Ad bestias [(Dark-)Eldar-Roman] - Kapitel XIII fertig

  • Kapitel IX



    Als Margil früh am nächsten Morgen den Hauptraum betrat, fand er dort nur das Hemd vor, das Firondhir am vergangenen Tag getragen hatte. Er hatte vermutet, dass er, nachdem er ihm Illurayons Seelenstein gebracht hatte, lieber für sich alleine sein wollte, und deshalb nicht im Gästezimmer übernachtet hatte. Anscheinend war das Gegenteil der Fall.


    „Ich hoffe, du weißt, was du tust“, sagte Margil für sich. „Und ich hoffe, das bringt uns nicht noch Schwierigkeiten ein.“


    „Wo ist Firondhir?“ Ydrir war aus dem Gästezimmer getreten.


    „Das erkläre ich dir, wenn du älter bist“, sagte Margil.


    Ydrir sah ihn verständnislos an. „Was denkst du, wie alt ich bin?“


    Margil lachte. „Komm Junge, wir haben Arbeit.“



    Die unterste Ebene der Kabaliten-Quartiere öffnete sich zu einem ausladenden Laubengang, der auf den Arenagarten hinunterschaute. Von den tiefer liegenden Wohnetagen konnte er durch eine waghalsige Kletterpartie entlang von Balkonen, Erkern und Simsen erreicht werden. Margil hatte den Weg in den vergangenen Tagen in akribischer Kleinarbeit ausgetestet, immer auf der Hut vor Harpyien oder Hellions. Aber die schienen sich nicht in diesem Bereich aufzuhalten. So erreichte er auch jetzt unbehelligt den Laubengang.


    Bevor er sich über das Geländer schwang, versicherte Margil sich, dass keine Kabalenkrieger in der Nähe waren. Ein halbes Dutzend offene Korridore mündeten in die Galerie, doch in keinem regte sich etwas. Er nahm eine kleine, metallisch grau glänzende Spindel von seinem Gürtel, die sich auf dem Weg hinauf zu einem Seil entrollt hatte. Er befestigte das Ende an der Balustrade. Ydrir, der ein weniger gewandter Kletterer war, folgte wenige Augenblicke später, sich an der gespannten Hilfe festhaltend. Nachdem Margil ihn auf den Laufgang gezogen hatte, löste Ydrir das Seil von seinem Gürtel und reichte Margil das Ende. Mit einer lockeren Handbewegung brachte der es dazu, sich von selbst wieder aufzurollen, bis die Spindel wieder ein glatter Körper war.


    „Und wie geht es jetzt weiter?“ fragte Ydrir.


    „Wir suchen eine Rüstkammer, besorgen uns zwei Kabalenrüstungen und spazieren zur Vordertür hinaus.“


    „Das klingt zu einfach, um zu funktionieren.“


    „Deshalb vertraue ich auf deine Intuition.“


    Die beiden stahlen sich durch die verwinkelten Gänge und Gassen. Öfter als ihnen lieb war, mussten sie den Bewohnern ausweichen, sich in Sackgassen verbergen oder andere Abzweigungen und Umwege nehmen. Margil hatte nicht geprahlt, als er über Labyrinthe gesprochen hatte. Sein Sinn für Richtung brachte sie immer wieder zu ihrem ursprünglichen Weg zurück. In der Zwischenzeit entstand in Margils Geist ein immer genaueres Bild der Anlage, die sich über mehrere Ebenen erstreckte, dabei aber keine geschlossenen Etagen bildete, sondern durch kreuz und quer verlaufende Brücken, Galerien und Emporen die Räume verband.


    Die Strukturen brachten Margil recht bald auf die richtige Spur. Ein großer, mehrere Ebenen hoher Komplex stellte sich als eine Trainingshalle heraus. Über einen Torweg gelangten sie auf eine Galerie, die an vier Seiten den hohen, fünfeckigen Saal umlief und dann am Kopfende über Wendeltreppen hinunter auf den gefliesten Kampfplatz führte. Hinter den in sich gewundenen Säulen verborgen, beobachteten die beiden Ranger eine ganze Truppe von Kabalenkriegern, die mit langen, gebogenen Kampfmesser gegeneinander fochten. Dabei schien jeder gegen jeden zugleich zu kämpfen.


    Fasziniert verfolgte Ydrir das Geschehen. Die Krieger bewegten sich so schnell, dass er mit den Augen kaum folgen konnte, doch nicht schnell genug, als dass ihre jeweiligen Opponenten die Angriffe nicht hätten parieren können. Es sah so elegant aus, jede Bewegung präzise und fehlerlos. Himmelblaue Stoffbahnen und Helmbüsche wie aus Kupferdraht umwehten die Drukhari mit jeder Bewegung, als würden sie tanzen. An den Kanten der schwarzen Rüstungsplatten brach sich das spärliche Licht in grün und orange und ließ die Gestalten zu irisierenden Schemen verschwimmen.


    „Beeindruckend“, flüsterte er. „Sind unsere Aspektkrieger auch so geschickt?“


    „Geh in einen Schrein des Asurmen und finde es selbst heraus“, antwortete Margil leicht gereizt. „Komm, wir haben anderes zu tun. Lass uns sehen, wo sie die Rüstungen aufbewahren.“


    Doch Ydrir konnte sich von dem Anblick nicht losreißen. Margil musste ihn am Arm fassen und mit sich ziehen. Sie umrundeten die Halle auf der Galerie. Eben als sie am anderen Ende durch einen weiteren Torbogen einen Nebenraum betreten wollten, standen sie ohne Vorwarnung einem Kabalenkrieger gegenüber, der gerade die Wendeltreppe heraufkam war.


    Eine Sekunde lang standen alle drei starr vor Überraschung. Dann riss der Drukhari wortlos sein Splittergewehr in die Höhe und legte auf die Ranger an. Doch zum Schießen kam er nicht mehr. Ehe er auslösen konnte, trafen ihn zwei Wurfklingen in den Spalt zwischen Helm und Brustpanzer. Röchelnd ging er zu Boden, stürzte rücklings die Treppe hinunter und schlug auf den Fliesen auf. Ydrir sah Margil überrascht an.


    „EsikCaman“, sagte der knapp. „Ich sagte doch, geh in einen Schrein.“ Er stieß Ydrir hinter eine Säule und presste sich selbst in die Nische des Torbogens, das Geschehen unter ihnen im Blick haltend.


    Unten in der Halle begann der Tumult. Die Kabaliten ließen von ihren Übungen ab, liefen zu ihrem gefallenen Kameraden und richteten die Aufmerksamkeit auf die Galerie. Einer deutete mit einem Ausruf nach ob, in Richtung der Ranger.


    „Weg hier!“ rief Margil.


    Die beiden rannten los, erreichten wieder den Durchgang und gelangten auf eine Bogenbrücke, die sich quer über einen mehrere Stockwerke hohen Lichtschacht zwischen der Trainingshalle und den benachbarten Gebäuden zog. Sie hatte beinahe die andere Seiter erreicht, als dort drei weitere Kabalenkrieger auftauchten und sich ohne Vorwarnung unter Feuer nahmen. Die Ranger warfen sich zu Boden. Einige Splittergeschosse verfingen sich in den weiten Falten ihrer Mäntel oder streiften die Platten ihrer Rüstungen. Aber auch wenn sie sich bei jedem Treffer von selbst verhärteten, waren sie nicht dafür gemacht, so einem Beschuss lange standzuhalten. Denn nun näherten sich die Krieger aus der Trainingshalle von der anderen Seite. Während die Kristallsplitter über seinen Kopf zischten, blickte Margil über den Rand der Brücke.


    Ungefähr eineinhalb Ebenen tiefer ragte eine offene Dachterrasse aus einer benachbarten Fassade. Margil stieß Ydrir an und deutete auf seine Entdeckung. Ydrir nickte. Sie warteten noch einen Moment, dann hechteten sie über das Geländer und landeten mehr schlecht als Recht auf der Terrasse. Zu ihrem Glück stand die Tür zum angrenzenden Appartement offen. Sie hasteten durch den Raum, ohne von dem überrumpelten Bewohner Notiz zu nehmen. Eine weitere offene Tür führte die Ranger wieder auf einen umschlossenen Korridor.


    „Wohin jetzt?“ fragte Ydrir außer Atem.


    Margil hielt kurz inne, um sich zu orientieren. „Da lang“, sagte er.


    Sie eilten durch die Flure. Irgendein Alarm musste ausgelöst worden sein, denn aus allen Richtungen waren Rufe und eilende Schritte zu hören. Margil bog scheinbar willkürlich in beliebige Gänge ein. Schon nach kurzer Zeit hatte Ydrir völlig die Richtung verloren. Doch dadurch gelang es ihnen, den Kabaliten aus dem Weg zu gehen. Trotzdem konnte der junge Ranger spüren, dass sie immer näherkamen und sie einkreisten.


    Mit einem Mal öffnete sich vor ihnen wieder die Außengalerie.


    „Und jetzt?“ fragte Ydrir.


    Im selben Moment schlugen Splittergeschossen an der Wand neben ihnen ein. Margil fühlte, wie sein Anzug sich an seiner linken Schulter verhärtete.


    „Jetzt verschwinden wir“, sagte er und stieg auf die Balustrade.


    Wenige Sekunden später stürmten Kabalenkrieger aus drei Korridoren auf den Balkon. Von den Eindringlingen war keine Spur. Drei oder vier lehnten sich über das Geländer, die Gewehre im Anschlag, suchte die Fassade neben und unter ihnen ab und späten hinter in den Garten. Nichts war zu sehen. Ein Sybarit mit hohem Helmbusch, knisterndem Energiesäbel und gezogener Splitterpistole kam hinzu.


    „Nichts“, meldete einer der Krieger.


    „Sie müssen noch irgendwo drinnen sein“, sagte der Truppführer. „Zwei Mann als Wache.“ Dann verschwand er mit den übrigen Kabaliten wieder im Inneren des Turms.


    Margil und Ydrir lagen bäuchlings auf dem schmalen Vordach des Balkons. Mit einiger Mühe gelang es ihnen, sich an der gewellten, leicht aufgebogenen Dachtraufe abzustützen, um nicht die Dachschräge hinunterzurutschen. Ihre Mäntel hatten sie bis zum Kragen geschlossen und die Kapuzen tief ins Gesicht gezogen, um nicht aus der Luft in dieser verwundbaren Position entdeckt zu werden. Langsam, um kein Geräusch zu verursachen, wechselte Ydrir seine Position, um über die Dachkante zu spähen. Mit den Fingern signalisierte er Margil die Zahl der zurückgelassenen Wachen. Der nickte und bedeutete ihm mit einem Handzeichen, zurückzukommen. Verärgert biss er die Zähne aufeinander. Hier war eine Chance, mit der Überraschung und dem Angriff von Oben auf ihrer Seite, sich zweier Kabalenrüstungen zu bemächtigen und die Besitzer verschwinden zu lassen. Aber daran war jetzt nicht mehr zu denken. Seine linke Schulter brannte wie Feuer und der Arm begann taub zu werden.


  • Quisar kniete neben dem blauköpfigen Falkenhund und hielt ihn an einer kurzen Kette an seinem schwarzglänzende Brustgeschirr fest. Das Tier gebärdete sich höchst erregt, kreischte und zerrte.


    „AmRillith“, rief er und löst die Leine.


    In der Mitte des Amphitheaters beförderte eine Bodenluke eine Kreatur ans Licht, die einer kindergroßen, jedoch fell- und schwanzlosen Springmaus ähnelte. Verwirrt und verängstig sah das Wesen sich um. Dann wurde es des schwarzen, vogelköpfigen Raubtieres gewahr, das auf es zugestürmt kam. Das Geschöpf stieß einen panischen Quieklaut aus, und flüchtete hüpfend in Richtung der Terrassengärten. Doch der Felchu brauchte nur wenig Augenblicke, um es zu erreichen. Er sprang dem Wesen in den Rücken und warf es zu Boden. Jämmerlich quiekend versuchte es, seine kurzen Ärmchen schützen über den Kopf zu legen. Doch der Falkenhund hieb ihm seinen spitzen Hakenschnabel in die Schädelbasis und das Wesen lag still.


    „AmUisar“, befahl Quisar. Augenblicklich ließ der Jagdfalke von seiner Beute ab und kehrte zu seinem Herrn zurück. Quisar leinte ihn wieder an und trat zurück an den Rand des Feldes, wo Sirqa wartete, und neben ihr Anathúriel mit den übrigen fünf Tieren.


    „Siebzehn“, sagte Quisar triumphierend zu seiner Schwester. „Und so schnell wie keins bisher.“


    Sirqa lächelte spöttisch. „Ist es Zufall, dass du stets die wehrlosesten Ziele bekommst?“ Sie wandte sich der Bestienmeisterin zu. Die reichte ihr die Leine des grünfedrigen Felchu. Sirqa betrat das Feld und gab den Befehl, das Ziel freizulassen.


    Es war ein sehniger, olivhäutiger Zweibeiner mit einem schnabelartigen, überstehenden Unterkiefer. Anders als das vorherige Opfer schien er von dem Raubtier weniger beeindruckt zu sein. Jedenfalls machte er keine Anstalten, die Flucht zu ergreifen. Er stieß ein heiseres Krächzten aus und stellte drohend die langen Hornstacheln auf seinen Scheitel auf. Der Falkenhund ließ sich davon jedoch nicht in seinem Angriff aufhalten. Als er sprang, warf die Beutekreatur sich ihm entgegen und versetzte ihm einen Schlag mit ihrer klauenbewehrten Hand.


    Der Jagdfalke fiel zu Boden, überschlug sich und stand wieder auf den Füßen. Er machte sich bereit wieder anzugreifen, doch Sirqa befahl ihn zurück. Einen Moment schien das Tier unschlüssig, drehte den Kopf zwischen der Beute und seiner Herrin hin und her, gehorchte aber dann dem Befehl.


    Quisar sah seine Schwester verwundert an. Das Ziel stand immer noch höchst lebendig in der Mitte des Amphitheaters. Mehr als eine Schramme am Oberschenkel hatte der Felchu ihm nicht beigebracht. Das Wesen krächzte erneut drohend und tänzelte, den Kopf zur Seite gelegt, von einem Bein aufs andere, als würde es seine Chancen abschätzen, die beiden Drukhari zu attackieren.


    Für einen Moment ging Quisar der Gedanke durch den Kopf, die Kreatur augenblicklich von seinen Kabalenkriegern erschießen zu lassen. Doch eher er etwas sagen konnte, begann das Wesen laut zu kreischen und sackte wie in Zeitlupe in sich zusammen. Krämpfe durchliefen den sehnigen Körper. Das Geschöpf wälzte sich am Boden, trat und schlug um sich. Seine Qual ergoss sich wie ein plötzlich einsetzender warmer Sommerregen über die beide Drukhari. Begierig sog Quisar jeden Tropfen auf. Endlose Minuten verstrichen, ehe die Laute erstarben und die Kreatur sich nicht mehr regte.


    „Achtzehn“, sagte Sirqa süffisant.


    Quisar sah sie halb missbilligend, halb anerkennend an. „Das war gegen die Regeln.“


    „Du machts deine Regeln, ich mache meine“, entgegnete sie.


    Er beugte sich nieder und untersuchte den Falkenhund. „Ich hoffe, dein Gift schadet den Tieren nicht.“


    „Nein, sie unbesorgt. Ich habe es genauso abgestimmt, dass ihr Körper es nicht aufnimmt. Und meiner und deiner natürlich auch nicht. Für andere Aeldari“, fügte sie mit einem Seitenblick auf Anathúriel hinzu, „kann ich das allerdings nicht garantieren.“


    „Das können wir gleich einmal erproben“, sagte Quisar. „Anathúriel.“ Sie erschrak, bemühte sich aber intensiv darum, sich nichts anmerken zu lassen. „Das nächste Ziel ist für dich. Wähle einen der Felchu aus.“


    Mit klopfenden Herzen trat Anathúriel vor. Ohne lange zu überlegen, ergriff sie die Leine des graugefleckten, purpurgefiederten Weibchens. Missliebig sah Sirqa die Bestienmeisterin an, wusste jedoch, dass es jetzt keinen Sinn hatte, mit Quisar eine Diskussion über Standesgrenzen zu beginnen. Sie öffnete eine weitere Phiole und träufelte den weinroten Inhalt auf die Klauen des Tieres.


    Anathúriel nahm den Startplatz ein. Die Gedanken wirbelten durch ihren Kopf. Wollte Quisar sie testen? Wozu? Die Falkenhunde gehorchten aufs Wort. Sie erfüllte ihren Dienst als Bestienmeisterin, sie hatte alle Gründe, an ihr zu zweifeln, ausgeräumt. Und warum sträubte es sich in ihr jetzt so sehr, sich an diesem Spiel zu beteiligen? Sie hatte doch schon unzählige Male wilde Tiere auf Beutekreaturen gehetzt und nie etwas anderes dabei gefühlt, als die Anspannung und Leidenschaft der Jäger zu teilen.


    Jetzt erschien das Ziel in der Arena, zweibeinig, schlank und hochgewachsen. Ein Aeldari. Anathuriel ließ den Jagdfalken los und wünschte sich im nächsten Augenblick, sie hätte es nicht getan. Es war eine Frau. Sie trug nur ein schlichtes, schmutziges Hemd, doch ihre purpurrot gefärbten Haare zeichneten sie als Hagashîn ihres Kultes aus. Doch die ehemals langen Flechten waren fransig abgeschnitten, ein Zeichen der Ungnade. Anathúriel kannte sie nicht, doch sie spürte, wie sich die Blicke der Arenakämpferin voll Verachtung in ihre Brust bohrten. Trotzdem, jede einzelne, endlose Sekunde, die der Felchu auf seine Beute zu jagte, drängte es in ihr, ihn zurückzurufen. Anathúriel tat es nicht. Diese Hagashîn hätte sie selbst sein können, und sie würde an ihrer Stelle stehen, wenn sie Quisar auch nur den geringsten Anlass für Zweifel gab.


    Die Gegenwehr der Hagashîn währte nur Sekunden. Noch während sie mit dem Jagdfalken rang, entfaltete das Gift seine Wirkung in der gleichen Weise wie schon zuvor bei der Echsenvogel-Kreatur. Anathuriel gab dem Falkenhund das Kommando, von der Beute abzulassen. Das Weibchen gehorchte und stolzierte erhobenen Hauptes zu der Bestienmeisterin zurück. Anathúriel fühlte sich elend. Sirqa dagegen klatschte zufrieden in die Hände.


    „Unsere Mutter wird erfreut sein“, sagte Quisar.


    „Was?“ entfuhr es Anathúriel überrascht.


    Sirqa trat neben ihren Bruder. „Gibt es etwas, das du mir noch nicht erzählt hast?“


    Quisar antwortete: „Diese ordinäre Hekatrix hat geprahlt, sie hätte mit unserem Vater angebandelt und würde ein Kind von ihm erwarten.“ Er fasst den Griff seines Messers und ging zu dem Leichnam. „Wir können ja einmal nachsehen, ob sie die Wahrheit gesprochen hat.“



    „Alles, was gut und schön ist, nehmt ihr euch und zerstört es zu eurem Vergnügen.“ Firondhirs Worte waren Anathúriel jäh wieder in den Sinn gekommen. Und nun hatten sie sich festgesetzt, während sie durch die labyrinthischen Treppen, Brücken und Korridore zurück zur ihrer Wohnebene wanderte.


    Wie recht er hatte. Die Felchu waren bemerkenswerte Geschöpfe, geborene Jäger. Sie waren es schon immer gewesen. Ihr war es um die Perfektion gegangen. Die Perfektion, die Tiere zu kontrollieren und zu führen. Dass sie damit ein anderes Ethos verfolgte als die meisten Bestienmeister, war ihr schon immer bewusst gewesen. Sie hatte ihre Arbeit immer für etwas Schönes gehalten. Aber diese Spielereien hatten nichts mit der vollendeten Jagdkunst zu tun, die dieser selbsternannte Nachkomme Kurnous für sich in Anspruch nahm. Nichts mit dem, was in der Natur dieser Tiere lag.


    Aber sie musste sich eingestehen, dass das nur die halbe Wahrheit war. Sie war eine Drukhari, das konnte sie nicht von sich weisen. Es war ihr gleichgültig gewesen, wer oder was die Jagdbeute war. Nur die Herausforderung zählte. Und das belebende Hochgefühl, wenn die Beute erlegt war. Das verspürte sie immer noch. Aber inzwischen war es ihr zutiefst zuwider. Und nicht nur das. Das hassverzerrte Gesicht der Hagashîn ging ihr nicht mehr aus dem Sinn. Anathúriel wusste, dass ihre Abscheu auf sie gerichtet war, auf Quisar, auf alles und jeden. Und sie selbst hatte keinen Grund gehabt, ihr gegenüber irgendetwas anders zu empfinden. Doch es war nicht so. Anstatt Genugtuung darin zu finden, dass sie nicht an ihrer Stelle war, dass ihr Ende dafür sorgte, dass sie ihre Position in der Gunst des Archons festigen konnte, hatte sie – ja, was? Anathúriel konnte dem Gefühl keinen Namen geben, sie hatte kein Wort dafür.


    Wie es dazu gekommen war, konnte sie sich nicht erklären, und sie hätte sich nie auch nur träumen lassen, jemals zu solch einem Sinneswandel zu gelangen. Jetzt noch mehr als zuvor blieb nur noch eines: Sie musste fort von hier, so schnell wie nur möglich.



  • Margil konnte kaum noch laufen, als die beiden Ranger endlich Anathúriels Suite erreichten. Die Lähmung hatte sich von seiner Schulter in den linken Arm ausgebreitet und begann nun das Beim hinunter zur kriechen. Das Atmen fiel ihm schwer und die Schmerzen in den Muskeln waren kaum auszuhalten. Ydrir stützte ihn, so gut er konnte. Er konnte sich kaum erklären, wie sie es geschafft hatten, vom Dach herunter und wieder in den Palastturm, geschweige denn bis zurück zur Wohnung zu kommen. Nicht nur die Wohnebenen der Fleischgeborenen waren in heller Aufregung. Fast der ganze Turm glich einem aufgewühlten Hornissennest.


    Firondhir sprang auf, sobald die Tür sich öffnete, und eilten den beiden entgegen. Gemeinsam halfen sie Margil auf die Polsterbank. Selbst sitzend konnte er sich kaum aufrecht halten.


    „Was ist geschehen?“ fragte Firondhir.


    Ydrir gab in wenigen Worten einen Bericht ihrer gescheiterten Unternehmung.


    „Warum“, ächzte Margil, „gestehst du nicht ein, dass es deine Schuld war?“


    Firondhir blickte fragend von einem zum anderen. Ydrir sah verschämt zu Boden.


    „Unser großer Seher“, fuhr Margil fort, „war so hingerissen, den Drukhari-Kriegern beim Tanzen zuzuschauen, dass er für nichts anderes mehr Augen und Ohren hatte.“


    „Ich…“ begann Ydrir, doch Margil fiel ihm sofort wieder ins Wort.


    „Fast könnte man meinen, du fühlst dich bei den Drukhari so wohl, dass du lieber bei ihnen bleiben möchtest.“


    „Margil, du redest wirr,“ versuchte Firondhir ihn zu beruhigen.


    „ICH rede wirr?“ gab der heiser zurück und versuchte sich aufzurichten. „Dieses Kind, dass sich für einen IstuKarun hält, bringt uns alle in Gefahr. Und du auch.“ Er hustete.


    „Margil, ich bitte dich…“


    „Und du auch“, setzte er nach, „der, statt sich um einen Ausweg zu bemühen, lieber mit seiner Drukhari-Hexe ins Bett geht.“


    Ohne Vorwarnung schlug Firondhir ihm die geballte Faust ins Gesicht. Margil wurde auf die Polsterfläche geworfen. Mit wutverzerrtem Gesicht holte Firondhir zu einem zweiten Schlag aus. Ydrir ging dazwischen und packte seinen Arm mit beiden Händen.


    „Hör auf!“ rief er flehend. „Firondhir.“


    Doch Firondhir macht sich mit einer heftigen Bewegung los und stieß den jungen Aeldari zu Boden. Blind vor Wut setze an er, statt auf Margil auf ihn einzuschlagen. Ydrir versuchte sich zu schützen, indem er die Arme vors Gesicht hob.


    Wie aus dem nichts war Anathúriel da. Sie stand vor Firondhir und legte ihre linke Hand auf seine Brust und die rechte auf seine Wange, wie sie es schon einmal getan hatte.


    „Hör auf“, sagte sie in einem bestimmten, ruhigen Ton. Ydrir konnte deutlich spüren, dass darin mehr lag als nur das gesprochene Wort. Er selbst glaubte für einen Moment, der Anweisung folgen zu müssen, obwohl er überhaupt nichts tat, womit er hätte aufhören können. Und dann war da noch etwas. Als Anathúriel sprach, schien es ihm, als legte sich ein blassgoldener Schleier aus Licht um sie. Doch im nächsten Moment war der Schimmer schon wieder verschwunden und er war sich nicht mehr sicher, ob es eine Täuschung gewesen war.


    Augenblicklich beruhigte Firondhir sich. Ihm war, als ob er aus einer Trance erwachte. Er sah von einem zum anderen. Dann blieb sein Blick auf Margil haften, der immer noch reglos auf der Bank lag, aus Mund und Nase blutend. Furcht und Scham überkam ihm, als er sah und begriff, was er in seiner Wut angerichtet hatte. Er wollte zu ihm, doch Anathúriel hielt ihn mit entgegengestreckter Handfläche zurück. Sie kniete sich neben die Bank und rüttelte an Margils linke Schulter. Der Mantel war feucht, an ihren Fingern blieb Blut zurück. Sein Kopf glühte vom Fieber, so dass sie es spüren konnte, ohne ihn berühren zu müssen.


    „Was ist passiert“, fragte sie, an die beiden anderen gewandt.


    „Ich…“ begann Firondhir betreten.


    „Nein, davor“, unterbrach sie ihn.


    „Wir mussten vor Kabalenkriegern fliehen. Ich glaube, er wurde angeschossen“, erklärte Ydrir.


    Anathúriel schlug die Hand über die Augen, ungeachtet, dass Margils Blut eine Spur auf ihrer Stirn hinterließ.


    „Irgendwie kommt mir das bekannt vor“, seufzte sie. Dann fingerte sie eine winzige Phiole mit violetter Flüssigkeit aus der Hagashîn-Rüstung hervor, die sie immer noch trug. Sie zerrte Margils Mantel herunter und untersuchte den ultramarinblauen, gepanzerten Anzug.


    „Wie macht man das auf?“ Ydrir kam dazu, löste den Verschluss unter dem Kinn und zog die Kleidung an der Schulter herunter. Die Haut an Margils Rücken war bis zur Wirbelsäule feuerrot, aufgequollen und fiebrig heiß. In der Einschussstelle steckte noch das blassgrüne kristallene Splittergeschoss. Anathúriel zog es heraus und lehrte die Phiole in die Wunde. Die Wirkung riss Margil augenblicklich aus der Bewusstlosigkeit. Stöhnend richtete er sich auf und lehnte sich an die Rückenlehen.


    „Was machts du, Frau“, ächzte er.


    „Was denkst du wohl?“ entgegnete sie. Doch die beiden anderen sahen sie genauso fragen an. „Die Splitterwaffen der Kabalenkrieger sind vergiftet. Wusstet ihr das nicht? Als Bestienmeister ist man gut beraten, immer ein universelles Gegengift zur Hand zu haben. Hoffen wir, dass in der Mischung auch etwas gegen das Waffengift enthalten ist.“


    „Sehr beruhigend“, flüsterte Margil schwach.


    „Ins Bett mit ihm. Vielleicht hält er dann mal seine Mund.“


    Anathúriel verschwand ins Badezimmer und wusch sich das Gesicht. Während sie in ihren Spiegel schaute, strich sie sich mit den Händen über die Schläfen. Ein warmes Kribbeln zog durch ihre Gesichtsnerven und floss einfach davon. Sie war sich sicher, ihre Psikräfte benutzt zu haben, unwillkürlich. Aber der Schmerz war ausgeblieben. Vielleicht war es zu kurz oder zu schwach gewesen. Trotzdem musste sie besser auf ihr Tun achtgeben.


    Kurze Zeit später saßen Anathúriel, Firondhir und Ydrir zusammen um den Tisch im Hauptraum. Anathúriel hatte sich ihrer verleideten Rüstung entledigt und war in ihr langes blaues Seidennachtkleid geschlüpft. Auch Ydrir hatte es sich mit einer einfachen Jacke und Hose etwas bequemer gemacht.


    „Und jetzt raus mit der Sprache, was war los?“ wollte Anathúriel wissen.


    Ydrir berichtet von ihrer Suche und dem fatalen Ausgang.


    „Diese Tür ist zu“, stellte Anathúriel fest. „Und deshalb geht ihr gegenseitig an die Kehle? Ihr seid auf bestem Wege, echte Drukhari zu werden.“


    Ydrirs blasse Augen weiteten sich. Seine Mine wechselte von Erkenntnis zu Bestürzung.


    „Das ist es“, wisperte er entsetzt. „Wir beginnen uns zu verlieren.“


    „Was willst du damit sagen?“ wollte Firondhir wissen.


    „Schau doch hin.“ Ydrir starrte Anathúriel an wie hypnotisiert. „Siehst du das innere Gesicht nicht? Wie ein Spiegelbild über dem äußeren. Was die Drukhari nach außen zeigen, ist eine Maske. Egal wie schön sie aussehen, in Wirklichkeit sind sie vertrocknet und ausgezehrt. Und uns ergeht es genauso, wenn wir noch länger hierbleiben.“


    Anathúriel konnte es nicht sehen, aber sie wusste, was Ydrir meinte, denn sie fühlte es in ihrem Innersten. Er sprach die Wahrheit. Commorragh zerstörte seine Bewohner. Niemand, der eine längere Zeit hier verbrachte, konnte sich dem entziehen. Sie konnten nicht länger warten.


    „In zwei Tagen will Quisar auf die Jagd gehen. Auf einer Welt der Sieri, die die Chem-Pan-Sey vor langer Zeit entvölkert haben. Er hat dort Tiere ausgesetzt.“


    Firondhir saß vornübergebeugt, den Kopf auf die gefalteten Hände gestützt, und sann vor sich hin. Auch er teilte nicht Ydrirs besondere Wahrnehmungsfähigkeit. Aber ihm war deutlich bewusst, wie er die Kontrolle über sich verloren hatte. Er trug immer noch eine tiefe Wunde, die ihn anfällig dafür machte. Und er konnte nicht sicher sein, dass er beim nächsten Mal nicht noch weiter gehen würde.


    „Wir sind einer Möglichkeit, auf sein Schiff zu gelangen, keinen Schritt näher“, sagt er. „Es hilft nichts. Uns verkleidet einzuschleichen wird nicht gelingen. Dann bleibt nichts anderes übrig, als es auf unsere gewohnte Art zu versuchen. Ydrir, morgen werden du und ich die Landestege auskundschaften. Wir finden einen Weg.“



    „Denkst du, es ist ein Fehler, was wir tun?“


    Firondhir saßen mit Anathúriel auf dem Bett in ihrem Schlafzimmer. Sie lehnte mit dem Rücken an seine Brust und er hatte die Arme um sie gelegt.


    „Nein, wie kommest du darauf?“ antwortete sie.


    „Es geht darum, was Margil gesagt hat“, begann er.


    „Ich habe gehört, was Margil gesagt hat. Er war neben sich, das ist alles.“


    Firondhir schwieg einen Moment betroffen. „Mir war nicht bewusst, dass du es mitbekommen hast.“


    „Und wenn schon. Was ist schon dabei? Schlafen die Aeldari auf den Weltenschiffen nicht miteinander?“, fragte sie leicht amüsiert.


    Firondhir müsste kurz lachen. „Doch schon. Aber es gibt… Einschränkungen. Niemals kommen wir Ihr, Der Dürstet, näher als in diesem Moment. Deshalb darf es nicht um der Lust willen geschehen, sondern aus Hingabe zweier, die einander verbunden sind.“


    „Ihr Asuryani seid so völlig anders“, sagte sie nachdenklich. „Aber es ergibt Sinn.“ Und dann, nach einer kurzen Pause: „Sind wir einander verbunden?“


    Firondhir schwieg. Eathalvaën hatte ihnen nicht eröffnet, wen genau sie in der Dunklen Stadt finden würden. Was er selbst hier verlieren sollte, hatte er nicht erwartet. Und noch weniger, was er hier finden würde. Anathúriel war eine Dainnar, und das zeichnete ihren Pfad auf dem Weltenschiff vor. Und sein eigener war der des Weltenwanderers, der ihn immer wieder in das Sternenmeer hinausziehen würde und von dem er genauso wenig lassen konnte, wie ein Exarch von Pfad des Kriegers. Doch das alles schien hier, in der Dunklen Stadt, in unendlich weiter Ferne.


    „Für den Augenblick sind wir es“, antwortete er und küsste ihre Schulter.


    „Dann will ich dir etwas sagen“, entgegnete Anathúriel. „SIE war mir schon so nahe, dass ich mich beinahe an SIE verloren hätten. Aber jetzt bist du mir so nahe, dass für SIE kein Platz mehr ist.“


    Firondhir seufzte. „Ich wünschte, es wäre so einfach.“


    „Vielleicht ist es das.“ Sie drehte sich zu ihm um und drückte ihn sanft in die Kissen. „Lass es uns herausfinden.“


  • Mondschatten

    Hat den Titel des Themas von „Ad bestias [(Dark-)Eldar-Roman] - Kapitel IX“ zu „Ad bestias [(Dark-)Eldar-Roman] - Kapitel IX komplett“ geändert.
  • Kapitel X



    Anathúriel saß in der Dunkelheit ihres Zimmers auf dem Bett, die Knie angezogen, die Arme um die Beine geschlungen. Sie hatte die Augen geschlossen und den Kopf auf die Knie gelegt. Ihr offenes, purpurrotes Haar fiel über ihr Gesicht.



    Firondhir und Ydrir glaubten, einen gangbaren Weg gefunden zu haben, sich auf Quisars Jacht zu schleichen. Der Hafen der Kabalenfestung war groß, mit zahlreichen Landebrücken und Andockbuchten. Ydrir hatte zu seinem Talent zurückgefunden, die Nähe von Bedrohungen zu spüren. Sich seiner Schwäche genau bewusst, ließ er sich nun nicht mehr von der dunklen Präsenz der Drukhari verleiten. Den beiden war es gelungen, sämtliche Wachen zu umgehen und unmittelbar vor den Anleger des Schiffs zu gelangen. Jetzt würden sie nur noch eine günstige Gelegenheit abwarten müssen, an Bord zu gelangen. Dass die Jacht ein offenes Vorderdeck hatte, schien ihnen in die Hände zu spielen. Und Ranger waren in Geduld geübt.


    Margil war so weit wieder hergestellt. Das Gegengift hatte gewirkt und die Entzündung war zurückgegangen. Aber der linke Arm zitterte, wenn er ihn zu lange belastete. „Einer von euch wird mir das Gewehr halten müssen, wenn ich etwas treffen soll“, hatte er gesagt. Ohne Zögern hatte er Firondhirs Entschuldigung angenommen und seinem Plan zugestimmt. Anathuriel hatte immer noch Zweifel. „Dein Archon glaubt, er wäre der Erbe des Großen Jägers“, hatte Firondhir versucht, sie zuversichtlich zu stimmen. „Er wird noch erkennen, dass auch wir IstuKarun von Kurnous gelernt haben.“


    Nun war es früher Abend und die drei waren schon einige Zeit fort. Sie selbst würde morgen früh zusammen mit den anderen Jagdteilnehmern an Bord gehen. Die drei hatten nicht mehr mitbekommen, was dann passiert war, kurz nachdem sie gegangen waren. Aus heiterem Himmel war es über sie hereingebrochen wie eine Sturzflut. Sie hatte es weder kommen sehen noch heraufbeschworen, es passierte einfach. Bilder überschwemmten ihren Geist. In einer Menge, dass sie nicht erkennen konnte, was sie zeigten. Die Eindrücke überlagerten sich hundert- und tausendfach. Ihre schiere Gewalt hatte sie zu Boden geworfen und ihr die Luft genommen. Erst nach quälend langen Minuten war sie wieder zu sich gekommen und hatte sich, immer noch benommen, auf ihr Bett gehievt. Erschöpft war sie auf dem Rücken liegen gelblieben.


    In der rechten Hand drehte Anathúriel den Seelenstein. Firondhir hatte ihn ihr anvertraut, bevor die Ranger sie verlassen hatten. Die Oberfläche fühlte sich hart und makellos glatt an, doch auf seltsame Weise angenehm warm. Nicht wie ein gewöhnlicher Stein, der die Wärme der Hand aufnahm. Eine innere Stimme sagte ihr, dass sie das, was ihr eben widerfahren, nicht ignorieren durfte. Sie schloss die Augen und konzentrierte sich nur auf das Gefühl des Steins in ihrer Hand.


    Die Bilder in ihrer Erinnerung wurden deutlicher. Viele ähnelten sich. Es brauchte einige Zeit, bis Anathúriel erkannte, was sie zeigten. Sie sah vor ihrem inneren Auge, was Firondhir berichtet hatte, wie die Ranger sich dem Schiff des Archons näherten und einen Eingang suchten. Aber es waren nicht zwei wie in seiner Erzählung, es waren drei. Margil war bei ihnen. Das konnte nicht sein! Das war nicht das, was sich bereist ereignet hatte, was sich in ihrem Kopf zu Bildern geformt haben mochte. Das war das, was sich gerade ereignete, oder vielleicht in den nächsten Stunden.


    Anathúriel schnappte nach Luft. War das möglich? Konnte dies die mysteriöse Fähigkeit der Asuryani-Seher, von der sie gehört hatte? Die Fähigkeit, in die Zukunft zu sehen? Sie fuhr auf. Nein! Auf keinen Fall dufte sie damit fortfahren. Sie hatte keine Ahnung, was sie tat, wie sie es tat. Sie hatte keine Kontrolle über ihre Fähigkeiten. Sie durfte sich nicht verleiten lassen, dieses Risiko noch einmal einzugehen.


    Doch dann kamen ihr Zweifel. Was, wenn etwas falsch lief. Sie könnte es vorher wissen und vielleicht eingreifen. War es nicht das, was die Seher taten? Sie hörte in sich hinein, achtete auf die Signale ihres Körpers. Ein leichtes Kribbeln in der Schläfe, mehr spürte sie nicht. Und ihren rascheren Herzschlag. Sonst nichts. Dafür in ihrem Verstand ein tiefsitzender Drang, die Bilder weiter zu erforschen. Sie holte tief Luft, legte sich wieder lang auf das Bett und versuchte, sich zu entspannen, den Seelenstein mit beiden Händen umschlossen auf der Brust. Sie spürte, wie der Stein wärmer wurde.


    Die Bilder kehrten zurück. Diesmal wie durch einen dünnen Nebelschleier, doch zusammenhängend und in Bewegung. Drei verstohlene Schatten, die sich durch die Hafenanlagen bewegten und den schwarzgerüsteten Gestalten auswichen. Aber etwas passte nicht. Immer wieder waren Sequenzen dabei, die sich in keine vernünftige Reihenfolge einfügen ließen. Anathúriel spürte, wie das Kribbeln stärker wurde.


    Dann fiel es ihr wie Schuppen von den Augen. Es war nicht eine Geschichte. Es waren mehrere. Die Bilder zeigten ihr nicht, was passieren würde, sondern welche verschiedenen Richtungen die Ereignisse nehmen könnten. Ihr Herzschlag beschleunigte sich. Sie musste alle Möglichkeiten sehen. Vielleicht gab es eine, bei der alles lief wie geplant. Doch es waren viele, zu viele. Sie rauschten in einem Sturzbach aus Eindrücken durch ihren Verstand, immer schneller, so dass sie sie kaum erfassen konnte. Das Kribbeln in der Schläfe wurde zu einem Ziehen. Die Wärme des Steins begann unangenehm zu werden. Nur noch einen Moment, und noch einen weiteren, und –


    Anathúriel schnellte hoch und rang nach Luft. Der Schmerz in der Schläfe war kurz davor gewesen, unerträglich zu werden. Nun ließ er langsam nach. Der Seelenstein hatte ihre Handflächen leicht verbrannt, doch wagt sie noch nicht, ihn loszulassen. Sie zog die Beine an, schlang die Arme um die Schenkel und ließ den Kopf auf die Knie sinken. Ein tiefes Schluchzen schüttelte sie. Sie war sich nicht sicher, ob sie alle Versionen gesehen hatte. Aber eins war sicher: Alle, die sie gesehen hatte, endeten gleich. In keiner gelangten die drei IstuKarun auf das Schiff. In den Korridoren des Hafenbezirks, auf den Quais, auf der Landebrücke, ganz gleich. Kabalenkrieger stellten sie, kreisten sie ein, nahmen sie unter Beschuss oder fielen mit ihren Klingen über sie her. Gegenwehr oder Aufgabe, ganz gleich, am Ende lagen die Ranger tot auf dem schwarzen Marmorboden.


    Das Bild brannte sich schmerzhaft in Anathúriels Geist und Seele. Sie hatte nichts erkennen können, was diesen Verlauf abgewandt hätte. Ein wirklicher Seher hätte das vielleicht vollbracht. Aber das war sie nicht. In diesem Moment schien es ihr Gewissheit zu sein: Es musste geschehen und es würde geschehen, wie sie es gesehen hatte. Sie holte tief Luft und wischte sich mit den Händen über das Gesicht. Es war feucht. Sie konnte sich nicht erinnern, jemals wegen eines anderen Lebewesens geweint zu haben. Jetzt tat sie es.


    Mit den Tränen flossen auch Anspannung und Verzweiflung aus ihr heraus – ein heilsamer Effekt, mit dem sie nicht gerechnet hatte. Bald wurde ihr Atem wieder ruhig und ihr Kopf klar. Die Vision hatte ihr keinen Ausweg gezeigt. Aber musste das zwangsläufig heißen, dass es keinen gab? Verließen sich die Asuryani-Seher nur auf das, was ihnen gezeigt wurde? Sie war jedenfalls keine Seherin. Vielleicht würde sie einmal eine sein, aber jetzt musste sie ohne übersinnliche Fertigkeiten auskommen. Eigentlich war nur eins sicher: Firondhir, Ydrir und Margil würden es von sich aus nicht an Bord schaffen. Also musste sie in die Wege leiten, dass sie dorthin kamen.


    Anathúriel stand auf und ging ins Badezimmer. Sie wusch sich und machte die Haare mit einer einfachen, aber festen Flechtfrisur zurecht. Sorgfältig legte sie ihre Hagashîn-Rüstung an. Zuletzt setzte sie ihre federgeschmückte Vogelmaske auf. Beim Blick in den Spiegel sah sie eine Fremde an. Aber diese Rolle musste sie jetzt noch einmal spielen. Als Anathúriel in der Eingangstür stand, drehte sie sich noch einmal um. Wie auch immer der nächste Tag endete, hierher würde sie nicht zurückkommen.

  • Mondschatten

    Hat den Titel des Themas von „Ad bestias [(Dark-)Eldar-Roman] - Kapitel IX komplett“ zu „Ad bestias [(Dark-)Eldar-Roman] - Kapitel X“ geändert.
  • In Commorragh wurde es niemals dunkel. Die gestohlenen Sonnen hielten die Stadt in einem andauernden trüben Zwielicht gefangen. Aber es wurde Nacht, oder zumindest etwas, was man damit vergleichen konnte. Zu dieser Zeit versammelten sich große Teile der Bevölkerung der Oberstadt in den Arenen der Hagashîn-Kulte, um sich dort mit blutigen Wettkämpfen zu unterhalten. Zurück blieben diejenigen aus dem Fußvolk, die zum Wachdienst aufgestellt waren. Auch auf den oberen Landebrücken, die sich direkt unterhalb der Palastspitze wie ein Dornenring um den Turm legten, waren einige Kabalenkrieger unterwegs.


    Ein Ring aus Arkaden, der sich tief bis in der äußere Turmfassade ausdehnte und von Reihen aus Säulenbündeln getragen wurde, bildeten den Zugang zu den Kais. Jede Landebrücke war die Verlängerung eines halbrunden, überdachten Balkons, der dem Gebäude entsprang. Firondhir, Margil und Ydrir waren unbehelligt durch das Labyrinth der Korridore und Treppen bis hierher vorgedrungen.


    Die Jacht des jungen Archons lang am äußersten Ende der nächstliegenden Landebrücken vor Anker. Es war ein schnittiges Schiff, am Heck höher als am Bug, mit ausladenden, stachelbewehrten Sonnensegeln, die bereist führ die morgige Abreise ausgefahren waren. Wie ein drohender Raubvogel saß es an der Seite des Palastturmes. Seine Silhouette zeichnete sich schwarz vor dem fahl erleuchteten Himmel ab.


    Die drei Ranger schmiegten sich in die Nischen der segmentierten Strebpfeiler. Das Zweilicht hier draußen machte die Schatten noch dichter, und Schatten war der Verbündete der IstuKarun. Flink huschten sie von einer Säule zu nächsten, bis Ydrir die Hand hob. Sein sechster Sinn hatte ihn alarmiert. Er schloss die Augen und atmete ruhig aus. In seinem Geist bildete sich die Umgebung ab wie aus weißem Nebel geformt. Und in dem Nebel bewegte sich etwas. Dunkle Formen, wie Phantome, und ein schauderhaftes Gefühl des Verloren Seins, wenn er seine Aufmerksamkeit auf sie richtete. Sie nährten sich.


    Er öffnete die Augen wieder, sah zu seinen Gefährten und deutet in die Richtung, in der er die Kommenden wahrgenommen hatte. Die beiden anderen signalisierten Verstehen. Jeder platzierte sich auf der abgewandten Seite einer der inneren Säule. Der Farbton ihrer Chameolin-Mäntel musste sich nur geringfügig anpassen, um sie in den Schatten unsichtbar zu machen.


    Zwei Kabalenkrieger tauchten um die Kurve des Bogengangs auf. Sie schritten ohne Eile voran, die goldglänzenden Splittergewehre quer vor der Brust. Die hohen, schwarz glänzenden Helme wandten sich gelegentlich nach links oder rechts. Die Wachen passierten den Zugang zur Landebrücke, ohne von den Rangern Notiz zu nehmen. Beinahe waren sie schon hinter der gegenüberliegenden Biegung verschwunden, als aus dem inneren des Turms ein bellender Befehl erscholl. Die beiden hielten an.


    In einem Ausgang erschien ein Sybarith mit zwei weiteren Kabalenkriegern im Gefolge. Überrascht sahen die drei Asuryani sich um. Margil und Firondhir waren auch für die Neuankömmlinge außer Sicht. Aber Ydrir stand auf seiner Seite des Pfeilers ihnen halb zu gewandt. Mit knarzenden Schritten näherte der Trupp sich. Ydrirs erster Gedanke war, sich zu verbergen, behutsam, Schritt für Schritt, den Pfeiler zu unrunden und aus dem Blickfeld der Drukhari zu verschwinden. Doch seien Hände und Füße gehorchten ihm nicht. Etwas hielt ihn davon ab, sich zu bewegen. War es Furcht, die ihn lähmte? Nein, er war vollkommen bei sich. Ein Instinkt hielt ihn davon ab, sich zu rühren. Ydrir konzentrierte sich auf seinen Atem, synchronisierte ihn mit seinem Herzschlag, bis er völlig ruhig und bewegungslos an den Pfeiler lehnt und sich noch weiter in den Spalt schmiegte, als wollte er mit dem schwarzen Stein verschmelzen. Er schloss die Augen. Die Schritte waren jetzt unmittelbar neben ihm - und verstummten. Sein Geisterblick zeigte ihm, dass die Kabalenkrieger direkt bei ihm stehen geblieben waren. Die beiden anderen kamen ihnen entgegen.


    „Neue Befehle", hörte er den Sybarith sagen. Dann schien er eine dirigierende Armbewegung zu vollführen. Die beiden anderen verbeugten sich knapp als Zeichen des Gehorsams, dann zog der nun vier Köpfe zählende Trupp in Richtung der Landebrücke ab. Der Sybarith blieb noch an Ort uns Stelle stehen und sah sich nach allen Richtungen um. Für einige Momente wiesen seine purpurrot glühenden Augen genau auf Ydrir. Dann folgte er den Kriegern.


    Als sie fort waren, holte Ydrir tief Luft und löste sich mit einem Schritt rückwärst vom Pfeiler. Firondhir und Margil eilten zu ihm.


    „Das war großartig." Firondhir legte ihm lobend die Hand auf die Schulter. „Du warst für die Drukhari wahrhaft unsichtbar.“ Ydrir lächelte verlegen.


    „Das will ich auch meinen", ergänzte Margil. „Meinem Schrein der MeanTokath würdest du alle Ehre machen.“


    „Skorpionkrieger?" fragte Ydrir verwundert. „Sagtest du nicht, du seist ein Rächer Asuryans gewesen?“


    „Das auch.“


  • Die drei warteten noch einige Minuten, bis sie sich aus dem Schatten der Pfeiler auf den Zugang zur Landerbrücke wagten. Der lange Steg, an dessen Ende die Jacht lag, war ein überdachter Laufgang, getragen von schlanken Säulen und gesäumt mit Reihen von Stacheln, die keinen anderen Zweck zu haben schienen, als dem martialischen ästhetischem Empfinden der Drukhari zu gefallen. Die Ranger kletterten an den Pfeilern hinauf und schlichen geduckt das Dach des Laufganges entlang. Nach kurzer Zeit hatten sie sich dem Schiff bis auf wenige Meter genähert. Sie hielten inne. Firondhir sah Ydrir fragend an. Der ging kurz in sich, dann nickte er. Der Weg war frei.


    Der Laufgang mündete unmittelbar vor der torgroßen Zugangsluke im Mittelrumpf des Schiffes. Der Schiffskörper bestand hier aus den bloßen, übereinander geschichteten Strukturen der neun Decks. Darüber thronte die Kuppel der Brücke. Bug- und Heckbereiche dagegen waren mit konkav ansteigenden, glatten und schwarzglänzenden Platten verkleidet, die sich achtern zu einem konkaven Dach wölbten, vorne jedoch in einem offenen Oberdeck endeten.


    Die drei Ranger machten sich daran, die Bordwand hinaufzuklettern. Die horizontalen Sparren, durchsetzt mit vertikal oder diagonal verlaufenden Elementen, erleichterten ihnen den Aufstieg. Unbehelligt und schon nach kurzer Zeit hatten sie das Oberdeckt erreicht. Firondhir half Margil über die Brüstung, dessen immer noch angeschlagener linker Arm auf den letzten Meter an Kraft verlor.


    Das Oberdeckt war mit Marmorplatten ausgelegt. Dornenartige Pfosten wölbten sich leicht gebogen über die Fläche. Zwischen ihnen waren Kabel gespannt, daran Bahnen von dunkelblauem Segeltuch aufgerollt und sicher befestigt. Bei Planetenaufenthalten mochten sie als Sonnenschutz ausgezogen werden. Über das Deck verteilt ragten niedrige Marmorblöcke aus dem Boden auf. Die geschwungen gearbeiteten Oberseiten ließen sie als Podeste für Sitzpolster, Liegen und Sessel erkennen. Sie waren halbkreisförmig angeordnet um eine ovale Vertiefung in der Mitte des Decks, in deren Boden sich eine sechseckige, vergitterte Luke befand. Welchem Zweck sie auch immer dienen mochte, für die Ranger bot sie eine günstige Gelegenheit, den Einstieg in das Schiff zu versuchen.


    Firondhir kniete nieder und untersuchte das aus einem regelmäßigen Muster aus Dornenranken gearbeitete Gitter, spähte durch die Lücken und lauschte. Im Unterdeck herrschte Finsternis. Es drangen keine Geräusche hinauf, die auf die Anwesenheit von Lebewesen hindeuten würden. Er winkte Ydrir zu sich, während Margil hinter einem der Marmorblöcke hockte und die doppelten Türflügel der Luke am hinteren Ende im Auge behielt, den einzigen anderen Zugang zum Oberdeck. Ydrir legte sich flach auf den Bauch und spähte hinunter. Dann richtete er sich wieder auf und schüttelte den Kopf. Auch er konnte nichts wahrnehmen. Firondhir holte aus einer seiner Taschen ein Oktaeder aus klarem Kristall und eine silberne Spindel hervor. Von der Spindel löste er den Anfang eines dünnen, festen Seils und befestigte den Kristall daran. „Las“ flüsterte er, kaum hörbar, doch es genügte, dass der Kristall aufleuchtete und fortdauernd ein schwaches, goldgelbes Licht abstrahlte. Firondhir ließ es durch den Gitterrost hinunter.


    Der Raum unter ihnen war nicht tief, nicht mehr als die Höhe einer Zimmerdecke. Es waren keine Gegenstände zu erkennen, die auf irgendeine spezielle Funktion hindeuteten.


    Firondhir holte das Licht wieder ein und ließ es mit dem Wort „Ifiath“ wieder verlöschen. Dann griff er in das Gitter und zog vorsichtig daran. Zu seiner Überraschung stellte er fest, dass es zwar schwer, aber nicht verschlossen war. Er winkte Margil heran. Gemeinsam gelang es den drei, das Gitter gegen den Widerstand des Lagers so weit unter den Deckboden zu schieben, dass ein Spalt frei wurde, groß genug, um hindurchzuschlüpfen. Lautlos ließen sich die Ranger nacheinander in das Unterdeck fallen. Zuletzt reckte Firondhir sich und gab dem Gitter einen Stoß. Es glitt ohne ein Geräusch zurück in seine ursprüngliche Position.


    Die drei sahen sich um. Sie standen auf einer weiteren Gitterplatte, die in ihren Ausmaßen der oberen entsprach. Der Raum im sie herum war nur wenig größer. Es schien ein Schacht zu sein, in den auf dieser Ebene drei offene Türen mündeten.


    „Wie jetzt weiter?“ flüsterte Ydrir.


    Margil dachte kurz nach. Anathuriel hatte ihnen eine grobe Beschreibung des Inneren der Jacht gegeben, soweit sie ihr bekannt war. Demnach sollten sich in den Ebenen unterhalb des Oberdecks zuerst Kombüse und Lagerräume, noch tiefer um Rumpf die Brig befinden, in der Sklaven und Gefangene untergebracht wurden. Vor einem Realraumüberfall standen die Zellen für gewöhnlich leer und es gab keinen Grund sie zu bewachen. Das ideale Versteckt.


    Firondhir untersuchte das Gitter unter ihren Füßen. Es saß fest im Boden. Dann entdeckte er an der Wand ein Kontrollpaneel. Die schwach grün leuchtenden Runen zeigten an, dass das Fallgitter von der darunterliegenden Ebene aus gesichert war.


    „Wir müssen einen anderen Weg nach unten finden“, sagte er.


    „Im Mittelschiff wird es Treppen oder Lifte geben“ erwiderte Margil. „Aber sicherlich auch mehr Wachen.“


    „Und wenn wir versuchen, die Kontrollen zu manipulieren?“ fragte Ydrir.


    „Das könnte bemerkt werden“, antwortete Firondhir. „Welches Risiko erscheint euch größer?“


    Sie schwiegen kurz. „Der Raum hier ist beengter als in der Kabalenfestung“, sagte Ydrir. „Wenn sich Wachen nähern, habe wir vielleicht nicht die Möglichkeit ihnen aus dem Weg zu gehen.“


    „Falls wir einen Alarm auslösen, wird es einige Minuten dauern, bis Krieger hier sind. Genug Zeit, um weiter unten ein Versteck zu finden“, ergänzte Margil.


    „Dann machen wir es so“, stimmte Firondhir zu. Er versuchte einige Tastenkombinationen, jedoch ohne Erfolg. Daraufhin reichte Margil ihm einen in Silber gefassten, halbrunden Edelstein. Mit der flachen Unterseite legte er das Gerät auf das Tastenfeld. Die Kontrollrunen brachen und verzerrten sich in dem gewölbten, transparenten Kristall. Firondhir bewegte den Stein von einer Rune zur nächsten. Einige Minuten dauerte es, dann wechselten die Tasten die Farben. Er drückte eine Rune. Mit einem leisen Zischen glitt das Bodengitter zur Seite. Zugleich glomm eine schwache grüne Beleuchtung im Schacht auf, gerade hell genug, um zu erkennen, dass die Plattform des Aufzugs sich am Boden des mindestens drei Ebenen hohen Laderaumes unter ihnen befand.


    Firondhir wollte nicht wagen, die Technik des Schiffs noch weiter zu nutzen. Er zog seinen Seilspindel hervor und befestiget das Ende mit einer Klammer am Rand des Schachtes. Einer nach dem anderen ließen die Ranger sich in das untere Deck hinab.


    Der Weitläufigkeit des Raumes nach zu urteilen, musste er das gesamte Unterdeck des Vorschiffes einnehmen. Auf dem Grund des Frachtraumes stapelten sich Kisten und Fässer. Darüber waren in der schwachen Beleuchtung über zwei Ebenen breite Galerien an beiden Rumpfseiten zu erkennen. Der nur wenige Meter breite Spalt zwischen den Laufgängen wurde in regelmäßigen Abständen durch Stege überbrückt. Darüber reihten sich enge, finstere Alkoven, die zwischen den blanken Sparren in die schrägen Bordwände eingesetzt waren.


    Firondhir zog kurz an dem Seil. Die Klammer löste sich und die Leine glitt lautlose herab. Während er es wieder zu einer Spindel aufrollte, sahen Margil und Ydrir sich im Unterdeck um. Schon nach kürzester Zeit hatten sie einen geeigneten Platz gefunden. Nahe eines Treppenaufgangs bildeten einige Frachtcontainer eine komfortable Nische, die von keiner Seite des Decks einsehbar war und Platz genug für sie alle drei bot. Firondhir gesellte sich zu ihnen, keinen Moment zu früh.


    Vom hinteren Ende des Frachtraums drang ein Lichtschein herein. Die Hauptluke zum Mittelschiff öffnete sich. Ein kleiner Trupp aus drei Kabalenkrieger trat ein. Augenblicklich wurde die Beleuchtung heller. Firondhir hatte recht behalten, seine Manipulation an der Aufzugskontrolle war nicht unentdeckt geblieben. Einer der Krieger schritt zu einem Kontrollpaneel, überprüfte die Einstellungen und drückte einige Tasten. Prüfend blickte er nach oben. Ein leises Zischen war zu hören, gefolgt von einem Knacken. Das Gitter des Aufzugsschachtes musste sich wieder geschlossen und gesichert haben.


    Dann schwärmten die Kabaliten aus, verteilten sich durch den Frachtraum und gingen die Galerien ab. Ihre Schritte hallten metallisch auf dem Gitterrost der Laufgänge. Suchend drehten sie ihre von hohen Helmen bedeckten Köpfe nach rechts und links. Die Augen glühten in bedrohlichem Purpurrot. An den schwarz glänzenden Panzerplatten ihrer Rüstungen brach sich das Licht in grün und orange. Die Splittergewehre hielten sie schussbereit.


    Beinahe direkt über den Rangern bleib einer der Krieger stehen. Die drei zogen die Kapuzen ihrer schwarzen Mäntel tief ins Gesicht und wichen tief in den Schatten zwischen den Sparren der Bordwand zurück. Eine schiere Endlosigkeit bewegte der Drukhari sich nicht von der Stelle. Margil taste langsam nach einer seiner Klingen. Ydrir spürte seine Absicht. Er sandte einen Gedanken in seinen Geist, als würde er ihm beschwichtigend die Hand auf den Arm legen. Margil entspannte sich und ließ von seinem Vorhaben ab. Wenige Augenblicke später setzte der Krieger seinen Weg fort.


    Nach einigen Minuten hatten die drei Kabaliten ihren Kontrollgang beendet und trafen sich wieder in der Mitte des Raumes. Sie nickten einander zu, signalisierten, dass nichts Auffälliges vorzufinden war, und verließen das Frachtdeck. Die Luke fuhr hinter ihnen zu und das Lichte dimmte wieder zu der dunkelgrünen Notbeleuchtung.


    Margil, Ydrir und Firondhir kamen aus ihrem Versteckt hervor. So gut es ging, richteten sie sich in der Nische zwischen den Containern ein.


    „Das wäre geschafft“, sagte Margil. „Ich würde sagen, wir geben einen recht guten Trupp ab.“ Dabei klopfte er den beiden anerkennend auf die Schultern. „Jetzt müssen wir nur noch warten, bis unsere Freundin uns abholt.“


    „Wir sollten trotzdem auf der Hut sein“, wandte Firondhir ein. „Zumindest sollten wir damit rechnen, dass von Zeit zu Zeit jemand herunterkommt, um etwas von der Ladung zu holen. Wir wissen nicht, wie lang die Reise zu diesem Planeten dauert.“


    „Zweifellos“, stimmte Margil zu. „Aber ich habe inzwischen volles Vertrauen in unseren jungen Seher.“


    Ydrir lächelte. „Im Moment droht tatsächlich keine Gefahr. Zumindest keine unmittelbare, die ich wahrnehmen kann. Fürs erste können wir uns ausruhen.“


    „Dann sollten wir diese Zeit nutzen“, stimmte Firondhir zu und lehnte sich gegen einen der Container.


    Wenige Stunden waren vergangen, als ein tiefes, vibrierendes Summen, gefolgt von einem kurzen Beben durch das Schiff lief. Der Antrieb wurde hochgefahren. Das Schiff legte ab und machte sich auf den Weg ins Netz der Tausend Tore.


  • Mondschatten

    Hat den Titel des Themas von „Ad bestias [(Dark-)Eldar-Roman] - Kapitel X“ zu „Ad bestias [(Dark-)Eldar-Roman] - Kapitel X fertig“ geändert.
  • Kapitel XI



    Margil und Ydrir hatten sich auf dem Boden in ihre Mäntel eingewickelt und schliefen. Während Margil wie ein Stein war, zuckte Ydrir immer wieder zusammen und murmelte unverständliche Worte. Firondhir lehnte mit dem Rücken an eine der Kisten, hatte die Beine angezogen und locker die Arme auf die Knie gelegt. Er sah nachdenklich auf den Jungen hinunter und fragte sich, ob seine Träume eine Erscheinungsform seiner Begabung waren, oder ob ihn im Schlaf die Erinnerungen an all die Schrecken der vergangenen Tage und Wochen wieder einholten. Ydrir hatte nicht weniger durchgemacht als er selbst und obwohl er seinen Wert als Ranger bisher mehrfach unter Beweis gestellt hatte, fragte er sich, ob der Pfad des Ausgestoßenen wirklich der seine war.


    Und sein eigener? Es war nicht das erste Mal, dass Firondhir in letzter Zeit diesen Gedanken nachhing. So viel hatte sich verändert, in so kurzer Zeit. Illurayon war fort, für immer. Ein halbes Leben hatten sie miteinander verbracht, mehr Brüder als Freunde. Doch inzwischen hatte er sich mit dem, was geschehen war, abgefunden. Es war vorherbestimmt gewesen. Illurayon hatte es gewusst, als er den Auftrag des AreIdainn angenommen hatte, und er hatte es gewusst in dem Moment, in dem sich die Bestimmung erfüllte. Und was danach geschehen war? Das war seine eigene Entscheidung gewesen. Inzwischen bedeutete Anathúriel ihm mehr als irgendetwas anderes, selbst mehr als Illurayon ihm je bedeutet hatte. Als diese Erkenntnis über ihn gekommen war, hatte sie ihn noch erschreckt. Doch selbst das war nun vergangen.


    Aber wie sollte es weitergehen? Es war ihnen gelungen, der Dunklen Stadt zu entkommen. Nicht mehr lange und sie würden nach Zar Asuryan zurückgekehrt sein, wie es ihr Auftrag war. Und ganz gleich, welchen Pfad Anathúriel dann beschreiten sollte, Firondhir war fest entschlossen, an ihrer Seite zu bleiben.



    Eine kurze Vibration ging durch den Schiffsrumpf, begleitet von einem anhaltenden, dumpfen Rauschen, dass die Bordwände zittern ließ. Margil und Ydrir regten sich.


    „Was war das“, fragte Ydrir.


    „Ich vermute, das Schiff hat das Netz der Tausend Tore verlassen und fliegt jetzt in der Atmosphäre unseres Ziels“, antwortete Firondhir. „Wir sollten uns bereithalten, es kann nicht mehr lange dauern.“


    Eine Weile später lief ein weiteres Beben durch den Rumpf, dann fuhren die Maschinen nach einem kurzen Aufheulen herunter. Eine von fast unhörbarem, niederfrequentem Summen untermalte Stille breitete sich aus. Die Jacht musste irgendwo angelegt haben. Kurz darauf öffnete sich die Luke zum Frachtraum. Firondhir spähte um die Kante eines Frachtcontainers. Einige Kabalenkrieger machten sich an einem Teil der Ladung zu schaffen. Er signalisierte den beiden anderen, in Deckung zu bleiben. Sie mussten sich noch etwas gedulden.


    Ohne Vorwarnung wurden die Seiten ihres Verstecks auseinandergezogen. Margil, der an eine der Kisten gelehnt hatte, fiel der Länge nach auf dem harten Metallboden. Ydrir sah erschrocken auf. Firondhir gelang es, einen Schritt zurückzuspringen.


    Die drei Ranger sahen sich von einem halben Dutzend Kabalenkriegern umgeben. Mehr befanden sich weiter hinten im Raum und näherten sich gemessenen Schrittes.


    So schnell wie er gefallen war, war Margil wieder auf den Beinen und zog eine seiner Klingen aus den Falten seines Mantels. Firondhir kniete am Boden. Instinktiv fuhr seine Hand an den Holster seiner Shurikenpistole, doch er griff ins Leere. Er erinnerte sich, dass er die Waffe irgendwann verloren hatte, und fluchte. Sein Jagdmesser war die einzige Verteidigung, die ihm blieb, und er war kein gute Nahkämpfer. Schon waren zwei Krieger zur Stelle. Mit einem Tritt gegen den Kopf beförderter einer der beiden Ydrir bewusstlos zu Boden, während sein Kamerad mit der Klinge an seinem Splittergewehr auf den Weltenwanderer eindrang und ihm das Messer aus der Hand schlug. Firondhir wich weiter zurück, doch direkt hinter ihm war die Bordwand. Und nun kam der zweite dazu und packte ihn am Arm. Das Handgemenge dauerte nur wenige Augenblicke, dann hatte die Kabaliten ihn überwältigt, hielten ihm die Arme auf dem Rücken fest und stießen ihn in die Mitte des Frachtraums.


    Margil war es nicht besser ergangen. Kurz hatte er sich gegen seine beiden Gegner im Nahkampf behaupten können, doch als ein dritter Krieger dazu kam, musste er sich geschlagen geben. Ydrir war inzwischen wieder halb zu sich gekommen und wurde, noch zu benommen, um sich auf den Beinen zu halten, zu den beiden anderen geschleift und neben seinen am Boden knienden Gefährten auf das Deck geworfen. Die Krieger standen im Halbkreis um sie herum und hielten ihre Gefangenen mit den Klingen der Gewehre auf den Schultern am Boden.


    Derweil hatte der zweite Trupp den Ort des Geschehens erreicht, Fleischgeborene, elitäre Krieger in verzierten Rüstungen. Sie blieben unmittelbar vor den Rangern stehen und traten auseinander. Ein hochgewachsener Drukhari mit aristokratischen Gesichtszügen und zu einem Knoten aufgesteckten, weißblonden Haaren schritt auf die Gefangenen zu. Ein mitternachtsblau schimmernder Mantel umwogte seine elegante, in eine schwarzglänzende Rüstung gekleidete Gestalt. Silbergrauer Pelz bedeckte seine Schulterplatten, von denen hohe gewölbte Dornen aufragten und seine Erscheinung noch größer und bedrohlicher wirken ließen. Firondhir erkannte ihn sofort. Eine Mischung aus Furcht und Hass breitet sich in ihm aus.


    Quisar blieb einen Augenblick vor den IstuKarun stehen und musterte sie abschätzig.


    „Ich denke, ich schulde euch Dank“, begann er mit ironischem Unterton zu sprechen. „Für gewöhnlich tun Sklaven uns nicht den Gefallen, sich aus freien Stücken an Bord zu begeben. Ihr habt uns Arbeit erspart.“ Er beugte sich zu Firondhir hinunter und drückte sein Gesicht zur Seite, um seine linke Wange zu begutachten. Die Bisswunde war inzwischen verheilt, hatte aber eine sichtbare Narbe und noch Spuren eines Blutergusses hinterlassen. Der Archon richtete sich wieder auf und schüttelte den Kopf: „Ich würde mich schämen, so herumzulaufen.“


    Keiner der Ranger erwiderte ein Wort.


    „Aber erwartet kein Lob für diese Leistung“, fuhr Quisar fort. „Immerhin haben wir euch den Weg freigemacht.“


    Eine Frau hatte den Frachtraum betreten und näherte sich gemessenen Schrittes. Sie trug ihre Hagashîn-Rüstung, den linken Arm bedeckt mit Plattenpanzern, an der rechten Seite bloße, elfenbeinfarbene Haut zeigend. Die langen, purpurroten Haare waren zu einer aufwändigen Frisur geflochten, das Gesicht bedeckt von einer goldenen, mit blauen Federn verzierten Vogelmaske. Kurz blieb sie stehen und betrachtete die Szene, als würde sie ihren nächsten Schritt abwägen. Dann trat sie neben den Archon. Fassungslos starrte Firondhir sie an. Er wollte es nicht glauben, aber er sah ihre Augen hinter der Maske wie zwei leuchtende Türkise.


    „Ah, meine hochgeschätzte Seherin gesellt sich zu uns“, begrüßte Quisar sie. „Als ich dir den Asuryani überlassen haben, hatte ich nicht damit gerechnet, dass du mir diese kleine Gunst gleich dreifach erstattest.“


    In diesem Moment zerbrach in Firondhir etwas, das erst vor kurzem begonnen hatte, wieder heil zu werden. Jedes Gefühl erlosch in ihm, wie eine Flamme, über die eine schwarzes Tuch geworfen wurde. Nicht einmal Hass blieb übrig. Anathúriel neigte ehrerbietig den Kopf vor dem Archon. Sie war dankbar, dass sie die Maske trug. Sie hätte nicht sicher sein können, genug Kontrolle über ihre Mine zu haben, um sich nicht zu verraten. Als Firondhir sie ansah, war es ihr, als würde er sie in ein bodenloses, schwarzes Loch mitreißen. Sie musste tief Atmen holen, um den Schmerz auszuhalten.


    Quisar war die Reaktion des Weltenwanderers nicht entgangen. Lachend schüttelte er den Kopf. „Was hast du denn erwartet, Asuryani? Dass dein tragisches Schicksal deine Herrin dazu bewegt, dir auf dein Weltenschiff zu folgen? So viel Narrheit hat fast schon wieder Anerkennung verdient.“


    Firondhir reagierte nicht. In sich zusammengesunken kauerte er zu Füßen der beiden Drukhari, für nichts mehr zugänglich. Ydrir war indes wieder ganz zu sich gekommen. Seine großen, glasigen Augen ruhten auf Anathúriel, als würde er in sie hineinsehen.


    „Diese IstuKarun haben offensichtlich ihre Fähigkeiten überschätzt“, sagte sie. Dabei sah sie Margil direkt ins Gesicht. Für den Bruchteil einer Sekunde schienen sein Blick sich aufzuhellen. Verstohlen sah er zu Ydrir hinüber. Der hatte seinen Kopf gesenkt, aber er nickte kaum merklich. Dann richtete auch Margil die Augen zu Boden.


    „Für gute Unterhaltung wird es reichen.“ Quisar winkte mit der Hand. „Schafft sie vom Schiff.“ Die Kabalenkrieger zogen die drei Ranger auf die Füße und stießen sie vor sich her in Richtung der Luke.


  • Mondschatten

    Hat den Titel des Themas von „Ad bestias [(Dark-)Eldar-Roman] - Kapitel X fertig“ zu „Ad bestias [(Dark-)Eldar-Roman] - Kapitel XI“ geändert.
  • Das offene Vorderdeck der Jacht war für die Jagdgesellschaft hergerichtet. Das Sonnensegel war ausgefahren, Polster lagen auf den Liegen und Sitzbänken und auf kleinen Tischen, überall verteilt, standen Kelche, Karaffen und mit Delikatessen überladene Schale und Platten bereit. Anathúriel stand an der Reling. Das Schiff schwebte in mittlerer Höhe. Unter ihr breiteten sich in einem engen Bogen drei flache Krater aus. Zwei lagen nah beieinander, der dritte, kleinste etwas abseits. Die Senken waren mit einem Mosaik aus Gehölzen, Grasflächen und sumpfigen Verlandungszonen überzogen. Im der mittleren breitete sich ein dunkler See fast bis zu den Kraterwänden aus. Ein warmer Wind strich über die Ränder. Anathúriel betrachtete die sich in der Briese wiegenden Palmen, Koniferen und urtümlichen Laubbäume. Dies war nun also die Arena für den letzten Akt. Sie versuchte, sich an ihren letzten Besuch zu erinnern. Es gab hier ein altes Tor ins Netz der Tausend Tore, errichtet von den Exoditen, die die Welt vor langer Zeit kolonisiert hatten. Die Kabale nutzten es nicht. Sie zogen Portalfoki vor, die jederzeit und überall eine Öffnung in das Netz reißen konnten. Vielleicht hatten die Ranger es sogar schon gefunden. Wenn sie mit den Felchu unten war, würde sie die Tiere laufen lassen und zusammen mit Firondhir, Margil und Ydrir verschwinden.


    Schritte erklangen hinter ihr. Sie dreht sich um. Quisar stellte sich neben sie an das Geländer.


    „Eine reizvolles Jagdrevier“, sagte er. „In gewisser Weise eine wilde Variante unseres Gartens zuhause. Abwechslungsreich, eine Mischung aus Deckung und offenen Flächen und gut zu überblicken. Du hattest einen großartigen Einfall, Anathúriel. Die einfachen Tierhetzen daheim verlieren mit der Zeit doch ihren Reiz. Diese IstuKarun können hier unter Beweis stellen, ob sie sich ihren Namen verdient zu eigen gemacht haben. Und uns wird kein Detail entgehen.“


    Er lehnte sich über die Reling und sah Richtung Mittschiffs. Einige Schattenbaken hatten am Rumpf festgemacht und hielten sich bereit, das Publikum bei Bedarf näher ans Geschehen zu bringen.


    Mit einem Unterton von Beipflichtung in ihre Stimme antwortete Anathúriel: „Gemeine Sklaven wissen, dass sie keine Chance haben, wenn sie den Tieren gegenüberstehen. Selbst die, die kämpfen, wissen es. Ich denke, diese Asuryani sind anders. Sie haben einen Überlebenswillen, der unserem nicht unähnlich ist.“


    „So erschien es mir auch. Das wird am Ergebnis nichts ändern, aber den Weg dahin sicherlich unterhaltsamer und anregender machen.“


    „Die Felchu sind bereit und begierig, auf die Jagd zu gehen. In der Wildnis können sie ihre Fähigkeiten voll entfalten. Es wird mir ein großes Vergnügen, die Tiere dabei zu führen.“


    „Das glaube ich dir gerne. Aber jetzt ist noch nicht die Zeit. Ich habe schon vor Monaten einige interessante Kreaturen in diesen Kratern ausgesetzt. Manche davon dürften sogar für dich neu sein. Und jetzt möchte ich sehen, was sie leisten.“


    Hätte Anathúriel nicht immer noch ihre Maske getragen, hätte ihr erschrecktes Gesicht sie verraten. Damit hatte sie nicht gerechnet, das hatte ihr die Voraussicht nicht gezeigt. Oder hatte sie es nur nicht erkannt? Bis eben glaubte sie noch, die Lage unter Kontrolle zu haben. Nun drohte sie, ihr zu entgleiten.


    „Aber sei unbesorgt“, fuhr Quisar fort, „meine Hunde werden zu ihrem Recht kommen. Nach der Jagd wird der Jäger die nächste Beute. Das ist Kurnous‘ Weg.“


    Er ging zu einem der Tische und goss sich einen Kelch mit einem tiefroten Getränk ein. Anathúriel schein es sicherer, nicht mit dem Rücken zu ihm zu stehen, erst recht an der Reling. Sie drehte sich zu ihm um, rührte sich aber nicht von der Stelle. Ihre Gedanken überschlugen. Sie musste einen Weg finden, Quisar dazu zu bringen, sie vom Schiff zu lassen, und zwar so schnell wie möglich.


    „Ich möchte dir noch eine uralte Geschichte erzählen“, begann Quisar wieder zu reden, während er mit dem Glas in der Hand zu seiner Bestienmeisterin zurückkehrte. „Die Geschichte einer Frau. Sie diente ihrem König als Priesterin. Eines Tages kamen zwei Fremde in das Land. Und wie es dort Brauch war, befahl der König ihr, die Fremden ihrer Göttin opfern. Doch sie hinterging ihn und versuchte gemeinsam mit den Fremden zu entfliehen und ihm auch noch ein wertvolles Artefakt zu stehlen.“


    Anathúriel holte tief Luft, ehe sie etwas erwiderte. Sie versuchte, beiläufig interessiert zu klingen. „Wie endet die Geschichte?“


    Quisar warf den Becher zu Boden. Das Glas zersprang in tausende Splitter und die Flüssigkeit verteilte sich zu ihren Füßen. Er griff ihr ins Gesicht und riss die Vogelmaske herunter.


    „Nicht so, wie du und deine Asuryani-Freunde es sich erhoffen, das versichere ich dir.“ Seine Mine verhärtete sich zu einer elfenbeinernen Maske aus Zorn. Er schnippte mit dem Finger. Drei Kabalenkrieger traten heran und schleiften eine zerschlagene, elend aussehende Gestalt mit sich. Bestürzt erkannte Anathúriel einen ihrer Hausdienersklaven. Erst jetzt nahm sie bewusst wahr, dass er ein junger Aeldari war, den Kopf kahlgeschoren, die Augen dunkelgrün. Er sah sie panisch und verzweifelt an. „Herrin, vergebt mir“, flehte er.


    Die Sklaven. Anathúriel hatte sie völlig vergessen.


    „Du maßt dir an, mich hintergehen zu können, bist noch dazu mit Vorhersicht begabt und machst dann solch einen Fehler? Deine Sklaven zu Mitwissern zu machen? Sklaven geben alles Preis, wenn man die richtigen Mittel anwendet.“ Er lachte. Seine Stimme war kalt wie Eis. Dann zog er das Messer an seinem Gürtel aus der goldverzierten Schiede und hielt Anathúriel den Griff entgegen. Die Kabalenkrieger hielten den Sklaven an den Armen fest und zwangen ihn in auf die Knie, den Oberkörper grade aufgerichtet. Sie verstand, was Quisar von ihr erwartete. Aber sie rührte sich nicht. Diesmal nicht.


    Quisar schnaubte verächtlich. Er setzte die lange, gebogene Klinge an und stieß sie mehrmals mit Bedacht zwischen die Rippen des Aeldari. Die Wachen ließen los. Der Sklave gab ein entsetzliches Röcheln von sich, während er langsam zusammensackte und zu Füßen des Archons liegen blieb. Dunkles Blut sicherte aus seinen Wunden und vermischte sich mit auf dem schwarzen Marmordeck mit dem verschütteten Getränk. Anathúriel sah dem sterbenden Körper einen silbern schimmernden Dunst entsteigen, den Quisar mit einem tiefen Atemzug aufsog. Der Anblick ließ ihr das Blut in den Adern gefrieren. Der Archon steckte Messer weg und wandte sich zu ihr um.


    „Das ist es, was du hättest tun müssen, noch bevor du hierherkamst.“ Seine violetten Augen glühten beinahe, als er sich mit langsamen Schritten nähert. „Ich weiß nicht, was mich mehr an dir abstößt: deine Anmaßung, deine Unfähigkeit oder deine Schwäche.“ Keine Armlänge entfernt blieb er vor ihr stehen. „Allmählich frage ich mich, ob du überhaupt eine Drukhari bist.“


    Anathúriel hätte nicht in Worte fassen könne, wie angewidert sie war. Kein Verstellen mehr, das Spiel war vorbei. Entschlossen sah sie Quisar ins Gesicht.


    „Nein!“ sagte sie mit Bestimmtheit. „Ich bin keine Drukhari. Nicht mehr! Ihr haltet euch für allen überlegen und seid doch in Wirklichkeit nur Sklaven eurer eigenen Furcht. Belügt euch weiter selbst und ergötzt euch daran! Für mich hat das hier und jetzt ein Ende. Nie mehr! Und jetzt tu was dir beliebt, wie du es ja immer tust.“


    Quisars rechte Hand fuhr reflexartig an seinen Gürtel und umklammerte den Griff des Messers. Ihre Worte hatten ihm die Sprache verschlagen. Die Wut schnürte ihm die Luft ab, so dass er nur stoßweise Atem holen konnte. Er starrte er Anathúriel aus zusammengekniffenen Augen an. Ungerührt erwiderte sie seinen Blick, ohne Furcht oder Bedauern. In diesem Moment zweifelt er, ob er ihr überhaupt noch etwas anhaben konnte. Er atmete tief durch, entspannte sich und zügelte seinen Zorn.


    „Wenn das so ist, Asuryani“, zischte er, „dann gestatte ich dir, das Los deiner neuen Freunde zu teilen – wenn sie dich denn noch als Freund ansehen, nachdem du sie mir ausgeliefert hast.“


    Auf eine Handbewegung hin ergriffen die Kabalenkrieger Anathúriel und führten sie in Richtung der Luke zum Mittschiff. „Nur für den Fall, dass du dich nicht mehr erinnern solltest“, warf Quisar süffisant lächelnd ein. Die Krieger blieben stehen und drehte ihre Gefangene dem Archon zu. „Das Netzportal, wegen dessen ihr hier seid, ist dort drüben.“ Dabei wies er auf einen verfallenen Steinkreis auf einem Hügel über dem jenseitigen Hang des mittleren Kraters. Er lachte gehässig. „Viel Glück.“

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  • Kapitel XII

    Anathúriel lag auf dem Rücken im hohen Gras und schaute in den blauen Himmel. Weiße Wolkenflecken trieben langsam dahin. Sonnenlicht fiel wärmend auf ihr Gesicht, während sie unter sich die Kühle der Erde spürte. Der Duft des Grases hüllte sie ein.


    Sie war so liegen geblieben, wie ihre Bewacher sie von der Schattenbarke gestoßen hatten. Inzwischen waren sie fort, zurückgekehrt zum Schiff. Das schaurige Heulen der Triebwerke war längst verklungen. Geblieben war das Rauschen des Windes in den Wipfeln des nahen Gehölzes und die Laute der Tiere, die dort lebten, ein Chor aus Pfeifen, Summen, Gurren und Zirpen. Anathúriel hörte ihnen zu und fühlte die Anspannung aus sich herausfließen, als würde die Erde sie aufnehmen wie überlaufendes Wasser. Sie hatte ihren letzten Zug gemacht und dabei auf nichts setzen können als wahnwitziges Glück. Und Quisars Sinn für Dramatik. Sie hatte Erfolg gehabt, sie war hier. Die Erleichterung darüber wurde nur von einer weiteren übertroffen: Letztendlich hatte sie sich von allem losgesagt, was ihr Dasein aus Drukhari ausgemacht hatte.


    Was nun vor ihr lag war ungleich schwieriger, als sie ursprünglich geplant hatte. Sie stütze die Arme auf den Boden und hob sich in eine sitzende Position. Vor ihren Augen breitete sich der Kraterkessel mit seinem schilfbestandenen Weiher aus, in der Sonne schimmernd wie flüssiges Silber. Der warme Wind strich ihr durchs Haar. Dieser Ort war schön und friedvoll. Nie hatte sie dem bisher Beachtung geschenkt. Noch ein Versäumnis der Vergangenheit. Aber das war nur die eine Seite. Keinen Moment durfte sie die unbekannten Bestien vergessen, die irgendwo durch das Gras und die Gehölze streifen mussten. Das Tal war nicht groß genug, um jagenden Raubtieren lange aus dem Weg zu gehen. Im Zweifelsfalle würde Quisar nachhelfen. Anathúriel drehte den Kopf leicht nach rechts. Über dem Rand des Kraters schwebte die Jacht wie ein lauernder Raubvogel. Das erste, was sie tun musste, war, so schnell wie möglich die ihre Gefährten zu finden. Die Felchu wären dabei eine große Hilfe gewesen. Aber sie hatte einen anderen Einfall.


    Sie erhob sich, sah sich kurz um und lauschte. Außer dem Wind und den Insekten war nichts zu hören. Zumindest nichts, was von einem größeren Tier verursacht sein könnte. Zügigen, aber nicht rennend, um keine Aufmerksamkeit zu erregen, schritt sie auf eine nahe Gruppe von Bäumen zu. Einstweilen brauchte sie einen einigermaßen sicheren Ort, denn bei dem, was sie versuchen wollte, konnte sie sich nicht zugleich auf ihre Umgebung konzentrieren.


    Rasch wurde sie fündig: Ein hoher, ausladender Baum mit mächtigem Stamm, aus dem schon eine Körperlänge über dem Boden kräftige, fast waagerechte Äste entsprossen. Mit einem Sprung konnte sie einen der unteren erreichen. Die tief gefurchte Rinde erleichterte den Aufstieg. Als sie sich hoch genug glaubte, um vom Waldboden aus nicht sofort zu bemerken zu sein, ließ sie sich auf einem Ast nieder und lehnte sich an den immer noch dicken Stamm. Die fächerförmigen, fein gerippten Blätter raschelten leise. Grüngoldene Sonnenflecken tanzten in der Baumkrone.


    Anathúriel atmete ruhig ein und aus und schloss die Augen. Vor ihrem inneren Auge erschien das Bild der drei Krater, wie sie sie vom Oberdeckt des Schiffs aus gesehen hatte. Im nächsten Moment zog es sich zusammen auf den Ort, an dem sich gerade befand. So weit, so gut. Sie hielt inne. Der Seelenstein auf ihrer Brust, wo sie ihn im Oberteil ihrer Rüstung versteckt hatte, verströmte eine gleichmäßige, angenehme Wärme. Es funktionierte. Wie genau, konnte sie sich nicht erklären, aber wie beim letzten Mal half der Stein ihr, ruhig und fokussiert zu bleiben und sich von ihren Kräften nicht überwältigen zu lassen. Sie sandte ihren Geist aus.


    Erneut zog sich die Landschaft um sie herum zusammen, bis ein anderer Ort vor ihrem inneren Auge erschien. Sofort hatte sie eine Vorstellung von Richtung und Entfernung. Sie tastete nach einem vertrauten Geist. Doch eine dunkle Barriere stieß sie gewaltsam zurück. Es fühlte sich an, als hätte jemand ihr einen Schlag in den Unterleib versetzt, der ihr den Atem raubte und Tränen in die Augen trieb. Firondhir. Sein Geist war eingehüllt in einen Mantel aus Zorn und Bitternis und weigerte sich, sich ihr zu öffnen. Was hatte sie ihm nur angetan?


    Während sie noch darum rang, ihre Konzentration zu halten, erklang eine vertraute Stimme ihren Verstand. „Anathúriel. Ich sehe dich.“


    „Ydrir!“ Er war ganz in der Nähe. „Ydrir, ich komme zu dir.“ Eben wollte sie sich in die physische Welt zurückbegeben, als sie eines Schattens gewahr wurde. Er bewegte sich schnell, aber unstet, als würde er etwas suchen. Sie versuchte, mit ihm Kontakt auszunehmen, stieß aber nur auf rohen Unverstand. Es musste ein Tier sein, irgendeine wilde Kreatur. Sie war auf der Jagd. „Ydrir. Sei auf der Hut.“


    Eine Reihe harter Schläge erschütterten den Baum. Holz und Rinde sprengten nach allen Seiten weg. Die Wucht der Einschläge riss Anathúriel aus ihrer Trance und schleuderte sie von dem Ast. Einige tieferliegende Zweige bremsten den Sturz, doch gelang es ihr nicht, sich noch einmal festzuhalten. Rücklings schlug auf dem Waldboden auf. Dicke Polster aus Moos und totem Laub federten den Aufprall ab, dennoch blieb sie einen kurzen Moment halb benommen liegen.


    Wie durch einen Nebel sah sie eine riesenhafte Gestalt auf sich zukommen. Es war ein gigantischer Krieger in einer massiven, blaugrauen Rüstung. Die mächtigen, gewölbten Schulterpanzer zeigten auf der Seite seiner Schwerthand zwei gelbe Linien auf Rot, die zu einer Pfeilspitze zusammenliefen, auf der anderen Seite einen schwarzen Wolfskopf auf gelbem Grund. Auf seiner Brust prangten goldene Adlerschwingen, in deren Mitte ein Schädel saß. Die roten Augen seines Helmes glühten feindselig.


    Ein einziger Gedanke beherrschte Anathúriels Verstand: Steh auf! Mit aller Kraft befolgte sie den Befehl und kam auf die Beine, Sekunden bevor der Riese über ihr war. Die kreischenden Zähne seines Kettenschwerts gruben sich in den Waldboden, wo sie eben noch gelegen hatte. Moos und Erde spritzten in alle Richtungen.


    Der Space Marine richtete seine klobige Boltpistole auf die fliehende Aeldari. Taumelnd hechtete sie hinter den Baumstamm. Die Geschosse explodierten im weichen Holz.


    „Spar dir deine Munition. Du wirst sie für andere Gegner brauchen“, rief Anathúriel. Sie hatte wenig Hoffnung, dass der Chem-Pan-Sey ihre Worte verstand, geschweige denn sich davon beeinflussen ließ. Stampfende Schritte zeigten an, dass er ihr hinterherkam. Instinktiv tastete sie nach ihrem Messer. Ihre Hekatari-Klinge hatte Quisar ihr gelassen. Damit würde sie gegen den gerüsteten Krieger wohl wenig ausrichten können, sie war eine Bestienmeisterin, die Fähigkeiten der Arenakämpferinnen fehlten ihr. Der einzige Ausweg war der nach oben.


  • Mondschatten

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  • Anathúriel kletterte hinauf in die Krone des Baumes. In einer Höhe, in der sie den Ästen noch zutraute, sie zu tragen, hielt sie inne. Der Blick in die Tiefe ließ sie schaudern. Der Riese versuchte tatsächlich, ihr zu folgen. Mit übermenschlicher Kraft, aber weniger schnell und gewandt als sie selbst, zog er sich von einem Ast zum nächsten hinauf. Das Holz ächzte unter seinem Gewicht. Was seiner massigen Gestalt im Weg war, bog er einfach zur Seite oder brach es heraus. Wieder schoss er und sprengte einen der dünneren Äste weg, der krachend das Gezweig durchbrach und in einem Regen aus Blättern am Boden aufschlug.


    „Sei kein Narr“, rief Anathúriel zu ihm herunter. „Du bist zu schwer, die Äst tragen dich nicht.“


    „Schweig, Xenos-Hexe!“ bellte der Space Marine. Seine Stimme klang seltsam hohl durch das Metallgitter seines Helmes. Unbeirrt kletterte er weiter. „Ich erschlage meine Feinde, wo immer ich sie finde.“


    Xenos-Hexe. Erst jetzt wurde ihr bewusst, dass er dieser Chem-Pan-Sey war. Das sah Quisar ähnlich. Ob der wilde Krieger sie verstanden hatte, war Anathúriel sich immer noch nicht sicher, aber auf irgendeine Weise verstand sie ihn.


    „Deine Feinde sind die gleichen wie meine. Und sie sind da draußen“, Sie deutete in Richtung des Drukhari-Schiffes. „Was hat er dir versprochen? Dass er dich gehen lässt, wenn du uns tötest? Glaubst du ihm das?“


    Der Space Marine knurrte: „Das spielt keine Rolle. Ich habe den Eid des Einsamen Wolfes abgelegt.“


    Er verstand sie also doch. „Ich weiß nicht, was das heißt“, entgegnete Anathúriel, „aber wenn du von hier fortkommen willst, brauchst du nichts weiter zu tun, als uns zu folgen.“


    Die Antwort folgte augenblicklich und unmissverständlich. Der Space Wolf hieb sein Kettenschwert in den Seitenast, auf dessen Verzweigungen die Aeldari einige Meter über ihm saß. Die Zähne fraßen sich mit einem reißenden Geräusch durch das Holz.


    Der Ast begann bedrohlich unter Anathúriels Füßen zu schwanken. Der Geruch von erhitzten Holzspänen breitete sich aus. Sie taxierte kurz einen benachbarten Ast und setzte dann mit einem eleganten Sprung hinüber. Der Losseainn stutze kurz, dann wechselte auch er die Seite des Baumes und stieg ihr nach. So dumm, den Ast zu benutzen, den er selbst angesägt hatte, war er dann doch nicht.


    Anathúriel hatte nicht damit gerechnet, wie weit der Baum den Hünen tragen konnte. Sie sah hinauf in die Krone. Die Äste über ihr waren nicht viel dicker als ihre Arme. Dann sah sie sich um. Sie hatte bereits eine Höhe erreicht, die mit den Spitzen der umgebenden Bäume gleichauf war. Wenn sie nicht in der Falle sitzen wollte, musste sie jetzt ein Wagnis eingehen. Sie kletterte noch höher. Die Äste federten unter ihren Tritten. Ein Blick nach unten verriet ihr, dass der Losseainn immer noch nicht aufgegeben hatte. Ein Fuß vor den anderen setzend, balancierte sie den Ast entlang, hielt sich an heranragenden Zweigen fest, wo immer sie sie greifen konnte, und entfernte sich immer weiter vom Stamm.


    Inzwischen war der Space Marine weniger als eine Körperlänge an sein Ziel herangekommen. Der Ast, auf dem er stand, knarrte und bog sich unter seinem Gewicht. Aber die Aeldari war knapp in seiner Reichweite. Wieder holte er mit dem Schwert aus.


    Anathúriel hatte das Ende des Astes erreicht. Hier teilte er sich nur noch in dünne Zweige auf. Sie holte tief Luft. Ohne sich noch einmal nach ihrem Verfolger umzusehen, stieß sie sich zu einem waghalsigen Sprung ab. Elegant tauchte sie in die Krone des benachbarten Baumes ein, fiel einige Meter tief und streifte die oberen Äste, bis sie einen davon zu fassen bekam und sich hinaufzog.


    Im selben Moment hörte sie aus dem Baumriesen nebenan das Geräusch berstenden Holzes, gefolgt vom Rauschen und Knacken brechender Zweige und abgerissener Blätter. Ein wildes Brüllen folgte. Offenbar hatte der Ast nachgegeben und den Losseainn in die Tiefe stürzen lassen. Gerade als sie ihren Blick nach unten richtete, fiel der Krieger aus der Krone wie eine überreife Frucht und schlug mit einem dumpfen Knall auf dem Boden auf. Ein Hagel aus Holzstücken folgte und ging auf ihm nieder. Reglos blieb der Space Marine auf dem Bauch liegen. Erst nach einigen Sekunden bewegte er wieder Arme und Beine.


    Zum Teil war Anathúriel erleichtert, dass der Losseainn den Sturz offenbar überstanden hatte. Nur half ihr das nicht weiter, im Gegenteil. Sie konnten dieses Spiel weiterspielen, bis ihnen die Bäume ausgingen, und sie hatte dringenderes zu tun. Im Augenblick war ihr Gegner noch benommen, aber das konnte sich rasch ändern. Ihr erster Instinkt war, seine Hilflosigkeit und eine schwache Stelle seiner Rüstung zu nutzen und ihn endgültig zu erledigen. Aber das war ihr altes Ich. Andererseits, selbst wenn sie sich jetzt zurückzog, der Chem-Pan-Sey war immer noch hier. Und er verhielt sich nicht anders als jedes andere Raubtier, dass eine Witterung aufgenommen hatte. Sie konnte vielleicht mit ihm reden, aber der Vernunft zugänglich war er nicht.


    Sie hatte ihre Entscheidung getroffen. Rasch glitt sie vom Baum hinunterunter und eilte zu dem gefallenen Riesen hinüber. Das überdimensionierte Rückenmodul seiner Rüstung schien ihn noch tiefer in den Boden zu drücken. Sein behelmter Kopf verschwand beinahe darunter. Im Vergleich zum gewaltigen Körper wirkte er fast winzig. Anathúriel hatte gehofft, eine Schwachstelle am Hals zu finden, aber die mächtigen Schulterpanzer und eine hohe Halsberge verdeckten den Bereich. Daran, den Losseainn umzudrehen, war nicht zu denken. Ihr Blick fiel auf die Kniekehlen. Sie waren ungepanzert und nur mit einem scheinbar weichen, gerippten Material bedeckt. Sehr gut. Vermutlich hatte der Chem-Pan-Sey dort Sehnen, wie jeder andere Zweibeiner auch. Sie zu durchtrennen, würde ihn vielleicht nicht töten, aber mit Sicherheit bewegungsunfähig machen. Und Quisar konnte sein Spielzeug dann irgendwann einsammeln, wenn er Lust hatte. Sie trat heran und zog das Messer.


    Ohne ein vorheriges Anzeichen schnellte der Space Marine hoch und warf sich herum. Selbst auf einem Knie überragte er die Anathúriel. Seine mächtige Hand stieß vor und versuchte, sie zu packen. Gleichzeitig tastete er mit der anderen nach seinem Kettenschwert, das bei seinem Sturz aus der Baumkrone einige Schritte neben ihm zu Boden gefallen war.


    Mit den überschnellen Reflexen der Aeldari sprang Anathúriel zurück. Doch der Krieger hatte sie überrascht. Er bekam das Ende ihres langen Zopfes zu fassen und riss sie zu Boden. Sie schrie auf vor Schmerzen. Der Losseainn erhob sich, machte einen gewaltigen Schritt zu seinem Schwert und schleifte sie dabei mit. Es fühlte sich an, als würde ihr die Haut vom Kopf gerissen. Anathúriel kämpfte darum, auf die Füße oder zumindest auf alle Viere zu kommen – vergeblich. Ihr blieben nur Sekunden, bis der Chem-Pan-Sey seine Waffe wieder in Händen halten würde, und wenn sie dann noch in seiner Reichweite, war, war es um sie geschehen. In letzter Verzweiflung setzte sie die Klinge an ihrem Hinterkopf an und zog es schräg nach oben. Das plötzliche Fehlen des Zuges warf sie der Länge nach auf den Boden. Doch sofort war sie wieder auf den Füßen, griff ihr Messer und rannte los. Der Space Marine blieb einen Moment verdutzt stehen, den abgeschnittenen Zopf in der Hand. Dann schleuderte er brüllend die purpurroten Flechten zu Boden, bückte sich nach seinem Kettenschwert und setzte der Aeldari nach.


  • Anathúriel schlüpfte durch das Gebüsch, das den Rand des Gehölzes umgab, und lief hinaus auf den breiten, grasbewachsenen Uferstreifen des Kratersees – und stand unvermittelt vier gewaltigen Kreaturen gegenüber. Sie waren vierbeinig und groß wie ein Stier, mit langgestreckten Körpern, und dünnen Schwänzen, das kurze Fell rostrot mit weißen Streifen und Flecken. Die kurzen, stämmigen Beine endeten in Pfoten, deren jeweils vier Zehen Hufen statt Krallen trugen. Die Schädel der Tiere waren unverhältnismäßig groß im Vergleich zum Körper, die Schnauzen langgezogen und die kurzen, dolchartigen Eckzähne ragten aus den Unterkiefern hervor. Das vorderste Tier riss sein langes Maul zu einem kehligen Brüllen auf. Die Kiefer klafften fast im rechten Winkel auseinander und waren mit einem kräftigen Raubtiergebiss besetzt.


    Hinter Anathúriel krachte das Geäst. Sie wandte sich um. Der Space Marine brach durch die Sträucher. Seinen Helm hatte er abgenommen. Sie erkannte sein Gesicht wieder, jung und wild, die strohblonden Haare lang und zottig. Um sein kantiges Kinn zeigten sich die Anfänge eines Bartes. Brüllend antwortete er auf die Herausforderung des Tieres und stürmte dem Rundel entgegen. Von der Aeldari nahm einer keine Notiz mehr.


    Drei der Kreaturen stürmten dem Space Marine entgegen. Ihre Hufe rissen Grasbüschel aus dem Boden. Den ersten Angreifer fällte der Krieger mit einem Hieb seines Kettenschwertes in den langen Schädel. Die beiden anderen rannten ihn einfach um und trampelten über ihn hinweg. Doch sofort war er wieder auf den Beinen. Das vierte Tier schien sich aus dem Kampf herauszuhalten. Es trabte lauernd, aber in sicherem Abstand um das Geschehen herum und stieß immer wieder kurze, jaulende Laute aus.


    Anathúriel blieb abseits und verhielt sich ruhig. Sie verfolgte aufmerksam den Verlauf des Kampfs. Sie war in ihrem Element. Solche Tiere hatte sie noch nie zuvor gesehen, aber sie verstand ihre Anatomie und erkannte ihre Verhaltensmuster. Sie jagten als Gruppe, aber nicht als Rudel. Mit ihren stämmigen Körpern und breiten Hufen verließen sie sich auf Kraft, aber nicht auf Wendigkeit. Die Kiefer mussten in der Lage sein, jeden Knochen durchzubeißen.


    Das einzelne Tier war unwesentlich größer als die anderen, aber es griff selbst nicht an. Viel mehr schien es abzuschätzen, ob es notwendig war, sich einzumischen. Es musste sich dagegen entschieden haben, denn nun wandte es sich der Aeldari zu. Es versuchte ebenfalls, sie niederzurennen, doch Anathúriel sprang gewandt zur Seite. Sie warf einen kurzen Blick zu dem Losseainn hinüber. Der schien mit seinen eigenen Gegnern vollauf beschäftigt zu sein und auch zurecht zu kommen. Das Kettenschwert hatte er fallen lassen und wälzte sich mit den beiden Biestern in einem wilden Ringkampf über das Gras.


    Erneut stürmte das Tier auf Anathúriel los und wieder wich sie ihm aus. Sie stellte fest, dass es jedes Mal einige Augenblicke benötigte, um anzuhalten und sich auf der Stelle zu drehen. Es scharrte mit den Hufen und schien einen Moment zu zögern, als dächte es darüber nach, ob seine Angriffstechnik es weiterbrächte. Die Bestienmeisterin nahm ihm die Entscheidung ab und spurtete ihm entgegen. Das Biest setzte sich seinerseits in Bewegung. Kurz vor dem Zusammenprall wandte Anathúriel sich zur Seite und lief auf den Schilfgürtel des nahen Tümpels zu. Das Tier hatte abgebremst und sich umgedreht, musste aber nun feststellen, dass seine Beute die Flucht ergriffen hatte. Es stieß ein wütendes Grollen aus und folgte ihr.


    Durch ihr Manöver hatte Anathúriel einigen Abstand gewonnen, doch nun spürte sie das Beben des Bodens unter den Hufen des näherkommenden Biests. Es war schneller, als seine massige Gestalt vermuten ließ. Anathúriel tauchte in das Schilfdickicht ein. Die Rohre überragten sie fast völlig, aber das war es nicht, worauf sie aus war. Sie lief weiter, bis sie knietief im Wasser stand. Dann blieb sie stehen und drehte sich um.


    Mit voller Wucht brach das Tier in den Bestand ein und walzte die Pflanzen nieder. Das grünbraune Wasser spritzen nach allen Seiten. Vorsichthalber wich Anathúriel noch einige Schritte zurück. Das Tier versuchte ihr zu folgen, doch schon wenige Augenblicke später sank es bis an die Schulter ein. Der morastige Boden konnte sein Gewicht nicht tragen. Es warf den schweren Kopf in den Nacken, um die Nüstern über Wasser zu halten. Anathúriel stand einige Schritte entfernt und beobachtete die Kreatur. Das Tier jaulte und wühlte Wasser, Schlamm und Pflanzen auf, während er immer noch versuchte, die Aeldari zu erreichen, kam aber kaum mehr voran.


    Inzwischen hatte Anathúriel ein langes, dickes Schilfrohr abgeschnitten. Langsam, aber bestimmt näherte sie sich dem Tier, sorgsam darauf achtend, mit ihrer gesamten Körperhaltung Selbstsicherheit zu vermitteln. Sie hatte das Raubtier in eine unterlegene Situation gebracht, jetzt musste sie ihm ihre Dominanz klar machen. In sicherem Abstand blieb sie vor ihm stehen und sah ihm fest in die Augen. Das Tier versuchte, ihrem Blick auszuweichen, konnte den Kopf aber kaum abwenden, wollte es ihn nicht ins Wasser eintauchen. Testen streckte Anathúriel ihm den Stab entgegen. Sofort schnappe das Geschöpf zu und verbiss sich in das Rohr, bis es zwischen seinen Zähnen splitterte.


    Anathúriel zog den Stab zurück, brach das aufgefaserte Ende ab und schnitt die Spitze wieder zurecht. Sie schritt langsam um das Tier herum, ging dabei wieder etwas auf Abstand. Es versuchte ihre zu folgen, ihr nicht den Rücken zuzudrehen. Es watete und schob sich durch den Schlamm und die Pflanzenstiele, war aber kaum in der Lage, die Füße zu heben. Immer wieder blieb Anathúriel stehen und wartete, bis das Tier sich ihr zugewandt und genähert hatte, ehe sie wieder die Richtung wechselte.


    Nach einiger Zeit begann die Kreatur zu schnauben und hatte erkennbar Mühe, den Kopf über Wasser zu halten. Erneut hielt Anathúriel ihr den Stab hin. Doch diesmal machte das Tier keine Anstalten, zuzubeißen. Es war an der Zeit, die Strategie zu ändern. Zielstrebig stapfte die Bestienmeisterin auf das Ufer zu. Nach einigen Schritten wandte sie sich um. Schwerfällig folgte das Tier. Sie ging weiter, wiederholte das spiel noch zwei, drei Mal, dann hatten sie wieder festen Boden unter den Füßen. Erschöpft sackte das Tier zusammen und blieb schnaufend auf der Seite liegen. Anathúriel stieß es mit dem Stab an, doch es grollte nur schwach und leistete keine Gegenwehr.


    Als sie sich umdrehte, stand der Losseainn vor ihr.


    Das wettergegerbte Gesicht des Chem-Pan-Sey zeigte nur Verwunderung. Die verschrammte, blutverschmierte Rüstung und die Fellfetzen an den Zähnen seines Kettenschwertes zeigten, dass auch er erfolgreich mit seinen Gegnern gewesen war – auf seine Weise.


    „Þú hefur tamið vargur. Hvernig?“ fragte er. Anathúriel verstand kein Wort, aber sie erkannte die Anerkennung und das Staunen, die in den Worten lag. Offensichtlich war der Losseainn jetzt zumindest nicht mehr darauf aus, sie umzubringen.


    „Dreptu dýr“, sagte er und wies mit dem Schwert auf die Kreatur. Diesmal glaubte Anathúriel, verstanden zu haben, was er sagte. Nicht die Worte, aber die Bedeutung. „Dreptu dýr“, wiederholte er.


    „Das ist nicht nötig“, entgegnete sie und stellte sich demonstrativ zwischen das Tier und den Krieger, den Stan senkrecht vor sich. „Es ist keine Gefahr mehr und wird für uns auch keine mehr sein.“


    Wie kannst du dir sicher sein, Eldar-Frau?“ Die Worte waren immer noch die seiner eigenen Sprache. Anathúriel ging auf, dass er wohl seinen Helm tragen musste, damit sie ohne psionische Hilfe miteinander reden konnten. Glücklicherweise war es keine Anstrengung. Sie musste einfach nur bewusst zuhören und sprechen.


    „Tiere bändigen ist das, was ich tue – oder war es.“


    Der Space Marine nickte anerkennend. „Auf Fenris töten Krieger die Wölfe, doch die Helden zähmen sie und sie begleiten sie in die Schlacht.“


    „Fenris, ist das deine Heimat? Willst du dorthin zurückkehren?“


    „Ich will in den Kampf zurückkehren. Ich will die Feinde des Allvaters erschlagen und so die gefallenen Brüder meines Rudels ehren.“


    Innerlich schüttelte sie den Kopf über seine Verbohrtheit. Doch solange sie einstweilen nicht zu diesen Feinden zählte, ließ sie es gut sein. „Ich kann dir helfen, von hier wegzukommen“, wiederholte sie ihr Angebot.


    „Ich brauche deine Hilfe nicht. Ich kann hier ausharren, bis meine Ordensbrüder mich finden und holen. Und ich rate dir, Xenos, lauf uns dann nicht über den Weg.“ Damit setzte er seinen Helm wieder auf, hakte sein Schwert am Gürtel ein, drehte sich um und stapfte davon. Anathúriel seufzte. Sie konnten vielleicht miteinander sprechen, aber anscheinend nicht miteinander reden.


    Sie wandte sich wieder dem Tier zu. Vargur hatte der Chem-Pan-Sey es genannt. Wahrscheinlich war das auch nur ein Name für ein anderes, ähnliches Tier, dass er von seiner Heimatwelt kannte. Bestimmt stieß die Bestienmeisterin mit dem Stab gegen seine Schulte. Das Tier bemühte sich, wieder auf die Beine zu kommen. Anathúriel trat näher, ein Schritt nach dem anderen, und hielt Blickkontakt. Der Vargur blieb grollend stehen, machte aber keine Anstalten mehr, sie anzugreifen.


    Platschendes Wasser und das Rascheln und Brechen von Schilfrohren war mit einem Mal aus dem Dickicht hinter ihnen zu hören. Das Tier drehte sich um, legte die kleinen Ohren an und knurrte drohend. Eine große, dunkle Gestalt tauchte zwischen den Halmen auf. Geistesgegenwärtig sprang Anathúriel hinzu, packte das Tier an den Lefzen und zog den schweren Kopf nach unten. „AmEathan!“ befahl sie ruhig und bestimmend. Es jaulte protestierend, gehorchte aber. Sie ließ los, hielt aber sicherheitshalber den Rohrstab quer vor seine Schnauze.


    „Ydrir!“ entfuhr es Anathuriel. Der junge Ranger watete aus dem Röhricht hervor. Sein Mantel und seine Stiefel waren fast bis zu den Knien mit Wasser und Schlamm durchzogen. Die scharfen Blätter des Schilfs hatten einige Striemen auf seinem Gesicht hinterlassen. Den Vargur mit dem Stab auf Abstand haltend, trat sie ihm entgegen und streckte ihm ihren Arm entgegen. Ydrir ergriff ihre Hand.


    „Ist mit die alles in Ordnung?“ fragte sie, nachdem er auf festen, trockenen Boden stand.


    Ydrir schaute misstrauisch auf das gewaltige Tier, das sich inzwischen hingesetzt hatte und die beiden Aeldari mit zur Seite gelegtem Kopf interessiert beobachtete. „Sie waren auf meiner Spur. Deswegen habe ich mich im Schilf versteckt. Ich dachte, so große Tiere könnten sich dort nicht gut bewegen. Aber es waren vier.“


    „Quisars Spielzeuge“, antwortete Anathúriel mit bitterem Unterton. „Die drei anderen hat der Losseainn erschlagen.“


    „Ein Losseainn der Chem-Pan-Sey? Ich habe einen feindseligen, fremdartigen Geist wahrgenommen, aber ich wusste nicht, was es war. Wo ist er?“


    „Er hat es vorgezogen, hier allein umherzustreifen. Ich denke, von ihm haben wir nichts zu befürchten. Ich glaube, er war ziemlich beeindruckt davon, wie ich sie hier gebändigt habe.“ Bei diesen Worten klopfte sie dem Vargur auf die Flanke.


    „Was fängst du jetzt mit dem Tier an?“


    „Ich lassen sie laufen. Sie ist jetzt wahrscheinlich die einzige ihrer Art auf diesem Planeten. Das ist traurig genug.“


    Ydrir lächelte. „Redet so eine Drukhari?“


    „Nein“, erwiderte Anathúriel ebenfalls lächelnd. Nach einer kurzen Pause fuhr sie mit verhaltener Stimme fort. „Ich glaube, ich bin euch mehr als nur eine Erklärung schuldig.“


    „Nicht mir. Ich wusste vom ersten Moment an, dass wir dir vertrauen können. Daran hat sich nichts geändert. Und Margil hat deinen Hinweis verstanden. Aber Firondhir…“


    Anathúriel seufzte tief. „Ja, ich weiß.“


    Sie wandte sich dem Vargur zu. „AmUiaddra“, sagte sie ruhig und gab ihm mit dem Stab einen sanften Stoß gegen den Hinterlauf. Das Tier setzte sich in Bewegung. Am Rand des Gehölzes blieb es stehen und untersuchte die Körper seiner toten Artgenossen.


    „Und wie geht es jetzt weiter?“ fragte Ydrir.


    „Wir gehen zum Tor. Firondhir und Margil werden sicher auch dorthin kommen. Und wir müssen Acht geben. Der Losseainn und die Vargur waren wahrscheinlich nicht das Einzige, was Quisar hier ausgesetzt hat.“


    „Das sind sie nicht“, stimmte Ydrir zu und erschauerte.

  • Mondschatten

    Hat den Titel des Themas von „Ad bestias [(Dark-)Eldar-Roman] - Kapitel XII“ zu „Ad bestias [(Dark-)Eldar-Roman] - Kapitel XII fertig“ geändert.
  • Kapitel XIII



    Margil richtete sich vom Boden auf und rieb sich den Hinterkopf. Aus irgendeinem Grund schienen die Wachen es für nötig gehalten zu haben, ihn niederzuschlagen, nachdem sie ihn hier abgesetzt und bevor sie ihm die Handfesseln abgenommen hatten. Als hätte er es allein mit zwei bewaffneten Kabalenkriegern aufnehmen können. Hätte er, mit Glück sogar erfolgreich, zumindest wenn sie nicht mit Gegenwehr gerechnet hätten. Aber anscheinend hatte er bereits einen bestechenden Eindruck bei den Drukhari hinterlassen.


    Er sucht die versteckten Innentaschen seines Mantels ab. Gut, seine Messer waren noch da. Das in seiner Stoffhülle eingeschlagene Jagdgewehr lag neben ihm. Margil hob es auf ein schnallte sich das Bündel wieder auf den Rücken. Was auch immer die Drukhari bewogen haben musste, ihm diese Waffe zu lassen. Wahrscheinlich, dass man sie im Nahkampf mit welchen Kreaturen auch immer allenfalls als Prügel benutzen konnte.


    Der Weltenwanderer stand inmitten einer fast kreisrunden Grasfläche. Die sattgrünen Halme und blassgrünen Blütenrispen reichten ihm bis zu den Schultern. Der Wind strich hindurch und trieb rauschende Wellen wie auf dem Ozean durch die Wiese. Der gräserne See war umgeben von steilen, mit dichtem Buschwerk bewachsenen Hängen. Margil rief sich die Geografie der Landschaft ins Gedächtnis, wie er sie von oben gesehen hatte, als die Drukhari sie auf einer Schattenbarke vom Schiff hierher heruntergebracht hatten: ein grünes Hügelland aus Wiesen und Wäldern und kleinen Flüssen, überragt von einzeln, niedrigen, kegelförmige Berge. Drei flache, runde Talkessel reihten sich in einem engen Bogen aneinander, wie in die Hügel eingestanzt. Er selbst befand sich im kleinsten, der etwas abseits lag. Im nördlichen Krater hatte er einen kleinen Teich, ausgedehnte Schilfflächen und vereinzelte Baumgruppen gesehen. Der mittlere und größte wurde fast vollständig von einem anscheinend flachen See mit schmalem Grassaum eingenommen. Die beiden Senken lagen so nah beieinander, dass nur ein flacher Erdwall sie trennte und dem verlandenden Teich den Wasserzufluss verwehrte. Auf einer Hügelkuppe oberhalb des größeren Sees waren ihm halb verfallene Säulen aus elfenbeinfarbenem Stein aufgefallen. Dies musste das Tor zum Netz sein.


    Margil war zuerst abgesetzt worden, allein. Er konnte nur vermuten, dass Firondhir und Ydrir sich in den anderen Kratern befanden. Wahrscheinlich hatte der Archon auch jedem von ihnen eines seiner Spielzeuge dazugesetzt. Was auch immer es hier war, es konnte nicht übermäßig groß sein, sonst hätte er es längst bemerkt. Hier gab es keine Deckung außer dem hohen Gras, und das konnte er überblicken.


    Der Weltenwanderer setzte sich in Bewegung, in Richtung des Kraterrandes, in Richtung des Tores. Er war sich sicher, dass die drei anderen das auch versuchten. So war ihre Flucht nicht geplant gewesen. Aber Anathúriels unerwarteter Auftritt im Frachtraum der Jacht konnte nur bedeuten, dass sie letztlich rechtbehalten hatte: aus eigener Kraft wären sie nicht bis hierher gekommen.


    Ein beunruhigender Gedanke schoss ihm in den Kopf. Er hatte ihre Absichten verstanden. Und Ydrir konnte in den Geist anderer blicken. Aber Firondhir? Von dem Moment an, in dem er Anathúriel neben Quisar erkannt hatte, war es, als wäre seine Seele zerbrochen. Man musste kein Seher sein, um zu ahnen, was in ihm vorging. Margil kannte ihn erst seit dieser Reise, aber er hatte bereits schmerzhaft erfahren, was passieren konnte, wenn er die Kontrolle über sich verlor. Und wenn er sich jetzt gerade nicht in einem gefühlsmäßigen Ausnahmezustand befand, wann dann? Entweder hatte er sich selbst bereits aufgegeben oder –


    Eine Auffälligkeit am Rande seines Blickfeldes erregte Margils Aufmerksamkeit. Etwas stimmte nicht mit der Bewegung des Grases. An einer Stelle nicht weit von ihm entfernt schien es stärker zu wogen als in der Umgebung, und ohne bestimmte Richtung, unabhängig vom Wind. Sofort ging der Weltenwanderer in die Hocke und tauchte in die Halme ein. Seine rechte Hand fuhr unter den Mantel und griff nach einer der versteckten Klingen.


    Ein riesiger Vogel schoss aus dem hohen Gras hervor. Er musste auf dem Boden gesessen haben, denn nun, da er stand, ragten die Grashalme ihm nur bis zur Brust. Das graubraune, fleckige Gefieder ähnelte eher einem zottigen Fell, die Flügel waren winzig. Auf dem kurzen, kräftigen Hals saß ein Kopf mit kleinen, gelben Augen und einem massiven Schnabel mit einer hakenartigen Spitze, hoch und schmal wie ein Axtblatt.


    Der Vogel legte rückartig seinen Kopf zur Seite, gab eine dumpfes schnarren von sich und starrte in Richtung des Weltenwanderers. Es war fast unmöglich, dass er ihn aus seiner erhöhten Position nicht gesehen hatte. Margil hielt das Tier im Blick und rührte sich nicht. Vielleicht reagierte es nur auf Bewegungen.


    Die Hoffnung zerschlug sich im nächsten Augenblick, als der Vogel zu einem gewaltigen Sprung ansetzte, um seine potenzielle Beute in den Boden zu stampfen. Margil erkannte seine Absicht und hechtet ihm entgegen. Grotesk mit den Stummelflügeln flatternd, setzte der Vogel über ihn hinweg. Die langen, klauenbewehrten Zehen gruben sich in die Erde. Der Vogel kreischte erbost und drehte sich umständlich auf der Stelle.


    Inzwischen war Margil aufgesprungen und losgerannte. Das Tier stand zwischen ihm und dem Übergang zum Nachbarkrater. Es zwang ihn, in die entgegengesetzte Richtung zu fliehen – doch zum Fliehen war in dem engen Kessel ohnehin wenig Raum. Und rasch musste er feststellen, dass er nicht weit kommen würde. Der Vogel jagte ihm hinterher. Und er war auf seinen zwei muskulösen Beinen deutlich schneller.


    Im letzten Moment, bevor sein Verfolger ihn erreichte, schlug Margil einen Haken. Zu seinem Glück war der Vogel nicht in der Lage, dem plötzlichen Richtungswechsle seiner Beute zu folgen. Er rannte noch ein gutes Stück weiter, bevor er in einem engen Bogen wieder auf den fliehenden Aeldari einschwenkte und neuen Ansturm begann.


    Margil sah den Vogel von der Seite näherkommen und änderte erneut die Richtung. Lange würde er das Tempo nicht durchhalten könne. Das hohe, dichte Gras tat sein Übriges und zehrte zusätzlich an seinen Kräften. Er musst den Kraterrand erreichen, in der Hoffnung, dass das dichte Gestrüpp das Tier ausbremsen würde. Aber der Vogel schien gerissener zu sein, als sein urtümliches äußeres vermuten ließ. Mit immer neuen Sprints trieb er den Aeldari vor sich her und hielt in der offenen Grasfläche fest. Gleichzeitig ließ er ihm keinen Moment Ruhe, um seine Waffen zu benutzen.


    Dem Weltenwanderer begannen die Beine zu schmerzen und die Lunge zu brennen. Weglaufen hatte keinen Sinn. In kürze würden seine Kräfte so weit nachgelassen haben, dass das Tier ihn trotz seiner Haken einholte. Er musste die Verhältnisse angleichen. Grade hatte er wieder etwas Abstand zwischen sich und seinen Verfolger gebracht. Nach Luft ringend blieb er stehen und strich sich mit dem Arm die schweißnassen blonden Haare aus dem Gesicht. Dann holte er zwei seiner größeren, schweren Wurfmesser hervor. Der Vogel hatte wieder auf ihn eingeschwenkt. Sein Verstand, sein Instinkt, alles in ihm drängte gleichzeitig darauf, vor dem anstürmenden Raubtier zu fliehen oder sofort die Messer zu werfen. Margil kämpfte dagegen an und besann sich auf sein Training im Aspektschrein. ‚Der Rächer Asuryans erkennt den rechten Moment. Er setzt seine Waffe nicht zu früh ein und nicht zu spät.‘ Er hob beide Arme in Position, ein Messer in jeder Hand, und zählte seine Atemzüge, während der Vogel auf ihn zustürmte. Dann warf er.

  • Mondschatten

    Hat den Titel des Themas von „Ad bestias [(Dark-)Eldar-Roman] - Kapitel XII fertig“ zu „Ad bestias [(Dark-)Eldar-Roman] - Kapitel XIII“ geändert.
  • Eine der Klingen drang in die breite Brust des Tieres ein, die andere in den linken Oberschenkel. Der Vogel kreischte wütend, strauchelte und knickte mit der linken Seite kurze ein, richtete sich aber sofort wieder auf. Die Wurfmesser hatten weniger Schaden angerichtet, als Margil gehofft hatte. Ein Teil des Schwungs war wohl durch das dichten Federkleid abgefangen worden. Das Tier schüttelte sich und stocherte mit dem Schnabel im Gefieder. Es gelang ihm, die Klingen herauszuziehen. Die Federn begann sich an den Trefferstellen nur langsam zu röten.


    Der Kopf des Vogels schnellte wieder nach vorne. Er starrte den Aeldari an und riss den Schnabel zu einem lauten, heiseren Kreischen auf. Der lange Federschopf auf seinem Scheitel stellte sich auf. Dann startete das Tier einen erneuten Angriff, leicht humpelnd, aber dafür umso wütender. Denn nun jagte es nicht mehr eine vermeintlich hilflose Beute, sondern bekämpfte einen wehrhaften Feind.


    Einige Sekunden erwog Margil, weitere Klingen loszulassen. Aber wenn die auch nur die gleiche Wirkung hatten wie die vorherigen, würden ihm die Messer ausgehen, bevor er den Rennvogel außer Gefecht gesetzt hatte. Ihm blieb nichts weiter, als erneut die Flucht zu ergreifen.


    Er hatte sich zu viel Zeit gelassen. Der Vogel holte ihn ein. Margil versuchte noch einmal, auszuweichen, doch das Tier versetzte ihm einen harten Tritt, der ihn an der Hüfte traf. Sich überschlagend wurde der Weltenwanderer meterweit durch das Gras geschleudert. Benommen kämpfte er darum, sich wieder aufzurichten. Sämtliche Knochen schmerzten von dem Aufprall, aber er konnte sich bewegen. Der dichte Bodenbewuchs und seine Rüstung hatten das schlimmste verhindert. Aber nun war sein Verfolger über ihm. Der Klauenfuß ging zu einem weiteren Tritt nieder.


    Margil rollte sich zur Seite und versucht, auf dem Rücken kriechend zurückzuweichen. Der Vogel wechselte seine Waffe und ließ den massiven Schabel wie einen Hammer auf den Aeldari niedersausen. Margil stieß sich weiter zurück und zog sie Beine an. Der Schnabel rammte in den Boden, wo eben noch seine Füße gewesen waren. Er wollte aufstehen, doch mit einem erneuten Satz war der Vogel wieder in Angriffsreichweite und holte erneut aus. In letzter Verzweiflung trat Margil mit dem rechten Bein aus und traf den Kopf des Vogels in dem Moment, in dem er herunterschnellte, an der Seite.


    Der Effekt war völlig unerwartet. Nicht nur schwang der Kopf wie ein Pendel weit zur Seite, der ganze Körper des Tieres kam ins Taumeln, so dass es sich durch Versetzen der Füße abfangen musste. Anscheinend war der Hals nicht dafür gemacht, Kräfte von der Seite abzufangen. Und der breite Schnabel war eine ideale Angriffsfläche dafür.


    Margil nutzte den Moment und löste den Verschluss, der das Waffenfutteral auf seinem Rücken hielt. Dem nächsten Zustoßen des Vogels ausweichend, rollte er sich zur Seite und nahm dabei das Bündel auf. Erneut zog das Tier den Hals zurück. Margil hockte sich auf den Boden und spannte seine Muskeln an. In dem Moment, in dem der Kopf niedersauste, schnellte er auf und hieb den Gewehrkolben mit aller Kraft gegen die rechte Seite des hohen Schnabels. Der Vogel kreischte und sackte mit seinem angeschlagenen linken Bein zu Boden.


    Keine Sekunde zögernd warf Margil sich mit vollem Gewicht auf den Hals des Tieres und drückte es vollends auf die Erde. Auf der Seite liegend trat es um sich, doch sein Widersacher war über den Hals auf seine Rückenseite geglitten und außer Reichweite. Das Tier kreischte und versuchte, den Kopf zu heben. Der Weltenwandere hielt mit aller Macht dagegen, ganz gleich wie heftig die Kreatur sich gegen den Griff seiner immer noch schmerzenden Glieder aufbäumte.


    Seine Rechnung ging auf. Ohne die Drehung des Halses war der Vogel nicht in der Lage, die Beine unter den Körper zu bekommen und aufzustehen. Vielleicht war es nur eine Frage der Zeit, bis das Tier so erschöpft war, dass es keine Gefahr mehr sein würde. Doch diese Zeit und die Kraft, es so lange festzuhalten, hatte Margil nicht. Darauf bedacht, in seinem Griff nicht nachzulassen, zog er sein langes Kampfmesser aus der Scheide am Oberschenkel, setzte die Spitze dem Vogel an die Kehle und stieß es mit einer ruckartigen Bewegung durch den Unterkiefer in den Schädel. Augenblicklich fiel der Kopf zu Boden. Das Tier lag still. Dunkelrotes Blut sickerte in den zerwühlten Grasteppich.


    Schwerfällig hockte der Weltenwandere sich auf die Knie. Jeder Atemzug schmerzte. Er hielt das leblose Haupt fest und löste sein Messer aus dem Schnabelknochen. Einen Moment betrachtete er andächtig die hellsilbern glänzende, leicht gebogene Klinge, von der das Blut des Vogels in dünnen Rinnsalen von selbst fast vollständig abfloss: die runenverzierte Ritualklinge eines Rächers Asuryans. All die Jahre hatte er sie bei sich gehabt, aber jetzt zum ersten Mal seit seiner Zeit als Aspektkrieger wieder gegen einen Feind gerichtet. Er wischte die Schneide mit einem Tuch sauber und verstaube beides wieder. Dann hob er das Futteral auf und untersuchte den Schaft des Jagdgewehres. Schäden waren auf den ersten Blick nicht zu erkennen, Phantomkristall war widerstandsfähig wie kaum ein Material. Auf die Zielgenauigkeit wollte er sich dennoch nicht mehr verlassen.


    Er schwang das Bündel wieder über den Rücken und richtete sich schwankend auf. Dann wandte er sich von dem erlegten Tier ab und eilte so schnell wie seine schmerzenden Beine es ihm erlaubten dem Kraterrand entgegen. Er erklomm die Böschung und arbeitet sich durch das Gestrüpp aus Dornenranken und Ginsterbüschen.


  • Auf dem Kamm angekommen blieb der Weltenwanderer wie angewurzelt stehen. Vier Schattenbarken, die Rümpfe schwarz glänzend gepanzert und vor Dornen und Klingen starrend, schwebten knapp über dem Boden und versperrten ihm den Weg. Auf den ausgefalteten Segeln und aufragenden Bannern prangte das Zeichen des grünen Sichelmondes. Die Krieger und Bordschützen richteten ihre Waffen auf ihn. Margil verharrte reglos und ließ die Arme leicht vom Körper abstehend hängen, um zu zeigen, dass er unbewaffnet und nicht auf einen Kampf aus war.


    „Ich beglückwünsche dich, IstuKarun.“ Der blonde Archon erschien an die Reling der Barke links von ihm. „Du warst der erste von euch, der seinen Jäger zur Beute gemacht hat.“


    „Ich hoffe, die Vorstellung war zu Euer Hochwohlgeboren Zufriedenheit“, entgegnete Margil spöttisch. In Gedanken fragte er sich, was die Worte des Drukhari für seine Gefährten bedeuten mochten.


    Quisar lachte. „Das werden wir noch sehen. Dies war erst der erste Akt.“


    Die Schattenbarken schwenkten zur Seite. Die hohen, konkaven Bordwände bildeten einen dornengesäumten Korridor. Zielstrebig, ohne den lachenden Drukhari weitere Beachtung zu schenken, eilte Margil den Pfad entlang. Er wollte dem selbstgefälligen Prinzen und seiner Entourage nicht noch mehr Befriedigung verschaffen, indem er Besorgnis zeigte. Der vorgegebene Weg führte ohnehin genau dorthin, wo er hinwollte, und dass der Archon dort eine weitere, wahrscheinlich noch tödlichere Herausforderung für sie bereithielt, stand auch außer Frage. Aber als erstes musste er sich um etwas anderes kümmern.



    Firondhir nahm kaum etwas von seiner Umgebung wahr. Alles war in einen schwarzen Nebel gehüllt, der jedes Gefühl und jede Wahrnehmung erstickte. Er kniete am kahlen Ufer des Weihers und starrte mit gesenktem Kopf auf das Wasser. Welche Farbe es hatte, drang nicht zu ihm durch. Er sah nur das träge, sich endlos wiederholende Auf und Nieder, ohne Sinn und ohne Ziel. Die Kabalenkrieger hatten ihn hier abgesetzt und er war einfach an Ort und Stelle geblieben. Was immer da kommen mochte, ob es ihn hier traf oder anderswo, es spielte keine Rolle.


    Er hätte es besser wissen müssen. Eine Drukhari! Falsch und hinterhältig wie alle ihres verdorbenen, verlorenen Volkes. Wie hatte er ihr nur vertrauen können? Er kannte die Antwort: Sein Wunsch, etwas zu finden, was die tiefe Wunde, die in seine Seele gerissen worden war, wieder heilte. Er war sich sicher gewesen, es gefunden zu haben. So sicher wie nichts anderes in seinem bisherigen Leben. In Wahrheit hatte sie seine Verletzung ausgenutzt und er war ihrem niederträchtigen Zauber erlegen. Er hatte sich täuschen lassen, weil er es selbst so wollte.


    Nun zahlte er den Preis. Es blieb nichts als Lehre und Finsternis. Er hatte es verdient. Margil und Ydrir nicht. Margil hatte versucht, ihn zu warnen. Er hatte nicht auf ihn hören wollen. Durch sein fehlgeleitetes Vertrauen in die Drukhari hatte er sie mit in Verderben gezogen. Die Tragweite seines Versagens für Zar Asuryan konnte er nicht einmal ermessen. Und Illurayon war umsonst gestorben. Blieb noch etwas anderes, als ihm zu folgen? Firondhirs Geist verfinsterte sich zu tiefster Schwärze. Ja, eines blieb noch zu tun. Sie war hier. Er hatte sie gespürt, als sie ihre Psikräfe nach ihnen ausgestreckt hatte. Und er würde sie nicht davonkommen lassen.


    Er erhob sich. Ein schmaler Streifen trockenen Bodens fasste den See ein, ehe der Kraterrand sich als steiler, spärlich bewachsener Hang gegen den fahlen Himmel reckte. Die niedrige, eingesunkene Böschung am jenseitigen Ufer war ihm schon während des Anflugs aufgefallen. Das Echo ihres Geistes deutet in diese Richtung. Wenn sie hier war, musste sie durch diesen Durchlass zu ihm kommen. Dort wollte er sie sie erwarten.


    Firondhir umrundete das Gewässer. Am Ziel angekommen, studierte er die Umgebung. An der rechten Flanke des Durchgangs bildeten die eckigen Basaltbruchstücke eine unregelmäßige Treppe. Er erklomm die eingefallene Felswand und sucht zwischen den grauen Steinen nach einer passenden Position, verborgen, aber mit Blick über den Hohlweg. Rasch wurde er fündig. Er legte sein Futteral auf einem flachen Stein ab und wickelte sorgsam das zusammengeschobene Jagdgewehr aus. Mit routinierten Handbewegungen zog er die Waffe zu voller Länge aus und befestigte das Zielfernrohr. Die Stelle bot keinen Platz, um sich für den Schuss hinzulegen, doch Knien sollte genügen. Die Entfernung war nicht groß und er musste weder rasch fliehen noch Entdeckung vermeiden. Der Weltenwanderer nahm seine Position ein. Prüfend legte er das Gewehr an. Durch das Zielfernrohr schauend, ließ er seinen Blick durch den Hohlweg zwischen den beiden Kratern schweifen. Nichts verdeckte die Schussbahn. Dann setzte er das Gewehr wieder ab, verharrte im Knien, und wartete.



    Margil stolperte den steilen Abhang des Kraters hinunter. Der Bewuchs war hier weniger dicht, dafür der Fels loser. Immer wieder brachen große Stücke unter seinen Füßen heraus und rutschten talwärts. Auf halber Höhe, so dass er sicher sein konnte, die Drukhari nicht mehr unmittelbar im Rücken zu haben, hielt er inne. Mit einer Bewegung der flachen Hand schob er die Zieloptik seines Helmkragens über das rechte Auge. Aufmerksam suchte er den Kessel ab. Die Wasserfläche erstreckte sich fast bis zu den Kraterrändern und kräuselte sich nur wenig. Die spärlichen Schilfbüschel, die am flachen, felsigen Ufer genug Grund fanden, um zu wurzeln, wiegten leicht im Wind. Die Landschaft schien in angespannter Ruhe zu liegen.


    Mit einem Gedankenimpuls änderte Margil die Brennweite der blauen Kristalllinse. Das Sichtfeld verkleinerte sich, das Bild rückte näher heran. Auch aus der Nähe war nichts zu sehen. Hier und da große, rot oder blau glänzende Libellen zwischen den Stängeln. Seltsamerweise keine Vögel, weder ihm Schilf noch auf dem Wasser. Auch von Firondhir, Anathúriel oder Ydrir war keine Spur zu sehen. Margil ließ die Zieloptik wieder einfahren und ließ seinen Blick noch einmal über den Krater schweifen. Er dachte kurz nach. Wenn Firondhir tatsächlich das vorhatte, was er befürchtete, gab es hier nur eine Stelle, wo er ihn finden würde – weil er selbst sie genauso wählen würde. Eilig setzte er seinen Abstieg fort.



    Firondhir hatte nicht lange warten müssen. Das Echo auf dem Geröll knirschender Schritte hallte zwischen den Felsbrocken wider. Eine ungewohnte Anspannung ergriff ihn. Woher sie kam, konnte er sich nicht erklären. Schließlich hatte er schon dutzenden Male einem Ziel aufgelauert. Warum sollte es jetzt anders sein? Er nahm das Jagdgewehr in Anschlage und senkte das rechte Auge ans Zielfernrohr. Er ließ den Blick durch den Hohlweg wandern.


    Dann sah er sie. Bei jeder ihrer fließenden Bewegungen glänzten die schwarzen Platten ihres Anzugs in der schräg einfallenden Sonne und brachen das Licht an den Kanten und Wölbungen in grün und orange, so wie es die Rüstungen der Kabalenkrieger taten. Sie schritt bedachtsam voran, wandte den Kopf nach links und rechts, als würde sie etwas suchen. In der Hand hielt sie einen langen Stab aus Schilfrohr.


    Firondhir konnte ihre falschen Gesichtszüge erkennen, wie aus bleichen Knochen geschnitzt. Die Maske hatte sie abgelegt, als könne sie sich dadurch ihrer Schandtat entledigen wie ein Aspektkrieger, der seinen Helm ablegt – doch dies stand einer Drukhari nicht zu. Aber noch etwas war anders. Ihre Haare. Die maßlos langen Flechten waren verschwunden. Wie willkürlich abgeschnitten, hingen ihr Strähnen verschiedener Länge vom Scheitel. Die obszöne, purpurrote Farbe war beinahe ganz verschwunden, nur noch Rest an den Enden. Stattdessen schimmerte ihr Haupt in einem warmen, satten Kastanienbraun. Firondhir legte seinen Finger an den Abzug.


    Anathúriel schaute zurück. Hinter ihr, am Rande des Sichtfeldes bewegte sich ein Schatten. Firondhir schwenkte das Gewehr leicht in die Richtung und verringerte die Vergrößerung, um ein weiteres Blickfeld zu haben. Über die Bodenwelle am Scheitelpunkt des Durchlasses kam eine zweite Person herauf. Anathúriel drehte sich um und lief die wenigen Schritte zurück. Sie reichte der Gestalt eine Hand. Es war Ydrir. Er ergriff ihren Arm und sie half ihm hinüber. Dann setzten sie Seite an Seite ihren Weg fort.


    Dieses leichtgläubige Kind ließ sich immer noch von ihr zum Narren halten. Dabei gebärdete er sich die ganze Zeit wie ein Seher, und hatte es auch noch geschafft, seinen Gefährten das Glauben zu machen. Inzwischen wusste Firondhir es besser. Und Ydrir würde seinen Irrtum auch in Kürze erkennen.

  • Der Weltenwanderer nahm sein Ziel wieder ins Visier, erhöhte die Vergrößerung, bis er nur noch das Gesicht der Drukhari im Blickfeld hatte. Ihre Lippen bewegten sich, sie schien dem jungen Ranger etwas zu erzählen. Die grünen Augen leuchteten tückisch. Die kreisrunde Markierung in der Linse des Zielfernrohrs lag genau darüber auf ihrer blassen Stirn. Firondhirs rechte Hand umfasste den Griff des Gewehrs, der Zeigefinger lag auf dem Abzug. Einer Bewegung durfte es nicht, der Gedanke genügte, um den Schuss zu lösen. Aber er konnte ihn nicht fasse. Etwas blockierte seinen Verstand. War sie es? Nein, das wäre ihm nicht entgangen. Er legte erneut an, atmete aus, hielt den Atem an. Alles außer dem Ziel verschwand aus seinem Geist. Doch wieder gelang es ihm nicht, den Schuss abzugeben. Er hielt weiter an, immer weiter, bis das Gewehr zu schwanken begann und ihm die Luft ausging. Sein Herz schlug bis zum Hals, er musste mehrere Male tief durchatmen. Seine Hände waren feucht. Das Ziel war unbekümmert weitergegangen und hatte nun schon fasst den Ausgang des Hohlweges erreicht.


    Firondhir richtete sich auf. Er hatte den Fehler erkannt. Das Ethos der Weltenwanderer war der saubere Schuss, ungesehen. Das Ziel erfuhr niemals, wer es getroffen hatte. Er hatte es versucht, wie es seine Gewohnheit war. Aber es war nicht das, was er wollte. Er wollte, dass sie ihn sah, bevor er schoss. Das Gewehr fest in der linken Hand, eilte er den Hang hinunter. Anathúriel und Ydrir hatten eben den Rand des Weihers erreicht, als Firondhir ihnen entgegentrat.


    Anathúriels Gesicht hellte sich vor Erleichterung und Freude auf, als den Weltenwandere auf sie zukam. Wie gerne wäre sie ihm um den Hals gefallen, doch ihr war klar, dass nach allem, was geschehen war, sie behutsamer vorgehen musste. Sie reichte Ydrir ihren Stab und tat einen Schritt auf ihn zu. Firondhir hob das Jagdgewehr und zielt auf ihre Brust. Überrascht bleib sie stehen.


    „Firondhir, was tust du!“ entfuhr es Ydrir voll Bestürzung.


    Firondhir antwortete nicht. Er wartete auf eine Reaktion von Anathúriel, irgendetwas, das ihn erkennen ließ, dass jetzt der Zeitpunkt war, abzudrücken. Er hatte erwartet, dass sie sich mit irgendwelchen Lügen zu erklären versuchte, dass sie versuchte, seinen Geist zu beeinflussen. Doch sie tat nichts. Sie stand nur da und sah ihn an, nicht angsterfüllt, sondern bekümmert.


    Stattdessen handelte Ydrir und stellte sich zwischen die beiden, direkt in seine Schussbahn.


    „Firondhir, es ist nicht so wie du denkst. Alles, was geschehen ist, hat seine Richtigkeit“, versuchte er den Weltenwanderer zu beschwichtigen.


    „Sie hat dich immer noch in ihrem Bann“, entgegnete er hitzig. „Merkst du das nicht? Du willst doch ein Geisterseher sein.“


    „Ich sehe es ganz klar, Firondhir. Sie ist das, was sie immer war. Sie ist die, wegen der wir hier sind. Sie hat uns nie getäuscht, keinen von uns, in nichts. Ohne sie wären wir nicht einmal lebend auf das Schiff gelangt.“


    „Geh aus dem Weg, du Narr!“ herrschte Firondhir ihn an. Doch auch wenn seine tief verletztes Inneres sich immer noch dagegen wehrte, begann sein Verstand nun zu zweifeln, ob er wirklich im Recht war.


    „Nein“, widersprach Ydrir ruhig. „Tu, was du denkst, tun zu müssen.“


    Jetzt fand auch Anathúriel die Sprache wieder. Sie legte dem jungen Ranger die Hand auf die Schulter und schritt an ihm vorbei. „Ydrir, bitte tritt zur Seite. Ich will nicht, dass dir etwas zustößt. Firondhir, er sagt die Wahrheit. Bitte verzeih mir. Lass mich zu dir kommen, ich werde dir alles erklären. Und dann entscheide, was du tun willst.“ Sie streckte dem Weltenwanderer die Hand entgegen.


    Tief in seinem Innersten wünschte Firondhir, ihr glauben zu können, nur einen Wimpernschlag lang. Dann gewann der Zorn wieder die Oberhand. Das war der Moment, auf den er gewartet hatte. Und wenn dieses dumme Kind nicht aus dem Weg gehen wollte, sei es drum. Sein Finger legte sich auf den Abzug.


    Mit Wucht stieß ihn etwas zur Seite, griff nach der Waffe und riss den Lauf nach oben. Das Gewehr fiel ihm aus der Hand, als er mit seinem Angreifer zu Boden ging. Er machte sich los und kam wieder auf die Füße. Margil brauchte einige Augenblicke länger. Blindwütig nutzte Firondhir die Gelegenheit und warf sich auf ihn. Die beiden stolperten zum Ufer des Weihers und landeten schließlich miteinander ringend im seichten Wasser. Margil erwies sich einmal mehr als der bessere Nahkämpfern. Mit geübten Griffen gelang es ihm, den Tobenden bei den Armen zu packen und ihn auf die Knie zu drücken.


    „Besinne dich, Firondhir“, sagte er in gebieterischem Ton. „Wir haben einen Auftrag zu erfüllen. Du bist Zar Asuryan verpflichtet, und Illurayon.“


    Doch Firondhir dachte nicht daran. Er wand sich in seinem Griff. Dass Margils linker Arm verletzt war, hatte er bei aller Wut nicht vergessen und richtete allen Widerstand gegen diese Schwachstelle. Margil bemerkte es. Er biss die Zähne zusammen und hielt dagegen. Einen Augenblick erwog er, sein Messer zu ziehen, um Firondhir zur Aufgabe zu zwingen. Aber dafür hätte er ausgerechnet mit dem rechten Arm loslassen müssen. Und ob Firondhir sich in seiner Tollheit davon beindrucken ließ, war eine andere Frage. Bis zum letzten wollte Margil nicht gehen.


    Doch nun waren Anathúriel und Ydrir bei ihnen. Der junge Ranger sprang Margil zur Seite und packte den linken Arm ihres Gefährten, während Margil den rechten festhielt. Anathúriel umfasste das Gesicht des so festgehaltenen mit beiden Händen und drückte ihre Handflächen gegen seine Schläfen. Diesmal war es schwieriger. Der Weltenwanderer sträubte sich heftig, warf den Kopf zur Seite, um sich ihrem Griff zu entwinden und versuchte, seinen Geist zu verschließen. Anathúriel fühlte ein leichtes Spannen in ihrer Schläfe. Schließlich fand sie einen Zugang. Keine Schwäche in seiner Abwehr, sondern ein winziger Funke des Zutrauens, der bereit war, sich ihr noch einmal zu öffnen. Ihr? Sie war sich nicht sicher, doch es erschien ihr, als ob da noch etwas anderes war. Eine Art Echo, sie wusste nicht, woher, auf das sein Unterbewusstsein reagierte und sie einließ.


    Firondhir gab den Widerstand auf. Einen Moment noch hielt Anathúriel ihn fest, dann hatte sie ihm alles gezeigt und alles gesehen, was er zu zeigen bereit war. Sie trat einen Schritt zurück. Firondhir atmete ruhig und tief. Margil und Ydrir ließen ihn los und traten zurück. Schwerfällig richtete der Weltenwanderer sich auf. Er sah Anathúriel an. Sein Gesicht war nicht mehr zornig, aber finster, traurig und verschlossen. Anathúriel fühlte sich elend und hilflos. Nichts hätte auch nur annähernd ihre Scham und ihr Bedauern ausdrücken können. Erst jetzt hatte sie vollends erkannt, wie tief sie ihn verletzt hatte. Sie wünschte sich nichts sehnlicher, als dass er etwas sagte, dass er Verständnis hatte für alles, was sie getan hatte, und dass er ihr verzieh. Aber nichts geschah. Schweigend standen sie sich gegenüber.


    Währenddessen wanderte Ydrirs Blick nervös hin und her. Irgendetwas ließ ihn zunehmend unruhiger werden. Plötzlich ergriff ihn Panik.


    „Aus dem Wasser heraus!“ schrie er. „Aus dem Wasser! Lauft! Zwischen die Felsen!“


    Im nächsten Augenblick bäumte sich der Kratersee in einer gewaltigen Fontäne auf.


  • Mondschatten

    Hat den Titel des Themas von „Ad bestias [(Dark-)Eldar-Roman] - Kapitel XIII“ zu „Ad bestias [(Dark-)Eldar-Roman] - Kapitel XIII fertig“ geändert.