Anton Kalen - Dem Abgrund entgegen

  • -Anton Kalen-

    Dem Abgrund entgegen




    Prolog

    Kapitel I

    Kapitel II

    Kapitel III

    Kapitel IV

    Kapitel V

    Kapitel VI

    Kapitel VII


    Kommentare sehr gerne hier!


    Da Schriftdeutsch nicht meine Muttersprache ist, ist Korrekturlesen für mich recht Aufwendig. Da es sich hier um ein nicht-kommerzielles Projekt handelt, habe ich demnach darauf verzichtet. Ich entschuldige mich schon jetzt für allfällige Fehler. Falls mir zufällig mal was auffällt, werde ich das natürlich nach und nach korrigieren. Allenfalls durch euch gemeldete Fehler werden ASAP korrigiert.


    Dieser Kurzroman entsteht in direkter Zusammenarbeit mit Mondschatten - ich freue mich riesig darauf und bedanke mich schon einmal unendlich für Deinen Support!


    Diese Fanfic wird in unregelmässigen Abständen neue Kapitel erhalten. Ein Release-Datum für Kapitel XY gibt es nicht nicht (und wird es nicht geben - it's done when it's done).

    Gerne nehme ich auch kritische Kommentare entgegen oder lasse mich auf Diskussionen über das Setting, die Charaktere, ihre Denkweise etc. ein; beziehungsweise würde mich das sogar freuen und motivieren, dranzubleiben :)


    Ich schreibe die Story in Word und verwende Taschenbuchformat; sprich mit einem Einzug bei jeder neuen Zeile. Da das hier im Forum nicht Umsetzbar scheint, habe ich alle Einzüge durch Zeilenabstände ersetzt. Ich hoffe, es ist so leserlich genug!

  • Prolog


    Das Landeschiff durchstiess wie ein schwarzer Pfeil die Atmosphäre des Planeten. Eine dicke, schwarz-grau marmorierte Wolkenschicht hüllte die einsame Welt ein, die auf keiner Sternenkarte verzeichnet war.


    Der Orden hatte keine Mühen gescheut, sich verdeckt zu halten. Dharrconv, wie die in Dunkelheit gehüllte Kugel genannt wurde, war der einzige Planet seines Systems. Nicht mehr als ein paar Dutzend Tausend Menschen lebten auf der kargen, von Stürmen verheerten Welt. Kaum ein Sonnenstrahl durchdrang den andauern bewölkten Himmel, wodurch es nur eine spärliche Flora gab, welche die Planetenoberfläche noch trostloser wirken liess.
    Dennoch lag dort das Ziel des Inquisitors. Hier, auf Dharrconv, hatte der Orden seinen Tempel errichtet. Hier war das Heiligtum des Ordens. Hier hat sein Meister ihn hin befohlen.


    Das schwarze Schiff setzte ruhig auf der verlassenen Landeplattform auf. Unaufhörlich prasselte der Regen gegen die starke, gepanzerte Aussenhülle des Raumgleiters. Einige Minuten nach der Landung, öffnete sich die Transportluke mit einem lauten Zischen, als der Druck durch die unzähligen Ventile entwich und die Verriegelung löste. Der Inquisitor war alleine. Langsam, aber mit entschlossenem Schritt verliess er das Schiff, und ging auf die mächtige Kathedrale zu, die sich nicht unweit der Landezone befand. Ihre verzierten, gotischen Türme ragten steil in den wolkenbedeckten Himmel. Die metallenen Stützpfeiler wirkten wie gigantische Rippen einer monströsen Kreatur. Hunderte Jahre dem erbarmungslosen Dauerregen ausgesetzt, war das ganze Gebäude mit einer dunkelrosten Rostschicht überzogen.


    Als er vor dem gigantischen, mindestens zwanzig Meter hohen Tor stand, öffnete es sich scheinbar wie von Geisterhand.


    Wie ein Donner hallten seine schweren Schritte in der riesigen gotischen Säulenhalle, die hinter dem mächtigen Tor warteten. Ansonsten herrschte absolute Stille.


    Der Inquisitor schritt alleine durch die Kathedrale. Kleine Kohlenpfannen, die in engen Nischen an den Seitenwänden standen, gaben nur unzureichend Licht, so dass ein Grossteil der Halle in völliger Dunkelheit lag. Massige Betonskulpturen, die in dem schwachen Licht zu tanzen schienen, zierten die mehrere Dutzende Meter in die Finsternis steigenden Pfeiler, welche sich dann in einem finsteren Dunst aus Russ und Smog verloren.


    Mahnend, wie aus einer anderen Welt gesandt, um über die Besucher des düsteren Gebäudes zu richten, starrten die steinernen Figuren Claudius entgegen. Doch er mochte sie. Er mochte diesen Ort. Hier fühlte er sich dem Imperator am nächsten.


    Sein Schritt war entschlossen und zielgerichtet. Endlich näherte er sich dem Ende der Halle. In völlige Finsternis gehüllt befand sich dort sein Ziel – eine mächtige metallische Konstruktion, die an einen riesigen Thron erinnerte. Es war der Sitz des Grossmeisters, ebenso aber auch der Grossmeister selbst. Seit Jahrtausenden wurde er dort am Leben erhalten, bewegungsunfähig, aber bei Bewusstsein. Seine Weisheit führte den Orden schon weit länger, als Claudius es sich je hätte ausmalen können. Es war alleine dem Imperator zu verdanken, dass die besten seiner Kinder bis in alle Ewigkeit ihm dienlich sein konnten.


    Mitten aus dem energischen Schritt, hielt Claudius abrupt inne und kniete ruckartig vor dem Meister nieder. Er wagte es nicht, seinen Blick zu heben, als das Surren der Elektronik und das Schaben der rostigen, antiken Zahnräder erklang, welche davon kündeten, dass sich der Grossmeister ihm zuwandte.


    »Claudius August Freiherr von Erderlitz, Hoher von Tannen, Erster des Hauses Dreystein«, krächzte die mechanische Flüsterstimme seines Vorgesetzten. »Du bist alsbald zu mir gekommen. Gut gemacht, Sohn.«


    Claudius nickte demütig.


    »Ihr seid die Stimme des Imperiums. Mein Leben gehört euch.«


    »Und das Imperium braucht dich«, flüsterte der Alte mit grässlich rauer Stimme. »Inquisitor Anton Kalen. Ordo Xenos. Verräter. Ich habe Kunde erhalten, dass er Xenos-Technologie verwendet. Er ist als Abtrünnig zu betrachten. Kann ich auf dich zählen?«


    Claudius hätte sich geehrt fühlen müssen, für eine solch wichtige Aufgabe ausgewählt worden zu sein. Doch Empfand er nichts. Er erfüllte seine Pflicht. Um jeden Preis. Deshalb oblag es ihm, Abweichler zur Strecke zu bringen. Nur er war in der Lage, das Gesetzt des Imperators durchzusetzen. Ohne Gnade. Ohne Reue. Ohne Furcht.


    Der Inquisitor verbeugte sich noch tiefer vor dem Grossmeister, ehe er antwortete.


    »Ich werde Gerechtigkeit walten lassen. Wir sind der kalte Stahl, das Schwert des Imperiums. Wir sind die Klinge, die die Xenos richtet. Wir sind die gnadenlose Hüter der menschlichen Reinheit.«


    »Sei mein Schwert«, widerholte der Grossmeister röchelnd, während gleichzeitig mit einem Zischen einem der unzähligen Ventile ein gelblicher Dampf entwich. »Richte die Xenos. Behüte die Menschheit. Ja mein Sohn. Vernichte ihn. Die Gnade des Imperators ist auf deiner Linken, sein Zorn auf deiner Rechten. Nichts kann dich aufhalten.«


    Claudius wiederholte die Worte des Grossmeisters innerlich, als seine Servorüstung seinen Körper mit einer weiteren Dosis Chemikalien flutete, die seinen Eifer und seine unnachgiebige Entschlossenheit weiter verstärkte.


    Den Kopf noch immer ehrfürchtig gesenkt, erhob sich Claudius ruckartig, wandte sich um und verliess die Kathedrale einer Maschine gleich.

  • I


    »Ich denke, wir haben genug gesehen.«


    Der angesprochene, gross gewachsen und in einen weiten schwarzen Mantel gehüllt, die Kapuze tief in das hinter einem dunklen Schal verborgene Gesicht gezogen, nickte zustimmend. Sein Gefährte, in gleicher Weise gekleidet, schob den Lauf und das Schulterstück seines Scharfschützengewehres zusammen, entfernte das Zielfernrohr und schlug den elfenbeinfarbenen Schaft in ein Futteral aus dem gleichen, tief schwarzblauen Stoff wie sein Mantel ein. Dann band er sich das Bündel über dem Rücken fest.


    Die beiden Kundschafter spähten noch einmal über den Rand des Vordaches in den düsteren, verkommenen Hinterhof. Eben hatte ihre Zielperson, ein kleiner, hagerer Mann, sich von seinem Gesprächspartner getrennt und war dabei, den Ort in Richtung eines vergitterten Torbogens auf der gegenüberliegenden Seite zu verlassen. Der andere, groß gewachsen und besser gekleidet, als sein abgetragener, brauner Mantel es einen flüchtigen Beobachter weißmachen wollte, stand noch immer da und betrachtete zufrieden den in graue Lumpen eingewickelten Gegenstand, den er soeben erhalten hatte. Dann sah er sich noch einmal versichernd um und verschwand in die andere Richtung.


    »Wir hätten sie gleich ausschalten können«, sprach der zweite Beobachter. »Zwei Diener der Dunklen Götter weniger.«


    »Miermen[1] ist auf mehr aus. Diese zwei sind nur Gehilfen«, entgegnete der Scharfschütze. »Wir können ihm berichten, dass er mit seinem Verdacht richtig lag. Nun kann er entscheiden, wie er weiter vorgehen wird.«


    »Dann lass uns verschwinden.«


    Die beiden Späher huschten zurück zu der Stelle weiter hinten, an der das Flachdach an die mit Geländern und Fenstergittern versehene Fassade eines grösseren Gebäudes angrenzte. Den Spalt der schmalen Gasse, die drei Etagen tiefer in der Finsternis zwischen den beiden Wänden lag, überwanden die Gefährten mit scheinbar übermenschlicher Leichtigkeit, klammerten sich an den eisernen Stangen fest und kletterten behände die Fassade hinab. Unten angekommen tauchten sie in den Schatten zwischen den Häusern ein. Ihre schwarzen Mäntel machten die beiden beinahe Unsichtbar.


    Sie waren vielleicht zehn Minuten unterwegs und der Scharfschütze war eben um eine Häuserecke gebogen, sein Begleiter noch einige Schritte hinter ihm, als sich ihm ein grosser, breitschultriger Kerl in den Weg stellte. Überrascht hielt er inne.


    »Stehnbleiben, Xenos-Abschaum!« bellte der Mann.


    Der Späher sah sich verstohlen nach seinem Gefährten um, während seine Hand langsam nach seiner Pistole tastete.


    »Denk nichmal dran«, herrschte sein Gegenüber ihn an. Er war etwas kleiner als er selbst, aber, wie es sich so oft mit Chem-Pan-Sey verhielt, plumper, kräftiger gebaut und vermutlich auch von grösserer Körperkraft. Der Mann hatte kurz geschorene, graue Haare, trug abgewetzte Militärhosen, ein schmutziges Hemd und eine abgerissene Weste. Und er stank.


    An seiner Seite baumelte in einem Holster eine jener klobigen Pistolen, die seine Artgenossen zu nutzen pflegten. Er hatte seine einer Pranke gleichende rechte Hand daraufgelegt und glotze den Aeldari aus kleinen Augen an, deren Ausdruck dem eines Wildschweins glich: unberechenbar und von minderer Intelligenz.


    Der Weltenwanderer hörte schlurfende Schritte in seinem Rücken. Ohne sich umdrehen zu müssen, wusste er, dass zwei weitere Menschen hinter ihn getreten waren. Den Schritten nach musste der eine von ähnlicher Statur sein wie der, der ihm gegenüberstand. Der andere mochte ein wenig schlanker und leichter gebaut sein. Von Körperhygienen hielten beide ebenso wenig.


    Sekunden angespannter Stille verstrichen, in denen keiner der Gegner sich rührte. Der Weltenwanderer versuchte, seine Möglichkeiten abzuschätzen. Er war ein leidlicher Nahkämpfer, die Chem-Pan-Sey waren ihm körperlich und in der Zahl überlegen. Die Wände links und rechts waren blank und fensterlos, nichts, woran er hätte emporklimmen können.


    »Mach keine Schwierigkeiten, dann wirds leichter für dich«, sagte der Anführer mit einem Grinsen und tat einen Schritt auf den Späher zu. Der zog die leere Hand aus dem Mantel hervor und blieb reglos stehen.


    »Na also, braver Xenos«, feixte der Mann, trat vor den Weltenwanderer und griff nach seinem Mantel, um ihm die Waffe abzunehmen. Doch als seine Hand vorfuhr war der Eldar schon nicht mehr an dieser Stelle. Mit der übermenschlichen Gewandtheit einer Art war er an dem Menschen vorbeigeglitten und hatte sein Kampfmesser gezogen. Die Klinge traf gegen die Seite des Mannes, glitt jedoch an der Panzerweste ab, die er unter seinem schmutzigen Hemd trug.


    Der Söldner war nicht so naiv zu erwarten, dass sein Ziel sich ohne Gegenwehr ergeben würde. Diese Xenos waren bekannt für ihre Hinterhältigkeit. Doch bei all seiner Beweglichkeit konnte der Eldar nicht drei Angreifern gleichzeitig ausweichen. Während er sich nach der missglückten Attacke gegen ihn wieder in Position zu bringen versucht, war der agilere seiner Männer an ihn herangesprung und versetzte dem Alien einen Tritt in den Rücken.


    Der Weltenwanderer taumelte nach vorne, direkt auf den Anführer zu. Noch ehe er sich wieder fangen konnte, versetze der Mann ihm einen Faustschlag gegen die Brust, der ihn nach Atem ringend in die Knie gehen liess, packte seinen Arm und drehte ihn zur Seite, bis sein Gegner mit einem schmerzhaften Stöhnen das Messer fallen liess. Mit der anderen Hand griff der Söldner nach der schwarzen Kapuze und riss sie herunter.


    Der Eldar starrte den Mann mit wütend blitzenden, dunkelblauen Augen an. Sein längliches, blasses Gesicht zeigte Stolz und Verachtung. Auf der linken Wange zeichnete sich eine halbmondförmige Narbe ab. Sein langes, dunkles Haar hatte er zu einem offenen Zopf am Hinterkopf gebunden.


    »Das ist der, den der Chef haben will«, stellte der Anführer fest.


    Die beiden anderen Söldner traten heran, um den Weltenwanderer zu ergreifen und in Fesseln zu legen. Doch wenige Schritte bevor sie ihn erreicht hatten, brach der Grössere mit einem schrillen Schrei zusammen. Ehe seine Kumpane reagieren konnten, sprang der zweite Xenos aus dem Schatten hervor. Von der gebogenen, einschneidigen Klinge seines Kurzschwertes rann dunkles Blut. Schulterlange blonde Haare umwirbelten sein Gesicht, als er in unnatürlich geschmeidiger Bewegung den zweiten Söldner attackierte. Der erwies sich als geschickter als seine Kameraden, wich dem ersten Schlag aus und parierte den zweiten mit einem grossen Kampfmesser, dessen Klinge mindestens doppelt so breit wie die des Eldar war.


    Der Anführer indes war von dem plötzlichen Angriff überrascht, nur einen Augenblick. Der jedoch genügte seinem Gefangenen, um sich loszureissen und nach seinem am Boden liegendem Messer zu greifen. Der Weltenwanderer sprang auf Abstand, wirbelte herum und stiess dem zweiten Söldner, der vollauf damit beschäftigt war, sich gegen die Schwertschläge seines Gefährten zu verteidigen, die Klinge in den Rücken. Zu seinem eigenen Unglück trug dieser Mensch keine Schutzkleidung. Vor Schreck und Schmerz liess der beide Arme fallen. Die nun offene Deckung nutzend, zog der blonde Eldar ihm in einem blitzschnellen Streich das Kurzschwert über die Kehle.


    Während der hagere Mann gurgelnd und zu Boden ging und sein Blut sich auf dem schmutzigen Pflaster ausbreitete, wandten sich die beiden Aeldari dem Anführer zu. Verdutzt sah der Chem-Pan-Sey erst auf seine geschlagenen Kameraden, dann die beiden Weltenwanderer aus seinen Schweinsäuglein an. Der Blonde liess sein Schwert in der Hand kreisen und nahm wieder eine Angriffsposition


    Dann tauchten, alarmiert durch die Schreie, drei weitere Söldner auf, ein jeder ähnlich kräftig wie ihr Anführer und mit einem Kampfmesser bewaffnet. Mit dem kurzen, geschulten Blick eines Rächers Asuryans erfasste Margil die Lage.


    »Firondhir! Amuisar![2]« rief er seinem Gefährten zu. Der dunkelhharige Weltenwanderer zögerte einen Moment und warf dem anderen einen Blick zu, verbunden mit einem kaum wahrnehmbaren Kopfschütteln, als würde er seiner Anweisung widersprechen. Doch der Blonde vollführte eine bestimmende Handbewegung, die keinen Widerspruch duldete. Firondhir gab nach und nutzte den Ausweg, den sein Freund ihm verschafft hatte. Er sprang über die in ihrem Blut liegenden Körper der Söldner hinweg und tauchte in den Schatten ein.


    Margil blieb keine Zeit mehr zum Rückzug. Mit einem schrillen Kampfschrei gleich einer Todesfee sprang er dem ersten Neuankömmling entgegen und streckte ihn mit dem Vorteil der Geschwindigkeit und Überraschung nieder. Ohne seine fliessenden Bewegungen zu unterbrechen, wandte er sich dem nächsten zu. Der, besser auf den Angriff vorbereitet, parierte den ersten Schlag, doch nicht den zweiten. Die Ritualklinge fuhr tief in seinen Unterleib.


    Doch dann fielen der dritte Söldner und der Anführer über ihn her. Der schieren Brutalität der beiden verbliebenen Chem-Pan-Sey war der blonde Weltenwanderer trotz all seiner Gewandtheit nicht gewachsen. Ein Schlag gegen den Kopf liess ihm für einen Moment beinahe die Sinne schwinden. Als der schwarze Nebel vor seinen Augen sich wieder lichtete, fand er sich mit auf dem Rücken gefesselten Händen wieder. Die beiden Menschen standen mit gezogenen Pistolen an seiner Seite und hielten ihn mit den freien Händen an den Armen fest.


    »Was jetzt, Sir? Wir brauchen doch den andren«, wollte der Söldner wissen.


    »Der kann nich weit sein«, antwortete der Anführer. »Ist doch so, oder Spitzohr?« grinste er seinen Gefangenen an. Doch der blonde Eldar stand ungerührt und mit geschlossenen Augen reglos da. Wütend verzog der Mann sein Gesicht. Wie der Alien in dieser Lage so ruhig bleiben konnte, ging über seinen Verstand. Die Arroganz des Xenos widerte ihn an. Er trat vor den Weltenwanderer, holte aus und verpasste ihm einen Schlag ins Gesicht, der ihn zu Boden gestreckt hätte, hätte der andere ihn nicht festgehalten. Der Eldar sah ihn finster an, während seine Wange sich rot färbte und ein Blutfaden von seiner aufgesprungenen Lippe herunterlief.


    »Hör zu, Xenos-Abschaum!« bellte der Anführer geradeheraus in die Gasse. »Dein Kumpel interessiert uns nicht. Komm raus und wir lassen ihn laufen.«


    Einige Moment angespannter Ruhe traten ein, in der selbst der entfernte Lärm der belebten Strassen jenseits der engen Häuserschluchten zu verstummen schienen. Die Söldner starrten erwartungsvoll in die Schatten, die sich nur wenige Schritte die Gasse hinauf immer weiter zu verdichten schien. Dann brach ein helles, sarkastisches Lachen die Stille. Die beiden Menschen sahen überrascht ihren Gefangenen an.


    »Was erwartest du, Chem-Pan-Sey?« fragte der Eldar. Er sprach ihre Sprache mit einem seltsam schwebenden Tonfall und einer Verächtlichkeit, die sie weniger heraushörten, als unmittelbar spüren konnten. »Wir sind IstuKarun, Schüler des Kurnous. Schon jetzt hat er sein Jagdgewehr auf dich gerichtet. Du lebst nur noch, weil er es dir gestattet.«


    Sein Untergebener sah sich verunsichert um, doch der Anführer quittierte die Ansprache des Xenos seinerseits nur mit rauem Gelächter. Dann riss er in einer plötzlichen Bewegung seine Boltpistole hoch und hielt sie dem Eldar ins Gesicht.


    »Kann sein«, sagte der Mann, »aber wie schnell kann er zum nächsten Schuss ansetzen. Sobald einer von uns umfällt, pustet der anderen dir deine schönen, blonden Locken weg.«


    Margil schwieg. Er musste sich eingestehen, dass die Worte des Menschen sich nicht von der Hand weisen liessen. Selbst wenn Firondhir noch in der Nähe war – und daran hatte er nicht den geringsten Zweifel – so konnte er doch nichts ausrichten.


    »Was jetzt, Sarge?« fragte der Söldner. Der Anführer zuckte die Schultern. »Wir nehmen den hier mit. Entweder sein Freund überlegts sich noch. Oder der Chef kann zusehen, was er mit dem hier anfängt. Sollte sich trotzdem gut an die anderen Spitzohren verkaufen lassen. Abmarsch.«


    Er zog dem Weltenwanderer wieder die Kapuze über den Kopf. Dann hob er dessen Kurzschwert auf, betrachtete einige Augenblicket die glänzende Klinge von allen Seiten und steckte es sich in den Gürtel. Ihren Gefangenen vor sich her stossend, verschwanden die Menschen in der Dämmerung der Häuserschluchten.




    Firondhir tauchte in den Schatten zwischen den Hauswänden ein. Doch er lief nur bis um die nächste Ecke. Sich versichernd, dass niemand ihm folgte, erklomm er die erstmögliche Fassade und eilte über die Dächer und Simse zum Schauplatz des Kampfes zurück. Auf einem Erker über der Gasse liess er sich auf die Knie fallen. Mit geübten, flinken Handgriffen machte er sein Gewehr in wenigen Augenblicken schussbereit. Sein Blick senkte sich durch das Zielfernrohr.


    Das Bild, dass sich ihm bot, versetzte den Weltenwanderer in Wut und Schrecken. Margil blutete aus einer Wunde an der Lippe. Der Anführer der Chem-Pan-Sey hielt seine klobige Feuerwaffe direkt auf sein Gesicht. Firondhirs Finger legte sich auf den Abzug, den Kopf des Mannes genau im Visier. Doch im nächsten Moment wurde er gewahr, wie der andere Mensch ebenfalls auf Margil anlegte. Reflexartig öffnete der Weltenwanderer die Hand. Wenn er jetzt einen der beiden erschoss, würde der andere im selben Moment das gleich mit Margil tun. Firondhir war sich seines Könnens als Scharfschütze sehr bewusst, doch so schnell ein neues Ziel anzuvisieren überstieg selbst seine Fähigkeiten. Er atmete tief durch, um seinen Zorn zu zügeln und sich nicht zu einer Dummheit verleiten zu lassen. Eine Pattsituation. Er konnte nichts tun.


    Dann zog der Anführer der Söldner Margil seine Kapuze über den Kopf und stiess seinen Gefangenen vor sich her in Richtung der Strasse – nicht ohne zuvor das Kurzschwert des EsikCaman[3] an sich zu nehmen. Diese Anmassung versetze Firondhir in zusätzliche Wut. Der zweite Mensch ergriff Margils gefesselte Arme und positionierte sich dicht hinter ihm, die Boltpistole verborgen auf den Rücken des Aeldari gerichtet. So setzten sie sich in Bewegung.


    Firondhir packte eilig sein Gewehr zusammen. Er hatte keine andere Möglichkeit, als den Söldnern zu folgen, sie nicht aus den Augen zu verlieren, herauszufinden, wo immer sie Margil hinbrachten, und zu hoffen, dass sich unterwegs irgendeine Gelegenheit ergeben würde, ihn aus der Gewalt der Chem-Pan-Sey zu befreien.




    Wenige hundert Schritte weiter mündete die Gasse in eine der belebten Strassen des Hafenbezirks. Menschen jeder Art, darunter etliche Abhumane und allerlei zwielichtige Gestalten, drängten sich unterhalb der hoch aufragenden, grauen Fassaden den Gehsteig entlang oder lungerten in kleinen Gruppen vor den Eingängen der Ladenlokale. Die beiden Söldner wählten ihre Wege gezielt an solchen Menschenansammlungen vorbei. Die meisten Passanten um sie her waren zu sehr mit ihren eigenen Geschäften befasst, oft mit solchen, denen allzu grosse Aufmerksamkeit Unbeteiligter nicht zugutekam. Entsprechend kümmerten sie sich selbst wenig um das, was um sie herum geschah, solange es sie nicht tangierte.


    Die hochgewachsene Gestalt in schwarzem Mantel und Kapuze fiel in dem Gedränge kaum auf oder wurde bewusst missachtet. Erst recht, wenn ein zufälliger Beobachter ihre finster dreinblickenden Begleiter bemerkte. Der Anblick der beiden bulligen, militärisch gekleideten Männer genügte jedem, den Kopf abzuwenden und seines Weges zu gehen. Und noch eines war sich der Anführer der Söldner völlig bewusst und zog daraus Sicherheit: Inmitten der Menschenmassen würde der Xeno einen Teufel tun und Aufsehen auf sich ziehen wollen. Ihm blieb gar keine Wahl, als mit ihnen zu gehen. Und wenn sein Kumpan ihnen irgendwo heimlich folgte, umso besser.




    Etliche Stockwerke oberhalb der Strasse hechtet Firondhir über Vordächer, Balkone und Simse. Einmal mehr musste er dankbar sein für die kuriose, verschnörkelte Bauweise, mir der die Cresistauead[4] selbst die einfachsten, unwichtigsten Gebäude zu verzieren pflegten. Sie boten mehr Halt und Aufstiege, als selbst eine natürlich gewachsene Felswand ihm erlauben würde. Rasch gelang es dem Weltenwanderer, die Spur der Entführer wieder aufzunehmen und ihnen ungesehen zu folgen.


    Und selbst wenn einer der Söldner oder irgendein anderer Mensch unten in der Strasse zufällig zu ihm hinaufblickte, kam ihm eine weitere Eigenart der Häuser zugute. An allen sinnigen oder unsinnigen Stellen lehnten Statue in Fensternischen oder kauerten Wasserspeier auf Simsen. Verharrte er zischen diesem Zierrat, war er für die tumbe Wahrnehmung der Chem-Pan-Sey am Boden unsichtbar.


    Ein ums andere Mal hatte er von dieser Möglichkeit Gebrauch machen müssen. Wann immer die Söldner mit ihrem Gefangenen an einer Kreuzung oder Biegung die Richtung wechselten, sahen sie sich zuvor versichernd um. Firondhir war sich nicht sicher, ob sie es vermeiden wollten, dass er ihnen folgte, oder ob sie nicht sogar darauf warteten. Er hatte die Worte des Anführers nicht vergessen: Er selbst war das Ziel dieses Überfalls gewesen. Und die Art, wie der Mann sein Aussehen beschrieben hatte, liess keinen Zweifel darüber, zu welchem Zweck. Der Gedanke liess den Weltenwanderer erschauern, auch wenn er nicht glauben konnte, dass ein Prinz der Drukhari selbst solche Chem-Pan-Sey beauftragen würde.


    Wie es sich auch verhielt, er konnte Margil nicht diesen Wilden überlassen. Doch sie erwiesen sich als schlauer, als Firondhir gehofft hatte. Welchen Weg die Söldner auch einschlugen, stets bewegten sie sich in Bereichen, in denen reger Verkehr herrschte. Die Seitengassen mieden sie ebenso wie - auch dies fiel ihm auf - solche Wege, die sie allzu nah an den Ordnungshütern dieses Bezirks vorbeiführte. Zwei bis drei Stunden war er ihnen nun bereits gefolgt und noch hatte sich keine Gelegenheit geboten, die Entführer zu stellen.




    Nach einer weiteren halben Stunde erreichten die Söldner mit ihrem Gefangenen die breite Promenade vor den Landeplattformen der Transportfähren, die Fracht und Passagiere zu den grossen Schiffen im Orbit brachten, weder von etwaigen Verfolgern noch von irgendwelchen offiziellen Kräften behelligt.


    Hier konnte Firondhir nicht mehr weiter, ohne seine Deckung zu verlassen. Auf einem Vorsprung hockend, überblickte er die Strasse. Schmucklose, graue Plaststahlmauern mit massiven Eisentoren schirmten die erhöhten, achteckigen Landeplattformen auf der gegenüberliegenden Seite von den Fußwegen ab. Dennoch drangen das Heulen und Dröhnen der Triebwerke startender und landender Fähren bis zu ihm herüber. Unten musste der Lärm mörderisch sein, zumindest für die feineren Sinne eines Aeldari.


    Gleichwohl auch hier eine grosse Zahl an Menschen unterwegs war, würde es unmöglich sein, sich den Chem-Pan-Sey unentdeckt zu nähern, zumal wenn sie auch noch mit ihm rechneten. Und was konnte er schon tun? Einen offenen Kampf würde keiner von ihnen riskieren wollen. Er selbst wäre hoffnungslos unterlegen. Und Aufmerksamkeit war im Sinne keines der Beteiligten. Schliesslich war es das Ziel der Söldner, ihren Gefangen von hier fortzubringen, nicht, ihn den Behörden des Imperiums zu überlassen, die eine solche Aktion zweifellos auf den Plan rufen würde. Margil jetzt noch freizubekommen, war nur auf eine Art zu erreichen: er musste sich den Chem-Pan-Sey so unauffällig wie möglich nähern und sich ihnen selbst anbieten.




    Die Söldner hielten auf einen etwas abgelegenen Landeplatz zu. Eine Fähre wartete bereits, die Lichtsignale der Plattform und des Zugangsportals zeigten Startbereitschaft an. Die Männer führten ihren Gefangenen zu der Schleuse. Der Anführer wechselte ein paar Worte und ein paar Einheiten der ortsüblichen Währung mit dem Beamten, der den Zugang kontrollierte – beziehungsweise es angesichts der Mischung aus Drohung und Grosszügigkeit unterliess.


    Dann wandte der Söldner sich wieder dem Weltenwanderer zu, den sein Untergebener nach wie vor festhielt und die Pistole in den Rücken drückte.


    »Sieht so aus, als würden dein Freund dich deinem Schicksal überlassen, Xenos«, höhnte der Mann. »Letzte Chance!« brüllte er, halb mit sarkastischem Unterton, auf die Promenade hinaus. Doch nichts regte sich, ausser einiger verwunderter Passanten, die kurz aufsahen, sich dann aber sofort wieder ihren eigenen Angelegenheiten widmeten.


    »Ich sagte es ja«, wandte der Anführer sich an seinen Kameraden, »nichts als Abschaum, diese Xenos. Nicht einmal ihrer eigenen Art gegenüber loyal.«


    Margil unterdrückte seinen Zorn und seine Verachtung. Er war sich vollkommen sicher, dass Firondhir nicht weit war. Aber er konnte auch sehen, dass sein Freund an dieser Stelle nahezu keine Möglichkeit hatte, einzugreifen. Allmählich beschlich ihn nun doch Besorgnis, wie er dieser misslichen Lage entkommen würde. Nichtsdestotrotz, die Genugtuung einer Antwort wollte er dem Chem-Pan-Sey nicht gegen. Der wiederum hatte nicht vor, auf eine Antwort zu warten und zuckte nur gleichgültig mit den Schultern. »Dann halt eben das Maul«, sagte er. »Der Chef hat seine Mittel, du redest früh genug.«




    Nachdem er die nächstgelegene Fassade hinuntergeklettert war, nutzte Firondhir jede noch so geringe Deckung, die die weite Promenade ihm bot: Stapel von Frachtcontainern, umherstehende Transportfahrzeuge, Treibstofftanks. Bis auf wenige Dutzend Schritte gelang es ihm, sich ungesehen seinem Ziel zu nähern. Er hätte sogar freies Schussfeld gehabt, wäre es in dieser Situation nur irgendwie von Nutzen gewesen. Doch nun verharrte er im Schatten unterhalb des Gerüsts eines riesigen Verladekrans und konnte doch nichts weiter tun, als hilflos der Szene zuzuschauen.


    Noch hatte er seine letzte Idee nicht gänzlich verworfen. Und wenn dies die einzige Möglichkeit war…


    Der Aufruf des Söldnerführers schallte zu Firondhir hinüber. Doch noch eher auch nur mit einem Gedanken darauf reagieren konnte, drang ein vertrautes Bewusstsein in seinen Geist ein und liess ihn aufmerken. Margil stand immer noch eingekeilt zwischen den beiden Chem-Pan-Sey, ihm den Rücken zugewandt. Ahnte er Firondhirs Anwesenheit? Und konnte er dann seine Absicht erraten? Immerhin, nach etlichen Reisen, die sie gemeinsam unternommen hatte, kannte der blonde Weltenwanderer ihn gut genug. Die Botschaft, die Firondhirs Geist erreicht, wenngleich völlig ohne Worte, war jedenfalls eindeutig: Eath[5]!


    Voller Zorn über die Chem-Pan-Sey, aber auch voller Zorn darüber, zur Untätigkeit verdammt zu sein, sah der Weltenwanderer zu, wie sein Freund durch die Schleuse geführt wurde. Die drei Gestalten erklommen die Landeplattform und betraten die wartende Fähre. Die seitliche Zugangsluke schloss sich zischend. Dann heulten die Maschinen auf. Das klobige, graue Schiff löste sich, einem schwerfälligen Wasservogel gleich, vom Boden, gewann schwebend langsam an Höhe, richtete sich gegen den Himmel aus und nahm schliesslich Fahrt auf. Wenige Augenblick später war es nur noch ein schwarzer Punkt vor dem trüben Himmel zwischen den Wohntürmen der angrenzenden Bezirke.


    Firondhir verharrte noch eine ganze Weile reglos und in finsteren Selbstvorwürfen versunken in seinem Versteck. Gezwungen zu sein, seinen Freund einem ungewissen Schicksal zu überlassen, verbitterte ihn zutiefst. Seine Finger spielten mit der kastanienbraunen, in eine türkise Kristallperle gefassten Haarlocke an seinem Gürtel. Sein Geist beruhigte und klärte sich. Er atmete tief ein und aus. Nun war es an ihm, etwas zu unternehmen. Aber dafür würde er Hilfe benötigen.


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    [1] Mier=Silber; Men=Hand


    [2] Am = Imperativ-Präfix; uisar = (sich) zurückziehen


    [3] Esik = schrecklich; caman = rächend: Rächer Asuryans, engl. Dire Avenger


    [4] Cre = klein; sistau = Weissheit; eadar = Lebewesen: Mensch


    [5] Eath = nein, nicht

  • II


    Das grotesk entstellte Wesen platze wie ein Ballon, als die Granate, die sich tief in den fetten, aufgedunsenen Körper gebohrt hatte, explodierte.


    Hector grinste zufrieden und richtete seinen Granatwerfer auf den nächsten Mutanten, der wie ein wild gewordener Hund auf ihn losrannte. Das kaum hörbare Klicken des Abzugs besiegelte dann auch das Schicksal dieses Angreifers. Nur wenige Augenblicke später verzierten seine zerfetzten Überreste die dreckige Nische, aus der er herausgestürmt war. Während Hector nach einem neuen Ziel suchte, blickte er schnell zu Anton, um sich zu versichern, dass der Inquisitor ohne seine direkte Unterstützung klar kam. Wie zu erwarten hatte sein Chef aber alles unter Kontrolle.


    Anton hatte aufgehört zu zählen, wie viele dieser Mutanten sie bereits getötet hatten. Eigentlich kam er nach Herna III, um Gerüchten über einen Xenos-Kult nachzugehen. Wie sich herausstellte, waren diese Gerüchte aber massiv übertrieben und es handelte sich bei dem sogenannten „Kult“ nur um eine Gruppe aufständischer Mutanten, die sich gegen die Imperiale Herrschaft stellten. Das Ganze wäre ein klarer Fall für den Adeptus Arbites oder vielleicht noch den Ordo Haereticus gewesen, doch wusste Anton, wie deren Methoden aussahen. Da er ohnehin vor Ort war, dachte er, er könnte die ganze Sache vernünftig klären – ohne unnötige Gewalt. Er hätte mit seiner Einschätzung nicht weiter daneben liegen können. Sobald er sich als Inquisitor zu erkennen gab, wollte so ziemlich jeder dieser Mutanten seinen tot. Er hatte wahrlich in ein Wespennest gestochen. Nun blieb keine andere Möglichkeit mehr, als sich aus dem Slum heraus zu kämpfen und den Fall wohl oder übel an die Arbitratoren weiterzureichen.


    Mit Schwert und Boltpistole gerüstet, musste er sich ganz auf den Schutz seiner Rüstung verlassen. Sein Schild hatte er nicht dabei, da er nicht damit gerechnet hatte, sich in einem wilden Nahkampf wiederzufinden. Trotzdem stellten die Rebellen auch in grosser Überzahl keine Gefahr dar. Ihre fast schon lächerlich primitiven Waffen – meistens rostige, defekte Werkzeuge und selbstgebaute, einschüssige Flinten – liessen Anton und seine zwei Begleiter unbeeindruckt.


    Während sie sich langsam vorwärtsbewegten, griffen ihre Feinde immer wieder in unkoordinierten, wilden Wellen an. Es war ein leichtes, die Angreifer abzuwehren, da sie im Grunde einfach auf die Gruppe zustürmten.


    Zwei gut gezielte Schüsse aus seiner Boltpistole mähten einen humpelnden Mutanten nieder, dessen viel zu langer, linker Arm auf mindesten auf das Dreifache angeschwollen war. Dann trennte er mit einem eleganten Hieb seines knisternden Energieschwertes den Kopf eines anderen, äusserst widerwertigen Exemplars ab, dass es immerhin bis zu ihm geschafft hatte.


    Neben ihm kämpfte Ashenya mit graziöser Anmut. Anton war sich bewusst, dass es ein Risiko war, sie auf Feldeinsätze mitzunehmen, aber er hatte sie gerne bei sich – und Ashenya schätze es ebenso, von der Gebirgsvagabund runter zu kommen. Der Inquisitor hatte das Alien offiziell als Mutanten registriert. Gerade auf innerhalb den unteren Ebenen einer Makropole fiel sie daher kaum auf, da es in den Slums normalerweise nur so von den entstellten Vettern der Menschen wimmelte. Der Einsatz auf Herna III war eine wunderbare Gelegenheit, wieder einmal an ihrer Seite zu kämpfen.
    Ihr schlanker, muskulöser Körper hatte eine unglaubliche Beweglichkeit. Der tödliche Tanz des reptiloiden Aliens erinnerte Anton jedes Mal wieder an die Banshee-Kriegerinnen der Eldar, deren Kampftechniken eine gewisse Ähnlichkeit hatten. Ashenya trug die traditionelle Waffe ihres Volkes; ein langer dünner Stab mit einer sichelartigen Klinge, die sowohl als Stich- oder Hiebwaffe verwendet werden konnte. Aus einem unbekannten Metall geschmiedet, war die Klinger rasiermesserscharf und von unglaublicher Festigkeit, so dass sie selbst nach unzähligen Jahren keinerlei Abnutzungsspuren hatte.
    Mit ungemein schnellen Drehungen und abwechselndem vor- und zurück, schien das türkise geschuppte Alien seine Herausforderer förmlich zu filetieren.


    »All dieser Hass...«, erklang Ashenya Stimme in Antons Kopf. »Was hat dein Imperium diesen bemitleidenswerten Kreaturen wohl alles angetan?«


    Anton wusste, das Ashenya die Antwort bereits kannte. Sie waren schon lange genug zusammen unterwegs. Trotzdem hatte sie noch immer Probleme, das Imperium so zu sehen, wie Anton es sah.


    »Das Überleben des Imperiums fordert Opfer«, antwortete Anton telepathisch. »Von den Mutanten fordert es ein ungemein grösseres Opfer… Manchmal ein zu grosses. Es sind bemitleidenswerte Kreaturen, aber wenn sie den Zusammenhalt des Imperiums bedrohen, stehen sie gegen alles, wofür ich kämpfe.«


    »Anton – du hast mich gerettet. Ich bin die letzte meines Volkes. Wenn ich dir helfen kann, dass dein Volk überlebt, so werde ich das tun. Ich kann einfach nicht glauben, dass es keinen anderen Weg gibt, dies zu erreichen...«


    Anton zögerte einen Moment, seiner Gefährtin zu antworten, da bereits eine neue Welle von Gegnern auf sie zustürmte. Ashenya konnte sich Problemlos mit ihm Unterhalten und gleichzeitig mit höchster Konzentration kämpfen, Anton dagegen liess sich von solchen telepathischen Gesprächen schnell Ablenken.


    Mit Bolterfeuer und tödlichen Schwertstreichen fällte der Inquisitor weitere vier Mutanten.


    »Ashenya, du weisst, dass ich versucht habe, einen anderen Weg zu finden. Du hast wohl vergessen, dass die uns zuerst angegriffen haben?«


    Ashenya grinste. Oder zumindest übermittelte sie eine Emotion, die Anton so interpretierte. Sich anhand ihrer psionischen Fähigkeiten zu verständigen, unterschied sich deutlich von einem normalen Gespräch im Realraum. Bei der Telepathie gab es keine Körpersprache, die man hätte lesen können. Genau so gab es weder Stimmlage noch Aussprache. Ashenya formte im Grunde genommen ihre Gedanken als Warpenergie und „beschoss“ damit Anton. Mit entsprechender Übung konnte er diese Gedanken aus den unwirklichen Strömen des Warp herausfiltern, worauf sein Geist diese für den menschlichen Verstand fassbar machte.


    Gerade zu Beginn ihrer gemeinsamen Zeit kam es immer wieder zu Missverständnissen oder Unklarheiten. Inzwischen konnten sich beide jedoch so flüssig miteinander Verständigen, als würden sie normal miteinander sprechen.


    »Ich weiss, dass du anders bist, Anton«, lachte Ashenya, nachdem der Inquisitor einen Moment stumm geblieben war. »Ich verstehe einfach nicht, wie die Menschen – dich natürlich ausgeschlossen – die Mutanten so verabscheuen können, gehören sie doch zur selben Spezies. Andererseits verstehe ich ebenso wenig, wieso diese Mutanten versuchen, das Imperium zum Fall zu bringen, ist es doch ihr einziger Schutz gegen die Teufel des Warp.«


    Anton musste sich eingestehen, in dieser Hinsicht etwas Ratlos zu sein.


    »Wenn ich darauf eine Antwort wüsste, wäre ich wohl wissender als der Imperator selbst…«


    »Für mich bist du auf jeden Fall wissend genug«, beruhige Ashenya mit sanfter Stimme. »Lass uns hier so schnell wie möglich rauskommen.«


    Die Dreiergruppe rückte weiter durch das Slumgebiet vor. Es war ein riesiges Labyrinth aus primitiven Hütten aus Blech und Müll. Gigantische Rohre und Leitungen durchzogen die stinkende Unterwelt der Makropole, während hier und da überdimensionale Aufzüge zu den verseuchten Industrieanlagen der weiter oben liegenden Ebenen führten. Die Luft war schwer und ungesund. Als Lichtquelle dienten Wärmestrahler, die vor Ewigkeiten gebaut wurden, um als Ersatz-Sonne zu dienen. Eine dicke, eingebrannte Schicht aus Staub, Giftstoffen und Öl dämpfte die Lichtkörper, so dass der ganze Slum in trübem Orange erschien. Die Stimmung war trostlos und deprimierend.


    Die Angriffe der Mutanten hatten an Intensität verloren. Anton wusste nicht, ob ihre Kräfte langsam erschöpft waren, oder ob sie sich lediglich sammelten, um mit voller Stärke einen entscheidenden Kampf zu suchen.


    Ihr Ziel lag noch eine gute Stunde entfernt, dennoch hatte Anton darauf bestanden, nur langsam vorzurücken. Er wollte unbedingt verhindern, in einen Hinterhalt zu geraten. Seine Mission war im Grunde sowieso hinfällig geworden, also standen sie nicht wirklich unter Zeitdruck.


    Hector sicherte die Gruppe nach hinten ab, während Anton die linke und Ashenya die rechte Flanke in den Augen behielten.


    Plötzlich nahm Anton vor ihnen eine Veränderung im Warp wahr. Irgendetwas war wenige Schritte vor ihnen durch die Schatten eines grossen aufgebrochenen Treibstofftanks gehuscht. Etwas, dessen Warpsignatur sich deutlich von der eines normalen Menschen unterschied.


    »Ashenya, hast du das auch gespürt?«, fragte Anton seine Gefährtin, ohne seine telepathischen Fähigkeiten zu nützen. Der Schatten gehörte ohne jeden Zweifel einem psionisch begabten Wesen – und Anton wollte es nicht zusätzlich auf sich Aufmerksam machen. Ausserdem sollte Hector auch wissen, dass etwas oder jemand um sie herum schlicht.


    Ashenya nickte stumm. Sie mochte die Sprache der Menschen nicht und versuchte wann immer möglich, sich auf andere Weise zu verständigen.


    »Sollen sie nur kommen…«, murmelte Hector von hinten, ohne sich direkt an Ashenya oder Anton zu wenden. Der Soldat war angespannt, aber keineswegs Nervös. Seit dem Vorfall auf Ysraal VI diente er Anton als Mann fürs Grobe, wobei er in unzähligen Einsätzen gelernt hatte, dass die Feinde des Imperiums überall lauern konnten. Er rechnete grundsätzlich immer mit einem Kampf – selbst in den ruhigeren Tagen, wenn er sich nicht direkt im Dienst befand. Alle paar Schritte schlug er mit dem Abzugsfinger leicht gegen das schwere Trommelmagazin seines Granatwerfers. Am Klang konnte er abschätzen, wie viele Granaten noch übrig waren, ehe er Nachladen musste. Mit der Zeit hatte er sich diese Eigenheit angewöhnt, um nicht im entscheidenden Moment ohne Munition dazustehen. Seit er auf Ysraal gesehen hatte, wie nutzlos Lasergewehre gegen die dort erwachten Xenos-Krieger waren, verzichtete er darauf, eines mitzunehmen. Mit einem grossen Vorrat Sprenggranaten fühlte er sich viel nützlicher – und sicherer.


    Anton gab ihm ein Handzeichen, näher zu kommen. Er folgte sofort dem Befehl und schloss zu den beiden anderen auf.


    »Hector«, flüsterte Anton. »Ich habe eine psionische Anomalie gespürt. Vielleicht ein unsanktionierter Psioniker.«


    »Verdammt!«, fluchte Hector. Unsanktionierte Psioniker – also solche die keinerlei Ausbildung genossen hatten und nicht unter Kontrolle der imperialen Administration standen – waren sich im besten Fall nicht einmal ihrer Fähigkeiten Bewusst. Im schlimmsten Fall waren es Hexenmeister, die mit den Dämonen des Warp paktierten. In den ausufernden Slums der Makropolenstädte war es für das Imperium kaum möglich, die Gesetzte des Imperators durchzusetzen, weswegen unsanktionierte Psioniker doch vergleichsweise häufig vorkamen. Trotzdem ging von jedem einzelnem eine riesige Gefahr aus. Anderen Inquisitoren wäre die Situation alleine Grund genug, die ganze Makropole zu Läutern. Anton war aber anders. Der Schutz des Imperiums hatte für ihn Vorrang. Seiner Meinung nach, umfasste das aber ebenso die Bürger des Imperiums, weswegen er Massaker jeder Art zu verhindern versuchte.
    Ashenya hob den Kopf an und konzentrierte sich einen Moment. Dann zeigte sie auf eine dunkle Gasse, die unter eine grosse Hütte aus Metallschrott führte. Wohl in ein unterirdisches Gangsystem.


    »Er ist weg. Ich spüre nichts mehr«, erklang ihre Stimme in Antons Kopf. »Ich rieche ein menschliches Wesen. Aus dieser Gasse.«


    »Dann bleibt uns wohl nichts anderes, als ihm zu folgen«, antwortete Anton telepathisch. Dann richtete er sich an Hector. »Ashenya hat die Fährte einer Person entdeckt. In dieser Gasse. Scheint so, als müssten wir in den Untergrund.«


    »Sind wir denn nicht schon im Untergrund?«, raunte Hector. »Diese Makropolen haben auch immer ein noch tieferes Scheissloch. Kann ich nicht einfach ne Granate reinballern und dann verpissen wir uns?«


    Anton wies Hector mit einem entnervten Blick zurecht. Natürlich wusste der Soldat, dass das keine Option war. Sein Zynismus half ihm jedoch, bei Verstand zu bleiben. Anton fand das zeitweise ermüdend, konnte aber angesichts dessen, was Hector erlebt hatte – und als Agent der Inquisition noch erleben würde – absolutes Verständnis aufbringen.


    »Ich gehe voraus«, befahl Anton mit gedämpfter Stimme. »Die Gasse ist zu schmal, um nebeneinander zu kämpfen. Ashenya folgt mir direkt nach. Hector, du haltest uns den Rücken frei.«


    Beide nickten. Dann schritt Anton dem dunklen Eingang in eine tiefere Ebene der Slums entgegen. Ein beissender Geruch nach Tod und Verwesung lag in der Luft. Das Energieschwert gezogen und bereit für den Kampf, stieg er die metallene Treppe hinab, die in einen etwa fünf Meter tieferen Korridor führte. Es war Stockfinster. Die einzige Lichtquelle war das Energieschwert, das die unterirdische Anlage in gedämpftes Blau tauchte.


    Der Gang führte in ein altes Röhrensystem. Die Rohre waren gerade gross genug, um bequem stehen zu können und breit genug, dass zwei Menschen nebeneinander Platz hatten.


    »Passt auf, dass wir uns nicht verlaufen«, flüsterte Anton zu seinen Gefährten hinter ihm. Er verfügte zwar genauso wie Ashenya eine überausragende Wegfindung, dennoch bot dieses unterirdische Labyrinth mehr als genug Gelegenheiten, sich zu verirren.


    Der Boden war mit Schrott und Müll übersäht. Immer wieder schritten sie an Bündel verdreckter, halb verrottender Tücher vorbei. Anton vermutete, dass es sich um Schlafplätze der Bewohner des Slums handelte. Genauso hätte es sich aber auch um Abfallberge handeln können, die behelfsmässig abgedeckt wurden. Der Gestank, den sie schon beim Eingang wahrgenommen hatte, wurde zunehmend stärker und unerträglicher. Dennoch sagte Ashenya weiter unbeirrt an, in welche Richtung die unbekannte Person geflohen ist. Die reptiloiden Quarr’va hatten den Menschen weit überlegene Sinne, was sich bereits mehrfach als äusserst nützlich erwiesen hatte. Anton hatte deswegen aber auch Mitleid mit Ashenya. Der Gestank musste für sie noch weit schlimmer gewesen sein.


    Nach mehreren Minuten, die sie durch die stinkenden Rohre schritten, erblickten sie ein flackerndes Licht, dass scheinbar aus einem Raum kam, in den das Rohr mündete. Murmeln, schweres Atmen und winselndes Schluchzen zeugten davon, dass sich dort lebende Wesen befanden. Vorsichtig schritten Anton und seine Truppe dem Ende der Röhre entgegen. Dort angekommen, verdeckte ein schmutziges, zerlöchertes Leinentuch den Durchgang in eine grosse Halle. Dahinter bot sich ein unerwartetes und tragisches Bild zugleich. Der Raum, der sicherlich mehrere dutzend Meter lang wie breit war, war mit unzähligen, primitiven Liegen gefüllt. Auf jeder davon lagen offenbar Bewohner des Slums. Teils auf schreckliche, bestialische Art mutiert und kaum mehr Menschlich, zum Teil aber auch deutlich als Mensch erkennbar. Viele davon hatten ihre Körper vollständig mit weiten Tüchern bedeckt – eine gängige Praxis, um besonders widerliche Mutationen zu verstecken.


    Die in der Halle liegenden Mutanten schienen allesamt Verletzt. Nur wenige schienen unversehrt. Einige hatten Verletzungen, die wohl sogar auf Antons eigene Waffen zurückgingen. Trotzdem schien keiner der Mutanten feindselig zu sein.


    »Kommt Ihr, um uns zu töten?«, erklang eine röchelnde Stimme gleich neben Anton. Der Inquisitor zuckte zusammen und drehte sich sofort der Stimme entgegen, bereit, unverzüglich Niederzustrecken, wer sich auch immer erfolgreich angeschlichen hatte. Nachdem er die Person erkannte, die gesprochen hatte, senkte er seine Waffen, blieb aber bereit, zu kämpfen.


    Vor ihm stand ein Mutant von kaum mehr als eins-vierzig Metern Körpergrösse. Der Zwerg hatte ein geschwollenes, mit Pusteln übersätes Gesicht und gelbe, verfaulte Zähne, die weit aus dem Mund hinausragten. Am Rücken hingen dort, wo eigentlich die Schulterblätter sind, zwei zusätzliche Arme leblos hinunter.


    Anton spürte, dass von dieser bemitleidenswerten Kreatur keine Gefahr ausging. Andererseits war ihm sofort klar, dass es sich bei dem Zwerg um den Psioniker handeln musste, den sie verfolgt hatten. Als der Inquisitor in den Warpraum blickte, erkannte er, wie die Seele des Mutanten von gleissendem Licht erfüllt war und wie eine pulsierende Kugel nervös zuckte.


    »Wer bist du? Was ist das für ein Ort?«


    Anton fuhr den Mutanten ungewollt schroff an. Inzwischen waren sowohl Ashenya als auch Hector bei Anton angekommen. Erstere trat neben den Inquisitor, während Letzterer den Granatwerfer in den Anschlag nahm und vorsichtig den Raum nach Gefahren absuchte.


    »Mapheph«, antwortete der Mutant, der verunsichert zu Ashenya aufblickte, sich dann aber schnell wieder Anton zuwandte. »Das ist mein Heim. Pflege Freunde hier. Wieso kommt Ihr hierher? Was sucht Ihr im Twist-Gebiet?«


    Anton liess seinen Blick durch den Raum gleiten. Diese Halle war also eine Art Mutanten-Krankenhaus. Er schämte sich. Er konnte verstehen, dass ein Zusammenleben mit normalen Bürgern des Imperiums schwierig sein konnte und die Mutanten daher zur Sicherheit aller, weitgehend isoliert werden mussten. Aber hier waren sie nicht einfach isoliert, sie waren wortwörtlich Ausgestossen. Hier etwas zu ändern, war jedoch nicht seine Aufgabe. Er hatte wichtigeres zu tun. Er musste das Imperium von den fremden Schrecken der Galaxis schützen.


    »Ich ermittle gegen einen Kult in diesem Slums«, gab Anton knapp zur Antwort. Dass er wegen Maphephs psionischer Begabung gekommen war, wollte er zunächst für sich behalten.


    Mapheph zog eine Grimasse, die sein entstelltes Gesicht noch deformierter aussehen liess.


    »Kult. Pah. Ihr meint die Rebs‘. Böse Twists. Die gehören nicht zu uns!«


    Anton überlegte einen kurzen Moment.


    »Aber du behandelst ihre Verletzen?«, sage er schliesslich, und wie auf einen der Mutanten, dessen Arm ganz offensichtlich von einem Energieschwert abgetrennt wurde.


    »Es sind Twists wie wir alle«, lachte Mapheph, der seine Vorsicht langsam aufzugeben schien. »Wenn ein Twist verletzt ist, helf‘ ich ihm. Auch wenn es n‘ Verbrecher ist. Wir halten zusammen hier. Nicht wie ihr von oben.«


    Anton musste eingestehen, dass ihm diese Sichtweise besser gefiel, als die Egozentrik, die gerade in der imperialen Oberschicht weit verbreitet war.
    »Erzähl mir von diesen… Rebs.«


    Anton wollte das Gespräch in eine angenehmere Richtung lenken. »Rebellen, richtig?«


    Mapheph antwortete ohne zu zögern. Er schien durchaus aufrichtig zu sein.


    »Aye. Rebs‘ eben. Verzweifelte Kriminelle, die denken, es würde irgendetwas ändern, wenn sie nur brutal genug sind. Dabei können sie gar nicht denken. Lehn‘ den heiligen Imperator ab. Sagen es gibt nichts ausserhalb dieser Welt. Stumpf. Dabei ist der Imperator da. Ich sehe ich ja. Sie sehen ihn nicht. Rebs‘ sin‘ Stumpf und dumm.«


    Anton wurde hellhörig.


    »Du siehst den Imperator?«


    »Ja. Sehe sein Licht. Viele Menschen sind unfair. Oder böse. Aber der Imperator beschützt. Wir sind alle seine Kinder, auch wir Twists. Er zeigt mir Dinge, die passieren.«


    »Was für Dinge?«


    »Ich weiss nicht… Bin‘ nur n‘ Twist. Manchmal die Zukunft. Manchmal Sachen, die ich nicht verstehe. Als ich die Schüsse in den Strassen gehört habe, bin ich hinaufgegangen, um Verletzte zu holen. Er hat mir gezeigt, wann die Luft rein is‘.«


    Anton schwieg einen Moment. Dieser Mutant war ein guter Mann. Und ein gläubiger Mann. Dass man unter diesen Lebensumstände noch an das Gute im Imperium glauben konnte, war beachtlich. Trotzdem war Mapheph ein unsanktionierter Psioniker. Anton musste ihn mitnehmen und der Inquisition zu übergeben. Das Risiko, dass dieser Mann dem Chaos verfiel, war äusserst gering – im Moment. Doch was würde passieren, wenn er seinen Glauben ans gute verlieren würde? Im schlimmsten Fall würde er eine Dämoneninvasion verursachen. Das konnte Anton nicht einfach ignorieren.


    »Mapheph, du musst mit mir mitkommen.«


    Schwermut lag in Antons Stimme.


    »Ihr werdet mich töten…«, seufzte Mapheph resigniert.


    Anton wollte keine falschen Versprechungen machen. Als Mutant mit Psikräften war es so gut wie sicher, dass er dem Imperator geopfert werden würde. Er selbst konnte Mapheph auch nicht ausbilden, dazu fehlten ihm das entsprechende Wissen, war er selbst doch nur ein äusserst schwacher Psioniker.


    »Du musst dem Imperator vertrauen«, entgegnete Anton. Auch wenn er nicht besonders Religiös war, war es das einzige hoffnungsvolle, das er sagen konnte. Und das keine Lüge war. »Ich weiss nicht, welchen Weg für dich auserkoren wurde. Aber der Imperator ist unser Herr. Fordert er den Tod, so bleibt nichts anderes übrig, als zu hoffen, dass der Tod dabei hilft, dass das Imperium besteht. Schenkt er das Leben, so tut er es, weil er uns für eine andere Aufgabe braucht.«


    »Ich will nicht weg. Meine Freunde brauchen meine Hilfe.«


    Anton konnte bei einem unsanktionierten Psioniker keine Kompromisse zulassen.


    »Ich will dich nicht zwingen. Aber du musst mitkommen.«


    Mapheph schaute Anton erst genau an. Dann antwortete er langsam, aber entschlossen.


    »Ich sehe, dass Ihr das müsst. Ich sehe, dass ich sterben würde, würde ich mich weigern. Lasst mir wenigstens einen Moment einige Vorkehrungen treffen.«


    Damit konnte Anton sich arrangieren.


    »Einverstanden. Aber bleib im meinem Blickfeld.«


    Mapheph nickte. Unter den wachsamen Auge des Inquisitors und seinem Gefolge, begab sich der Mutant an eine Art Arbeitstisch. Dort kritzelte er einige schnelle Notizen auf einen vergilbten Zettel, ehe er zu einem seiner Patienten lief. Dieser hatte keine äusserlichen Verletzungen, war also keiner der Rebellen. Er schien ein persönlicher Freund Maphephs zu sein. Sie sprachen einige Worte, dann küsste Mapheph ihm auf die Stirn und wandte sich ab. Mit schleppendem Schritt kam er zurück zu Anton.


    »Lasst uns gehen«, sagte er knapp und schritt voraus.


    Still gingen die Vier denselben Weg zurück, auf dem sie gekommen sind. Zurück im trostlosen künstlichen Sonnenlicht der oberen Ebene, schien die Lage sich beruhigt zu haben. Von den Rebellen war nichts zu sehen. Anton prüfte mit suchendem Blick die unübersichtliche Gasse, die vor ihnen lag. Er war schon oft in Makropolen unterwegs. Hier war es einfach zu ruhig.


    »Etwas liegt in der Luft«, sprach er gerade laut genug, dass seine Gefährten ihn hören konnten. »Seid vorsichtig.«


    Es war nicht mehr weit, bis sie den Aufzug erreichen würden, der sie zurück auf die obere Ebene bringen würde. Eine kleine Einheit des Sicherheitsdienstes würde sie in Empfang nehmen und dafür sorgen, dass ihnen keine Rebellen folgen konnten.


    Langsam rückte die Gruppe vor. Anton und Ashenya wieder an der Spitze, Hector als Rückendeckung zuhinterst. Mapheph war dazwischen – unter strenger Beobachtung von Hector, der bereits war, den Psioniker ohne zu zögern zu töten, sollte er versuchen zu fliehen. Dieser schien sich aber kaum um seine Sicherheit zu sorgen und trottete gelassen hinter Anton her.


    Plötzlich und mit einem unpassenden Tonfall, der danach klang, als ob sie sich gerade auf einem Erholungsausflug befanden, wandte er sich an Ashenya.
    »Wie kommt es, dass sie dich da draussen am Leben lassen?«


    Das Alien schaute etwas irritiert zurück und zögerte einen Moment. Ehe sie etwas antworten konnte, zischte Anton den Zwerg an.


    »Sie ist meine Angestellte. Amtlich Registriert. Mehr gibt es dazu nicht zu sagen!«


    »Anton, sei ihm nicht böse«, hörte er Ashenyas Stimme im Kopf. »Seine Frage war berechtigt.«


    »Würde er deine Begebung spüren und den falschen Leute das falsche darüber Aussagen, könnte das dein Ende sein. Das lasse ich nicht zu«, erwiderte Anton mit seinen psionischen Kräften. »Du bedeutest mir zu viel, um sowas zu riskieren. Ich verstehe diesen Mapheph, aber wir können nicht alle retten.«
    Ashenyas Stimme wurde sanft.


    »Ich weiss doch, Anton. Verglichen mit dem Rest deiner Spezies, bist du ein helles Licht. Doch auch das hellste Licht kann erlöschen, wenn es nicht genährt wird.«


    Anton wusste genau, was Ashenya sagen wollte, auch wenn er der Meinung war, dass ihre Ausdrucksweise etwas pathetisch war. Eigentlich war er sogar froh, dass sie sich darum Sorge, dass er nicht eine kalte Maschine wurde, die ohne jede Menschlichkeit einfach nur ihre Aufgabe erfüllte. Inquisitoren dieser Sorte gab es mehr als genug.


    Trotzdem mochte er es nicht, wenn Ashenya sein Handeln bewertete. Er war sich bewusst, was er tat, und was die Konsequenzen davon waren. Er brauchte niemand, den ihn noch extra darauf hinwies.


    »Ashenya, lass gut sein«, antwortete er telepathisch. »Ich bin hervorragend…«


    Ein lauter Knall zerriss die ruhe, als eine improvisierte Sprengladung unweit vor Anton explodierte. Sofort ging Anton hinter einem Stapel massiver Metallbehälter in Deckung, der sich glücklicherweise gleich zu seiner linken befand. Ashenya sprang zur Seite und suchte im Eingangsbereich einer Blechhütte schütz.


    Ehe Anton die Situation analysieren konnte, antwortete Hector dem Angriff. Mit Todesverachtung versuchte er nicht einmal, Deckung zu suchen, sondern stand mitten auf der offenen Strasse und schoss in kurzer Folge fünf Granaten gegen einen unsichtbaren Feind. Die Sprenggranaten explodierten in etwa zehn bis zwanzig Meter Entfernung auf der Fassade eines heruntergekommenen Wohnblocks, der stark an eine Bauruine erinnerte. Unter der Wucht der Explosionen, stürzte die gesamte Hausfront mit einem ohrenbetäubenden knarren und kreischen zusammen, als die massiven Stahlträger funkensprühend unter dem grossen Gewicht des Oberbaus nachliessen.


    Hector feuerte zwei weitere Granaten ab, ehe er Mapheph am Kragen packe und zu Anton hinter seine Deckung schleifte.


    »Muties im ersten bis vierten Stock. Hab‘ diese Krüppel zu spät gesehen.«, knurrte der hartgesottene Soldat.


    Noch bevor Anton antworten konnte, begann ein schweres Maschinengewehr, sie mit Dauerfeuer einzudecken. Glücklicherweise schienen die Metallbehälter äusserst stabil zu sein.


    »Die haben dazugelernt, was?«, witzelte Hector, der das ganze völlig kalt zu lassen schien.


    »Sieht so aus«, gab Anton knapp zurück.


    »Du musst uns Deckungsfeuer geben. Mit schweren Waffen sind sie uns auf Distanz klar überlegen. Wenn Ashenya und ich es bis zum Gebäude schaffen, sind sie geliefert.«


    Hector nickte bestätigend. Dann legte er ein neues Granatenmagazin bereit, tauchte über der Deckung auf und feuerte das ganze angebrochene Magazin leer. Die ganze Aktion dauerte nur Sekunden, doch Anton hatte hervorragende Reflexe. Sobald Hector zu feuern begann, gab er Ashenya Anweisungen, ihm zu folgen, und stürmte los. Mit grossen Sprüngen rannte er dem Gebäude, in dem sich der Feind verschanzt hatte, entgegen. Ashenya war gleich neben ihm. Die Granatensalve Hectors zeigte Wirkung: Ein tosender Feuerball zwang die Rebellen in Deckung, das schwere Maschinengewehr stellte das Feuer ein.


    Obwohl einige einzelne Schuss an ihnen vorbei zischten, erreichten Anton und Ashenya ihr Ziel unbeschadet. Glücklicherweise hatten die Rebellen keinerlei militärische Ausbildung und waren entsprechend schreckliche Schüsse. Die improvisierten, schlecht gewarteten Waffen, trugen auch nicht besonders dazu bei, ein bewegliches Ziel zu treffen.


    Im inneren des Wohngebäudes herrschte absolute Zerstörung. Die Sicht war durch dicken, schwarzen Rauch erschwert. Unmengen an Tücher, verschiedene Matratzen und eine ganze Auswahl an einfache Holzmöbel standen in Flammen, was die Temperatur auf ein unangenehm hohes Niveau trieb. Anton war dankbar, dass er eine Servorüstung trug – und Ashenya war sowieso widerstandsfähig genug, um mit fast allen Umständen klar zu kommen.


    Sie sahen eine Handvoll Mutanten, von der Explosion zerrissen oder vom nachfolgenden Feuer verbrannt. Hector hatte das Erdgeschoss bereits vollständig gesäubert. Anton suchte nach einem Weg in das nächste Stockwerk und fand an der Rückseite des grossen, offenen Raumes eine einfache Betontreppe, die nach oben führte. Er gab Ashenya zu verstehen, ihm zu folgen.


    Bevor er die Stufen erklomm, blickte er in durch den Warp, um sich ein Bild der Situation zu machen. Über ihm flackerten etwa zwölf Seelen in mattem Grau. Sie waren über die ganze Fläche des Stockwerks verteilt, wussten also noch nicht, dass er jeden Moment zum Angriff übergehen würde.


    Er teilte seine Gedanken kurz Ashenya mit, auch wenn er sich sicher war, dass sie die Lage wohl selbst geprüft hatte. Dann hechtete er die Treppe hinauf, bereit, alle niederzumachen, die sich ihm in den Weg stellten.


    Der erste Stock entsprach in seiner Bauweise dem Erdgeschoss. Das ganze Stockwerk war ein grosser, offener Raum mit einigen wenigen Betonpfeiler, die die nächste Ebene stützen. Schimmlige Tücher hingen an rostigen, an den Wänden befestigten Eisenketten, um als Raumteiler zu fungieren. Der Boden, der aus Blechstücken bestand, die vermeintlich willkürlich über mächtige Stahlträger gelegt worden waren, war mit Müll und Dreck übersäht.


    Die der Gasse zugewandte Aussenwand war fast vollständig zusammengestürzt. Der dünne Beton wurde durch die Wucht der Granatexplosionen förmlich pulverisiert. Einige der Bodenträger hatten sich gelöst und waren mitsamt den abdeckenden Blechplatten in die Gasse abgerutscht. Die massive Zerstörung zeugte davon, wie instabil das Gebäude gewesen war. Anton musste aufpassen, dass es nicht zusammenstürzte, während sie sich im Nahkampf befanden.


    Glücklicherweise war die Treppe einer eigener „Raum“, so dass die Tücher Anton und Ashenya von den Blicken der Mutanten abschirmten. Das Überraschungsmoment würde auf ihrer Seite liegen. Mit einem kurzen Nicken gab er den Befehl zum Angriff. Anton stürmte durch die Leinentücher in den nächsten Raum und visierte sofort den Feind an. Es war ein massiger Mutant mit extrem muskulösem Oberkörper. In seinen Händen hielt er das Schwere Maschinengewehr, das er wohl einfach aus der Hüfte abgefeuert hatte. Als er Anton bemerkte, war es bereits zu spät. Er versuchte noch, das Maschinengewehr als Knüppel verwendend, Anton mit einem brutalen Hieb abzuwehren. Doch während er zum Schlag ausholte, drang die knisternde Klinge von Antons Energieschwert mitten in seine Brust. Das Maschinengewehr fiel ihm vor Schmerz aus der Hand, ehe er dem Inquisitor hätte gefährlich werden können. Mit einem unheimlichen, erstickenden Gurgeln sank er auf die Knie. Anton richtete seine Boltpistole auf den Kopf des Mutanten, der ihn geschockt und verwirrt zugleich anstarrte. Dann drückte er den Abzug. Als das Raketengeschoss ein Ziel traf, explodierte der Schädel des Mutanten. Knochen barsten und ein Gemisch aus Blut und gelblicher Hirnmasse regnete um den Mutanten nieder. Ohne zu zögern sprang Anton weiter, um seinen nächsten Gegner zu fällen.


    Der Nahkampf war schnell und blutig. Nach nicht einmal einer Minute war das Stockwerk gesäubert. Ashenya hatte sich in den letzten Jahren zu einer gefährlichen Nahkämpferin entwickelt und hatte mindestens ebenso vernichtend gewütet, wie Anton.


    Von der Gasse erklangen Schüsse, die alsbald von donnernden Explosionen beantwortet wurden. Hector war unter Beschuss geraten. Anton war sofort klar, dass sie so schnell wie möglich zu ihrem Freund mussten.


    »Ashenya, Hector braucht unserer Hilfe… Los!«, brüllte er und stürzte die Treppe hinunter.


    Im Erdgeschoss hatten sich die Brände weiter ausgebreitet. Es war ohnehin höchste Zeit, das Gebäude zu verlassen. Anton stürmte entschlossen durch das flammende Inferno nach draussen. Er war beruhigt, dass Ashenya gleich hinter ihm war. Er hätte sie auf keinen Fall hier zurücklassen können. Dennoch machte er sich Sorgen um Hector, der wohl alleine einer Übermacht gegenüber stand.


    Aussen auf der Gasse bestätigte sich seine Vermutung. Eine ganze Horde Mutanten rückte durch die Gasse vor, aus der sie ursprünglich gekommen waren. Hector befand sich noch immer hinter den Metallbehälter in Deckung, wenn auch nun auf der gegenüberliegenden Seite. Mapheph lag neben ihm am Boden. Sowohl Ashenya und Anton sprinteten über die Strasse zu der Verteidigungsstellung ihres Gefährten. Schüsse peitschen ihnen entgegen, doch verfehlten sie die ungeübten Mutanten mit ihren grobschlächtigen Waffen. Anton erwiderte das Feuer mit seiner Boltpistole und streckte gleich zwei der Angreifer nieder.


    Als sie bei Hector angekommen waren, fragte Anton sofort nach der Lage.


    »Die Hunde sind zahlreich…«, fluchte Hector. »Sie wollten uns in den Rücken fallen. Dem Imperator sei Dank, hatte ich genügend Granaten mitgenommen.«


    »Bist du verletzt?«, wollte Anton ernsthaft besorgt wissen.


    »Ich? Nein. Ich bin den Muties wohl zu hübsch. Aber unser neuer Freund hat‘s erwischt…«


    Hector zeigte auf Mapheph. Anton kniete sich zum Psioniker nieder. Ein Schuss hatte ihn an der Schulter getroffen und ein grosses Loch aufgerissen. Er konnte seinen Arm nicht mehr bewegen, der nun so leblos wie vom Körper hing, wie das zusätzliche Armpaar am Rücken. Blut lief ihm aus dem Mund.


    »Von… Freunden… getötet…«, keuchte er der Bewusstlosigkeit nahe. Anton wusste, dass er nicht mehr lange zu leben hatte. Er machte sich bereit, ihn mit der Boltpistole von seinem Leid zu erlösen, als seine Warpsignatur plötzlich spürbar stärker wurde.


    »Inquisitor…«


    Mapheph starrte ins Leere, als ob er seine Umgebung nicht mehr wahrnehmen würde.


    »Du wirst brennen… Wenn der Drache fällt… Ein langes Ende… Pein… Nicht… zum… goldenen…«


    Der Mutant konnte seinen Satz nicht mehr fertigsprechen. Anton verstand ohnehin nicht, was die kryptischen letzten Worte hätten bedeuten sollen, doch schien es nicht gerade eine frohe Voraussage zu handeln. Hatte der Schmerz Mapheph die Sinne vernebelt, oder war es eine Eingebung des Imperators? Oder hatten zuletzt doch noch die Dämonen seinen Geist korrumpiert?


    Anton war fürs erste Ratlos, wollte dem aber später nachgehen. Nun mussten sie aber zuerst aus diesem Slum verschwinden.


    Bevor er etwas sagen konnte, liess ein lautes Brummen die drei Gefährten aufhorchen. Aus Richtung ihres Ziels rollte eine Panzerkolonne die schmale Gasse hinunter. Wo der Durchgang zu klein war, hielten die Panzer ihren Kurs und rissen einfach die Fassaden der sowieso Baufälligen Gebäude ein. Anton erkannte das Symbol des Adeptus Arbites, das die Front der bewaffneten Truppentransporter zierte. Eine Ironie – er wollte die Probleme der Mutanten gewaltlos lösen, hatte dadurch aber solch schwere Kämpfe ausgelöst, dass der Adeptus Arbites sich offenbar zum Handeln gezwungen sah. Sie waren zwar gerettet, doch würde der ganze Slum nun das gnadenlose Gericht der imperialen Justiz zu spüren bekommen. Ob Rebell oder nicht, würde keine Rolle spielen, wenn die Arbitratoren mit ihrer Säuberung beginnen würden.

  • III


    Konstantijn betrat sein Zimmer in einer einfachen Pension am Rande des Hafenbezirks. Der kleine Raum mit seinen in einem trostlosen, aus Grün und Hellgrau gemischten Farbton gestrichenen Wänden war spartanisch eingerichtet: ein Bett mit einfachem Stahlrahmen, ein blecherner Spint, ein Tisch mit Kunststoffplatte, ein ungepolsterter Stuhl. Die angrenzende Nasszelle war Dusche und Toilette in einem.


    Sein mit nahezu unbegrenzten Befugnissen ausgestattetes Amt hätte ihm jede beliebige Unterkunft in der Makropole verschaffen können, selbst die Stadtvilla des planetaren Gouverneurs, wenn ihm danach gewesen wäre. Tatsächlich war ihm und seinem kleinen Gefolge der Gästeflügel angeboten worden. Aber Konstantijn zog es stets vor, nicht viel Aufhebens um seine Person zu machen. Unauffälligkeit war ein Teil des Erfolges seiner Arbeitsweise - und auch ein Stück weit Überlebensversicherung. So war es glaubwürdiger, sich als Freihändler auf der Durchreise auszugeben. Davon abgesehen entsprach es der Bescheidenheit, die die oranische Form des Imperialen Glauben lehrte, die er von Kindheit an verinnerlicht hatte.


    Er verriegelte die Tür hinter sich und stellte seine Teetasse auf dem schlichten Metalltisch ab. Mit Milchpulver und Synthzucker hatte er versucht, etwas ähnliches wie Friesthee hinzubekommen. Es schmeckte grauenhaft.


    Erst jetzt wurde er der Veränderung gewahr. Nichts Physisches. Seine Unterlagen, sein bescheidenes Gepäck, alles lag und stand noch an der gleichen Stelle, wie er es hinterlassen hatte, als er nach unten in den Speiseraum gegangen war. Und wohlweislich hatte er sein Zimmer beim Verlassen abgeschlossen.


    Konstantijn war Psioniker der Stufe Theta, aber seine telepathischen Fähigkeiten waren nur schwach ausgeprägt. Dass er nun eine Präsenz wahrnahm, konnte nur bedeuten, dass ein psionisch stärkeres Individuum anwesend war. Er erkannte sogar die vertraute Fremdartigkeit des Geistes. Mit einem leichten Seufzen, dass zwischen Unverständnis und Belustigung schwankte, drehte er sich wieder der Tür zu. „Ihr wisst, dass ihr euch bei mir nicht einschleichen müsst.“


    Eine hochgewachsene Gestalt in einem langen schwarzen Mantel, bis eben noch völlig unsichtbar, trat aus dem Schatten der Zimmerecke und zog die Kapuze vom Kopf.


    Konstantijn erschrak. Das Gesicht des Eldar-Weltenwanderers war noch ernster als sonst. Und er war allein.


    »Was ist geschehen, wo ist Margil?« fragte der Inquisitor.


    Knapp berichtete Firondhir, was in der Gasse vorgefallen war.


    Konstantijn setzte sich an den Tisch, stütze die Ellbogen auf und legte das Kinn auf die gefalteten Hände. Nachdenklich sah er den Eldar an.


    »Das ist eine verzwickte Lage«, sagte er.


    »Was willst du damit sagen, Miermen?« fragte der Weltenwanderer. »Was zu tun ist, steht ausser Frage.«


    »Wir sind einem einflussreichen Amtsträger auf der Spur, der höchstwahrscheinlich unter dem Einfluss von Tzeentch steht. Mit ziemlicher Sicherheit, nach allem, was du mir erzählt hast. Wenn wir jetzt nicht zuschlagen, verschwindet er womöglich auf Nimmerwiedersehen. Ich kann es mir nicht erlauben, mich jetzt mit anderen Dingen zu befassen.«


    »Das ist deine Angelegenheit, QuasKarun. Wir helfen dir gegen einen gemeinsamen Feind. Doch glaube nicht, dass du uns behandeln kannst, wie deine entbehrlichen Gefolgsleute.«


    Konstantijn presste die Lippen aufeinander. Das Leben eines einzelnen Eldar hatte für sie den tausendfachen Wert des Lebens hunderttausender Menschen. Selbst ZarAsuryan, eines der wenigen den Menschen nicht feindlich gesinnten Weltenschiffe, folgte diesem Grundsatz. Doch was arrogant und verächtlich klang, ergab, genauer betrachtet, Sinn. Sie waren verschwindend wenige im Vergleich zur Menschheit. Wie viele Menschen die Galaxis bevölkerten, wusste wahrscheinlich nur der Imperator selbst. Für die Eldar zählte jedes Leben, sie hatten keines zu verschwenden und sie kämpften verbissen darum.


    Doch hätten sie diese Überzeugung bei ihrer ersten Begegnung nicht auch auf ihn selbst angewandt, würde er jetzt nicht hier sitzen. Unwillkürlich drückten die Finger seiner rechten Hand auf den Handrücken der silbernen Phantomkristall-Prothese, die seinen linken Arm bis über den Ellenbogen ersetzte. Das psireaktive Alien-Material fühlte sich hart und dennoch warm an. Seine Fingerspitzen ertasteten die filigran eingearbeiteten Umrisse des doppelköpfigen Imperialen Adlers, stilisiert in der abstrakten Form einer Aeldari-Rune. Eigentlich war das gesamte Stück eine einzige Blasphemie – die er inzwischen als Teil seines Körpers empfand.


    Resigniert schüttelte er mit dem Kopf und griff nach einem kleinen Sprechgerät, dass neben ihm auf dem Tisch gelegen hatte.


    »Henk, kom alsjeblieft naar me toe«, sagte der Inquisitor im oranischen Dialekt seiner Heimatwelt, den Firondhir nur vage verstand.


    Keine Minuten später öffnete sich die Zimmertür. Ein stämmiger Mann mit derben Gesichtszügen und angegrautem Bürstenhaarschnitt in schwarzer Militärkluft betragt den Raum. Ausser einer geholsterten Laserpistole trug er keine Waffen. Alles an seinem Erscheinungsbild liess einen gestandenen Veteranen der PVS oder des Astra Militarum erkennen.


    »Wat kan ik voor je doen, mijn jongen?« fragte er. Erst auf den zweiten Blick entdecke er den Weltenwanderer in der Zimmerecke. Unwillkürlich zuckte seine Hand zu der Pistole, entspannte sich jedoch sofort wieder. »Ah, de sluipschutter«, grummelte Henk. »Waar is je blonde vriend, Schaduwsluiper?«
    Firondhir sah den Menschen finster an.


    »Wir müssen unsere Pläne ändern, Henk«, unterbrach Konstantijn in allgemeinem Niedergothisch, ehe das Gespräch sich in unerwünschte Richtungen entwickelte. »Etwas ist schiefgelaufen und Firondhir und ich müssen dem nachgehen. Aber er hat den Kommodore ausfindig gemacht, wir wissen, wo er sich aufhält. Setz alle Männer, die wir haben, darauf an, ihn nicht aus den Augen zu verlieren, bis ich wieder da bin.«


    »Ist das dein Ernst? Der geht uns glatt durch die Lappen, wenn wir jetzt nicht zugreifen.«


    Konstantijns strenger, doch nicht missfallender Blick, machte jede Antwort überflüssig. Henk zuckte mit den Schultern. »Wie du willst. Du bist der Inquisitor.«


    In aller Kürze, aber mit der notwendigen Detailtreue, informierte Konstantijn seinen Adjutanten. Der nahm die Unterlagen, die auf dem Schreibtisch lagen, an sich, ebenso wie ein inquisitoriales Ermächtigungsdokument. Ehe er zur Tür hinausging, drehte Henk sich noch einmal um.


    »Je komt in de problemen met de Xenos, mijn jongen.«


    Konstantijn seufzte. »Weet ik.«


    Als Henk gegangen war, griff Konstantijn nach seinem verwaschenen, blassorangenen Mantel und der Boltpistole. Firondhir betrachtete das Kleidungsstück skeptisch. »Eine sehr auffällige Farbe für jemanden, der im Geheimen arbeitet.«


    »Besser ich falle auf, als du«, entgegnete der Inquisitor.


    Dann verliess er seine Unterkunft und schlug den Weg zur Hafenverwaltung ein. Heimlich wie ein Schatten folgte ihm der Weltenwanderer.


    Die Hafenverwaltung war eines jener erschlagenden Bürogebäude, wie man sie in den weltenüberwuchernden Makropolen zu Hunderttausenden fand: ein wuchtiger, hoch aufragender Kasten aus Beton und Plaststahl, der vielleicht irgendwann einmal eine Farbe gehabt haben mochte, nun aber nur noch von anthrazitfarbenen Schichten aus Staub, Russ und anderen Ablagerungen überzogen war. Fenster an Fenster reihten sich gleichförmig wie ein Schachbrett über die Fassaden, umrahmt von unzähligen der omnipräsenten Totenschädel.


    Kurz bevor sie ihr Ziel erreicht hatten, war Firondhir verschwunden. Konstantijn wunderte das wenig. Es war die Eigenart der Weltenwanderer. Es ersparte ihm die Mühe, seinen Begleiter zu erklären. Der Inquisitor hatte keine Zweifel, dass er den Eldar bald im Inneren des Gebäudes wiedertreffen würde. Er musste grinsen. Die Fähigkeiten der Eldar-Weltenwanderer stellten sämtliche imperialen Sicherheitsvorkehrungen bloss. Ein weiterer Grund, warum er ihre Hilfe bei seiner Arbeit schätzte.


    Der Inquisitor betrat das Verwaltungsgebäude durch die überdimensionierte, zweiflügelige Tür aus poliertem Messing. Die Empfangshalle, mindestens fünf Stockwerke hoch, war genauso hässlich wie das Äussere. Tatsächlich unterschieden sich die Wände, die das mit schwarzem Marmorimitat ausgelegte Foyer einschlossen, in nichts von der Fassade. Ein gewaltiger Leuchter aus Stahl war hoch oben an Ketten zwischen den Wänden aufgespannt. Die flackernde Kerzen imitierenden Leuchtkörper tauchten die Halle in ein unzureichendes, trübes Licht, das von den dunklen Wänden und Boden weitgehend aufgeschluckt wurde. Prunk und Repräsentation der imperialen Institutionen und billige, zweckdienliche Funktionalität hatten das Gleichgewicht verloren und waren zu dieser Monstrosität von einem Bauwerk ineinander gestürzt.


    Keine zwei Minuten hatte der Inquisitor sich in der menschenleeren Eingangshalle umgesehen, als ein Serviceservitor auf ihn zugeeilt kam. Seinen staksenden Bewegungen nach schienen sich unter der langen, marineblauen Robe mehr als nur zwei Beine zu befinden. Arme schienen dem halb biologischen Konstrukt zu fehlen. Das zweifellos menschliche Gesicht war hinter einer chrompolierten Maske verborgen.


    »Der Herr wünschen?« erklang die tonlos-metallische Stimme aus dem schmalen Lautsprecher an der Stelle des Mundes.


    »Den Magister Portūs«, antwortete Konstantijn, während er seine an einer Goldkette befestigte Rosette aus der Innentasche seiner Jacke zog. Die tiefroten Linsenaugen des Servitors fokussierten sich auf das inquisitoriale Amtszeichen. Offenbar war er ein höher entwickeltes Modell mit visueller Objekterkennen. Jedenfalls drehte er sich im nächsten Moment auf der Stelle um und schepperte: »Jederzeit zu ihren Diensten, Herr Inquisitor. Bitten folgen Sie mir.«


    Der Servitor führte Konstantijn die breite Freitreppe am Ende der Halle hinauf und dann über einige weitere Treppen vor eine grosse, dunkle Tür. Der Maschinenmensch verneigte sich steif mit den Worten: »Der gnädige Herr erwartet sie« und zog sich trippelnd zurück. Als Konstantijn die Hand auf die Klinke legte, bemerkte er einen Schatten im Augenwinkel. Mit einem knappen Lächeln öffnete er die Tür und hielt sie einen Moment einen Spalt auf, bevor er in das Büro trat.


    Der Hafenmeister, ein älterer, hagerer Mann mit silbergrauen Haaren wie ein Topfhelm, sah von seinem opulenten, mit vergoldeten Schnörkeln verzierten Schreibtisch auf. Sein Gesicht wurde zunehmend ungehaltener, während er den jungen Mann betrachtete, der eben eingetreten war: ein ovales, blassrosa Gesicht, graugrüne Augen, die rotblonden Haare kinnlang und scheinbar ungekämmt, ein abgetragener Mantel in beinahe der gleichen Farbe über einer einfachen, blauen Jacke, schwarzen Hosen und braunen Lederstiefeln.


    Leicht gereizt, aber dennoch bemüht, einen Rest Höflichkeit zu erhalten, sprach er den Eintretenden an: »Junger Mann, bitte verlassen Sie augenblicklich mein Büro. Sie wurden nicht hereingebeten und ich erwarte…«


    Konstantijn wartete nicht, bis der Hafenmeister zu Ende gesprochen hatte, sondern zog seine Rosette hervor. Augenblicklich verstummte der Beamte. Es dauerte fast eine halbe Minute, bis er seine Sprache wiedergefunden hatte. Dass Konstantijn die Zeit geduldig und ohne ein Wort zu sagen abwartete, erhöhte die Peinlichkeit der Situation für den Mann noch um einiges.


    »Herr Inquisitor, ich bitte um Verzeihung«, stammelte er, »ich hatte nicht erwartet… Wie kann ich Euch weiterhelfen?«


    Erst jetzt fiel dem Hafenmeister der Begleiter des jungen Mannes auf: eine hoch gewachsene, scheinbar schlanke Gestalt in einem langen, schwarzen Mantel, das Gesicht verborgen hinter einem ebenso schwarzen Schal und einer tief in die Stirn gezogenen Kapuze. Irgendetwas an ihr wirkte fremdartig, selbst wenn – oder vielleicht gerade weil - sie völlig regungslos dastand. Er hatte ihn nicht eintreten sehen. Verunsichert wanderte der Blick des Mannes zwischen den Fremden und dem Inquisitor hin und her. Als Konstantijn jedoch nur kurz ein langsames Kopfschütteln andeutet, sammelte der Hafenmeister sich wieder und konzentrierte sich ganz auf seinen Gast.


    »Ich benötige die Daten zu allen ausgehenden Schiffen der letzten 24 Stunden«, antwortete Konstantijn auf die Frage.


    Der Hafenmeister nickte eifrig. Kurz war er davor gewesen, nach dem Grund zu fragen, wie es sonst seine Gewohnheit gewesen wäre. Doch dann fiel ihm wieder ein, mit wem er es zu tun hatte. Der Amtmann beugte sich über die ausladende, in seinen Schreibtisch eingearbeitete Tastatur und öffnete mit einigen umständlichen Eingaben das Hauptverzeichnis der Schiffsbewegungen, die daraufhin in grün glimmenden Zahlenreihen auf dem ebenfalls in die Tischplatte eingelassenen Bildschirm angezeigt wurden.


    »Zu ihrer Verfügung, Herr Inquisitor.« Mit einer ausladenden Geste bot der Hafenmeister Konstantijn seinen Stuhl an. Als dieser Platz genommen hatte, warf er dem Mann, der immer noch neben ihm stand, einen auffordernden Blick über die Schulter zu.


    »Ah… Dann lasse ich Euch jetzt in Ruhe arbeiten«, sagte er. »Falls Ihr etwas benötigt, findet ihr mich nebenan bei meinem Sekretär.« Mit einer kurz angedeuteten Verbeugung verliess der Hafenmeister das Zimmer durch eine Seitentür.


    Firondhir musste unter seiner Maske lächeln. Im Vergleich zu den Asuryani war die Körpersprache der Cresistauead unbeholfen, oberflächlich, geradezu primitiv, aber zweifelsohne wirkungsvoll. Und Konstantijn beherrschte sie so auffallend, dass es sogar einem Aeldari Anerkennung abringen musste. Dann trat der Weltenwanderer an den Schreibtisch heran und stelle sich neben den Inquisitor.


    Konstantijn fuhr mit den Fingern über den Bildschirm. Berührungssensitive Displays waren eine technologische Rarität und nur bei den wichtigsten Institutionen der wohlhabendsten Welten zu finden. Die Hafenbehörde eines für den Subsektor bedeutenden Verkehrsknotenpunktes gehörte offensichtlich dazu.


    »Kannst du dich an die Abflugzeit erinnern?« fragt er Firondhir, ohne von dem Schirm aufzuschauen.


    »Nicht in eurer Zeitmessung«, antwortete der Eldar.


    »Na gut. Irgendetwas anderes?«


    »Die Bezeichnung der Landeplattform und die Nummer der Fähre. Aber ich kann sie nicht aussprechen.«


    Konstantijn seufzte. Er rückte den Stuhl beiseite und verwies Firondhir auf dem Bildschirm. Der Weltenwanderer zog seine Kapuze ab und den Schal vom Gesicht und beugte sich über das Display.


    »Diese.« Er deutete mit dem Finger auf die Spalte, die die Nummer der Landeplattform trug. Augenblicklich vergrösserte sich der Bereich und verdrängte die Daten der anderen. Firondhir ging die Kolonnen durch, bis er schliesslich innehielt und auf eine Zeile wies. »Das ist die Bezeichnung.«


    Konstantijn besah sich den Eintrag und tippte auf die Flugnummer. Sofort öffnete sich ein Fenster mit den weiteren Informationen.


    »Ziel der Fähre war ein Schiff namens Yukikaze. Eigner ist ein Freihändler namens Emanuel von Drach. Es hat den Orbit vor weniger als zwei Stunden verlassen. Ziel…«


    Im selben Moment klopft es, und noch bevor Konstantijn antworten konnte, öffnete der Hafenmeister die Tür.


    »Darf ich den Herren etwas b…«. Der Mann verstummte mit offenem Mund, als er Firondhir sah: das ungewöhnlich längliche Gesicht mit den hohen Wangenknochen, die schmalen, leicht schräg stehenden Augen, die ihn finster anblitzten, die alabasterweisse Haut, die spitzen Ohren, die aus den schwarzen, zu einem offenen Zopf hochgebundenen Haaren herausragten.


    Konstantijn drehte sich ruhig dem Beamten zu. »Wir brauchen nichts, danke. Wir haben gefunden, wonach wir gesucht haben. Jetzt lassen wir Sie allein, Magister. Sie haben sicherlich noch andere Pflichten, von denen wir sie nicht länger als nötig abhalten wollen.«


    »Ja… ja«, stammelte der Mann, rührte sich aber nicht von der Stelle, währen der Inquisitor einen Schritt auf ihn zutrat. Derweil legte sein fremdartiger Begleiter wieder seine Vermummung an. Weniger als einen Meter vor dem sichtlich nervösen Beamten blieb Konstantijn stehen, zog noch einmal seine Rosette aus der Jackentasche und liess den Anhänger demonstrativ unter seine Jacke gleiten, als wäre dies der eigentliche Zweck der Handlung gewesen.
    »Es versteht sich natürlich von selbst, dass alles, was Sie hier gesehen haben, Geheimsache der Inquisition ist. Weder mein Begleiter noch ich selbst waren jemals hier.«


    »Es versteht sich von selbst«, wiederholte der Hafenmeister tonlos.


    »Sie sind ein einsichtsvoller Mann«, sagte Konstantijn und verabschiedete sich mit dem Zeichen des Aquila. »Der Imperator beschützt.«


    »Der Imperator beschützt«, antwortete der Hafenmeister, immer noch verwirrt, während der Inquisitor und der Fremde sein Büro verliessen.


    »Das gefällt mir nicht«, sagte Firondhir, als die beiden sich wieder auf der Strasse befanden.


    »Mir auch nicht«, gab Konstantijn zurück. »Aber wahrscheinlich meinst du etwas anderes als ich. Wie auch immer, wir müssen uns ein Schiff besorgen. Und zwar so schnell wie möglich.«


    Gut drei Stunden nach ihrem Aufbruch kehrten der Inquisitor und der Weltenläufer in das Gasthaus zurück. Henk erwarte sie in Konstantijns Zimmer. Locker zurückgelehnt, die Hände auf dem Schoss gefaltet, saß er auf dem einzigen Stuhl.


    Konstantijn sah ihn kurz an, streifte den Mantel ab und ließ sich in Ermangelung anderer Sitzmöbel wortlos auf das Bett fallen. Er musste kein Telepath sein, Henks mürrischer Gesichtsausdruck genügte.


    »Hij is weg«, sagte der Soldat.


    Der Inquisitor fuhr sich mit beiden Händen über das Gesicht. Die Sache war erledigt. Monate der Ermittlungsarbeit. Alles, was ihm blieb, war die Hoffnung, dass ihre Zielperson in der Zwischenzeit keinen irreparablen Schaden anrichtete. Eine vage Hoffnung.


    Firondhir stand wortlos in der Ecke, aber Konstantijn konnte seine Erwartungshaltung spüren. Seis drum, jetzt konnte er sich auch dieser Angelegenheit widmen. Er erhob sich, sammelte seinen Mantel ein, ging auf die Knie und holte sein Schwert unter dem Bett hervor. Die einschneidige, leicht gebogene Klinge steckte in einer Scheide aus dunkelrotem Leder. Die geschwungene Parierstange und der schlanke, mit fein verflochtenen Schnüren umwickelte Griff verriet eine Herkunft der Waffe abseits der üblichen imperialen Herstellung.


    »Du hast nicht vor, was ich denke«, warf Henk ein.


    Konstantijn legte die Waffe und den Mantel auf das Bett. Anstatt die Frage zu antworten, gab er Anweisungen.


    »Setzt alle verfügbaren Mittel daran, die Spur des Kommodores wieder aufzunehmen. Du hast alle Vollmachten, die du brauchst. Sobald das hier erledigt ist, werde ich mit dir Kontakt aufnehmen. Ich hoffe, dass wir die Angelegenheit und grossen Aufwand und Aufsehen hinter und bringen können.« Er hielt kurz inne, ehe er mit weicherer Stimme weitersprach. »Und ich vertraue dir Channa an. Gib gut auf sie Acht.«


    Henk nickte. Er kannte Konstantijn fast dessen ganzes Leben, lange bevor er Inquisitor war. Ihm etwas auszureden, zu dem er fest entschlossen war, war beinahe unmöglich.


    Der Inquisitor fuhr fort, einige Reiseutensilien in eine Umhängetasche aus Segeltuch zu packen.


    »Ist die Orestes noch im Orbit?« fragt er.


    »Soviel ich weiss, ja. Wir hatten sie nicht angewiesen, zu warten.«


    Als Konstantijn seine Vorbereitungen abgeschlossen hatte, griff er nach Schwert und Mantel, zog sich das Kleidungsstück über und schwang die Waffe über den Rücken. Henk erhob sich vom Stuhl, trat dem Inquisitor gegenüber und legte ihm die Hände auf die Schulten.


    »Zorg goed voor jezelf, mijn jongen.«


    »Ik wel, maak je geen zorgen. Wir statten einem Freihändler einen Besuch ab. Da erwarte ich wenig, was sich nicht mit Geld oder guten Worten lösen lässt. Tot ziens.«


    Konstantijn warf sich die Tasche über die Schulter und verliess das Zimmer. Firondhir wandte sich um, ihm zu folgen. Bevor er durch die Tür gehen konnte, stellte Henk sich ihm in den Weg und richtete seinen rechten Zeigefinger auf den Weltenwanderer. »Ihr schuldet uns was, Eldar.«


    Der Weltenwanderer antwortete mit einem ernsten Blick und einem knappen Nicken.

  • IV




    »Ach. Der falsche Xenos…«, seufzte Emanuel, der lässig auf dem Kommandositz der Yukikaze sass. Der grimmige Soldat vor ihm nickte kurz.


    »Ich habe den verantwortlichen Gruppenführer bereits unter Arrest gestellt, Sir.«


    Emanuel schaukelte gelangweilt auf dem prächtigen, mit Samt bezogenen Kommandantensessel hin und her.


    »Nun denn. Das ist… schade. Wir haben aber keine Zeit mehr, um nach dem anderen zu suchen.«


    Stepan, der Emanuels Söldner kommandierte, versuchte seine eiserne Miene beizubehalten. Wie angewurzelt stand er da, breitschultrig, die Hände hinter dem Rücken verschränkt. Doch Emanuel kannte ihn schon viel zu lange. Der Freihändler hatte das überraschte, fast unmerkliche Zucken in Stepans gesundem Auge sofort gesehen.


    »Sir?«, fragte Stepan mit monotoner, teilnahmsloser Stimme.


    »Die lokalen Behörden werden unruhig. Vielleicht irgendeine undichte Stelle bei unserer Kontaktperson. Da das Geschäft erledigt ist, verschwinden wir. Es wäre zwar schön gewesen, wenn wir den anderen Xenos geschnappt hätten. Ich hätte meinen Freunden eine grosse Freude bereitet – aber das spielt jetzt keine Rolle.«


    »Ich werde unverzüglich den Abflug befehlen. Was sollen wir mit dem Eldar, den Team Aglaia gefangen genommen hat, anstellen?«


    Stepan starrte weiter auf den imaginären Punkt irgendwo über Emanuels Kopf und behielt seine straffe Haltung bei.


    Emanuel zuckte mit den Schultern.


    »Anton wollte doch vor einiger Zeit mit den Eldar Kontakt aufnehmen. Er kann den da haben, vielleicht spuckt der ja was Nützliches aus. Falls nicht, verkaufen wir ihn an seine Artgenossen.«


    Stepan salutierte zackig.


    »Dann melde ich mich ab.«


    »Gut. Denk daran, dass der Eldar seine Medizin bekommt, ehe wir den Warpraum betreten. Es wäre schade, wenn unserem Gast etwas passieren würde.«


    Stepan nickte ein letztes Mal und wandte Emanuel den Rücken zu. Ohne zu zögern, begab er sich zur Kommunikationseinheit der Kommandobrücke und bellte seine Befehle in den Vox-Caster. Sofort erwachte das Schiff zum Leben. Mit einem dumpfen Surren starteten die Generatoren des mächtigen Kreuzers, während die Besatzung alle nötigen Vorbereitungen zum Start traf.



    ***



    Von der Transportfähre aus hatte Margil einen Blick auf das Schiff werfen können, auf das die Söldner ihn brachten. Die Schiffstypen, die die Menschen verwendeten, waren ihm weitgehend unbekannt. Doch eines wurde ihm klar: Er hatte ein grosses Problem. Die Ausmasse des Schiffs waren absurd gigantisch, ebenso wie die Reihen von Geschützbatterien längs des Rumpfes. Bei dem stählernen Koloss musste es sich um ein Grosskampfschiff handelte, dass es mit den meisten Schiffe der Flotte ZarAsuryans aufnehmen konnte. Um ihn aus diesem Behemoth herauszubekommen, würde Firondhir eine kleine Armada mobilisieren müssen. Doch Margil war bewusst, dass er, ein einzelner Weltenwanderer, zu unbedeutend war, als dass das Weltenschiff sind in einen Konflikt mit den Menschen begab. Es war das Risiko derer, die sich auf den Pfad der Ausgestossenen begaben.


    Margil hatte bereits zu viel erlebt, um angesichts seiner Lage Furcht zu empfinden. Doch die offenkundige Aussichtlosigkeit war bedrückend. Wenigstens schienen die Chem-Pan-Sey kein Interesse an seinem Tod zu haben, Möglichkeiten, ihn zu töten, hätten zu Genüge bestanden. Doch dies war wenig beruhigend. Die Worte des Söldneranführers waren ihm noch im Gedächtnis. Ihre Jagd hatte Firondhir gegolten, und Margil war klar, wer hinter dem Auftrag stand. Alles deutete darauf hin, dass nun er anstatt seiner in die Dunkle Stadt gebracht würde.


    Doch so weit würde er es nicht kommen lassen. Der blonde Weltenwanderer klärte seinen Geist und besann sich auf die Fähigkeiten seiner Aspektpfade, bereit, bis zum Letzten zu kämpfen,. Mit Bedauern kam ihm der Verlust seiner Ritualklinge in den Sinn. Sie im Besitz des tumben Chem-Pan-Sey zu wissen, erfüllten ihn zusätzlich mit Wut. Doch er hütete sich, sich zu überstürztem Handeln verleiten zu lassen. Er würde abwarten, mit der Geduld des MeanTokath[1] und der Bedachtsamkeit des EsikCaman.[2]


    Nachdem das Shuttle im Frachtraum des riesigen Kriegsschiffs gelandet war, packte einer der grobschlächtigen Soldaten den Eldar an der Schulter und zerrte ihn aus der Transportfähre hinaus.


    »Los, Xenos-Abschaum!«, fauchte der Mann mit lauter, kratziger Stimme. Margil warf ihm einen bösartigen, verächtlichen Blick zu, beugte sich aber dem Befehl. Im Augenblick hatte es keinen Sinn, sich zu widersetzten.


    Die Hangarbucht war vergleichsweise modern ausgestattet und verfügte über die besten technischen Einrichtungen, die das Imperium zu bieten hatte. Die Innenhülle des Schiffes war mit weissem Kunststoff abgedeckt, der mit eleganten, goldenen Runen verziert war. Die Maschinen und Geräte, die für den Betrieb des Hangars notwendig waren, glänzten im grellen Licht gigantischer Leuchtkörper. Wie es schien, wurden alle Metallteile mit grossem Aufwand sorgfältig poliert. Margil ließ verstohlen seinen Blick schweifen. Alles Dunkle und Bedrohliche, mit dem die Cresistauead üblicherweise ihre klobigen Gerätschaften zu verzieren pflegten, glotzende Schädel, kantige Adlerikonen, Wachssiegel und Pergamentstreifen, fehlten hier. In seiner Sauberkeit und Eleganz erschien der Ort wie eine misslungene Imitation der Bauweise der Aeldari, kalt, künstlich und rechtwinkelig, der fließenden, gewachsenen Formen mangelnd, und in einer blendenden Helligkeit, die in den Augen brannte. Der Hall der plumpen Schritte der Menschen dröhnten wie Donner in der weiten Halle.


    Der Weltenwanderer wurde irgendwo tiefer in den Bauch des Schiffes gebracht. Je weiter sie in das Innere des Schiffs vordrangen, umso schmutziger und enger wurden die Korridore. Nach einer gefühlten Ewigkeit kamen der Tross vor einer massiven Sicherheitstür an. Der Bewacher stellte sich vor ein Sprechgerät und sagte einige Worte, worauf sich die mächtige Türe langsam öffnete. Der Raum dahinter war komplett in kaltem Weiss gehalten. Als Ausstattung diente eine unbequem aussehende Pritsche, ein kleiner Tisch mit zwei Stühlen und eine tellergrosse Metallschüssel, die einsam in einer Raumecke stand, möglichst weit weg von den restlichen Möbeln. In der Mitte des Raums war an zwei Trägern eine aufrechtstehende Stahlplatte mit Fesselvorrichtungen montiert.


    Margil betrachtete den trostlosen Raum. Offensichtlich sollte er vorübergehend der neue Bewohner dieser Zelle sein. Unvermittelt ergriffen ihn die Soldaten und presste ihn gegen die Stahlplatte. Ein weiterer Soldat stand mit gezogener Boltpistole daneben, bereit, jederzeit abzudrücken, sollte der Eldar versuchen, sich zu wehren.


    Mit einem unangenehmen Surren startete der Schliessmechanismus. Margils Hände und Füsse wurden durch das mechanisch wenig ausgeklügelte System auf der Stahlplatte festgezerrt. Nun war er den Chem-Pan-Sey vollständig ausgeliefert.


    Die Soldaten musterten den Eldar mit verächtlichen Blicken. Einer der Männer murmelte etwas Unverständliches und spuckte dann einen grossen, schleimigen Klumpen vor Margils Füsse. Der blonde Weltenwanderer warf ihm einen hasserfüllten Blick zu, liess sich aber nicht dazu herab, etwas zu sagen. Dann verliessen die Menschen die Gefängniszelle und liessen Margil allein zurück.


    Ein lautes Grollen zeugte davon, dass die Generatoren des Schiffs hochstarteten. Die ganze Zelle vibrierte unter der Kraft der anlaufenden Triebwerke. Ein spontaner Gedanke kam Margil in den Sinn. Er rüttelte und zerrte an seinen Fesseln, ungeachtet dessen, dass sich die metallenen Kanten schmerzhaft in seine Knöchel und Handgelenke drückten. Doch die Hoffnung, dass der Schliessmechanismus sich durch die Erschütterungen etwas gelockert hatte, war schnell zunichtegemacht. Die Fesselzangen waren trotz ihrer primitiven Bauart unverwüstlich.


    Der Weltenwanderer seufzte resigniert. Im gleichen Moment, als wäre dies der Auslöser gewesen, begann überraschend die Hydraulik der Sicherheitsschleuse mit einem lauten zischen die schwere Türe anzuheben. Eine groteske Kreatur rollte durch die Schleuse und näherte sich stumm. Irgendwann musste sie wohl einmal ein Mensch gewesen sein, doch waren beide Beine durch eine fahrbare Konstruktion ersetzt worden. Unzählige Kabel und Röhren verbbanden das rostige Fahrgestellt mit dem eiternden, entzündeten Torso. Der Kopf hing leb- und ausdruckslos an einer stark gekrümmten Wirbelsäule. Schwarze Löcher ersetzten die Augen, die offenbar chirurgisch entfernt worden waren.


    Erschreckender als der widerwärtige Körper waren jedoch die unzähligen medizinischen Gerätschaften, die die Arme ersetzten. Auf jeder Seite war etwa ein halbes Dutzend vielgliedriger Stangen montiert, die mit jeder erdenklichen Art simpelster Werkzeuge ausgerüstet waren.


    Margil schnappte nach Luft. Die Vorstellung, dass dieses abstossende Ding mit solch primitiven Werkzeuge irgendetwas mit ihm machen würde, liess ihn sich beinahe übergeben.


    Ohne auch nur irgendeine Reaktion auf den Eldar zu zeigen, hielt der monströse Servitor direkt neben ihm an. Eine unangenehme Mischung aus Weihrauch und Promethium-Abgasen kroch in Margils Lungen und liess sie sich schmerzhaft verkrampfen. Nur Sekunden, nachdem der Servitor seine Position eingenommen hatte, begann eine blutverkrustete Zahnradkonstruktion, die halb aus dem Rücken des Wesens herausschaute, sich mit einem lauten Knattern zu bewegen. Der Weltenwanderer erkannte einen Kettenzug, der das innere des Servitors mit dessen Werkzeugen verband. Langsam schob sich eine kleine Phiole mit einer tiefschwarzen Flüssigkeit entlang der Führungsleiste hinauf, ehe das Knattern verstummte und das kleine Fläschchen in einer grossen Spritze einrastete.


    Margils Abscheu schlug in blanke Angst um. Verzweifelt, der Sinnlosigkeit seines Tuns bewusst, versuchte er, seine Arme aus den Fesseln zu ziehen. Der kalte Stahl schnitt trotz seines Anzugs tief in seine Haut, gab aber nicht nach.


    Ohne dass er eine Chance gehabt hätte, sich zu entziehen, bewegte sich der mechanische Arm unaufhaltsam auf ihn zu. Die Nadel erreichte seinen Hals. Als der Servitor zustach, überkam ihn eine Welle des Schmerzens. Die warme Flüssigkeit strömte in seine Adern. Sein Hals brannte fürchterlich, auch als die Kreatur die Spritze wieder entfernt hatte.


    Ein sanfter Schleier legte sich über Margils Verstand. Die Welt schien jegliche Farbe zu verlieren, alles um ihn herum wurde grau und milchig. Seine Sinne verloren ihr Feingefühl. Sein ganzer Körper fühlte sich schwer und taub an. Einen kurzen Moment überfiel ihn Panik. Das Serum raubte ihm seine Geistesschärfe und die Fähigkeit, seine Umgebung in allen Facetten wahrzunehmen. Es war ein beängstigendes Gefühl des absoluten Kontrollverlustes, als fehlte ein Teil seines Ichs.


    Dann folgte ein Gefühl der Ruhe. Das leise, kaum hörbare Flüstern, vor dem sich jeder Aeldari stets verschliessen musste, verstummte. Margil fühlte sich befreit und behütet zugleich. Als ob alle Gefahren, die sein Volk und seine Heimat je bedroht hatten, einfach verschwunden waren.


    Margil konnte nicht sagen, wie lange er in diesem tranceartigen Zustand gewesen war. Irgendwann schienen seine Sinne sich wieder etwas zu erholen. Dennoch war etwas anders. Die Welt hatte ihre Feinheiten verloren, wirkte stumpf und simpel. Und er fühlte sich unendlich einsam. Als wäre er der letzte, der noch von seinem Volk übrig war. Als hätte ZarAsuryan aufgehört zu existieren. Als wären seine Familie, Firondhir, Ànathuriel, Ydrir, nicht mehr in dieser Welt. Seine ganze Existenz war zu einer banalen Aneinanderreihung nichtiger Momente verkommen. Margil spürte, wie Tränen seine Wangen herunterrannen. Was hatten die Chem-Pan-Sey ihm nur angetan?


    Eine gefühlte Ewigkeit später öffnete sich die Zellentüre erneut. Einen Moment glaubte Margil zu fantasieren, musste dann aber feststellen, dass ihn seine Sinne nicht täuschten. Sofort verfluchte er seine Emotionalität und wünschte sich, sein Gesicht verbergen zu können, um den Menschen nicht seine Schwäche offenbaren zu müssen.


    Ein in elegante, rot-goldene Gewänder gekleideter Mensch stand vor ihm. Seine Gesichtszüge waren für seine Art aussergewöhnlich schmal und fein, seine violetten Augen wirkten warm und freundlich, funkelten aber dennoch listig. Die schwarzen, schulterlangen Haare waren perfekt nach hinten frisiert. Nur eine einzelne, schneeweisse Strähne fiel dem jungen Mann vors Gesicht.


    Der Fremde, so musste der Weltenwanderer sich eingestehen, hätte wohl auch unter den Aeldari als ansehnlich gegolten. All die biologischen Unzulänglichkeiten der Chem-Pan-Sey schienen mit grösster Sorgfalt ausgemerzt worden zu sein.


    Dann wurde der Weltenwanderer der kleinen Gruppe gewahr, die dem Mann nachfolgte. Zu seiner Überraschung stand, neben drei bewaffneten Söldnern, die sofort ihre grobschlächtigen Gewehre auf ihn richteten, hinter dem Schönling eine Aeldari-Frau.


    Doch irgendetwas an ihr war anders. Gekleidet in der knappen Rüstung einer Drukhari-Hagashîn und mit den dazugehörigen Waffen gerüstet, hatte ihre Haut eine fahle, blaugraue Färbung wie die einer Toten. Ihre dunklen, rot flimmernden Augen hatten keinerlei Ausdruck. Sie bewegte ihren Körper zwar mit der für Drukhari üblichen eleganten Arroganz, doch ihr Gesicht schien wie eine kalte, leblose Maske. Die Tatsache, dass sie unterwürfig hinter dem offensichtlichen Anführer der Gruppe stand, schien der Natur der Aeldari komplett zu widersprechen.


    »Ual ashkam[3]? Kel Chem-Pan-Sey ashkam[4]?«, richtete Margil sich direkt an die merkwürdige Drukhari.


    »Ualmearrith daeli athar rrithin ual[5]«, flüsterte sie zurück und warf dem Weltenwanderer einen leeren, gefühllosen Blick zu.


    Einen Moment lang war Margil fassunglos. Wie konnte eine Aeldari-Frau, eine Drukhari noch dazu, einen Menschen als höhergestellt, als überlegen bezeichnen? Doch ihre Augen, ihr gesamtes Erscheinungsbild war das einer leblosen, willenlosen Puppe. Die Worte waren in ihrer Sprache, die Seele, den Geist einer Aeldari konnte er nicht in ihr erkennen. Beinahe empfand er Mitleid mit ihr.


    Der gestriegelte Mensch zwinkerte Margil belustigt zu.


    »Leider verstehe ich eure wundervolle Sprache nicht, Eldar«, erklärte er mit sanfter, freundlicher Stimme, die sich jedoch sogleich in ein kaltherziges, arrogantes Zischen verwandelte. »Aber hier habe ich das sagen. Und du hast erst zu sprechen, wenn ich dich dazu auffordere!«


    »Fordere, was dir beliebt, Chem-Pan-Sey. aber erwarte nicht, dass ich deinen Forderungen nachkomme«, entgegnete Margil mit nicht minder kalter Stimme.


    Der Mann musterte den Weltenwanderer von oben bis unten, ehe er wieder mit aufgesetzt freundlicher Miene fortfuhr: »Meine Güte«, kommentierte der Mann die missliche Lage, in der sich der Eldar befand. »Behandelt man so seine Gäste?«


    Mit einer energischen Handbewegung, die so gar nicht zu der wohlwollenden, sanften Stimme passen wollte, wies er seine Söldner an, die Fesseln des Weltenwanderers zu lösen. Während die Soldaten sich daran machten, den Befehl auszuführen, schob er lässig mit dem Fuss einen der Stühle zu seinem Gefangenen hinüber.


    »Setzt Dich!«


    Margil strauchelte, als er von der Stahlplatte los war. Hätten die Soldaten ihn zu stützen versucht, er hätte sie zurückgewiesen. Doch auf solch eine Geste hätte er ohnehin nicht hoffen können.


    Trotz seiner Abgestumpftheit war ihm der fordernde, ja fast boshafte Unterton des Anführers nicht entgangen. Doch entkräftet und noch immer nicht Herr seiner Sinne liess er sich auf den Stuhl sinken, wissend, dass die Söldner mit entsicherten Waffen auf ihn zielten. Matt blickte er den Menschen an, der selbst stehen geblieben war, um auf ihn herabzusehen.


    »Was hast du mit mir gemacht, Chem-Pan-Sey?«, stiess Margil erschöpft hervor.


    »Keine Sorge. Das Serum ist ein Extrakt der Cimaranischen Gorgo. Es dämpft deine psionische Empfindsamkeit auf ein fast inexistentes Niveau. Auf unserer Warpreise hättest du dich ohne mein Serum ansonsten wohl in eine sabbernde Bestie verwandelt. Der Effekt lässt mit der Zeit nach, ich glaube nicht, dass du noch eine zweite Dosis benötigst. Laut unserem Navigator sind wir bald am Treffpunkt.«


    Margil dachte einen Moment nach. Was der Mensch sagte, ergab Sinn. Demnach befanden sie gerade im Sha’eil. Ein kalter Schauer lief dem Weltenwanderer den Rücken hinunter, als ihm bewusstwurde, wie nah er Ihr, die Dürstet, gerade war. Und doch nahm er nichts von ihrem Einfluss wahr. Beinahe wünschte er sich Ihre flüsternde Stimme herbei, wenn er doch nur zugleich auch die Welt wieder so empfinden konnte, wie zuvor.


    »Übrigens, nenn mich Emanuel.« Der Mensch grinste Margil zynisch an.


    »Meinen Namen brauchst du nicht zu kennen«, gab Margil schroff zurück.


    Emanuel lachte. »Wie unhöflich. Ihr verdammten Xenos habt einfach keinen Anstand.« Er wandte sich zu der Drukhari-Frau hinter ihm um. »Nicht wahr, mein kleines Kätzchen?«


    Zu Margils entsetzen nickte die Hagashîn. »Ja, Meister.«


    »Siehst du? Sie kennt ihren Platz.« Emanuel hatte sich wieder zu Margil umgedreht. »Auf jeden Fall bist du mein Gast. Ich will dir einen guten Freund vorstellen. Bis dahin bleibst du hier. Meine liebe Laenryl wird auf dich aufpassen.«


    Ohne eine Antwort abzuwarten, drehte sich Emanuel mit einer eleganten Bewegung um und verliess die Zelle.


    »Bringt dem Alien essen, trinken und etwas hübsches zum Anziehen«, befahl er ganz beiläufig. »Keiner soll behaupten, die von Drachs behandelten ihre Gäste schlecht.«


    Dann ließ er Margil mit sich allein zurück.



    ***



    Anton sass mit Ashenya an einem der Tische, die separiert in mehreren diskreten Nischen standen. Die äusserst bequeme Polsterbank wand sich im Halbkreis die Wand entlang, so dass man selbst die ganze Bar einsehen konnte, gegen neugierige Blicke aber weitgehend geschützt war.


    Hector lehnte einige Schritte entfernt an der Theke. Er hatte einen weissen, ungesund wirkenden Plastikbehälter vor sich, der über kein Etikett verfügte. Die trübe Flüssigkeit darin war minderwertigster Industrieschnaps: Billig, stark und schädlich. Das kleine Metallgefäss daneben war bis an den Rand mit ausgedrückten Loh-Stäbchen gefüllt. Trotzdem rauchte Hector teilnahmslos Stäbchen um Stäbchen und übersah absichtlich, dass jedes Mal, wenn er wieder eines aufgeraucht hatte und es in das Gefäss drückte, kalte Asche auf den Tresen hinabfiel.


    Anton hatte sich eine Flasche Wein bestellt, ein lokales Produkt. Auf dem Etikett war zwar ein prunkvoller Imperialer Adler abgedruckt, jedoch fehlten alle Angaben über Zusammensetzung oder Produktionsjahr. Entsprechend erinnerte der Geschmack auch an Reinigungsmittel. Trotzdem stand schon die zweite Flasche auf dem Tisch.


    Die Bar, deren Mobiliar recht gemütlich, aber deutlich in die Jahre gekommen war, befand sich inmitten einer Industrieebene. Sie gehörte zu den teureren Etablissements dieses Sektors, war aber trotzdem primär für die verarmte, hart arbeitende Unterschicht und Makropolengangster. Dennoch war das Lokal ihre beste Option, denn Ashenya durfte sich auf den oberen Ebenen nicht frei bewegen – und erst recht nicht die gehobenen Lokalitäten betreten.


    Anton war nicht besonders gut gelaunt. Seine Mission in den Slums hatte sich als Reinfall herausgestellt und sogar noch das Eingreifen des Adpetus Arbites beschleunigt, der just in diesem Moment dabei war, die unteren Ebenen zu „säubern“. Aus seiner Erfahrung schätze Anton, dass wohl mindestens die Hälfte aller Mutanten der betroffenen Ebene massakriert werden würde. Der billige Wein erfüllte aber seinen Zweck. Die zweite Flasche war inzwischen halb leer, das Gesöff hatte seine Wut gedämpft und in Resignation und Trübsinn verwandelt.


    »…noch einmal, du hättest nichts daran ändern können…«


    Ashenya war schon eine ganze Weile damit beschäftigt, Anton gut zuzureden. Für Aussenstehende musste die Situation äusserst absurd wirken, denn da beide nur telepathisch Kommunizierten, hocken sie nur stumm nebeneinander und wechselten maximal ein paar Blicke.


    »Ich hasse die Menschen. Sie sind so schwach. Alles, was andersartig ist, macht ihnen Angst«, antwortete Anton mit seiner psionischen Begabung. »Und sie haben dabei noch Recht. Gerade weil sie so schwach sind, ist ja alles eine Bedrohung. Sie fürchten sich zu Recht.«


    »Sie sind Kleingeister. Die meisten deiner Spezies sind unterentwickelt. Wenn ich etwas weiss, ist es, dass du nicht dazu gehörst. Setzte dich nicht auf eine Ebene mit diesen Primitiven!«


    Anton blickte kurz auf.


    »Ashenya, trotz allem bin ich ein Mensch. Ich gehöre genauso dazu, auch wenn es mich anwidert. So oft widert es mich an.«


    Das Alien wusste, was Anton sagen wollte, aber es konnte Antons Gedanken nicht ganz nachvollziehen.


    »Du opferst dich für dein Imperium auf, obwohl du es verabscheust. Auch wenn das Imperium, wie du sagst, die einzige Chance ist, dass die Menschheit überlebt, musst du dich auch um dich selbst kümmern. Höre auf, darüber nachzudenken, wie du allen helfen kannst. Überantworte die Niederen deiner Spezies dem Schicksal, hilf denen, die es wert sind.«


    »Und ich soll entscheiden, wer es wert ist und wer nicht? Ashenya, hör auf damit. Ich weiss es doch. Ich bin Inquisitor, es ist meine verfluchte Aufgabe, zu entscheiden, wer es wert ist und wer nicht!«


    »Ich will dir nur helfen«, erwiderte Ashenya. »Mein Volk wusste, dass nur die Weisesten fähig sind, um den Fortbestand zu sichern! Bei euch Menschen wäre es genauso. Menschen wie Mapheph. Wie du.«


    »Du verstehst das nicht! Ja, manchmal muss man Opfer bringen oder Opfer fordern. Aber nur wenn es keine andere Möglichkeit gibt! Würde ich akzeptieren, dass manche ohnehin verloren sind, wäre ich genauso, wie die anderen! Verdammt!«


    Anton war entnervt. Die Weinflasche leerte sich mit zunehmendem Tempo. Ashenya, die bemerkte, dass sie nicht zu Anton durchkam, entschied sich, es für den Moment sein zu lassen.


    »Ich… es… es tut mir leid. Ich will nur, dass es dir besser geht, Anton.«


    Sie verstand nicht, wie Anton so verbissen das Imperium verteidigen konnte, obwohl er mehr Elemente davon abzulehnen schien, als er befürwortete. Sie verstand, dass es Anton am Herzen lag, dass seine Spezies überlebt. Sie selbst wünschte sich, dass ihr eigenes Volk überlebt hätte. Doch machte es einfach keinen Sinn, sich für jeden Einzelnen einsetzen zu wollen.


    Anton schaute Ashenya etwas verloren an, als diese sich entschuldigte.


    »Schon gut. Danke. Manchmal… Manchmal wünschte ich mir, ich wäre wie du.«


    Ashenya lachte in den Warp, so dass Anton ihre Gefühle wahrnehmen konnte. »Wie ich?«


    Ein müdes Lächeln zeichnete sich auf Antons Lippen ab. »Ein Quarr’va. Ausserhalb des Lichts des Imperators. Frei und ungebunden.«


    »Eine schöne Vorstellung«, antwortete Ashenya nachdenklich. »Es gäbe so vieles, was ich dir gerne zeigen würde. Die Weisheit meines Volkes, all das, was nur unsere eigene Art verstehen kann.«


    Anton füllte sich ein letztes Mal sein Glas. Die Flasche war leer. Er hatte sich einen Moment konzentrieren müssen, um das Glas nicht zu verfehlen.


    Ashenya verzog das Gesicht. Die Mimik des echsenartigen Aliens war fremd und kaum zu lesen, doch kannte Anton seine Gefährtin bereits lange genug, um ihren Gesichtsausdruck richtig deuten zu können. Ehe er etwas sagen konnte, hörte er die weiche, sanfte Stimme des Aliens.


    »Nur darauf müsstest du verzichten. Du weisst, dass mein Volk sich allein durch einen reinen, wachen Geist vor der Unordnung der Ebene, die ihr Warp nennt, schützt.«


    Anton lachte laut. Dann schüttete er das Glas in einem Zug hinunter.


    »Ach verflucht«, gab der Inquisitor zurück. »Wenn ich sein könnte wie du, sähe ich ohnehin keine Notwendigkeit, dieses Abwasser zu trinken! Lass uns gehen.«


    Anton rutsche zum Ende der halbrunden Polsterbank und erhob sich etwas unsicher. Ashenya war bereits aufgestanden und legte ihren Arm auf Antons Schulter, um ihn etwas zu stützen. Dann begaben sie sich zusammen Richtung Ausgang. Als Hector sah, dass seine Freunde sich auf den Heimweg machten, kam er ihnen entgegen.


    »Und, schöner Abend?«, zischte er desinteressiert und warf den beiden einen leicht verächtlichen Blick zu. Sein Atem stank so stark nach Ethanol, dass man davon hätte betrunken werden können. Obwohl er den ganzen Abend Unmengen harter Getränke getrunken hatte, war sein stand stabil und seine Augen wachsam wie immer. Wäre nicht die grässliche Fahne, hätte man meinen können, Hector sei nüchtern.


    Ohne weitere Worte zu wechseln, gingen die drei los. Anton hatte ganz in der Nähe einen ehemaligen Industriehof requiriert, wo er seine Basis eingerichtet hatte.


    Bei dem Gebäude verabschiedete sich Hector, nachdem er die automatisierten Sicherheitssysteme aktivierte hatte. Anton bevorzugte solche Anlagen, die mit einem rudimentären Maschinengeist ausgestattet waren, gegenüber Wachleuten. Wann immer möglich, versuchte er in Ausseneinsätzen unauffällig zu bleiben. Ein Trupp Inquisitionsgardisten war dabei nicht unbedingt dienlich.


    Ashenya blieb bei Anton und begleitete ihn zu seinem Zimmer. Ohne weitere Worte zu wechseln, zog er sowohl Mantel als auch Hemd aus und legte sich auf die spartanische Pritsche, die im hinteren Teil des grossen Raumes stand. Ashenya war bereits wieder dabei zu gehen, als Antons Stimme in ihrem Geist erklang.


    »Du musst nicht gehen.«


    Das Alien drehte sich um und schaute zu Anton. Er hatte seine Augen bereits geschlossen und würde wohl kaum noch lange wach sein. Trotzdem entschied sich Ashenya, zu bleiben. In Antons Worten schwangen viele Gefühle mit, die er in seinem Zustand kaum mehr verschleiern konnte. Einsamkeit. Enttäuschung. Resignation.


    Ashenya suchte sich eine dunkle Ecke und begab sich in den Kniesitz. Sie sammelte ihren Geist und machte sich ihrer Umgebung und ihres Körpers bewusst. Sie konzentrierte sich auf das ruhige Atmen ihrer Lunge, den langsamen Schlag ihres Herzens und auf das angenehme Gefühl der warmen, feuchten Luft auf ihrer Haut. Sie fokussierte sich vollends auf die Realebene der Existenz – eine Meditationstechnik ihres Volkes, um sich temporär aus dem Warpraum zurückziehen zu können.


    Die Quarr’va hatten keine andere Möglichkeit, sich auszuruhen. Schlaf kannten die Aliens nicht, denn ohne die volle Kontrolle über ihren Geist würden die Schrecken des Warps gnadenlos ihre schutzlosen Seelen verschlingen.


    »Der Imperator beschützt“, dachte Ashenya. „Es muss befreiend sein, sich nicht selbst vor IHNEN in Acht nehmen zu müssen. Etwas, wofür ich Anton beneide.«


    Dann verschloss sie sich dem Warp endgültig.



    ***



    Anton wurde von Hector geweckt, der energisch an die Türe seines Zimmers schlug.


    »Anton, wir haben besuch!«, brüllte Hector, als Anton nicht sofort auf das Schlagen reagierte. »Steh auf, verdammt!«


    Der Inquisitor setzte sich auf die Bettkante. Er hatte viel zu lange geschlafen. Trotz des unruhigen, traumlosen Schlafes fühlte er sich halbwegs ausgeruht. Seine Gelenke schmerzten aber allesamt, da er wohl in irgendeiner merkwürdig verkrümmten Haltung geschlafen hatte.


    »Wenigstens sind die Kopfschmerzen vernachlässigbar«, dachte Anton, während er sich aufrichtete. Er zog sich schnell ein einfaches Hemd über und ging etwas übelgelaunt zur Türe. Unterwegs erblickte er Ashenya, die in einer Ecke des Zimmers meditierte. Er wusste darüber Bescheid, dass die Quarr’va so ihren Schlaf ersetzten. In diesem Zustand war ihr Geist komplett isoliert, was dazu führte, dass sie erst wieder durch äussere Einflüsse aus dem tranceartigen Zustand erwachen konnten. Durch den Lärm, den Hector veranstaltete, würde Ashenya wohl jeden Moment zu sich kommen. Ansonsten, so dachte Anton, würde er sie später aufwecken.


    Der Inquisitor öffnete die automatische Schiebetüre mit einem Druckschalter gleich an der Wand daneben. Mit einem leisen, kurzen Zischen schob sich die einfache Stahltüre elegant zur Seite.


    »Was gibt es?«, fragte Anton müde. Er musterte Hector, der Tarnhosen und ein schmutziges Achselshirt trug, welches wohl irgendwann einmal weiss gewesen sein musste. Sein Blick war wie gewohnt hellwach. Den Stoppelbart der letzten Tage hatte Hector bereits säuberlich rasiert, ganz so, wie man es ansonsten von Vorzeigesoldaten irgendeines Garde-Regiments hätte erwarten konnte. Er musste bereits eine ganze Weile wach sein. Nur grosse, schwarze Augenringe zeugten von der vergangenen Nacht.


    »Besuch. Eine Nachricht von Emanuel«, raunte Hector knapp und nickte in Richtung der grossen Montagehalle des Gebäudes.


    »Danke«, erwiderte Anton mit ehrlicher Freundlichkeit. »Ashenya befindet sich in meinem Zimmer. Ich wäre dankbar, wenn du sie aufwecken könntest.«


    Hector nickte wortlos. Da seine Gefährten auch ohne ihn zurechtkommen würden – beide waren nun schon Jahrelang mit seinem Gefolge unterwegs – machte sich Anton auf, die Nachricht zu empfangen.


    Als er die Halle, die sich im vorderen Teil der Anlage befand, betrat, sah er sofort den Kurier, den sein alter Freund zu ihm geschickt hatte. Es war ein stämmiger Rotschopf, dessen biologisches Alter wohl zwischen zwanzig und dreissig Jahren liegen musste, soweit Anton dies schätzen konnte. Trotzdem hatte das Gesicht etwas sehr Knabenhaftes. Gekleidet war der Neuankömmling in enganliegende, geschnürte Lederhosen und ein teures Seidengewand, auf dem mit Goldfaden das Wappen der Familie Von Drach gestickt war.


    Als einflussreiche Freihändler-Dynastie verfügten die Von Drachs über fast unendlichen Reichtum und ein hocheffizientes Netz aus Astropathen, Kurieren und Kontaktpersonen. Spielte die unberechenbare Natur des Warps mit, war sie in der Lage, Nachrichten innerhalb weniger Tage durch die ganze Galaxie zu senden. Zumindest in die Regionen ausserhalb der grossen Kriegsgebieten.


    Als der Kurier Anton erblickte, verbeugte er sich umgehend und behielt, den Blick zum Boden gesenkt, die ehrehrbietende Haltung bei.


    »Ich übermittele Exzellenz die besten Grüsse der noblen Familie Von Drach«, begrüsste er den Inquisitor in absolut akzentfreiem Hochgotisch[DB24] .


    »Die Inquisition erwidert die Grüsse«, antwortete Anton. Er hatte bereits eine Vermutung, was den Inhalt der Nachricht betraf. Trotzdem konnte er diesbezüglich nicht sicher sein und entschied daher, den Kurier offiziell in seiner Position als Inquisitor zu empfangen. »Was ist deiner Herren anliegen?«


    »Hochwohlgeboren Emanuel Von Drach hat mir befohlen, Exzellenz eine Nachricht zu überbringen. Hochwohlgeboren hat betont, dass Exzellenz den Inhalt ohne weitere Erklärung verstehen würde.«


    »Danke. Ich nehme die Nachricht gerne entgegen«, antwortete Anton, der optimistisch war, dass er mit seiner Vermutung Recht hatte. Wenn die Nachricht von Emanuel kam, steckte dieser entweder in Schwierigkeiten, oder aber er konnte erfüllen, worum Anton ihn vor einer gefühlten Ewigkeit gebeten hatte. Die förmliche Zustellung der Nachricht deutete klar auf letzteres hin.


    Nachdem Anton dem Kurier erlaubt hatte, ihm die Nachricht zu übergeben, löste sich dieser aus seiner Verbeugung und näherte sich mit steifem Schritt dem Inquisitor. Den Blick gekonnt auf Antons Brust fixiert, um dem Rangunterschied Rechnung zu tragen, hielt er exakt zwei Armlängen entfernt vor Anton an. Mit routinierter Sicherheit schlug der Bote zackig das Zeichen des Aquilas und verbeugte sich erneut.


    Anton hatte nicht viel für das übertriebene Zeremoniell der imperialen Oberschicht übrig, hatte aber genügend Anstand, sich daran zu halten. Er erwiderte das Zeichen des Aquilas und bedeutete dem Kurier so, weiterzumachen. Dieser öffnete einen länglichen Metallbehälter, der fest an seinem bionischen Arm montiert war und zog eine Schriftrolle heraus. Seine Bewegungen führte er mit mechanischer Präzision aus. Sie mussten alle nach einem bestimmten Muster und mit standarisierter Geschwindigkeit ausgeführt werden, da es ansonsten gegen die Etikette verstossen hätte – besonders gegenüber einem Inquisitor. Emanuel selbst fand das steife Gehabe albern, doch standen die Kuriere und Kontaktleute nicht direkt in seinem Dienst. Sie waren Angestellten der Freihändler-Dynastie als Ganzes und gerade die Von Drach waren besonders glamourös. Anton war sich sicher, dass nur die besten, untertänigsten und folgsamsten Bürger die zweifelhafte Ehre hatten, den Von Drach zu dienen.


    Er nahm die Schriftrolle entgegen und nickte schwach mit dem Kopf. »Du darfst dich entfernen, Bote.«


    »Ich danke Exzellenz«, erwiderte der Kurier, der noch einmal das Zeichen des Aquilas schlug. »Möge der Imperator immer an Exzellenz‘ Seite stehen.«


    Mit langsamem Schritt entfernte er sich rückwärts bis zur Sicherheitsschleuse, die aus dem Gebäude führte. Dort angekommen verbeugte er sich noch einmal tief, ehe er sich umdrehte und den Komplex verliess.


    Anton wartete, bis der Kurier sich entfernt hatte. Dann entrollte er ungeduldig die Schriftrolle und begann, die Nachricht zu lesen. Das samtweiche Pergament war von höchster Qualität. Anton erkannte die makellose, verschnörkelte Schrift Emanuels, die mit tiefschwarzer Tinte kunstvoll die Rolle zierte. Jede Zeile hatte den exakt gleichen Abstand und war bis aufs genauste auf einer perfekten Geraden.



    Lieber Anton


    Ich entschuldige mich dafür, dass so viel Zeit verstrichen ist, bevor ich Ergebnisse liefern kann.


    Zwar habe ich keine Informationen bezüglich der Sache, zu der du mich gebeten hattest, zu forschen, doch habe ich einen Angehörigen der Fraktion, die direkt in die Sache involviert war.


    Ich befinde mich auf meinem Schiff und ankere im Helios-Ultima-System. Ich habe keine anstehenden Geschäfte und werde eine Weile im Orbit des unbewohnten dritten Planeten verweilen. Ich weiss, dass diese Sache für dich absoluten Vorrang hat und rechne in wenigen Tagen mit deinem Erscheinen. Sollte mein Navigator feststellen, dass der Warp unruhig ist, werde ich noch einige Tage länger warten. Doch hoffe ich, du findest eine schnelle und sichere Route.


    Möge der Imperator und alle Huren der Galaxie, die ich nicht für mich beanspruche, mit dir sein!



    Gezeichnet, dein bester, grossartigster Freund


    -Emanuel



    Anton schmunzelte. Emanuel konnte zwar ein absoluter Widerling sein, aber er war ein guter Freund, der in vielen Punkten dieselbe Meinung wie er vertrat. Ausserdem war er ein zuverlässiger Verbündeter, mussten Dinge unentdeckt ausserhalb des Gesetzes erledigt werden.


    Nach dem Vorfall im Ysraal-System vor einigen Jahren hatte Anton bei weiterführenden Recherchen herausgefunden, dass die Eldar mehr über das seelenlose Maschinenvolk wussten, das sich unter der Planetenoberfläche befunden hatte. In den geheimen Archiven der Inquisition befanden sich uralte Dokumente über eine Gesandte der Eldar, die vom Ordo Xenos vernommen worden war. Die Aufzeichnungen waren unvollständig und nachlässig archiviert, doch konnte Anton ihnen entnehmen, dass die Eldar damals angeboten hatten, sich mit dem Imperium zusammen zu tun, um sich der Bedrohung durch die seelenlosen Wesen, die sie Necrons nannten, entgegenzustellen. Der damals zuständige Inquisitor hielt die Xenos-Gesandte für nicht glaubwürdig und witterte eine List. Hätte er nur zugehört, hätte Ysraal VI gerettet werden können!


    Auch wenn Anton – zum Preis von Millionen von unschuldigen Leben – diese Necrons vollständig vernichten konnte, lechzte er nach Antworten. Noch nie hatte er eine Xeno-Spezies gesehen, die solche moderne, unaufhaltsame Technologien besass. Selbst die Archive der Inquisition kannten keinen Fall, in der auch nur annährend vergleichbare Wesen beobachtet worden waren. Sogar Eldar-Technologie, die Anton äusserst schätzte, wirkte im Vergleich zu den Necrons einfach und primitiv.


    Mehr über dieses Volk zu erfahren, war für Anton nicht nur aus persönlichen Gründen wichtig. Konnte auch nur ein kleiner Teil der Necron-Technologie besser verstanden werden, könnte das dem Imperium helfen, die unzähligen Feinde der Menschheit endgültig zu besiegen.


    Da Emanuel über weit umfangreichere Kontakte als Anton verfügte und ausserdem direkten Austausch mit den Eldar pflegte, hatte Anton seinen Freund beauftrag, mehr Informationen über die Necrons zu beschaffen. Nun schien er sogar einen Eldar gefunden zu haben, den Anton direkt befragen konnte. Und, beim Imperator, er würde diese Befragung deutlich intelligenter gestalten als der Inquisitor, der damals die Gesandte der Eldar verhört hatte.


    Voller neugewonnenem Eifer machte Anton sich auf den Weg, seinen Gefährten ihr neues Ziel mitzuteilen. Mit etwas Glück konnten sie bereits am Abend dieses Tages starten, und mit der Gebirgsvagabund ins Helios-Ultima-System aufbrechen.


    _______________________________________
    [1] MeanTokath = Skorpionkrieger


    [2] EsikCaman = Rächer Asuryans


    [3] Wer bist du?


    [4] Wer ist dieser Mensch?


    [5] Du sollst nicht sprechen, bis dass der Meister zu dir spricht.

  • V


    Die Orestes, ein leichter Kreuzer der Armatus-Klasse, hatte noch immer an Ort und Stelle gelegen, von wo sie Konstantijn und sein Gefolge vor etwas mehr als einer Woche abgesetzt hatte, in einem entfernteren Orbit, etwas ausserhalb der üblichen Liegeplätze. Offensichtlich hatte sie in dieser Zeit keine neue Order erreicht. Eine vorteilhafte Fügung, die Konstantijn gut zupasskam. Der Kreuzer, wenngleich ohne erkennbare Abzeichen, gehörte zur Flotte der Inquisition. Mit einem eigenen Schiff musste er nicht die Aufmerksamkeit anderer imperialer Institutionen auf sich ziehen. Trotz seiner unanfechtbaren Autorität war dies eine heikle Angelegenheit an der Grenze zur Legalität, zumindest aber an der Grenze der Zuständigkeit seines Ordos. Darüber hinaus war das unscheinbare Schiff mit den besten Antriebssystemen ausgestattet, die für seine Klasse zur Verfügung standen. Geschwindigkeit war entscheidend, um den Freihändler-Kreuzer, der inzwischen einen halben Tag Vorsprung hatte, einzuholen. Und schliesslich: es waren keine besonderen Massnahmen nötig, um Firondhir an Bord zu bringen. Über das, was ein Inquisitor tat, stellten die Schiffsbesatzungen keine Fragen.


    Gleichwohl zog der Weltenwanderer es vor, in seinem Quartier zu bleiben, während Konstantijn sich auf die Brücke begab.


    Der langezogene Raum hoch oben im hinteren Aufbau des Schiffes erinnerte nicht nur von aussen an eine Kathedrale. Rechts und links des Mittelganges nahmen hohe, spitzbogig zulaufende Alkoven den Platz zwischen den blanken, stählernen Strebpfeilern ein, ein jeder besetzt mit einer anderen Kontrollstation für Schiffsfunktionen, Navigation, Raumüberwachung, Kommunikation. Männer und Frauen in schwarzen Uniformen versahen, teilweise durch Kabel in Nacken oder Schläfen direkt mit ihren Terminals verbunden, ihren Dienst. Da sie wenig miteinander sprachen, herrschte eine fast andächtige Ruhe, untermalt von einem leisen Chor aus klickenden Relais und summenden Röhren. Das gedämpfte Leuchten der Bildschirme erhellte den Raum wie Licht, dass an einem wolkigen Tag durch Bleiglasfensters fiel.


    Ein Halbkreis aus hohen, spitzbogigen Fenstern – tatsächlich waren es Sichtschirme – bildete den Abschluss des Raums. Vor dem Abbild des endlosen, von unzähligen Sternen übersäten Weltraums zeichnete sich die stämmige Gestalt des Kapitäns ab, gemessen von einer Station zur anderen schreitend und die Arbeit der Brückenbesatzung überwachend.


    Konstantijn trat an den Kommandanten heran.


    »Kapitän Yupanqui?«


    Die Angesprochene nahm sich alle Zeit, die Arbeit, die sie eben begonnen hatte, zu beenden, ehe sie sich zu dem Inquisitor umdrehte.


    Inés Sisa Yupanqui wurde nachgesagt, die Nachfahrin des Herrschergeschlechts eines mythischen Königreiches in den südlichen Gebirgen des alten Terra lange vor dem Erscheinen des Imperators zu sein. Ihr unbestreitbar exotisches Erscheinungsbild, ein rundes Gesicht mit spitz zulaufendem Kinn, schmalen, perlschwarzen Augen, runden, vorstehenden, runden Wangenknochen und gradem Nasenrücken, kurze, schwarzbraune Haaren und ein rostbrauner Teint, schien dies jedenfalls in den Bereich des Möglichen zu rücken. Trotz ihrer eher geringen Körpergrösse strahlte sie eine Würde und Autorität aus, die nicht erst durch ihren Rang und ihre Uniform zustande kam.


    Die rechte Hand auf den Griff ihres Säbels gelegt, gekleidet in die knielange Offiziersweste und weite Bluse der Imperialen Flotte, jedoch nicht Marineblau und weiss, sondern im Schwarz und Rot der Inquisition, stand sie dem Inquisitor auf der drei Stufen höheren Kommandoplattform gegenüber. Die wohl meisten anderen Inquisitoren hätten ihr gesamtes Auftreten als Insubordination aufgefasst. Konstantijn jedoch erklomm mit ruhigen, doch bestimmten Schritten die Empore und stellte sich ihr gegenüber.


    »Inquisitor Ruven«, entgegnete Yupanqui.


    »Ihre Befehle.« Konstantijn überreichte dem Kapitän ein Datapad. Inés Yupanqui las es aufmerksam durch.


    »Zu sensibel, um es einem offiziellen Kommunikationskanal anzuvertrauen«, bemerkte sie.


    »Wie üblich«, entgegnete der Inquisitor.


    Der Kapitän schritt zu einer der Stationen herüber und übergab das Pad dem diensthabenden Leutnant. Der versenkte es in der Buchse seines Terminals und bestätigte manuell den Datentransfer in die Schiffssysteme.


    »Verfolgungskurs liegt an«, sagte der Kapitän knapp. »Wenn die Yukikaze im Warpraum keinen Kurs abseits der etablierten Routen einschlägt, sollten wir sie in kürzt möglicher Zeit eingeholt haben.«


    »Genauere Angaben können sie mir nicht machen?« fragte Konstantijn. Davon abgesehen, dass er diese Sache so schnell wie möglich erledigt haben wollte, um hoffentlich seinen eigentlichen Auftrag noch zu einem Ende zu bringen, war für ihn jeder längerer Warpflug eine unvermeidbare Unannehmlichkeit. Das Ende bereits absehen zu können, wäre zumindest eine Erleichterung gewesen.


    »Mit dieser Frage muss ich Sie an unseren Navigator weiterverweisen«, antwortete der Kapitän. »Wenn er für solche Nebensächlichkeiten Zeit hat», setzte sie hinzu.


    Konstantijn lächelte einsichtig. Kapitän Yupanqui war von einer Direktheit, die ihm sonst von wenigen Menschen entgegengebracht wurde, ausser von Henk, aber das war etwas anderes. Meist zog er dies der Unterwürfigkeit imperialer Beamter vor.


    »Wollen wir?» fragte Inés.


    »Sie haben das Kommando«, entgegnete Konstantijn.


    Inés Yupanqui nahm ihren Platz auf dem thronähnlichen Kommandosessel in der Mitte der Empore ein und richtete ihn gegen die grossen Sichtschirme aus. Die bionischen Implantate, die wie ein äusseres Skelett ihre Hände überzogen, fuhren metallisch glänzende Kabel aus, die sich mit den Armaturen der Armlehnen verbanden. Konzentriert fokussierte sie ihren Blick auf das nach wie vor endlose Sternenmeer.


    Von diesem Augenblick an fiel auf der Brücke kein Wort mehr. Kapitän und Brückenbesatzung waren direkt mit dem Maschinengeist des Schiffes verbunden und kommunizierten auf diesem Weg miteinander. Ein telepathisch begabter Psioniker hätte die Gespräche vielleicht mitverfolgen können. Konstantijn blieb so jedoch aussen vor wie jeder andere Mensch.


    Die Gestirne auf den Sichtschirmen begannen zu wandern, als die Orestes behäbig die Richtung änderte.


    »Kurs liegt an, Warpsprungpunkt voraus«, nahm Inés die Stimme des Steuermannes wahr.


    »70% Vortrieb. Gellarfeld aufbauen, Warpantrieb aktivieren.«


    Ein hohes, leises Summen erfüllte die Luft, schwoll an und klag wieder ab. Allerdings, Konstantijn hätte nicht einmal sagen können, ob er wirklich einen Ton gehört hatte, als das Gellarfeld sich um das Schiff legte. Möglicherweise war es nur die Art, wie seine Sinne die psionische Welle, die die Generatoren aussandten, interpretierten.


    Der nachfolgende Effekt war ihm jedoch völlig bewusst, und jedes Mal war er sich unsicher, ob er ihn schätzen oder verabscheuen sollte. Für eine kurze Zeit war es so, als wäre er unter Wasser gedrückt und könnte alles, was sich an der Oberfläche befand, nur gedämpft und durch eine verzerrende Oberfläche wahrnehmen. Dann gewöhnten sich seine Sinne daran, durch eine zusätzliche Barriere vom Warp abgeschirmt zu sein und fokussierten sich zum Ausgleich stärker auf ihre Wahrnehmungsfähigkeit innerhalb des Realraumes.


    Jedes Mal gewann er einen kurzen Eindruck davon, wie es sein musste, keine psionischen Kräfte zu haben. Ein ums andere Mal hatte er sich bei dem Gedanken ertappt, ob dies nicht sogar erstrebenswert wäre, doch ihn dann rasch beiseitegeschoben. Seine Begabung war ein Geschenk des Imperators. Sie abzulehnen wäre Häresie. Und nun kam noch eins dazu. Solange er sich im Realraum innerhalb der psionischen Abschirmung befand, fiel es ihm deutlich schwerer, seinen linken Arm zu gebrauchen.


    Doch dieser Zustand sollte nicht lange anhalten. Ein dumpfes Vibrieren lief durch den Schiffskörper, als der Warpantrieb sich entlud. Direkt vor ihm auf den gigantischen Sichtschirmen beobachtete Konstantijn, wie sich ein purpur-violetter Fleck im Schwarz des Alls bildete. Das Helligkeit und die Grösse der Anomalie nahmen immer weiter zu und begann, einen gleissenden Wirbel zu formen. Allein sein Anblick liess bei ihm leichte Übelkeit aufkommen, als befände er sich auf einem schwankenden Schiff.


    Gleichzeitig setzte die Orestes sich in Bewegung und hielt mit zunehmender Geschwindigkeit direkt auf die Singularität zu. Nun hatte der Wirbel seine volle Ausdehnung erreicht und in seinem Zentrum öffnete sich wie die Pupille eines starrendes Auges ein tiefschwarzer Kreis. Das Schiff tauchte in die Dunkelheit ein.


    War seine Verbindung zum Warp bis eben noch deutlich geschwächt gewesen, überflutete die Energie des Immateriums Konstantijn nun mit voller Macht. Das Gellarfeld hielt eine Blase aus Realraum um die Orestes aufrecht. Die Krearuren des Warps konnte darin nicht existieren und so waren das Schiff und seine Besatzung vor ihnen geschützt. Die Barriere war jedoch ungleich schwächer als jene natürliche zwischen den Dimensionen. Konstantijn wurde schwindelig, die Knie wurden ihm weich und er brauchte einige Momente, um wieder ganz bei sich zu sein.


    »Transition abgeschlossen», hörte er die Stimme des Kapitäns in seinem Kopf. »Navigator, wir sind in Eurer Hand und der Gnade Imperators.«


    Die Sichtschirme waren im Augenblick des Übertritts schwarz geworden, um die Besatzung vor dem verstörenden Anblick des Immateriums zu schützen. Nun begannen sich Netze aus goldenen Linien auf den Oberflächen abzuzeichnen, schematisierte Darstellungen des Kurses, den die Orestes durch die Strömungen des Warps nahm.


    »Das wäre geschafft«, sagte Kapitän Yupanki an den Inquisitor gewandt.


    Konstantijn nickte immer noch leicht benommen. »Danke Kapitän. Ich ziehe mich zurück. Kontaktieren Sie mich bitte, sobald wir die Yukikaze einholen.«


    »Mit Vergnügen», antwortete Inés. »Ich bin neugierig, welche Art Ketzer wir diesmal zur Strecke bringen.«


    Der Inquisitor lächelte schwach, formte zum Abschied das Zeichen des Aquila und verliess die Brücke.


    Mit müden Schritten trottete Konstantijn die Korridore entlang. Vergitterten Lampen an den grauen Wänden tauchten die Gänge in trübes Licht. Auch ohne die bedrückende Dauerpräsenz des Immateriums musste dieses Umfeld für Beklemmung sorgen. Immer wieder dröhnten dumpfe Schläge durch das Stahlgerippe – wann immer eine Kreatur des Warpraumes, angezogen von den Seelen der Passagiere, versuchte, das Schutzfeld zu durchdringen und sich die leuchtende Beute zu holen.


    Schließlich erreichte der Inquisitor die Tür zu seiner Kabine tief im inneren des Schiffes, so weit wie möglich von der Außenhülle und den Einflüssen des Warps entfernt. Er hielt die Rosette vor das elektronische Türschloss und die graue Stahltür glitt auf. Die rötlich gedimmte Beleuchtung flackerte auf, brachte aber kaum mehr Helligkeit als die Lampen auf den Fluren hervor.


    Mit einem tiefen Durchatmen setzte Konstantijn sich in den gepolsterten Sessel vor dem breiten Schreibtisch. Für eine Kabine auf einem imperialen Schiff war das Quartier verhältnismäßig komfortabel ausgestattet, besser auf jeden Fall als die Unterkunft, die er zuletzt bewohnt hatte. Die Möbel und die Wandverkleidung imitierten dunkles Holz, die Beschläge der Kanten waren glänzendes Messing. Einige gerahmte Bilder von Heiligen und Helden des Imperiums zierten die Wände, ein kleiner, kerzenbeleuchteter Aquila-Schrein war hinter dem Schreibtisch in die Wand eingearbeitet. Konstantijn kannte verschiedenen Geschichten, hielt aber von der Huldigung sterblicher Diener des Imperators wenig, ganz gleich welche Taten sie vollbracht haben mochten.
    Erneut erschütterte eine Attacke das Gellarfeld. Als wäre es ein Echo des dumpfen Grollens, nahm Konstantijn ein schwaches Ächzen wahr, mehr mit dem Geist als mit den Ohren. Er sah sich suchend um.


    »Firondhir?«


    Der Eldar-Weltenläufer hockte zusammengekauert in einer Ecke hinter dem Sichtschutz, der rechts neben der Tür die Koje vom Rest des Raumes abtrennte, die Beine angezogen und den Kopf auf die Knie gesenkt, die Kapuze über dem Gesicht.


    Konstantijn trat zu dem Eldar herüber und kniete sich neben ihn.


    »Was ist los?« fragte er verwundert.


    Wieder vibrierte das Schiff, diesmal heftiger. Firondhir stöhnte auf. Konstantijn legte ihm die Hand auf die Schulter, doch als der Phantomkristall den Eldar berührte, war es, als hätte ein Schlag ihn direkt in sein Nervensystem getroffen. Reflexartig zog er den Arm zurück. Trotzdem hallte der psionische Impuls mit einem tauben Gefühl nach.


    »Lass mich in Frieden, Cresistauead«, zischte der Weltenläufer gereizt. Doch Konstantijn ließ sich nicht so einfach abwimmeln.


    »Etwas stimmt nicht mit dir, lass mich dir helfen.«


    Firondhir hob schwerfällig den Kopf und sah den Menschen an. Konstantijn erschrak. Sein Gesicht war noch blasser, als er es bei einem Eldar für möglich gehalten hätten, schweissbedeckt und wie von starken Schmerzen verzerrt, mit dunklen Ringe unter den Augen.


    Die nächste Erschütterung ließ den Eldar sich zusammenkrümmen und zur Seite sinken. Konstantijn fing ihn auf und stütze ihn, die Auswirkungen auf ihn selbst ignorierend. Die Attacken der Warpwesen schienen an Intensität zuzunehmen, so dass auch er ihre Gier nach den Seelen den Sterblichen in dem Stahlhülle spüren konnte. Alpträume, von denen glaubte, sie lange hinter sich gelassen zu haben, suchten sich unaufhaltsam ihren Weg in seinen Geist. Formlose Gestalten, purpurrot, mit geifernden Mäulern, rasiermesserscharfen Zähnen und starrenden, gelben Augen auf der Suche nach Beute, die sie in Stücke reissen konnten. Eine tiefsitzende, unauslöschliche Furcht ergriff ihn.


    Konstantijn atmete tief durch und rezitierte in Gedanken ein Gebet an den Imperator, einmal, zweimal, dreimal, dann hörte er auf zu zählen. Die Furcht wich nicht, aber es gelang ihm, sie unter Kontrolle zu bringen. Dann wandte er sich wieder dem Weltenwanderer zu.


    Firondhir lehnte halb bewusstlos an der Trennwand. Seine Hände umklammerten wie in einem Krampf die braune Haarlocke, so fest, dass alles Blut aus seinen Knöcheln wich. Kaum verständlich schien er etwas zu murmeln, was wie eine stockende Melodie klang, doch war Konstantijn sich nicht sicher, ob es nicht auch ein Gebet in der Eldarsprache sein konnte. Er fasste Firondhirs Hand. Der Weltenwanderer leistete keinen Widerstand.


    Er versucht ihm Mut zuzusprechen: »Die Warpkreaturen können uns hier nichts anhaben. Ich fühle das gleiche wie du. Wir stehen das durch. Der Imperator schützt uns hier, auch dich.«


    Für einen Moment fand Firondhir die Kraft, mit einem gequälten Lachen zu antworten. »Du weisst nichts, Cresistauead.«


    Ein kurzer Augenblick des Zorns überkam den Inquisitor, dabei war er sich nicht einmal sicher, ob der Eldar seine Hilfsbereitschaft oder seinen Glauben verlachte – oder doch vielleicht keins von beidem. Der Gedanke ließ ihn seine Empörung zurückdrängen.


    »Ich weiss, dass du Hilfe brauchst«, entgegnete er. »Ich weiss nur nicht, wie. Was tun Eldar bei Warpreisen?«


    »Wir reisen nicht durch den Sha’eil«, stiess der Weltenwanderer hervor.


    Konstantijn war einen Moment sprachlos. Dass er daran nicht selbst gedacht hatte. Die Eldar benutzten das Netz der Tausend Tore. Er begann zu verstehe, warum. Nicht nur aus reiner Bequemlichkeit.


    »Du warst noch nie hier«, stellte er bestürzt fest. Firondhir schüttelte den Kopf.


    »Warum bist du mitgekommen? Du wusstest, was auf dich zukommt.«


    Firondhir lächelte matt. Es fiel ihm schwer, klare Gedanken zu fassen, die Worte in Konstantijns Sprache zu finden. Doch er stellte fest, dass die Konzentration darauf ihn ablenkte und seine Qualen etwas abmilderte. Und letztendlich waren die Absichten des Menschen redlich.


    »Was würdest du nicht tun für einen Gefährten, der alles für dich getan hat, QuasKarun?“


    Angesichts dieser Haltung konnte Konstantijn nichts anders, als größte Hochachtung vor dem Weltenwanderer zu empfinden.


    Ein neuer, heftiger Schlag ließ das Schiff erbeben und Firondhir sich stöhnend zusammenkrümmen. Konstantijn griff ihm unter die Arme und versuchte, ihm hochzuhelfen.


    »Komm, leg dich hin. Ich kann dir helfen zu schlafen, vielleicht…«


    Firondhir stieß ihn zurück. »Nein!« keucht er. »Nein. SIE wartet nur darauf. Dann hält SIE nichts mehr fern.«


    »Sie?« fragte Konstantijn verwundert. »Wen meinst du mit ‚Sie‘?«


    Doch Firondhir schien in eine Art Fieberwahn abgeglitten zu sein. »Ich kann SIE sehen, SIE ruft nach mir.« Die Furcht und Verzweiflung in seiner Stimme war dem Wahnsinn nahe, so stark, dass selbst Konstantijn sie mitempfinden konnte. Irgendetwas musste er tun, sonst würde auch er selbst von den sich Bahn brechenden Emotionen mitgerissen werden. Bei einem solchen Ausbruch psionischer Energie würde selbst das Gellarfeld sie nicht mehr schützen.

    Er zog den nahezu bewegungsunfähigen Eldar hoch und hievte ihn auf das Bett. Dabei glitt die kleine, silberne Flöte aus einer der Taschen des Weltenwanderer und schlug mit einem hellen Klang auf den Boden auf. Konstantijn hob sie auf und betrachtete ihren Glanz im trüben Licht der Kabine.
    Dunkel erinnerte er sich. Bei ihrer ersten Begegnung hatte der Weltenwanderer eine Melodie darauf gespielt, einfach, aber tief in der Seele berührend. Wie sie ging, wusste Konstantijn nicht mehr, geschweige denn, dass er selbst Flöte spielen konnte. Außerdem zweifelte er, dass das in dieser Lage genügen würde. Doch ihm kam eine Idee.


    Firondhir lag ausgestreckt auf dem Bett. Seine Hand umklammerte immer noch die Haarlocke und presste sie gegen seine Brust als würde er damit eine blutende Wunde zudrücken. Der schwarze Mantel war zur Seite geschlagen und gab den Blick frei auf den ovalen, glattpolierten Edelstein, den der Eldar auf dem ultramarinblauen Anzug trug. Ein orangerotes Licht pulsierte in dem Stein wie ein unregelmäßiger Herzschlag. Konstantijn hatte nur grobe Kenntnis über die Bedeutung dieser Wegsteine, doch sein Wissen genügte, dass ihm nun eins vollends klar wurde: Firondhir riskierte hier nicht nur sein Leben, sondern auch seinen Verstand und seine Seele, und das unter Qualen, wie ein Mensch es sich nicht einmal vorstellen konnte.


    Langsam beugte Konstantijn sich über den Eldar, ergriff mit seiner Rechten dessen Hände und hielt sie fest. Unter dem Griff spürte er den schnellen, flachen Atem und den rasenden Herzschlag des Weltenwanderers. Die silberne Phatomkristallhand jedoch schob er vorsichtig unter seinen Nacken. Dann atmete er tief ein und aus und suchte mit dem Geist seinen Fokus: den stilisierten Imperialen Adler auf dem Handrücken. Was er vorhatte, war hier im Immaterium mehr als riskant. Jedes Anwenden von Psikräften zog die Aufmerksamkeit der Warpkreaturen auf sich. Doch mit Firondhirs Anwesenheit, dessen Seele sie anlockte wie Haie das Blut im Wasser, spielte das wahrscheinlich ohnehin keine Rolle mehr.


    Es geschah schneller als Konstantijn erwartet hatte. Ob es an der dünnen Barriere zum Warp lag, die seine Kräfte verstärkte, oder dass Firondhir ihm keinerlei Widerstand entgegenbrachte, von einem Moment auf den anderen fand er sich im Geist des Eldar wieder. Konstantijn war Biomant, kein Telepath. Er sah keine Bilder, keine Gedanken. Das lag nicht in seiner Begabung. Wenn er in den Geist eines Menschen blickte, sah er ein Netz aus Abermillionen Lichtern wie ein gleißender Sternenhimmel. Die Sterne flammten auf und dimmten herab, sandten Lichtimpulse von einem zum anderen. Mit der Zeit hatte er gelernt, sie zu lesen, die Orte auszumachen, mit denen verschiedene Körperfunktionen gesteuert wurden, und sie gezielt zu beeinflussen.


    Die Sterne im Geist des Eldar waren nicht Millionen. Es waren Myriaden. Ihr Aufflammen ließ sich kaum mehr voneinander unterscheiden, die Lichtspuren zwischen ihnen verloschen nicht, sondern pulsierten in rascher Folge. Es war atemberaubend. Konstantijn fragte sich, ob dies immer so war oder nur wegen des Ausnahmezustandes, in dem Firondhir sich befand. Niemals hätte es ihm gelingen können, auch nur einen einzigen Funken festhalten zu können. Aber das war auch gar nicht seine Absicht.


    Vorsichtig ließ er seine eigenen Gedanken, seine eigenen Lichtströme in die des Eldar fließen, darauf gefasst, jeden Augenblick zurückgestoßen zu werden oder in dem gleißenden Licht unterzugehen. Doch nichts dergleichen geschah. Alles war fremd, als würde er Geflüster in einer Sprache hören, die er nicht verstand. Aber nichts war feindselig.


    Dann begann Konstantijn in seinem Geist eine Melodie zu rezitieren. Ein anderes Lied als das des Weltenwanderers, ein Lied, das er von seiner Heimatwelt kannte, mit einer ähnlichen, tragenden Melodie und Worten, die von grünen Wiesen, silbern gleißenden Wassern und blühenden Feldern erzählten.
    Er hatte es kaum zu hoffen gewagt, doch es funktionierte. Immer wieder und wieder wiederholte er die Melodie. Mit jedem Mal wurden die Hirnströme des Eldar geordneter. Die Lichter büssten nichts von ihrer Intensität ein, doch schien ihr Aufflammen sich der Melodie anzugleichen wie ein Feuerwerk zu Musik. Zugleich wurde der Atem tiefer und der Herzschlag ruhiger. Doch Konstantijn hörte nicht auf, er wiederholte das Lied, bis er selbst in einen Trancezustand versank.


    Im ersten Moment wusste Konstantijn nicht, wann und wo er sich befand, nur, dass irgendetwas ihn ins hier und jetzt zurückgeholt hatte. Erneut schrillte das Rufsignal der Bordsprechanlage. Langsam hob er den Kopf. Sein Bewusstsein war ruhig und ausgeglichen wie nach einem langen und erholsamen Schlaf, ein angenehmes Gefühl, das er schon eine längere Zeit nicht mehr gehabt hatte. In dieser Tiefe überhaupt erst einmal, nämlich als er auf dem Weltenschiff…


    Ein kurzer Schreck durchfuhr ihn. Firondhir! Er sah auf. Der Eldar lag ruhig auf dem Bett, als würde er schlafen. Konstantijn musste irgendwann in den vergangenen Stunden – waren es Stunden, Tage? - daneben auf die Knie gesunken sein, doch seine Hände hatten ihn nicht losgelassen. Er lauschte. Alle seine Sinne sagten ihm, dass sie sich noch im Warp befanden. Aber die Auswirkungen waren beinahe verschwunden, nur noch ein schwaches Hintergrundrauschen.


    Vorsichtig zog der Inquisitor seine silberne Hand vom Nacken des Eldar zurück und stand mit steifen Knien auf. Firondhir regte sich. Er atmete einmal tief durch und öffnete dann die Augen.


    »Wie fühlst du dich?« fragte Konstantijn mit leiser Stimme.


    Mühsam setzte der Weltenwanderer sich auf. Dann wandte er dem Menschen seinen Blick zu. Sein Gesicht war immer noch blass und müde, aber entspannt. Er hatte keine Worte in der Menschensprache, mit denen er sein Empfinden hätte ausdrücken, ihm verständlich machen können, was er durchlitten, wie nah er dem unwiderruflichen Verderben gewesen war, wie viel Konstantijn tatsächlich für ihn getan hatte.


    »In Sicherheit«, antwortete er. Konstantijn lächelte.


    Wieder schrillte die Sprechanlage. Der Inquisitor eilte zum Bedienungspaneel neben der Tür.


    »Ich höre?«


    »Inquisitor? Ist alles in Ordnung? Wir versuchen seit einigen Minuten, Sie zu erreichen“, krächzte Kapitän Yupanquis Stimme aus dem Lautsprecher.


    »Alles in Ordnung«, antwortete Konstantijn.


    »Wir haben die Yukikaze eingeholt. Leiten Warpaustritt ein.«


    Konstantijn konnte Firondhirs Erleichterung bei diesen Worten buchstäblich spüren. Er konnte es nachempfinden.


    »Hervorragend. Ich komme auf die Brücke. Ruven aus.«


    Bevor er sich auf den Weg machte, wandte er sich noch einmal dem Weltenwanderer zu. »Kommst du zurecht?«


    Firondhir nickte. Konstantijn bückte sich und hob die Flöte vom Boden auf, wo er sie zuvor abgelegt hatte, und reichte sie dem Eldar. Firondhir nahm sie überrascht entgegen. Er konnte sich nicht erinnern, wann er sie verloren hatte. Dann wandte der Inquisitor sich zum Gehen.


    »Konstantijn«, sagte Firondhir. Der Angesprochene drehte sich noch einmal um. »Ich danke dir.«


    »Nichts zu danken«, erwiderte er. Als er durch die Tür ging, hörte er noch, wie Firondhir begann, ein Lied auf der Flöte zu spielen. Es war nicht sein übliches Lied. Während er die trüben Korridore entlang zur Brücke eilte, ging Konstantijn auf, dass, soweit er sich erinnern konnte, Firondhir ihn eben zum ersten Mal bei seinem Vornamen genannt hatte.


    Der Inquisitor betrat die Brücke genau in dem Moment, als die Orestes den Warpraum verliess. Augenblicklich ebbte die unterschwellige Anspannung ab. Er trat neben Kapitän Yupanqui, die in ihrem Kommandothron saß, immer noch mit dem Schiff verbunden.


    »Wie haben die Yukikaze in Reichweite der optischen Erfassungssysteme«, meldete der Offizier der Raumüberwachung. Die Anwesenheit des Inquisitors veranlasste die Besatzung, verbal zu kommunizieren.


    »Sichtschirm ein«, befahl der Kapitän.


    Die schwarzen Scheiben hellten sich auf, Sterne begannen sich nach und nach abzuzeichnen. Dann erschien das Schiff, ein Kreuzer der Ignis-Klasse, doch erkennbar umgebaut mit leichterer Bewaffnung als bei Schiffen dieser Bauart üblich. Doch die Yukikaze war nicht allein.


    »Ein Zerstörer der Kobra-Klasse liegt längsseits«, meldete die Raumüberwachung.


    »Kennung?« fragte Inès Yupanqui.


    »Ordo Xenos.«


    Konstantijn und der Kapitän wechselten einen überraschten Blick.


    »Rufen Sie die Schiffe«, befahl der Inquisitor.

  • VI


    Die Raumfähre landete sanft im Hangar der Yukikaze. Anton war äusserst optimistisch, dass er nun womöglich die Antworten finden konnte, die er seit Ysraal VI suchte.


    Emanuel war sein Freund und sein Besuch informeller Natur, also hatte er darauf verzichtet, sich von Inquisitionsgardisten begleiten zu lassen. Er hatte aber dennoch entschieden, Ashenya, Hector und Jek, seinen Foltermeister, mitzunehmen. Während Anton sich um den Eldar kümmern würde, konnte Ashenya sich etwas zurücklehnen und entspannen, ohne Verachtung oder Herabwürdigung durch kleingeistige Imperiumsbürger befürchten zu müssen. Emanuel war Xenos gegenüber sehr aufgeschlossen und kannte seine Begleiterin bereits von früheren Treffen. Die beiden verstanden sich gut und teilten verschiedene Interessen. Ausserdem war er einer der wenigen Personen, mit denen sie freiwillig Hochgotisch sprach. Hector dagegen konnte mit Emanuel nicht viel anfangen. Der gezeichnete Veteran war viel zu kaltschnäuzig, um die dekadente Welt der imperialen Oberschicht auch nur ansatzweise zu verstehen. Anton vertraute Hector aber unbedingt und schätze seine Anwesenheit sowohl als Leibwächter, als auch als Freund. Ihn auf der Gebirgsvagabund zurückzulassen, käme niemals in Frage.


    Jek war das grösste Problem. Auch er stand zwar absolut treu hinter Anton, doch schlummerte in dem fettleibigen, untersetzten Mann eine diabolische Bestie. Unter Emanuels Söldnern gab es viele Necromundianer, und nicht wenige hatten mit Jek eine unschöne, gemeinsame Vergangenheit. Ausserdem war Anton überzeugt, dass Emanuel einen schlechten Einfluss auf seinen Gefährten ausübte. Was aber das eigentliche Ziel seines Besuches, Informationen über die Seelenlosen Xenos zu beschaffen, anging, war Jek unentbehrlich. Sollte sich der Eldar, den Emanuel festgesetzt hatte, als nicht kooperativ herausstellen, war Jek Antons bestes Mittel, dem entgegenzuwirken.


    Nach einem Moment der Stille öffnete sich zischend die Transportluke der Fähre. Das gleissende Weiss und der polierte Stahl waren eine durchaus willkommene Abwechslung zum Dreck des zerfallenden Makropolenslums, den sie noch vor wenigen Tagen durchkämmt hatten. Anton hatte eigentlich nicht viel für Prunk und Protz übrig, aber die sterile, ordentliche Atmosphäre, die in der Yukikaze herrschte, gab ihm immer wieder ein Gefühl der Ruhe und Sicherheit.


    Emanuel wartete bereits auf seinen Freund und kam ihm mit einem zufriedenen Lächeln entgegen.


    »Schön dich zu sehen, Anton!«, sagte er und begrüsste den Inquisitor mit einer freundschaftlichen Umarmung, die dieser erwiderte. Dann richtete er sich zu Ashenya und verbeugte sich leicht, die Hand aufs Herz gelegt. »Und ebenso eine Freude, dich zu sehen, Ashenya!«


    Hector und Jek standen etwas weiter hinten und fanden keine Beachtung. Hector war dies aber nur allzurecht. Emanuel war ihm nicht geheuer. Er konnte ihn nicht einschätzen und seine überfreundliche, aalglatte Art weckte wenig Vertrauen.


    Sein Blick schweifte durch den Hangar. Er erkannte Emanuels Ehrengarde, Soldaten der Freihändlerdynastie, in rote Gewänder gehüllt, gepanzert mit Rüstungen aus irisierendem Perlmutt. Ihre Gesichter waren allesamt unter schwarzen Sturmhauben verborgen, was kaum zu Hectors Wohlbefinden beitrug. Die meisten Besatzungsmitglieder, die geschäftig im Hangar herumliefen, waren aber normale Söldner ohne einheitliche Uniformierung. Ihre schlecht rasierten, verbrauchten Gesichter schienen Hector weit sympathischer als der undurchsichtige Prunk der Von Drach-Dynastie. Natürlich war ihm dennoch klar, dass wohl die meisten dieser Gesellen durchaus keine besonders freundlichen Zeitgenossen waren. Während er eine optimale Verteidigungsposition und potenzielle Fluchtroute suchte, grunzte Jek neben ihm. Der Foltermeister war mindestens einen Kopf kleiner als Hector. Durch die ungesunde, gebückte Haltung reichte er dem Veteranen aber nicht einmal bis zur Brust. Dennoch verfügte er aber wohl über mindestens die zweifachen Körpermasse. Sein aufgedunsener, fetter Körper wabbelte bei jeder Bewegung. Aufgrund der unzähligen ungesunden Pusteln und Geschwüre, die seinen massigen Körper verunzierten, hätte man ihn ohne weiteres für einen widerwärtigen Mutanten halten können.


    Jek drehte seinen geschwollenen Kopf zu Hector und glotze ihn mit wässerigen, geröteten Augen an. Er erschauderte. Er erschauderte jedes Mal, wenn Jek ihn ansah. Ein altes Sprichwort von Terra sagte, die Augen seien das Tor zur Seele, und beim Imperator, Jek war der lebende Beweis dafür, dass das zutraf. Es waren nicht die Augen eines Mannes, die in anstarrten. Es war boshafte Augen eines wahnsinnigen Tieres, das nur darauf wartete, sein niederstes Verlangen zu erfüllen.


    »Sechs Gardisten. Gefährlich«, keuchte Jek, während schaumiger Sabber aus seinem Mundwinkel tropfte. »Von der Besatzung sind etwa ein Dutzend bewaffnet. Fast alles Mörder. Einige dazu drogensüchtig.«


    Hector kannte Jek lange genug, um dessen Verhalten nicht zu hinterfragen. Trotz seines widerwertigen Äusseren war Antons Foltermeister ein erfahrener und gnadenloser Killer. Einst war er ein Venator auf Necromunda gewesen, ein Spezialist im Beseitigen ungewollter Personen. Er hatte bereits alle potenziellen Gefahren analysiert und wartete nur noch darauf, losgelassen zu werden.


    »Ich bin immer bereit«, nickte ihm Hector in der Hoffnung zu, dass er seinen durchdringenden Blick, der sich direkt in die Seele zu fressen schien, abwandte.


    Mit einem leisen, irren Kichern drehte Jek sich dann auch ab und schien wieder die Umgebung zu überprüfen.


    Antons beide Gefolgsmänner trotteten stumm hinter Emanuel, Anton und Ashenya her, die sich vergnügt über allerlei Banalitäten unterhielten. Dann hielt die Gruppe inne, als der Korridor sich in mehrere Richtungen verzweigte.


    »Nun, Anton« sagte Emanuel gespannt. »Ich habe zwar ein kleines Mahl vorbereiten lassen, aber ich nehme an, du willst zuerst den Eldar sehen?«


    »So sehr ich deine Gesellschaft schätze… aber ja, wenn du mich direkt darauf ansprichst«, entgegnete Anton ruhig. »Die Informationen, die ich suche, sind für mich von grösster Wichtigkeit. Sollte ich finden, was ich suche, können wir diesen Fund gerne ausgiebig feiern!«


    »Musik in meinen Ohren, mein Freund.« Emanuel nahm den Vox-Caster zur Hand, der an seinem Mantelkragen befestigt war. »Stepan, Anton will unseren Gast besuchen. Begleite ihn doch zum Zellenblock. Komm auf Deck 32, Position 5-3.«


    Nur Sekunden später knackte der Vox-Caster und die raue Stimme von Emanuels Söldnerführer erklang. »Ich bin schon unterwegs. Stepan Ende.«


    Emanuel nahm das Wort an Anton gerichtet wieder auf. »Dann trennen sich hier unsere Wege vorerst. Ich werde Ashenya schon einmal ins Offizierskasino begleiten, sobald Stepan hier eintrifft.«


    Noch bevor er ganz ausgeredet hatte, unterbrach ein Zischen den Freihändler. »Danke, aber ich kann selbst entscheiden, mit wem ich mitgehe!« warf Ashenya mit trockener, kehliger Stimme ein.


    Für einen Moment zeichnete sich Verwunderung und Verwirrung auf Emanuels Gesicht ab. Es war nicht seine Absicht, das Alien zu bevormunden. Er hatte aber vergessen, dass es keinen Wert auf die gängigen Höflichkeitsformeln der imperialen Oberschicht legte. Ashenya brauchte niemand, der ihr irgendwelche Entscheidungen abnahm, selbst wenn dies für sie möglicherweise bequemer war.


    Als sie sah, wie er für einen Moment den überlegenen Gesichtsausdruck verlor, musste sie kurz lachen. Ihre Freunde kannten sie glücklicherweise lange genug, um das aggressive Schnauben richtig zu deuten – dem Lachen der Menschen nicht im Geringsten ähnlich, war es der einzige Laut, den die fremdartige Biologie der Quarr’va für den Ausdruck von Freude vorsah.


    Mit einem befriedigten Glänzen in den Augen zerstreute sie dann Emanuels Irritation. »Keine Sorge. Ich komme mit dir mit!« Dann wandte sie sich an Anton. »Aber ich will alles wissen, was du erfährst.«


    Anton nickte mit ehrlicher Selbstverständlichkeit. Ehe er aber antworten konnte, tauchte eine Gruppe Soldaten aus einem der Korridore auf. Eine Handvoll Söldner folgten einem Hünen in der ramponierten Uniform der Vostroyanischen Erstgeborenen. Truppen- und Ehrenabzeichnungen waren offenbar unauffällig entfernt worden. Die rechte Gesichtshälfte war vollständig durch hochwertige Bionics ersetzt.


    »Tut mir leid, dass ich Euch erst jetzt begrüssen kann, Inquisitor«, donnerte die Stimme des Vostroyaners zu Emanuel, Anton und seinen Gefährten hinüber.


    Anton musste grinsen. Stepan hatte seine grobe, ehrliche Art noch immer beibehalten.


    »Stepan Valeriov, schön dich zu sehen«, begrüsste ihn der Inquisitor. Sobald sie voreinander standen, umarmten sie sich brüderlich.


    »Anton, es ist zu lange her«, sagte Stepan mit seiner rauen, mächtigen Stimme. »Wann warst du das letzte Mal hier? Es muss Jahre her sein…«


    »Ich weiss es nicht, Freund, aber ich freue mich, wieder hier zu sein«, gab Anton zurück.


    Nachdem er Anton begrüsst hatte, wandte Stepan sich Emanuel zu und nahm ruckartig Haltung an. »Ihre Befehle, Sir?«


    Emanuel winkte ab, worauf Stepans Haltung sich etwas lockerte. »Bring Anton zu unserem Gast. Ich werde bereits ins Offizierskasino vorgehen und dort darauf warten, dass ihr nachkommt.«


    Der Vostroyaner salutierte übertrieben stramm. »Dann folge mir, Anton, ich bringe dich zu dem Xenos.«


    Anton und Emanuel wechselten noch ein paar Worte, ehe sich die Gruppe aufteilte. Stepan lief vorneweg neben Anton. Ein Teil der Söldner, Hector und Jek folgten mit etwas Abstand nach.


    »Die Zellen befinden sich einige Decks weiter unten. Wir werden eine Weile unterwegs sein«, erklärte der Vostroyaner. Anton nickte.


    »Wie ist es dir ergangen, Stepan Valeriov?«, fragte er den Söldner-Kommandanten.


    »Du kennst Emanuel ja«, antwortete dieser. »Viel Geheimniskrämerei, unzuverlässige Männer, kaum nachvollziehbare Reisen quer durch das ganze Imperium. Alles beim Alten. Apropos, du hältst den Metzger noch immer als Haustier?«


    Anton lachte grimmig. »Ich weiss, dass du Jek verachtest. Er ist aber ein nützliches Mitglied meiner Mannschaft.«


    »Der Mann ist ein Monster. Das weisst du. Irgendwann wirst du ihn nicht mehr zurückhalten können. Der Imperator weiss, was dann passiert.« Stepan klang ehrlich besorgt.


    »Ja, er ist ein Monster. Genauso wie ich ein Monster bin. Ich habe mehr Blut an meinen Händen, als es Jek je haben wird. Würde man Menschen danach messen, was sie getan haben, müsste man das halbe Imperium hinrichten. Doch Jek – genauso wie ich selbst – hat eine Seele. Ich kenne ihn. Er mag schreckliche Dinge tun, aber im Grunde genommen ist er nur ein missverstandenes Kind. Solange ich auf ihn aufpasse, kann ich verhindern, dass er noch schrecklichere Dinge tut.«


    »Er war ein nützliches Werkzeug, das kaputt gegangen ist! Ich habe zu oft das Ergebnis seiner Arbeit gesehen. Wenn er ein Kind sein sollte, ist er ein solch verkommener Bengel, dass man ihn zum Wohle aller eliminieren sollte. Ach verdammt, Anton, mir ist es egal, tu was du willst. Aber der Kerl ist eine Gefahr für uns alle!«


    Anton seufzte. »Ich verliere die Kontrolle schon nicht. Aber danke. Ich schätze es sehr, dass du dich sorgst.«


    Die restliche Zeit bis zum Zellentrakt, tauschten Stepan und Anton noch einige Anekdoten aus. Die Söldner weiter hinten plapperten über die üblichen Themen – Frauen, Alkohol und Krieg. Nur Hector und Jek schwiegen sich eisern an. Ersterer rauchte schon das dritte Loh-Stäbchen, prägte sich aber gleichzeitig den Weg genauestens ein, den sie nahmen. Es konnte nie schaden, vorbereitet zu sein. Der Foltermeister dagegen kicherte nur sabbernd vor sich hin, wobei niemand wusste, was wirklich in dem Mann vorging.


    Nach einer Weile kam die Gruppe in den Gefängnistrakt. Etwa ein Dutzend Sicherheitstüren führten von einem breiten, hell ausgeleuchteten Korridor in die jeweiligen Zellen. Stepan blieb vor einer davon stehen und befahl durch einen dort angebrachten Vox-Caster, die Türe zu öffnen. Die Kommandobrücke bestätige kurz darauf und aktivierte den Entriegelungsvorgang. Anton wusste, dass ein solches System äusserst selten war. Die wenigsten Imperialen Schiffe verfügten über eine zentrale Systemsteuerung. Normalerweise gab es für nahezu jedes Deck eine eigene Kontrolleinheit, die einzeln bedient werden musste. Die Yukikaze verfügte über die modernste Technik, die es für Geld zu kaufen gab.


    ***


    Margil lehnte mit angezogenen Beinen an der Zellenwand und hatte den Kopf bis auf die Knie gesenkt. Das Geräusch der Türe liess ihn aufschauen. Ein Besatzungsmitglied stand im Durchgang. Die Drukhari trat ihm entgegen und nahm ihm wortlos ab, was er gebracht hatte.


    Sie wandte sich um, stellte eine graue Kiste auf dem Tisch ab und begann sie auszupacken. Zuerst zog sie ein sorgfältig gefaltetes Bündel schwarzen Stoffes hervor und legte es vor den Füssen des Weltenwanderers ab. Dann entnahm sie den übrigen Inhalt: verschiedene weisse Kunststoffgefässe, Flaschen und Becher. Sie platzierte sie auf dem Tisch.


    Margil beobachtete sie. Für weibliche Reize war er nicht empfänglich, doch objektiv hätte sie als Schönheit gelten können, wäre nicht der unnatürliche Teint gewesen. Jede ihrer Bewegungen war so geschmeidig wie es einer Hekatarii gebührte, doch standen sie in Widerspruch zu den Tätigkeiten einer Dienerin, die sie ausführte. Langsam erhob er sich, nahm die Kleidungsstücke auf und betrachtete sie. Es war ein Paar schmaler Hosen und ein knielanger Hemdrock mit einem breiten Gürtel, nicht übermässig prunkvoll, doch aus edlem Material und gut verarbeitet. Der Stil erinnerte ihn an die Kleidung, die in Commorragh getragen wurde. Der Chem-Pan-Sey hatte mit seinen Worten nicht übertrieben. Dennoch war Margil nicht Willens, ihm den Gefallen zu erweisen, seine Kleider anzulegen. Er legte sie zusammen und warf sie auf das Bett.


    Derweil hatte die Drukhari ihr Arbeit beendet. Sie hatte die Behälter auf dem Tisch verteilt und die Deckel abgenommen. Vertraute Gerüche entströmten ihnen. Zu seiner eigenen Überraschung wurde der Weltenwanderer gewahr, dass die Stumpfheit seiner Sinne allmählich nachliess. Auch darüber hatte der Mensch die Wahrheit gesagt. Er konnte den Duft verschiedener Früchte und Gewürze unterscheiden. Wie bei den Aeldari üblich, waren kleine Portionen verschiedener Gerichte in einzelnen Schüsseln verteilt.


    Doch die Auswahl war verschwenderisch, sowohl in der Menge als auch in der Zusammenstellung der Zutaten. So viel Luxus war auf den Weltenschiffen nicht üblich, wurde als Dekadenz aufgefasst und gemieden. Margil stellte fest, dass er hungrig war. Auch dieses Empfinden hatte die Droge unterdrückt. Dennoch widerstrebte es ihm, etwas von den Speisen anzurühren. Mit untergeschlagenen Beinen setzte er sich auf das Bett.


    Die Drukhari sah den Weltenwanderer mit ihrem leeren Blick an.


    „Der Herr schickt dir von allem das Beste. Es ist ungehörig, seine Gaben zu zurückzuweisen“, sagte sie tonlos.


    Margil blickte auf. Nach den Stunden quälender Leere und Einsamkeit war es eine Wohltat, Worte in seiner eigenen Sprache zu hören. Gleichwohl wurde er nun, da seine Wahrnehmungsfähigkeit zurückkehrte, umso mehr der Leere ihres Geistes gewahr. Es war eine bedrückende Empfindung.


    »Was ist mit dir geschehen, Drukhari, dass du diesen Chem-Pan-Sey deinen Herren nennst?« fragte er mit ehrlicher Anteilnahme.


    Sie schwieg einen Moment, als müsste sie erst darüber nachdenken, was diese Frage bedeutete.


    »Er ist mein Herr, ich bin seine Dienerin«, antwortete sie schliesslich.


    »Dein Name ist Laenryl. Du bist eine Aeldari, eine Drukhari, du stammst aus Commorragh. Ihr seid stolz mehr als alle anderen unseres Volkes«, wandte der Weltenwanderer ein. »Du stehst weit über dem, den du Herren nennst.«


    »Das ist vergangen. Er ist mein Herr, ich bin seine Dienerin«, wiederholte sie. »Deswegen lebe ich.«


    Unter anderen Umständen hätte ihre Beharrlichkeit bei Margil Zorn und Unverständnis hervorgerufen. Unverständnis über ihre Haltung, doch Zorn auf den Chem-Pan-Sey, der, so glaubt er, ihr dies angetan, ihren Willen gebrochen hatte. Doch nun empfand er nur Mitleid. Mitleid mit einer Aeldari, die, so schien es ihm, noch Schlimmeres durch dieses Ungeheuer erfahren hatte als er selbst. Denn während seine eigene Abgestumpftheit nun tatsächlich beinahe verschwunden war, er die Welt wieder so wahrnahm, wie sie sein sollte, war sie nur noch ein Schatten dessen, was ihr Volk ausmachte.


    Mit der offenen, zugewandten Körperhaltung, die dieses Gefühl ausdrückte, erhob er sich von der Liege, tat einen Schritt auf sie zu und streckte ihr eine Hand entgegen. Laenryl jedoch sprang sofort zurück und ging in eine Abwehrhaltung über wie eine aufgeschreckte Gottesanbeterin.


    »Du hast keine Erlaubnis, mich zu berühren«, fauchte sie.


    Augenblicklich hielt Margil inne und hob in einer Geste der Beschwichtigung und Entschuldigung die Hände.


    »Das war nicht meine Absicht«, sagte er ruhig, erkennend, dass sie seine Körpersprache offenbar nicht zu deuten wusste. »Vor mir hast du nichts zu befürchten.« Dann, nach einer kurzen Pause, fuhr er fort: »Hat dein Herr dir das befohlen? Nur er berührt dich?«


    Wieder zögerte die Drukhari, ehe sie antwortete: »Nein, das hat er nicht. Aber kein anderer hat das Recht dazu.«


    Margil wurde hellhörig. »Hast du das entschieden oder er?«


    »Ich gehöre meinem Herrn«, antwortete sie.


    »Das beantwortet nicht meine Frage«, entgegnete der Weltenwanderer. »Hast du das entschieden oder er?«


    Laenryl schien verwirrt. »Ich gehöre ihm.«


    »Du gehörst ihm«, wiederholte Margil, als würde er ihr zustimmen. »Aber er hat dir nicht befohlen, dass niemand sonst dich berühren darf.«


    »Nein.«


    »Dann hast du es selbst entschieden. Dein Herr hat es nicht verboten, du hast es mir verboten.«


    »Weil ich ihm gehöre und nur er das Recht hat.«


    »Weil du es so entschieden hast. Weil deine Entscheidungen dir gehören, und nicht ihm.«


    Margil beobachtete die Drukhari genau. Noch immer stand sie da wie eine Puppe. Doch für den Bruchteil eines Augenblicks glaubte er, in ihren Augen einen Funken aufleuchten zu sehen, als hätten seine Worte tief im Inneren ihres Geistes etwas erregt, das dort eingesperrt und begraben war.


    Doch ehe er weitersprechen konnte, öffnete sich erneut die Tür. Der Funke erlosch.


    Stepan trat mit Anton als erster in die Zelle hinein. Drinnen wartete Laenryl, die Emanuel als Bewacherin bei dem Eldar gelassen hatte. Der Söldnerführer entliess sie von ihrer Aufgabe, worauf sie sich stumm zurückzog.


    Der Raum war in helles, nüchternes Weiss getüncht und mit einfachen Möbeln bestückt. Doch der Eldar schien nichts davon benutzt zu haben. Er sass mit untergeschlagenen Beinen auf der Liege. Die Speisen auf dem Tisch hatte er nicht angerührt, ebenso wenig wie die Kleider, die sorgfältig gefaltet auf dem Bett lagen. Stattdessen trug er einen weiten, schwarzen Mantel. Die zurückgeschlagene Kapuze erlaubte den Blick auf das unnatürlich schmale, blasse Gesicht mit den schräg stehenden Augen, eingerahmt von einer strähnigen, blonden Mähne. Als er der Eintretenden gewahr wurde, blickte der Eldar auf und erhob sich, ohne sich mit den Händen abzustützen, in einer einzigen, fliessenden Bewegung, blieb jedoch nahezu regungslos an Ort und Stelle stehen und fasst die Menschen fest ins Auge.


    Anton wusste, dass die Krieger der Eldar nicht unterschätzt werden durften. Es gab aber kaum etwas in der Zelle, das als Waffe hätte dienen können – sollte es sich bei dem Mann überhaupt um einen Krieger handeln. So entschied er, dass es wohl besser war, dem Eldar sein Vertrauen zu beweisen. Bewaffnete Wachleute oder die doch ziemlich unangenehme Anwesenheit Jeks waren dabei kaum hilfreich. Also wandte er sich kurzentschlossen an Stepan. Also wandte er sich an Stepan. »Du kannst gehen. Ich rede selbst mit ihm. Jek und Hector sollen draussen warten. Falls ich ihre Hilfe benötigen, werde ich mich melden.«


    Stepan salutierte und tat, wie ihm geheissen. Trotz des freundschaftlichen Bandes, das zwischen ihm und Anton bestand, war er sich des Rangunterschieds durchaus bewusst.


    Anton wartete einen Moment, bis er allein war. Der Eldar musterte ihn mit den Augen eines Raubvogels, verächtlich, aber dennoch interessiert.


    Margil betrachtete den Menschen, ohne etwas zu sagen. Rein äusserlich hätte er ihn beinahe mit jenem, der ihn zuvor aufgesucht hatte, verwechseln können. Beide hatten das gleiche ausdruckslose Gesicht, die gleichen halblangen, dunklen Haare. Nur dieser hier kleidete sich weniger kapriziös. Und ihn umgab eine Aura des Schwermuts, so deutlich zu spüren, als würde er sie wie einen dunklen Mantel über den Schultern tragen.


    »Ich bin Inquisitor Kalen, Ordo Xenos«, stellte sich Anton vor. »Wie ist dein Name, Eldar?«


    Der blonde Weltenwanderer schwieg. Ein Inquisitor. Das hatte er nicht erwartet. Von den Untergruppierungen der Inquisition verstand er wenig, doch die Bezeichnung Ordo Xenos war keinesfalls vertrauenerweckend. Xenos – so nannten die Chem-Pan-Sey alle Lebewesen, die nicht von ihrer Art waren. Miermen gehörte dem Ordo Malleus an, er verfolgte die Kreaturen des Sha’eil und ihre Helfershelfer. Margil hatte mit eigenen Augen beobachtet, dass jene, die sich von seinem beinahe kindlichen Aussehen täuschen liessen, ihren Irrtum rasch und schmerzvoll erkannten und bereuten. Was das Ziel des Ordo Xenos sein musste, liess sich leicht erahnen. Und der Weltenwanderer rechnete nicht damit, dass dessen Angehörige in ihren Methoden gnädiger waren als der QuasKarun. Doch ganz gleich worüber dieser Inquisitor Auskunft suchte, bei ihm würde er sie nicht finden.


    »Dann eben nicht…«, Anton zuckte mit den Schultern. »Ich bin gekommen, um über einen Feind, den ihr Necrons nennt, zu sprechen. Ich habe Aufzeichnungen in unseren Archiven gefunden, die darauf hindeuten, dass dein Volk uns um Hilfe gebeten hatte – Hilfe, um diese Necrons zu vernichten. Vor einiger Zeit hatte ich einen Einsatz auf Ysraal VI, der Heimatwelt dieser boshaften Xenos-Spezies. Es gelang uns, die Welt und alles darauf zu vernichten, die Gefahr dieses schrecklichen Gegners für immer zu bannen.«


    Margil hob erstaunt die Augenbrauen, doch so subtil, dass es dem Menschen entging und nur einem anderen Aeldari aufgefallen wäre. Die Selbstüberschätzung der Cresistauead war dem Weltenwanderer wohl vertraut, doch die Worte dieses Menschen zeugten von so viel Unverstand, dass es schon beinahe amüsant war.


    »Doch ihre Technologie übersteigt mein Verständnis völlig«, fuhr der Inquisitor fort.


    Unmerklich grinste der Weltenwanderer. »Immerhin gelangt er selbst zu dieser Einsicht«, schoss es ihm durch den Kopf.


    »Diese Leere, die den Warpraum einnahm, könnte vielleicht eine Waffe gegen das Chaos sein. Dein Volk weiss mehr über diese Necrons, als ich im Kampf gegen diese Xenos in Erfahrung bringen konnte. Auch wenn eure Botschafterin damals nicht gehört wurde – durch die Vernichtung der Necron-Heimatwelt, habe ich unser beider Völker geholfen. Helft nun mir, in dem ihr dazu beitragt, dass ich deren Technologie zu verstehen lerne!«


    Margil musste seinen vorherigen Gedanken zurücknehmen. Der Chem-Pan-Sey hatte nichts verstanden, er hatte nicht die geringste Vorstellung, mit was er es zu tun hatte. Alles, was er ihm hätte sagen können, was die Aeldari über den Alten Feind wussten, ging weit über den Verstand des Menschen, wenn es ihn nicht sogar in den Wahnsinn trieb. Beinahe empfand der Weltenwanderer Mitleid mit seinen vergeblichen Mühen, so wie man Mitleid mit einem Tier empfand, dass versuchte, sich mit seinem eigenen Spiegelbild zu verständigen.


    Das beharrliche Schweigen des Eldar liess Anton zunehmend die Fassung verlieren. Hatte er nicht hinreichende Vernunftgründe angeführt? Hatte er nicht sein Wohlwollen, seinen bisherigen Erfolg, seine Beweggründe verständlich gemacht, und den Preis…


    »Ich sagte, wir haben den Feind vernichtet, doch zu einem hohen Preis. Ysraal VI war bewohnt! Seine Bürger kämpften tapfer und verzweifelt bis zuletzt. Wir versuchten zu retten, so viele wir konnten. Doch Millionen blieben zurück und kamen um, als der Planet vernichtet wurde – auf meinen Befehl!« Anton stockte die Stimme. »Diese Schicksale können dich nicht unbewegt lassen, Eldar. Sprich mit mir, damit diese Opfer nicht umsonst waren.«


    Bis zu diesem Moment hatte Margil die Worte des Inquisitors mit der ihm eigenen stoischen Ruhe angehört, ohne ein Wort zu erwidern. Doch nun konnte er nicht mehr an sich halten.


    »Du sprichst von einer verlorenen Welt, Chem-Pan-Sey?« Der blonde Weltenwanderer tat einen Schritt auf den Inquisitor zu, blieb in einer leicht vorgebeugten Haltung stehen und funkelte ihn von oben herab an. »Was hast du zu klagen? Ihr bevölkert die Galaxis zu Milliarden, ihre seid wie Wanderameisen. Was kümmert euch eine Welt oder einhundert.« Er machte eine kurze Pause, versuchte die Fassung wiederzugewinnen, vergeblich. Das Gesicht des Menschen schien Bestürzung zu zeigen. Margil glaubte, er würde ansetzen, etwas zu entgegnen. Doch der Aeldari wollte ihn nicht zu Wort kommen lassen.


    »Sie haben versucht, euch zu warnen«, stiess er hervor. Sein Zorn steigerte sich mit jedem Satz. »Doch was haben deine Artgenossen der Botschafterin angetan, weisst du es? Ich habe ihr Gesicht gesehen, das sie niemandem mehr zu zeigen wagt. Der Grauhabicht hat sie dafür zahlen lassen. Doch als sie heimkehrten, fanden sie ihre Heimat in Scherben, zertrümmert vom Alten Feind, den zu stoppen in eurer Macht gestanden hätte, hättet ihr nur zugehört. Die letzten des Volkes von Ilthadash, verloren in der Leere, kamen schliesslich nach ZarAsuryan. Doch viele blieben gefangen im Zwielicht und fanden nicht zurück auf die Pfade, Seelen, die am Abgrund wandeln. Du denkst, du hättest den Alten Feind besiegt, Chem-Pan-Sey?« Der blonde Weltenwanderer warf den Kopf zurück und lachte schrill. »Es beginnt erst. Sie schliefen, auf unzähligen Welten, und nun erwachen sie und fordern das zurück, was einst ihnen gehörte. Für sie seid ihr Ungeziefer, noch weniger wert als für uns.«


    Anton war über die Arroganz des Eldars überrascht und wütend zugleich. Er wusste um die Überheblichkeit dieser Xenos, dachte aber, die so schmerzliche Vernichtung Ysraal VI und die damit einhergehende Vernichtung der Necrons könnte als erster Schritt auf einem gemeinsamen Weg dienen. Nun behauptete der Alien, es gäbe noch viele weitere dieser schrecklichen Xenos?


    »Was soll das bedeuten, Eldar?« warf er erregt ein. »Das Imperium überspannt die ganze Galaxie! Wir hätten es bemerkt, wenn es mehr dieser Wesen geben würde. Dein Volk kümmert sich vielleicht nicht um die Schwachen, aber zumindest einige von uns versuchen, auch die unbedeutendsten unseres Volkes zu retten. Jeder Mensch hat ein Recht auf Schutz und das Leben, das ist der Grundpfeiler des Imperiums. Der Imperator beschützt! Ich kann und will nicht glauben, dass das Opfer Ysraals umsonst gewesen war – sollte dem aber so sein, fordere ich sofort, alles zu erfahren, um diesen Feind aufzuhalten!«

    »Jeder Mensch hat ein Recht auf Schutz und das Leben! Der Grundpfeiler des Imperiums!« rief Margil mit höhnischem Ton aus. »Ich weiss mehr über das Tun deiner Brüder, als du denkst, Inquisitor! Du hast es selbst eingestanden – diese Welt wurde vernichtet, diese Menschen getötet auf deinen Befehl! Belüge dich nur weiter selbst!«


    Der Weltenwanderer wurde unverhofft durch ein Alarmton unterbrochen. Hector betrat nur Sekunden später die Zelle und richtete sich direkt an Anton, den Eldar schlicht nicht beachtend.


    »Anton, soeben ist ein unbekanntes Schiff in dieses System gewarpt. Ordo Malleus. Sie rufen uns.«


    »Wie zur Hölle kommt der Ordo Malleus hierher?«, fluchte Anton kurz. »Ich muss sofort zu Emanuel. Wir müssen verhindern, dass sie den Eldar finden!«


    Er warf einen letzten, wütenden Blick auf den Xenos und verliess daraufhin die Zelle, die sich sogleich wieder verriegelte. Margil lächelte befriedigt und liess sich wieder im Schneidersitz auf dem Bett nieder.


    Als Anton auf die Brücke geeilt kam, war Emanuel bereits dort. Der Freihändler stand vor dem Terminal der Nahbereichskommunikation, die mit einem Servitor besetzt war. Der Maschinenmensch war fest mit der Station verbunden. Aus dem Voxcaster schallte der Ruf des Funkoffiziers des fremden Schiffes.


    »Freihändlerschiff Yukikaze, es ruft Inquisitions-Kreuzer Orestes. Halten Sie Position. Inquisitor Konstantijn Ruven, Ordo Malleus, wird zu Ihnen an Bord kommen.«


    Emanuel schaute Anton fragend an. »Ein Freund von dir?«


    »Nein…«, erwiderte Anton unsicher. Noch immer hallten die Worte des Eldar in seinem Geist wider. Ysraal VI sollte nur der Anfang sein? Der Ordo Malleus, der wie aus dem nichts auftaucht? Er konnte sich nicht erinnern, jemals in irgendwelche Angelegenheiten verwickelt worden zu sein, die die Aufmerksamkeit der Dämonenjäger auf ihn gezogen hätten. Alles lief schief. Als hätte sich ein Abgrund aufgetan, der ihn langsam zu verschlingen drohte.

    Emanuel bemerkte, dass sein Freund offensichtlich nicht in guter Verfassung war. Kurzerhand betätigte er selbst die Funkanlage.


    »Orestes, bitte nennen Sie ihr Anliegen?«


    Ein kurzer Moment der Stille folgte.


    »Ermittlungen des Ordo Malleus. Ihre volle Kooperation wird vorausgesetzt«, kam die ebenso routinierte wie nichtssagende Antwort.


    Anton stand ratlos da. In diesem Moment war er unfähig, eine Entscheidung zu treffen.


    »Moment. Ich habe einen Plan«, sagte Emanuel. Er wandte sich einem der Offiziere zu – die meisten niederen Ränge waren durch Servitoren ersetzt – und gab seine nächsten Befehle. »Odysseus-Protokoll einleiten, Landebucht 2. Bringt den Requirierungs-Beschluss!«


    Dann betätigte er erneut die Sprechtaste und gab der Orestes Rückmeldung. »Freihändlerschiff Yukikaze, Von Drach-Dynastie. Bestätige. Landebucht 2 steht Ihnen zur Verfügung.«

  • VII

    Die Landebucht war vollständig geräumt worden. Sollte die Situation eskalieren, wollte Emanuel die materiellen Verluste gering halten. Anton, der sich etwas gesammelt hatte, wurde von seinem Freund über den Plan in Kenntnis gesetzt – ein guter Plan, wenn man bedachte, dass er in so kurzer Zeit gereift war.


    Zusammen mit einer Abteilung der Freihändler-Garde wartete der Inquisitor nun in der Landebucht auf das Eintreffen seines Kollegen. Sollte der Plan aufgehen, konnte die Lage diplomatisch entschärft werden. Andernfalls standen mehrere Dutzend Söldner an allen Zugängen zum Hangar bereit, die Waffen sprechen zu lassen. Anton wusste, dass Emanuel den gesamten Bereich von der Gefechtsbrücke aus überwachte und sofort reagieren konnte, sollte der Neuankömmling zu einem Problem werden. Der Gedanke, einen anderen Inquisitor anzugreifen, war ihm zwar zuwider, aber sollte der Eldar damit Recht behalten, dass es noch mehr dieser Necrons gab, durfte er kein Risiko eingehen. Die meisten Inquisitoren, mit denen er zu tun gehabt hatte – ganz egal, aus welchem Orden – würden mit einem Xenos kurzen Prozess machen. Würde dem Gefangenen etwas geschehen, stünde Anton wieder ganz am Anfang.


    Mit einem Donnern öffneten sich die inneren Hangarschotts wie ein klaffendes, bezahntes Maul und ließen eine Aquila-Landefähre in die Landebucht. Das kleine Flugzeug, mit seinen ausladenden, an Federn erinnernden Tragflächen einem Vogel ähnelnd, war in rot und schwarz lackiert. Auf dem Heckleitwerk prangte in Gold das Zeichen der Inquisition.


    Elegant wendete das Gefährt und setzte auf der gelb markierten Landezone auf. Während die Zähne des Hangartores krachend wieder aufeinanderprallten, öffnete sich unter Zischen die Luke des Passagierbereich der Fähre.


    Einige Augenblicke verstrichen, dann trat ein junger Mann die Rampe hinunter und kam mit selbstsicheren, doch nicht bedrohlichen Schritten auf die Wartenden zu. Seine schlichte Kleidung wies außer einer messingfarbenen Knopfleiste auf der rechten Seite der blauen Jacke keine Verzierungen auf. Erst auf den zweiten Blick konnte man erahnen, dass er darunter irgendeine Art Schutzweste trug. Das einzig auffällige, um nicht zu sagen exzentrische an ihm war sein langer, ärmelloser Mantel in verwaschenem Orange, der den Offiziersjacken der Imperialen Navy ähnelte. Seine schlicht gearbeitete, goldene Rosette hatte der Inquisitor an seinen burgunderroten Gürtel befestigt – ebenso wie eine leicht gebogene, schwarze Schwertscheide, die auf eine ungewöhnlich schmale Klinge schließen ließ. Bemerkenswerterweise trug er sie auf der rechten Seite, führte zumindest also das Schwert mit der linken Hand. Nur wenn der Mantel im Gehen zur Seite schwang, war an seiner linken Seite ein Holster zu erkennen, in dem eine mit Messingaufschlägen verzierte Boltpistole steckte. Der Inquisitor erschien bewaffnet, doch ansonsten augenscheinlich allein.


    Das Gesicht des jungen Mannes war ernst, doch nicht aggressiv. Sein Alter mochte höchstens bei Mitte 30 liegen. Das rotblonde Haar fiel ihm über die Stirn und die Ohren. Mit einem höflichen Lächeln blieb er zwei Schritte vor Anton stehen, überkreuzte die Hände vor der Brust, um das Zeichen des Aquila zu formen, und verbeugte sich leicht.


    Konstantijn überblickte den weiten Raum des Hangars. Auf etwa zwei Dritteln der Entfernung von der Landefähre zum Ausgang erwartete ihn sein Gastgeber in Begleitung eines Trupps uniformierter Soldaten. Die Uniformfarben ließen sich weder der Inquisition noch dem Astra Militarum zuordnen. Einen Moment lang fragte er sich, ob es ein Fehler gewesen war, ganz ohne Eskorte überzusetzen. Aber das ließ sich nun nicht mehr ändern.


    Schon als er durch den Hangar auf sein Empfangskomitee zuging, verschaffte der Inquisitor sich einen ersten Eindruck von seinem Amtskollegen. Der Mann musste etwas älter als er selbst sein, auch wenn seine sorgfältig zurückgekämmten, dunklen Haare noch keine Spuren von weiß zeigten. Aber sein Gesicht hatte den Ausdruck jener, die von der Bürde ihres Amtes bereits gezeichnet waren. Seine Kleidung war dunkel gehalten, Hemd, Hose, Jacke, Stiefel, ebenso einfach wie seine eigene. Er hatte es also mit niemandem zu tun, der großes Aufheben um sein Erscheinungsbild, und wohl auch nicht um seine Person machte. Das konnte seinem Anliegen nur zugutekommen.


    Während Konstantijn geradewegs auf den Ordo-Xenos-Inquisitor zuschritt und dessen Aufmerksamkeit auf sich zog, schlich Firondhir, wie abgesprochen, aus der Luke der Landefähre und glitt durch den Schatten unterhalb des Flugzeuges. Suchend sah der Weltenwanderer sich um. Zu seinem Verdruss stellte er fest, dass die weite, hell erleuchtete Halle beinahe leer war, als wäre alles, was ihm irgendwie hätte Deckung bieten können, vorsorglich entfernt worden. Die einzige, bescheidene Möglichkeit bot die Kante einer erhöhten Arbeitsplattform.


    Firondhir konzentrierte seine Wahrnehmung auf die Farben und Konturen der Umgebung. Dann schloss er die Augen und rief sich das Gesehene noch einmal ins Bewusstsein. Innerhalb weniger Augenblicke verblasste das tiefe Schwarz seines Mantels und nahm das Weiß und Hellgrau seiner Umgebung an. Dann eilte er in einem raschen Spurt in das dürftige Versteck. Die helle Ausleuchtung und weiße Färbung der Landebucht erschwerte es selbst dem erfahrenen Weltenwanderer, unentdeckt zu bleiben. Wäre sein Mantel nicht in der Lage gewesen, die Farbe seiner Umgebung anzunehmen, wäre es unmöglich gewesen. Reglos verharrte er und nahm die Umgebung in Augenschein. Was er entdeckte, behagte ihm gar nicht.


    »Miermen«, hörte Konstantijn die Stimme des Weltenwanderers in seinem Kopf, »in jedem Ausgang verbergen sich Männer, bewaffnet.«


    »Verstande. Halte dich in Deckung, bis wir die Landebucht verlassen. Dann folge uns so unauffällig wie du kannst.«


    Die letzte Aufforderung ließ den Aeldari sich zu einem spöttischen Lachen hinreißen, das im Geist des Inquisitors nachhallte. Konstantijn lächelte für sich und konzentrierte sich dann wieder ganz auf seinen Gastgeber. Als er ihm gegenüberstand, formte er die Hände zum formellen Gruss mit dem Zeichen des Aquila. »Inquisitor Konstantijn Ruven, Ordo Malleus.«


    Anton erwiderte den Gruss des Aquila. »Inquisitor Anton Kalen. Ordo Xenos.«


    Ungeachtet der Anspannung, die in der Luft lag, reichte Anton Konstantijn freundlich seine Hand, um seinen guten Willen zu bekunden. Der Dämonenjäger erwiderte die Geste und nickte höflich. Sein Händedruck war fest und kraftvoll. Erst jetzt fiel Anton auf, dass der linke Arm des Inquisitors durch sonderbare Bionics ersetzt worden war. Glatte, runde Formen aus einem silbern glänzenden Material bildeten Hand und Unterarm, als handelte es sich um Teile einer leichten Rüstung. Weder Gelenke noch Kabel oder Gestänge waren zu sehen. Die Konstruktion bewegte sich so natürlich mit dem restlichen Körper, als wäre sie schon immer ein Teil davon gewesen.


    Mit Leichtigkeit konnte Anton feststellen, dass es sich bei der Prothese um Eldar-Technologie handelte. Normalerweise hätte diese Tatsache grosse Neugier in ihm geweckt, doch jetzt gefiel sie ihm in Anbetracht der Herkunft ihres Gefangenen ganz und gar nicht. Dass zwischen ihm und dem Auftauchen dieses Inquisitors ein Zusammenhang bestand, war kaum mehr von der Hand zu weisen. War der Ordo-Malleus-Inquisitor ein Verbündeter des gefangenen Eldar? Stand er überhaupt loyal zum Imperium? Dennoch entschied sich Anton, vorerst nichts dergleichen zu erwähnen. Würde er falsch liegen, würde er so mit Sicherheit Aufmerksamkeit erzeugen, auf die er lieber verzichtete.


    »Dieses Schiff wurde durch mich requiriert«, sagte Anton bestimmt, aber ruhig. »Es untersteht somit dem Ordo Xenos. Mein Orden führt hier eine wichtige Untersuchung durch. Leider muss ich Euch den Zutritt verweigern, solltet Ihr keine guten Gründe dafür haben.«


    »Lassen Sie uns weniger formell sein, Inquisitor Kalen«, erwiderte Konstantijn lächelnd. »Ohne Gründe würde ich Ihre Zeit nicht in Anspruch nehmen. Ich will offen zu Ihnen sein, da ich annehme, dass Sie über das, was mich hierherführt, keine Kenntnisse haben oder es Ihre Ermittlungen nicht tangiert.«


    »Uayess eleharmure am?!(1)« fuhr Firondhirs entsetzter Ausruf in seinen Geist. Auch wenn er zwar nicht die Worte, aber den Sinn verstand, blendete Konstantijn ihn aus. Der Mann, der vor ihm stand, war Psioniker, soviel konnte er wahrnehmen. Ob er eine Antwort an den Weltenwanderer bemerken würde, konnte Konstantijn nicht einschätzen.


    »Aber zuvor gestatten Sie mir doch eine Frage«, fuhr er an Kalen gewandt fort. »Ihr Name ist mir nicht fremd. Kann es sein, dass ich einen Bericht über einen Ihrer Einsätze gelesen habe? Ysraal IV, ist das korrekt?«


    Er hatte einen Moment gedauert, bis sein Gedächtnis einen Zusammenhang hergestellt hatte. An mehr als den Namen des Verfassers und den des Planeten konnte er sich allerdings nicht mehr erinnern. Was immer daringestanden haben mochte, der Ordo Malleus dieses Sektors hatte dem seinerzeit offenbar wenig Bedeutung beigemessen. Es war ein gewagter Schachzug, aber vielleicht konnte er so eine Beziehung zu seinem Kollegen aufbauen, bevor er zur Sache kam. Denn sein ursprünglicher Plan, mit der Autorität seines Ordens und unter dem Vorwand, nach verbotenen Artefakten zu fahnden, das Schiff zu durchsuchen, hatte sich in dem Moment zerschlagen, in dem ein anderer Inquisitor anwesend war.


    Und noch etwas unerwartetes geschah. Konstantijn hatte in dem Moment die Hand des Ordo-Xenos-Inquisitors losgelassen, als er den Namen Ysraal ausgesprochen hatte. Doch der Kontakt war noch eng genug gewesen, um die körperliche Reaktion seines Gegenübers auf dieses Wort zu spüren. Sein bis dahin schon rascher Herzschlag beschleunigte sich für eine kurze Zeit noch mehr, die Haut schien feuchter zu werden, als hätte die Erwähnung des Planeten einen noch stärkeren Anstieg des ohnehin schon hohen Stresslevels hervorgerufen.


    Anton brauchte einen Moment, um etwas zu erwidern. Der verächtliche Eldar hatte diese nie richtig verheilte Wunde gerade erst wieder aufgerissen und schon rammte dieser Inquisitor seinen Dolch in sie hinein. Als ob sie sich abgesprochen hätten, ihn zu quälen. Doch sein Wille war stark genug, der offensichtlichen Provokation die Stirn zu bieten. Er versuchte, sich nichts anmerken zu lassen.


    »Ysraal VI, nicht IV. Sie wissen, dass der Planet zerstört wurde? Ich würde zu gerne fragen, was für ein Interesse der Ordo Malleus daran hat. Aber das ist jetzt nicht von Belang.«


    Es fiel Anton schwer, sich zu konzentrieren. Zu viele Gedanken zuckten durch seinen Geist. Als er kurz in den Warp schaute, dachte er für einen Moment, neben der Seelenessenz des Inquisitors noch eine weitere gespürt zu haben. Sein Interesse galt aber Ruven. Im Widerspruch zu seiner Vermutung schien er keine bösen Absichten zu hegen, ja, er schien sogar ehrlich über Antons Abweisende Haltung verwundert.


    Ohne ihm Zeit zu lassen, bezüglich Ysraal VI nachzuhaken, versuchte Anton, das Gespräch zurück zum eigentlichen Thema lenken.


    »Also, nennen Sie mir die Absicht Ihres Besuchs.«


    Es fiel Konstantijn immer noch schwer, sein Gegenüber einzuschätzen. Auf den Anblick seines Phantomkristall-Armes hatte er nicht reagiert. Eigentlich war es leichtsinnig gewesen, ihn vor einem Inquisitor des Ordo Xenos so offen zu zeigen. Kalen konnte ihn nicht übersehen haben und Konstantijn durfte seiner Fachkompetenz zutrauen, die Prothese zumindest als nicht-menschlichen Ursprungs zu identifizieren. Seine Zurückhaltung konnte Hinterlist sein. Andererseits hatte er, als er seine Hand ergriffen hatte, keine körperlichen Reaktionen wahrgenommen, die auf wütende Erregung hinwiesen.


    Stattdessen zeichnete die Erwähnung von Israal VI ein unerwartetes Bild. Der Planet war während Inquisitor Kalens Mission dort vernichtet worden, ein Detail, dass ihm aus dem Missionsbericht entfallen war. Doch wie der Inquisitor darauf reagierte, der körperlich Stress, das ausweichende Verhalten – Konstantijn konnte eins und eins zusammenzählen. Er hatte durch Zufall einen wunden Punkt getroffen, und wahrscheinlich war das noch untertrieben. Ein Mann, der auch Jahre nach dem Ereignis noch so reagierte, konnte keiner jener abgebrühten Psychopathen sein, die in ihrem Beruf zuweilen auftraten.

    Konstantijn wurde eines schlagartig bewusst: dieser Inquisitor war besorgt über seine Anwesenheit, über das, was er möglicherweise hier entdecken konnte. Und er war sich ziemlich sicher, dass es dabei um Margil ging. Nur in welchem Zusammenhang musste er dringend herausfinden, ehe er irgendwelche Schritte machen konnte.


    Er entschloss sich, mit offenen Karten zu spielen, zumindest ein Stück weit. Und wenn der Wille des Gott-Imperators auf seiner, auf ihrer beider Seite war, würden die Angelegenheit ein gutes Ende nehmen.


    »Wie ich sagte, ich will offen sein«, antwortete Konstantijn mit gesenkter Stimme. »Ich weiss, dass auf diesem Schiff ein Weltenwanderer der Aeldari festgehalten wird. Ich möchte ihn wiederhaben.«


    Anton runzelte die Stirn. Woher wusste der Inquisitor von dem Eldar? Wie kam er dazu, ihn als Aeldari zu bezeichnen, entsprach dies doch der Sprache der Xenos. Gewissen imperialen Würdenträger wäre allein das schon Grund genug, eine Untersuchung einzuleiten. Auf jeden Fall war sein Verhalten so unglaublich unvorsichtig, dass es einem Wunder gleichkam, dass er noch nicht als Abtrünniger gebrandmarkt worden war.


    Anton vertraute zwar Emanuel, nicht aber seinen Soldaten. Es war viel zu gefährlich, so offen über Dinge zu sprechen, die streng genommen als Verrat gelten konnten. Als erstes musste er dafür sorgen, dass sie an einem diskreteren Ort miteinander reden konnten.


    »Ehe Sie hier gelandet sind, waren wir gerade dabei, das Nachtmahl einzunehmen«, stellte Anton im Wissen fest, dass Emanuel einen eigenen, vom Rest der Crew vollständig separierten Speiseraum besass. »Lassen Sie uns doch diese… ‚Angelegenheit‘ besprechen. In einer etwas ruhigeren Atmosphäre. Wir können gemeinsam speisen und ergründen, wieso Sie denken, dass sich ein Xenos auf diesem Schiff befindet.«


    »Das halte ich für eine gute Idee «, stimmte Konstantijn zu. »Und ich danke für die Einladung. Gehen Sie nur voran, werter Kollege.«


    Anton war froh, dass der ungewöhnliche Inquisitor einfach so einwilligte. Vielleicht hatte er selbst gemerkt, dass es keine besonders schlaue Idee war, sich so freizügig zu einem äusserst brisanten Thema zu äussern. Trotzdem musste Anton weiter vorsichtig sein. Die ganze Situation schien fast schon surreal. Dieser Mann trat mit einer offenen Ehrlichkeit und Authentizität auf, die Anton im Imperium für völlig verloren hielt. Er hatte zu viel erlebt, um dem Inquisitor das einfach so abzunehmen.


    Der Trupp der Soldaten löste sich auf Befehl Antons hin auf. Der Form halber blieb eine Eskorte aus vier Mann an ihrer Seite, die die beiden Inquisitoren durch das Schiff zur Offiziersmesse begleitete.


    Während sie durch die Korridore wanderten, nahm Konstantijn das Freihändlerschiff in Augenschein. Schon in der Landebucht war ihm der eklatante Unterschied zu imperialen Schiffen aufgefallen. Statt düsterer, kathedralengleichr Pfeiler und Strebebögen aus Stahl, Messingbeschlägen und den allgegenwärtigen Schädelmotiven herrschten hier glatte Formen und helle Farben vor. Offenliegende Leitungen und Getriebe waren nirgendwo zu sehen, jede Technik, die dieses Schiff in Betrieb hielt, was sorgfältig verborgen worden.


    Die Korridore waren weit und hell. Feine Metallarbeiten in Chrom und Gold zierten die Decken. Die Wände wären mit feinsten, leichten Stoffen behangen. Abstrakte Kunstgegenstände wie auch fremdartige Kultobjekte standen auf Sockeln in Wandnischen. Vieles davon mochte nicht-menschlichen Ursprungs sein. Immerhin konnte der geschulte Blick des Inquisitors nichts darunter ausmachen, was mit der Anbetung der Chaosmächte in Zusammenhang stand.

    Was er allerdings bisher ebenso wenig entdeckt hatte, war der Imperiale Adler. Die Bauform imperialer Schiffe war eine Huldigung an den Imperator, der Dienst, den Männer und Frauen auf ihnen leisteten, war Dienst an Ihm. Dieses Schiff schien nicht dem Imperator, sondern dem Luxus und Gewinnstreben seines Besitzers zu huldigen. Auch wenn ihm der Mystizismus des Imperialen Kultes, der sich auf alle Lebensbereiche ausdehnte, zuweilen über das Ziel hinausschoss, ein solcher selbstverherrlichender Prunk war Konstantijn zutiefst zuwider.


    Die Offiziersmesse war ein großzügiger, ebenso prächtig eingerichteter Saal mit hohen Außenfenstern, die den Blick auf die Sterne freigaben. Die gegenüberliegende Wand war mit schweren, reich bestickten Vorhängen verhängt. Im Augenwinkle glaubte Konstantijn, eine der Stoffbahnen sich bewegen zu sehen.


    Inquisitor Kalen führte seinen Kollegen jedoch zu einer hohen, goldbeschlagenen Tür an der anderen Seite des Raumes. Dahinter befand sich ein kleinerer Saal, der doch immer noch die Messen der meisten imperialen Schiffe in den Schatten stellte. Anscheinend handelte es sich um den privaten Speisesaal des Schiffseigners. Die Tafel aus dunklem, poliertem Holz war für vier Personen gedeckt. Es überraschte Konstantijn in keiner Weise mehr, dass das Geschirr aus feinstem, bemaltem Porzellan und ziseliertem Silber bestand. An den Wänden hingen präparierte Tierköpfe allerlei unmöglicher Kreaturen.

    Am Kopfende der Tafel wartete ein dunkelhaariger, junger Mann, gekleidet in eine schwarze, golden verzierte Lederuniform. Eine auffällige weiße Strähne fiel in sein schon fast unnatürlich ebenmäßiges Gesicht. Neben ihm stand ein großes, schlankes Geschöpf von menschenähnlicher, weiblicher Statur, doch mit dem Kopf und der smaragdfarbenen Schuppenhaut eines Reptils. Sie trug ein teures Gewand aus fast transparenten Tüchern.


    »Inquisitor Ruven«, richtete sich Anton an Konstantijn. »Freihändler der Von Drach-Dynastie und Kapitän der Yukikaze, Emanuel Von Drach.« Dabei deutete er auf den jungen Mann.


    »Es ist mir eine Ehre, noch einen Inquisitor auf meinem Schiff begrüssen zu dürfen«, erwiderte Emanuel zynisch, während er das ‚noch‘ besonders betonte.

    Konstantijn reichte dem Freihändler zur Begrüßung die Hand. Den Unterton in seinen Worten hatte er nicht überhört. Das Erscheinungsbild des Kapitäns passte in jeder Hinsicht zu dem seines Schiffes.


    »Die Dame heisst Ashenya«, fuhr Anton fort. »Metahumanoide, Beraterin des Ordo Xenos und wichtiger Teil meines Stabs.«


    Das Alien verbeugte sich höflich.


    Konstantijn wandte sich der Reptiloidin zu und streckte ihr die offene rechte Hand entgegen. Ashenya zögerte einen Moment, ehe sie ihre hineinlegte.

    »Madame«, sagte der Inquisitor und deutet mit einer Verneigung einen Handkuss an. Überrascht zog sie langsam die Hand zurück. »Ein alte Geste meiner Heimatwelt, einer hochgestellte Dame Ehre zu erweisen«, erklärte er.


    Es hatte nicht erst der Berührung der Echsenfrau bedurft, um ihre starke psionische Aura zu spüren. Doch nun war Konstantijn sich vollkommen sicher: dass Kalen sie als Metahumanoide ausgab, musste eine Schutzbehauptung sein. Ihre Ausstrahlung war so fremdartig, wie er es bisher nur von den Aeldari kannte. Im selben Moment war ihm auch klar, dass er vor ihr nichts würde verbergen können. Aber nun war er sich auch über Anton Kalen völlig sicher. Einem Ordo-Xenos-Inquisitor, der ein Alien im Dienst hatte und es vor den imperialen Behörden mit einer Lüge schützte, konnte Konstantijn seine Beziehung zu den Aeldari bedenkenlos offenlegen.


    Entnervt beobachte Emanuel das Verhalten des Neuankömmlings, der offenbar Ashenya zu schmeicheln versuchte. Natürlich war ihm bewusst, dass ihr schlanker, äusserst wohlgeformte Körper in dem teuren und exquisiten Gewand durchaus anziehend wirken konnte. Der Inquisitor sollte sich aber besser nicht einbilden, dass sein Amt hier auf der Yukikaze irgendeine Bedeutung hatte.


    »Nun, was führt Euch zu uns, Inquisitor?«, sagte Emanuel herausfordernd, ehe Ashenya auf die ungewöhnlich elegante Begrüssung reagieren konnte.


    »Er weiss von dem Eldar«, warf Anton trocken ein.


    Emanuel warf seinem Freund einen missbilligenden Blick zu. Dann wandte er sich wieder an Konstantijn. »Das ist mein Schiff. Meine Passagiere gehen den Ordo Malleus nichts an. Ausserdem bin ich ein Von Drach. Ich nehme an, Ihr wisst über unsere hervorragende Stellung. Allein die Vorstellung, irgendetwas mit Dämonen zu tun zu haben, ekelt mich an.«


    Konstantijn lächelte ruhig. Er hielt nichts von vorschnellen Verurteilungen, aber der Charakter dieses Freihändlers schien mehr als fragwürdig.


    »Natürlich, Kapitän«, beschwichtigte er. »Ich kann Ihnen versichern, dass ich keinerlei Vorwürfe dieser Art gegen Sie erheben will. Ich bin ausschließlich daran interessiert, den Aeldari, den Sie hier festhalten, zurückzubekommen.«


    »Es freut mich, euch kennenzulernen, Inquisitor«, erklang eine sanfte Stimme urplötzlich im Geist Konstantijns. »Bitte verzeiht Emanuel. Er ist nicht gut auf die Euren zu sprechen. Aber er ist ein guter Freund.«


    Dass die Xenos-Frau telepathisch kommunizierte, überraschte Konstantijn nicht, zumal er diese Art der Verständigung schon bei den Aeldari kennengelernt hatte. Er hatte noch nie von einer derartigen Spezies gehört, geschweige denn einen Vertreter gesehen. Ihr psionisches Potential stand dem der Weltenschiffbewohner in wenig nach. Anders als jene, schien sie jedoch ein von Natur aus ausgeglichenes Wesen zu haben. Sie könnte eine wertvolle Fürsprecherin in dieser verzwickten Sache sein.


    »Die Freude ist ganz meinerseits, Ashenya«, antwortete er auf die gleiche Weise. »Ich hoffe, ich bin Euch mit meiner Geste nicht zu nahegetreten. Und ich bitte um Verzeihung. Ich bin kein Telepath. Ich kann Euch verstehen und antworten, aber nicht gezielt ansprechen.«


    Fast sofort formte sich Ashenyas Antwort in Konstanijn Geist. »Überhaupt nicht. Es spielt für mich zwar keine Rolle, dass die meisten Menschen meine Erscheinung ablehnen, dennoch bedauere ich es zeitweise. Eure Offenheit gegenüber meiner Art, ehrt Euer Geschlecht. Ich würde mich freuen, Euch näher kennenzulernen, doch warne ich Euch: Inquisitor Kalen zuerst, gefolgt von dem Kapitän. Sie sind meine Freunde. Erhebt ihr gegen eine davon die Hand, erhebt ihr die Hand auch gegen mich.«


    „Ihr habt euren Standpunkt deutlich gemacht, Madame“, antwortete Konstantijn mit einem inneren Lächeln.


    »Dem Xenos mangelt es an nichts…«, hatte Emanuel in inzwischen etwas ruhiger auf die Erklärung Konstantijns erwidert. »Er ist als mein Gast an Bord.«


    »Das ändert nichts«, entgegnete der Inquisitor. »Ein Gast, der Gegen seinen Willen hier ist, ist immer noch ein Gefangener.«


    »Lasst uns speisen und diese Diskussion auf später vertagen«, warf Anton dazwischen, um die Situation zu entspannen. Er war fest entschlossen, es nicht zuzulassen, dass die Lage noch komplizierter wurde.


    Emanuel nickte ihm zustimmend zu. Dann betätigte er einen unauffälligen Druckknopf, der offenbar am Kopf der Tafel, wo Emanuel seinen Platz eingenommen hatte, in die Tischplatte eingelassen war.


    »Bringt die Mahlzeit!«, befahl er schroff. Irgendwo musste sich eine versteckte Voxcaster-Anlage befinden, die wohl mit der Küche verbunden war. Ein unglaublicher Luxus, gemessen an den Schiffen, die sonst im Imperium verbreitet waren.


    Als ob sie nur darauf gewartet hätten, betrat eine ganze Horde an Bediensteten den Raum durch eine kleine, versteckte Türe, die hinter die Verschalung der Schiffswand führte.


    Anton hielt absolut nichts von Emanuels Disziplinarmassnahmen. Er war ein guter Freund und zuvorkommender Gastgeber. Doch als Kapitän zeigte er manchmal eine äusserst brutale, hässliche Seite.


    Die Bediensteten waren – so wusste Anton von früheren Besuchen auf der Yukikaze – Mitglieder der Crew, die gegen die Dienstvorschriften verstossen hatten. Sie trugen allesamt Sprengkragen, wie es bei den Straflegionen üblich war. Die Männer waren in zerlumpte Uniformen gehüllt, während die Frauen, die hauptsächlich Emanuel bedienten, freizügige Kostüme trugen, die aus eng umschliessenden Bändern und goldenen, klauenartigen Zwischenstücken bestanden. Die Kleider, die mehr Haut präsentierten, als sie verbargen, waren so eng, dass die Bänder und Metallteile sich etwa einen Fingerbreit tief in den Körper drückten.


    Diese Art der Bestrafung, die im Grunde der Sklaverei gleichkam, schien Anton übertrieben unmenschlich. Er hatte Emanuel bereits mehrmals überzeugen wollen, von dieser Praxis abzusehen, doch weigerte sich sein Freund energisch und verwies auf die Notwendigkeit, die Disziplin der Crew um jeden Preis sicherzustellen. Ein Argument, dass Anton als ehemaliger Schüler der Schola Progenium zumindest teilweise nachvollziehen konnte.


    Die rund ein Dutzend Frauen und Männer servierten eine unglaubliche Fülle an exotischen und wohlriechenden Köstlichkeiten. Verschwenderische Mengen an nur leicht angebratenem Fleisch füllten mehrere grosse Messingschalen, während eine Vielzahl von reich verzierten Etageren mit Obst und Früchten in den unwahrscheinlichsten Farben und Formen gefüllt wurden. Verschiedene, mit grösster Sorgfalt zubereitete Meereswesen dienten sowohl farblich als auch geschmacklich als Abwechslung. Es war offensichtlich, dass die Delikatessen aus allen Ecken des Imperiums zusammengetragen wurden. Anton war sich sicher, dass einige der Gerichte aus der Küche verschiedener Xenos-Völker stammten.


    Es versetzte Konstantijn einen leichten Schrecken, als er Von Drachs Dienerschar sah. Sklaverei war ihm nicht fremd, in den Chaoskulten, gegen die er vorging, war sie öfter die Regel als die Ausnahme und er hatte schon die abscheulichsten Formen der Misshandlungen gesehen. Und dass sie auch in der Oberschicht mancher imperialen Welten vorkam, war ihm bekannt. Tatsächlich hatte auch seine Heimatwelt in dieser Hinsicht eine unrühmliche Vergangenheit, in der Zeit vor dem Erscheinen des Imperators. Selten hatte er jedoch erlebt, dass ein Mensch seinesgleichen so erniedrigend behandelte, wie dieser Freihändler es tat. Bisher hatte er sich noch zurückgehalten, sich nur Aufgrund seiner eigenen Werteschätzung der Bescheidenheit ein Urteil über diesen Mann zu bilden, doch nun war er sich sicher, dass Emanuel Von Drach nichts weiter als verabscheuungswürdig war.


    »Lasst uns all die Geschenke unserer Galaxie geniessen, werte Gäste«, sprach Emanuel in die Runde und hob sein Glas, gefüllt mit edelstem argossischem Wein. »Auf das Leben, die Freude am Leben und die Liebe zum Leben!«


    Anton hätte am liebsten sein Gesicht verzogen. Er freute sich zwar jedes Mal, Zeit auf der Yukikaze zu verbringen, gelang es Emanuel doch problemlos, etwas Ablenkung von der grausamen Realität des Imperiums zu schaffen. Er hatte seinem Freund aber Bewusst verschwiegen, was für eine düstere Bedrohung womöglich im Inneren unzähliger Planeten lauerte. Angesichts dieser Aussicht schien der Trinkspruch wahrlich falsch gewählt.


    »Auf das Leben«, pflichtete er dennoch bei, wenn auch wenig überzeugend. Er würde versuchen, seinen Freund so gut wie möglich von den Angelegenheiten der Inquisition fernzuhalten. Es reichte, dass seine Amtskollegen und er diese Bürde tragen mussten, die schrecklichsten Bedrohungen für die menschliche Zivilisation zu kennen.


    Ashenya hob das Glas, sagte aber nichts. Sie sprach die gotische Sprache nicht gerne vor Fremden.


    »Auf dich!«, prostete Anton ihr telepathisch zu. Sie antwortete umgehend.


    »Auf unsere gemeinsame Zeit!«


    Konstantijn ergriff das sündhaft teure Kristallglas, hob es nur leicht an und nickte seinem Gastgeber kurz wortlos zu. Dann stellte er es unangerührt ab.

    Anton liess seinen Blick über die üppigen Gerichte schweifen. Er nahm sich etwas Timbra-Ziege. Das olivgrüne Fleisch war relativ schwer zu bekommen, schmeckte ihm aber aussergewöhnlich gut. Des Weiteren bediente er sich an der grossen Auswahl exotischer Früchte, von denen er völlig unvoreingenommen einfach ein paar auf seinen Teller nahm, ohne genau zu wissen, auf was er sich einliess.


    »Anton, kennst du schon Navielle-Festmilch?«, wandte sich Emanuel an seinen Freund. »Ich habe diese erst kürzlich entdeckt, als ich auf Bezeers war. Eine wahrhaftige Köstlichkeit!«


    Anton entschied sich, dem Rat seines Freundes zu folgen und liess sich von Emanuel ein Stück davon geben. Es war ein dreieckiges Stück Weichkäse, dass mit grünen Punkten übersäht war. Der Geschmack war intensiv würzig und hatte eine saure Note, passte aber perfekt zur Timbra-Ziege.


    Ashenya war noch immer still. Anton hoffte, dass sie sich trotz Inquisitor Ruven dazu durchringen konnte, etwas zu plaudern. Sie war sehr zurückhaltend und nahm sich jeweils nur kleinste Portionen auf den Teller, was daran lag, dass die Quarr’va viel Wert auf Zurückhaltung und Genügsamkeit legten. Die wenigen Fleischstückchen verschlang sie dafür umso genüsslicher.


    Beinahe widerte es Konstantijn an, auch nur das geringste von den in dekadentem Überfluss dargebotenen Speisen anzunehmen. Aber er überwand sich, zumindest der Höflichkeit eines Gastes Genüge zu tun und entschied sich für etwas, das zumindest dem Anschein nach gebratener Fisch zu sein schien, und ergänzte es mit jeder Art Gemüse, die er in der Auswahl finde konnte und noch in seiner ursprünglichen Form erkennbar war.


    Eine ganze Weile war so schon mit belanglosem Geplauder vergangen, aus dem Konstantijn sich herausgehalten hatte, als Emanuel seinen neuen Gast ansprach: »Inquisitor Ruven, wie kommt es, dass Ihr meinem Schiff auflauert? Weshalb interessiert Ihr euch für meinen fremdartigen Gast?«


    »Sie müssten doch wissen, Herr Von Drach, mein Amt stellt mir beinahe unbegrenzte Mittel zur Verfügung«, erwiderte dieser. »Ich bin schlicht Ihrem Schiff gefolgt, nachdem Sie den Aeldari verschleppt haben. Was mein Interesse an dem Mann angeht…«


    Konstantijn zögerte einen Moment. Anton schien das Herz am rechten Fleck zu haben, aber der Kapitän der Yukikaze war offensichtlich höchst unmoralisch und durchtrieben. Es schien nicht unbedingt klug, ihm zu viel von seiner Verbindung zu den Aeldari zu erzählen.


    »…setze ich ihn als Agent für den Ordo Malleus ein. Wie Sie sicherlich wissen, übersteigt die Fähigkeit der Aeldari-Weltenwanderer, zu infiltrieren und Informationen zu sammeln, die fast jeder anderen Spezies.«


    »Wenn er für Sie arbeitet, wie kommt es dann, dass er mir gegenüber jegliche Aussage verweigert und zu allem anderen die Menschheit blasphemisch herabsetzt?«, warf Anton ein, der ebenso scharf auf eine Antwort war, wenn auch aus anderen Gründen als Emanuel.


    »Die Antwort liegt auf der Hand, Inquisitor Kalen. Die Aeldari haben kein Interesse an der Menschheit. Aber an ihren Feinden. Und ihren Freunden. Wir müssen uns nichts vormachen. Sie haben einen Xenos in ihrem engsten Umfeld. Ihr Ordo dürfte das noch kritischer sehen als meiner, und trotzdem setzen Sie sich darüber hinweg. Sie werden Ihre Gründe haben, und die hinterfrage ich nicht. Aber Sie dürften verstehen, dass auch ich meine Gründe habe, genauso zu handeln. Dieser Weltenwanderer stand in meinen Diensten, als Ihre Leute ihn gefangengenommen haben. Deswegen habe ich Verantwortung für ihn, so wie Sie Verantwortung für ihre Mitarbeiter übernehmen.«


    Anton war etwas überrascht, dass Inquisitor Ruven die Lüge, Ashenya sei ein simpler Mutant, so schnell durchschaute. Da er aber scheinbar engeren Umgang mit den Eldar pflegte, musste er wohl ein Gespür dafür haben.


    »Sie sind äusserst offenherzig, Inquisitor Ruven. Ich schätze aber, dass Sie nicht vorschnell verurteilen. Dennoch: Sie wissen nicht, was hier auf dem Spiel steht. Der Eldar verfügt über Informationen, die für das Wohl der Menschheit von grösstem Wert sind. Solange er sich weigert, zu kooperieren, muss ich darauf bestehen, ihn festzuhalten.«


    Das Gespräch würde früher oder später zurück auf Ysraal VI fallen. Es war womöglich ein banaler, ja, fast schon kindischer Wunsch, doch wollte Anton das vorzügliche Essen noch einen Moment sorgenfrei geniessen. Aufgrund dessen entschied er sich, das unvermeidbare etwas hinauszuzögern.


    »Wie gelingt es Ihnen überhaupt, mit den Eldar zusammenzuarbeiten? Im Gegensatz zu meiner geschätzten Ashenya sind sie äusserst… unfreundlich.«


    Konstantijn dachte einen Moment lang nach. Unwillkürlich strichen die Finger seiner rechte Hand über die Aquila-Rune auf der linken Handfläche.

    »Wie gesagt, sie interessieren sich weder für Menschen noch für Titel und Ämter. Aber ein einzelner kann sich in ihren Augen als würdig erweisen.«


    Wäre der widerwärtige Freihändler nicht im Raum gewesen, Konstantijn hätte Anton weitaus mehr offenbart. Er hatte eine offene Antwort verdient. Mehr und mehr erwuchs in ihm eine Ahnung, warum Kalen einerseits so verbissen in das Thema war, andererseits dem Kern, worum es ihm tatsächlich ging, immer wieder auswich.


    »Und Sie haben sich als würdig erwiesen?«, fragte Anton und lenkte das Gespräch wieder von dem gefangenen Weltenwanderer ab. »Sie kennen also die Kultur und Anschauung der Eldar? Solches Wissen wäre nicht nur für den Ordo Xenos von grossem Interesse, sondern ganz speziell auch für mich.«


    »Es hat wenig mit Kultur zu tun. Die Kultur der Aeldari kann uns nur fremd bleiben. Sie sind zu andersartig. Soweit ich es erfahren habe, ist es das Handeln, das zählt. Zumindest soweit es uns betrifft. Ob es ihr Wohlwollen findet, ihren Interessen nützt, oder nicht. Und in glücklichen Fällen sind unsere Interessen die gleichen.«


    »Ich fürchte, in dieser Angelegenheit sind die Interessen ausschließlich auf unserer Seite, Inquisitor Ruven«, warf Anton ein. »Und ich nehme doch an, das Interesse des Imperiums steht auch für Sie vor den Interessen der Eldar.«


    Auch wenn Konstantijn Ruven wohl ein guter Mann zu sein schien, war seine Beziehung zu den Eldar verdächtig eng. Er selbst war immer noch ein Inquisitor des Ordo Xenos und seine Toleranz gegenüber Aliens endete dort, wo die Menschheit in Gefahr geriet. Jeder, der diese Schwelle überschritt, kam einem Verräter gleich. Anderseits konnte dieser Ruven über genau den Einfluss auf den Eldar verfügen, den er dringend benötigte.


    »Ich bin zu einem Kompromiss bereit«, sagte er schließlich. »Doch die Interessen der Inquisition müssen dabei an erster Stelle stehen. Ich werde den Eldar morgen verhören. Ich würde ihm Ihre Anwesenheit mitteilen, und dass er gehen kann, falls er redet. Sollte ich erfahren, was für meine Mission notwendig ist, können Sie den Eldar mitnehmen und in aller Freundschaft gehen. Ausserdem garantiere ich Ihnen, dass der Ordo Xenos absolut nichts über Ihre Verbindung zu den Eldar erfahren wird.«


    Die unterschwellige Drohung, die Anton ausgesprochen hatte, irritierte Konstantijn. Er war sich bewusst, dass er auf einem schmalen Grat wandelte. Dass Kalen in Sachen Xenos aber buchstäblich im Glashaus saß, schien ihm in der Hitze des Gesprächs entfallen zu sein. Trotzdem entschied er, darauf ebenso wenig einzugehen wie auf die Infragestellung seiner Loyalität. Er sah das eigentliche Problem ohnehin längst an anderer Stelle.


    »Inquisitor Kalen, ist Ihnen jemals in den Sinn gekommen, dass der Weltenwanderer überhaupt nichts von dem weiss, was sie von ihm wissen wollen? Über zwei Dinge könnte er Ihnen Auskunft geben: über sein Weltenschiff und über unsere gemeinsamen Angelegenheiten. Über letzteres würde er nur auf meine Anweisung sprechen, und das sind Dinge, die, mit Verlaub, Sie nichts angehen. Und zum ersten könnte nichts in der Welt ihn bewegen. Was gedenken Sie in diesem Fall zu tun?«


    »Er weiss mehr, als er zugeben will!« gab Anton erregt zurück. »Ich bearbeite einen Fall, der noch weiter als Ysraal zurück liegt. Die Eldar hatten bereits Kontakt mit meinem Orden, und der Weltenwanderer wusste davon. Wenn er keine Details kennt, muss ich mit einem Eldar sprechen, der dies tut!«


    Konstantijn versuchte sich zu erinnern, ob Firondhir oder die Dainnar schon einmal irgendetwas in dieser Richtung erwähnt hatten. Trotz ihrer Freundschaft behielten die Aeldari doch mehr für sich, als sie mit ihm teilten. Aber vielleicht schien es ihnen bisher auch nicht wichtig gewesen zu sein. In diesem Moment hätte er selbst gerne Margil oder Firondhir danach gefragt.


    »Warum sagen Sie mir nicht einfach, um was für eine Sache es genau geht? Sie würdigen meine Offenheit. Bringen Sie mir die gleiche entgegen und ich kann ihnen vielleicht weiterhelfen.«


    »Es geht um eine Gefahr für die Menschheit. Genügt Ihnen das nicht als Grund?« gab der Ordo-Xenos-Inquisitor zurück. »Wenn die Eldar mehr darüber wissen, muss ich davon erfahren. Verschaffen Sie mir Kontakt zu den Eldar, damit ich diese Informationen erhalte. Das ist ihre Pflicht als Inquisitor!«


    Konstantijn seufzte. »Direktem Kontakt mit einem Fremden werden sie nicht zustimmen. Ich kann den Weltenwanderer…«


    »Dann bleibt der Weltenwanderer hier. Eine sichere Informationsquelle gebe ich nicht für eine vage Aussicht aus der Hand. Es steht zu viel auf dem Spiel.«


    Nun verlor Konstantijn die Geduld. »Inquisitor Kalen, Sie sagen, es geht um eine Gefahr für die Menschheit. Darum geht es in unserem Beruf immer. Mir scheint, in dieser speziellen Angelegenheit geht es aber um noch etwas ganz anderes. Es geht um Ysraal VI. Und es geht um Sie, um ihren Anteil daran, und wie Sie damit fertig werden. Sie stellen meine Loyalität in Frage? Hinterfragen Sie zuerst Ihre eigene Motivation!«


    Anton geriet beinahe außer sich. »Meine Motivation? Mein ganzes Leben diene ich dem Imperium, trotz all dessen Unzulänglichkeiten! Meine Motivation ist der Schutz der Menschheit – nicht, einem Xenos- Volk zu gefallen und dessen Interessen zu schützen!«


    Die Stimmung war zum Zerreissen angespannt. Emanuel war es eigentlich egal, denn er hatte nicht vor, den gefangenen Eldar an diesen Dämonenjäger auszuliefern. Was ihn störte, war der entspannte Abend, der der hitzigen Diskussion geopfert wurde.


    »Der Xenos ist noch immer mein Gast. Wenn Anton ihn benötigt - der Ordo Xenos ihn benötigt - lasse ich nicht zu, dass Ihr ihn bekommt.« warf er ein, um dem Streitgespräch Einhalt zu bieten. »Doch bitte, hört auf. Ein genüssliches Nachtmahl sollte nicht ausschliesslich aus solchen ernsten Besprechungen bestehen. Ich habe eine kleine Unterhaltung vorbereitet…«




    (1) Ual yess elehar amure am? - Sinngemäß: Hast du den Verstand verloren?