedmaßen und am Schwanz wiederholte. Erst nach dem Schnitt, mit dem er das Fell entlang des Rumpfes zu lösen begann, verstummte es. Der gefiederte Kopf fiel leblos zur Seite. Mit leichter Enttäuschung erhob Quisar sich. Nun ärgerte es ihn, sich von Sirqa kein Stimulanzmittel hatte geben zu lassen. Vielleicht hätte es damit noch etwas länger durchgehalten.


    Die gespenstische Stille wurde jäh unterbrochen von einem lauten Kreischen. Quisar drehte sich um. Es war nicht eine Stimme, es waren mehrere. In der nächsten Sekunde brachen vier weitere der Vogelkatzen aus dem Unterholz hervor, eines deutlich größer als das tote Tier, mit flammend roten Halsfedern und tiefschwarzem Fell, die anderen etwas kleiner, jedes die Federn und das Fell in einer anderen Farbe.


    „Rudeljäger also. Interessant.“ Er ging langsam rückwärts, bis er mit dem Rücken an die Wurzel stieß. Die Tiere zögerten nicht und gingen sofort auf den Drukhari los.


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  • Fast geräuschlos ging ein Hagelschauer von kristallenen Splittergeschossen auf die Angreifer nieder. Noch im Sprung bohrten sie sich in den schwarzen Pelz des größten Tieres und ließen es mit einem dumpfen Aufschlag zu Boden fallen. Die drei anderen wurden mitten im Lauf getroffen, strauchelten, stolperten übereinander und blieben reglos liegen. Als der Beschuss abebbte, näherte sich Quisar den Körpern und stieß dem schwarzroten den Fuß in die Seite. Es rührte sich nicht mehr. Das Gift der Kristallgeschosse hatte fast augenblicklich gewirkt.


    „Das Fell ist ruiniert“, sagte er. „Aber macht nichts“, fuhr er sich umwendend fort, „das silberne gefällt mir ohnehin besser.“


    Zehn seiner Kabaliten traten aus dem Dickicht hervor, jeder mit einem goldverzierten Splitterkatapult bewaffnet. Der Sybarith reichte Quisar seinen blauvioletten Seidenumhang. Während er sich das Kleidungsstück anlegte, bahnte sich eine schlanke, hochgewachsene Frau ihren Weg durch das Unterholz, energisch die Blätter zur Seite schiebend. Ihr Haar, ebenso weißblond wie Quisars, hing als ein langer Zopf bis zum Boden, gehalten von einer goldenen Spange in Gestalt eines Schlangenkopfes. Sie hatte einige Mühe, sich damit nicht in den tiefhängenden Zweigen zu verfangen. Dennoch waren ihre Schritte elegant, fast schwebend, umspielt von einem Rock in der gleichen Farbe wie Quisars Mantel. Als sie vor ihm Stand, war es Quisar, als würde er in einen Spiegel sehen, der ihm sein eigenes Gesicht als weibliches zeigte: fein geschnitten, hohe Wangenknochen, elfenbeinblass, dunkelviolette Augen.


    Sie schaute kurz an ihm vorbei und lächelte kühl.


    „Du hattest deine Freude, wie ich sehe.“ Mit langen Fingern zupfte sie Laub aus seinen Haaren. Sein Haarknoten hatte sich zum Teil aufgelöst.


    „Leider mangelte es mir an Mitteln, sie zu verlängern“, entgegnete er.


    Sie wandte sich um, während sie auf die toten Tiere zuschritt. „Du wolltest nichts haben.“ Sie ging in die Hocke und untersuchte den halb gehäuteten Kadaver, zupfte eine der Federschuppen heraus und füllte Proben der Körperflüssigkeiten in gläserne Röhrchen ab. „Bedauerlich. Mich hätte interessiert, wie meine Kreationen bei solchen Lebewesen wirken.“


    „Ich hoffe, du kannst über die Missachtung deiner Künste hinwegsehen, liebste Schwester,“ entgegnete Quisar.


    Den Sarkasmus in seiner Stimme wohl zur Kenntnis nehmend, antwortete sie: „Nachsicht liegt nicht in meiner Natur.“


    „In meiner genauso wenig.“ Er folgte ihr zu dem halb gehäuteten Exemplar, nahm das Messer wieder auf und beendete die Arbeit. Auf einen Wink kam der Sybarith heran und nahm das abgezogene Fell entgegen. Dann stieß er das Messer in den Kadaver und öffnete den Rumpf. „Das ist ein Weibchen“, stellte er fest.


    „Was wolltest du damit überhaupt?“ fragte Sirqa, während sie mit ihren eigenen, feinen Skalpell Stücke aus den Organen herausschnitt und in weitere Röhrchen verstaute. „Besonders spektakuläre Trophäe sind sie nicht.“


    „Sie wissen sich wehren, besonders als Rudel. Und schau hier.“


    Er glitt in die Höhle unter der Wurzel und legte frei, was er entdeckte hatte. Sechs große, bunt gesprenkelte Eier kamen unter dem Laub zum Vorschein.


    „Als hätten Kurnous Jagdfalken und Hunde sich in einem Geschöpf von großer Wildheit und Schnelligkeit vereint. Die passenden Begleiter für den Erben von DorchaKerun.“


    „Den designierten Erben, solange wir dafür Sorge tragen, dass das so bleibt.“ Ihr Blick fiel auf die tiefen Scharten in seiner Rüstung. „Und solange du nicht für ein paar Schoßtiere deine makellose Haut riskierst.“


    Eine kurze Anwallung von Zorn kochte in Quisar hoch. Doch letztendlich war Sirqa das einzige lebende Wesen, dass so mit ihm reden und danach noch hoffen durfte, weiterhin lebend zu sein. Er reichte ihr eines der Eier. Sie strich mit den Fingern über die glatte Oberfläche und zog verschlungene Linien in das Blut des Muttertieres, dass ihm von Quisars Händen anhaftete.


    „Und wer soll sich darum kümmern?“ fragte sie.


    „Da habe ich schon jemanden im Auge“, antwortete er.


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  • Kapitel III


    Das Amphitheater des Hauses DorchaKerun war klein, vor allem im Vergleich zu den großen Arenen der namenhaften Hagashîn-Kulte. Klein, aber sehr exklusiv. Eine eigene Arena zu unterhalten, war für eine Kabale ohnehin unüblich, aber DorchaKerun war ein altes Adelshaus, und wenn das im heutigen Commorragh auch nicht mehr viel Bedeutung hatte, so legte der Hohe Herr doch großen Wert auf standesgemäße Unterhaltung. Seine Gäste sollten sich nicht mit dem einfachen Pöbel in den großen Vergnügungstempeln gemein machen. Komfortable Logen waren in die Fassade eines Nebenturms des Palastes eingearbeitet. Sie blickten hinunter auf den halbmondförmigen Kampfplatz, dessen Kulisse die terrassenförmig ansteigenden Anlagen des fürstlichen Gartens bildeten, alles überspannt von einer transparenten Kuppel, die das trübe Zweilicht Commorraghs in eine anhaltende, blaue Abenddämmerung verwandelte.


    Nur eine Handvoll der Logen war besetzt. Quisar hatte eine Auswahl seiner Günstlinge und Verbündeten eingeladen, zumeist Individuen, deren Anwesenheit sein Vater wenig schätze: Anführer von Hellionbanden und Reavergangs, fremdartige Söldner, die Solarite einer Harpyienrotte.


    Unvermittelt wurde der Kampfplatz in ein grünliches Licht getaucht, das Licht des Jägermondes, des Wappens des Hauses DorchaKerun. Alle Gespräche, die unter den Gästen bis eben noch geführt wurden, verstummten. Eine runde Öffnung im Boden zog sich auseinander und eine Hebebühne beförderte eine massive Gestalt nach oben. Erst als sie völlig im grünen Licht stand, war sie zu erkennen. Ein Chem-Pan-Sey von gewaltiger Größe und Statur. Runde, metallische Implantate glänzten gleichmäßig über den nackten Körper verteilt. Die helle Haut war mit Schmutz und getrocknetem Blut, schwarz im grünen Licht, verdreckt, die langen, gelblichen Haare verfilzt. Im halb geöffneten Mund waren kurze Reißzähne zu erkennen. Ein schimmerndes Stasisfeld hielt die Kreatur fest.


    Ausrufe des Entzückens waren aus den Logen zu hören. Losseainn waren die mächtigsten Krieger, die dieses primitive Volk aufzubieten hatte. Die Gäste konnten sich auf einen brutalen Kampf freuen. Zufrieden lehnte Quisar sich in seinem Sessel zurück.


    Das Stasisfeld wurde deaktiviert. Der Krieger schlug die Augen auf, die Iris stechend gelb, und sah sich kurz um. Er gab ein dunkles Knurren von sich, dann drehte er sich um und rannte auf die zum Garten offene Rückseite des Kampfplatzes zu. In Sekundenschnelle wuchs eine verschlungene Dornenhecke aus schwarzem Metall etliche Meter empor und schloss die Fläche ein. Der Krieger bremste ab, kam aber nicht mehr rechtzeitig zum Stehen und prallte mit der Seite in die Hecke, die Arme schützen vor das Gesicht gehoben. Er trat zurück, sah die metallene Wand hinauf und brüllte lauthals. Blutfäden rannen aus den Einstichen an seinem Rücken. Dann drehte er sich zu den Logen um.


    „Du siehst, hier gibt es keinen Ausweg“, hallte Quisars Stimme süffisant über den Platz. „Wir würden eine offene Szene bevorzugen, also sei so gütig, und versuche das nicht noch einmal.“ Das Publikum belohnte seine Rede mit höhnischem Gelächter wohl wissend, dass die geistlose Kreatur kein Wort verstanden haben konnte.


    Der Krieger stand unschlüssig da. Hinter ihm zog die Dornenhecke sich in den Boden zurück und gab wieder den Blick auf die mit exotischer Vegetation bepflanzte Terrassen frei. Dann öffnete sich in der Fassade unterhalb der Logen ein Tor. Rötlicher Lichtschein fiel auf den Platz. Ein Schatten zeichnete sich darin ab, dann zwei, dann weitere. Als sie in die Arena getreten waren, konnte auch die Zuschauer sie erkennen: Eine schlanke, muskulöse Frau, barfuß, in einem dunklen, enganliegenden Anzug, der viel Blick auf ihre elfenbeinfarbene Haut zuließ, nur der linke Arme und das linke Beim mit leichten, lamellenartigen Panzerplatten bedeckt. Ihr Gesicht war verborgen unter einer kunstvoll gearbeiteten, vogelähnlichen Maske aus blauen, schuppenförmigen Federn, unter der lange, vielfach verflochtene Haare hervorwallten. In der rechten Hand hielt sie einen Speer. Sie wurde begleitet von sechs vierbeinigen Tieren mit Köpfen wie Raubvögel, schuppengefiederten Hälse, jedes in einer anderen Farbe, und unterschiedlichen Fellmustern. Ein Raunen ging durch die Zuschauer. Weibliche Bestienmeister waren ein ungewohnter Anblick, noch ungewohnter als der Gegner, der ihr bei diesem Schauspiel gegenüberstand.


    Sie blieb stehen, die Tiere mit ihr. Das Licht wechselte. Grüne und weiße Lichtflecken begannen über den Kampfplatz zu tanzen, als bräche Sonnenlicht sich seinen Weg durch dichtes, windbewegte Blätterdach. Wann immer die weißen Flecken sie streiften, waren die Farben der Tiere zu erkenne. Rot und Gelb, Blau, Grün, Orange und Purpur waren ihre Halsfedern, die Felle in allen Schattierungen von Cremeweiß bis blauschwarz, gefleckt, gestreift oder einfarbig. Die Haare ihrer Herrin leuchteten dunkelviolett. Die Bestienmeisterin aktivierte ihren Speer und richtete die von Blitzen umhüllte Spitze auf den Krieger. Die Tiere folgten dem Befehl und griffen an.


    Der Hüne stemmte die Füße in den Boden und hob die Armee zur Abwehr. Ohne Rüstung und Waffen, die seinesgleichen im Kampf zu tragen pflegte, hatte er den anstürmenden Jagdfalken nur seine Muskelkraft entgegenzusetzen, die allerdings erheblich war. Den ersten Ansturm schlug er leicht zurück. Die Tiere landeten fauchend in Sand, rappelten sich aber sofort wieder auf und begannen knurrend ihre Beute zu umkreisen. Der Chem-Pan-Sey antwortet in der gleichen Sprache. Die Bestienmeisterin hielt sich im Hintergrund und beobachtete ihren Gegner genau.


    ‚Er wartet ab, er geht kein unnötiges Risiko ein.‘ Sie konzentrierte sich auf seine Bewegungen, auf seinen Gesichtsausdruck, wartete auf ein Anzeichen, wartet, dass ihre Intuition…


    „Arith, Tonesh, aA‘ann aDarhathin“, rief sie laut.


    Die beiden größten Tiere, das eine mit blauem Hals und schwarzem Fell, dass andere sandfarben mit roten Federn, lösten sich aus dem Rudel, sprangen zwischen die Beine des Kämpfers und attackierten seine Fersen mit ihren spitzen Schnäbeln, eben in dem Moment, als er vorstürmen wollte. Noch in der begonnenen Bewegung versuchte er die Richtung zu ändern und den beiden auszuweichen, verlor dabei jedoch das Gleichgewicht und musste sich auf einem Knie abfangen. Die vier anderen Falkenhunde ergriffen die Gelegenheit, sprangen dem Riesen in den Rücken und schlugen ihre Schnäbel und Klauen in sein Fleisch. Brüllend bäumte er sich auf, griff hinter sich, bekam zwei der Tiere zu fassen, riss sie los und schleuderte sie von sich. Der Rote und der Blaue nutzen den Moment und warfen sich gegen die entblößte Brust des Gegners.


    Ein wohl choreografierter Reigen begann. Immer zwei der Jagfalken griffen an und zwangen ihren Gegner bei der Abwehr eine andere Stelle seines Körpers den Schnäbeln und Klauen ihrer Artgenossen Preis zu geben. Mit der Zeit hing seine Haut an Beinen, Armen, Brust und Rücken mehr und mehr in blutigen Fetzen. Darunter kam schwarzes Gewebe zum Vorschein. Doch der Krieger hielt immer noch stand.


    Die Bestienmeisterin schritt um den Kampf herum, behielt Tiere und Beute im Auge. In ihrem Rücken, hoch oben in den Logen, johlten die Zuschauer vor Begeisterung bei jedem Stück Fleisch, dass die Falkenhunde dem Riesen vom Leib rissen. Doch sie nahm es nur am Rande wahr. So sehr konzentrierte sich auf die Tiere, dass sie deren Wahrnehmungen und Erregung bei der Jagd förmlich spüren konnte. Durch ihre Augen und Ohren nahm sie die subtilsten Reaktionen der Beute wahr, konnte ihre Bewegungen fast vorausahnen und leitete die Tiere zielgenau an die Schwachstellen des Kriegers. Gerade eben schickte er sich an, sein Gewicht auf das linke Bein zu verlagern, während am rechten bereits Fasern des Wadenmuskels herabhingen. Ein Gedanke reichte schon, und im nächsten Moment schossen der grüne und der gelbe Falke heran und prallten mit voller Wucht gegen das linke Bein. Der Chem-Pan-Sey wurde niedergeworfen und landete auf dem Rücken. Die Bestienmeisterin lächelte unter ihre Maske und gab den Tieren das Zeichen, es zu beenden. In Sekundenschnelle hatte das Rudel sich gesammelt.


    Doch dem Krieger war nicht entgangen, was sich abspielte, und er war noch lange nicht am Ende seiner Kräfte. Mit Händen und Füße wehrte er die Raubtiere ab, wälzte sich herum und war wieder auf den Füßen. Ohne sich weiter um die Tiere zu kümmern, stürzte er brüllend und mit gefletschten Zähnen auf die Drukhari zu, bereit, sie in Stücke zu reißen.


    Oben in der Fürstenloge betrachtete Quisar die Szene mit leichter Irritation. Er winkte den Zeremonienmeister des Theaters heran.


    „Gehört das zum Programm?“ fragte er.


    „Nein Herr, nicht dass ich wüste.“


    „Gut.“



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  • Überrascht sah die Bestienmeisterin die gewaltige Kreatur auf sich zu stürmen. Der Riese überragte sie um mehr als die Hälfte ihrer eigenen Körpergröße. Eine direkte Konfrontation würde sie nicht überleben. Sie sprang elegant zur Seite und schwang ihre Speer nach vorne. Doch der Krieger war trotz seiner Verletzungen beweglicher als seine massige Gestalt es vermuten ließ, wich dem Stich aus und setzte ihr nach. Sie versuchte, den Kontakt zu den Tieren wieder herzustellen. Die Falkenhunde waren immer noch im Jagdrausch, ohne ihre Führung aber nicht koordiniert genug, um die Beute wieder in Schach zu halten.


    Der Hüne trieb sie weiter, wich ihren Gegenangriffen aus und versuchte, sie zu fassen zu bekommen. Ohne es zu merken, näherte sie sich immer weiter dem Rande des Kampfplatzes. Im letzten Moment hielt die Bestienmeisterin inne, ehe die hervorschnellenden Dornenranken sie aufgespießt hätten. Laute der Verzückung hallten aus den Logen herab.


    Sie saß in der Falle. Die Falkenhunde jagte auf ihren Angreifer zu, würden ihn aber nicht mehr rechtzeitig erreichen, um ihn von ihre abzubringen. Seine gewaltige Pranke legte sich mit stahlhartem Griff um ihren Hals und hob sie an, um sie in die Dornen zu drücken. Ihre Kehle war zusammengepresst, sie bekam keine Luft mehr, spürte, wie sich das Blut in den Halsschlagadern staute, wie ihr zunehmend schwarz vor Augen wurde. Der Speer entglitt ihren Händen.


    Eine verzweifelte Eingebung kam in ihren Sinn. Es funktionierte bei Tieren, dann muss es auch bei dieser Bestie funktionieren. Untergrößter Anstrengung packte sie das Handgelenkt, so dick, dass sie es mit beiden Händen kaum umfassen konnte, und konzentrierte sich mit allem, was ihr schwindendes Bewusstsein noch zuließ, konzentrierte sich auf die Muskeln und Sehnen, die sie unter der Haut spürte. Ihre Hände wurden steif und kalt. Die Kälte begann die Arme hochzukriechen, aber sie ließ nicht nach. Der eiserne Griff lockerte sich. In ihrer Brust begann sich etwas zu verkrampfen, als wehrte es sich dagegen, aus ihr herausgerissen werden. Schmerz fuhr in ihren Kopf, als hätte jemand ein Messer in ihre Schläfe gerammt und wollte mit ihm jede Nervenfaser ihres Gesichts herausreißen. Dann gab die Faust sie frei. Sie fiel zu Boden und Rang nach Luft. Der Riese taumelte zurück und sah sie fassungslos aus seinen gelben Augen an.


    „Xenos-Hexe,“ fauchte er und stürzte sich erneut auf sie. Doch die Bestienmeisterin ergriff ihrem Speer und schwang ihn nach oben. Knirschend drang die Waffe in den knöchernen Brustkorb des Kriegers ein. Sein Körper zuckte und krampfte unter den Energieblitzen. Mit einem lauten Schrei stieß sie noch einmal nach. Der Chem-Pan-Sey brach zusammen und blieb reglos liegen. Beifall grenzenloser Begeisterung überflutete den Kampfplatz.


    Die Bestienmeisterin ging in die Knie und atmete tief ein und aus. Die Schmerzen in Kopf und Brust ließen langsam nach, die Wärme kehrte in ihre Arme und Hände zurück. Mühevoll zwang sie sich aufzustehen, ein Fuß, dann der andere, gestützt auf den Speer. Auch als Siegerin durfte sie keine Schwäche zeigen. Als sie aufrecht Stand, trat sie zu dem gefallenen Krieger herüber, schnitt mit der Klinge das Symbol des Verdunkelten Mondes in einen übriggebliebenen Hautfleck auf seiner Brust und hob dann die Waffe zum Gruß in Richtung der Fürstenloge, während die Jagdfalken sich um sie gesellten. Jetzt erst jetzt nahm sie den Applaus wahr, der ihr entgegenbrandete, doch war sie zu erschöpft, um darüber irgendeine Freude zu empfinden. Sie verneigte sich noch einmal kurz und schritt dann, umringt von dem Rudel, zurück zum Ausgang.


    Im rötlich beleuchteten Vorbereitungssaal im Untergeschoss des Theaters ließ sie sich auf eine marmorne Bank fallen und nahm ihre Maske ab. Die purpurroten Haare hingen ihr wirr in die Stirn. Sie schlug die Hände vors Gesicht und holte tief Luft.


    Was war da eben passiert?


    Zu einfachen Tieren konnte sie schon immer eine Verbindung herstellen. Sie war stolz auf dieses Talent, auch wenn sie sich nicht erklären konnte, wie sie es fertigbrachte. Die meisten Bestienmeister der Hagashîn-Kulte hielten ihre Zöglinge mit Gewalt und Pheromonen unter Kontrolle. Sie hatte das nicht nötig, sie war besser. Aber nie hätte sie gedacht, dass das auch bei halbintelligenten Kreaturen wie einem Chem-Pan-Sey möglich war. Sie hatte die Kontrolle über seine Hand übernommen. Es war beängstigend. Die Schmerzen, das, was sie ausgelöst hatte, was auch immer das war, hätten sie töten können, das hatte sie mit jeder Faser ihres Körpers und ihres Geistes gespürt. Und auch jetzt, nachdem sie abgeklungen waren, hinterließen sie eine Art Echo, eine unerklärliche, tiefsitzende Furcht.


    „Anathuriel, ich will dich beglückwünschen. Die Vorstellung war einfach mitreißend. Meine Gäste waren begeistert.“


    Sie schaute auf. Quisar stand vor ihr, in seiner schwarzglänzenden Prunkrüstung, den blauviolett schimmernden Mantel mit dem silbergrauen Pelzbesatz über den Schultern.


    „Ich danke Euch für das Lob, Sire“, entgegnete sie.


    „Warum so förmlich?“ er trat näher und streckte seine Hand aus. Anathuriel nahm sie und erhob sich von der Bank. Er strich ihr die wirren Haare aus dem Gesicht.


    „Du bist wahrlich eine Bestienmeisterin, wenn du sogar die Losseainn der Chem-Pan-Sey deinem Willen unterwerfen kannst. Jeder fragt sich, woher diese Begabung kommt. Niemand anderem hätte ich meine Felchu besser anvertrauen können. Du hast sie perfekt ausgebildet.“


    Anathuriel zog es vor, die Frage zu überhören und entgegnete: „Es sind hervorragende Tiere, Sire. Sie werden Euch gute Dienste leisten.“


    „Davon bin ich überzeugt. Deine Vorstellung heute hat mich auf eine gute Idee gebracht. Eine Arena ist eine kurzweilige Unterhaltung, eine Große Jagd ein einmaliges Erlebnis. Dieser Chem-Pan-Sey hat sich als robuster herausgestellt, als wir angenommen hatten. Ich will, dass du die Meute dafür trainierst. Einmal habe sie schon Blut gekosten, sie sollen es wieder bekommen.“


    „Es wird mir eine Freude sein, mein Herr“, antwortete sie.


    „Das wird es“, stimmte Quisar ihr zu, wandte sich um und ging.


    Am Treppenaufgang wartete Sirqa auf ihn.


    „Sie ist unter deiner Würde“, bemerkte sie, während sie wieder zu den Logen hinaufstiegen.


    „Jede ist das, liebste Schwester“, entgegnete er. Er hielt inne, nahm ihr Gesicht in seine Hände und küsste sie. „Jede, außer dir.“


    Anathuriel war schon wieder in Gedanken versunken. Sie hatte den Chem-Pan-Sey also nicht getötet. Zumindest nicht so weit, als dass die Heamonculi ihn nicht wiederherstellen konnten. Wie hatte er sie genannt? „Xenos-Hexe.“ Was mochte das bedeuten?



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  • Kapitel IV



    Vier schattenhafte Gestalten kauerten auf einem Dachvorsprung eines der hunderten, monströsen Wohntürme am Rand des inneren Kerns von Commorragh. Wer nicht darauf achtete, hätte sie für irgendeine Art Zierfiguren am Bauwerk halten können. Unter ihnen breitete sich eine jener freitragenden Plattformen aus, in der mehrere Brücken und Stege zusammenliefen, die die einzelnen Türme miteinander verbanden wie im Astwerk von Bäumen aufgespannte Netze von Riesenspinne.


    Gegenüber ihrem Standort erhob sich die Palastfestung von DorchaKerun, der Kabale des Verdunkelten Mondes, gegen das trübe Zwielicht der Schwarzen Sonnen. Der gewaltige Hauptturm glich einem versteinerten Schachtelhalm aus dunkelgrünem, von schwarzen Adern durchzogenen Marmor, der seine Ringe aus erstarrten, fadenähnlichen Blättern in regelmäßigen Abständen vom Stängel fortstreckte. Die Spitze krönte eine zapfenartige, mattgoldene Kuppel. Eine Anzahl von kleineren Nebengebäuden ragten wie Seitentriebe aus dem massiven Sockel, der sich irgendwo im Dunst der Straßenschluchten tief unter ihnen, verlor.


    Margil kam von seinem Erkundungsgang zurück. Er schlug die schwarze Kapuze zurück und strich sich die blonden Haare aus dem Gesicht.


    „Auf der Rückseite sind die umliegenden Gebäude näher, aber keines so nah, dass man von dort hinüberkönnte. Verbindungen gibt es nur zwischen dem Hauptturm und den Nebentürmen, Fenster gibt erst in einer Höhe, die wir von hier aus nicht erreichen können. Das Tor ist der einzige Eingang. So kommen wir da nicht rein.“


    „Und du bist wirklich sicher, dass das der richtige Ort ist?“ wollte Ydril von Illurayon wissen.


    „Ja“, antwortet der. „Der Turm des Grünen Mondes. Keine andere Kabale in Commorragh führt das Symbol Kurnous‘ als Banner.“


    „Und weiter unten?“ wandte Firondhir sich an Margil.


    Der zuckte die Schultern. „Du kannst ja auf den Grund steigen. Wenn du nur halb so viele Geschichten wie ich gehört hast über das, was sich dort rumtreibt, würdest du die Frage nicht stellen.“


    Firondhir reagierte leicht gereizt. „Was du nur gehört hast, habe ich möglicherweise schon gesehen.“


    „Wir werden es uns ansehen“, entschied Illurayon. „Mit Glück müssen wir überhaupt nicht bis nach ganz unten. Aber seid vorsichtig. Margil hat nicht ganz unrecht. Der Schatten, unser Verbündeter in der äußeren Welt, kann hier unser tödlicher Feind werden.“


    Sie machten sich an den Abstieg. Die mit Zierbögen, Erkern und überhängenden Dächern überladene Fassade des Gebäudes machte es ihnen leicht. Nach kurzer Zeit hatte sie eine Brücke erreicht, die auf die Plattform hinunterführte. Auf den Stegen herrschte reger Verkehr. Niederes Fußvolk der Kabalen ging seinen Geschäften nach, Drukhari in dornenstarrenden Rüstungen oder wallenden Gewändern, fremdweltliche Söldner mit schuppen- oder fellbedeckten, tierähnlichen Gesichtern, vereinzelt sogar Incubi in ihren imposanten Plattenharnischen und hohen, gehörnten Helmen. Wo immer sie auftauchten, hielten die übrigen Passanten respektvoll abstand. Die fünf Ranger zogen ihre Kapuzen über und mischten sich in die Menge.


    Der Platz reicht nicht bis an die Mauern des Festungsturmes heran. Eine weite Kluft trennte den Platz von dem Gebäude. Eine Brücke breit wie eine Prachtstraße, gesäumt von Standbildern in Kampf- und Siegesposen, führte auf das Tor zu. Am Geländer der Plattform einige Dutzend Schritte vom Zugang entfernt trafen die Ranger wieder zusammen und betrachteten die Szenerie.


    Die gewaltigen Ausmaße des Palastes wurden erst hier, auf Höhe des Haupttores, wirklich deutlich. Er hatte den Umfang einer kleinen Stadt, umgeben von mehreren, die vorderen jeweils überragenden Mauerringen, die aus abertausenden sechseckigen Stelen aus stahlgrauem, metallisch schimmerndem Gestein zusammengesetzt schienen. Mehrere Dutzend Kabalenkrieger in schwarz glänzenden Rüstungen, golden ornamentiert, mit Helmbüschen wie aus dünnem Kupferdraht und himmelblauen Seidenschärpen patrouillierten auf dem Übergang. In den Händen hielten sie schwarz und golden polierte Splittergewehre.


    Das Tor hatte eine leicht elliptische, spitz zulaufende Form, eine Höhe von mehreren Stockwerken, und war von einem Rahmen aus nach außen gebogenen Dornen aus glänzend schwarzem Metall eingefasst. In die kupferglänzenden Torflügel waren verschlungene Muster aus Tieren und Drukhari eingearbeitet, die sich in grauenvolle Kämpfe umeinanderwanden. Über allem thronte ein verzerrtes Abbild Kurnous‘, mit wildem Haar, geweihtragend, in einen Harnisch aus blutigen Häuten und Knochen gehüllt, die Mondsichel als Bogen in den Händen willkürlich auf alles zielend, was sich unter seinen Füßen regte. Je länger man hinsah, je mehr Details man entdeckte, um so grässlicher wurden die Szenen.


    „Eine klare Ansage“, stellte Margil fest.


    Ydril lehnte sich derweil über das Geländer. „Schaut“, rief er.


    Etliche Meter unter ihnen, aber noch deutlich oberhalb des grünlichen Dunstes, ragte eine lange Bogenbrücke durch die Leere und mündete auf einem Balkon vor einer hohen, doppelflügeligen Tür im Sockel der Palastfestung. Wachen waren keine zu sehen.


    „Lasst uns das in Augenschein nehmen“, sagte Illurayon.




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  • Die Brücke war grade so breit, dass drei, vielleicht vier Aeldari nebeneinander darauf gehen konnten. Sie entsprang dem Schatten zwischen den Sockeln zweier naher Gebäude und wand sich in mehreren Biegungen dem Unterbau der Kabalenfestung zu. Eigentlich war es mehr eine schwebende Straße denn eine Brücke, an der Unterseite mit Querrippen verstärkt, wie das schwarzversteinerte, umgedrehte Skelett einer gigantischen Riesenschlange. Die Enden der Rippen bildeten eine einfache Brüstung ohne Handlauf. Sich daran anzulehnen war offensichtlich nicht der Zweck. Die Lauffläche bestand aus einzeln befestigten, rechteckigen Schieferplatten. Kreuz und quer gespannte Ketten, die unter dem verästelten Tragwerk des großen Platzes befestigt waren, hielten die Brücke an ihrem Platz.


    Die Ranger glitten über die Kante der Plattform, schwangen sich in die Tragkonstruktion und kletterten dem hängenden Steg entgegen. Auf den tiefsten der geschwungenen Träger bezogen sie Position. Ein leichter, warmer Wind zog durch das Geäst aus Stein und Metall und brachte einen Geruch von Fäulnis mit sich. Bis auf wenige Geräusche, die vom Platz weiter oben hier herunter drangen, war es gespenstisch still. Der grüne Nebel in der Tiefe waberte wie ein träger Strom vor sich hin.


    Prüfend besah Illurayon sich die Umgebung. Die Brücke war zu erreichen, wann man sich an den Ketten hinabließ. Die Kettenglieder waren weit genug, um Händen und Füßen spielend Halt zu geben, keine große Herausforderung für irgendeinen von ihnen. Und wie dann weiter? Das untere Tor war tatsächlich unbewacht. Aber es war verschlossen. Hoch, kaum breiter als die Straße, rechteckig und glatt und lag es in einer breiten Spalte, die zwischen den sechseckigen Steinsäulen auseinanderklaffte, die auch hier unten die Mauer bildeten. Die Säulen standen dicht zusammen wie aneinandergewachsen. Auch hier war keine Möglichkeit außer dem Tor erkennbar, in das Gebäude zu gelangen.


    „Dieser Pfad ist aus Knochen und Blut gebaut.“ Ydrirs hatte gesprochen, und in seiner Stimme lag etwas unnatürlich Düsteres.


    Illurayon sah noch einmal hin. Außer der Skeletform ihres Tragwerks, das aus schwarzem Metall zu bestehen schien, konnte er nichts erkennen, was Ydrir hätte meinen können. Aber jetzt spürte auch er ein unbestimmtes Grauen, dass von dem Anblick ausging.


    Es regte sich etwas. Die Türflügel schwangen langsam auf. Ein schwacher, rötlicher Lichtschein drang aus dem Inneren heraus. Ein Trupp Krieger in schwarz glänzenden Plattenrüstungen kam hervor, ähnlich wie die Wachen am Haupttor, doch weniger zierreich. Illurayon signalisierte den anderen, sich nicht zu rühren.


    Vom anderen Ende der Hängebrücke drangen unterdrückte Stimmen zu ihnen herauf, wenige Ausrufe, nicht laut, aber erfüllt von Furcht, Schmerz und Verzweiflung. Zwischen den Gebäuden auf der anderen Seite tauchten zuerst einige weitere Kabalenkrieger auf, jedoch in anderen Farben. Ihnen folgte eine Gruppe verschiedenster Lebewesen, etliche Aeldari, die meisten aber Chem-Pan-Sey, die übrigen Angehörige aller möglichen weiteren Völker der Galaxis. Es mussten einige Hundert sein, hagere Gesichter, eingefallene Wangen und trübe Augen, zerschundene Gliedmaßen, in Lumpen gehüllt. Hinter ihnen gingen weitere Krieger, insgesamt nicht mehr als ein halbes Dutzend. Die Gefangenen trotten monoton die Brücke entlang. Außer dem Schlurfen und Tappen der nackten Füße, dem Knarzen der Rippenkonstruktion und dem sanften Klirren der tragenden Ketten war nur selten mehr als unterdrücktes Wimmern aus dem gespenstischen Zug zu hören.


    Nach einigen Minuten hatte der Tross das Tor erreicht, gerade in dem Moment, als die Torflügel ganz aufgeschwungen waren. Die Krieger von DorchaKerun nahmen die Gefangenen im Empfang, die fremden Krieger standen mit erhobenen Waffe Spalier, doch keiner folgte in die Festung. Noch bevor der letzte Gefangene im trüben Rot verschwunden war, begannen die Türflügel sich wieder zu schließen und fielen unmittelbar hinter dem letzten donnernd und Schloss, so dass das Geäst, in dem die Ranger saßen, unter ihren Füßen vibrierte. Die fremden Krieger wandten sich um in gingen den Weg über die Brücke zurück.


    Die Ranger warteten noch einige Augenblicke, ehe sie sich wieder rührten.


    „Jetzt verstehe ich, was du meintest, Ydrir“, sagte Illurayon dunkel.


    „Habt ihre Augen gesehen?“ fragte Ydrir. „Diese Kreaturen waren bereits tot.“


    Sein Bruder schüttelte ungläubig den Kopf. „Sie waren viel mehr als ihre Bewacher. Was kann einem Geschöpf mit Bewusstsein so vollständig den Willen nehmen?“


    „Die Drukhari können es“, antwortete Margil, „und wie möchtest du nicht wissen.“


    „Sie kennen tausend Wege“, ergänzte Firondhir. „Manche dieser Sklaven werden nach ihrem Dienst in ihre Unterkunft zurückgebracht werden. Andere kommen aus diesem Tor nie mehr hervor. Es heißt, manche der Drukhari-Fürsten seien so alt, dass sie noch den Fall miterlebt haben. Um ihr Leben zu verlängern und sich zu schützen vor Ihr, Der Dürsted, nähren sie sich am Leid und an den Seelen andere Lebewesen, zu Hunderten, jeden Tag.“


    „Es waren Aeldari unter den Gefangenen“, stellte Ydril mit stockender Stimme fest.


    „Sie machen keinen Unterschied zwischen ihresgleichen und anderen“, antwortete Firondhir.


    „Und einen von ihnen sollen wir überreden, uns nach Zar Asuryan zu begleiten“, warf Margil spöttisch ein. „Wenn wir es erstmal schaffen, da reinzukommen“, fügte er an Illurayon gewandt hinzu.


    Vor sich hin sinnend hatte Illurayon die Straße betrachte, doch als Margil ihn ansprach, blickte er auf.


    „Das ist der Weg, über den wir hineingelangen. Es werden mehr Sklaven kommen, schon in Kürze, daran besteht kein Zweifel. Wir verbergen uns unter dem Weg. Wenn der Zug vorbeikommt, tauchen in der Masse unter. Im Inneren werden sich Gelegenheiten finden, zu verschwinden. Darin sind wir IstuKarun Meister.“


    Ein Moment des Schweigens breitete sich aus, als würde jeder für sich prüfen, ob er Illurayon zustimmen konnte.


    „Ich halte das für keinen guten Einfall“, ließ sich Ydrir leise vernehmen, mehr als hätte er zu sich selbst gesprochen.


    „Ich auch nicht“, stimmte Margil zu. „Aber hast du einen anderen Vorschlag?“


    „Nein“, räumte er ein. „Aber das meine ich nicht. Es wird nicht gelingen, ich weiß es.“


    „Und woher nimmst du das Wissen? Ich sehe keine Runen bei dir“, entgegnete Margil.


    Ydril sprang seinem Bruder zur Seite. „Ydrirs Intuition kannst du getrost vertrauen. Sie hat uns bisher nie fehlgeleitet.“


    „Ich vertraue dir, Ydrir“, ging Illurayon dazwischen. „Aber ich sehe keinen anderen Weg. Kannst du mir irgendetwas sagen, was uns helfen könnte?“


    Ydrir senkte verneinend den Kopf. Margil schnaubte verächtlich, doch ehe er etwas sagen konnte, sah Firondhir ihn scharf an: „Immerhin hat er den Mund auf gemacht, eher als du.“


    „Keine Uneinigkeit jetzt“, befahl Illurayon. „Das können wir uns nicht leisten. Auf geht’s.“


    Die fünf Ranger hagelten sich die Ketten hinab, kletterten unter den Laufweg, ließen sich auf den Rippenbögen nieder und warteten.



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  • Es mochten einige Stunden vergangen sein. Firondhir war leicht eingenickt, als eine Erschütterung ihn unsanft aufschreckte. Die Brücke vibrierte unter ihm. Die anderen Ranger waren bereits in Habachthaltung. Margil späte über den Rand. Eben zog er den Kopf wieder zurück. Mit Handzeichen bedeutete er, was er gesehen hatte. Ein Trupp Sklave, ähnlich groß wie der erste, weniger Wachen. Hinter sich hörten sie das Knarren der sich öffnenden Torflügel. Sie gingen in Position.


    Es dauerte noch einige Minuten, dann zeigten die Vibrationen der Brücke an, dass sich der Zug unmittelbar vor ihnen befand. Illurayon hob die Hand, wartete ab – und gab das Zeichen. Einer nach dem anderen zog sich die Kante des Steges hoch und glitt wie ein Schatten zwischen die dahintrottenden Sklaven. Diese reagierten kaum, ließen sich widerstandslos zu Seite schieben und schlurften einfach weiter. Die Ranger senkten die Köpfe unter ihren Kapuzen und bewegten sich lautlos mit der Masse. Nun wurde ihnen erst vollständig gewahr, welche Fesseln die Unglücklichen tatsächlich festhielten. Ihre Apathie war beinahe greifbar, wie ein dunkles, schweres Tuch, dass sich über sie legte und jede freie Regung des Körpers oder des Geistes niederdrückte. In ihrer Existenz gab es keinen Anlass, irgendetwas anderes zu tun oder auch nur zu denken als das, was man ihnen befahl. Ydrir hatte recht, dies waren keine lebenden Wesen mehr. Es verlangte den fünf Aeldari einiges an Willenskraft ab, sich nicht von der sie umgebenden Trostlosigkeit überfluten und mittragen zu lassen.


    Nur noch wenige hundert Schritte, dann hatten sie das Tor erreicht.


    Plötzlich geriet der Zug ins Stocken. Die Körper drängten enger zusammen, doch keiner machte einen Laut. Die Sklaven an der Spitze waren schon kurz davor, im Gebäude zu verschwinden, als sie stehen blieben. Energische Wortwechsel von unmittelbar vor dem Eingang drangen zu den Rangern hinüber. Firondhir war ihnen am nächsten.


    „Uns interessiert nicht, was der Hohe Archon sagt“, schnarrte eine hohe Stimme. „Wir habe eine Abmachung mit seinem Sohn, und wir sind hier, um unseren versprochenen Preis abzuholen.“


    Firondhir konnte den Sprecher sehen. Der Anblick war schauderhaft und prächtig zugleich. Hoch aufgerichtet vor den Kabalenkrieger stand ein Geschöpf in bronzen glänzender Rüstung, mit deutlichen weiblichen Formen, vogelähnlicher Maske und langen weißen Haaren. Sie war barfüßig, der Mittelfuß länger als gewöhnlich, so dass sie auf den klauenbewehrten Zehenspitzen stand, die Knie leicht eingeknickt. Aus ihren Schultern entsprangen ein Paar blauschwarz befiederter Flügel, die sie hoch über ihrem Kopf halb aufgefaltet hatte. In der Hand hielt sie eine lange Lanze, um deren gezackte Spitze hellblau gleißenden Energieblitzen tanzten. Weitere ihresgleichen hingen an der Fassade oder kauerten auf kleinsten Vorsprüngen, jeder mit einem kurzen Splitterkarabiner gewaffnet.


    Die Harpyie richtete sich zu voller Größe auf und breitete die Flügel vollständig aus. Sie überragte die Krieger um mehr als eine Armlänge.


    „Als Ersatz können wir auch euch mitnehmen, wir sind nicht wählerisch“, fauchte sie.


    Die anderen legten ihre Waffen an. Der Krieger wich einen Schritt zurück. Er zögerte kurz, dann machten er eine abwinkende Handbewegung. Die anderen Harpyien glitten heran und landeten auf der Brüstung, wie Vögel auf den spitzen Enden der Rippenbögen balancierend. Nun kam Bewegung in die Menge. Einige der Unglücklichen schienen doch noch eine Rest Selbsterhaltungstrieb zu besitzen, der sich nun im Angesicht der geflügelten Schreckensgestalten regte. Sie drängten sich zu kleinen Trupps zusammen wie eine Schafherde, als könnten sie damit abwenden, dass die raubvogelhaften Drukhari einen einzelnen von ihnen herausgreifen würden.


    Firondhir wurde nervös. Illurayon war nur wenige Schritte hinter ihm, die drei anderen noch ein gutes Stück zurück. Er bedeutete ihnen nicht näher zu kommen und begann selbst sich langsam zurückzuziehen, versucht dabei sich den Rändern der Brücke zu nähern, um wieder in der Unterkonstruktion zu verschwinden.


    Dann stieß sich die erste Harpyie mit ausladenden Flügelschlägen ab, ergriff einen der Sklaven und erhob sich mit ihrer Beute in die Lüfte. Die anderen taten es ihr gleich. Panik brach aus. Die unterschiedlichen Wesen drängten jammernd in alle Richtungen. Firondhir wurde niedergeworfen.


    Weiter hinten ertönte ein Schrei. Eine der Harpyien hatte Ydrir ergriffen. Sofort war Margil bei ihm und hielt ihn fest, während Ydril seine Shurikenpistole aus dem Halfter zog und auf das Unwesen feuerte. Die Klingenscheiben prallten an der bronzenen Rüstung ab oder blieben in den Platten stecken. Ydril drängte sich durch die Massen, Sklaven zur Seite stoßen, und umklammerte Ydrirs Beine. Margil indes zog ein kurzes Wurfmesser unter seinem Mantel hervor und rammte es der Harpyie zwischen die Panzerplatten am Oberschenkel. Sie stieß einen Schrei wie ein Raubvogel aus, ließ von ihrer Beute ab und schwang sich in die Höhe. Die drei Ranger fielen zu Boden. Ydril rutschte über die Kante und hielt sich an einer der Rippen fest. Die Harpyie, inzwischen wieder gefasst, stieß auf ihn nieder.


    Doch sie kam nicht weit. Ohne Vorwarnung fuhr eine gleißende Klinge durch ihren linken Flügel und trennte ihn sauber am Mittelgelenk. Vor Wut und Schmerz schreiend stürzte sie ab und verschwand im grünen Dunst. Heulend sauste ein Antigravgleiter über die Brücke hinweg. Der Hellion darauf johlte, schwang triumphieren seine Gleve und hielt seine schwarz gefiederte Trophäe in die Höhe.


    „Runter hier“, rief Margil, packte den wie betäubten Ydrir und arbeitet sich durch die panische Menge zur Kante vor. Dabei erhaschte er einen Blick auf die Umgebung. Der Luftraum um die Brücke herum war zu einem Schlachtfeld geworden. Mehrere Dutzend Hellions raste auf ihren mit bunten Mustern verzierten Antigravgleitern in halsbrecherischen Manövern umher und lieferten sich wilde Verfolgungsjagden mit den Harpyien. Diese verteidigten sich mit ihren Splitterkarabinern, deren Geschosshagel ihre Gegner von ihren Boards fegten. Die Hellions hingegen ließen ihre Gleven willkürlich auf jedes Ziel niedersausen, das in ihre Reichweite kam, seien es Harpyien oder die Sklaven auf der Brücke. Das wiederum rief die Wachen auf den Plan, die nicht dulden konnten, dass der Besitz ihres Herrn zerstört und geplündert wurde. Sie nahmen die Hellions mit ihren Splittergewehren unter Feuer, hatte aber kaum eine Chance, die dahinrasenden Ganger überhaupt zu treffen. Sklaven, die in dem Aufruhr nicht von den Kämpfenden verstümmelt oder in Stücke gerissen wurden, wurden niedergetrampelt oder stürzten zwischen den Rippen der Brüstung in die Tiefe.


    Margil gelang es, Ydrir bis zum Mittelstrang unterhalb der Brücke zu hieven, an dem die Stützrippen wie an einer Wirbelsäule aufgereiht. Im inneren des Trageskelets und verborgen unter seinem Mantel war er vorerst sicher.


    „Blieb hier und lass nicht los“, herrschte er ihn an.


    Dann arbeitet er sich von einer Rippe zu nächste zu Ydril vor, der nicht weit entfernt die Arme um eine der Bögen geschlungen hatte und sich mühte, die Beine hochzuschwingen, um auch mit den Füßen Halt zu finden. Nur noch eine Armlänge, dann hatte er es geschafft.


    Von irgendwo her kam ein Hellion herangesaust, jagte mit fast senkrecht gekipptem Board über sie hinweg und hieb dabei seine Gleve durch den Rücken des Rangers. Ydril stieß einen dumpfen Schrei aus. Seine verloren ihre Kraft, er löste sich von dem Bogen, viel hinten über und verschwand, den schwarzen Rangermantel um sich wehend, im grünen Nebel. Margil schloss die Augen. Trotzdem konnte er weiter Ydrils Gesicht vor sich sehen, dass seltsamerweise völlige Ruhe zeigt.


    Ein Heulen ließ ihn sie wieder öffnen. Der Hellion hatte gewendet und raste auf ihn zu. Seine grün und blau gefärbten Haare flatterten wild hinter ihm her. Die untere Hälfte des fahlen Gesichtes war hinter einer metallenen Maske aus grinsenden, nadelspitzen Zähnen verborgen. Wut und Hass überkamen den Ranger. Er zog seine Shurikenpistole und feuerte dem Drukhari einen Sturm aus Klingenscheiben entgegen. Einige Geschosse trafen das mit blauen Mustern verzierte Board, andere wehrte der Hellion mit den breiten, gekrümmten Klingen an beiden Enden seiner Gleve ab. Er war mit seiner langen Stabwaffe schon beinahe in Reichweiter und holte zum Schlag aus, als Margil ein weiteres Wurfmesser zückte und es treffsicher im Hals seines Gegners versenkte. Hellrotes Blut spitze aus der verletzten Ader. Die Gleve vollführte einen kraftlosen Abwärtsbogen eine Armlänge vor Margils Brust. Der Hellion verlor die Kontrolle über das Bord, raste gegen die Stützbögen und stürzte in die Tiefe.


    Margil atmete auf. Die Aggression verließen seinen Geist, wie er es in den Schreinen gelernt hatte. Dann kletterte er zu Ydrir zurück und hoffte, dass ihre Mäntel sie vor einer weiteren Entdeckung bewahren würden.


    Über ihnen flaute der Kampf derweil ab. Die Hellions hatten wohl genug und machten sich davon. Die Harpyien waren arg dezimiert, doch machten die verbliebenen sich wieder daran, ihren Anteil einzusammeln. Die Sklaven waren immer noch in hellem Aufruhr. Nun gingen die Kabalenkrieger dazwischen, schossen willkürlich in die Menge und verteilten Stöße mit den Gewehrkolben. Firondhir, der am Boden unentdeckt geblieben war, schaute auf und sah, wie zwei oder drei über Illurayon herfielen, ihn an Armen und Rumpf festhielten und trotz verzweifelter Gegenwehr davonschleppten. Er wollte aufspringen und ihm zu Hilfe eilen, doch etwas Hartes traf ihm am Kopf und ihm schwanden die Sinne.


    Den Kopf auf die Knie gesenkt saß Margil auf einem der Rippenbögen unter dem Laufsteg und wartete ab. Neben ihm kauerte Ydrir. Margil war sich nicht sicher, wie viel der Junge wirklich mitbekommen hatte. Ob er gesehen hatte, wie sein Bruder gestorben war. Ydrir hatte recht behalten: Es hatte nicht gelingen können. Und er konnte weder ihm noch Illurayon noch sich selbst die Schuld dafür geben.


    Über ihnen war es nun wieder totenstill, nur der schwache Wind zog leise säuselnd durch das Tragwerk. Margil erhob sich seufzend und kletterte auf den Laufsteg. Oben angekommen schaute er sich um. Der Boden war blutverschmiert, vermischt mit schwarzen Federn. Doch die Leichen hatten die Wachen bereits entfernt. Was damit geschehen mochte, wollte er sich nicht ausmalen. Von Illurayon und Firondhir fand er keine Spur.




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  • Kapitel V



    Zwei Kabalenkrieger in schwarzglänzenden Prachtuniformen öffneten die mächtigen, bronzenen Türflügel zum Großen Saal. Quisar veranstaltete fast täglich Gelage für seine Verbündeten und bediente sich dabei ungeniert der Räumlichkeiten seines Vaters, des Hohen Archons, im Inneren Palastbezirk hoch in der Spitze des Hauptturms der Kabalenfestung. Der ovale Raum nahm eine ganze Etage ein. Die hohe, gewölbte Decke wurde von einer Vielzahl pflanzenstielartiger Pfeiler getragen. In den Wänden ließen gestapelte Reihen sechseckiger Öffnungen wie Bienenwaben das bleiche Zwielicht der Gestohlenen Sonnen in den Saal. Die sterbenden Sterne schienen hier oben fast zum Greifen nahe. Vorhänge aus nachtblauen, fast durchsichtigen Gazestoffen wiegten leicht im Luftzug.


    Von einer umlaufenden Galerie führten mehrere Ebene breiter, jadegrüner Marmorstufen bis zum mit Tiermosaiken verzierten Boden des Saales. In kleineren und größeren Gruppen lagerten hier die Gäste auf farbigen Teppichen und großen, runden Polstern, ließen sich von sparsam bekleideten Sklaven verschiedenster Rassen mit Speisen und Getränken bedienen oder gingen ungeniert anderen Vergnügungen nach. Am hinteren Ende des Ovals, dem Eingang gegenüber, erhob sich ein mehrstufiges Podium, auf dem, unter einem tiefgrünen Baldachin, Quisar und sein engster Kreis Hof hielten, hinter ihnen das Banner des Grünen Mondes.


    Anathúriel betragt den Saal und schritt die breite Treppe zum Grund des Ovals hinab. Ihr purpurrotes Haar waren zu einer aufwändigen, filigranen Frisur geflochten, durchsetzt mit blauen Federn. Über den Augen trug sie eine goldene, schnabelförmige Halbmaske. Das schulterfreie, tief dekolletierte Kleid bestand aus zahllosen Schichten blauen, beinahe durchsichtigen Musselinstoffes. Eine breite, goldbestickte Schärpe hielt die Lagen zusammen und betonte ihre Körperformen. Die obersten Lagen des Rockes waren um die Hüften üppig hochgebunden und fielen zu einer kurzen Schleppe. Mit jeder Bewegung nahmen die Falten einen anderen Schimmer von Blau an. Doch nicht nur ihr Erscheinungsbild zog etliche Blicke der Gäste auf sich. In perfekter Dreiecksformation paradierten die sechs Falkenhunde hinter ihr, der rotfedrige Arith stolz erhobenen Hauptes an der Spitze. Vor dem Stufen zu Quisar Thron blieb sie stehen und verneigte sich ehrerbietig auf einem Knie. Die Tiere legten sie wie auf ein unhörbares Kommando nieder.


    Quisar richtete sich von seinem breiten podestartigen Thronsessel leicht auf, betrachtet gönnerhaft seine Tiere und ihre Trainerin und machte eine einladende Handbewegung. Anathúriel erhob sich und gab den Tieren ein Handzeichen. Sofort sprangen sie auf, erklommen die Treppe und scharrten sich um den jungen Archon. Der bedachte jedes von ihnen mit einigen Streicheleinheiten und ließ sie sich Plätze suchen, wie es ihnen beliebte. Sirqa, die neben ihrem Bruder saß, schien nur mäßig angetan von der Anwesenheit der Tiere. Aber noch weniger von der Anwesenheit der Bestienmeisterin.


    „Anathúriel, geselle dich zu uns“, sagte Quisar und wies auf einen freien Platz eine Stufe unterhalb seines Sessels. Sirqa verzog angewidert das Gesicht.


    Dies war keine Einladung, sondern ein Befehl. Aber zugleich auch eine kaum zu übertreffende Würdigung, zu Füßen eines Archons platznehmen zu dürfen. Anathúriel ließ sich auf den Polstern nieder und ließ ihren Blick über die anderen Höflinge schweifen. Luxus, Macht und Privilegien, das waren die Dinge, die diese Individuen durch die Nähe zum Archon zu erlangen suchten. Manch einer vielleicht sogar noch mehr. Die, die hier und heute vertraulich mit Quisar scherzten, konnten morgen schon versuchen, ihn zu beseitigen. DorchaKerun war ein uraltes Adelshaus, in dem die Traditionen aus der Zeit vor dem Fall noch weiterlebten. Quisar war nicht der erste Sohn des Herren von DorchaKerun. Aber er war derjenige, der am geschicktesten dafür sorgte, dass seine Halbgeschwister verschwanden, noch bevor sie zu einer Bedrohung für ihn heranwuchsen - und die Mütter am besten gleich mit. Manch eine ehrgeizige Konkubine seines Vaters mochte das aber nicht abhalten, für sich und ihr Kind ihm seinen Titel streitig zu machen und sich dafür auch jener zu bedienen, mit denen er sich umgab.


    Hinter Quisar, im Halbschatten zwischen Vorhängen, standen wie Statuen schwer gerüstete Incubi, ihre breiten Klaivar-Schwerter in Händen. Incubi waren bedingungslos loyal gegenüber ihrem Auftraggeber, solange er sie entlohnte. Und nicht zu vergessen seine Schwester. Gerüchte gingen, dass die beiden ein besonders enges Verhältnis zueinander hatte. Kein Gerücht jedenfalls war, das sie eine der talentiertesten und ehrgeizigsten Lhameas war, die in den letzten Jahren aus der Schwesternschaft der Lhilitu hervorgegangen war. Wer ihrem Bruder zu nahe kam, sollte achtgeben, was er zu sich nahm oder auch nur anfasste.


    Für Anathúriel hatten die Machtspiele des Hofes wenig Bedeutung. Ihr Ehrgeiz lag in ihrer eigenen Kunst. Quisar wusste das. Und sie wusste, dass die Nähe zum zukünftigen Herrn der Kabale für sie von Vorteil sein konnte. Sie nahem den dunkelgrünen Kristallkelch mit golden schimmernder Flüssigkeit an, den ein Sklave ihr reichte, und hob ihm mit einem Lächeln dem jungen Archon entgegen. Er antwortete mit einem kurzen Nicken.


    Nach dem er ein Gespräch mit irgendeinem zweitrangigen Dracon beendet hatte, wandte Quisar sich Anathúriel zu. Derweil hatte Arioth, die Falkenhündin mit den goldgelben Federn und dem milchweißen Fell, sich an die Seite der Bestienmeisterin gelegt und döste vor sich hin.


    „Sie scheint an dir mehr zu hängen als an mir“, bemerkte Quisar.


    „Ich habe es nicht darauf angelegt, Sire“, antwortete Anathúriel. „Aber diese Wesen haben einen starken Willen und einen eigenen Kopf.“


    „Zum Glück nicht stark genug für deinen“, entgegnete er. „Apropos.“


    Er neigte sich leicht zu ihr hinunter und senkte seine Stimme.


    „Ich zerbreche mir schon seit Tagen den Kopf über eine Sache. Der Chem-Pan-Sey. Wir haben ihn wohl stark unterschätzt. Wir dachten, ohne seine alberne Rüstung und seine grobschlächtigen Waffen wäre er eine leichtere Beute. Aber wir scheinen ein Exemplar einer besonders wilden und starken Rasse erwischt zu haben. Sie mögen primitiv sein, dennoch, du weißt so gut wie ich, dass sie mehr sind als gewöhnliche Tiere. Sie haben Verstand. Ich frage mich immer noch, wie es dir gelungen ist, den Losseainn dazu zu bringen, dich loszulassen.“


    Anathúriel schwieg. Selbst wenn sie eine Antwort gewusst hätte, sie wollte den Vorfall möglichst vergessen, nicht mehr daran erinnert werden. Denn jedes Mal, wenn sie daran zurückdachte, war der beklemmende Nachhall der Schmerzen wieder da. Und damit nicht genug. Kurz nach jenem Tag hatten die Alpträume begonnen. Ein formloser Schrecken suchte sie heim, immer wieder. Er nahm keine Gestalt an, er existierte nur als Gefühl, aber als eines, das lebendig war, das einen eigenen Willen hatte. Und dieser Wille zog sie an, so unwiderstehlich, dass sie jedes Mal kurz davor war, ihm nachzugeben, ehe sie aufwachte.


    „Ich kann es nicht erklären, Sire“, antwortete die ausweichend. „Jedenfalls nicht mit irgendetwas, was ich getan hätte. Vielleicht hat der Chem-Pan-Sey die Nerven verloren.“


    Ihr war selbst bewusst, die dumm sich das anhörte. Die Losseainn waren sogar in Commorragh allgemein dafür bekannt, die ausdauerndsten Krieger ihrer Rasse zu sein, kein Vergleich zu ihrem schwächlichen kleineren Artgenossen, die oft schon beim Anblick von Drukhari-Kriegern weinend zusammenbrachen.


    Sie sah Quisars missmutigen Gesichtszügen an, dass er grade genau etwas in diese Richtung erwidern wollte, als einer seiner Hierarchen von der anderen Seite an ihn herantrat und ihm etwas ins Ohr flüsterte. Sofort war seine Aufmerksamkeit an anderer Stelle. Erleichtert atmete Anathúriel aus, lehnt sich in die Polster zurück und griff nach ihrem Becher. Der schimmernde Trunk wirkte beruhigend und belebend, als würde er die tiefsitzende Furcht, die wieder aufgerührt worden war, betäuben. Beiläufig begann sie durch Arioths goldgelbe Halsfedern zu streicheln. Die Hündin schnarrte zufrieden.


    Quisar erhob sich von seinem Sessel und gab den Torwachen am anderen Ende der Halle ein Handzeichen. Sie öffneten die Türflügel.


    „Meine Freunde“, proklamierte her lauthals in den Saal, „mir wurde soeben zugetragen, dass zwei besondere Gäste uns ihre Aufwartung machen wollen.“


  • Die Aufmerksamkeit der meisten Anwesenden richtete sich auf die Pforte. Ein kleiner Trupp Kabalenkrieger betrat die Halle. In ihrer Mitte führten sie zwei Gestalten, die beim Näherkommen als Aeldari zu erkennen waren. Die Kleider waren ihnen von den Leibern gerissen worden, sie sahen zerschlagen und zerschunden aus. Das lange, schwarze Haar des einen war an der Schläfe von Blut verkrustet. Der andere konnte sich kaum auf den Beinen halten und wurde von den Wachen mitgeschleift. Seine Augen waren blutunterlaufen und der Körper überzogen mit Schnitten und Einstichen, aus einigen rann noch Blut. Vor den Stufen zum Thron wurden die beiden auf die Knie niedergeworfen. Die Wachen hielten ihnen ihre Splittergewehre in den Nacken.


    „Abgesandte von unseren Brüdern auf den Weltenschiffen besuchen uns“, hob Quisar wieder an zu sprechen. Erstes spöttisches Gekicher war aus den Reihen der Gäste zu vernehmen.


    „Und wie ich erfahre habe, kommen sie mit einem Ersuchen zu uns“, fuhr er fort. „Mit einer Einladung.“ Gönnerhaft schaute er von seinem Podest auf die Asuryani zu seinen Füßen herab und wandte sich mit einer ausladenden Geste an den Dunkelhaarigen. „Du warst so großzügig, meine Diener über euer Anliegen zu informieren. Nun erlaube ich dir, es mir und meinen Gästen vorzutragen.“


    Der Angesprochene senkte den Kopf, wobei ihm die langen Haare über das Gesicht fielen, und schwieg. Der Archon stieg einige Stufen von dem Podest herunter und neigte sich dem Gefangenen entgegen.


    „Nur nicht so schüchtern“, feixte er, richtet sich wieder auf und wandte sich an die Anwesenden: „Ich fürchte, einfache IstuKarun sind von der Pracht unserer illustren Gesellschaft einfach zu sehr eingeschüchtert.“ Mehr hämisches Lachen flogen ihm zu.


    „Aber dennoch“, sprach er mit ernstem Tonfall und theatralisch gestikulierend weiter, „will ich euch ein derart wichtiges Anliegen unserer Vettern nicht vorenthalten. Die beiden IstuKarun hier sind zu uns gekommen, um einen von uns zu bitten, sie auf ihr Weltenschiff zu begleiten. Ist hier jemand, der diese Einladung annehmen möchte?“


    Sein letzter Satz ging in schallendem Gelächter unter. Dann hob Quisar die Hand. Augenblicklich kehrte Stille ein. Sein Gesicht wurde eiskalt und verzerrte sich vor Abscheu.


    „IstuKarun!“ zischte er den beiden Rangern entgegen. „Wer feige durch die Schatten schleicht, verdient es nicht, sich einen Jäger zu nennen.“ Er schnippte mit den Fingern, drehte sich um und stieg wieder zu seinem Thronsessel hinauf. Die Wachen zerrten die beiden Aeldari in die Mitte des Saales. Quisar ließ sich wieder nieder und lehnte sich in die Kissen zurück.


    „AmArran“, befahl er. Die sechs Jagdfalken sprangen auf.


    Firondhir war dabei, Illurayon aufzuhelfen, als er die sechs Tiere auf sie zukommen sah. Ohne Eile trabten sie heran, als wüssten sie, dass sie dieser Beute nicht hinterherhetzen mussten. Firondhir stellte sich vor seinen Freund und fasste die Geschöpfe fest ins Auge. Jedes von ihnen hatten die Statur eines großen Hundes, aber ihre Krallen waren lang und gebogen wie die einer Katze, die Schnäbel spitz und hakenförmig wie bei einem Raubvogel. Kräftige Muskeln zeichneten sich unter den verschieden gemusterten Fellen ab. Die Tiere sahen ihn aus klaren, bernsteinfarbenen Augen an. Es waren prächtige, edle Geschöpfe, nicht von Natur aus böse. Sie passten nicht an diesen Ort.


    Das größte mit flammend roten Federmähne um den Hals blieb vor ihm stehen und schnarrte drohend. Firondhir atmete ruhig ein und aus, um seinen rasenden Herzschlag zu beruhigen. Es durfte nicht merken, dass er Angst hatte. Langsam richtete er sich zu voller Größe auf und versuchte dabei, sowohl die anderen Tiere als auch Illurayon im Blick zu behalten, der hilflos am Boden kauerte. Er war ein leichtes Ziel. Aber die anderen schienen das Signal ihres Rudelführers abzuwarten. Er durfte es nicht dazu kommen lassen. Langsam hob er eine Hand.


    Ohne Vorwarnung sprang der Rotfederigen ihn an. Seine Klauen zogen acht blutige Streifen über Firondhirs Brust. Der Ranger wurde einige Schritte zurückgestoßen, doch es gelang ihm, sich auf den Beinen zu halten. Sofort war er wieder an der Seite seines Freundes. Das Tier landete wenige Schritte entfernt sicher auf seinen Pfoten und drehte sich wieder zu seinem Gegner um. Die anderen hielten sich immer noch zurück.


    ‚Das war ein Test‘, ging es Firondhir durch den Kopf. Jetzt durfte er nicht zögern. Er machte einen Satz nach vorne. Überrascht von dem Gegenangriff versuchte der Rote, ihm anzuspringen, doch der Abstand war zu gering. Die beiden prallten zusammen, Firondhir bekam den Falkenhund zu fassen, legte seinen Arm um den rotgefiederten Hals und presste ihn an seine Brust. Das Tier schrie, bis ihm die Luft ausging, und schlug mit den Tatzen um sich. Im nächsten Moment ließ Firondhir es los und sprang wieder zurück zu Illurayon. Die anderen Falkenhunde taten es ihm gleich und scharten sich um ihren Rudelführer, der sich wieder aufrappelte und seinen Federn schüttelte. Dann kam er wieder einen Schritt näher.


    Erneut hob Firondhir beschwichtigend die Hände.


    „Eathan“, sagte er. „Ea ainn. Ich kann dich verletzten, du hast es gesehen, aber ich will es nicht.“


    Der Falkenhund stellte die Ohren auf und legte den Kopf zur Seite. Sein Schwanz zuckte nervös.


    „Eathan“, wiederholte Firondhir. Um sich selbst zu beruhigen, begann er eine einfache Melodie zu summen.


    Quisar war zunehmend ungeduldiger geworden, je länger das Schauspiel andauerte. So hatte er sich das nicht vorgestellt, erst recht nicht nach seiner vollmundigen Rede. Die Gäste im Saal begannen enttäuscht zu lamentieren. Was war in die Tiere gefahren? Sie hatten eine einfache Aufgabe zu erledigen. Sie hatten seinen Befehlen zu gehorchen, und nicht einem schmutzigen, dahergelaufenen Weltenschiff-Ranger. Der Archon warf der Bestienmeisterin einen finsteren Blick zu.


    „Bring die Biester zur Raison“, fuhr er sie an.


    Anathúriel war aufgestanden und sah der Szene ratlos zu. Ratlos, aber, das musste sie sich eingestehen, auch fasziniert. Dieser Asuryani hielt die Jagdfalken nur mit Worten zurück, zumindest schien es so. Aber sie durfte das nicht dulden. Ihr war klar, in diesem Moment stand hier mehr als nur ihr Ruf auf dem Spiel.


    „Arith, amsoaA’nn!“, rief sie dem Leittier zu.


    Der Rote drehte sich kurz zu ihr um und machte dann einen Satz nach vorne. Firondhir widerstand dem Reflex, zurückzuweichen und sah dem Tier in die Augen.


    „Eathan“, sagte er noch einmal, diesmal mit völlig ruhiger Stimme. Er schaute kurz auf, in Richtung des Podests. Für einen Moment traf sich sein Blick mit dem der Bestienmeisterin hinter ihrer vogelähnlichen Maske.


    „AmsoaA’nn!“ schrie sie wutentbrannt. Doch die Tiere waren unschlüssig, liefen ziellos zwischen ihr und dem Asuryani hin und her und legten sich schließlich einer nach dem anderen nieder. Sie musste einsehen, dass es ihr nicht möglich war, die Falken ihrem Willen zu unterwerfen. Resigniert klatschte sie in die Hände. Die Tiere erhoben sich und trotteten zum Podest zurück.


    Firondhir sank erleichtert auf die Knie. Für den Moment hatte er Illurayon und sich das Weiterleben gesichert.



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  • Mondschatten

    Hat den Titel des Themas von „[40K, Aeldari, Drukhari] Ad bestias“ zu „Ad bestias [(Dark-)Eldar-Roman, Armeecharaktere-Hintergrund]“ geändert.
  • Quisar kochte vor Wut. Seine Hände krampften sich um die Armlehnen des Sessels. Er wusste nicht, wen sein Zorn als erstes treffen sollte: die unfähige Bestienmeisterin, den anmaßenden Asuryani oder die nutzlosen Tiere. Eine sanfte Hand strich über seine Wange. Sofort wurde es in ihm etwas ruhiger.


    Sirqa legte von hinten zärtlich ihre Arme um ihren Bruder und flüsterte etwas in sein Ohr. Quisar nickte. Seine Mine hellte sich etwas auf. Während Sirqa die Stufen hinunterschritt und Anathúriel dabei einen triumphierenden Blick zuwarf, erhob Quisar sich und setzte zu einer neuen Ansprache an.


    „Wie es scheint, ist meine Bestienmeisterin heute nicht in der Lage, uns mit ihrer legendären Begabung zu erfreuen.“


    Anathúriel spürte einen Stich.


    „Stattdessen wird meine Schwester uns eine Probe ihrer Kunst geben.“


    Die Drukhari näherte sich Firondhir. Er konnte nicht anders, als sie anstarren: groß und schlank, in einem Mieder aus schwarz glänzenden Platten über dem blauviolett schimmernden Samt des Kleides. Das weite Dekolleté gab den Blick auf die elfenbeinfarbene Haut des üppigen Busens frei. Hautenge Ärmel bedeckten die feingliedrigen Arme und gingen nahtlos in Handschuhe über. Über dem noblen, aufreizend geschminkten Gesicht, eingerahmt von einem hohen, schwarzen Stehkragen trug sie das lange weißblonde Haar zu einem strengen Zopf geflochten. Firondhir stieg die Hitze ins Gesicht, als ihm bewusstwurde, dass er nackt vor der Drukhari-Frau am Boden kniete.


    Sirqa nahm sein Kinn mit der Hand, hob seinen Kopf leicht an und lächelte den Asuryani an. Dann schritt sie an ihm vorbei und wandte sich Illurayon zu. Es braucht einen Moment, bis Firondhir sich von ihrem Zauber lösen konnte. Er fuhr herum.


    Die Lhamea war bei dem halb bewusstlosen Ranger niedergekniet und hielt ein langes Stilett in der einen und seinen linken Arm in der anderen Hand. Firondhir kam mühsam auf die Füße, doch ehe er sie erreichen konnte, hatte die Drukhari seinem Freund einen langen Schnitt am Unterarm beigebracht. Dann ließ sie ihn los, und trat einen Schritt zurück.


    „Der Asuryani scheint eine besondere Begabung im Umgang mit wilden Tieren zu haben“, sprach sie zu den Anwesende. „Wir wollen sehen, ob er auch dieses hier bändigen kann.“ Dann kehrte sie mit rauschenden Kleidern zu ihrem Platz neben Quisar zurück.


    Firondhir hatte ihre Worte kaum wahrgenommen. Er hockte neben Illurayon, der sich schwer atmend auf die Arme stütze und versuchte aufzustehen. Er versuchte ihm aufzuhelfen, doch kaum dass er ihn berührt hatte, stieß Illurayon ihn grob von sich. Überrascht stolperte Firondhir zurück. Illurayon sah zu ihm hoch. Sein Gesicht war grässlich verzerrt, die Augen glasig, zwischen den zusammengebissenen Zähnen bildete sich Schaum. Firondhir erstarrte vor Entsetzen.


    Ohne Vorwarnung, schneller als es selbst für einen Aeldari normal war, stürzte Illurayon sich auf Firondhir und warf ihn zu Boden. Firondhir schrie überrascht auf und versuchte, seinen Freund mit erhobenen Armen abzuwehren. Irgendwie gelang es ihm, ihn von sich zu stoßen und wieder auf die Füße zu kommen, gerade eben, bevor Illurayon erneut angriff.


    Bei den Drukhari im Saal stieg die Laune wieder an. Sie riefen, applaudierten und feuerten die Kämpfer höhnisch an. Zwei Freunde, mindestens, soviel hatte fast alle mitbekommen. Und gleich welcher, einer würde den anderen töten. Das traf den allgemeinen Geschmack. Quisar lächelte zufrieden, während Sirqa mit wachsender Freude und Erregung die sich entfaltende Wirkung ihres Giftes verfolgte. Anathúriel war die Einzige im Saal, die nicht in irgendeiner Weise entzückt war.


    Der Kampf zwischen den Asuryani wurde blutiger. Die beiden umklammerten sich in einem wilden Ringkampf. Der dunkelhaarige versuchte immer wieder, von seinem Freund loszukommen. Er wich den Schlägen und Tritten aus, so gut es ging. Die Stimmen aus dem Publikum wurden lauter, verhöhnten seine Zurückhaltung und feuerten seinen Gegner an. Der andere ließ nicht von ihm ab und hatte ihm bereist die Haut am Rücken zerfetzt und die eine Gesichtshälfte blutig gebissen hatte.


    Verzweifelt versucht Firondhir, Illurayon von sich zu halten. Seine eigenen Verletzungen spürte er kaum.


    „Illurayon, komm zu dir!“ schrie er ihn flehentlich an, zum wievielten Mal wusste er selbst nicht.


    Aber sein Freund reagierte auf kein gesprochenes Wort mehr. Mit unnatürlicher Kraft entwand er sich jedem seiner Griffe, nur um ihn sofort wieder mit den Armen zu umschlingen. Er drückte Firondhir den Brustkorb zusammen, als wollte er ihn wie eine Riesenschlange ersticken. Zwei oder drei Rippen gaben knackend nach. Dann versenkte er die Zähe in seine Schulter. Nur weil es Firondhir unter furchtbaren Schmerzen gelang, den Oberkörper zur Seite zu drehen, war es nicht sein Hals.


    Er spürte, wie seine Kräfte nachließen. Bei Illurayon gab es keine Anzeichen davon. Mit Mühe konnte Firondhir einen Arm frei machen und Illurayon mit dem Ellenbogen einen Schlag gegen die Schläfe versetzen. Doch der schien ihm kaum etwas auszumachen. Brüllend hob Illurayon ihn an und warf ihn auf den Mosaikboden. Firondhir landete hart auf dem Rücken und schlug mit dem Hinterkopf auf. Illurayon war über ihm, legte die Hände um seinen Hals und drückte zu.


    Firondhirs Sichtfeld verdunkelte sich zunehmend. Der ganze Raum war nur noch erfüllt vom extasischen Gekreische der Drukhari. Sollten sie sich ergötzen, sie alle würden ihnen über kurz oder lang zu Sai’lanthresh folgen. Alles war fehlgelaufen. Er konnte Illurayon nicht töten. Und selbst wenn, was nutzte es? Hier gab es keinen Ausweg. So war es besser.


    Etwas fuhr wie in Glockenschlag in seinen Kopf. Keine Stimme, keine Worte, aber ein Gedanke, ein Wunsch, eine Bitte. Und bedingungsloses Vertrauen, wie es immer zwischen ihnen gewesen war. Es war noch etwas von Illurayon in dieser Bestie. Etwas, das die Oberhand nicht mehr zurückgewinnen konnte, aber seinen Geist noch erreichte. Und das nicht wollte, dass er sich aufgab.


    Firondhirs Lebensgeister waren wieder erwacht. Der Griff um seine Kehle war nicht lockerer. Trotzdem warf er sich hin und her, trat mit den Beinen aus, bis er Illurayon einen Tritt in den Unterleib verpassen konnte. Es braucht drei weitere, ehe er freikam. Firondhir sprang auf, und lief humpelnd die Halle hinunter, um Abstand zu gewinnen. Mit jedem Schritt bohrten sich die gebrochenen Rippen ein Stück tiefer in seine Brust. Er spürte Blut im Mund. Die Drukhari quittierten seine Anstrengung mit Gelächter.


    Illurayon setzte ihm unbeirrt nach. Firondhir wich ihm aus, bis er fand, was er sucht. Stolpernd hechtete er in die Zuschauerreihen. Mehrere Tische mit Speisen und Getränken gingen zu Bruch, der Inhalt verteilte sie über die Gäste. Die waren wenig begeistert, lamentierte empört und trieben den Asuryani mit Fäusten und Fußtritten zurück in die Mitte des Saals.


    Firondhir landete auf dem Boden, richtet sich halb auf. Im nächsten Moment war Illurayon wieder über ihn, bereit, sich mit seinem ganzen Körper auf ihn zu werfen. Ohne einen Moment des Zögerns rammte Firondhir ihm die Scherbe einer zerbrochenen Schale in den Unterleib. Illurayon taumelte zurück. Sein Gesicht zeigte Überraschung. Firondhir stach noch einmal zu. Die scharfen Kanten schnitten tief in seine Finger. Illurayon ging in die Knie und fiel zur Seite. Firondhir kroch zu ihm. Sein Freund sah ihn aus halb geschlossenen Augen an, die Wildheit war aus seinen Zügen verschwunden. Ein Gefühl von Ruhe und Einverständnis floss in Firondhirs Geist. Und Dankbarkeit. Tränen liefen ungehemmt über sein Gesicht. Er stieß die Scherbe tief in Illurayons Brust.


    Einen Moment des Schocks kniete Firondhir neben seinem reglosen Freund und sah auf seine blutigen Hände. Dann brach er mit einem Schrei schmerzerfülltester Verzweiflung und Trauer zusammen. Doch der ging im rasenden Jubel der Begeisterung unter. Die Gäste applaudierten Quisar zu. Der hatte sich von seinem Sessel erhoben und Sirqa bei der Hand genommen. Gemeinsam nahmen sie die Ehrerbietung der Anwesenden entgegen. Niemand achtete auf Anathúriel, die auf ihrem Polster saß und wie von Blitz getroffen in Richtung des beendeten Kampfes starrte.


    Es dauerte eine Weile, bis ihre Gedanken sich wieder gesammelt hatten. Ihr war, als würden ihr die letzten Minuten fehlen. Nichtsdestotrotz glühte in ihr immer noch die Abscheu gegen die Schwester des Archons und ihr hochmütiges Gebaren. Die Blamage konnte sie nicht auf sich beruhen lassen.


    Inzwischen waren die Wachen dabei, den toten und den gerade noch lebenden Asuryani davon zu schleppen. Ein gewagter Einfall kam ihr von irgendwoher in den Sinn. Sie sah zu Quisar auf. Mit dem Kelch in seiner Hand prostete den Höflingen in seiner Nähe zu. Er war in Hochstimmung, vielleicht hatte sie Glück.


    „Sire“, sprach sie ihn an, „darf ich Euch um einen Gefallen ersuchen?“


    Sofort verfinsterte sich seine Miene.


    „Recht forsch, nach deinem Versagen heute“, entgegnete er.


    „Darum geht es, Sire. Ich will wissen, wie das geschehen konnte. Und wie ich dafür sorgen kann, dass es nicht noch einmal geschieht. Ich denke, der Asuryani kann mir Antworten geben.“


    Quisar sah sie mit einer Mischung aus Unverständnis und Belustigung an. Dann wandte er sich an seine Schwester.


    „Hast du noch Verwendung für den Asuryani?“


    „Was soll ich damit?“ gab sie zurück. „Wir haben hunderte davon. Wenn ich einen brauche, lasse ich mir einen bringen.“


    Quisar zuckte mit den Schultern. „Meinethalben, du kannst ihn haben, Bestienmeisterin. Aber ob du nun etwas von ihm in Erfahrung bringst oder nicht, wenn wir die Große Jagd ansetzten, will ich, dass meine Hunde wieder zu gebrauchen sind. Ich denke, zu den Konsequenzen muss ich mich nicht weiter äußern.“



    Kommentarthread


    Eldar Language Guide



  • Kapitel VI



    Es brauchte einige Tage, bis der Weltenwanderer wieder in einem übergabefähigen Zustand war. Die Fähigkeiten der Haemonculi zur Wiederherstellung eines Körpers suchten ihresgleichen, doch waren sie unweigerlich verbunden mit beispielloser Qual. Ob dies wirklich notwendig war oder nur ihrem Vergnügen diente, wussten nur die Haemonculi selbst. Die Höhe ihrer Kunst war allerdings den Eliten der Kabale vorbehalten, und die wollte Quisar nicht an einen minderwertigen Asuryani vergeudet wissen. So stand Firondhir mit nur um das Nötigste versorgten, immer noch schmerzenden Verletzungen in der Tür von Anathúriels Suite, teilnahmslos dem harrend, was da kommen möge.


    Wann immer er während der Tortur dazu in der Lage gewesen war, einen klaren Gedanken zu fassen, hatte das Geschehene ihn heimgesucht, wieder und wieder. Eigenhändig hatte er seinen Freund getötet und war in dem Moment so sicher gewesen, dass er nach seinem Wunsch gehandelt hatte. Doch es ergab keinen Sinn. Bechareth, ein Geist auf dem Wind. Kein Seelenstein war dagewesen, um seine Seele einzufangen und Ihr, der Dürstet, vorzuhalten. Er hatte seinen Freund nicht nur getötet, er hatte ihn der ewigen Folter überlassen, schlimmer als alles, wozu die Drukhari jemals fähig wären. Für nichts. Das Vertrauen darauf, dass sich irgendwie ein Ausweg finden würde, war dahin. Wahrscheinlich war er von Anfang an nur eine Selbsttäuschung, einem tröstlichen Wunschdenken erlegen. Einer Lüge.


    „Komm rein“, sagte Anathúriel. Der Ranger rührte sich nicht.


    „Hast du nicht gehört, was sie gesagt hat?“ herrschte ihn einer der beiden Kabalenkrieger an, die ihn hergebracht hatten. Sie packten Firondhir bei den Armen, und schleiften ihn in den siebeneckigen Raum vor die Bodenstufe der ausladenden Sitzfläche, auf der die Bestienmeisterin sich niedergelassen hatte.


    „Geht!“ befahl sie den Wachen. Die verneigten sich kurz, drehten sich um und verließen die Suite.


    Anathúriel stand auf und stieg von dem Podest hinab. Sie umkreiste den Asuryani und betrachtete ihn von allen Seiten, als würde sie eine gelieferte Ware inspizieren. Man hatte ihm ein knielanges, verschlissenes Hemd übergezogen, das über der Brust mit einer einfachen kreuzgeschnürten Kordel verschlossen war. Seine schwarzen Haare hingen lose herunter, verworren, aber wenigstens sauber. Eigentlich hatte er ein sehr ansehnliches Gesicht, schmal, leicht kantig, dunkelblaue Augen. Nur war die eine Seite rot und blau verschwollen von dem Biss, den sein Kumpan ihm zugefügt hatte. Sie öffnete die Bänder des Hemds. Er ließ es geschehen. Die tiefen Kratzer auf der Brust waren mit metallenen Klammern zusammengepresst. Sie würden deutliche Narben hinterlassen. An seiner Seite breitete sich ein schwarzer Bluterguss über den gerichteten Rippen aus. Die rechte Hand, mit der er die Glasscherbe gehalten hatte, war als einziges verbunden. Nun gut, er würde ihr hier nicht unversehens wegsterben. Mehr konnte sie wohl nicht erwarten.


    „Setz dich“, sagte sie, während sie selbst auf die dunkelroten Polster zurückkehrte und sich an die inmitten der Sitzlandschaft angelegte, üppig begrünte Pflanzeninsel anlehnte.


    Er reagierte nicht. Sie stutzte und richtet sich wieder auf.


    „Setz! Dich!“ wiederholte sie eindringlich.


    Er stand immer noch mit gesenktem Kopf und hängenden Schultern da.


    „Meinetwegen“, seufzte sie.


    Sie rutschte an die Kante der breiten Sitzfläche vor, stütze die Ellenbogen auf die Knie auf, legte das Kinn auf die gefalteten Hände und sah den Asuryani unschlüssig an. Tausendfach hatte sie sich durch den Kopf gehen lassen, wie sie anfangen sollte. Sie hatte keinen Chem-Pan-Sey oder eine ähnliche unverständige Kreatur vor sich. Aber auch keinen Drukhari-Sklaven, bei dem hinter erzwungener Unterwürfigkeit stets mit Hinterlist zu rechnen war. Alle Asuryani, denen sie bisher begegnet waren, waren hinter Masken verborgene Krieger gewesen. Ins Gesicht geschaut hatte sie noch keinem.


    „Wie heißt du?“ Das schien ihr ein guter Anfang.


    Doch der Ranger antwortete nicht. Anathúriel stand auf, ging zu einem niedrigen Tisch auf der anderen Seite der Sitzlandschaft – hier bildeten die Polsterbank eine halbkreisförmige Ausbuchtung – und suchte eine faustgroße, purpurfarbene Frucht aus einer Silberschale. Sie kehrte zurück und hielt sie dem Ranger hin.


    „Sie ist nicht giftig, falls du das denkst.“


    Sie kam sich albern vor. Das war ihre Vorgehensweise bei frisch gefangenen Tieren. Unterordnung und Abhängigkeit. Das Tier musste lernen, dass es nur von ihr Futter bekam. Aber ihr fiel nichts besseres ein. Der Asuryani indes reagierte immer noch nicht.


    Sie verstand seine Zurückhaltung nicht. Er konnte bisher keine besonders reichhaltige, geschweige denn wohlschmeckende Nahrung erhalten haben. „So etwas bekommen Sklaven hier sonst nicht.“


    Immer noch keine Reaktion. Allmählich verlor sie die Geduld. Wie konnte ein verstandesbegabtes Wesen in solch einer hilflosen Lage noch eine solche Arroganz an den Tag legen. Sie warf ihm die Frucht vor die Füße. Sie platze auf und verteilte tiefroten Saft und diamantförmige, fleischige Kerne auf dem Boden.


    „Ich weiß nicht, was du dir einbildest“, herrschte sie ihn an, „aber eines kann ich dir versichern: Wenn sie kommen und dich wieder abholen, dann ist es für niemanden mehr von Belang, ob du lebst oder stirbst. Ich habe nur Fragen, mehr nicht.“


    Er hob den Kopf und schaute sie an. Anathúriel erschrak. Noch nie hatte sie so einen Blick gesehen. Sie hatte jede Art von Furcht, Grauen, Panik und Verzweiflung gesehen. Sie hatte Geschöpfe gesehen, die die Aussicht auf den Tod sogar zu erfreuen schienen. Bei diesem Asuryani erkannte sie nichts davon wieder. Nur Leere, als wäre es tatsächlich so, wie sie gesagt hatte: nicht von Belang.


    Ohne Vorwarnung begann der Asuryani zu schwanken und sank auf die Knie. Er keuchte und griff sich an die Seite. Reflexartig fing Anathúriel ihn auf, bugsierte ihn auf die Sitzfläche und legte ihn auf einer Gruppe großer, runder Kissen ab. Er krümmte sich und sein Gesicht verzerrte sich furchterregend. Sein Atem kam stoßweise zwischen den zusammengebissenen Zähnen hervor. Sie überlegte kurz, dann verschwand sie in ein angrenzendes Zimmer und kehrte nur Augenblicke später mit einer kleinen Phiole voll bläulich schimmernder Flüssigkeit zurück. Sie zog den Deckel ab und stach die silberne Nadel, die darunter zum Vorschein kam, dem Ranger in eine Armvene. Es dauerte einige Momente, dann wurde sein Atem wieder ruhiger. Er öffnete halb die Augen, machte aber keine Anstalten aufzustehen.


    „Was hast du getan?“ wisperte er.


    „Das war nur ein Schmerzmittel“, antwortete sie. „Ich…“


    Doch er hörte sie schon nicht mehr. Seine Augen fielen wieder zu. Anathúriel beugte sich über ihn und stellte fest, dass er eingeschlafen war. Entnervt schlug sie die Hände vors Gesicht. Naja, sei’s drum. Sie schnippte mit den Fingern. Aus einer Nische neben der Eingangstür kamen gebückt zwei Hausdienersklaven angeschlichen. Sie bedeutete ihnen mit Handzeichen, dass sie den Asuryani in einem Nebenzimmer auf ein Bett legen sollten.


  • Firondhir konnte sich kaum erinnern, wann er zuletzt in einem echten Bett geschlafen hatte. Das Leben auf dem Pfad des Ausgestoßenen bot selten Gelegenheit dazu. Er war zwar schon einige Minuten wach, aber er blieb einfach ausgestreckt und mit geschlossenen Augen auf der dicken, weichen Matratze und unter der leichten Decke liegen. Es fühlte sich angenehm an, unbeschwert. Sein Körper schmerzte nicht mehr. Zum ersten Mal seit Tagen hatte er wieder schlafen können. Zum ersten Mal, seit…


    Stück für Stück, Bild für Bild kehrte die Erinnerung zurück. Sein Hals schnürte sich zusammen, bis er fast keine Luft mehr bekam. Dann kamen die Tränen und er ließ sie laufen, bis er keine mehr hatte.


    Eine ganze Weile lag er noch still da. Auch mit geschlossenen Augen konnte er erkennen, dass es in dem Raum stockfinster war. Hier ging jedes Zeitgefühl verloren. Dann drang ein Geräusch an sein Ohr, leises Plätschern wie von Wasser. Firondhir setzte sich auf. Durch einen Spalt in der Seitenwand drang ein schwacher, blassgoldener Lichtschein herein. Er wischte sich das Gesicht mit einem Zipfel der Decke ab, stand auf und ging auf das Licht zu. Als er die Wand berührte, glitt ein Teil wie eine Schiebetür ein Stück zur Seite.


    Angrenzend war ein Bad, ein fünfeckiger Raum, Boden und Wände mit stilisierten Rankenmustern aus rautenförmigen Kacheln gefliest. Es musste ein Außenraum sein, denn zwei der Wände waren Reihen schmaler Fensterschlitze mit rankenden Gittermustern, vor denen ebenfalls rankenbestickte, dunkelgrüne Vorhänge sich leicht im Luftzug bewegten. Ein großer Teil des Raumes wurde von einem halbmondförmigen Badebecken eingenommen. Das leuchtende Wasser erhielt seine fast natürliche Farbe von Fliesen und verschiedensten Schattierungen von Blau, Grün und Türkis. An den Wänden und an der dunkelblauen Decke glühte eine Vielzahl kleiner, weißer Lampen. Der ganze Raum wirkte wie der Versuch, einen nächtlichen Najadenweiher auf einer Jungfernwelt nachzuahmen, und scheiterte dabei in seiner Künstlichkeit dabei doch kläglich. Allerdings, die Najade war echt.


    Ihm den Rücken zugewandt, glitt die Drukhari durch das Wasser. Ihre hüftlangen Haare wallten ihr nach wie purpurrotes Flussgras. Sie erreichte das gegenüberliegende Ende des Beckens und drehte sich um. Durch das Wasser sah Firondhir ihren wohlgeformten Körper hell schimmern. Mit beide Händen strich sie sich die nassen Haare aus dem Gesicht, nun ungeschminkt und bar jeder Boshaftigkeit. Dann öffnete sie die Augen und sah genau in seine Richtung.


    Anathúriel erblickte den Asuryani im Türspalt. Sofort verfinsterte sich ihre Mine und sie stieß einen erbosten Schrei aus, der sofort ihre Diener in Bad eilen ließ.


    „Raus hier!“ fauchte sie den Slaven zugewandt. Diese gehorchten sofort und verschwanden so hastig, wie sie gekommen waren. Der IstuKarun allerdings stand immer noch da.


    „Du auch! Verschwinde! Was erlaubts du dir!“ Ihre Worte schienen ihn wachgerüttelt zu haben, sofort zog er sich in das Nachbarzimmer zurück. „Und zieh dir etwas an“, setzte sie nach.



    Kurze Zeit später trat Anathúriel aus ihrem Ankleidezimmer in den Hauptraum. Sie hatten sich einen langen Frottee-Kimono umgewickelt und trug die Haare zum Trocknen offen.


    Firondhir saß bereits auf der Polsterbank an dem niedrigen Tisch. In seinem Zimmer hatte er eine schlichte, blaue Seidenjacke und Hose gefunden. Als die Drukhari den Raum betrat, stand er auf. Sie sah ihn verwundert an.


    „Ich möchte dich um Verzeihung bitten, für gerade eben“, sagte er.


    „Du weißt schon, dass das der Gürtel ist?“ entgegnete sie.


    „Was?“


    „Womit du dir die Haare hochgebunden hast. Das ist der Gürtel zu der Jacke.“


    „Ja, das weiß ich, es war nichts anderes da. Aber…“


    Sie verschwand kurz in ihrem Ankleidezimmer und kam mit einem schwarzen Samthaarband zurück.


    „Hier.“


    Firondhir nahm es entgegen. „Danke“, sagte er.


    „Was meintest du damit?“, fragte Anathúriel.


    „Womit?“ entgegnete Firondhir, während er sich die Haare zu einem offenen Zopf band.


    „Du sagtest, du bittest mich um Verzeihung.“


    „Weil ich dich… Weil du im Bad…“ stammelte er verwirrt.


    „Nein“, unterbrach sie ihn. „Was heißt ‚um Verzeihung bitten‘? Die Sklaven sagen das andauernd, wenn sie unfähig waren.“


    Firondhir war einen Moment sprachlos. Er überlegte kurz, wie wer so etwas selbstverständliches erklären sollte. „Man bittet den anderen darum, den Fehler oder ein Unrecht, das man ihm zugefügt hat, zu entschuldigen, so dass der andere einem nicht mehr zürnt.“


    Anathúriel lachte laut los, so dass Firondhir zusammenfuhr. „Das meinst du ernst? Wenn man jemanden, der sich etwas hat zu Schulden kommen lassen, nicht bestraft, offenbart man nur die eigene Schwäche. Und Schwäche ist tödlich.“


    Firondhir schluckte. Plötzlich war die in jeder Hinsicht fremdartige Drukhari wieder da. Anathúriel missdeutete seine Regung.


    „Keine Sorge, so eine Bagatelle ist die Mühe nicht wert. Außerdem“, sie setzte sich auf das Polster, „bleibt es immer noch dabei: du bist nur hier und am Leben, weil du mir etwas erklären sollst. Was hast du mit den Felchu gemacht?“


    Langsam setzte Firondhir sich ebenfalls. Erst jetzt Begriff er vollständig. Sie war die Bestienmeisterin, die maskierte Frau, der er in die Augen geblickt hatte. Bis gerade eben war er ganz in der Gegenwart gewesen, abgelenkt durch das eigenartige Gespräch. Jetzt überkam ihn die Erinnerung wieder wie eine Sturzflut. Er begann zu zittern. Anathúriel bemerkte seinen Stimmungswandel.


    „Das geht jetzt nicht wieder von vorne los wie gestern Nachmittag!“ befahl sie. „Antworte mir.“


    Firondhir fuhr auf. „Was ich gemacht habe willst du wissen?“ brach es aus ihm heraus. „Meinen Freund habe ich umgebracht! Seine Seele habe ich Sai'lanthresh überlassen! Und alles, was dir einfällt, sind deine missbrauchten Kreaturen.“ Unter Tränen fiel er auf das Sitzpolster zurück.


    Betroffen saß Anathúriel auf ihrem Platz. Sie, die Dürstet bei ihrem tatsächlichen Namen genannt zu hören, versetzte sie in Schrecken, wie jeden Aeldari. Als das Worte fiel, spürte sie einen erneuten Stich in der Brust. Aber da war noch mehr, etwas anderes, neues und unerwartetes. Den Zorn und die Verzweiflung ihrer Gegner hatte sie schon unzählige Male gesehen und sich daran erfreut. Aber jetzt fühlte sie sich im Innersten berührt, wie sie es noch nie erlebt hatte. In ihr regte sich der Wunsch, irgendetwas zu sagen, was dieses Gefühl ausdrückte. Aber sie kannte keine Worte dafür.


    „Ich bitte dich um Verzeihung“, war das Einzige, was ihr passend erschien.


    Firondhir sah sie finster aus verquollenen Augen an. Er lachte bitter. „Und du glaubts, damit ist es getan?“


    Sie wusste, dass es das nicht war. „Was soll ich sonst tun?“, entgegnete sie erregt. Aber da sie nun einmal Schwäche gezeigt hatte, spielte der Rest jetzt auch keine Rolle mehr. „Du verstehst nicht, um was es geht. Ich bin die Bestienmeisterin des Archons. Niemand kann mit seinen Tieren so umgehen wie ich, möglicherweise nicht einmal er selbst. Und du hast mich vor meinem Herrn und dem versammelten Hof wie unfähig dastehen lassen. Was ich eben über Verschulden gesagt habe, trifft nicht nur auf Sklaven zu, sondern auf jeden, ausnahmslos. Für mich geht es dabei um alles.“


    Aber Firondhir blieb stumm sitzen, das Gesicht in den Händen vergraben. Ihm kümmerte gar nichts mehr, am allerwenigsten die Drukhari und ihre egozentrischen Probleme.


    Anathúriel rang mit sich. Der Asuryani war stur. Und wie es aussah, war er dabei, sich und alles aufzugeben. Dann brachten auch die Überredungskunst der Heamonculi nicht mehr viel. Sie sah noch eine Möglichkeit: Mit dem IstuKarun das gleiche zu machen wie mit dem Chem-Pan-Sey. Sie war sich sicher, dass die Schmerzen und die Panik wiederkommen würden, wie beim letzten Mal. Aber es war zu wichtig.


    Sie atmete ein paar Mal tief ein und aus, wartet auf den richtigen Moment. Der Asuryani saß arglos da. In einer blitzartigen Bewegung sprang sie auf seinen Schoß, drückte ihn auf das Polster und gegen die Rückenlehne, die eine Hand auf seiner Brust, die andere in seinem Gesicht. Zu überrascht, um zu reagieren, blieb er einfach liegen und starrte sie mit weit aufgerissenen Augen an.


    „Sag mir, was ich wissen will“, befahl Anathúriel in eindringlichem Ton.


    Was dann passierte ging weit über das hinaus, was sie beabsichtigt und auch nur für möglich gehalten hätte. Es dauerte einen Moment, bis sie begriff, was geschah. Bilder fluteten in ihren Kopf, und Gefühle, so viele und so schnell, dass sie sie nicht auseinanderhalten konnte. Gleichzeitig setzte auch das Ziehen in der Brust und der stechende Kopfschmerz wieder ein. Und dann trat ein Bild aus allen anderen heraus: Illurayon, am Boden ausgestreckt, die Scherbe der zerbrochenen Schale in der Brust, und Blut an Händen, die nicht ihre waren. Unfassbarer Schmerz brach über Anathúriel herein. Sie schrie, mit ihrer eigenen Stimme und mit einer anderen. Sie wollte loslassen, nur weg. Aber es gelang ihr nicht, erst als etwas ihr einen Stoß zu versetzen schien.


    Anathúriel glitt benommen von der Sitzfläche, landete mit den Knien auf dem Boden und klammerte sich an den Polstern fest, um nicht völlig abzurutschen. Die Bilder waren weg. Das Ziehen in der Brust und die Kopfschmerzen zerflossen allmählich. Aber die Gefühle blieben. Schwer atmend rang sie nach Luft. Jetzt, erst jetzt hatte sie wirklich verstanden.


    Firondhir kehrte allmählich aus seiner Erstarrung zurück und setzte sich auf. Ungläubig schaute er auf die Drukhari hinunter. „Dainnar“, flüsterte er. Dann beugte er sich hinunter und half ihr zurück auf die Sitzfläche.


    „Anathúriel“, sprach er sie an. „Anathúriel, komm zu dir.“


    Sie strich sich mit beiden Händen die Haare aus dem Gesicht, presste die Handballen kurz gegen die Schläfen, dann sah sie ihn an.


    „Woher weißt du…“ Doch sie kannte die Antwort, noch bevor sie die Frage beendet hatte. „Das geht in beide Richtungen?“ fragte sie.


    „Ja“, antwortete er. „Aber nicht gleich stark. Es hängt von der Begabung ab. Du bist eine Dainnar.“


    ‚Xenos-Hexe.‘ Ihre kamen die Worte des Chem-Pan-Sey wieder in den Sinn. Das musste er gemeint haben. „Hast du das auch so gemacht, mit den Felchu?“


    „Nicht ganz“, antwortete er. „Jeder unseres Volkes ist quaarin bis zu einem gewissen Maß. Ich habe nur zu den Tieren gesprochen und sie haben mich verstanden. Aber es lag an ihnen. Das sind verständige Geschöpfe, keine wilden Bestien.“


    Anathúriel schwieg einen Moment. Wahrscheinlich hatte sie es die ganze Zeit nicht anders gemacht, ohne es selbst zu merken. Mit einem Unterschied. Sie hatte den Tieren nie Respekt entgegengebracht.


    „Dein Name ist Firondhir“, sagte sie. „Und sein Name… war Illurayon. Es tut mir unendlich leid.“


    „Jetzt glaube ich dir“, entgegnete er, und ein trauriges Lächeln zog über sein Gesicht. „Und jetzt ergibt alles einen Sinn. Wir sind wegen dir hierhergekommen. Dein Archon hat nicht gelogen, als er sagte, dass wir jemanden aus Commorragh auf unser Weltenschiff bringen sollten. Wen, wussten wir nicht, es sollte sich finden. Stattdessen hast du mich gefunden.“


    „So sieht es wohl aus. Und wie soll es nun weitergehen?“


    Firondhir seufzte tief. „Ich weiß es nicht.“


  • Kapitel VII



    Anathúriel lag auf ihrem Bett, die Arme hinter dem Kopf verschränkt, und schaute das unter der Decke aufgespannte Tuch an. Es schimmerte dunkelblau, wie ein Nachthimmel – oder zumindest wie sie sich einen Nachthimmel vorstellte. Tatsächlich war sie zwar schon das eine oder andere Mal bei Nacht auf einem Realweltraubzug gewesen, aber sich den Himmel anzuschauen, der Gedanke war ihr bisher nie gekommen.


    Fortgehen, auf ein Weltenschiff der Asuryani. Ein seltsamer Gedanke. Was sollte sie dort? Was wusste sie überhaupt über die Asuryani? Dass sie ein freundloses Leben voller Zwänge führten, in ständiger Angst lebten vor Ihr, die Dürstet. Das war das Bild, das in Commorragh von ihren Vettern gepflegt wurde. Aber wenn sie es recht bedachte, frei von Zwängen war sie hier auch nicht. Sie stand im Dienst des Jungen Herrn der Kabale, und wenn sie seinen Ansprüchen nicht gerecht wurde, konnte das fatale Konsequenzen haben.


    Und freudvoll? Das hatte sie bisher zumindest immer gedacht. Sie konnte das tun, was sie wollte, was sie liebte, erhielt dadurch sogar Anerkennung und Privilegien und nicht zuletzt auch Sicherheit. Und da war der Haken. Der Preis für das angenehme Leben, dass sie führte, war der, sich in Abhängigkeit zu begeben. So funktionierte Commorragh. Aber bevor der IstuKarun ihr dieses Angebot unterbracht hatte, hatte sie darüber nie nachgedacht.


    Ein Angebot, dass nicht viel wert war. Man verabschiedete sich nicht einfach aus dem Dienst eines Archons, reiste aus Commorragh ab und nahm dann auch noch einen Sklaven mit. Die Asuryani konnten auf ihren Weltenschiffen anscheinend jederzeit kommen und gehen, wie sie wollten. Aber warum sollte sie selbst das auch wollen? Es war doch alles gut. Quisars Vertrauen würde sie in kürzester Zeit wiedergewonnen haben. In einer Verpflichtung zu stehe, damit konnte sie gut leben, solange die Gegenleistung stimmte, und das tat sie. Allerdings würde sie ihr Möglichstes daransetzen, Firondhir erst einmal bei sich zu behalten. Sicherlich konnte er ihr noch mehr erzählen. Und irgendwie war er ihr sympathisch.


    Sie drehte auf die Seite und zog die Decke über die Schultern.



    Es war dunkel und kalt. Der Raum schien unendlich weit, ohne Anfang, ohne Ende, nicht einmal mit einem Oben und einem Unten. Trotzdem hatte Anathúriel nicht das Gefühl, dass sie schweben würde. Sie stand einfach nur da und sah sich um. Die Leere kam ihr vertraut vor, als wäre sie schon einmal hier gewesen, und aus irgendeinem Grund fühlte sie sich sicher und geborgen.


    Von irgendwo her kam ein Lichtschein, erst ganz schwach, so dass sie glaubte, sie hätte es sich nur eingebildet. Doch er wurde stärker, so dass sie ihm eine Farbe zuordnen konnte: ein weiches, warmes rosa. Sah so ein Sonnenaufgang aus? Sie war sich sicher, noch nie einen gesehen zu haben.


    Jetzt konnte sie einen Ursprung ausmachen und sie begann gemächlich darauf zuzugehen. Das Licht erhob sich nicht über den Horizont, es wurde einfach nur immer heller, fast unmerklich. Gleichzeitig glaubte sie eine leise Musik zu hören. Keine Melodie im eigentlichen Sinne. Viel mehr eine scheinbar zufällige Abfolge von Tönen, die zusammen aber eine Art Harmonie bildeten. Als nächstes bemerkte sie einen Geruch in der Luft, süßlich und sehr angenehm, wie von Blumen und Früchten.


    Und dann hörte sie die Stimme. Eine sanfte, freundliche Stimme. Zuerst war es mehr ein Flüstern, doch bald konnte sie Worte unterscheiden. Die Stimme rief sie beim Namen. Sie forderte sie auf, zu ihr zu kommen.


    Anathúriel folgte ihr. Mit jedem Schritt wurden die Eindrücke stärker. Das Licht, die Töne, die Gerüche umströmten sie und erfüllten sie mit Wohlbehagen, wie es ihr noch nie begegnet war. Die Stimme zeigte sich erfreut darüber, sie versprach mehr, so viel sie nur wollte, wenn sie zu ihr käme.


    Das Licht nahm jetzt fast den gesamten, endlosen Raum ein. Der rosige Sonnenaufgang begann sich aufzuspalten in Myriaden tanzender Farben. Und inmitten dieses Wirbels erschien eine Gestalt, kein sich abzeichnender Schatten, sondern noch mehr Licht als das Licht selbst, schlank und groß, mit langen, wehenden Haaren. Nicht nur die Stimme, auch die Musik und der Duft schienen von ihm auszugehen. Einladend streckte das Wesen ihr die feingliedrigen Arme entgegen. Höchste Freude überkam Anathúriel. Sie beschleunigte ihre Schritte, begann zu laufen. Sie wollte zu dem Wesen gelangen. Jeder Faser ihres Körpers und Geistes war mit dem unbändigen Verlangen erfüllt, für alle Ewigkeit von diesen wundervollen Wahrnehmungen umgeben zu sein. Und das leuchtende Wesen würde es ihr freigiebig schenken.


    Unvermittelt setzten die Schmerzen wieder ein, das Reißen in der Brust, das Stechen im Kopf. Irgendetwas stimmte nicht. Ein Teil von ihr spürte wieder die Furcht, wollte weg, sich dem Wese entziehen. Die Schmerzen wurden immer stärker, bis sie glaubte, sie würde entzweigerissen werden. Doch das Verlangen war mächtiger, begrüßte die Pein als Teil der unendlichen Sinnesfreuden.


    Das Wesen schien ihren Zweispalt bemerkt zu haben und darüber nicht erfreut zu sein. Die tanzenden, blendenden Farben erstarrten zu triefendem Rotviolett, die Musik verschmolz zu einem kreischenden Missklang und der Duft zog sich zu einem schweren atemraubenden Dunst zusammen. Die Lichtgestalt wurde dunkel und grauenerregend. Sie streckte ihre Arme aus und griff mit langen Fingern nach ihr. Anathúriel wollte sich ihr entziehen, aber ihr Körper wollte ihr nicht gehorchen. Er bewegte sich einfach weiter, angezogen von der finsteren Gestalt und ihren Versprechungen. Sie schrie in Panik und Verzweiflung, schrie noch weiter, als ein warmes Dunkel sie gänzlich umfing, sie festhielt und nicht nachgab, egal wie sehr ihre Glieder sich sträubten. Farben, Geräusche und Gerüche verblassten, als wären alle ihre Sinne mit einem Mal betäubt worden. Tiefe Ruhe breitete sich in ihr aus.


    Finsternis umgab Anathúriel. Sie lag auf dem Rücken, oder zumindest schien es ihr so. Ihr Herz klopfte laut und sie rang nach Luft. Die Schmerzen pochten weiter in ihrer Brust und den Schläfen und ebbten nur allmählich ab. Ihr war, als würde es um sie heller. Sie öffnete die Augen. Nur wenige Schritte entfernt zeichnete sich eine dunkle Gestalt in einem schwachen, rötlichen Lichtschein ab. Sie wollte wieder schreien, aber die Stimme versagte ihr.


    Firondhir trat ins Zimmer. Sofort konnte er die klamme Kälte und den schweren, süßlichen Geruch wahrnehmen. Er erschauerte bis ins Mark. SIE war hier gewesen, aber jetzt war SIE fort. Er kniete neben Anathúriels Bett nieder, berührte ihre Arme und strich über ihre Wange. Sie war kalt, wie mit einer dünnen Eisschicht überzogen, und zitterte am ganzen Körper. Er setzte sich auf die Bettkante. Als Anathúriel seiner gewahr wurde, klammerte sie sich an ihn und brach in Tränen aus. Firondhir legte seine Arme um sie und hielt sie fest an sich gedrückt. Dann begann er leise, eine ruhige Melodie zu summen.


  • Anathúriel stand im Vorzimmer zu Quisars Privatgemächern. Mit mehr Makeup als üblich hatte sie versucht, die sichtbaren Folgen der katastrophalen Nacht zu überdecken. Aber der schwere Kopf, die Konzentrationsschwäche und der immer noch nicht völlig zu Ruhe gekommenen Puls blieben. Sie hatte sich nicht getraut, ein Stimulanzmittel zu nehmen. Wer weiß, was das für Auswirkungen auf ihren Geist und der dann auf anderes haben konnte.


    Ihre Gedanken kreisten um die Nacht. Den anfänglichen Versuch sich einzureden, dass es nur ein Alptraum war, hatte sie aufgegeben. Sie wusste ganz genau, was sie erlebt hatte. Und dank Firondhir wusste sie auch, warum. Quaarin. Dainnar. Drukharii hatten keine Psikräfte, Drukharii brauchten keine, nutzten keine. Warum, das hatte sie jetzt am eigenen Leib erfahren. Alles Bestreben ihres Volkes zielte darauf ab, sich dem Großen Feind zu entziehen. Heute Nacht hätte sie bereitwillig das Gegenteil getan, wenn nicht… Ja, was eigentlich? Was hatte sie zurückgehalten? Sie wusste es nicht. Sie war sich nur sicher, dass sie es nicht selbst gewesen war. Dazu war ihr Wille zu schwach gewesen.


    Die hohe Tür aus schwarzem Metall öffnete sich. Anathúriel sammelte kurz ihre Gedanken und trat ein.


    Quisars Salon war genauso siebeneckig wie der Hauptraum ihrer Suite, doch ungleich größer. In der Mitte des Zimmers gruppierten sich niedrige Diwane um einen ovalen Tisch aus dunklem Stein. Zwei Wände wiesen nach außen. Die hohen Fensteröffnungen füllte regelmäßiges Gitterwerk aus weißgoldenem Metall aus. Davor hingen durchscheinende Vorhänge aus blassgrünem Tuch bis zum Boden herab. Regale nahmen die drei inneren, türlosen Wände von Boden bis zur Decke ein. In den Fächern fand sich eine Sammlung unterschiedlichster Objekte: Schmuckstücke und Kunstwerke fremder Kulturen, präparierte Körperteile unterschiedlichster Spezies, Waffen und Gegenstände, deren Zweck sich nicht einmal erahnen ließ. Und dazwischen eine beträchtliche Anzahl von Büchern, Karten und Schriftrolle. Anathúriel betrachtete die Sammlung mit Neugier und Staunen.


    „Ich nehme an, ein so vielseitiges Interesse hättest du mir nicht zugetraut.“


    Anathúriel wandte sah sich um. Quisar war durch die einzige andere Tür aus dem Nachbarzimmer eingetreten und ließ sich auf einem der Diwane nieder.


    „Setz dich.“ Er wies mit einladender Geste auf die Polster. Derweil trugen untersetzte, blauhäutige Sklaven Tabletts mit Kristallgläsern und einer Karaffe voll blassgoldener Flüssigkeit herein und stellten sie auf den Tisch.


    „Bediene dich nur“, sagte Quisar. „Du erscheinst mir, als könntest du eine Stärkung gebrauchen.“


    „Danke, Sire“. Sie hoffte, dass das nur eine Floskel war, goss sich aber nur wenig ins Glas und nippte daran. Die belebende Wirkung der Seelenessenz setzte augenblicklich ein und Quisar hatte recht. Sie linderte die Folgen ihres nächtlichen Traumas spürbar. Und dennoch, zum ersten Mal überhaupt, hatte sie ein ungutes Gefühl dabei.


    „Wir können es weniger förmlich halten“, entgegnete Quisar. „Wir kennen uns inzwischen lange genug und teilen eine Passion. Und da wir grade davon sprechen: hat der Sklave dir etwas genützt?“


    „Noch nicht“, antwortete sie rasch. „Er hat sich als äußerst halsstarrig erwiesen. Aber ich bin auf eine Spur gestoßen.“


    „Das freut mich zu hören. Und dich freut vermutlich zu hören, dass die Felchu seither keine Schwierigkeiten mehr gemacht haben. Sie gehorchen aufs Wort und jagen als ein perfekt aufeinander eingestimmtes Rudel. Gestern haben sie eine Klauenbestie mit Leichtigkeit zur Strecke gebracht.“


    „Das freut mich tatsächlich.“


    „Aber zurück zu meinem eigentlichen Anliegen.“


    Anathúriel stutzte. Sie dachte, die Jagdfalken wären das eigentliche Anliegen für ihr Audienz gewesen.


    „Was du hier siehst“, Quisar deutete auf die drei Regalwände, „ist meine kleine Sammlung. Wenn ich die Zeit dazu finde, studiere ich die antiken Überlieferungen der niederen Völker. Es ist erstaunlich, wie viele nützliche Ideen manche hinterlassen haben. Und unverständlich, mit wie viel Ignoranz das von unserem Volk geringeschätzt wird.


    Eine Legende der Chem-Pan-Sey erzählt von einem König, der mit tausenden Kriegern jahrelang eine Stadt belagerte. In der Zwischenzeit nutzte sein Vetter die Gelegenheit, verführte seine Königin und riss mit ihrer Hilfe das Königreich an sich. Als der König schließlich siegreich und arglos heimkehrte, ermordeten die beiden ihn hinterhältig.“


    Anathúriel schwieg. Sie hatte nicht die geringste Vorstellung, auf was der Archon hinauswollte. Quisar fuhr fort: „Es sind diese simplen Erzählungen der einfachen Völker, die so wunderbar das Wesentliche aufzeigen. Diesem König fehlte es nicht nur an dem nötigen Misstrauen. Nein, er war sogar gewarnt. Denn bei der Eroberung der Stadt erbeutete er eine Priesterin, die eine Seherin war. Aber der Narr schenkte ihren Vorhersagen keinen glauben.“


    Eine düstere Ahnung keimte in Anathúriel auf.


    „Wie du dich vielleicht erinnerst, hatte ich dich gefragt, woher dein Talent kommt. Ich denke, ich habe eine Antwort gefunden.“


    Ihre Kehle schnürte sich zusammen, während der Archon weiterredete. Nur mit äußerster Anstrengung gelang es ihr, äußerlich Ruhe zu bewahren und sich nichts anmerken zu lassen.


    „Unsere Ahnen hatten unglaubliche geistige Kräfte. Wir haben sie aufgegeben und heute gibt es niemanden mehr, der diese Begabung nutzen kann. Zumindest glaubten wir das bisher. Aber was wäre, wenn ein Drukhari geboren würde, in dem die Macht wieder auflebt? Was wäre, wenn du so eine Drukhari bist?“


    Anathúriel versuchte, unverbindliche zu klingen. „Ich glaube nicht, dass so etwas möglich ist. Und selbst wenn, es ist nicht erlaubt.“


    Kurz kochte Zorn in Quisar hoch. „Sage mir nie, was erlaubt ist, Anathúriel!“ Dann sprach er ruhig weiter. „Siehst du das naheliegende nicht? Wie anders erklärst du dir, was du mit dem Losseainn gemacht hast. Diese Chem-Pan-Sey sind mächtig und gnadenlos. Er hätte dir mit einer Hand das Genick gebrochen.“


    Darauf wusste sie nichts zu erwidern. „Aber selbst wenn“, räumte sie ein, „wenn irgendein Drukhari diese Kräfte in sich trüge, wie sollte er sie nutzen. Es ist zu gefährlich.“


    Quisar lachte. „Nichts ist so gefährlich, dass es nicht ein Mittel gäbe, es zu beherrschen. Das müsstest du doch selbst am besten wissen. Hast du jemals vor irgendeiner noch so wilden Kreatur zurückgescheut? Und das Mittel kennen wir längst.“


    Er wies auf die Karaffe auf dem Tisch. Befremdet betrachtete die Flüssigkeit in ihrem Glas.


    „Seelenessenz von Psionikern“, lächelte Quisar. „Nur Chem-Pan-Sey und einige wenige andere empfängliche Spezies. Aber stell dir vor, wir hätten die Essenz von Sehern der Asuryani. Sie würde unsere eigenen schützen und wir könnten ihre Macht nutzen.“ Er beugte sich zu Anathúriel vor. „Und du könntest die erste sein.“


    Anathúriel schnappte nach Luft. Sie konnte nicht glauben, was sie eben gehört hatte. Quisar musste den Verstand verloren haben.


    „Ich weiß, die Vorstellung ist atemberaubend. Du musst deine Gabe entwickeln. Und ich bin kein Narr wie jener König der Chem-Pan-Sey. Ich möchte dir dabei helfen. Du kannst alles haben, was du dir wünschst. Die einzige Gegenleistung ist, dass du mir mit deinen Fähigkeiten hilfst, Hoher Archon der Kabale zu werden.“


    Anathúriel lehnte sich in scheinbar lässiger Entspannung langsam zurück, um Zeit zu gewinne, um das, was sie gehört hatte vollends zu Begreifen und um nicht die Kontrolle über ihren vor Anspannung zitternden Körper zu verlieren. In ihrem Kopf überschlugen sie die Gedanken, dennoch musste sie rasch eine Antwort geben, und zwar eine, die Quisar möglichst zufriedenstellte. Sie holte langsam tief Luft, während sie noch einmal an ihrem Glas nippte und Quisar über den Rand hinweg ansah. „Nur Hoher Archon dieser Kabale?“ fragte sie.


    „Ich sehe, wir verstehen uns“, antwortete Quisar.


  • Als die Tür zum Salon sich hinter ihr schloss, lehnte Anathúriel sich gegen die Korridorwand, schlug die Hände vors Gesicht, und atmete tief durch. Sie versuchte immer noch zu realisieren, was grade geschehen war. Das schlimmste war, dass alles völlig logisch war. Quisar war hochintelligent und nach allem, was er über die psionischen Fähigkeiten ihres Volkes wissen konnte, war sein Einfall mehr als naheliegend. Er hatte keine Vorstellung von dem, was sie letzte Nacht erlebt hatte, was jedes Mal passiert war, wenn sie diese Fähigkeiten bewusst eingesetzt hatte. Alle Seelenessenz der Welt würde das nicht verhindern können. Quisar war Drukhari durch und durch. Die Idee, dass jemand nicht all seinen Fähigkeiten nutzen würde, um seine Stellung zu verbessern, war ihm völlig fremd. Die Idee, die Fähigkeiten anderer für seine eigenen Ziele nicht auszunutzen, noch fremder. Die Konsequenzen spielten keine Rolle, vor allem, wenn andere sie tragen mussten. Was er von ihr erwartete, würde sie umbringen. Wenn sie sich weigerte, konnte das Ergebnis das gleiche sein.


    „Bestienmeisterin!“


    Anathúriel wirbelte herum. Quisars Schwester stand vor ihr. Ihr finsteres Gesicht und das Funkeln in den violetten Augen verhieß nichts Gutes.


    „Herrin“, antwortete Anathúriel und verneigte sich.


    Sirqa trat noch einen Schritt näher, so dass sie sich Auge in Auge gegenüberstanden. Anathúriel konnte ihr blumiges Parfum riechen.


    „Oder sollte ich besser sagen ‚Seherin‘?“ zischte Sirqa, so dass nur sie beide es hören konnten. „Ich warne dich ein einziges Mal. Betrachte dies als meine besondere Gunst für deine bisherigen Dienste. Du wirst nicht auf das Angebot meines Bruders eingehen. Solltest du es doch tun, wirst du bei jedem Bissen, den du zu dir nimmst, bei jedem Atemzug, den du tust, niemals wissen, ob dieser oder erst der nächste dich getötet hat.“ Ohne ein weiteres Wort oder eine Antwort abzuwarten, wandte Sirqa sich um und eilte mit rauschenden Kleidern davon.


    Anathúriel wurde übel. Sie wollte nur noch weg, zurück in ihre Wohnung. Irgendetwas in ihr vermittelte ihr den Eindruck, dass sie dort sicher war – vorerst zumindest. Sie wollte zurück zu Firondhir. Gestern hatte sie seinen Vorschlag, Commorragh zu verlassen, noch für absurd gehalten. Jetzt hätte sie lieber heute als morgen einen Weg gefunden, das zu erreichen. Hier konnte sie nicht bleiben.


    Sie eilte durch die dämmrigen, verwinkelten Korridore. Der Palastturm war eine kleine Stadt für sich, auf unzähligen Ebenen, verbunden mit Galerien und Treppen, von denen sich keine an der gleichen Stelle befand wie die darüber. Durch die vieleckigen Räume der Wohneinheiten glich kein Gang dem anderen. Sie knickten in verschiedenen Winkeln ab, liefen mal schmaler, mal weiter zu, zweigten auseinander und öffneten sich zu asymmetrischen Plätzen – ein Labyrinth, in dem sich jeder Fremde unweigerlich verirren musste. Je weiter sie sich von den herrschaftlichen Räumen entfernte, je weiter sie in die tieferen Etagen der Wohnbereich hinabstieg, umso mehr beruhigte sie sich.


    Eben ging Anathúriel die Einmündung eines schmalen Gangs vorbei, vermutlich einer Sackgasse zwischen zwei schräg aneinanderstoßenden Räumen, als sich ihr unvermittelt ein hoch aufragender, formloser Schatten in den Weg stellte. Instinktiv ging sie in Abwehrhaltung und griff nach dem kurzen, gebogenen Messer, dass sie immer mit sich führte. Doch kaum hatte sie die Hand zum Rücken geführt, packte jemand von hinten zu, hielt ihr den Arm in einer schmerzhaften Biegung fest und legte ihr die andere Hand über den Mund. Sie wurde in die Gasse gezerrt. Der Schatten folgte.


    In der Gasse ließ der zweite Unbekannte ihren Arm los und stand in einer geschmeidigen Drehbewegung plötzlich vor ihr. Wie aus dem nichts hatte er eine längliche dreieckige Klinge in der Hand und hielt sie ihr an den Hals.


    „Keinen Laut“ zischte er. Anathúriel nickte.


    Der Fremde streckte die Hand aus. Sie übergab ihm ihr Messer. Er reichte es an seinen Kumpanen weiter. Dann zog er die Kapuze seines langen, schwarzen Mantels ab.


    Er war ein Aeldari, mit kantigem Gesicht, wasserblauen Augen und langen blonden Haaren, die ihn in Strähnen in der Stirn hingen und sogar die spitzen Ohren verdecken. Auch sein Begleiter gab sich nun zu erkennen. Sein Gesicht war jung, fast noch ein Knabe, mit großen, blassen Augen, in denen eine tiefe Traurigkeit lag. Seine dunkelbraunen Haare trug er als einen offenen Zopf, ähnlich wie Firondhir ihn sich gebunden hatte. Anathúriel entspannte sich. Etwas sagte ihr, dass sie es mit Freunden zu tun hatte.


    Der Blonde schien die Veränderung ihrer Haltung bemerkt zu haben, denn er nahm die Klinge von ihrer Kehle und ließ sie in seinem weiten Ärmel verschwinden.


    „Wo sind unsere Gefährten?“ fragte er.


    „Ihr seid Freunde von Firondhir“, entgegnete sie.


    Der Blonde sah sie überrascht an. Sein Blick verfinstert sich. „Was hast du deinen Leuten von uns erzählt?“


    „Garnichts“, antwortete sie. „Bis eben wusste ich nichts von euch. Aber Firondhir ist bei mir. Ihr seid IstuKarun, wie er.“


    Der Jüngere hatte sie die ganze Zeit mit großen Augen angestarrt. Jetzt trat er an seinen Gefährten heran und legte ihm die Hand auf den Arm. Ohne Anathúriel dabei aus den Augen zu lassen, wisperte er ihm zu: „Margil, es ist sie.“


    Der angesprochene stutzte. „Wie kommst du jetzt darauf?“


    „Schau hin, kannst du es denn nicht sehen?“


    „Ich sehe eine Drukhari, Ydrir. Eine Drukhari, die anscheinend mehr über uns weiß als wir über sie.“


    „Ich bringe euch zu ihm“, warf Anathúriel ein.


    „Du kannst ihr vertrauen“, versicherte Ydrir. „Sie ist die, die wir suchen.“ Er sah Anathúriel noch einmal eindringlich an. „Und sie weiß das auch.“


    „Dein junger Freund sagt die Wahrheit. Aber hier ist nicht der richtige Ort, weiter darüber zu sprechen. Ich hatte heute ohnehin schon genug davon. Folgt mir.“


  • Kapitel VIII



    Während des Weges zu ihrer Suite fühlte es sich für Anathúriel an, als würde sie von lebenden Schatten begleitet. Sie ging den beiden IstuKarun ein Stück voran. Immer wieder begegneten ihr Kabalenkrieger oder anderes Fußvolk. Anfangs wurde sie jedes Mal etwas nervös. Aber stets war es, als wären die beiden Asuryani einfach verschwunden. Konnten sie ihre Gedanken lesen? Sie selbst tat jedenfalls nichts dergleichen. Den Namen „Heimliche Jäger“ trugen sie zurecht. Ihre Fähigkeit, sich unsichtbar zu bewegen, konnte sich der der Mandraks messen. Und die waren nicht von dieser Welt.



    Firondhir saß an dem Tisch in der Mitte des Hauptraumes, von der Eingangstür der Suite abgewandt, verdeckt hinter der Pflanzeninsel. Er wollte lieber nicht sofort gesehen werden. Das leise Knarren, mit dem die Türlamellen sich aufschoben, ließ ihn sich umschauen. Es war nicht Anathúriel, die eintrat. Einen Moment war Firondhir starr vor Überraschung, dann sprang er auf und eilte Margil und Ydrir entgegen. Freudig begrüßten sie sich mit Handschlägen.


    Anathúriel trat als letztes ein, versicherte sich noch einmal, dass niemand sie gesehen hatte, und verschloss die Tür, indem sie mit der Hand über die Lamellen strich. Sie beobachtet das Wiedersehen der drei Asuryani. Unwillkürlich musste sie lächeln. Sie fühlte sich auf eigenartige Weise berührt von dem, was sie sah.


    „Wir haben einiges zu besprechen, denke ich“, sagte sie. „Kommt, setzten wir uns.“


    Die Ranger legte ihre Mäntel und Taschen ab. Zusammen nahmen sie um den Tisch herum Platz. Anathúriel stellte eine Karaffe mit dunkelroter Flüssigkeit und Gläser auf den Tisch. Nach ihren Sklaven zu rufen, war ihr in diesem Moment gar nicht erst in den Sinn gekommen.


    „Wer die Speisen der Drukhari anrührt, kann die Dunkle Stadt nie mehr verlassen“, sagte Ydrir, mehr zu selbst als zu den anderen.


    „Wie bitte?“ entfuhr es Anathúriel verständnislos.


    „Das ist abergläubischer Unsinn“, schalt Margil und goss sich ein Glas ein.


    „Und das ist ein Fruchtsaft“, ergänzte Anathúriel. „Oder woran dachtes du?“


    „Bitte verzeih“, sagte Ydrir verschämt. „Margil hat wohl recht.“ Dennoch ließ er sein Glas unberührt.


    Anathúriel setzte sich nachdenklich. Möglicherweise war an dem Aberglauben sogar ein Stück Wahrheit.


    Indessen betrachtete Margil Firondhir von oben bis unten. Anathúriel hatte ihm inzwischen bessere Kleidung besorgen lassen: ein hüftlanges gewickeltes Hemd mit breitem Gürtel, eine kurzärmelige, offene Jacke, halblange Hosen, Strümpfe und Stoffschuhe. Die dunklen Haare hatte er zu einem Knoten gebunden. Von der Bisswunde auf seiner Wange war noch ein großer blauer Fleck übrig.


    „Dir hätte es schlimmer ergehen können“, bemerkt er.


    „Du hast keine Vorstellung“, antwortete Firondhir düster.


    „Ein wenig schon. Wir haben einiges aufgeschnappt in den letzten Tagen“, entgegnete Margil.


    „Wie seid ihr überhaupt hier hereingekommen?“ fragte Firondhir.


    „So, wie es ursprünglich geplant war. Wir haben mehr als einen Tag gewartet, bis der nächste Sklavenzug kam. Es war schlicht der falsche Zeitpunkt beim ersten Versuch.“


    Ydrir wurde von einem tiefen Schauer geschüttelt. Firondhir hatte nicht gesehen, was genau mit seinem Bruder geschehen war, aber er konnte es sich vorstellen. Mitfühlend legte er den Jungen eine Hand auf die Schulter.


    Margil beeilte sich fortzufahren. „Danach haben wir uns in diesem sogenannten Kabalenpalast versteckt und Etage für Etage hochgearbeitet. Unser Ydrir hat ein ausgesprochenes Talent, Gefahren aus dem Weg zu gehen. Irgendwann haben wir dann von den IstuKarun gehört, die gefangen und dem Sohn des Archons vorgeführt wurden. Ich wünschte, wir hätten früher von euch erfahren.“


    Schweigen setzte ein. Anathúriel konnte die Bitterkeit von Verlust und Trauer spüren. Um die unbehagliche Stille zu durchbrechen, fragte sie: „Wie habt ihr das geschafft? Der Palast ist ein Labyrinth.“


    Margil lachte. „Ein Labyrinth hält einen Weltenwanderer nicht auf, es bringt ihn an sein Ziel.“


    „Bringt es ihn auch wieder zurück?“ fragte Firondhir. „Denn unsere Suche war erfolgreich.“


    „Ich weiß“, entgegnete Margil. „Oder besser gesagt, Ydrir wusste es, kaum, dass er sie gesehen hatte.“


    „Falls es dich interessiert“, warf sie ein, „mein Name ist Anathúriel. Ich bin die Bestienmeisterin des Prinzen von DorchaKerun.“


    Margil verstummte einen Moment. Erst jetzt ging ihm auf, dass sie sich noch nicht einmal einander vorgestellt hatten.


    „Du hast natürlich recht. Bitte verzeih.“ Er erhob sich und deutet eine kurze Verbeugung an. „Anathúriel, Bestienmeisterin, ich bin Margil und dies ist Ydrir, Ranger des Weltenschiffes ZarAsuryan. Wir möchten dich im Namen des Ersten Runenpropheten AreIdainn Eatahlvaën einladen und bitten, uns auf das Weltenschiff zu begleiten.“ Er setzte sich wieder.


    Anathúriel schaute ihn einen Moment verdutzt an. „Äh, danke?“ stammelte sie.


    „Ydrir hat richtig gesehen“, nahm Firondhir das Gespräch wieder auf. „Anathúriel ist eine Dainnar. Ich habe es selbst erlebt. Und“, er senkte seine Stimme „dem Großen Feind ist es auch nicht verborgen geblieben.“


    Anathúriel fröstelt. Sie rieb sich mit den Fingern die Schläfen bei dem Gedanken an den stechenden Kopfschmerz. Margil und Ydrir starrten sie an.


    „Du hast Psikräfte angewandt? Hier, in Commorragh? Ohne Anleitung? Ohne Schutz?“ fragte Ydrir ungläubig.


    „Ja. Und ich habe nicht vor, es noch einmal zu tun“, antwortete sie. „Und genau das ist das Problem.“


    In aller Kürze berichtete Anathúriel von ihrer Audienz mit Quisar an diesem Morgen. Danach herrschte bestürztes Schweigen.


    „Er hat keine Ahnung, was er da vorhat“, stieß Ydrir entsetzt hervor. „Er bringt nicht nur dich und sich in Gefahr, sondern die ganze Stadt. Wenn er dich zwingt, eine Verbindung zum Warp herzustellen, liefert er jede einzelne Seele hier an den Sie, die Dürstet aus.“


    „Die anderen Kabalen und der Großfürst werden das nicht zulassen. Eher vernichten sie DorchaKerun mit vereinten Kräften, wenn sie davon erfahren. Wenn sein eigener Vater ihm nicht zuvorkommt und ihn beseitigen lässt – und mich. So naiv ist Quisar nicht. Er wird nach Möglichkeiten außerhalb des Netzes suchen. Der Hohe Archon hält mehrere Welten für sein Eigentum, Kurnous Gärten, seine Jagdreviere.“


    „Dann wird Quisar sicherlich über kurz oder lang zu einer dieser Welten aufbrechen“, sagte Firondhir. „Aus Commorragh kommen wir alleine nicht hinaus, jetzt nicht mehr. Aber wenn wir auf einer Welt außerhalb sind, auf der es ein Tor zum SercamBelach gibt…“


    „Eher kurz als lang“, warf Anathúriel ein. „Ich soll seine Felchu für eine Große Jagd trainieren. Das ist ein höfischer Brauch, mit dem die Herren von DorchaKerun ihre Abstammung von Kurnous demonstrieren.“


    „Die halten sich für Halbgötter?“ entfuhr es Ydrir. „Asuryans Weisheit!“


    „Davon scheinen sie nicht viel zu haben“, bemerkte Margil.


    „Weist du, wann es so weit ist“, fragte Firondhir.


    „Nein“, antwortete Anathúriel. „Aber ich werde es rechtzeitig erfahren.“


    „Dann müssen wir in der Zwischenzeit einen Weg finden, uns in die Jagdgesellschaft einzuschleichen.“


    „Wir müssen doch nur auf das Schiff gelangen. So wie wir in den Palast gelangt sind“, schlug Ydrir vor.


    „Die Jagden sind keine Raubzüge wie andere Kabalen sie veranstalten“, erklärte Anathúriel. „Quisar benutz eine Jacht und lädt nur ausgewählte Gäste ein. Die Besatzung besteht aus seiner persönlichen Garde. Unter gewöhnliche Kabalenkrieger könntet ihr euch mischen, aber nicht unter seine Fleischgeborenen.“


    „Niemand weiß von Ydrir und mir außer dir“, warf Margil ein. „Warum sollte es nicht gelingen, zwei dieser Fleischgeborenen auszuschalten und ihre Plätze einzunehmen? Firondhir kann als dein Diener mit an Bord gehen und ihre bringt unsere Ausrüstung mit.“


    „Glaub mir, du stellst es dir zu leicht vor. Sie sind die Elite der Kabalen. Als Krieger sind ihnen nur die Incubi überlegen. Quisar hat jeden einzelnen seines Gefolges selbst ausgesucht. Und mit diesem Selbstverständnis behandeln sie auch jeden anderen.“


    „Du unterschätzt die Fähigkeiten eines IstuKarun, Anathúriel. Aber wie sollen wir deiner Meinung nach sonst vorgehen. Hast du einen Einfall?“


    „Nicht für euch alle drei, nein.“


    „Dann, schlage ich vor, verfolgen wir Margils Plan und hoffen, dass sich in der Zwischenzeit eine bessere Gelegenheit ergibt“, sagte Firondhir. „Ydrir?“


    „Ich kann weder zustimmen noch ablehnen“, antwortete er.


    „Unser Junge redet wie ein Runenprophet“, sagte Margil amüsiert.


  • Mondschatten

    Hat den Titel des Themas von „Ad bestias [(Dark-)Eldar-Roman, Armeecharaktere-Hintergrund]“ zu „Ad bestias [(Dark-)Eldar-Roman] - Kapitel IX“ geändert.
  • In den folgenden Tagen durchstreiften Margil und Ydrir stundenweise die Palastfestung und versuchten, so viel wie möglich über die Abläufe und Tätigkeiten von Quisars Elitetruppen herauszufinden. Ihre Quartiere, so viel konnte Anathúriel ihnen sagen, befanden sich in den Ebenen unmittelbar unterhalb der fürstlichen Räume in der Sturmspitze. Hier hatten sie auch ihre Rüstkammern, Trainingshallen und Vergnügungsgemächer. Nur dem Hohen Archon und seiner Familie stand mehr Luxus zur Verfügung als den Fleischgeborenen. Und nur die Räume des Hohe Archons waren besser bewacht.


    Immerhin, nach wenigen Tagen war es Margil gelungen, Firondhirs Kleidung und Ausrüstung mitzubringen. Er hatte sie in einem Lagerraum bei den Zellen unterhalb des Amphitheaters gefunden. Firondhir breitete seinen schwarzen Mantel auf der Polsterbank aus und begutachtete die Inhalte der hellledernen Reisetaschen. Alles war da, nur seine Shurikenpistole fehlte. Er versuchte sich zu erinnern, ob er sie beim Kampf auf der Brücke gezogen hatte und sie dort verloren gegangen war. Doch er konnte nicht.


    Dann legte er ein längliches Futteral aus dem gleichen schwarzen Material wie sein Mantel vor sich, öffnete die silbernen Verschlüsse und faltete den Stoff auseinander. Zum Vorschein kam der geschwungene, elfenbeinfarbene Schaft eines Gewehres. Durch eine Berührung mit der Handfläche schob sich der Kolben aus. Dann tippte er mit zwei Fingern auf die konische Laufmündung, worauf der weiße Lauf wie ein Schilfrohr zu voller Länge wuchs. Aus einer Innentasche des Futterals holte er ein Zielfernrohr und setzte es auf das System. Zuletzt justierte er den Gyrostabilisator unter dem Schaft. Prüfend nahm er die Waffe in einen stehenden Anschlag.


    „Du verwendest keine Zieloptik?“ fragte Margil verwundert.


    „Nein“, antwortete Firondhir. „Nur die Visierung und meine Augen.“ Er legte das Gewehr wieder auf die Bank. Interessiert betrachtete Anathúriel die Waffe.


    „Es dauert lange, bis es schussbereit ist“, stellte sie fest.


    „Das stimmt. Aber der Weg bis zur besten Schussposition ist oft langwierig und mühsam. In voller Größe wäre das Jagdgewehr dabei hinderlich und könnte Schaden nehmen.“


    Er schob die Waffe wieder zusammen und verschloss die Hülle.


    Dann zog Margil noch etwas aus seiner Tasche hervor. „Das hier habe ich auch gefunden.“


    Er hielt einen ovalen, glattpolierten Edelstein von der Größe eines Hühnereis in der offenen Hand. Der Stein war von rotorangener Farbe, doch matt und dunkel. Firondhir nahm ihn entgegen. Er setzte sich etwas abseits auf die Polsterbank, niedergebeugt, die Arme auf den Knien, den Stein mit beiden Händen umschlossen.


    Anathúriel betrachtet ihn verwundert und nachdenklich, mitfühlend, hätte sie dieses Wort gekannt.


    „Was ist das?“ fragte sie Margil leise. Der wandte sich ab und antwortete nicht.


    „Illurayons Seelenstein“, antwortete Ydrir an seiner statt.


    „Ydrir! Was fällt dir ein!“ zischte Margil ihn an.


    „Was willst du? Sie gehört zu uns“, gab er zurück. Anathúriel sah ihn fragend an. „Wir sprechen zu Außenstehenden nicht darüber. Jeder von uns hat einen eigenen CarrecEnad“, begann Ydrir zu erklären. „Er nimmt unsere Seele auf, wenn wir sterben. So schützen wir uns vor Ihr, die Dürstet. Es ist das kostbarste, was jeder von uns besitzt. Aber dieser Seelenstein ist leer.“


    Anathúriel dachte zurück an den Abend in Quisars Festsaal. Und an ihr erstes Gespräch mit Firondhir. Jetzt verstand sie, was er damals gemeint hatte. Was taten die Drukhari, um sich vor diesem Schicksal zu schützen? Sie versuchten, dem Tod zu entgehen, indem sie das Leben anderer nahmen. Sie belebten ihre eigenen schwindenden Seelen mit denen anderer. Das war eine unausweichliche Notwendigkeit und das natürliche Recht ihres Volkes. Die Überlegenen erhalten und erfreuen sich auf Kosten der niederen Kreaturen der Galaxis. Bisher hatte sie keinen Grund gesehen, daran zu zweifeln, geschweige denn etwas daran ändern zu wollen.



    Spät am Abend saß Anathúriel auf ihrem Bett und kämmte ihre langen, purpurroten Haare. Mit einem Mal glaubte sie eine Melodie zu vernehmen. Sie hielt inne. Ihr war, als hätte sie sie schon einmal gehört. Sie saß da und lauschte, bis die Musik zu Ende war. Dann legte sie den Kamm weg, stand auf und trat hinaus in den Hauptraum.


    Firondhir saß auf der Polsterbank, vornübergebeugt, die Ellenbogen auf die Knie gestützt. In den Händen hielt er eine kurze, silberne Flöte, die er nachdenklich hin und her drehte. Anathúriel setzte sich zu ihm. Er schaute auf.


    „Ich hoffe, ich habe dich nicht geweckt“, sagte er. Seine Stimme klang seltsam weich.


    „Nein“, antwortete sie. „Warst du das eben?“


    Er zeigte ihr die Flöte. Sie war dünn wie ein Finger, glänzend silbern und hatte sechs Löcher in der unteren Hälfte. „Auf dem Pfad des Musikers bin ich nie weit gekommen“, antwortete er.


    „Ich weiß nicht, was das heißt“, entgegnete Anathúriel, „aber mir hat es gefallen. Lernt man so etwas auf den Weltenschiffen?“


    „Man kann alles lernen, was man will. Macht hier niemand Musik?“


    Anathúriel überlegte kurz. „Nicht so. Es gibt Trommeln, Zimbeln und Gongs, bei Arenakämpfe und Tanzvorführungen. Die werden aber von Sklaven geschlagen. Bitte spiel nochmal.“


    Firondhir folgte ihrer Bitte. Die Melodie war kurz und bestand aus einem einfachen Auf und Ab der Töne und wenigen, langsamen Sprüngen. Anathúriel erschien es, als würden sie eine Geschichte erzählen.


    „Bedeutet es etwas?“


    „Nur was du darin hörst.“


    Einen kurzen Moment schwiegen beide.


    „Warst du das, in… dem Alptraum?“


    „Was meinst du?“


    „In der Nacht vor ein paar Tagen. Als…“ Sie stockte. Der Gedanke an das Entsetzen schnürte ihr die Kehle zu, als müsste sie wieder in Tränen ausbrechen.


    „Da habe ich diese Melodie gesummt. Mich beruhigt sie.“


    Anathúriel holte tief Luft. „Ja. Aber das meine ich nicht. Es war jemand da. Ein Schatten. Er hat mich zurückgehalten. Ich wollte zu IHR gehen. Ich konnte nicht anders, ich wollte es. Aber er hat mich zurückgehalten.“


    Sie schlug die Hände vors Gesicht. Ihr ganzer Körper bebte. Zögernd legte Firondhir einen Arm um ihre Schultern. Sie lehnte sich an seine.


    „Als ich dazu kam, war SIE schon weg. Ich weiß nicht, was es war. Ich war es nicht. Aber wir können dankbar sein, dass du einen Schutzgeist hattest.“


    Firondhirs Blick fiel auf ihren Scheitel. Am Haaransatz zeigte sich unter dem purpurrot ein kastanienbrauner Streifen. „Das ist also deine echte Haarfarbe“, bemerkte er.


    Anathúriel nahm den Themenwechsel dankbar an. Sie wischte sich das Gesicht mit einem Zipfel ihres langen, dunkelblauen Nachtkleides ab. „Das weiß ich gar nicht mehr so genau. Aber ich habe in den letzten Tagen wohl das Färbemittel vergessen.“


    „Warum tust du das überhaupt? Die Naturfarbe ist viel schöner.“


    Sie lächelte. „Purpurrote Haare sind Tradition im Kult. Obwohl man als Bestienmeister nicht wirklich dazu gehört.“


    „Wozu gehörst du dann?“


    „Zum Haus DorchaKerun.“ Doch in dem Moment, in dem sie es aussprach, wurde ihr bewusst, dass es nicht der Wahrheit entsprach. Firondhir sah sie prüfend an. „DEM Haus DorchaKerun trifft es wohl eher“, seufzte sie.


    Wieder schwiegen sie eine Weile.


    „Darf ich den Seelenstein sehen?“ fragte Anathúriel.


    Firondhir holte den Stein aus einer Tasche seiner Jacke und hielt ihn ihr in der flachen Hand hin. Anathúriel streckte die Finger aus, hielt aber inne und schaute Firondhir fragend an. Der nickte zustimmend. Als ihre Fingerspitzen die polierte Oberfläche berührten, glommen für einen Moment orangene Funken auf. Erschrocken zog sie die Hand zurück.


    „Was habe ich gemacht?“ fragte sie.


    „Ich weiß es nicht.“ Firondhir war nicht weniger verwundert als sie selbst. „Seelensteine sind nur auf den Geist ihres Trägers abgestimmt. Ein bewohnter Stein könnte auf die Berührung einer Dainnar reagieren, aber dieser…“


    „Illurayon und du, wart ihr… wart ihr ein Paar?“


    Firondhir lachte leise. „Wir kannten uns sehr lange und ich verdanke ihm viel. Aber nein, nicht so wie du meinst.“


    „Gut“, sagte sie mit Erleichterung. Dann legte sie ihre Arme um seinen Nacken, zog ihn zu sich heran und küsste ihn. Firondhir erstarrte einen kurzen Moment vor Überraschung, doch danach machte er keine Anstalten, sie zurückzuweisen.


    „Du nimmst dir, was du haben möchtest“, lächelte er, nachdem sie ihn wieder losgelassen hatte.


    „Ich bin eine Drukhari“, entgegnete Anathúriel sanft. „Ich nehme mir immer, was ich will.“


    „Und ich gebe es dir gerne.“ Firondhir nahm sie in die Arme und erwiderte den Kuss.